Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, 20.06.2019

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

„Treu Dir bis zum Tod!“

Vorstellungen 20. / 23. / 30. (nm) Juni 2019,  03. Juli 2019

Neu besetzt: Richard Wagners Der fliegende Holländer kehrt am 20. Juni 2019 auf die Stuttgarter Opernbühne zurück; David Afkham dirigiert

Ab Donnerstag, 20. Juni 2019, um 19 Uhr ist Richard Wagners Der fliegende Holländer in der Inszenierung von Calixto Bieito wieder auf der Stuttgarter Opernbühne zu erleben. Es dirigiert der aus Freiburg stammende David Afkham, der seit 2014 Chefdirigent des Spanischen Nationalorchesters in Madrid ist.

In der Titelpartie gibt John Lundgren sein Hausdebüt. Der schwedische Bariton sang diese Partie bereits bei den Bayreuther Festspielen. Weitere wichtige Engagements führten ihn zuletzt als Wotan im Ring des Nibelungen an das Royal Opera House Covent Garden und an die Hamburgische Staatsoper, als Jack Rance in Puccinis La Fanciulla del West an die Bayerische Staatsoper sowie als Graf Tomsky in Tschaikowskis Pique Dame an das Royal Opera House Covent Garden. Die ebenfalls aus Schweden stammende Sopranistin Elisabet Strid ist eine gefragte Interpretin der großen Strauss- und Wagner-Partien ihres Fachs. In Stuttgart gibt sie als Senta ihr Hausdebüt. Auch die weiteren Hauptpartien sind mit Ks. Liang Li (Donald), Ks. Matthias Klink (Georg) und Daniel Kluge (Steuermann) aus dem Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart sowie Fiorella Hincapié (Mary) aus dem Internationalen Opernstudio der Staatsoper Stuttgart hochkarätig besetzt.

Gespielt wird die Pariser Urfassung aus dem Jahr 1841. In Wagners früher Oper wurde der Holländer von Satan selbst dazu verdammt, ruhelos auf den Weltmeeren zu kreuzen. Alle sieben Jahre darf er an Land, um eine Frau zu freien, die ihm Treue hält bis in den Tod. Calixto Bieito führt den Holländer aus der Hölle der ewigen Wiederkehr in die eiskalten Wasser egoistischer Berechnung. In der hyper-kapitalistischen Gesellschaft der Inszenierung gilt der Mensch nur so viel, wie er einbringt.

Vorstellungen 20. / 23. / 30. (nm) Juni 2019,  03. Juli 2019

Musikalische Leitung David Afkham, Regie Calixto Bieito, Choreographische Mitarbeit Lydia Steier, Bühne Susanne Gschwender, Rebecca Ringst, Kostüme Anna Eiermann
Licht Reinhard Traub, Dramaturgie Xavier Zuber,  Chor Manuel Pujol

Mit:  Donald Liang Li, Senta Elisabet Strid, Georg Matthias Klink, Mary Fiorella Hincapié, Der Steuermann Daniel Kluge, Der Holländer John Lundgren, Dämon Manni Laudenbach, Staatsopernchor Stuttgart, Zusatzchor der Oper Stuttgart (Geisterchor)
Staatsorchester Stuttgart

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Lemberg, Lviv National Opera, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv

Lohengrin – Richard Wagner

– Das Publikum wird zum Teilnehmer –

von Adelina Yefimenko

Die Nationaloper Lviv, Ukraine begeisterte sein Publikum mit einer Neuproduktion des Lohengrin. Erstaunlich, wie eine enthusiastische Zusammenarbeit des internationalen Teams, initiiert von Intendant Vasyl Vovkun, die Oper ins Zentrum des Kulturlebens stellte, während des Krieges, der die Ukraine seit 2014 belastet. 2018 kamen auf die Lviver Bühne neue Opern- und Ballett-Inszenierungen Mozarts, Strawinskys und Stankovychs. Das Kultusministerium der Urkaine unterstützt keine Opernprojekte. Und mehr als zwei Neuproduktionen je Saison stemmt kein ukrainisches Opernhaus. Die Lviv Nationaloper geht mit „Hilfe zur Selbsthilfe“ voran und verdient das Geld teilweise mit innovativen Projekten im prächtigen Spiegelsaal – ein stolzer Bestandteil der goldglänzenden Innerarchitektur aus der Habsburger Monarchie.

Die Rückkehr Richard Wagners in die Urkraine wurde trotz des sowjetischen Hausverbots in der Nachkriegszeit in Angriff genommen. In den 70-er feierte die Nationaloper die Wiederkehr von Tannhäuser nach der ersten Premiere 1867. Die Neuproduktion Lohengrin nun, entwickelte sich aus der Idee des Dirigenten Myron Yusypovych, der die Partitur-Ausgabe 1902 von Lohengrin entdeckte und die Arbeit mit dem deutschen Regisseur Michael Sturm begann. Die Bühne und Kostüme kreierte der Österreicher Matthias Engelmann.

Lohengrin  –  Richard Wagner
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Die Kooperation ukrainischer Opernhäuser mit deutschen Regisseuren war immer erfolgreich. Bei der Neuinszenierung des Fliegenden Holländer 2013 zum 200-jh. Jubiläum Wagners an der Donbass Oper führte Mara Kurotschka Regie. Die Produktion war ein riesiger Erfolg, bis 2014 mit der Verwüstung Donezk auch die gesamten Bühnenbilder, Kostüme zerstört wurden.

Lohengrin hatte mehr Glück. Seit seiner ersten Premiere 1877 in Lviv avancierte Lohengrin zu einem der beliebtesten Werke des Publikums und wurde auf Deutsch und Polnisch inszeniert. Zum Repertoire ukrainischer Opernhäuser zählten zudem auch Rienzi, Der Fliegende Holländer und Der Ring des Nibelungen.

Die aktuelle Version vereinnahmt das Publikum als Teilnehmer. Wieder eine neue originelle Lesart des Theaters im Theater! Comedia-dell’arte spielt an der Oberfläche. Der Schwan kommt aus dem Zuschauerraum auf die Bühne wie ein Riesen Weichtier. Die Akteure Heinrich als Märchenkönig, Lohengrin als Pagliaccio, Telramund als Samuraj besuchen verträumte, (sic!) traumatische Frauen, die zwei Gruppen bilden: die blau-haarigen Träumerinnen (wie Elsa) und rot-haarigen Kämpferinnen (wie Ortrud). Elsa erscheint ihr Traummann als Weißclown, der ihr sagt: „Elsa, ich liebe Dich“ und später: „Nie sollst Du mich befragen“. Damit scheitern alle Hoffnungen auf die bedingungslose Liebe.

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

Dank der schrillen Schönheit der Lichtgestaltung erkennt man nicht sofort, dass dieses „Theater im Theater“ in einer psychiatrischen Klinik spielt. Die Kleider mit überlangen Ärmeln gleichen Zwangsjacken. An einem Ort, an dem der ewige Alltag ins Irreale abdriftet und lang verborgene Erinnerungen in die Realität einbrechen, verlieren sich junge Mädchen in ihre Träume. Im zweiten Akt verbleiben auf der Bühne von achtundzwanzig Krankenbetten nur zwei. Dadurch wirken die Paare Elsa/Lohengrin und Ortrud/Telramund optisch klein und puppenhaft. Die Assoziationen zu Alice im Wunderland liegen auf der Hand. Für seine Männer-Gestalten benötigte Regisseur keine Helden-Tenöre. Allerdings zeigten sie sich in beider Besetzungen auch vokal als schwach (Nutthaporn Thammathi, Roman Corentsvit). Während die Frauen in beiden Besetzungen hervorragend agierten, besonders die Mezzosopranistinnen mit guten Wagner-Stimmen (Olesia Bubela, Alla Rodina als Elsa und Mariia Berezowska, Liudmyla Savchuk als Ortrud).

In Brabant waltet der Heerrufer des Königs als Conférencier (schauspielerisch präsentabel Mykola Kotnutiak). Am Ende ruft er in den Zuschauerraum: „Seht da, den Herzog von Brabant!“. Im ukrainischen Opernhaus „am Vorabend“ der Präsidenten-Wahl mit der Rekordzahl an Bewerbern (39) spannt dieses absurde Theater einen Bogen in die Politik-Groteske. „Wenn wir mit der alten Welt gebrochen haben und die neue noch nicht formen können, tritt die Satire, die Groteske, die Karikatur, der Clown und die Puppe auf“ – diese Zeilen des Dadaisten Raoul Hausman könnte als Schlüssel für diese Inszenierung gelten, die ohne Aktualisierung eine Synthese von Mythos, Comedia-dell’Arte, Psychonalyse, Farce schafft. Die monotone Drehung eines Riesenventilators an der Bühnenwand bildet ein in sich bewegliches Symbol der Zeitlosigkeit.

Das Frageverbot in Lohengrin wird in der Lviv National Opera unter diesem Blickwinkel zum Freiheitsverbot. Das Theater, so  Michael Sturm, soll Fragen stellen, das Publikum zur Selbstreflexion anzuregen.

National Opera Lviv - Lemberg / Der prächtige Besucherraum © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv – Lemberg / Der prächtige Besucherraum © Ruslan Lytwyn

Lviv National Opera – Nationaloper  Lemberg

Die Lviv National Opera,  Opern- und Ballettheater in Lviv, Lemberg, (Lemberger National Oper) ist das älteste Opern- und Ballettheater der Ukraine. Die Amtsbezeichnung des Theaters bei der Gründung war „Stadttheater“. Architekt Zygmund Gorgolewski (Absolvent der Berliner Bauakademie) baute dies „Stadttheater“ als Theater der Hauptstadt Lemberg (heute Lwiw oder Lviv), welche damals die Hauptstadt des Kronlandes Galizien in der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie war. Am 4. Oktober 1900 wurde das Stadttheater feierlich eröffnet. Das historische Gebäude war in den klassischen Traditionen mit den Elementen der Renaissance und des Frühbarock gehalten. An der Ausstattung des Theaters arbeiten die besten Meister von Lemberg und der ganzen Alten Welt. Das Gebäude überrascht mit der Üppigkeit des Dekors.

Um dieses in den 70-80 Jahren des 20 Jh. zu erneuern wurde 5 kg Blattgold benutzt. Der Zuschauerraum Auditorium ist in Lyraform gehalten und ist von guter Akustik gezeichnet. Er fasst 1070 Besucher und ist in der traditionellen Form eines Logentheaters gestaltet.
Das Repertoire ist dabei sehr vielfaltig und reicht von den Werken des 18 Jahrhunderts. bis zu Kompositionen der Gegenwart: Gluck, Mozart, Donizetti, Verdi, Bizet, Puccini, Mascagni. Alle Werke werden in der Originalsprache aufgeführt.

—| IOCO Kritik National Opera Lviv – Lemberg |—

Cottbus, Staatstheater Cottbus, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritk

Mai 20, 2019 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

– Die Meistersinger mutieren zum formidablen Fliegenden Holländer –

von Thomas Kunzmann

Eigentlich sollten 2019 am Staatstheater Cottbus, nach längerer Wagner-Pause, Die Meistersinger von Nürnberg Premiere feiern, Regie Martin Schüler. Doch die Inszenierung der Meistersinger wurde kurzfristig getauscht.  Der fliegende Holländer, inszeniert von Jasmina Hadziahmetovic, hatte nun Premiere am Staatstheater. Eine eigen(artig)e Geschichte zahlreicher Irrungen und Wirrungen.

Die Vorgeschichte:  Martin Schüler, der unter anderem bei Ruth Berghaus studiert hatte, kam unter Christoph Schroth 1991 zuerst als Operndirektor nach Cottbus, nach Schroths Ausscheiden übernahm er 2003 zusätzlich die Intendanz des Hauses. Nach langer Wagner-Pause sollte es 2019 Die Meistersinger von Nürnberg in seiner Regie geben. Doch dann kam alles anders. Durch ein Facebook-Posting eines musikalischen Mitarbeiters, in dem offen Missstände im Umgang mit Musikern und Sängern am Staatstheater Cottbus angesprochen wurden, geschrieben in Form eines offenen Briefes, brachte die Grundfesten des wunderschönen Jugendstil-Baus zwischen Dresden und Berlin ins Schwanken. Offensichtlich veröffentlicht, nachdem eine interne Klärung mehrfach versucht worden war, jedoch erfolglos blieb. Dem Mitarbeiter wurde binnen einer Woche fristlos gekündigt.

Der fliegende Holländer –  Richard Wagner
youtube Trailer Staatheater Cottbus
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Speziell ging es um den Führungsstil des damaligen GMD Evan Alexis Christ, dessen Vertrag gegen den Willen des Orchesters frisch verlängert worden war. Der in Los Angeles geborene,  einer Musikerfamilie entstammende  Christ war 2008 nach Stationen in Würzburg und Wuppertal als einer der jüngsten GMD’s Deutschlands nach Cottbus gewechselt, brachte frischen Wind in das Haus. In seiner Zeit, in der er die meisten Opernproduktionen sowie ca. 6 der 8 jährlichen Philharmonischen Konzerte dirigierte, kamen bei den Konzerten etwa 60 Uraufführungen auf die Lausitzer Bühne. Bereits 2010, zwei Jahre nach seinem Amtsantritt, wurde er zum „Cottbuser des Jahres“ gewählt. 2011 gewann das Orchester mit ihm den Preis des Deutschen Musikverleger-Verbands für das beste Konzertprogramm aller deutschsprachigen Orchester.

Einige alteingesessene Besucher „schreckte“ das neue Konzept; Christ stellte sich charmant den entstandenen Diskussionen – aber gleichzeitig gewann er junges Publikum für das Theater. Der Abonnement-Verkauf stieg auf sagenhafte 95%. Und so kam selbst für Gäste, die regelmäßig das Haus besuchten, diese Wendung äußerst überraschend. Nach der Veröffentlichung des besagten Postings  gab es offenbar einen Konsens darüber, die nun ins Rollen geratene Bewegung so lärmfrei wie möglich zu gestalten: Funkstille der Beteiligten nach außen.

Staatstheater Cottbus /  DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Szenenfoto hier vl . Andreas Jäpel (Holländer), Hardy Brachmann (Steuermann), Ulrich Schneider (Daland) © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus /  DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Szenenfoto hier vl . Andreas Jäpel (Holländer), Hardy Brachmann (Steuermann), Ulrich Schneider (Daland) © Marlies Kross

Dennoch, die Brandenburgische Kulturstiftung war alarmiert und musste den Vorfällen nachgehen, woraufhin Evan Christ zunächst bis zum Ende der Saison 2017/18 beurlaubt wurde. Die Vermittlungsversuche des Intendanten zwischen den Parteien scheiterten. Der Vertrag von Evan Christ wurde aufgelöst, Martin Schüler hatte das Vertrauen der Mitarbeiter verloren, versäumte außerdem, sich der Situation zu stellen und sich bei den Betroffenen zu entschuldigen, dass er ihre auch an ihn herangetragenen Nöte nicht ernst genug genommen hatte. Zumindest das hätte die Belegschaft erwartet, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Schüler übernahm, wie es immer so schön heißt, die volle Verantwortung und legte nach 83 Inszenierungen am mittlerweile einzigen Vier-Sparten-Haus Brandenburgs zum Ende der Saison 17/18 sein Amt nieder. Die Kündigung des Mitarbeiters, der dies alles ausgelöste hatte, wurde übrigens zurückgenommen.

In seiner Amtszeit inszenierte Martin Schüler vier Wagner-Opern: 1993 Lohengrin, 1997 Der fliegende Holländer, 1999 Tannhäuser. 2003 begann der zu Beginn „semiszenisch“ genannte Ring des Nibelungen, der über 10 Jahre geschmiedet werden sollte, um 2013, dem großen Wagner-Jahr, vollendet zu werden. Das Orchester spielte auf der Bühne, die Bühnenbilder entsprechend reduziert. Vieles im aktuellen Mindener Ring erinnert an Cottbus, wobei erstaunlich wenige Gäste zum Einsatz kamen. In den Hauptrollen war es besonders die Partie des Siegfried (Peter Svensson im Siegfried, Craig Birmingham in der Götterdämmerung). Seit dem Weggang des hünenhaften John Pierce, der noch im Rheingold die Partie des Loge sang, gab es am Haus keinen Heldentenor mehr. Kurzfristig sprangen auch interessante Gäste ein wie Antonio Yang oder Thomas de Vries als Alberich, letzterer ein früheres Ensemble-Mitglied. 2014 hieß es, man wolle (und könne) nur alle zwei Jahre Wagner-Opern herausbringen, Schüler ließ einmal beiläufig durchblicken, er wäre sogar daran interessiert, eines der Frühwerke zu inszenieren. Doch erst im Spielplan 2018/19 stand Wagner wieder auf dem Programm – Die Meistersinger.

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Tanja Christine Kuhn als Senta © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Tanja Christine Kuhn als Senta © Marlies Kross

Ende März 2018 brachen die oben genannten Ereignisse über das Haus herein …

Interimsintendant ist Dr. René Serge Mund. Der promovierte Volkswirt ist mit dem Haus bestens vertraut, war er doch 1992-96 und 2005-12 dort Geschäftsführender Direktor. Im April 2019 wurde der Schweizer Stephan Märki vom Stiftungsrat der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus-Frankfurt (Oder) aus angeblich 30 Kandidaten einstimmig zum künftigen Intendanten und Operndirektor am Staats­theater Cottbus gewählt. Er wird zur Spielzeit 2020/21 das Amt antreten.

Stephan Märki hat bisher noch nicht am Staatstheater Cottbus gearbeitet. Er war aber Intendant des Hans-Otto-Theater Potsdam, welches er verließ, als sich die Abwicklung des Musiktheaters nicht mehr abwenden ließ. Das Staatstheater Cottbus bespielt seit einigen Jahren die Bühne des Hans-Otto-Theaters Potsdam mit nahezu allen eigenen Opernproduktionen. Nach Ausscheiden von Martin Schüler wurde die Spielplanung 2019/20 des Staatstheater Cottbus umgestellt; Meistersinger wurden durch den Fliegenden Holländer ersetzt.  Regisseur wurde nun Christiane Lutz. 2017 hatte sie erfolgreich Wozzeck in Cottbus inszeniert, die Bühne dazu entwickelte damals schon Natascha Mavaral, mit der Lutz bereits öfters gearbeitet hatte. Aber erneut kam etwas dazwischen: Lutz, Lebensgefährtin des Star-Tenors Jonas Kaufmann, wurde schwanger und konnte ihrer Regieverpflichtung nicht nachkommen. Jasmina Hadziahmetovic ersetzte Lutz. An Wagner-Erfahrung bringt  eine Zusammenarbeit mit Calixto Bieito mit: beide inszenierten 2017 den Tannhäuser am Stadttheater Bern.

Die nun gezeigte Inszenierung des Fliegenden Holländers am Staatstheater Cottbus wurde so von zahlreichen ungeplanten Ereignissen geprägt, welche kurzfristige Reaktionen erzwangen.

Das von Natascha Maraval gefertigte Bühnenbild ist von ebenso beeindruckender Schlichtheit wie Ausdrucksstärke. Düstere Romantik im Stile Caspar David Friedrichs, dessen „Mönch am Meer“ optisch Pate stand. Symmetrisch säulenartige Mauern versperren den Blick nach rechts und links, sorgen jedoch für einen äußerst sängerfreundlichen Raum. Ein verdorrter Baum, Sinnbild der verlorenen Hoffnung, Leitern, die ins Nichts führen. Mit dem rückwärtigen Blick auf das Meer als natürliche Begrenzung und nach vorn der Blick ins Unbekannte, schuf Maraval eine Atmosphäre, die optisch an „Stalker“, einen Film des russischen Regisseurs Andrei Tarkowski erinnert: An einem bestimmten, von unbekannter Kraft, vielleicht einer Atomkatastrophe zerstörten Raum, gehen – glaubt man der Legende –  die geheimsten, innigsten Wünsche in Erfüllung. Während der Eine sich darin sein einstiges Leben zurückersehnt, will der Andere diesen Raum zerstören, weil er dessen Missbrauch fürchtet. Der Raum ist stark und prägt die Charaktere. Potenziert wird die Wirkung durch eine Projektion (Video: Ron Petraß) Sentas in diesen Raum hinein, bereits beim Einlass, lange vor der Ouvertüre, unbeweglich verharrend, den Holländer herbeiwünschend, wie ein Gemälde, das mit der Musik unmerklich zu leben beginnt. Wie aus dem Nichts, von ihr ersehnt, materialisiert sich der Holländer, Senta geht auf ihn zu und wird eins mit ihm.

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Hardy Brachmann als Steuermann und Herren des Chores © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Hardy Brachmann als Steuermann und Herren des Chores © Marlies Kross

Hadziahmetovic entwirft Figuren der Einsamkeit. Das ist plausibel, wenn auch nicht gerade neuartig. Außenseiter, ohne Anerkennung, nur ihrer inneren Antriebskraft folgend. Allein der Auftritt des Holländers macht unmissverständlich klar: wäre ihm die Möglichkeit gegeben, sein Leid zu beenden, er täte es ohne zu zögern, und würde er die Welt mit hinabreißen. Senta handelt in einer Mischung aus Trotz und pubertärer Schwärmerei. Mit dem Holländer-Bild und Schiffsmodell sucht sie ihr Umfeld zu provozieren. Ihr Koffer ist von Anfang an gepackt, sie will der bedrückenden Enge entfliehen.

Leider ist gut gedacht nicht immer gut gemacht. Die Regie lässt den Figuren allzu viel Freiraum, ihre Charaktere selbst zu gestalten. Das gelingt mit dem Steuermann, dem Holländer und Mary, scheitert allerdings an Daland. Welche Gründe könnte es geben? Warum verhökert er seine Tochter bereitwillig für beliebigen Tand an den Fremden? Not? Habsucht? Dafür tritt er zu weltmännisch als erfolgreicher Kapitän auf. Ist es der Erkenntnis geschuldet, dass Daland im Holländer Sentas ersehnten Traummann erkennt? Auch dafür bietet die Regie leider keine glaubhaften Anhaltspunkte.

Stark wiederum die Szene des ersten Aufeinandertreffens des Holländers auf Senta. In beiden spürt man das gegenseitige Erkennen sowie das Bewusstsein für die Bedeutung der Situation, wie sie sich umkreisen, die Blicke nicht voneinander lassen, als müssten sie voreinander bestehen, das „Hier bin ich, deine Erlösung, erkennst du mich als diese an?“ von ihr, sich wandelnd von der vorangegangenen Widerborstigkeit ins Butterweiche, und sein Hin- und Hergerissensein zwischen „Kann diese Frau, nein, dieses Mädchen, was zuvor keiner Anderen gelungen ist?“ und dem Herbeisehnen des Endes seiner Odyssee. Hier wirkt die Magie des „Raumes der Wünsche“ besonders nachhaltig.

Erik ist im „Stalker“-Plot die Figur, die sich sein Leben (mit Senta) zurückwünscht. Zur falschen Zeit am falschen Ort ist der Holländer und wird Zeuge des Senta-Erik-Dialogs, fühlt sich betrogen, eher noch, er möchte sich betrogen fühlen; sucht einen Grund, Senta nicht in den Abgrund ziehen zu müssen; nimmt ihr Erlösungsangebot nicht an. Senta legt nach, beziehungsweise einige Kleidungsstücke ab; aber auch das ändert an des Holländers Entschluss nichts. „Auch gut – dann eben nicht“, Senta steigt – völlig wagner-untypisch – entwaffnend pragmatisch aus. Der Schlussakkord verklingt ungenutzt. Bewusst oder unbewusst eine Reminiszenz an Schülers Götterdämmerung, in dessen letztem Bild Wotan als stumme Rolle Brünnhilde zur Versöhnung die Hand reicht, die diese jedoch ausschlägt. Cottbus – kein Ort für Wagners Erlösungsmotive?  Wäre wohl jetzt ein Tristan geboten?

Unbeholfen, etwas übertrieben theatralisch stapft Jens Klaus Wilde als Erik durch die Szenerie, sich selbst bemitleidend. Die Cottbuser tenorale Allzweckwaffe, eingesetzt als Aegisth, Cavaradossi, Don Carlos, Paul Ackermann oder Ritter Blaubart fällt überhöht weinerlich aus, was schade ist, hat doch das Ensemble mit Martin Shalita seit 2017 wieder einen Tenor mit der notwendigen Durchschlagskraft, wie er schon als Calaf (IOCO berichtete) eindrucksvoll unter Beweis stellte. Neu auf dieser Bühne ist Tanja Christine Kuhn als Senta. Die 32-jährige bietet eine solide Leistung für die schwierige Rolle: Die Partie erfordert stimmliche Reife, die wiederum konträr zum Alter der dargestellten Figur steht. Trotz einiger Intonationsschwächen ist Tanja Christine Kuhn eine glaubhafte Kind-Frau mit unbeirrbarer Konsequenz. Man wird sie in Cottbus bald wieder hören können, heißt es.

Hardy Brachmann, der einzige Solist auf der Bühne, der bereits im 97er Holländer dabei war, überzeugt mit sauberem Legato und ausgezeichneter Textverständlichkeit. Ulrich Schneider als Daland könnte deutlichere Akzente setzen, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Carola Fischer als Mary ist eine gute Besetzung, gesanglich überzeugend, plausibel im Ausdruck. Unbestrittener Glanzpunkt ist jedoch Andreas Jäpel als Holländer. Mit einer Stimme wie ein Fels in der Brandung, als würde er des Meeres Urgewalten durch seine Kehle kanalisieren. Gepaart mit einer fesselnden Bühnenpräsenz, wird er der Titelpartie nicht nur gerecht – plötzlich kann man sich nicht mehr vorstellen, dass diese Figur je anders funktionierte.

Einer besonderen Erwähnung bedarf die Chorleistung (Einstudierung: Christian Möbius). Präzise Einsätze, voluminöser Klang, geschlossenes Auftreten. Der um den Extrachor verstärkte Opernchor darf mit einem auch regietechnisch interessanten Kniff arbeiten: durch das Aufsetzen von Masken wird im Handumdrehen aus Dalands Besatzung die Holländer-Mannschaft.

Das Philharmonische Orchester liefert insgesamt eine stattliche Leistung. Den wahrlich stürmischen Einstieg reguliert Alexander Merzyn in den Folgetakten auf ein Normalmaß. Es fehlt mitunter etwas an Durchsichtigkeit und Feinschliff. Die Lautstärke ist allerdings über die gesamte Partitur höchst ausgewogen und sängerfreundlich. Die wie von Wagner vorgesehene pausenlose Oper benötigt in Cottbus 2 Stunden 15 Minuten.

Trotz aller Irrungen und Wirrungen in der Produktion dieses Fliegenden Holländers: das Publikum, in dem auch Martin Schüler und die Mary von vor 22 Jahren, Marie-Luise Heinritz saßen, nahm die Produktion begeistert auf und zollte sowohl den Solisten, als auch Regie/Bühnenbild und Orchester wohlverdienten Applaus. Es feierte die Inszenierung überschwänglich; vielleicht schwang auch ein wenig Stolz mit, überhaupt wieder eine große Oper von Richard Wagner im Staatstheater Cottbus auf dem Spielplan stehen zu haben.

Der fliegende Holländer am Staatstheater Cottbus; die weiteren Vorstellungen

—| IOCO Kritik Staatstheater Cottbus |—

Cottbus, Staatstheater Cottbus, Premiere DER FLIEGENDE HOLLÄNDER, 04.05.2019

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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Richard Wagner

Premiere am Samstag, 4. Mai 2019, 19.30 Uhr

Im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus hat Samstag, 4. Mai 2019, 19.30 Uhr, Richard Wagners Oper Der fliegende Holländer Premiere.

IOCO ist am 4.5.2019 dabei und wird berichten.

Die musikalische Leitung hat Alexander Merzyn. Regie führt – erstmals in Cottbus – Jasmina Hadžiahmetovic. Bühne und Kostüme entwirft Natascha Maraval, die auch schon für die Ausstattung von Alban Bergs Oper Wozzeck verantwortlich zeichnete. Die Choreinstudierung liegt in den Händen von Christian Möbius. Andreas Jäpel ist in der Titelpartie zu erleben. Der Bariton stand hier zuletzt als Macbeth und Wozzeck auf der Bühne und singt aktuell den Leporello in Mozarts Don Giovanni.

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Szenenfoto mit: (vorn) Tanja Christine Kuhn (Senta) und Andreas Jäpel (Der Holländer); (im Hintergrund) Jens Klaus Wilde (Erik) © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Szenenfoto mit: (vorn) Tanja Christine Kuhn (Senta) und Andreas Jäpel (Der Holländer); (im Hintergrund) Jens Klaus Wilde (Erik) © Marlies Kross

Richard Wagner griff für seine Oper auf eine alte Legende zurück: Ein geschickter Kapitän schwört, ein Kap zu umsegeln, das bislang als unbezwinglich gilt – und wenn er es bis in alle Ewigkeit versuchen müsse. Zur Strafe für diesen frevelhaften Schwur werden er und seine Mannschaft dazu verflucht, unsterblich auf den Weltmeeren herumzuirren. Vergeblich suchen sie den Tod. Nur die unbedingte Treue einer Frau kann ihr Schicksal wenden.

So geht der Holländer alle sieben Jahre an Land, um eine solche Frau zu finden. Diesmal trifft er die Kapitänstochter Senta, die seine in Balladen erzählte Geschichte kennt und davon träumt, ihn zu erlösen. Als sich Senta und der Fliegende Holländer tatsächlich begegnen, verschreibt sich Senta mit kraftvoller wie provozierender Unbedingtheit, alle alten Bindungen zerschlagend, ihrer Überzeugung.

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Szenenfoto mit: (v.l.n.r.) Andreas Jäpel (Der Holländer), Hardy Brachmann (Steuermann), Ulrich Schneider (Daland) sowie Herren des Chores © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Szenenfoto mit: (v.l.n.r.) Andreas Jäpel (Der Holländer), Hardy Brachmann (Steuermann), Ulrich Schneider (Daland) sowie Herren des Chores © Marlies Kross

Wagners 1841 entstandene und 1843 in Dresden uraufgeführte (schauer)-romantische Oper Der fliegende Holländer – der Gattung nach eine sogenannte Gespensteroper – lässt Realität und Mythos, Mensch und Geisterwelt aufeinanderprallen. Inhaltlich wird sie durch die Sehnsucht nach Ruhe und Halt in den Wirren des Lebens und durch Wagners immer wiederkehrendes Thema, die Erlösung durch Liebe im Tod, geprägt.

Mit großen Arien, düsteren Balladen, mitreißenden Ensembles und markanten Chören verdichtet Wagner klangfarbenreich die sich fortwährend zuspitzenden Ereignisse zu einem packenden musikdramatischen Wurf.

Mit Carola Fischer, Tanja Christine Kuhn / Gesine Forberger, Hardy Brachmann/Dirk Kleinke, Andreas Jäpel, Ulrich Schneider / Ingo Witzke, Jens Klaus Wilde / Martin Shalita, dem Opern- und Extrachor sowie dem Philharmonischen Orchester.

—| Pressemeldung Staatstheater Cottbus |—

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