Baden bei Wien, Stadttheater Baden, Show Boat – Musical – Jerome Kerns, IOCO Kritik, 05.03.2019

März 5, 2019 by  
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Bühne Baden

Baden bei Wien Stadttheater © IOCO

Baden bei Wien – Das Stadttheater am Abend © IOCO – Kultur im Netz

 Show Boat  –  Das Leben in Mississippi um 1900

– Schwarze Schiffsarbeiter und weiße Künstlertruppe auf der Cotton Blossom –

von Marcus Haimerl

Das klassische Musical Show Boat mit der Musik von Jerome Kerns und den Texten von Oscar Hammerstein II war die neue Premiere unter dem Motto Freiheit und Gefangenschaft, welches die aktuelle Saison in Baden thematisch umrahmt. Mit der Umsetzung dieses Werkes gelang der Bühne Baden ein beachtlicher Kraftakt. Bereits die Autorin des Romans, Edna Ferber, hielt die Umformung ihres Romans, einem Familienepos, dramaturgisch gesehen nicht geeignet, als Musical auf der Bühne bestehen zu können. Trotz seiner Begeisterung für das Textbuch hatte der Produzent Florenz Ziegfeld, an dessen berühmten Ziegfeld Theatre in New York das Musical 1927 seine Uraufführung feierte, Bedenken das Stück auf die Bühne zu bringen. Noch während sich Aufführung fürchtete er, dass es sich um eine Fehlinvestition handelt. Letztendlich wurde Show Boat eines der größten Erfolge seiner Karriere.

Fast 40 Jahre und die unterschiedlichsten Orte deckt die Handlung ebenso ab, wie ethnische Konflikte, Eheprobleme und das Leben von schwarzen Schiffsarbeitern und einer weißen Künstlertruppe. Es beginnt im Jahr 1890 in Natchez, im US-Bundesstaat Mississippi. Mit viel Glamour werden die Stars und Aufführungen der Cotton Blossom, einem Theaterschiff, für die kommenden Tage beworben. Als der Sheriff von Natchez herausfindet, dass der Star der Truppe, Julie LaVerne, einen schwarzen und weißen Elternteil hat, müssen sie und ihr weißer Ehemann Steve Baker das Schiff verlassen. Da gemischte Ehen im Bundesstaat Mississippi verboten sind, schneidet sich ihr Ehemann Julie in den Finger und leckt das Blut ab, damit nun auch er einen Tropfen schwarzen Blutes in sich habe und die Ehe somit nicht unrechtmäßig sei.

Stadttheater Baden / Show Boat - hier :  Benjamin Plautz als Frank Schultz, Verena Barth-Jurca als  Ellie May Chipley,  Ensemble © Christian Husar

Stadttheater Baden / Show Boat – hier : Benjamin Plautz als Frank Schultz, Verena Barth-Jurca als  Ellie May Chipley, Ensemble © Christian Husar

Um die Aufführungen retten zu können, übernimmt Magnolia, die Tochter des Kapitäns die Rolle von Julie zusammen mit dem attraktiven Glücksspieler Gaylord Ravenal, welcher die Rolle von Steve Baker übernimmt. Das Schicksal nimmt seinen Lauf als die beiden sich ineinander verlieben, heiraten und die Cotton Blossom verlassen, um in Chicago zu leben. Anlässlich der Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893 besuchen Kapitän Andy und seine Frau Parthy, Magnolias Eltern, das Ehepaar. Zu Recht ist Parthy immer noch skeptisch gegenüber Gaylord, denn seine Spielsucht findet kein Ende. Als der Schuldenberg unüberschaubar wird, verlässt er Magnolia und die gemeinsame Tochter Kim. Genau zu diesem Zeitpunkt treffen zwei alte Freunde aus der Künstlergruppe der Cotton Blossom, Frank und Ellie ein.

Das Buffo-Paar, mittlerweile erfolgreiche Vaudeville Stars, hilft ihr in ihrer Not, indem es Kontakt zum Trocadero herstellen, wo sie sich um eine Anstellung als Sängerin bewirbt, die noch die inzwischen zur Alkoholikerin gewordene Julie LaVerne innehat. Diese erkennt Magnolia beim Vorsingen und verschwindet ihr zuliebe. Am Silvesterabend hat Magnolia ihr Debüt, das Kapitän Andy durch sein Vertrauen in seine Tochter retten kann. 1927 sind Magnolia und ihre Tochter Kim erfolgreiche Sängerinnen. Kapitän Andy trifft zufällig auf Gaylord Ravenal und möchte versuchen ihn wieder mit seiner Tochter zusammenzubringen. Es kommt zu einem Wiedersehen; ob das Paar die Jahre der Trennung vergessen kann, bleibt in Baden offen. Im Hintergrund dieser Haupthandlung wird auch die Geschichte des Schiffsarbeiters Joe und seiner Frau Queenie, der Köchin der Cotton Blossom, erzählt, die sich in einer von Weißen dominierten Welt abschuften und wie der Ol’Man River Mississippi alles erdulden. So wie der Fluss stetig dahinfließt, als würde nichts geschehen in der Welt, verleben die beiden einen Tag wie den anderen.

Stadttheater Baden / Show Boat - hier :  Nicolas Huart, Valerie Luksch, Benjamin Plautz, Florian Fetterle © Christian Husar

Stadttheater Baden / Show Boat – hier : Nicolas Huart, Valerie Luksch, Benjamin Plautz, Florian Fetterle © Christian Husar

Die Regie übernahm der Hausherr Michael Lakner selbst, der sich knapp eineinhalb Jahre mit dem Stoff beschäftigt hat.  In der klassischen Ausstattung von Monika Biegler entfaltet sich das Südstaatenepos in schönster Breite. Die Ausstattung ist ebenso ansprechend wie praktikabel. Die Cotton Blossom lässt sich in der Länge teilen und dient zugleich als Stiegenhaus oder als Pavillons der Weltausstellung. Großartige Lichteffekte vermitteln das Spiegeln des Wassers auf dem abendlichen Mississippi und die in die damalige Zeit passenden Kostüme runden das Bild perfekt ab. Die deutsche Fassung des Stücks stammt von Frank Thannhäuser.

Am eigentlichen Happy End hat Michael Lakner jedoch seine Zweifel, wie er im Programmheft erläutert: „Dass Magnolia nach so langer Zeit Ravenal verzeiht und ihn wieder bei sich aufnimmt, nachdem er sie 23 Jahre davor sitzengelassen hat, ist sicher dem Publikumsgeschmack geschuldet, halte ich aber für die fantastische Klimax einer fary tale. Deswegen bleibt in meiner Interpretation offen, ob die beiden wieder zueinander finden und ihren Lebensabend gemeinsam verbringen werden. Sie sprechen den gleichen Text wie zu Beginn des Stücks beim Kennenlernen, haben auch die gleiche Position auf der Bühne. Der Zuschauer mag für sich entscheiden, ob es ein happy end für die beiden gibt.“

Stadttheater Baden / Show Boat - hier :  Thomas Weinhappel als Gaylord Ravenal © Christian Husar

Stadttheater Baden / Show Boat – hier : Thomas Weinhappel als Gaylord Ravenal © Christian Husar

Auch die Besetzung dieses Südstaatenepos’ ist erstklassig gewählt: Valerie Luksch als Magnolia entwickelt sich glaubwürdig vom verliebten Teenager zur selbstbestimmten Frau und punktet mit ihrem schönen, klaren Sopran. Thomas Weinhappel als ihr Gatte Gaylord Ravenal ist, nicht nur optisch, das Ideal eines Südstaaten Beaus. Mit seinem ausdruckskräftigen Bariton und hochkarätigem Schauspiel beeindruckt er an vielen Stellen nachhaltig. Ganz besonders in der Abschiedsszene im St. Agatha-Stift gelingt es ihm, das Publikum zu Tränen zu rühren, als er herzzerreißend von seiner Tochter (reizend dargestellt von der zwölfjährigen Alina Laura Foltyn) Abschied nimmt.

Auch das vielversprechende Stimmmaterial der gebürtigen Luxemburgerin Jil Clesse trägt zum Erfolg der Produktion maßgeblich bei. Sie ist als Julie LaVerne geradezu optimal besetzt. Mit ihrem großen Hit „Can’t help lovin‘ that man“ überzeugt sie ebenso, wie als ein dem Alkohol verfallener Star. Eine beeindruckende Leistung auch von Benjamin Plautz als Frank Schultz, dem männlichen Teil des secondary couple, der vor allem durch seine tänzerischen Leistungen besonders positiv auffällt. Mit dem amerikanischen Bass Zelotes Edmund Toliver liegt auch die Partie des Schiffsarbeiters Joe in besten Händen. Mit großem, schwerem Bass begeistert er das Publikum mit dem eigentlichen Hit „Ol’Man River“. Großartig auch die kleineren Partien wie Beppo Binder als Kapitän Andy Hawkes, Uschi Plautz als seine resche Gattin Parthy Ann Hawkes, Terja Diava als Schiffsköchin Queenie, Thomas Weissengruber als Steve Baker oder Verena Barth-Jurca als Soubrette Ellie May Chipley.

Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Chefdirigenten Franz Josef Breznik . Er sorgt mit dem Orchester der Bühne Baden für eine gehörige Portion Gefühl und große Broadwayklänge. Gemessen an der Begeisterung des Publikums hat die Bühne Baden mit Show Boat einen Hit gelandet, der zum ständigen Bestandteil des Repertoires werden sollte.

Show Boat im Stadttheater Baden; die weiteren Vorstellungen 8.3.; 9.3.; 10.3.; 16.3.; 17.3.; 21.3.2019 und mehr

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Hamburg, Ohnsorg-Theater, Musical Hallo Dolly – auf Plattdüütsch, IOCO Kritik, 12.06.2018

Juni 12, 2018 by  
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Das Ohnsorg Theater in Hamburg © Jutta Schwoebel

Das Ohnsorg Theater in Hamburg © Jutta Schwoebel

Ohnsorg Theater

HALLO DOLLY – Musical auf Plattdüütsch

Großes Kino auf kleiner Bühne

Von Sebastian Siercke

Hach; schade, dass ich kein Plattdeutsch kann. Verstehen kann ich es ja, aber sprechen und schreiben leider nicht. Daher muss ich die folgenden Zeilen in profanem Hochdeutsch verfassen.

Am 27.5.2018 gab es in Hamburgs geliebtem Ohnsorg-Theater die umjubelte Premiere des Broadway-Klassikers Hello Dolly. Hier allerdings als Hallo Dolly, denn man spielte nicht die Geschichte der New Yorker „Matchmakerin“ Dolly Levi, die sich den Getreidehändler Horace Vandergelder aus dem fernen Yonkers angelt, sondern die, der Dolly Gellinger Meyer Wwe. aus Hamburg, die es auf den Futtermittel & Körnerhandlungsbesitzer Roland van der Gelder aus dem nicht minder fernen Soltau in der Heide abgesehen hat.

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Ensemble © Oliver Fantitsch

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Ensemble © Oliver Fantitsch

In den etwas nostalgischen Bühnenbilder von Katrin Reimers, und der Inszenierung von Frank Thannhäuser, der auch die Kostüme entwarf, spielte und sang das Ensemble des Hauses, ergänzt von einigen Gästen, schlicht hinreißend.

Allen voran natürlich als Titelheldin Dolly Gellinger  Sandra Keck. Also durchaus resolute Heirats-und-Sonstiges-Vermittlerin angelt sie sich sehr zielstrebig den grantigen Landhändler Roland, gespielt von Till Huster. Eigentlich kein Wunder, dass er ihr letztlich doch verfällt, spielt sie es doch so überzeugend und singt mit  großer, kräftiger Stimme diese nicht einfache Partie, dass man das Vorbild aus dem Hollywood-Film sofort vergisst. Selbst eine echte Showtreppe hat man für sie im „Harmonia-Goorn“ aufgebaut, auf der sie dann den Auftritt mit dem Titelsong zelebrieren kann. Aus der Rolle des „Oberverkäufers“ Cornelius Hackel machte Christian Richard Bauer die zweite Hauptrolle des Abends. Das Publikum schmolz dahin als er mit baritonalem Tenor mit  „Dat duurt nur een Momang lang“ dem Richter seine Liebe zur Hutladenbesitzerin Irene Möller gestand. Irene, hervorragend gespielt, getanzt und gesungen von Christin Deuker, die ja eigentlich mit dem Soltauer verkuppelt werden sollte, überlässt diesen nur zu gern Dolly um mit Cornelius glücklich zu werden. Markus Gillich und Tanja Bahmani waren als das Buffo-Paar Barnabas Wacker und Minna Frei dabei , das vierte Paar bildeten Luisa Rhöse als Rolands Nichte Irmgard und Erkki Frei als deren Zukünftiger Albert Kemper, die sich dann alle zusammen in den verschiedenen Separees des Speise- und Tanzlokals tummelten, ballettreife Showtänze und einen Evergreen nach dem anderen dem jubelnden Publikum präsentierten. Von Beate Kiupel, die als Heiratskandidatin Ernestine Godegeld mit von der Partie war, hätte man zu gerne noch ein weiteres Wagnerstück gehört, außer dem kurzen Hojotoho, lässt sie doch doch dem Kapellmeister ausrichten: „He schall mi watt von Wogner speelen.“

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Sandra Keck als Dolly © Sinje Hasheider

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Sandra Keck als Dolly © Sinje Hasheider

Wer also in Hamburg mal einen amüsanten und äußerst kurzweiligen Abend erleben möchte, dem sei die Produktion wärmstens ans Herz gelegt. Man verlässt das große Hamburger Traditionstheater, das Ohnsorg-Theater, mit einem breiten, nicht enden wollenden Lächeln auf dem Gesicht. Man sollte allerdings wissen, dass nicht in dem aus den Fernsehproduktionen bekannten Hamburger „Missingsch“ gespielt wird, sondern wirklich auf Plattdüütsch.

Aber keine Angst vor der Fremdsprache, einer italienischen La Boheme und selbst einer tschechischen Jenufa kann man ja auch problemlos folgen, wenn es denn gut auf die Bühne gebracht wurde, und „Gut“ ist für diese Hallo Dolly-Aufführung weit untertrieben!
Also: nix wie hin, es lohnt sich!

Hallo Dolly am Ohnsorg-Theater Hamburg; weitere Vorstellungen 12.6.; 15.6.; 16.6.; 17.6.; 19.6.; 20.6.2018 und mehr…

—| IOCO Kritik Ohnsorg Theater Hamburg |—