Münster, Theater Münster, Spielplan 2020/21 – Die Walküre, Julius Caesar .., IOCO Aktuell, 11.04.2020

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

2020/21 Theater Münster : Verführerisches in allen Sparten

von Hanns Butterhof

Das Coronavirus hat auch das Theater Münster erreicht, das deshalb mindestens bis zum 19.4. einschließlich geschlossen bleibt. Prominentestes Corona-Opfer sind die Musica Sacra, die auf Pfingsten 2022 verschoben sind. Ob der Spielplan am 20.4. überhaupt wieder aufgenommen wird und die fast vollständig zur Premierenreife gebrachten Stücke wie Kleists Prinz Friedrich von Homburg noch im letzten Monat dieser Spielzeit aufgeführt oder in die neue Spielzeit verschoben werden, steht Stand heute, 6.4.2020, noch nicht fest ;IOCO wird aktuell über die weitere Entwicklung berichten.

Am Spielplan für die kommende Spielzeit 2020/21 soll festgehalten werden……

Zwei Besonderheiten prägten die Spielplan-Vorstellung für die Spielzeit 2020/21 am Theater Münster: Die erste, dass Marielle Murphy, am Klavier begleite von Stefan Veselka, mit einer Arie aus Leonard Bernsteins Oper Candide schon auf das kommende Opernprogramm einstimmte und dabei die Fähigkeiten der Presseleute zum geduldigen Zuhören austestete. Die zweite bestand darin, dass das Programm nicht nach Sparten getrennt, sondern in chronologischer Abfolge vorgestellt wurde. Damit sollte teils stolz, teils doch etwas larmoyant auf die Mühen verwiesen werden, die es macht, einen solchen Spielplan zu entwerfen, und auf die Bezüge hinweisen, die sich zwischen den Sparten ergeben. So gibt es etwa im Musiktheater ein Preußisches Märchen von Boris Blacher, den man mit „Concertante Musik op.10“ im 5. Sinfoniekonzert wiederfindet. Und wer in Richard Wagners Walküre genau hingehört hat, darf sich im 7. Sinfoniekonzert auf einen Widerhall in Schostakowitschs Symphonie Nr. 15 A-Dur op.141 freuen.

Theater Münster / Das Leitungsteam vl. Intendant Dr.Ulrich Peters, Tanztheater: Hans Henning Paar, Schauspiel Frank Behnke, Oper: Susanne Ablaß, Jugendtheater-Dramaturgin Monika Kosik, Verwaltung: Rita Feldmann: GMD Golo Berg © Hanns Butterhof

Theater Münster / Das Leitungsteam vl. Intendant Dr.Ulrich Peters, Tanztheater: Hans Henning Paar, Schauspiel Frank Behnke, Oper: Susanne Ablaß, Jugendtheater-Dramaturgin Monika Kosik, Verwaltung: Rita Feldmann: GMD Golo Berg © Hanns Butterhof

Ein durchgängiges Motto gibt es auch für die Spielzeit 2020/21 nicht; ein paar Schwerpunkte zeichnen sich doch ab. So ist das Schauspiel, wie Schauspieldirektor Frank Behnke erläutert, recht aktuell politisch orientiert. Dafür stehen Stücke wie Shakespeares Julius Caesar, das mit dem Text Die Politiker von Wolfram Lotz konfrontiert wird, oder Heinar Kipphards Bruder Eichmann, zu dem Lukas Hammerstein neue, aktuelle Analogie-Szenen verfassen wird. Geplant ist auch ein neues Stück von Annalena und Konstantin Küspert, die sich nach dem Reichsbürger und dem schwachen Bundesbürger dann dem Mitbürger widmen sollen.

Schwergewichte wie Goethes Faust, Tschechows Die Möwe und Storms Der Schimmelreiter in einer Bearbeitung des unermüdlich bearbeitenden John von Düffel zielen auf ein sich breitmachendes Endzeitgefühl.

Auch die Komödie kommt nicht ganz zu kurz: Felicia Zeller zeigt in Der Fiskus den normalen Wahnsinn einer deutschen Bürokratie, den man ihr gerne, aber nicht unbesehen glaubt.

Schwergewichtiges hat auch das Musiktheater zu bieten, ganz obenauf Wagners Die Walküre als Bruchstück des Ring des Nibelungen, wegen ihrer musikalischen Qualität, wie Operndirektorin Susanne Ablaß, und des kleinen Etats wegen als Solitär, wie Verwaltungsdirektorin Rita Feldmann erläutern. Donizettis Lucia di Lammermoor gehört noch in diese Kategorie, und Überraschendes bietet sich mit der Comic Operetta Candide von Leonard Bernstein, der Ballettoper Preußisches Märchen, in der man aber nicht unbedingt Ballett erwarten muss, und der Ausgrabung der Musikalischen Tragödie Argenore der Wilhelmine von Bayreuth, die sich darin ihr Leiden unter ihrem Vater, dem „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I., von der Seele komponiert haben könnte – die schwärzeste ihm bekannte Barockoper, wie Intendant Ulrich Peters beteuert. Er wird auch das obligatorische Musical der Spielzeit inszenieren, James Magruders Triumph der Liebe nach Pierre de Marivaux.

Seiner Neigung zu großen Themen gibt Tanzchef Hans Henning Paar mit dem Tanzabend Johannespassion zu Johann Sebastian Bachs Musik nach, auch formal groß durch den live- Einsatz von Chor und Orchester. Es geht, wie Paar verrät, um nichts Geringeres als um das Verhältnis von Religion und Politik, die Spaßgesellschaft und letztlich um die Sinnhaftigkeit des Lebens. Das Religiöse spielt auch in seinem zweiten Tanzabend Copy-Lia eine Rolle, in dem es um den Mensch geht, der Gott spielt, wenn er einen künstlichen Menschen erschaffen möchte.

Als Gastregisseurin dieser Spielzeit befasst sich Lenka Vagnerová in Gossip mit der Macht von Gerüchten und fake news.

Musical Komödie SUGAR – MANCHE MÖGEN’S HEISS – 2020/21
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Das Junge Theater hat wieder ein buntes Programm; für Kinder ab 2 Jahre gibt es mit Krixlkraxl XXL eine Abenteuerreise, 12- bis 14-Jährige können sich an dem Musical Fame mit der Musik von Steve Margoshes oder dem Schauspiel Das Gesetz der Schwerkraft von Olivier Sylvestre erfreuen. Im Trend liegen Themen wie etwa Gendergerechtigkeit in Robin Hood, der in der Bearbeitung von – wie auch anders – John von Düffel ein starkes Mädchen zur Seite gestellt bekommt, oder Diversität, mit der sich Das Gesetz der Schwerkraft befasst. Flucht, Identität und die Sehnsucht, berühmt zu sein, sind nach Einschätzung von Jugendtheater-Dramaturgin Monika Kosik die Themen der Jugendlichen und daher zu Recht auch die des Jugendtheaters in der kommenden Spielzeit.

Im Beethovenjahr kommt Ludwig van Beethoven tatsächlich nur in den ersten drei der zehn Sinfoniekonzerte vor, mit der Schauspielmusik zu Egmont im 1., der „Sinfonie Nr.5 c-Moll op. 67“ im 2. und dem „Tripelkonzert für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester C-Dur op. 56“ im 3. Sinfoniekonzert. Generalmusikdirektor Golo Berg stellt ein weitgefächertes Programm von Barock über die Wiener Klassik mit Mozart über die Romantik mit Robert Schumann bis hin zur Moderne mit György Ligeti vor, nicht ohne besonders auf das 6. Sinfoniekonzert zu verweisen, in dem Stefan Veselka „Ma Vlast“ („Mein Vaterland“) von Bedrich Smetana dirigieren wird.

Dem Theater Münster ist für die restliche Spielzeit 2019/20 wie auch für die kommende Spielzeit 2020/21 die Aufmerksamkeit und Treue des Publikums zu wünschen, die es in allen seinen Sparten verdient. IOCO wird über die weitere Entwicklung aktuell berichten.

Schauspiel Der gute Mensch von Sezuan – zur Zeit auf dem Spielplan
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  2020/21 – Premieren – Theater Münster


 Musiktheater


19. September 2020  CANDIDE  –  Comic Operetta von Leonard Bernstein

12. Dezember 2020  – DIE WALKÜRE  –  Musikdrama von Richard Wagner

 23. Januar 2021 –   LUCIA DI LAMMERMOOR  – Gaetano Donizetti

13. Februar 2021 –  TRIUMPH DER LIEBE  – TRIUMPH OF LOVE  –  Musical von Magruder, Stock & Birkenhead

13. März 2021 – PREUßISCHES MÄRCHEN  –  Ballettoper von Boris Blacher

8. Mai 2021 –  GHARGENORE  – Musikalische Tragödie – Wilhelmine von Bayreuth


Schauspiel


28. August 2020  –   JULIUS CAESAR / DIE POLITIKER –  Schauspiel von William Shakespeare / Wolfram Lotz

 29. August 2020  –  FAUST, DER TRAGÖDIE ERSTER TEIL – Johann Wolfgang von Goethe

2. Oktober 2020  –  DEUTSCHE FEIERN ­ UA  –  Schauspiel – Lars Werner | KH

7. November 2020 –  DIE MÖWE – Komödie von Anton Tschechow   | GH

18. Dezember 2020  –  DER FISKUS   Komödie von Felicia Zeller   | KH

 26. Februar 2021  –  ALTE SORGEN (AT) ­ UA  – Schauspiel von Maria Milisavljevic | KH

 17. April 2021 –  DER SCHIMMELREITER  –  Schauspiel nach Theodor Storm | GH

 6. Mai 2021 – BRUDER EICHMANN  –  Dokumentarstück von Heinar Kipphardt   | KH


Tanztheater


17. Oktober 2020 – JOHANNESPASSION ­ UA  –  Tanzabend von Hans Henning Paar

15. Januar 2021 – GOSSIP ­ NF  –  Tanzabend von Lenka Vagnerova    | KH

21. Mai 2021 –  COPY-LIA ­ UA  –  Tanzabend von Hans Henning Paar    | KH

26. Juni 2021  –  DANCE LAB ­ UA  –  Choreografien von Mitgliedern des Tanztheaters  | Ballettsaal


Junges Theater


20. September 2020 –  DER ZINNSOLDAT UND DIE PAPIERTÄNZERIN  –  Kinderstück von Roland Schimmelpfennig frei nach Hans Christian Andersen   | KH

15. November 2020  –  ROBIN HOOD  –  Nach einer wahren Legende, John von Duffel 

29. Januar 2021 –  FRANKENSTEIN  –  Schauspiel nach Mary Shelley   | KH

21. Marz 2021 –  THE ARRIVAL (AT) – Stückentwicklung | Inspiriert von dem gleichnamigen Bilderbuch von Shaun Tan    | KH

11. April 2021 –  FAME  –  Musical nach einer Idee von David De Silva  –  Musik von Steve Margoshes | Buch von Jose Fernandez  | KH

—| IOCO Aktuell Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, BRD-Trilogie – Rainer Werner Fassbinder, IOCO Kritik, 12.10.2019

Oktober 12, 2019 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

BRD-Trilogie _  Schauspiel von Rainer Werner Fassbinder

– Geld frisst die Liebe auf –

von Hanns Butterhof

Die jüngere deutsche Vergangenheit vom Nachkrieg bis zum Wirtschaftswunder hat Rainer Werner Fassbinder, ein Großer des Neuen Deutschen Films, in drei seiner Filme grell beleuchtet. Seine BRD-Trilogie mit Die Ehe der Maria Braun (1978), Lola (1981) und Die Sehnsucht der Veronika Voss (1982) hat das Theater Münster als vierstündiges Schauspiel auf die Bühne gestemmt, um darüber die deutsche Gegenwart besser zu verstehen.

Für das Stück hat Peter Scior einen abstrakten Einheitsraum um das Rund der Drehbühne geschaffen, die sich mit zwei weißen Schalen halb oder ganz umschließen lässt. Was sich dann in dessen Innenraum abspielt, wird per Direkt-Kamera auf die Außenwand übertragen, die als Leinwand auch für Filmzitate aller Art dient. Es wird viel und schön gesungen, live auf der Bühne begleitet von Dominik Hahn, Jürgen Knautz und Martin Speight.

Theater Münster / BRD Trilogie von Rainer Werner Fassbinder - hier :  Maria Braun wird Unternehmerin © Marion Bührle

Theater Münster / BRD Trilogie von Rainer Werner Fassbinder – hier : Maria Braun wird Unternehmerin © Marion Bührle

Die wesentlichen Szenen aus den Filmen finden meist auf dem schmalen Streifen vor der Drehbühne statt. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen, die Liebe und das Geld. Rose Lohmann entwickelt sich als Maria Braun überzeugend von der liebenden Braut ihres gefallen geglaubten Manns Hermann (Ilja Harjes) zur einer harten Geschäftsfrau, die ihre Liebe in sich verschließt. Ihren GI-Lover erschlägt sie, als Hermann überraschend zurückkehrt. Während er diese Tat auf sich nimmt und dafür ins Gefängnis geht, macht sich Maria für einen Unternehmer und sein Geschäft unentbehrlich. Bei seinem Tod erbt sie die Hälfte seines Besitzes. Als sie erfährt, dass Hermann die andere Hälfte erbt, weil er Maria vertraglich an den Unternehmer abgetreten hatte, erfährt sich die selbstbestimmte Maria als verkauftes Objekt männlicher Verfügung. Die Zeit der Trümmerfrauen-Power ist vorbei.

An dieser Zeit hat Ufa-Star Veronika Voss gar keinen Anteil. Carola von Seckendorff verleiht ihr in schwarzweiß-Optik und Silberkleid (Kostüme: Lili Wanner) eine anrührende Künstlichkeit. Die Enttäuschung über das Ende ihrer Karriere nach den Erfolgen im III. Reich betäubt sie mit Alkohol und Morphium und stirbt schließlich, von einer zynischen Ärztin ausgebeutet, filmreif an ein Hakenkreuz genagelt.

 Theater Münster / BRD-Trilogie von Rainer Werner Fassbinder - hier : Lola, die Bordell-Sängerin, wird zum Wirtschaftswunderkind © Marion Bührle

Theater Münster / BRD-Trilogie von Rainer Werner Fassbinder – hier : Lola, die Bordell-Sängerin, wird zum Wirtschaftswunderkind © Marion Bührle

Als erste der drei Frauen springt die Bordell-Sängerin Lola kopfüber in den Strudel der neuen Zeit des Wirtschaftswunders. Sandra Schreiber spielt sie mitreißend als pfiffige Göre, die nicht auf ihr Herz hört. Sie benützt die Liebe des Baudezernenten von Bohm (Ilja Harjes) bedenkenlos als Hebel, um ihn korrumpierbar zu machen und als seine Frau in die verkommenen „besseren Kreise“ aufzusteigen. Die Gier nach Geld hat das Herz völlig aufgefressen.

Regisseur Frank Behnke entfaltet viel technischen Aufwand, um den Textmengen Leben und dem Ensemble, das sich mit Elan in die vielen Rollen stürzt, Glaubwürdigkeit einzuhauchen. Viele Szenen haben den Charme von Comic-Zeichnungen mit Sprechblasen und werden bei mancher Länge den Eindruck nicht los, dass Film nachgespielt wird.

Das bessere Verständnis der deutschen Gegenwart hält sich nach dem langen Rückblick auf die frühe Bundesrepublik in Grenzen, doch sein nostalgischer Wert ist beträchtlich.

Nach vier Stunden viel Beifall für die dreizehn Schauspieler aller Rollen und die Band.

BRD-Trilogie am Theater Münster; die nächsten Termine: 17., 19. und 22., jeweils um 19.00 Uhr, am 20. um 18.00 und am 27. um 15.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Spielzeit 2019/20 – Über 200.000 Besucher, IOCO Aktuell, 31.08.2019

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

 Theater Münster – Spielplan 2019/20 – Erste Premiere 14.9.2019

– Verzicht auf den „unverzichtbaren Mozart“ –

von Hanns Butterhof

Dr. Ulrich Peters, Intendant des Theater Münster © Oliver Berg

Dr. Ulrich Peters, Intendant des Theater Münster © Oliver Berg

Manchmal sind Saisoneröffnungen am Theater mehr als muntere Wiedersehensfeiern der alten und Vorstellung der neuen Mitarbeiter nach der Spielpause. Diesmal überraschte der Generalintendant des Theaters Münster, Dr. Urich Peters, mit zwei Neuigkeiten: Die erwartbare galt der Besucherzahl der vergangenen Saison, die mit 202.000 die Zweihunderttausender-Marke überschritten hat. Die unerwartete betraf seine eigene berufliche Zukunft: die Spielzeit 2021-22 wird seine letzte als Intendant am Theater Münster sein. Ende 2022 gibt Dr. Peters sein Amt in Münster auf.

Ein Maskenball – Erste Premiere am 14. September 2019

Das hatte sich auf der Jahrespressekonferenz noch nicht so abgezeichnet. Da  hatte sich  Dr. Ulrich Peters beim Rückblick auf die vergangene Spielzeit leicht untertrieben „ganz zufrieden“ mit der Auslastung gezeigt. Etwas überraschend hatte er dann eine Lanze für die Operette gebrochen und gefordert, das ernst zu nehmen, was in ihr steckt, statt sie zu verblödeln – leider keine offene Tür, die er damit einrennt. Der nächste Probierstein wird die Eduard Künneke-Operette Der Vetter aus Dingsda sein, die Peters selber inszenieren wird.

 Theater Münster / Begrüßung der neuen KollegInnen am Theater Münster mit Dr Peters © Oliver Berg

Theater Münster / Begrüßung der neuen KollegInnen am Theater Münster mit Dr Peters © Oliver Berg

Ohne besonderes themenbezogenes Motto und auch ohne den in der letzten Spielzeit „unverzichtbaren Mozart“ stützt sich das Musiktheater ganz überwiegend und mutig auf das 20. Jahrhundert. Eine Ausnahme macht der Spielzeitauftakt mit Un Ballo in Maschera von Giuseppe Verdi. Dem folgt die Musikalische Posse Yolimba oder Die Grenzen der Magie von Tankred Dorst und Wilhelm Killmayer, von Peters angekündigt als „Familienstück, auch wenn darin ca. 80 Leute erschossen werden“. Das Musical im Programm wird Anatevka von Joseph Stein u.a. sein, gefolgt von der Oper des Minimalisten Philip Glass nach der Erzählung von Edgar Allan Poe  Der Untergang des Hauses Usher, die umfänglich Spannung verspricht. Mit dem Zweiakter Death in Venice von Benjamin Britten schließt das Programm des Musiktheaters, das insgesamt großes Vertrauen in die Treue des Publikums verrät.

Das Programm des Schauspiels hat Schauspieldirektor Frank Behnke zusätzlich zur Arbeit mit den Klassikern in Richtung Aktualität mit Uraufführungen und Auftragsarbeiten geöffnet, die einen deutlichen Deutschland-Schwerpunkt aufweisen. Dafür stehen die Uraufführung der Komödie Bonn ist eine Stadt am Meer von Svenja Viola Bungarten oder die „BRD-Trilogie“. In ihr soll anhand dreier Filme von Rainer Werner Fassbinder – Die Ehen der Maria Braun, Die Sehnsucht der Veronika Voss und Lola – in einem mehrstündigen Theatermarathon so etwas wie Archäologie der frühen BRD betrieben werden. Gefragt wird nach Chancen, die es damals gab, und ob sie vielleicht vertan wurden. Später widmet sich dann das Auftrags-Stück 89/90 nach dem Roman von Peter Richter noch den Wende-Jahren, und die Vaterlandsverräter-Uraufführung von  Martin Heckmanns will gleich die  ganze Geschichte der BRD erzählen; es dürfte spannend werden, was sich aus diesen verschiedenen Geschichts-Segmenten und Perspektiven ergibt.

 Theater Münster / Das Leitungsteam_ vl Dr. Ulrich Peters, Intendant, Susanne Ablaß, Hans Henning Paar, Rita Feldmann, Frank Behnke, Golo Berg, Frank Röpke © Hanns Butterhof

Theater Münster / Das Leitungsteam _  Dr. Ulrich Peters, Susanne Ablaß, Hans Henning Paar, Rita Feldmann, Frank Behnke, Golo Berg, Frank Röpke © Hanns Butterhof

Die Klassiker befassen sich dann speziell mit gesellschaftlichen Widersprüchen und Spaltungen, die Der gute Mensch von Sezuan in dem Parabelstück von Bertold Brecht zur Musik von Paul Dessau unmittelbar in sich austrägt. Ein politisches Laboratorium versprechen auch William Shakespeares Drama Maß für Maß, Heinrich von Kleists Prinz Friedrich von Homburg und  Gerhard Hauptmanns  Vor Sonnenaufgang, das in einer von Ewald Palmetshofer überschriebenen Fassung den Schlusspunkt des engagierten Programms setzt.

Im Tanztheater gibt es traditionell pro Spielzeit die Produktion eines Gast-Choreographen. Thomas Noone wird Medea auf die Bühne bringen, den klassischen Mythos einer gescheiterten Integration. Tanz-Chef Hans Henning Paar wird sich in der Uraufführung Der himmlische Spiegel von Hieronymus Boschs Triptychon Der Garten der Lüste inspirieren lassen. Mit Musik von Erik Satie wird er schließlich dafür sorgen, dass auch Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupérie das Tanzen lernt.

Flashmob des Sinfonie-Orchester Münster mit Beethoven
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Das von Generalmusikdirektor  Golo Berg konzipierte Konzert-Programm trägt zwei Jubiläen Rechnung. Zum einen jährt sich zum hundertsten Mal die Gründung von Münsters Sinfonie-Orchester, der Musikschule und Musikhochschule. Wie auch in der laufenden Spielzeit sollen daher Werke von Komponisten aus Münster zum Klingen gebracht werden wie Bernhard Rombergs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 9 h-Moll im 1. oder Moondogs „Suite aus „Stamping Ground, Symphonique 3 und Bird’s Lament“ im 2. von insgesamt 10 Sinfoniekonzerten. Zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens kommt der große Bonner fast in jedem Konzert zum Zuge, mit der Sinfonie Nr. 7 A-Dur im 4., dem Konzert für Klavier und Orchester Nr.4 G-Dur im 5.  oder der Ballettmusik Die Geschöpfe den Prometheus, die  heute kaum mehr vertanzt wird, im 7. Sinfoniekonzert. Dazu finden sich Werke, die sich mit Beethoven  auseinandersetzen wie die Fantasia On An Ostinato von John Corigliano, ein anspruchsvolles Programm, das die ganze Aufmerksamkeit des Publikums fordert und verdient.

Frank Röpke vom Jungen Theater stellt 8 Produktionen vor. Von Nass für Kinder ab 2 Jahren spannt sich das Programm bis Effi Briest nach Theodor Fontane für Jugendliche und Erwachsene. Musik spielt eine große Rolle, nicht erst mit Martin Zels‘ Kammeroper Die große Wörterfabrik oder mit Leben ohne Chris. Das Musical von Wolfgang Böhmer und Peter Lund ist ein ambitioniertes Kooperationsprojekt von TheaterJugendOrchester, Jugendkunstschule im Kreativ-Haus, der Westfälischen Schule für Musik und dem Sinfonieorchester Münster. Kinder und alle Junggebliebenen können sich freuen.

Die vielversprechende Spielzeit 2019 am Theater Münster beginnt am 14.September.

—| IOCO Aktuell Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Heldenangst – Friederike Engel, IOCO Kritik, 22.06.2018

Juni 22, 2018 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

HELDENANGST –  100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs

– Mitleid mit dem Frontschwein –

Von Hanns Butterhof

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Das Theater Münster erinnert mit der Dramatisierung des 1930 erschienenen Romans La Peur von Gabriel Chevallier an dieses Datum. In der Fassung von Friederike Engel schildert das Stück unter dem Titel Heldenangst die Kriegs-Erlebnisse des französischen Soldaten Jean Dartemont, einem armen Frontschwein.

Passend für das düstere Antikriegsstück ist die kleinste Bühne des Theaters Münster, das U2, kulissenlos schwarz gehalten (Ausstattung: Frank Behnke und Sophia Debus). Eine kleine, ebenfalls schwarze Brüstung trennt sie vom Zuschauerraum ab. Dramaturgisch sinnvoll hat Regisseur Frank Behnke das, was im Roman der Ich-Erzähler mitteilt, auf zwei Schauspieler verteilt und so lebendige Dialoge ermöglicht. Die Zweiteilung wiederholt er, weniger sinnvoll, auch sprachlich, indem er den einen Jean Dartemont (Charles Morillon) Französisch, den anderen (Joachim Foerster) Deutsch sprechen lässt.

 Theater Münster / Heldenangst - Vor 100 Jahren endete der  erste Weltkrieg hier Jean Dartemont Joachim Foerster und Charles Morillon üben für die Front © Oliver Berg

Theater Münster / Heldenangst – Vor 100 Jahren endete der erste Weltkrieg hier Jean Dartemont Joachim Foerster und Charles Morillon üben für die Front © Oliver Berg

Charles Morillon und Joachim Foerster erzählen große Teile des Geschehens, nehmen dabei verschiedene Rollen ein, etwa die eines menschenverachtenden Generals, die eines verprügelten Kriegsgegners oder die des Vaters Dartemont, wobei sie aus der Erzählung in die Darstellung ihrer Erlebnisse hinübergleiten.

Foerster zeigt die eher teutonisch expressive, Morillon die charmant versonnene, leicht melancholische Seite Dartemonts. Dartemont-Foerster begrüßt den Kriegsbeginn begeistert als Startschuss zum großen Abenteuer, Dartmont-Morillon ist da zurückhaltender.

Noch geht es lustig zu, etwa wenn beide Helden bei der Musterung ihre Angst überwinden müssen, sich nackt auszuziehen; dabei hätte der patriotische Militär-Arzt sie auch ohne näheres Hinsehen kriegstauglich geschrieben. Und da mehr Rekruten an die Front geworfen werden, als es schon Uniformen für sie gibt, laufen die frisch Eingezogenen in wilden Zivil-Kombinationen herum, einer von ihnen mangels Stahlhelms mit Melone, die er zur Begrüßung von Vorgesetzten und Erheiterung der Kameraden lüftet.

Doch an der Front wird es rasch ernst. Aus einem Haufen Kleider, der für die Schützengräben und ihren Dreck steht, wühlen sie entsetzt den ersten Toten heraus, unzählige folgen, und mit ihnen kommt die Angst, die zum alles beherrschenden Gefühl der Soldaten wird.

 Theater Münster / Heldenangst - Theater Münster / Heldenangst - Vor 100 Jahren endete der  erste Weltkrieg  hier Jean Dartemont Joachim Foerster und Charles Morillon haben Angst © Oliver Berg

Theater Münster / Heldenangst – Theater Münster / Heldenangst – Vor 100 Jahren endete der erste Weltkrieg hier Jean Dartemont Joachim Foerster und Charles Morillon haben Angst © Oliver Berg

Dazu kommt die Erkenntnis, dass den im Hinterland Gebliebenen die grauenvollen Erfahrungen des Verheizens einer ganzen Generation im mörderischen Stellungskrieg nicht zu vermitteln sind. So will Vater Dartemont einen Helden als Sohn; Alkohol und zwanghaft männliches Gelächter auf allen Seiten kleistern die Kluft der Verständnislosigkeit nur notdürftig zu. Aber an der Front wird die Angst vor Verstümmelung und Tod so unaushaltbar, dass sich Dartemont lieber freiwillig für ein Himmelfahrts-Kommando meldet, als sie weiter zu ertragen. Dabei überwindet er die Heldenangst und überlebt zur eigenen Überraschung den Krieg.

Das schreckliche Leiden und die Angst der Frontsoldaten bringen Joachim Foerster und Charles Morillon beeindruckend drastisch zum Ausdruck. Damit erzeugen sie wohl Mitleid mit Jean Dartemont, aber auch sie können dem Publikum die Erfahrungen eines armen Frontschweins so wenig vermitteln wie Dartemont seinem in der Etappe gebliebenen Vater.

Der Schlussbeifall nach eineinhalb Stunden galt dem intensiven Spiel der beiden Darsteller, mit denen man sich unkostenfrei auf der richtigen, der friedliebenden Seite fühlen durfte. Heldenangst am Theater Münster rennt offene Türen ein und ist eher eine Veranstaltung der Erinnerungskultur, als dass damit aktuell vor einem leichtfertigen Umgang mit unserem seit mehr als siebzig Jahren währenden Frieden gewarnt würde.

Heldenangst am Theater Münster; weitere Termine:  22.6.; 1.7.; 3.7.2018

 

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