Lüttich, Opéra Royal de Wallonie, Madama Butterfly – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 15.09.2019

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

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Opéra Royal de Wallonie-Liège

 Madama Butterfly – Giacome Puccini

 – Der japanischen Kosmos – Tradition changiert mit Moderne des Westens –

von Ingo Hamacher

Mit langanhaltendem Applaus feierte das Premierenpublikum eine rundum gelungene Leistung des Ensembles, welches nicht nur sängerisch durch Solisten und einen wunderbaren Chor überzeugen konnte, sondern ebenso durch das ausgezeichnet spielende, von Speranza Scappucci lebendig und sensibel geführten Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Madama Butterfly – Neuproduktion der Opéra Royal de Wallonie-Liège in Zusammenarbeit mit dem Fondazione Festival Pucciniano Torre del Lago

Wenn auch sowohl Svetlana Aksenova, in der Rolle der Cio-Cio-San, als auch Alexey Dolgov als F.B. Pinkerton bei ihrem Hausdebut in Lüttich überraschenderweise – beide haben ihre Rollen seit vielen Jahren in ihrem Repertoir – in den ersten beiden Akten deutliche Zeichen von Anspannung und Lampenfieber zeigten, konnten sie die Partien erfolgreich beenden. Nach ihrer mit Szenenapplaus bedachten und bekanntermaßen herausfordernden Arie:„Un bel dì, vedremo“ fand die Sopranistin Aksenova spürbar zur Ruhe, was ihrer Stimme zugute kam. Tenor Dolgov überzeugte vor allem in den hohen Lagen, wogegen die Tiefen etwas dünn erschienen.

Madama Butterfly – Eine Einführung in die Produktion
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Saverio Fiore in der Rolle des Goro, auch er gab sein Hausdebut, und Sabina Willeit als Suzuki überzeugten stimmlich vollauf. Wieder einmal überragend jedoch Mario Cassi als Sharpless, dem es nach klassischer Belcanto-Manier gelang, mit durchgängig auf dem Atem liegender Stimme das Publikum zu begeistern.

Madama Butterfly gehört zum Standardrepertoire, so dass die Handlung als bekannt voraus gesetzt werden kann: Um 1900 heiratete der amerikanische Offizier Pinkerton in Japan die junge Geisha Cio-Cio-San, die sich ihm mit Leidenschaft hingab. Aus ihrer Vereinigung wurde ein Kind geboren, von dessen Existenz der Leutnant bei seiner Rückkehr nach Hause nichts wusste. Drei Jahre später kommt er mit seiner amerikanischen Frau zurück nach Japan, um seinen Sohn abzuholen, von dem er inzwischen erfahren hat. Verraten und verlassen, gibt es für Cio-Cio-San nur einen Ausweg……

Nach seinem großen Erfolg, den Giacomo Puccini im Jahr 1900 mit seiner Oper TOSCA hatte, suchte er nach einem neuen Thema, das ihm eine tiefe tragische Quelle bieten konnte. Er setzte auf ein Stück des Dramatikers David Belasco, Madame Butterfly, inspiriert von realen Ereignissen: die katastrophale Liebesaffäre eines sehr jungen Mädchens, Cio-Cio-San, dessen Name auf Japanisch „Schmetterling“ bedeutet.

Madama Butterfly war für Puccini die perfekte Gelegenheit, den „Japonismus“ zu nutzen, der im Westen seit Ende des 19. Jahrhunderts in Mode war. Auf der Suche nach neuen Farben und einzigartigen Atmosphären studierte der Musiker die Sprache, Kultur und Musik Japans und zögert nicht, authentische Melodien zu verwenden. Das Ergebnis war für die Hörer schockierend. Der Autor berichtete, es sei seine „aufrichtigste und ausdrucksstärkste“ Oper.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Japonismus ist die Bezeichnung für den Einfluss der japanischen Kunst auf die Künstler der westlichen Welt, insbesondere französische. Die Kunst, die aus dieser Inspirationsquelle hervorging, wird als Japonesque bezeichnet.

Die Bilder- und Formensprache der „Bilder der heiteren, vergänglichen Welt“, der Ukiyo-e, und anderer Erzeugnisse des japanischen Kunsthandwerks wie Töpfer-, Metall-, Lack- und Bambusarbeiten wurden eine Quelle der Inspiration für den Impressionismus, den Art Nouveau, den Jugendstil, die Wiener Secession und auch viele Künstler des Expressionismus.

Seit um die Mitte des 19. Jahrhunderts die amerikanische Flotte die Öffnung der japanischen Häfen erzwungen hatte, verbreiteten sich im Westen rasch genaue Kenntnisse über japanische Kunst und Kultur; Auf dem Gebiet der Musik, Literatur und der bildenden Künste begann man sich mit dem fernen Inselreich auseinanderzusetzen. Der Begriff Japonismus wurde 1872 von dem französischen Kunstkritiker Philippe Burty geprägt. Die Pariser Weltausstellung 1878 zeigte eine Reihe von Werken der japanischen Kunst.

Stefano Mazzonis Di Pralafera, Intendant der Opéra Royal de Wallonie und Regisseur dieser Neuproduktion, welche die Oper Lüttich in Kooperation mit dem Fondazione Festival Pucciniano Torre del Lago erarbeitet hat, will uns den Kosmos der japanischen Welt sowohl unter dem Aspekt der Tradition, als auch dem Wandel in die Moderne vor Augen führen. Fernand Ruiz, verantwortlich für die Kostüme, ließ dazu beispielsweise die verwendeten 36 Kimonos in den Werkstädten per Hand bemalen, um eine größtmögliche Authentizität zu erzielen.

Die Bühne, im ersten Akt ein historisches Japan, wie wir es mit dem Uraufführungsjahr der Oper 1902 gedanklich in Verbindung bringen. Nachfolgend erleben wir eine typischen 50er-Jahre Stil, der zeitlich mit der 2. amerikanischen Eroberung Japans durch die Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg zu verorten ist. Die Veränderungen dieses halben Jahrhunderts ist nicht nur in der Architektur des Hauses, der Einrichtung und der Kleidung zu erleben. Wir erkennen auch völlig veränderte Bewegungs- und Verhaltensabläufe der Protagonisten.

Für die historisch korrekte Reproduktion all dieser Aspekte zeichnet Misaya IODICE-FUJIE, Beraterin für japanische Traditionen, verantwortlich. Misaya Iodice-Fujie wurde in Tokio geboren und studierte Zeichnen, Malen und Kalligraphie.  Parallel zu ihrem Universitätsstudium studiert sie traditionelle japanische Kunst: Ikebana (Blumenkunst) und die Kunst des Kimonos.

Wesentlich für das Werk ist der Gegensatz zwischen dem westlichen und dem fernöstlichen Lebensstil, den Puccini von Anfang an auch musikalisch ausdrückt. Die Oper beginnt mit einem exotischen musikalischen Thema, das auf typisch westliche Weise verarbeitet wird. Pinkertons erstes Gesangsstück enthält bereits die beiden westlichen Hauptthemen der Oper. Umrahmt wird dieses Stück durch ein Zitat der damaligen Marinehymne (ab 1931 die amerikanische Nationalhymne) in den Bläsern. Nach Pinkertons Duett mit dem Konsul Sharpless wird das westliche Kolorit durch ein japanisches abgelöst, als der Heiratsvermittler Goro mit den Frauen eintrifft.

Puccini bemühte sich intensiv, eine glaubhafte „japanische Färbung“ zu erreichen. Zur Inspiration dafür nutzte er unterschiedliche Quellen: Er besuchte eine Aufführung der als Geisha ausgebildeten Schauspielerin und Tänzerin Kawakami Sadayakko während ihrer Welttournee im März und April 1902. Die Gattin des japanischen Botschafters in Rom, Hisako Oyama, sang ihm traditionelle Volkslieder vor und half ihm bei den japanischen Namen. Außerdem erhielt er Hinweise des belgischen Musikwissenschaftlers und Asien-Experten Gaston Knosp. Auch konnte er auf europäische Notensammlungen transkribierter japanischer Melodien zurückgreifen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Svetlana AKSENOVA als Cio-Cio-San und Alexey DOLGOV als Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Svetlana AKSENOVA als Cio-Cio-San und Alexey DOLGOV als Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Beim Auftritt des kaiserlichen Kommissars erklingt ein Ausschnitt der japanischen Nationalhymne Kimi Ga Yo. Zwei Motive der Cio-Cio-San sind auf chinesische Volksmusik zurückzuführen. Puccini entnahm diese einer in der Schweiz hergestellten Musik-Box mit westlich assimilierten chinesischen Melodien.

Der mechanische Klang dieser Musik-Box, die naturgemäß einige Eigenheiten fernöstlicher Musik wie die typischen kontinuierlich gleitenden Veränderungen der Tonhöhe oder die originale Klangfarbe der Instrumente nicht wiedergeben konnte, beeinflusste Puccinis Instrumentation der japanisch gefärbten Passagen.

Das Ergebnis von Puccinis Studien sind äußerst ungewöhnliche Klangfarben, die er mit Instrumenten wie Tamtam, japanischen Schellentrommeln, japanischem Klaviaturglockenspiel oder Röhrenglocken erzielt. Der Satz der Begleitstimmen wirkt vielfach exotisch; die Charakterisierung der Nebenfiguren dient der Darstellung des Kolorits. Die Partie des Pinkerton entspricht dagegen ganz der Puccinis lyrischer Tradition.

Die Musik der Cio-Cio-San verbindet fernöstliche und europäische Charakteristiken. Am Schluss ihrer Auftrittsszene fordert sie die anderen Frauen auf, sie nachzuahmen und vor Pinkerton auf die Knie zu fallen. Zu dieser Pantomime erklingt das chinesische „Shiba mo“. Das Niederknien des Ostens vor dem Westen erfolgt somit nicht nur szenisch, sondern auch in der Musik.

Puccini hat die Butterfly selbst seine „innigste und erfüllteste Oper“ genannt. Nie zuvor und nie danach hat er ein so bedingungslos liebendes, zartes, verratenes und bedauernswertes Traumgeschöpf auf die Bühne gebracht wie die kleine Japanerin Cho-Cho-San. „Wie ich sie liebte und auch weiterhin lieben werde! Solange ich die Musik schrieb, sah ich sie vor mir, das kleine süße, von Wehmut erfülle Mädchen“, schwärmte er.

Madama Butterfly – Intendant und Regisseur Stefano Mazzonis Di Pralafera führt ein
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Zeigt uns der erste Akt dieser Inszenierung ein historisch verträumtes Japan mit Holzhaus und Lampignons, die im Zusammenspiel mit den Kostümen und Papierschirmen immer wieder atemberaubend schöne lebendige Bilder auf die Bühne zaubern, so kühl und seelenlos begrüßt uns geflieste Hausfassade im 2. Akt. Sachlichkeit und Strenge, sowohl als Ausdruck Cio-Cio-Sans Seelenleben, aber auch als Zeichen des gesellschaftlichen Wandels. Im 3. Akt lässt Pralafera einen Helikopter auf die Bühne einfliegen und auf dem Flachdach des Hauses landen, dessen Macht und akustische Gewalt in uns hätte Assoziationen vor US-amerikanischen Invasionen wecken können, wie wir sie aus Filmen wie „Apokalypse Now“ vor Augen haben.

Dies gelingt leider nicht. Vermutlich ist es den Begrenzungen des Bühnenraums geschuldeter, dass uns der Bühnenbildner Jean-Guy Lecat einen stark deformierten Hubschrauber präsentiert, der völlig geräuschlos, mit stillstehendem Rotor, hoppelnd und rappelnd aus dem Schnürboden einfliegt, das belustigte Publikum eher an Robbie, Tobbi und das Fliewatüt erinnernd, als an imperiale Gewalt.

Coup de théâtre:  Als Pinkerton seinen im Kinderwagen schlafend geglaubten Sohn auf den Arm nehmen will, um ihn nach Amerika, einer vermeintlich besseren Welt, zu bringen, findet er dort nur ein Haarteil und zusammegerollte Decken. Madama Butterfly hatte ihren hochdramatischen Satz: „Wer nicht in Ehren leben kann, der soll in Ehren Sterben!“ wohl nicht nur für sich selbst gesprochen. Wenn sie blutüberströmt, mit durchgeschnittener Kehle auf die Bühne stürzt, scheint uns die dramatische Schlussmusik zu bestätigen, dass ihr Sohn ebenfalls tot im Hause liegt.

Abschließend ein großes Lob für Franco Marri, dem es mit seiner Lichtkunst großartig gelungen ist, zum Erfolg des Abends beizutragen.

Musikalische Leitung: Speranza Scappucci, Regie: Stefano Mazzonis di Pralafera, Bühne: Jean-Guy Lecat, Kostüme: Fernand Ruiz, Licht: Franco Marri, Chorleitung: Pierre Iodice

Besetzung:

CIO-CIO-SAN: Svetlana Aksenova, Hausdebut  –  Die in St. Petersburg geborene Aksenova absolvierte ihr Gesangsstudium am renommierten Rimsky Korsakov Conservatory, wo sie bereits während ihrer Studienzeit als Titelrolle in Tschaikowskys Iolanta auf sich aufmerksam machte. Svetlana Aksenova wurde international für ihre Auftritte als Lisa in einer Neuproduktion von The Queen of Pades an der Niederländischen Nationaloper unter der Regie von Stefan Herheim und unter der Leitung von Mariss Jansons, der Titelrolle in Rusalka an der Pariser Oper, Cio-Cio-San in Madama Butterfly an der Zürcher Oper gefeiert. Nach ihrem Debüt an der Opéra Royal de Wallonie kehrt sie als Tatyana in Eugene Onegin an die Norwegische Nationaloper in Oslo zurück.

F.B. PINKERTON: Alexey Dolgov, Hausdebut  –  Die Washington Times schreibt über den Tenor: „Ein großes Lob für den gutaussehenden russischen Tenor Alexey Dolgov, der ironischerweise die Rolle des Pinkerton singt, des ursprünglich hässlichen Amerikaners. Mit einem selbstbewussten Schwung und einer klaren, selbstbewussten, autoritativen Stimme bewohnt Herr Dolgov sofort diesen selbstbewussten Yank und versteht gleichzeitig seine essentielle Flachheit. Als Schauspieler glänzt Herr Dolgov auch in den letzten Szenen der Oper. Seine Performance, die die emotionale Feigheit seines Charakters mit viel Geschick projiziert, verleiht der Tragödie in Butterflys letzter Szene weiteres Gewicht.“

SHARPLESS: Mario Cassi  –  Mario Cassi arbeitet regelmäßig an den bedeutenden Opernhäusern weltweit. Sein umfangreiches Repertoire reicht von Händel, Porpora und Mozart bis zu zeitgenössischen Komponisten, wobei sein Schwerpunkt auf dem italienischen Belcanto liegt.

SUZUKI: Sabina Willeit  –  Die Mezzosopranistin wurde in Bozen aus einer ladinischen Familie geboren und studierte Gesang am Konservatorium ihrer Heimatstadt. Sie als Hauptdarstellerin in über 25 klassischen und modernen Opern mit international anerkannten Dirigenten in namhaften Opernhäusern und bei Festivals in Italien und Europa auf.

GORO: Saverio Fiore, Hausdebut  –  Der gebürtige Barier absolvierte sein Gesangsstudium mit Auszeichnung am Istituto Musicale „Giovanni Paisiello“ in Taranto.  Sein Debüt gab er 1998 mit Il fortunato decanno von Donizetti beim Festival della Valle D’Itria und übernahm zahlreiche  Hauptrollen in Opern.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Alexey Dolgov als Pinkerton und Alexise Yerna als Kate Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Alexey Dolgov als Pinkerton und Alexise Yerna als Kate Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

KATE PINKERTON: Alexise Yerna, LO ZIO BONZO: Luca Dall’Amico, IL COMMISSARIO/YAMADORI: Patrick Delcour, YAKUSIDÉ: Alexei Gorbatchev, L’OFFICIER D’ÉTAT-CIVIL: Benoît Delvaux, LA MÈRE DE CIO-CIO-SAN: Réjane Soldano, LA TANTE DE CIO-CIO-SAN: Dominique Detournay, LA COUSINE DE CIO-CIO-SAN: Barbara Pryk,  Orchester und Chor: Opéra Royal de Wallonie-Liège

Madama Butterfly; weitere Vorstellungen an der Opéra Royal de Wallonie,  15.; 17.; 19.; 21.; 22.; 24.; 26.; 28.9.2019 und mehr

Madama Butterfly:  Oper von Giacomo Puccini, „Tragedia giapponese“ in drei Akten, Sprache: Italienisch, Libretto: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, Literarische Vorlage / Autoren: John Luther Long und David Belasco: Madame Butterfly, Uraufführung der dreiaktigen Fassung: 28. Mai 1904, Ort der Uraufführung der dreiaktigen Fassung: Teatro Grande, Brescia, Spieldauer: ca. 2 ½ Stunden, Ort und Zeit der Handlung: Ein Hügel oberhalb von Nagasaki, um 1900

Opéra Royal de Wallonie-Liège:  Als Neuerung der aktuellen Spielzeit 2019/20 wurde eine neue Übertitelungsanlage eingerichtet, die den Text nun in den drei Landessprachen: Französisch, Flämisch und Deutsch einblendet, sondern auch in Englisch.

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, Anna Bolena – Gaetano Donizetti, IOCO kritik, 12.04.2019

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Anna Bolena – Gaetano Donizetti

Belcanto in hoch-ästhetischer Optik

von Ingo Hamacher

Die Oper Anna Bolena von Gaetano Donizetti war seit 1982 nicht mehr auf der Lütticher Bühne zu sehen. Die jetzige Produktion ist eine Co-Produktion des königlichen Opernhaus von Muscat (Oman) mit der Opéra de Lausanne und der ABAO-OLBE Associación Bilbaina Amigos de la Óera (Bilbao). Nur durch diese Bündelung der Kräfte konnte die Belcanto-Oper in einer derart hochästhetischen Optik auf die Bühne der Opera Royal de Wallonie-Liège gebracht werden.

Nicht nur die Ausstattung,  auch die dargebotene Originalfassung, von allen nachträglichen Transpositionen nach unten bereinigt, was besonders dem Tenor Töne weit über dem hohen C abverlangt, geht über üblicherweise erlebbares hinaus.

Anna Bolena  –  Gaetano Donizetti
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Olga Peretyatko  meistert in ihrem Rollendebut als Anna Bolena  an der Opéra Royal de Wallonie-Lüttich die Herausforderungen mit Bravour. Mit ihrem silbern-leichten Sopran, einer herausragenden Spielfreude, der notwendigen Italianità, einem schönen Legato und einer runden Stimme, die in den Registern keinerlei Brüche aufweist, singt sie die Partie mit perlenden Kolloraturen, unterstützt von Giampaolo Bisanti am Pult und der Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège die ein gutes Gespür für die besonderen Anforderungen des Belcanto beweisen.

Entsprechend groß war denn – nach zahllosem Szenenapplaus – zum Premierenende der Jubel,  mit der die Leistung der Solistin und des gesamten Ensembles gefeiert wurde. Eine großartige Leistung alles Beteiligten, die noch lange im Gedächtnis haften wird.

Für Gaetano Donizetti (1797 – 1848) sind 71 Opern nachweisbar. Dies hohe Zahl belegt nicht zwangsläufig unerschöpfliche Kreativität des Komponisten, sondern verweist eher auf die Schaffensnotwendigkeit der verheerend schlecht bezahlten Komponisten des Belcanto. Ursprünglich hatte Donizetti versucht, seinen übermächtigen und jüngeren Konkurrenten Vincenzo Bellini (1801 – 1835) mit einem, diesem entgegengesetzten Stil zu begegnen: Donizetti entwickelte hochdramatische, beton erotische und männliche “Schlager-Opern der neuen Kürze”, mit denen er in Neapel großen Erfolg hatte.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena - hier :  Marco Mimica als Heinrich VIII und Sofia Soloviy als Jane Seymour © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena – hier : Marco Mimica als Heinrich VIII und Sofia Soloviy als Jane Seymour © Opéra Royal de Wallonie-Liège

In Mailand gelang ihm jedoch nicht, mit dieser Art von Opern das Publikum zu gewinnen. Warum Donizetti  mit der 29sten, seiner großen „Durchbruchsoper“ Anna Bolena, eine Serie großer Erfolge begann, ist umstritten. Nach Ansicht einiger Musikwissenschaftlicher begann er, sich dem Stil von Vincenzo Bellini in größerem Maße musikalisch anzupassen. Donizetti entwickelte halbkreisförmige Begleitfiguren, die sich zu Wellenbändern aneinander reihen, lustvoll-langgezogenen Lyrismen, schwelgerische, feminine Terzenchöre, schwerfällig gleitende Ensemblewerke von komplexer Harmonik und Polyphonie.

Diese Hinwendung zum Bellinianismus ist nicht unbestritten geblieben, sondern wird alternativ durch eine zunehmende kompositorische Reife und einer Vervielfältigung seiner Mittel erklärt. Zudem stellt Donizetti in jeder Szene die höfische Gesellschaft dar, sodass mehr Duette und Ensembles als Solostücke zu hören sind.  Insgesamt hat er seine Musikdramatik ganz auf das Tableau ausgerichtet. So ist es auch von Stefano Mazzonis di Pralafera in seiner Inszenierung aufgegriffen worden.

Die Zeitgenossen der Uraufführung bestach das Libretto der Oper durch einen weiteren Aspekt: Mehr als 30 Jahre nach der französischen Revolution erweckte der “untergegangene Adel” inzwischen auch das Mitleid der Öffentlichkeit.  Die Menschen der Romantik liebten den morbiden Charme des verfallenen Glanzes der Aristokratie; damals wie heute erfreuen sich Schicksalsschilderungen aus dem Hochadel größtem Interesse.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena - hier :  Olga Peretyatko als Anna Bolena © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena – hier : Olga Peretyatko als Anna Bolena © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Der Plot von der Oper Anna Bolena ist wahrlich interessant: Heinrich VIII. hat sich von seiner zweiten Gattin, Anna Boleyn, abgewandt und Jane Seymour zu seiner Mätresse gemacht. – Nach dem Öffnen des Vorhangs sehen wir denn auch Jane Seymour splitterfasernackt mit dem König durch die Bettlaken springen.  Im Grunde jedoch startet alles mit einem Missverständnis: Jane Seymour, Hofdame und Vertraute der Königin, bittet Heinrich, das unwürdige heimliche Verhältnis zu beenden, da sie unter ihren Schuldgefühlen gegenüber ihrer Königin emotional zerbricht.

Der König missversteht ihr Anliegen jedoch dahingehend, dass sie den Stand einer Mätresse verlassen und selber Königin werden will. Seiner zweiten Frau bereits überdrüssig, ist er zu nichts lieber bereit und entwickelt folgenden Plan: Indem er Anna beschuldigt, mit ihrem Jugendfreund Lord Percy ein Verhältnis zu haben, sucht er sich seiner 2. Gattin auf legaler Weise zu entledigen und Jane Seymour zu seiner dritten Gattin zu machen.  Die Intrige des Königs gelingt: Anna Boleyn wird hingerichtet.

Die Geschichte  wurde dabei so stark romantisch überformt, das das Libretto streng historisch gesehen nicht haltbar ist. Anna ist eine schuldbeladene, charakterschwache, ehrsüchtige Frau, die ihrem Tod mit Schrecken entgegen sieht. Sie verließ aus freien Stücken ihrer ersten Mann Percy, um an der Seite Henrys den Thron zu besteigen. Percy, seine Liebe nicht aufgebend, erscheint am Hof.  Obwohl Anna ihn weiterhin liebt, versucht sie ihn abzuwimmeln, um Henry keinen Grund zu geben, sie zu verstoßen.  Trotzdem wird sie von Heinrich des Ehebruchs angeklagt und zum Tode verurteilt. Um die Hölle der letzten Augenblicke nicht erleiden zu müssen, flüchtet sie sich in einen Wahn, der aber kurz vor ihrem Tod wieder verfliegt. Dies ist der wirkungsvollste und dramatischste Augenblick in Donizettis bisherigem Schaffen.

Da zur Zeit der Uraufführung der Oper, am 26. Dezember 1830, Revolutionskriege wie die Enthauptung Marie-Antoniettes noch nervenerregend präsent in den Köpfen der Bevölkerung war, wundert nicht, dass das Publikum wie von einem Rausch ergriffen Donizettis und die Oper Anna Bolena  triumphal feierte.

„Erfolg, Triumph, Delirium: es war, als ob das Publikum verrückt geworden wäre. Alle sagten, sie könnten sich nicht erinnern, je bei einem solchen Triumph zugegen gewesen zu sein”, schrieb Donizetti unmittelbar nach der Uraufführung seiner Frau Anna Virginia.

Der Schatten des Untergangs hängt schon in der ersten Szene über Anna Bolena: Düstere, mäandernde Streicherfiguren, durchzogen von eine elegischen Oboenmelodie, beschwören die Atmosphäre von Bedrohung und Täuschung am Hof. “Ihr Herz quält sich”, heißt es in der chorische Intrada über die Königin, die eine Art von Dacapo zu Beginn der Wahnsinnsszene findet.

Fortan entwickelt sich, insbesondere durch Verschmelzung von dramatischem Dialog und ariosen Formen, ein komplexes, seelisch verschlungenes Geschehen: ein Labyrinth von Lügen und Täuschungen, der in den Wahnsinn getriebenen Königin, ihrer ehrgeizigen und von Schuldgefühlen geplagten Gegenspielerin Giovanna, dem ruchlosen und von Selbstzweifeln geplagten König und den beiden enttäuschten Liebhabern: dem zur Schachfigur der Intrige gemachten Lord Percy und dem Hoffnungslos in die Königin verliebten Smeton.

Nicht enden wollender Jubel feierte Sänger/innen, Orchester und das Produktionsteam. Langer Applaus. Das Auditorium war hingerissen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena - hier : Celseo Albelo als Lord Riccardo Percy © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena – hier : Celseo Albelo als Lord Riccardo Percy © Opéra Royal de Wallonie-Liège


 Die Protagonisten – Auf und hinter der Bühne

Dirigent: Der international tätige Giampaolo Bisanti wurde Januar 2018 zum Generalmusikdirektor des Teatro Petruzzelli in Bari ernannt.

Regie: Stefano Mazzonis di Pralafera, in Italien geboren, ist künstlerischer Direktor der Opera Royal de Wallonie-Liège

Bühne: Gary Ma Cann zaubert eine in tausend Arten wandlungsfähige Szenerie, die immer die Schwere der Tudor-Architektur darstellt, jedoch gleichzeitig auf unnachahmliche Weise Blickwinkel, Perspektiven und Handlungsräume eröffnet und damit der Statik der Tableaus das notwendige flexible Leben vermittelt, die uns bei der ansonsten etwas bewegungsarmen Regie fehlen würde. Der Nordirische Bühnenbildner arbeitet erstmalig in Lüttich.

Kostüme: Fernand Ruiz, der früher fest an der Opera Liege gearbetet hat, ist inzwischen hauptsächlich an der Israeli Opera tätig. Seine Kostüme sind ganz im Tudor-Stil gehalten, farblich optimal aufeinander abgestimmt und passen damit perfekt in das historische Bühnenbild.

Lichtdesigner Franco Marri, in Italien geboren, arbeitet für zahlreich intenationale Bühnen und Festivals. Ihm gelingt es, mit seinen stimmungsvollen Lichteffeckten die verschiedenen Stimmungen und Handlungsabläufe mit einer emotionalen Qualität aufzuladen, die den Handlungsverlauf für den Zuschauer noch intensiver macht.

Chorleiter  Pierre Iodice  liefert mit präzisen Einsätzen und stimmschönem Gesang die Leistung, die wir inzwischen nach all den postiven Vorerfahrungen als selbstverständlich anzusehen gewohnt sind.

Sein Liège-Debüt gibt Marco Mimica als Enrico VIII. Der junge kroatische Bass-Bariton hat viele Jahre an der Deutschen Oper Berlin gesungen und ist der Partie vollumfänglich gewachsen.

In der Rolle der Giovanna Seymour ist Sofia Soloviy zu erleben. Die Ukrainische Mezzosopranistin verkörperte die Partie bereits in Bergamo und  auf einer Japan-Tournee, so dass sie voll vertraut mit den Herausforderungen der Rolle allen Erwartungen gerecht wird.

Als Lord Riccardo Percy, dem in dieser ursprünglich für Battista Rubini geschriebenen Partie der Originalfassung singt der spanische Tenor Celso Albelo. Albelo, der mit seinem Donizetti-Schwerpunkt auf allen großen internationalen Bühen auftritt, meistert diese Aufgabe makellos.

In weitern Rollen: Luciano Montanaro, ein italienischer Bass, als Lord Rochford, war in 2018/19  in Lüttich schon als König in AIDA zu erleben . Maxime Melnik, junger Tenor aus Charleroi, besetzt die Partie des Sir Nervey.

Die Partie des Smeton singt die junge italienische Sopranistin Francesca Ascioti, ebenfalls mit ihrem Lüttich-Debut.


Anna Bolena an der Opéra Royal de Wallonie-Liège; die weiteren Termine 14.04. (15:00); 17.04.;  20.04.2019

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, IL MATRIMONIO SEGRETO – Domenico Cimarosa, IOCO Kritik, 22.10.2018

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège.

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Opéra Royal de Wallonie-Liège

IL MATRIMONIO SEGRETO  –  Domenico Cimarosa

– Eine heimliche Ehe mit unheimlich viel Klamauk –

Von Ingo Hamacher

IL MATRIMONIO SEGRETO weist als Lustspieloper des Rokoko alles auf, was eine gute Komödie der damaligen Zeit ausmacht: Großspurige Neureiche, verarmter Adel, junge Liebende, ein liebestolles ältliches Fräulein, Verwechslungen, Mißverständnisse, Lauschen an Türen, Bündnisse und schließlich die Aufklärung, die alle vorausgegangenen Verzweiflungen in Wohlgefallen auflöst.

Inszeniert wurde das Ganze von Stefano Mazzonis di Pralafera, dem Intendanten der Opéra Royal de Wallonie-Liège, der alle Register zieht, was Inszenierungsfreude, Witz und Klamauk hergeben.

Il Matrimonio segreto – Domenico Cimarosa
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Zu Beginn der Ouvertüre betreten zwei livrierte Lakeien die Bühne, entfachen mit ihren Lampenanzündern die Bühnenbeleuchtung und bestätigen uns gleichzeitig unsere Vermutung, das wir auch heute im Prachtsaal der Lütticher Oper eine traditionelle, in der Entstehungszeit der Oper angesiedelte Aufführung erleben werden.

Der junge russische Dirigent Ayrton Desimpelaere setzt die Schwerelosigkeit von Cimarosas Musik gut um und entführt uns mit dem Orchester der Royal Opéra in eine Welt des unbeschwerten, problemlosen Wohlklangs.Sobald sich der Vorhang hebt, sehen wir, wie sich im Hause des reichen Kaufmanns Geronimo das junge Ehepaar Carolina und Paolino hinter einem Paravent im Bett vergnügen. Der colloraturreiche Part der Carolina wird von der jungen elsässischen Sopranistin Céline Mellon gesungen, die auch bereits in der Mailänder Scala zu hören gewesen ist. Als jungen Ehemann Paolino erleben wir den italienischen Tenor Matteo Falcier der sein Hausdebut gibt.

Aus Angst vor Zurückweisung hatte der Kaufmannsgehilfe Paolino den Mut nicht gefunden, seinen Chef und jetzigen Schwiegervater um die Hand seiner Tochter zu bitten. Da die Liebe jedoch so groß war, dass man unmöglich noch länger hätte warten können, haben die beiden Verliebten heimlich geheiratet. Es wird jedoch noch bis zum Ende der Oper dauern, bis beide den Mut finden, dies der Familie zu offenbaren.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto - hier : Céline MELLON als Carolina und M. Falcier als Paolino © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto – hier : Céline MELLON als Carolina und M. Falcier als Paolino © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Die bunten Kostüme und grell geschminkten Gesichter der Protagonisten weisen das Stück als dass aus, was es darstellen soll: Einen spritzigen, komischen und lebensfreudigen Unterhaltungsabend. Kein Gag wird ausgelassen. So verhebt sich die Dienerschar prompt an den zu transportierenden Sesselchen, worauf sie den Rest des Abends nur gebeugt mit schwerem Rückenleiden ihren weiteren Dienst versehen können. Nur einem gelingt es, die Blockade seines Rückrades zu durchbrechen und in die Senkrechte zurück zu finden, was aus dem Orchestergraben prompt mit einem knarzenden Gestöhn begleitet wird.

Den schier unermeßlichen Reichtum des schwerhörigen Kaufmanns Geronimo, wunderbar gespielt und gesungen vom belgischen Bariton Patrick Delcour, können wir unschwer an der Pracht seines Hauses erkennen, die einem Schloß in nichts nachsteht. Diesem Mann fehlt auf Erden nichts, außer vielleicht noch die Nobilitierung seines Hauses durch die Verheiratung seiner beiden Töchter Elisetta und Carolina mit Mitgliedern des Adels, wodurch sein Glück vervollständigt würde.

Und diese Gelegenheit biete sich in Form eines verarmten Adeligen, der auf diesem Wege hofft, seine finanziellen Schwierigkeiten zu überwinden. Als Ehemann für Geronimos älteste Tochter Elisetta vorgesehen, die ehrgeizigen Pläne des zukünftigen Schwiegervaters zu verwirklichen, reist der Conte Robinson mit Postkutsche und einem bühnenfüllenden Sammelsurium an Taschen, Koffern und dergleichen an. Das Spinett im Orchestergraben begleitet diesen spektakulären Auftritt mit Wagners Walkürenritt.

Dumm nur, dass der Conte Robinson, Mario Cassi, vor wenigen Wochen noch auf dieser Bühne in Verdis TROVATORE als Conte di Luna zu hören, sich auf den ersten Blick in die jüngere Tochter Carolina verliebt.

Man kann es ihm kaum verdenken. Die ältere Schwester Elisetta, Sophie Junker, eine 33 jährige bild- wie stimmschöne belgische Sopranistin, ist mit Hakennase und Hexenkinn ein Opfer des Masken- und Kostümbildners Fernand Ruiz geworden, der sich vermutlich in den Kulissen den Bauch vor Lachen hält.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto - hier : Sophie JUNKER alsElisetta, Annunziata VESTRI als Fidalma, Celine MELLON als Carolina © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto – hier : Sophie JUNKER alsElisetta, Annunziata VESTRI als Fidalma, Celine MELLON als Carolina © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Selbst auf die Hälfte der Mitgift will Conte Robinson verzichten, um die jüngere der beiden Schwestern heiraten zu dürfen. Und diesen Vorschlag soll ausgerechnet Paolino dem Herrn des Hauses überbringen. Vor Entsetzen fällt dieser erst einmal in Ohnmacht. Es wird noch einige Ohnmachten im Verlauf der Oper geben, schließlich spielt das Stück im Rokoko.

Es ist nicht leicht, Neid, Missgunst und Gezank der beiden Schwestern im Rahmen der Brautwerbung im Zaume zu halten. Aber auch wenn die Tante der Beiden, Fidalma, unverheiratete Schwester des Hausherren, alle Hände damit zu tun hat, fällt es ihr nicht schwer. Schließlich ist auch sie beflügelt von Liebesgefühlen, die dem jungen Gehilfen ihres Bruders gelten (Der ja schon verheiratet ist, was aber keiner weiß… Wir sehen eine Opera Buffa).

Die Rolle der Fidalma, Annunziata Vestri, ist mit dem italienischen Mezzosopran stimmlich ausgezeichnet, jedoch nicht ganz typgerecht besetzt. Vestri ist einfach zu jung, zu schlank und zu schön für die Rolle der Matrone Fidalma, so dass man oft den Eindruck hat, sie stünde als dritte Schwester der anderen Mädchen auf der Bühne.

Intrigen, Bündnisse und Missverständnisse steigern sich in schwindelerregende Höhen. Wechselnde Bühnenbilder (Jean-Guy Lecat), Beleuchtung: Franco Marri, führen uns durch das ganze Haus des Kaufmanns. Es scheint keine Lösung der Konflikte möglich; das Spinett intoniert Beethovens Schicksalssinfonie. Aus tiefer Verzweiflung planen Carolina und Paolino ihre nächtliche Flucht. Die an den Schlafzimmertüren lauschende Elisetta missinterpretiert die Männerstimme im Zimmer ihrer Schwester als die des ihr untreu werdenden Grafen: Sie bläst zum Skandal!!!

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto - hier : Matrimonio - Celine MELLON als Carolina und Mario CASSI als Conte Robinson © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Il Matrimonio segreto – hier : Matrimonio – Celine MELLON als Carolina und Mario CASSI als Conte Robinson © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Die Herbeigeeilten werden Zeuge des Auftritts der Frischvermählten, die nun auch nicht länger die Wahrheit verschweigen wollen.

Elisetta darf die entstellende Gesichtsmaske ablegen und findet in ihrer nun erkennbaren zauberhaften Erscheinung umgehend das Wohlwollen des Conte Robinson, der sie jetzt natürlich sehr gerne heiraten möchte. Signor Geronimo verzeiht allen, und Tante Fidalma geht leer aus. Auch das Opernleben kann ungerecht sein.

In der abschließenden Ensemblenummer reißen sich dann noch alle Beteiligten die Kleider vom Leib und stehen in den Trikots der belgischen Nationalmannschaft auf der Bühne.  Großer Jubel.

Das Publikum ist mehr als zufrieden.Stimmlich und musikalisch eine äußerst gelungene Aufführung. Frenetischer Beifall mit rhythmischem Klatschen für alle Beteiligten nach einem vergnüglichen Opernabend.

Opéra Royal de Wallonie-Liège – Il Matrimonio segreto:  weitere Vorstellungen am 21.10.; 23.10.; 25.10.; 27.10.2018

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