Paris, Opéra Comique, Ercole Amante – Pier Francesco Cavalli, IOCO Kritik, 13.11.2019

November 13, 2019 by  
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l´Opéra Comique Paris © Sabine Hartl, Olaf-Daniel Meyer

l´Opéra Comique Paris © Sabine Hartl, Olaf-Daniel Meyer

l´Opéra Comique Paris

Ercole Amante  –  Pier Francesco Cavalli

– spannende Polit-Show von Louis XIV – dem „Sonnenkönig“ –

von Peter M. Peters

Nach langen geheimen Verhandlungen zwischen Spanien und Frankreich durch den Kardinal Jules Mazarin (1602-1661) wurde die Hochzeit zwischen dem 22 jährigen König Louis XIV (1638-1715) und der Prinzessin Marie-Thérèse d`Autriche, Infante d`Espagne (1638-1683) im Jahre 1660 beschlossen. Die Hochzeit ist für den 7. Februar 1662 vorgesehen. Nach langem Zögern willigte der schon sehr berühmte venezianische Komponist Pier Francesco Cavalli (1602-1676) auf eine Einladung nach Paris von Mazarin ein, um eine Oper für den Ruhm und der Macht der glorreichen französischen Monarchie zu komponieren. Im Zentrum der Oper sollte natürlich der junge König als ruhmreicher Held heraus gehoben werden, sodass man auch ein prächtiges Ballet im französischen Geschmack integrierte, dass der Hofkomponist und Super-Intendant Jean-Baptiste Lully (1632-1687) komponierte. Louis war wohl selbst ein guter Tänzer und so stand er mitunter auf der Bühne und interpretierte die Rolle seines Lebens: den SONNENKÖNIG.

Ercole Amanti – Pier Cavalli
youtube Trailer Opéra Comique Paris
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Cavalli musste zu seinem Leide in Zusammenarbeit mit dem allgewaltigen und eifersüchtigen Intrigant Lully diese Prachtoper komponieren. Es wurde eine gewaltige pompöse Show mit reichen Dekorationen, Szenenverwandlungen im Sinne des französischen Absolutismus und natürlich des Zeitgeschmacks. Es war eine politische Propaganda- und Machtdemonstration wie wir sie wohl in unserer langen Menschheitsgeschichte genug gesehen haben. In gleicher Zeit wurde im Palais des Tuileries ein Saal von übergroßen Dimensionen mit einer Kapazität von mehr als 7000 Personen fassenden Raum von dem italienischen Architekt Carlo Vigarani (1637-1713) konstruiert. Die Premiere am 7. Februar 1662 war für Cavalli eine große Enttäuschung, denn in diesem gigantischen Saal war die Akustik unzureichend und der große Lärm der Bühnenmaschinen nicht zum Vorteil für seine Musik. Außerdem war das Publikum mit der italienischen Sprache nicht sehr vertraut, so dass am Ende nur die Ballettmusiken von seinem Erzfeind Lully bejubelt wurden. Der schon betagte und kränkelnde Komponist verließ sehr verärgert umgehend die französische Hauptstadt um die strapazierende Rückseite nach Venedig zu unternehmen. Er schwor sich damals nie mehr eine Oper zu komponieren, jedoch nach einigen Wochen vergaß er sein Gelübde.

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Wie schon geschrieben, die Oper musste sich nach dem damaligen Geschmack des französischen Publikums anpassen: in fünf Akten und einem Prolog, mehrere „sinfonies“, einige „ensembles“  viele „chœurs“ und diverse „ballets“. Das Libretto von Francesco Buti (1604-1682) bedient sich der Rhetorik und dem Geschmack der Metapher des französischen Theaters. Auch der Inhalt des Werkes ist dem Zeitgeschmack angepasst, indem man sich von den Metamorphosen des Ovids inspiriert, die voll von Allegorien und Symbolen sind. Der junge König wird mit dem Halbgott Ercole verglichen. Der Vergleich eines starken Halbgottes und Verführers mit dem jungen König ist äußerst schmeichelhaft, jedoch auch eine Lektion über die Moral. Denn an diesem Zeitpunkt hegte er eine tiefe Leidenschaft für die Nichte des Kardinals Mazarin, Marie Mancini (1639-1715), die er jedoch aus Staatsräson aufgeben musste.

Trotz der Anpassung an den französischen Zeitgeschmack hat sich das Charakteristische der Musik- Sprache Cavallis erhalten, indem man Rezitative alternierend mit Deklamation und Passagen  „arioso“ im „stile concitato“ in Momenten der Verzweiflung findet. jedoch auch „Lamentos“  von starker emotioneller Kraft (z.B. das Lamento de Deianira : „Misera, ahimè, che ascolto“ und viele sehnsüchtige Liebesduette. Aber das Libretto lieferte auch viele Vorwände den großen Maschinenpark auf der Bühne zu nützen: bewegliche Staturen, entfesselte Meere, Abstieg zur Unterwelt, Erscheinung der Götter und Geister. Das alles in einer opulenten Bühnenlandschaft mit Palästen, Gärten und Grotten zum Träumen und viele anderen fantastischen Dingen. Dennoch ist der Ercole Amante für Jahrhunderte in Vergessenheit geraten und wurde erst in jüngster Zeit wieder entdeckt.

Dieses außergewöhnliche Werk ist ein idealer Repräsentant einer unermesslichen Prachtentfaltung und Herrlichkeit des XVIII. Jahrhunderts. Das einzige Manuskript das die Zeit überlebt hat ist konserviert in der Biblioteca Marciana in Venedig und enthält kostbare Präziosen der vielen „ritornelli“, der instrumentalen Original-Begleitungen, die erstaunlichen dynamischen Indikationen „„Toudoucement“, „Bien fort messieurs“). Somit hat Cavalli und der venezianische Stil entscheidenden Einfluss auf die spätere „tragédie lyrique française“  genommen und sein Rivale Lully profitierte besonders davon. Der Prolog ist eine Allegorie über die allmächtige Größe und Macht Frankreichs in dem die Sonne nie unter geht und die Götter selbst steigen herab um ihren Sohn Louis alias Sonnenkönig zu preisen. Man denkt unweigerlich an den Größenwahn und der Blindheit der Mächtigen dieser Welt. Denn knapp ein Jahrhundert später mit der Revolution ist der ganze Wahnsinnstraum wie vom Winde verweht. In der Oper selbst verfolgen wir die turbulenten Abendteuer des starken Ercole, der sich nicht scheut selbst die Götter heraus zu fordern, und symbolisch gesehen ist auch hier eine Parallele zwischen dem Halbgott und Louis zu sehen. Wie in allen barocken Operntexten folgen wir Szenen zwischen Tragik und Komik: Hass, Liebe, Wut, Rachsucht und vielen Tränen, jedoch am Ende folgt immer des Happy-End oder die Erlösung wie in diesem Fall.

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Die Premiere am 4. November 2019 in der Opéra Comique Paris: Indem Valérie Lesort und Christian Hecq (Sociétaire der Comédie Francaise) in der Inszenierung die Maschinerie des XVII. Jahrhunderts respektiert und mit modernen Mitteln integriert, wird es ein wunderschönes und komisches vergleichendes Märchen. In über drei Stunden wird ein nie ausgehendes Feuerwerk mit einem derartigen kribbelnden Ideenreichtum das Publikum verzaubern. Im Laufe der vielen Szenenwechsel erscheinen Zauberblumen in denen Venus und ihre Gefährtinnen versteckt sind, um mit Schönheit und Liebeslist neue Opfer zu finden. Monster erinnern an den Film Shrek oder an die Welt der Alice im Wunderland. Juno steigt in einem vogelschwingenden Luftschiff zu den Sterblichen herunter. Eine Art Entenhelikopter fliegt mit Diane verführerisch im Weltall um jederzeit im Sturzflug zu erscheinen. Wilde orkanartige Meere aus dem Neptun in einem U-Boot à la Jules Verne erscheint. Bänke aus Hecken geschnitten werden monsterhaft lebendig um ihre Opfer zu umschließen. Palastsäulen werden gerade zu verrückt und purzeln durcheinander. Derartige schöpferische Kräfte und erfinderische Traumvisionen sieht man selten so ideal vereint und so ist es auch ein mehr als verdienter Triumph für das Inszenierungspaar.

Ercole Amanti – Raphael Pichon und sein Regie-Konzept
youtube Trailer Opéra Comique Paris
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Raphaël Pichon und sein Ensemble Pygmalion hat das fast vergessene Werk Cavallis wunderschön in all seiner Größe und Majestät zu neuem Leben erweckt indem er den Wert und den ganzen Reichtum dieser Partition aufzeigt. Besonders hebt er Cavallis Musik als Scharnier zwischen Renaissance und Barock hervor, um gewissermaßen eine Musikbrücke für die Zukunft zu sein. Dass sein Ensemble einschließlich Chor heute zu den Großen unter den Interpreten für alte Musik zählt brauchen wir wohl nicht betonen.

Die Solisten sind von der Titelrolle bis in die kleinste Nebenrolle äußerst gut besetzt sodass es ein Hörgenuss für jeden Musikfreund ist. Ercole wird von dem jungen brasilianischen Bass Nahuel Di Pierro interpretiert. Mit seinem tiefschwarzen Timbre ist er eine Idealbesetzung für diesen robusten und naiven Helden, der teilweise fast brutale Manieren zeigt, doch im Grunde immer der naive und sogar fast trottelhafte Junge bleibt. Man denkt unweigerlich an Rollen wie Papageno oder Osmin, denn Komik, Ironie und Lächerlichkeit sind nicht weit entfernt.

Für die Göttin der Götter Giunone (Juno) hat man die große gefeierte italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus mit Recht ausgewählt. Denn ihre weich fließende dunkle samtige Stimme erzielt wahre Wunder in der Interpretation dieser schwierigen und komplexen Rolle. Mit ihren unerschöpflichen Reserven zeigte sie in vielen Stimmfarben sentimentale Gefühle aber auch drohende Autorität und rasenden Zorn.

Die Prinzessin Deianira ist die verlassene Gattin unseres Helden Ercole, hier glaubwürdig von der italienischen Mezzosopranistin Giuseppina Bridelli gesungen und gespielt. Zwischen sehnsüchtigem Klagen, tränenreicher Verzweiflung und rasender Wut manipuliert sie alle Welt um am Ende die gewünschte Rache an Ercole zu erzielen. Die Iole der jungen italienischen Sopranistin Francesca Aspromonte atmet die ungeahnte liebesvolle Atmosphäre eines naiven jungen Mädchens. Ihr in allen Tonregistern glasklarer Sopran jubiliert mit Leichtigkeit über alle Hürden des Orchesters.

Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Opera Comique Paris / Ercole Amante © DR S. Brion

Der Illo des polnischen *Tenors Krystian Adam steht ihr da ebenbürtig zur Seite um zusammen das unglückliche Liebespaar glaubwürdig zu machen. Mit seinem klaren flexiblen und leichten lyrischen Timbre war er der ideale Partner der Iole und ihre Stimmen verflochten sich in Schönheit und Einklang um die wunderschönen sehnsüchtigen Liebesduette zu meistern.

Die italienische Sopranistin Giulia Semenzato ist die Interpretin von Venere (Venus), Cinzia (Diane) und Bellezza (Schönheit) und sie schlüpft behände von einer Person zur Anderen um jedem die nötige und eigenständige Persönlichkeit zu verleihen und das in Stimme und Spiel. Der Italiener Lucca Tittoto verleiht seine imponierende Bassstimme an Nettuno um seine einzige Arie wütend und zornig umgeben von tobender Meeresgewalt meisterhaft zu schmettern.

Die beiden komischen Gestalten dieser Geschichte sind wie in fast allen venezianischen Opern und so auch in den Werken Cavallis und seines Lehrers Monteverdi szenisch integriert und interpretieren die Diener, Lakaien, Ammen, Hofnarren und die schlauen Ratgeber ihrer Herren. Sie scheinen der Comedia dell Arte entstiegen zu sein und in der Vergangenheit wurden sie ausschließlich von Kastraten gesungen, aber im Laufe der Zeit haben die Countertenor ihr Fach übernommen. Unsere Beiden nennen sich: Il Paggio und Licco. Der Erste ist der junge immer lächelnde Diener unseres Liebespaares (Iole und Illo) und in Harlekin-Manier findet er immer neue Anlässe seine Drolligkeit und Tölpelhaftigkeit unter Beweis zu stellen. Fabelhaft gesungen von dem amerikanischen Counter Ray Chenez mit einer klaren Sopranstimme die in allen Lagen natürlich klingt und nie in billigen Manierismus fällt. Licco ist schon ein alternder aber äußerst verschlagender Helfer seiner Herrin Deianira und der vor keinem Kunstgriff und Trick halt macht, um den starken Ercole für seine Herrin zur Strecke zu bringen. Eine Paraderolle für den französischen Counter Dominique Visse, der seine Aufgabe mit viel Witz und Ironie gestaltete. Seine nicht mehr sehr junge und teilweise kratzende Stimme hat er mit viel Intelligenz und Routine in Einsatz gebracht. Der Sänger war lange Zeit auf allen großen Bühnen der Welt zu Hause und schien abonniert zu sein für diese typischen Rollen.

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante hier Schlussapplaus © Peter Michael Peters

l´Opera Comique Paris / Ercole Amante hier Schlussapplaus © Peter Michael Peters

Diese Produktion ist ein großes Ereignis und ein überwältigender Erfolg bei Presse und Publikum. Sie wird danach in der Opéra Royal in Versailles gezeigt und geht höchst wahrscheinlich auf eine größere Tournee. Die Opéra Comique (auch Salle Favart genannt) ist unter Louis XIV am 26.Dezember 1714 gegründet worden und hat sich im Herzen von Paris am Platz Boieldieu etabliert. Bestehend aus einer Wanderbühne, die auf Jahrmärkten und Straßenplätzen ihre Pantomimen und Parodien unter lautem Gelächter zeigte, war der Grundstock einer neuen Truppe gelegt. Das Theater musste mehrmals aus Geldmangel schließen, oder Umziehen wegen Rechtsstreitigkeiten. Auch brannte das Haus zweimal ab im Laufe seiner ruhmreichen Geschichte. Im Gegensatz zu ihrer großen Schwester, die Opéra National, war sie von Beginn an offen für neue Werke, so wurden u.a. mit großem Erfolg Opern von Adam, Auber, Bizet, David, Massenet, Gounod und Thomas bis hin zu Debussy hier zur Erstaufführung gebracht worden. Bis zum heute Tage hat sie diese Tradition behalten, indem jede Saison mindesten eine neue Oper das Licht der Welt erblickt. Das dritte und letzte Haus ist vom Architekten Louis Bernier erbaut und die Eröffnung war am 7.Dezember 1898. Das Theater hat kein permanentes Orchester und alle Produktionen werden mit ausgeliehenen Künstlern geschaffen, jedoch eine kleine Truppe von jungen Sängern ist hier zu Hause.

Ercole Amante, Opéra Comique Paris –  Besuchte Vorstellung 4. 11 2019

–| IOCO Kritik Opera Comique Paris |—

Essen, Philharmonie Essen, Countertenor Philippe Jaroussky – Francesco Cavalli, 13.04.2019

April 12, 2019 by  
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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Philippe Jaroussky © Simon Fowler/Erato Warner Classics

Philharmonie Essen / Philippe Jaroussky © Simon Fowler/Erato Warner Classics

  Philippe Jaroussky  mit  Francesco Cavalli

 Samstag, 13. April 2019 20 Uhr  –  Philharmonie Essen

Für das Konzert mit dem Countertenor Philippe Jaroussky am Samstag, 13. April 2019, um 20 Uhr in der Philharmonie Essen sind noch einige Karten erhältlich. Gemeinsam mit dem Ensemble Artaserse präsentiert der französische Sänger in der Reihe „Alte Musik bei Kerzenschein“ ein Programm mit Arien von Francesco Cavalli. Intensiv hat sich Jaroussky mit den 37 Opern des italienischen Frühbarock-Komponisten beschäftigt und aus etwa einem Dutzend sein Recital zusammengestellt. „Der Reichtum und die Modernität seiner Werke ist wirklich bemerkenswert“, sagt der Sänger. „Eine solche Bandbreite an schier grenzenloser Fantasie, Humor und Emotion ist in den Opern seiner Zeit sonst nicht zu finden.“ Francesco Cavalli (1602 bis 1676) kam als Jugendlicher nach Venedig und war noch Schüler des „Opernerfinders“ Claudio Monteverdi. Als in der Lagunenstadt die ersten Opernhäuser entstanden, in denen die neue Gattung vor allem zur Karnevalszeit auf dem Spielplan stand, wurden seine Werke beim bunt maskierten Publikum zum Dauerbrenner.

Karten (Preis: € 30,00 – 50,00) und Infos unter T 02 01 81 22-200 und www.philharmonie-essen.de.

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Linz, Landestheater Linz, Premiere LA ROSINDA von FRANCESCO CAVALLI, 16.09.2017

September 14, 2017 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

LA ROSINDA von FRANCESCO CAVALLI

Text von Giovanni Faustini | In italienischer Sprache mit Übertiteln Eine Produktion des Oberösterreichischen Opernstudios, Kooperation mit dem Institut für Alte Musik der Anton Bruckner Privatuniversität

Premiere Samstag, 16. September 2017, 20.00 Uhr, BlackBox Musiktheater(19.30 Uhr Einführung in der BlackBox Lounge), weitere Vorstellungstermine: 19., 21., 23., 26., 28., 30. September; 2. Oktober 2017

Der venezianische Komponist Francesco Cavalli komponierte im 17. Jahrhundert Opern, in denen große Emotionen auf derb Schwankhaftes, Liebe auf Hass, Vernunft auf Wahnsinn, Magisches auf Realistisches treffen. Somit sind seine Werke so prall wie das Leben selbst. Das kann man La Rosinda erfahren, wenn zwei verliebte Zauberinnen mit allen Mitteln um denselben Mann kämpfen. Magische Tränke, Riesen, Raserei, Hexen, Zwerge – all dies trägt mit dazu bei, dass sich die Gefühlsverwirrungen von Rosinda, Nerea und Clitofonte zum anteilnehmenden Vergnügen des Publikums immer mehr steigern.


Zum Stück LA ROSINDA   

Das englische Theater hatte im Frühbarock einen William Shakespeare, die italienische Oper hatte in dieser Zeit Claudio Monteverdi und seinen Schüler und Kollegen Francesco Cavalli: Wie der große Dramatiker, so schufen auch diese beiden Komponisten Werke, in denen überbordende Emotionen auf derb Schwankhaftes, Liebe auf Hass, Vernunft auf Wahnsinn, Jung auf Alt, Magisches auf Realistisches treffen. Mit anderen Worten: Ihre Werke sind so prall wie das Leben selbst.

Das kann man auch in Cavallis La Rosinda erfahren, wenn man Zeuge wird, wie eine Königin und eine Prinzessin mit allen Mitteln um denselben Mann kämpfen. Zaubertränke, Riesen, Raserei, Hexen, Zwerge – all dies trägt mit dazu bei, dass sich die Gefühlsverwirrungen von Rosinda, Nerea und Clitofonte zum anteilnehmenden Vergnügen des Publikums immer mehr steigern. Kontrastiert werden diese Figuren, denen in ihrer Liebespein nachgerade tragische Dimensionen zukommen, durch wahrhaft drollig-komische Szenen der Diener, die mit ihren Späßen den Unterhaltungsfaktor der Oper nochmals erhöhen. Cavalli kleidet diese ebenso wilde wie anrührende Geschichte in eine bohrend-emotionale Klangsprache, die auch mit einem Abstand von über 350 Jahren noch durch ihre Frische und Direktheit für sich einnimmt.

Bei Cavallis La Rosinda gibt es mehrere Momente, bei denen die Grenzen zwischen der Virtualität der gezeigten Vorgänge und der Wirklichkeit der konkreten Aufführung ineinanderfließen. Man denke nur daran, dass bereits die noch junge Oper eine Vorliebe hatte für Geschichten, in denen Zauberinnen und Magie eine Rolle spielen. Dabei sollte man sich auch immer vor Augen führen, dass gerade im 17. Jahrhundert nicht nur die Oper ihre erste Blüte erlebte, sondern auch – zumindest nördlich der Alpen – die Hexenprozesse, was Zahl und Brutalität angingen, einem traurigen Höhepunkt zustrebten. Zauberei und Magierinnen waren also gar nicht so weit entfernt von der Realität des damaligen Publikums, wie man es aus der aufgeklärten Perspektive des 21. Jahrhunderts denken möchte. Freilich interessierte die italienische Oper des 17. Jahrhunderts weniger die in realen Prozessen unschuldig verurteilten Frauen als vielmehr sagenumwobenem fiktive Zauberinnen. Dabei waren es vor allem drei Magierinnen, die es den Librettisten und Komponisten derart angetan haben, dass sie ihnen in unzähligen Werken ihre Reverenz erwiesen. Die Rede ist dabei von der aus Homers Odyssee bekannten Zauberin Circe, von Armida, die in Torquato Tassos (1544 – 1595) berühmten Epos Il La Gerusalemme liberata (Das befreite Jerusalem) ihre magischen Künste unter Beweis stellt, und von Alcina, der Ludovico Ariosto in seinem nicht weniger gepriesenen Epos Orlando furioso (Der rasende Roland) ein literarisches Denkmal gesetzt hatte. Nerea ist zwar eine von dem Rosinda-Librettisten Giovanni Faustini erfundene Gestalt, die aber natürlich in der Tradition der drei genannten Magierinnen steht. Es war die von diesen Zauberinnen ausgehende Kraft der Verführung, der Opernhelden wie Rinaldo, Ruggero oder eben Thisandro und Clitofonte zum Opfer fallen, die die Komponisten so reizte. Denn hier bilden eben Inhalt und Form eine Einheit. Denn so wie die Zauberinnen die widerstrebenden Männer durch ihre magischen Künste und ihre Anmut verführen, so betörte auch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die neue Kunstform der Oper ihr Publikum. Und von dieser magischen Faszinationskraft hat das Musiktheater bis heute nichts eingebüßt.


Die  BLACKBOX  in Linz

Die BlackBox im Musiktheater ist ein Spielort, der  für die Inszenierungsteams, die für diesen Raum Produktionen erarbeiten, einige Verlockungen bereithält. So ist die BlackBox eigentlich darauf ausgerichtet, dass man die Raumaufteilung, die Platzierung des Publikums oder die Anordnung von Bühne und Orchester für jede Premiere neu definiert. Allerdings ist diese Idealvorstellung im normalen Repertoirealltag des Theaters nur schwer zu realisieren, da sie die personellen Kapazitäten der Bühnentechnik übersteigt. Deshalb musste in der Vergangenheit leider darauf verzichtet werden, die BlackBox an jedem Abend neu umzubauen.

Um den Raum ab der Spielzeit 2017/2018 künstlerisch besser nutzen zu können, wird der Vorstellungsbetrieb in der BlackBox neu organisiert: Statt der bisherigen Repertoirebespielung wird in der BlackBox nun das so genannte Stagioneprinzip eingeführt. Während im Repertoiresystem über einen längeren Zeitraum unterschiedliche Stücke abwechselnd gespielt werden, präsentiert das Stagioneprinzip exklusiv ein Werk mit möglichst vielen Aufführungen in einem kurzen Zeitraum. Die Kapazitäten der BlackBox können so zum Vorteil des Publikums künstlerisch optimal genutzt werden.


ANNE MARIE DRAGOSITS – MUSIKALISCHE LEITUNG

Anne Marie Dragosits wurde 1974 in Tirol geboren, sie studierte Cembalo bei Wolfgang Glüxam an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien und bei Ton Koopman und Tini Mathot am Koninklijk Conservatorium Den Haag. Sie besuchte Generalbasskurse bei Lars Ulrik Mortensen und Jesper Christensen.

Sie tritt als Solistin und als begehrte Continuospielerin in ganz Europa auf und spielt regelmäßig mit Kammermusikformationen wie vivante, les sentimens, musica alchemica, Barocksolisten München oder l’Arcadia sowie mit Orchestern wie barucco, l’Orfeo Barockorchester, Capella Leopoldina, Marini Consort Innsbruck oder Camerata Salzburg.

Ihr Ensemble vivante gewann im Mai 2005 den ersten Preis beim J.H.Schmelzer Wettbewerb der Internationalen Barocktage Stift Melk, seitdem spielte vivante bei wichtigen europäischen Festivals wie den Resonanzen im Wiener Konzerthaus, beim Festival van Vlaanderen Brugge, der Residenzwoche München, Rheinvokal, Itinéraire baroque oder in der Villa I Tatti in Florenz. 2014 war vivante u.a. zu Gast beim Utrecht Festival oder im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, 2015 begann für das Ensemble mit einem Kapsperger-Konzert bei den Resonanzen.

Im Juni 2017 eröffnete vivante & concerto delle dame im Schloss von Gesualdo / Avellino die neue Dauerausstellung mit Nachbauten der Instrumenten von Carlo Gesualdo, Principe di Venosa – rekonstruiert nach einem im Archivio Segreto Vaticano entdeckten Inventar.

 Sie unterrichtet Cembalo auf Meisterkursen wie zum Beispiel für die Trigonale / Kärnten (seit 2010), Aestas musica in Varazdin (seit 2012), am Real Conservatorio Superior de Música de Madrid (2008), dem Conservatoire National Régional in Paris (2007) und an den Musikakademien Belgrad (2009 und 2014) oder Warschau (2013). Regelmäßig korrepetiert sie bei Meisterkursen und Wettbewerben, wie bei den Festwochen der Alten Musik Innsbruck, den Internationalen Tagen für Alte Musik Weinberg, der Akademie für Alte Musik Bruneck, dem Internationalen Wettbewerb für Alte Musik in Brunnenthal oder am Mozarteum Salzburg.

Anne Marie Dragosits schloss im Dezember 2012 ihr künstlerisches  Doktorat über „Giovanni Girolamo Kapsperger (ca.1581-1651): Betrachtungen zu seinem Leben und Umfeld, seiner Vokalmusik und seinem praktischen Material zum Basso continuo-Spiel“ im Rahmen des Programms docARTES in Holland / Belgien ab. Eine Revision des biographischen Teils ist in Arbeit und wird 2018 mit zusätzlichen neuen Informationen in Buchform erscheinen.

Sie spielt ein zweimanualiges frankoflämisches Cembalo nach Ruckers von Titus Crijnen, Amsterdam 2000, und ein italienisches Cembalo nach Vorbildern des frühen siebzehnten Jahrhunderts von Gianfranco Facchini, Ravenna 2007.


GREGOR HORRES –  INSZENIERUNG

 Gregor Horres Foto IOCO

Gregor Horres Foto IOCO

Der deutsche Regisseur Gregor Horres studierte zunächst Kunstgeschichte. 1991 wurde er Assistent von Karl Kneidel und Gerd Heinz am Staatstheater Darmstadt und wechselte mit diesem Team 1993 nach Freiburg, wo er begann, selbst Regie zu führen.

1998 wurde er Oberspielleiter des Theaters Bielefeld. In dieser Zeit inszenierte er unter anderem Orpheus und Eurydike (Gluck), Hänsel und Gretel (Humperdinck), Die Meistersinger von Nürnberg (Wagner), Rusalka (Dvo?ák), Carmen (Bizet) und Die Zauberflöte.

Als Gastregisseur war er bei den Freilichtspielen Tecklenburg (Benatzky: Im Weißen Rössl), an der Oper Ljubljana, Slowenien (Ullmann: Der Kaiser von Atlantis), an den Vereinigten Bühnen Mönchengladbach-Krefeld (Rihm: Oedipus) und bei den Opernfestspielen Savonlinna, Finnland (Offenbach: Les Contes d’Hoffmann).

Als freier Opernregisseur inszenierte er ab der Spielzeit 2005/2006 La Traviata (Verdi), Der Kreidekreis (Zemlinsky), Einstein (Dessau) und Un ballo in maschera (Verdi) an verschiedenen deutschen Bühnen.

In den letzten Jahren kamen dazu: Manon Lescaut (Puccini) in Regensburg, Lucia di Lammermoor (Donizetti) in Biel, Der fliegende Holländer (Wagner) und Die Frau ohne Schatten (R. Strauss) in Mannheim, Rigoletto und La Traviata (Verdi) in Hagen, Wozzeck (Berg) und Andrea Chénier (Giordano) in Innsbruck, L’italiana in Algeri (Rossini) in Dortmund, Das Gesicht im Spiegel (Jörg Widmann) an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, Pique Dame (Tschaikowsky) in Erfurt, Tosca (Puccini) in Bremerhaven und L’Africaine (Meyerbeer) in Würzburg, Selma Jezková (Dancer in the dark – von Poul Ruders), La Bohème am Staatstheater in Schwerin, Don Quichotte von Massenet und Fidelio am Stadttheater Hagen, Gegen die Wand von Ludger Vollmer an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf sowie Cimarosas Der Operndirektor in Lübeck.

2015/2016 inszeniert er Die lustigen Weiber von Windsor in Würzburg und Der Rosenkavalier in Hagen.

Seit Oktober 2008 unterrichtet er szenische Gestaltung an der Hochschule für Künste in Bremen. Ab der Spielzeit 2016/2017 ist Gregor Horres Leiter des Oberösterreichischen Opernstudios am Landestheater Linz.


JAN BAMMES – BÜHNE UND KOSTÜME

Jan Bammes wurde in Freital/Sachsen geboren und studierte in Dresden an der Hochschule für bildende Künste Bühnen- und Kostümbild bei Prof. Werz. Sein erstes Engagement hatte er an den Städtischen Bühnen Magdeburg als Bühnen- und Kostümbildner. Weitere Stationen waren u. a. Halle/Saale und Potsdam. Anschließend übernahm er die Ausstattungsleitung am Landestheater Schwaben/Memmingen. Dort gewann er den Bayerischen Förderpreis für die Ausstattung zur Produktion Amphytrion. In der Saison 1997/1998 wechselte er in derselben Position an die Städtischen Bühnen Osnabrück. Seit der Spielzeit 2007/2008 ist er Ausstattungsleiter am Theater Hagen. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn mit dem Regisseur Gregor Horres, mit der u. a. am Tiroler Landestheater Innsbruck, in Schwerin und Hagen arbeitete.

Besetzung: Nerea, Königin von Corcira, Geliebte des Clitofonte – Fenja Lukas, Rosinda, Prinzessin von Corinto, geliebt von Thisandro und verliebt in Clitofonte – Julia Grüter; Clitofonte, Fürst von Creta, entflammt für Rosinda – Xiaoke Hu; Rudione, Rosindas Knappe Rastislav Lalinsky; Thisandro, Fürst von Argo, verratener Liebhaber Rosindas – Justus Seeger, Plutone Nikolai Galkin, Proserpina Ilia Staple; Vafrillo, Page der Nerea Onur Abaci; Cillena Aurilla, Zofe der Nerea Isabell Czarnecki; Meandro, Magier, Nereas Erzieher Nikolai Galkin; Ein Instrumentalensemble Boyana Mayhalovska* (Barockvioline), Nina Pohn* (Barockvioline), Eva Mizerova* (Blockflöte),  ……..

Musikalische Leitung Anne Marie Dragosits,  Inszenierung Gregor Horres, Bühne und Kostüme Jan Bammes,  Dramaturgie Christoph Blitt. PMLThLi

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