Wiesbaden, Staatstheater Wiesbaden, IL TRITTICO – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 14.07.2021

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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

IL TRITTICO   –  Der Mantel – Schwester Angelica – Gianni Schicchi

Giacomo Puccini  –  auf das Private, das Intime konzentriert

von Ingrid Freiberg

Unter den Protagonisten der Operngeschichte nimmt Giacomo Puccini eine Sonderrolle ein: eine seltsame Zurückgenommenheit prägt seine Opern. Zwar kündet seine Musik von ganz großen Gefühlen, hat aber eine minutiöse psychologische Sichtweise. Puccini selbst bezeichnete sich als ein Mann der cose piccole. Fast folgerichtig ist da die Marginalisierung des Chores im Trittico. Nur kurz kommen die Kollektive zu Wort, gleichsam als atmosphärisches Gestaltungsmittel für die scharf gezeichneten Individualschicksale. Er legt seine Aufmerksamkeit auf die Hauptlinien der Dramen, komponiert mit äußerst feinem Pinsel. So gestisch, semantisch präzise stellt sich die Musik dar, dass die Partitur zum Regiebuch wird. Die Novellen der Trilogie stehen durchaus gleichberechtigt nebeneinander, jedoch experimentiert Puccini zwischen Moderne und Tradition. Die beiden Gesamtausgaben des Klavierauszugs (1918 und 1919) tragen auf dem Titelblatt nur die drei Einzeltitel. Schon vor der Uraufführung war der Komponist bereit, einer Trennung der drei Stücke zuzustimmen, er dachte sogar daran, Tabarro mit Villi zu kombinieren. Puccini geht damit einen neuen Weg: Während Wagners Ring-Zyklus nicht nur einen Abend, sondern gleich vier aufeinanderfolgende mit einer Handlung überzeugt, zerstückelt das Trittico den Opernabend in drei unverbundene Handlungen. Puccinis Vorliebe für episodische Dramaturgie erreicht hier ihren Gipfel.

IL TRITTICO  –  Intendant Uwe E. Laufenberg stellt vor
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Banalität und Brutalität im Pariser Arbeitermilieu

In Il Tabarro, Libretto Giuseppe Adami nach dem Drama La Houppelande von Didier Gold, finden sich viele Züge eines modernen Beziehungsdramas, das effektvoll das düstere Lokalkolorit eines Schiffermilieus, ein Fluss- und Liebesthema, zeigt. Aus Angst vor der Untreue seiner Frau Giorgetta beendet Michele mit einer scheußlichen Gewalttat jäh das Drama, das in seiner Dichte die Zeitgenossen Puccinis irritieren musste. Bemerkenswert ist der Einfluss von Strawinsky durch die Verwendung von nicht kaschierten dissonanten Intervallen, wie z. B. in der bedrohlichen Zuspitzung im letzten Teil des Duetts von Michele und Giorgetta. Die besondere Atmosphäre wird vorherrschend mit gedämpften düsteren Farben gemalt.

Ohne Mutter, Kind, bist du gestorben!

Am deutlichsten zurück ins 19. Jahrhundert weist die Klosteroper Suor Angelica, Libretto Giovacchino Forzano, in der das Martyrium einer jungen, wegen eines unehelichen Kindes verstoßenen Frau als Erlösungsdrama erzählt wird. Die Nonne erkennt die Möglichkeit, im Himmel mit ihrem Sohn vereint zu werden. In mystischer Ekstase verkündet Angelica, begleitet vom Chor der Schwestern, dass die Gnade des Himmels sie entzündet habe und trinkt Gift.

Die religiöse Färbung der Musik ist zwar nicht durchgängig, aber doch eines der auffälligsten Merkmale. Dem ehemaligen Kirchenmusiker und Organist der Kathedrale von Lucca gibt das Thema Gelegenheit, sein früheres Talent wiederzubeleben. Das Eingangsgebet und der Hymnus der Schlussszene sind Beispiele seines theatralischen Kirchenstils. Die Chöre der Nonnen sind gelegentlich a capella gesetzt.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico -hier: Gianni Schicci Ensemble © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico -hier: Gianni Schicci Ensemble © Karl und Monika Forster

Ein Schelm betrügt die Betrüger

Janusköpfig präsentiert sich Gianni Schicchi, ein Stoff aus Dantes Inferno, dessen Bühnenerfolg zu erwarten war, denn Schadenfreude ist eine der schönsten der menschlichen Freuden. Giovacchino Forzano macht von Klassengegensätzen im Libretto vergnüglich Gebrauch, die adeligen Donatis rümpfen die Nase über den neureichen Schicchi, der bäuerlicher Abstammung ist. Hier findet Puccini radikal neue Formen der kompositorischen Gestaltung, auch begibt er sich auf das Terrain der komischen Oper. Die Geschichte eines findigen Testamentsfälschers, der nicht nur den Verstorbenen prellt, sondern auch die scheinheiligen, habgierigen Erben. Durch Harmonik und Rhythmik, auf Transparenz zielende Instrumentation, gelingt ihm eine konsequente Abkehr vom Prinzip der Nummernoper.

Uwe Eric Laufenberg inszeniert die Trilogie in der Reihenfolge der Uraufführung am 14. Dezember 1918 an der Metropolitan Opera in New York. Mit viel Einfühlungsvermögen gelingt es ihm, die großen Gefühle psychologisch auszufalten und große Leidenschaften und Konflikte anzuheizen. Es ist nicht nur ein Vergnügen wieder im Theater sitzen zu dürfen, sondern es ist auch ein großes Vergnügen diese glaubwürdige einfühlsame Regiearbeit zu verfolgen. Kammerspielartig schenkt er den Figuren der Handlung als Opfer von Katastrophen Aufmerksamkeit. Dabei geht es ganz zentral um den Zusammenhang zwischen Normen und Mechanismus der Gesellschaft. Das Verhältnis von Masse, Macht und Mensch wird ohne Verfremdung und Überzeichnung aufgezeigt. Laufenbergs Personenführung ist durchdacht und führt zu erinnerlichen Situationen, etwa als Michele in Il Tabarro gedankenverloren auf das Wasser starrt (Arioso Nulla! Silenzio…) oder das bezwingende Duett zwischen der Fürstin und Schwester Angelica (Nel silenzio di quei racogglimenti… Senza mamma, o bimbo, tu sei morto… Ah, son dannata!…). Tragisch auch als ihre Mitschwestern der völlig Apathischen die Hand führen, damit sie die Verzichtserklärung auf ihren Erbanspruch unterschreibt, demütigend als die Äbtissin ihren Stuhl wegtritt, sie zu Boden sinkt. Das ist sehr beklemmend. Um die Selbstmörderin zu erlösen, steigt

Jesus vom Kreuz herab, das verstorbene Kind an der Hand. Doch anstatt ins himmlische Licht zu entschwinden, begraben sie die Schwestern in einer Versenkung. Die Erlösung wird ihr versagt. Geglückt ist auch Gianni Schicchi, ein Feuerwerk als Finale. Geistreich, virtuos wird die toskanische Leichtigkeit eingefangen, von den tragikomischen Klagegesängen bis hin zum hysterischen Suchen nach dem Erbe. Das ist mit großer Leichtigkeit gezeichnet, es mutet an, die Protagonisten konnten ohne Anleitung ihren menschlichen Schwächen frönen. Köstlich!

Gisbert Jäkel, Bühne, ordnet die drei Opern in die Zeit des 20. Jahrhunderts ein. Begrenzt asketisch werden die Spielorte belebt: düstere Szene an der Seine, eine Industrielandschaft mit Schleppkahn und Ladekran. Das Kloster als geschlossener Raum, dessen Mittelpunkt ein von der Sonne beleuchteter Springbrunnen und das von Angelica versorgte Kräuterbeet sind, dem sie später die giftige Pflanze entnimmt, um schmählich Selbstmord zu begehen. Im stilisierten italienischen Palazzo hängen Bilder vom Sündenfall nach Lucas Cranach d. Ä., die die geprellten Erben zum Schluss mitnehmen. Mittelpunkt ist ein prächtiges Bett, in dem zunächst der Tote liegt, danach der äußerst spielfreudige Gianni Schicchi. Die Bühnenräume sind stimmig und gelungen. Die Kostüme von Jessica Karge reihen sich kongenial in das Regie- und Bühnenkonzept ein und unterstreichen gekonnt den jeweiligen Charakter der Oper und der Personen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico - hier :  Der Mantel mit Aaron Cawley und Olesya Golovneva © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico – hier : Der Mantel mit Aaron Cawley und Olesya Golovneva © Karl und Monika Forster

Erregende, ergreifende, überzeugende Stimmen

Am Hessischen Staatstheater Wiesbaden kommt es in Il Trittico zu hervorragenden Mehrfachbesetzungen. Herausragend ist Olesya Golovneva. Es ist eine Glanzleistung, sich in diese unterschiedlichen Rollen einzufühlen, und sie so überzeugend an einem Abend darzubringen. Als Giorgetta in Il Tabarro, eine verletzte sich nach Liebe und Lebensfreude sehnende, unglückliche junge Frau, als Schwester Angelica, unglaublich berührend, erschüttert über den Tod ihres Sohnes, die Todsünde der Selbsttötung begehend, um dann als verliebte kapriziöse Lauretta in Gianni Schicchi mit „O mio babbino caro“ zu brillieren. Charismatisch, gestalterisch perfekt, erzählerisch in allem, was sie singt. Nicht weniger überzeugend ist Daniel Luis de Vicente als Michele, schlurfend depressiv – seine große Eifersucht eskaliert auf allerhöchstem stimmlichem Niveau in der Ermordung seines Rivalen. Das ist dramatisch und fesselnd. Und begeisternd als umwerfend spielfreudiger Gianni Schicchi mit Rampensaupotenzial, der alle und alles manipuliert. Seine prachtvolle Stimme verzaubert das Publikum. Überzeugend auch Romina Boscolo als Frugola in Il Tabarro, bestechend als Fürstin in Suor Angelica, komödiantisch als Zita in Gianni Schicchi. Ihre Stimme klingt wunderbar natürlich. Es liegt nichts Verzerrtes oder Angestrengtes darin, sie ist in jeder geforderten Tonlage höchst souverän. Hinzu kommen ihre außerordentliche Ausstrahlung und darstellerische Begabung. Mehrfach sorgt Romina Boscolo für bewegende Momente.

Aaron Cawley in Il Tabarro ist ein jugendlicher Luigi, ein Verführer mit leidenschaftlicher Hingabe und bewegenden Akzenten. Seine angenehm gefärbte Stimme begeistert mit Sinnlichkeit und Schmelz. Die bezaubernde Fleuranne Brockway ist eine despotische Äbtissin, Schwester Eiferin, und wandelt sich in die schrullige Ciesca in Gianni Schicchi. Ihre subtile Körpersprache gehört ebenso zu ihr wie ihre ausdrucksvolle Stimme, dramatisch aufwallend, bisweilen auch komisch. Der überaus angenehm gefärbte und sicher geführte Tenor von Ioan Hotea verfügt über eine blendende Höhe. Zu hören in Il Tabarro als Liederverkäufer, Tenorstimmchen und zusammen mit Stella An als ein Liebespaar. Als verliebter Rinuccio in Gianni Schicchi lässt er seine Stimme herrlich strömen. Wiederum gewinnt Eric Biegel mit seinen eindeutigen Charakterstudien als Tinca, dem Säufer, in Il Tabarro und Cherardo in Gianni Schicchi. Supporting Act im besten Sinne, differenziert und ausgereift. Viel Bühnenpräsenz zeigt auch Wolf Matthias Friedrich als Talpa in Il Tabarro und Simone in Gianni Schicchi. Es ist immer wieder eine Freude, diese prachtvolle Bassstimme zu hören, ungeheuer sicher mit szenischer Ausstrahlung. Für sich gewinnen können auch Britta Stallmeister als Schwester Dolcina in Suor Angelica und als Nella in Gianni Schicchi und Stella An als Schwester Genoveva in Suor Angelica, Sopranstimmchen und ein Liebespaar in Il Tabarro sowie Benjamin Russell als Betto di Signa in Gianni Schicchi.

Die stilistische Unterschiedlichkeit der Opern wird durch den Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne in ihrer Wirkung erhöht. Schon Puccini sah vor, dass der Chor (Frauen, Jungen und Männer) hinter der Bühne agiert. So ist auch der Knabenchor Roman B. Twardy aus dem Off zu hören. Die Stimmen im Hintergrund haben eine unheimliche, fast gespenstische Wirkung. Chorsängerinnen treten in Suor Angelica solistisch auf und wissen zu beeindrucken.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico - hier :  Suor Angelica und der Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico – hier : Suor Angelica und der Chor © Karl und Monika Forster

Breitgefächerter anspruchsvoller Puccini-Klang

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden spielt in leicht verkleinerter Besetzung unter der Leitung des Dirigenten Alexander Joel. Für die Instrumentation in Il Tabarro ist der häufige Einsatz von Dämpfern bei Streichern, Hörnern und Trompeten und die Verwendung von Celli und Kontrabässen für die Musik an der Seine und die Partie des Michele zu hören. Für besondere realistische Effekte stehen ein Kornett, eine Sirene und eine Autohupe. Sour Angelica bevorzugt die Bläser, und erzielt oft Klangwechsel nach Art der Registrierung einer Orgel. Die Partitur sieht darüber hinaus ein Orchester hinter der Bühne vor: Orgel, Piccolo-Flöte, Posaunen, Bronze- und Stahlglocken, Becken und Klavier. In der Visions-Szene werden alle Instrumente vereinigt. In Gianni Schicchi haben einige Abschnitte einen folkloristischen Anstrich, wie die Arie des Rinuccio zum Lobe der Stadt Florenz oder Schicchis „Warnung“. Neu ist die Vorliebe für Fanfaren, für tusch- und signalartige Figuren der Blechbläser. Die Chromatik wirkt pfiffig und schlagend. Schneidend komische Wirkungen werden durch scharfe Dissonanzen erzielt, so in Schicchis wütenden Schreien „Niente, niente!“ und den aufgeregten Ensembles der Verwandten. Nur in der Musik der Liebenden behalten die Streicher die Führung. Dirigent und Orchester gelingt es hervorragend, den breitgefächerten anspruchsvollen Puccini-Klang wiederzugeben. Das Zusammenklingen von Orchester, Sängerinnen und Sängern kann kaum besser sein.

Die geglückte Produktion wird mit starkem Applaus goutiert. Beglückt,  mit Strahlen im Gesicht  verlässt das Publikum das Theater

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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch, IOCO Kritik, 08.10.2020

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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch

– Das Wunder von Wiesbaden –

von Ingrid Freiberg

Besser als mit den Worten von GMD Patrick Lange ist das Wunder von Wiesbaden in Corona-Zeiten nicht zu beschreiben: „Heute ist der Tag! Wir bringen tatsächlich unsere Lady Macbeth von Mzensk zur Premiere. Das Gefühl ist wirklich nicht zu beschreiben: Bis vor ein paar Tagen schien es sogar noch möglich, dass die ganze Produktion eingestellt wird. Die Umstände um die Produktion herum waren alles andere als leicht. Umso glücklicher bin ich jetzt, dass wir unsere phantastische Version unter der Regie des begnadeten Evgeny Titov in einem sensationellen Raum von Christian Schmidt, mit großartigen Kostümen der wunderbaren Andrea Schmidt-Futterer und einem Hammer-Licht von Oliver Porst spielen. Das Ganze mit einer wirklichen Traum-Besetzung an darstellendem Personal (u.a. einer grandiosen Cornelia Beskow, Andrey Valentiy, Beau Gibson und Timo Riihonen… und dem tollen Chor unter der Leitung unseres phantastischen Albert Horne! Auf unser Hessisches Staatsorchester bin ich sowas von stolz.

Wir sitzen aufgrund der Abstandsregeln hinter der Bühne. Unsere Schlagzeuger sind schlappe 21 m von mir entfernt. Und eine Bühnenmusik-Combo haben wir natürlich auch noch dabei. „Auf Schlag bzw. Vorausspiel“ ist angesagt. Ihr macht das super und gebt alles! Da das Bühnenbild vom Orchester getrennt ist, müssen wir den Ton in den Zuschauerraum übertragen. Das geht! Aber nur, weil wir unsere tolle Tonabteilung unter der Leitung von Stephan Cremer am Start haben. Danke an alle KollegInnen der Technik, die ihr das überhaupt möglich macht. Was für ein logistischer Aufwand das allein ist! Zum Schluss ein Riesen-Dankeschön an das ganze musikalische Team. Denn Teamarbeit war/ist hier wirklich sowas von gefordert. Ihr seid wirklich der Wahnsinn, und ohne euch wäre das nicht zu stemmen gewesen. Ein besonderes Dankeschön an die tollste und beste Assistentin Christina Domnick, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Sie dirigiert die Bühne auf Monitorsicht voraus – ansonsten würde es zeitlich nicht zusammengehen. Das funktioniert, weil wir jetzt seit über 12 Jahren zusammenarbeiten. Christina weiß mittlerweile schon vor mir, was ich denke… Danke, heute bist Du wirklich meine bessere Hälfte! Und ein großes Dankeschön auch an unsere Orchesterdirektorin Verena Rast und Clara Holzapfel vom Orchesterbüro, ohne die dieser Abend definitiv nicht hätte stattfinden können. Was haben wir die vergangenen Wochen gemeinsam durchgestanden! Danke, dass dieser Abend heute möglich ist. Was für ein Stück in was für einer Zeit!…“

Lady Macbeth von Mzensk – Dmtri Schostakowitsch
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Sexuelle Begierde, physische Gewalt, brutal ausgeleuchtete Mordsequenzen

Die Erzählung des russischen Dichters Nikolaj Leskow, der vor allem durch seine Legenden und Romane weiterlebt, zitiert beziehungsreich Shakespeare im Titel. Die Stellung der Frau in der nachrevolutionären Gesellschaft, nach Ablösung der patriarchalischen Systeme der Zarenzeit, war ein Thema, das auch die russischen Künstler seit den 1920er Jahren bewegte. So plante Dmitri Schostakowitsch seine auf Leskows Novelle basierende Oper als Auftakt zu einer Trilogie über die Befreiung der Frau. Von Anfang an standen sein Bemühen, Katerina Ismailowa als nahezu heldisches Opfer darzustellen, und Leskows Intentionen gegeneinander: Ich habe mich bemüht, Katerina als positive, das Mitgefühl des Zuschauers verdienende Person zu behandeln. Dieses Mitgefühl hervorzurufen, ist nicht so einfach. Sie verübt eine Reihe von Verbrechen, die mit Moral und Ethik nicht zu vereinbaren sind, so der Komponist. Leskow zeichnet sie als ein sehr wildes Weib, das Unschuldige mordet. Für Schostakowitsch hingegen ist sie eine kluge, schöne und begabte Frau. Durch Einschränkungen im barbarischen habgierigen Kaufmannsmilieu ist ihr Leben freudlos und düster. In seiner durch und durch unromantischen, nichts beschönigenden Schilderung des öden Lebens gelang dem Komponisten eine unerbittlich realistische Darstellung von sexueller Begierde, von physischer Gewalt, brutal ausgeleuchteten Mordsequenzen, Schlägereien und von grausamem Auspeitschen.

Die Oper wurde 1934 mit großem Erfolg am Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführt. Nachdem Stalin sein Missfallen geäußert hatte, begann eine Hetzkampagne gegen Schostakowitsch. Sie gipfelte mit einem „Chaos statt Musik“ überschriebenen Artikel in der Prawda. Hier wurde seine Musik als Getöse, Geknirsch, Gekreisch und Kakophonie abgeurteilt. 1978 nahm Mstilaw Rostropowitsch bei seiner Flucht in den Westen eine Partitur der Tragödien-Satire, wie Schostakowitsch seine Oper genannt hat, mit und dirigierte die erste Platteneinspielung mit Galina Wischneswskaja und Nicolai Gedda.

Meisterhaftes Regiedebüt

Die erste Operninszenierung von Evgeny Titov gelingt meisterhaft. Die bluttriefende Geschichte um unbefriedigte Leidenschaft, Ehebruch und Mord spielt in abstrahierender Überhöhung, ohne viel Illustration. Titov profiliert sich als detailgenauer Porträtist der menschlichen Niederträchtigkeit. Der Versuch der gescheiterten Selbstverwirklichung Katerinas, die im Verbrechen endet, ihr sexuelles Begehren, ihre Liebesbedürftigkeit wie auch Gemeinheit und Gewalt brechen krachend hervor. Die Vergewaltigung von Aksinja wird drastisch und gnadenlos ausgespielt. Die umstehenden Männer lassen ihre Hosen herunter und onanieren. Eine junge Arbeiterin (Meryem Sahin) geilt sich ungehemmt daran auf. Das Opfer wird nach der Vergewaltigung verrückt. Die Prügelszene ist nicht sichtbar und gerade deshalb primitiv animalisch. Kammerspielartig mit äußerst sensibler Personenregie gelingen Charakterporträts wie das des tyrannisch-geilen sadistischen Schwiegervaters Boris, der seine schwindende Libido beklagt, und machen die maßlose Wollust zwischen Katerina und Sergej so glaubhaft, dass es den Atem nimmt. Die Kirche wird persifliert: Der Pope ist ein Trunkenbold, der seine Hände nicht vom weiblichen Geschlecht lassen kann. Drastisch choreographierte Massenszenen wechseln mit berührend intimen Szenen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk - hier : Ensemble und Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk – hier : Ensemble und Chor © Karl und Monika Forster

Ausgereiftes Bühnenbild, subtile Kostüme

Das Bühnenbild von Christian Schmidt, ein schmutzig gekachelter Raum an eine heruntergekommene Badeanstalt erinnernd mit einer Dusche, ermöglicht das von Titov angestrebte derb-erotisch kriminalistische Schauerstück. Ausgereift die Nutzung der Dusche, zunächst einziges Requisit auf der Bühne. Aksinja reinigt sie, wird von dort weggezerrt und dann brutal vergewaltigt. Katerina und Sergej lieben sich in der dampfenden Dusche, wahrnehmbar in lasterhafter Anziehung. Boris streicht, kaum seinen Sexualtrieb beherrschend, um sie herum, als Katerina duscht, und wird vergiftet in der Dusche sterben. Sinowi wird dort von dem teuflischen Liebespaar getötet…. Der blutige Duschvorhang wird Brautschleier sein. Ebenso großartig das vielfach genutzte „Loch“: Zunächst ein von Katerina ausgehobener Graben, um zu Sergej zu kommen, dann ein Grab, wo der betrunkene Schäbige die Leichen findet, und letztendlich ein tiefer schwarzer See, in dem Sonjetka und Katerina versinken werden. Optisch dominiert eine große Suppenkanone mit vergifteter Hochzeitssuppe das Fest. Erdhügel mit Knochen übersät erschweren den Transport der Zwangsarbeiter. Ein Bühnenbild mit großem dramaturgischem Geschick! Subtil auch die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer: Die alabasterfarbene Haut, das rote Haar von Cornelia Beskow werden durch ein zartes Blümchenkleid unterstrichen und damit die Fremdheit in dieser schmutzigen Umgebung unterstrichen. Dieses Kleid wird später Sonjetka tragen, wenn sie Sergej im Lager verführt. Boris trägt einen purpurfarbenen Mantel als Symbol seiner Macht. Nachdem das Volk Sinowi den Schlafanzug ausgezogen hat, kleidet es ihn in einen biederen Anzug. Der Geliebte Sergej trägt ein Muskel-Macho-Hemdchen. Mit dem überdimensionalen Reifrock ihres prächtigen Hochzeitskleides versucht Katerina das Grab zu überdecken. Darunter versteckt sich Sergej, um seiner Verhaftung zu entgehen. Mit seiner Lichtgestaltung setzt Oliver Porst gekonnt Prioritäten durch Licht und Schatten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk - hier : Cornelia Besko und Aaron Cawley © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk – hier : Cornelia Besko und Aaron Cawley © Karl und Monika Forster

Das Ensemble – grandios besetzt bis in die kleinsten Nebenrollen

Das ganze Werk scheint sich im Kopf von Katerina Lwowna Ismailowa abzuspielen. Cornelia Beskow brilliert mit weiten Intervallsprüngen zwischen sehnsüchtig hoher Kopf- und leidenschaftlich tiefer Brust-Stimmlage, mit weichen Kantilenen, harten Staccato-Lachern als in sich zerrissene machtbesessene Frau. Die Isolation auf dem ehelichen Gut lässt sie aber auch wie ein Kanarienvogel im Käfig erscheinen, wie es Sergej formuliert. Sie spielt und singt nicht Katerina, sie verkörpert sie mit einer solchen Intensität, die glauben macht, ihre Gedanken lesen zu können. Sie durchdringt diese Gewaltpartie ohne jegliche Ermüdungserscheinungen körperlicher oder stimmlicher Art. Da kann man sich nur verneigen! Stimmlicher Glanzpunkt ist auch Andrey Valentiy. Sein Boris Timofejewitsch Ismailow ist ein scheußlicher Patriarch – gewalttätig, herrschsüchtig und sadistisch. Wenn er mit seinen Händen lüstern über den Badevorhang streicht “Heiße Nächte würde ich dir machen!“ und die Musik seine zwiespältigen Gefühle reflektiert, kann seine raumgreifende Stimme, die das Fürchten lehrt, überaus sensibel werden und seine illusionslose Resignation beschreiben. Valentiys Bühnenpräsenz ist aufsehenerregend! Beau Gibson ist der betrogene lendenschwache Ehemann Sinowi Borissowitsch Ismailow mit einer angebrachten Oberflächlichkeit, aber auch mit Seele in der Stimme. Die schwierige undankbare Aufgabe gestaltet er lyrisch sanft mit sicherem Gefühl für Nuancen und gestalterischem Feinschliff. Katerinas Liebhaber Sergej, gesungen von Aaron Cawley, wartet mit umfangreichem Register und kraftvoller Stimme auf. Er weiß animalisch breitbeinig als Schürzenjäger die Frauen zu umgarnen und zu missbrauchen. Liebender Hass und hassende Liebe verbindet ihn mit Katerina “Du hast mein Leben zerstört!” Mit hemdaufreißender Intensität und offensiver Gewalt ist er mit seinem enormen Potential stimmlich absolut souverän. Michelle Ryan, die brutal vergewaltigte Aksinja, überzeugt darstellerisch und gesanglich. Diese schwere Rolle verlangt ihr alles ab. Ihre differenzierte Körpersprache und ihre ausdrucksvolle Stimme, intensiv und eindringlich mit ausgezeichneter Gesangstechnik lässt staunen. Erik Biegel als Der Schäbige taumelt in abgerissenen Frauenkleidern dauertrunken über die Bühne. Der Fiesling ergötzt sich an den 500 Stockhieben und findet die stinkenden Leichen. Besser als von ihm ist dieser Typ kaum darzustellen. Timo Riihonen besticht mit seiner Bandbreite. Mit buffoneskem Witz und Selbstironie verkörpert er den Popen. „Wer ist schöner als die Sonne am Himmel?“ Schmierig begrapscht er Katerina, küsst ihre Hand. Die Verzweiflung des Alten Zwangsarbeiters steht im Kontrast zum frustrierten Sergeant. Diese kraftvolle, agile und farbenreiche Stimme kann Erstaunliches leisten. Ausgereift und originär füllt Riihonen die drei Rollen aus, ein prachtvoller Bass, imposant, sicher im Ton und angenehm im Klang. Die intrigante Sonjetka singt Fleuranne Brockway mit erotisch gefärbtem, dunklem Mezzosopran. Sie ist eine selbstbewusste, ordinäre Femme fatale. Mit ungewöhnlich kommunikativer Kraft umgarnt, beeinflusst sie Sergej. Bei ihr wird er zum Pantoffelhelden… Wenn man eine herausragende Sängerin wie Sharon Kempton in der kleinsten der Frauenrollen, der Zwangsarbeiterin im letzten Bild, besetzen kann, belegt es das Niveau der Aufführung.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk - hier : Cornelia Beskow als Katerina  © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk – hier : Cornelia Beskow als Katerina  © Karl und Monika Forster

Außergewöhnlich präsenter Chor, brodelndes Orchester

Der von Albert Horne beeindruckend einstudierte Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden erfüllt alle Kriterien der tragisch-satirischen Oper: starke Präsenz als aggressiver gewalttätiger Männerchor, als vulgäre Hochzeitsgesellschaft, als kraftlose Zwangsarbeiter „Wer hat die Meilen gezählt?” “Irgendwo im Wald liegt ein See. Das Wasser ist so schwer wie ihr Gewissen.“ Am Ende singt der Gefangenenchor „Unsere Gedanken sind freudlos, und die Wachen sind herzlos—“ – eine erstklassige Leistung!

GMD Patrick Lange und Co-Dirigentin Christina Domnick gelingt ein Geniestreich: Schostakowitschs Musik ist eine Collage aus verschiedensten musikalischen Strukturen, aus klassizistischen Formen wie der Passacaglia, aus Tänzen wie Walzer, Marsch, Polka, Galopp, aus sentimentalen Romanzen und knappen Songs oder grell dissonanten Orchesterkommentaren zum Stilprinzip. Eine Collage, ein durch Technik ermöglichtes Zusammenspiel lässt auch das Hessische Staatsorchester Wiesbaden mit der brodelnden Musik von Schostakowitsch glänzen. Es lässt es ordentlich krachen, kennt jedoch auch die dunklen Feinheiten dieser gewaltigen Partitur. Brillant werden die Instrumentations-Finessen, die Schärfen und Schönheiten dieser Musik zwischen Kirmes und Operette, zwischen Lyrik und Pathos herausgearbeitet. Weicher Streicherklang, wunderschöne Oboen- und Englischhorn-Soli und fantastische Bläser-Soli – die Posaune, die nach dem Liebesakt mit einem abwärts geseufzten Glissando Spannungsverlust signalisiert, wissen zu begeistern. Mit rhythmischer Energie wird das fatale Geschehen vorangetrieben, die symphonischen Zwischenspiele berühren ungemein.

  Groß, einhellig begeistert  – zum Ende der Jubel des Publikums

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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Anna Nicole – Oper von Mark-Antony Turnage, IOCO Kritik, 19.02.2020

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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Anna Nicole –  von Mark-Antony Turnage

 Turnage: „Es war eine regelrechte Schnapsidee, wenn auch nicht die schlechteste!“

von Ingrid Freiberg

Ein Opernbesuch in Wiesbaden ist aufregend: Architektonisch ist es ein sehr attraktives Haus und die Programmgestaltung ist ausgezeichnet. Herzhaftes unbekümmertes Lachen vom Komponisten Mark-Anthony Turnage und dem Librettisten Richard Thomas und deren Entourage erhöhen die knisternde Spannung am Premierenabend von Anna Nicole. Das Publikum fühlt sich ermutigt, sie im wunderschönen Foyer um ein Autogramm zu bitten.

Turnage ist einer der erfolgreichsten Vertreter der Neuen Musik. Seine Werke sind vom Jazz und der Musik von Miles Davis geprägt. Mit dieser Mischung aus Jazz und klassischen Stilen bahnt er sich einen eigenen Weg zwischen Moderne und Tradition und stellt die Kluft zwischen zeitgenössischen und historischen Spielpraktiken infrage. Seine eigenwillige Tonsprache bereichert die zeitgenössische Musik. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre schrieb Turnage die Oper The Silver Tassie, die 2000 mit großem Erfolg an der English National Opera uraufgeführt wurde. Die Oper Anna Nicole wurde 2011 im Royal Opera House in Covent Garden uraufgeführt. Der Librettist Richard Thomas arbeitete viele Jahre als Musikalischer Leiter und Komponist für das britische Fernsehen mit vielen Top-Comedians zusammen. Bekannt wurde er durch das Schreiben und Komponieren der Jerry Springer Show, die u.a. bei den Olivier Awards 2004 mit dem Best Score Award ausgezeichnet wurde. Fluchen, Provokationen und obszöne Beleidigungen durchdringen seine Arbeit und die Fähigkeit, eine moderne Geschichte mit zeitgenössischem Humor und relevantem Pathos zu präsentieren. Seine Sprache ist klug und auch krass.

Anna Nicole – Oper von Mark-Antony Turnage
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„Wir waren bereits ziemlich betrunken“

Turnage: „Bei unserem ersten Aufeinandertreffen waren Richard Thomas und ich uns auf Anhieb derart sympathisch, dass wir bei ein paar Drinks über die Möglichkeit sprachen, ein gemeinsames Projekt zu realisieren… am Ende hatten wir eine zufällige Übereinstimmung: Anna Nicole. Es war eine regelrechte Schnapsidee, wenn auch nicht die schlechteste!“ Es geht um Variationen „Vorsicht, was Sie sich wünschen“ und „mehr Tränen vergießen über beantwortete Gebete als über unbeantwortete Gebete“ mit deutlicher, teils drastisch-frivoler Sprache. Sicherlich erfordert die nach Berühmtheit verzehrende Persönlichkeit von Anna Nicole einen großen Auftritt auf der Opernbühne, auch das Nebenpersonal ist bizarr besetzt mit dem lächerlichen Lustgreis Howard und einem an der Liebe der Mutter erstickenden Kind, der ewig sensationsgeilen Medienmeute und Annas skrupellosem Anwalt Stern.

The American Dream

Vickie Lynn Marshall, Künstlername Anna Nicole Smith, wird 1967 in einer Provinz in Texas in armselige Familienverhältnisse (White Trash) hinein geboren. Ihr Vater, ein brutaler Säufer, der sie wahrscheinlich missbrauchte, terrorisiert seine Familie. Mit 17 Jahren wird sie das erste Mal Mutter,1993 Playmate des Jahres, 1994 Heirat mit dem Ölmilliardär J. Howard Marshall. Das amerikanische Schmuddel-TV offeriert 2002 der extrem aufgeschwemmten Hundeliebhaberin (Stoffhunde beobachten in Wiesbaden von der Proszeniumsloge aus das Geschehen) die Anna Nicole Show, die den US TV-Pöbel durch peinliches Benehmen mit durchaus bemerkenswerten Quoten zuschalten lässt. 2004 kommt ihre Tochter zur Welt, um deren Vaterschaft sich gleich drei Männer streiten. 2007 starb sie an einer Überdosis Drogen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Uwe Eikötter, Kind, Elissa Huber, Nathaniel Webster, Christopher Bolduc © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Uwe Eikötter, Kind, Elissa Huber, Nathaniel Webster, Christopher Bolduc © Karl – Monika Forster

Die „Anna Nicole Show“  –  nun als Oper

In einer im besten Sinne leidenschaftlichen Inszenierung erzählt Bernd Mottl ohne Skandalisierungsversuche, ohne Spektakel auf Kosten der Heldin, die Oper in Form einer Anna Nicole Show. Etwa vierzig Personen als Abbild der amerikanischen Gesellschaft bilden einen repräsentativen Querschnitt (Mormone, Moslem, orthodoxer Jude, Lederfetischist, Straßenarbeiter, Geschäftsmann, Hausfrau, Kriegsveteran, Miss America, Inder, Hippi, Sportler, Wrastler, verschiedene Ethnien, High School-Absolventin, Stripperin, Polizist…). In einem glitzernden drittklassigen 80er Jahre TV-Studio mit einer Tribüne mit fünf Sitzreihen verfolgen sie ihre Lebensgeschichte, reagieren mit Hochhalten verschiedener Schilder auf die jeweilige Situation. Sie sind zusammengekommen, ein Requiem anzustimmen. Auf einer Totenbahre liegt ein glitzernder Leichensack, der sich bewegt. Mitten im Requiem wird die Tote wieder lebendig und wird zur Hauptdarstellerin ihres Lebens; ihre Karriere mediengemacht, von gnadenlosen Profiteuren vorangetrieben, von der voyeuristischen Gier der Öffentlichkeit gepuscht und niedergemacht. Erzählt wird der rasante Aufstieg von Anna Nicole von der Angestellten in einer Hühnerbraterei zur Supermarktverkäuferin in Houston, der „Stadt der Freude“, bis hin zur zunächst erfolglosen Stripperin, die „größere Talente“ braucht. Nach einer OP bei Dr. Feelgood wird das Busenwunder durch seine Ehe mit einem greisen Öl-Tycoon ein gefundenes Fressen der Boulevardpresse. Der Milliardär gibt Anna alles, außer der Ranch, auf der sie gerne mit ihrem Jungen Daniel leben möchte. Bei ergreifender Musik und nach einem verrichteten blow job ruft Anna gutgläubig „Wir haben die Ranch!“

Menschenverachtende Vermarktung

Anwalt und späterer Geliebter Howard Stern verkauft die Rechte für die Live-Übertragung der Geburt ihrer Tochter an einen Pay-TV-Sender. Selbst ein Auftritt in der berühmten Larry King Show wird möglich. Anna ist randvoll mit Drogen… Sie bekennt sich zu ihren Träumen, telefoniert mit ihren Hunden. Als ihr Sohn Daniel drei Tage nach der Geburt seiner kleinen Schwester im Krankenbett seiner Mutter an einem Drogencocktail stirbt, verliert sie ihren letzten Lebensmut. Von nun an macht sie nur noch durch ihre Party- und Drogenexzesse auf sich aufmerksam, wobei Stern ihren Verfall für die Medien immer gnadenloser vermarktet. Als sie erneut schwanger wird, will sie nur noch fressen. Sie stirbt ein Jahr nach dem Tod ihres Sohnes ebenfalls an einer Überdosis verschiedener Medikamente. Die Oper rollt die Geschichte von hinten auf und beginnt mit dem Tod der Titelfigur. Die New York Times titelte nach ihrem Tod: Sie war berühmt dafür, berühmt zu sein…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Ralf Rachbauer als verliebter Trucker, Chor des Hessischen Staatstheaters © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Ralf Rachbauer als verliebter Trucker, Chor des Hessischen Staatstheaters © Karl – Monika Forster

Garanten eines erfolgreichen Abends

Friedrich Eggert (Bühne, Kostüme) gelingt es hervorragend das Trash-Format einer amerikanischen TV-Show einzufangen, ohne die Mitwirkenden der Lächerlichkeit preiszugeben. Geradezu liebevoll identisch sind die Kostüme der „Jury-Mitglieder“. Fantasievoll, wie die Farben ineinander spielen, das ist sehr hohe Qualität. Dagegen das Strahlen und Funkeln von ganz billigem Tand. Die Jury setzt sich den Strahlenkranz der Freiheitsstatue auf, den amerikanischen Traum demonstrierend. Ein goldener Volant-Bühnenvorhang, eine Sitzecke, die an die Couch von „Wetten das?“ erinnert, eine Bar mit zwei Barhockern und die Möglichkeit rascher Auf- und Abgänge sind Garant des erfolgreichen Abends. Chapeau!

Elissa Huber ist !!! Anna Nicole. Sie singt und spielt grandios die anspruchsvolle Partie mit dauerhaften Spitzentönen und Koleraturen und wird vom Publikum frenetisch gefeiert. Eine außergewöhnliche Leistung, die viele Jahre in Erinnerung bleiben wird. Es ist ein Höhepunkt, wenn sie meisterhaft die Koloraturarie „Zeit zu träumen und zu fliegen, ich werde siegen“ singt. Als Schutzpatronin der heutigen Trash-Generation lässt sie mit „I want to blow you all… a kiss“ ihr Leben Revue passieren. Stimmlich mit großem Sopran, darstellerisch mit bewegendem Spiel und auch optisch hervorragend ausgefüllt, zeigt sie anfangs eine Koketterie à la Marilyn Monroe, entwickelt sich zu einem wahren Busenwunder, das Männerherzen höher schlagen lässt. Ihr bewegendes Spiel macht glaubhaft, welchen Preis Anna für ihren Ruhm zahlt. Es bleiben Momente, in denen sie im weißen Hochzeitskleid in einem Konfetti-Regen steht oder mit hochhackigen Schuhen selbstverliebt den roten Teppich küsst. Zum Schluss singt sie einen Blues „Amerika, du dreckige Hure, ich gab dir alles, du wolltest mehr.“ Erheblich zum Scheitern von Anna trägt der Anwalt Howard Stern bei. Christopher Bolduc verkörpert glaubhaft und aalglatt diese schmierige Rolle. Es geht ihm ausschließlich um kommerziellen Erfolg. Aus Annas Entgleisungen schlägt er größtmöglichen Profit. Sogar die Geburt ihrer Tochter vermarktet er als Pay-per-view-Ereignis. Mit sicherem hochkultiviertem Bariton ist er ein Parvenü, skrupellos und egoistisch.

Margarete Joswig ist als Virgie eine richtende Instanz. Sichtbar aus der Gosse kommend, sie bedroht ihren Ehemann mit der Waffe „Fuck you, fuck you back“, ist sie eine strenge Mutter, resolut und kämpferisch, die sich auch um ihren Enkel Daniel kümmert „Hatte ein Stück vom Kuchen und will auch den Rest versuchen...“: Es ist Virgie, die ein großes Anti-Männer-Lied singt, eine wütende und triumphale Ballade, kraftvoll glühend. Mit ihrem warmen Mezzo gewinnt sie auch mittels glitzernder Bosheit. Ein Mann, der sich seine Träume erfüllen kann, weil er unermesslich reich ist, ist J. Howard Marshall (Uwe Eikötter). Der greise Öl-Milliardär verliebt sich in Anna Nicole. Mit abstoßender Lüsternheit verlangt er Oralverkehr – zweimal lautes Stöhnen in der Musik! – eine Mischung aus Bosheit und Altmännergeilheit. Er erleidet einen Zusammenbruch, kommt noch einmal zu sich und sinniert über die Vergänglichkeit des Lebens. Ohne ein Testament zu hinterlassen, stirbt er kurz darauf.

Solistenrollen durchweg glänzend besetzt

Die drogensüchtige Cousine Shelley, „fünf Kinder und keine Zähne“, singt die Mezzosopranistin Lena Haselmann, die durch ihre besondere Spielfreude imponiert. Gelungen in Maske und Gesang ist der sensationslüsterneTalkmaster Larry King des Tenors Christopher Diffey. Kaum zu glauben, dass ein so junger Interpret eine solche Rolle meistern kann. Der Tenor Ralf Rachbauer profiliert sich auf hohem Niveau in drei Rollen: als verliebter Trucker in der Dancing-Bar, als Mitglied der Marshall Family und als Doctor Feelgood, der die menschliche Selbstoptimierung, wenn nötig mit chirurgischer Unterstützung vornimmt. „Wer arm, hässlich und dumm bleibt, der trägt selbst die Verantwortung für das ausbleibende Lebensglück: Why be average, when you could be a sensation?“ Letztendlich ist er der Schuldige an Annas Drogensucht… Bariton Daniel Carison ist der gewalttätige Daddy Hogan, vor dem alle Angst haben. Die in Wiesbaden vielfach gefeierte Annette Luig ist Kay, die fürsorgliche Tante, bei der Anna aufwächst und etwas Liebe erhält. Schon nach kurzer Zeit erfolgreich im Ensemble verankert ist die Mezzosopranistin Fleuranne Brockway (Melissa, News Reporter). Nathaniel Webster ist Annas erster Ehemann Billy, der sie schon nach einem Jahr verlässt und sich ihrer verlotterten Familie zuwendet.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole - hier : Uwe Eikötter, Elissa Huber als Anna Nicole, Chor des Hessischen © Karl - Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Anna Nicole – hier : Uwe Eikötter, Elissa Huber als Anna Nicole, Chor des Hessischen © Karl – Monika Forster

Die abwechslungsreiche Oper wird durch tänzerische Einlagen von „Annas Notorius Showcrew“ (Sofia Romano, Anna Heldmaier, Sarah Steinemer, Jasper H. Hanebuth, Soeren Niewelt, Max Menendez-Vazquez, Nathalie Gehrmann (Swing), Choreografie: Myriam Lifka) revuehaft aufgelockert. Vier heiße Lap Dancer (Radoslava Vorgic, Karolina Lici, Maike Menningen, Jessica Poppe) sorgen für scharfe Einlagen an Pole Stangen, weisen Anna in den Stangentanz ein und verweisen darauf, um bei Männern Erfolg zu haben, braucht es „schöne Ansichten“. Als Meat Rack Quartet agieren gekonnt Petra Heike, Lena Naumann, Ines Behrendt, Ayako Daniel. Bei Annas Sohn Daniel denkt man zunächst, es sei eine stumme Rolle, doch hat auch er etwas zu sagen. Bariton David Krahl zählt in einer Art Registerarie in schwer fassbarer, dunstiger Musik alle nur denkbaren Schmerz- und Betäubungsmittel auf.

Unter der Leitung von Albert Horne steht sowohl der Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden als auch das Hessische Staatsorchester Wiesbaden. Ihm gebührt großes Lob… Durch die prägnanten Chorszenen, in denen die Masse Anna Nicoles Geschichte mit ihren Kommentaren immer weiter treibt, hat Turnage dem Chor eine zentrale Rolle zugedacht. Er souffliert, wenn Anna nicht mehr weiß: „Wo war ich noch stehen geblieben?“ „F.U.C.K.“ Auch um Kotze, Titten und Schwänze geht es… In den unterschiedlichen Lebensstationen dieser Story fasziniert der Chor als heimlicher Star mit rasantem Spiel und stimmlicher Brillanz.

„Ich denke, die Leute werden überrascht sein, wenn sie die Oper hören“, so Turnage. „Der letzte Teil ist sehr ernst und sehr traurig… Es wird fast wie eine traditionelle Oper.“ Der 1. und der 2. Akt sind zwei Seiten einer Medaille. Albert Horne lässt die vielseitigen Klangwelten prägnant erklingen. Es gelingt ihm, eine derbe Abrechnung mit dem American Way of Life erklingen zu lassen. Turnage verbindet seine kompositorische Arbeit mit der Klangwelt von Jazz und Popmusik. Seiner dritten Oper Anna Nicole hat er eine Form gegeben, die mit ihren Songs und Tanzeinlagen ans Musical erinnert, an Vorbilder wie Kurt Weill und Leonard Bernstein. Neben dem klassischen Orchester sind eine E-Gitarre, E-Bass, Banjo, Saxophon, Jazz-Drummer und Trompeten im Big-Band-Sound zu hören.

Das Opernmagazin, Detlef Obens, schrieb 2013 zur Aufführung von Anna Nicole  in Dortmund: „Die anspruchsvolle Partitur der Turnage-Oper, herausfordernd für Musiker wie auch für den Dirigenten, war von Angebinn ein Erlebnis der besonderen Art. Tempi, Rhythmen, große orchestrale Ausbrüche, zarte und leise Töne in den emotionalen Momenten der Oper –  all das war hohe Musikkunst.

Die anspruchsvolle Partitur, herausfordernd für Musiker wie auch für den Dirigenten, ist von besonderer Art: Tempi, Rhythmen, große orchestrale Ausbrüche, zarte und leise Töne in den emotionalen Momenten sind hohe Kunst. Wiederholt kommt es zu schroffen Wechseln zwischen Musicalsound und Realityshow einerseits und klassisch-jazzigen wie opernhaften Elementen, eine dauernd fetzige Flut von grell bebilderten Szenen und mitreißenden Songs und Ensembles, die an Emotionalität nichts vermissen lassen.

Ein außergewöhnlicher Opernabend: frenetischer Jubel, Standing Ovations für alle Beteiligten

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—


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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Anna Nicole – Oper von Mark-Anthony Turnage, 15.02.2020

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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Anna Nicole – Oper von Mark-Anthony Turnage
Libretto von Richard Thomas

Premiere Samstag, 15. Februar 2020, 19.30,  die nächsten Vorstellungstermine: 21. & 28. Februar, jeweils um 19.30 Uhr

Anna Nicole – Sexsymbol, Partyluder und Männerfantasie, Busenwunder, Milliardärsgattin und Tabletten-Junkie. Sie war eine Person voller Widersprüche, mit einer Biografie, die den Stoff zu einer Seifenoper hätte liefern können. Komponist Mark-Anthony Turnage und Librettist Richard Thomas haben eine richtige Oper daraus gemacht: Eine rasante Revue voller Sprachwitz und musikalischem Humor, gewürzt mit ein paar messerscharfen Dissonanzen, abwechslungsreich gestalteter Instrumentierung und rockigen Schlagzeugrhythmen.

In Wiesbaden wird das Stück unter der Musikalischen Leitung von Albert Horne und in einer Neuinszenierung von Bernd Mottl, der in Wiesbaden zuletzt die Oper von Arno Schreier, Schade, dass sie eine Hure war,  inszenierte, zu erleben sein.

In dem temporeichen Stück, das mühelos den Spagat zwischen Musical-Song, Opernkoloratur und neuer Musik schlägt, wird die Titelpartie von Elissa Huber verkörpert, die derzeit in der Rolle der Lilli Vanessi in Kiss Me, Kate an der Wiener Volksoper zu sehen ist.

Die Produktion wird theaterpädagogisch begleitet

Musikalische Leitung Albert Horne Inszenierung Bernd Mottl Bühne, Kostüme Friedrich Eggert Chor Albert Horne Choreografie Myriam Lifka Licht Klaus Krauspenhaar Dramaturgie Daniel C. Schindler Theaterpädagogik Luisa Schumacher

MIT:  Anna Nicole Elissa Huber,  Stern Christopher Bolduc, Virgie Margarete Joswig, J. Howard Marshall Uwe Eikötter, Shelley / Marshall Family Lena Haselmann, Mayor of Mexia / Larry King Christopher Diffey Trucker / Doctor / Marshall Family Ralf Rachbauer Deputy Mayor / Patron / Runner Frederic Mörth Daddy Hogan / Marshall Family Daniel Carison Kay / Marshall Family Annette Luig Melissa / News Reporter Fleuranne Brockway Billy / News Reporter Nathaniel Webster Lap Dancer 1 Radoslava Vorgic Lap Dancer 2 Karolina Liçi Lap Dancer 3 Maike Menningen Lap Dancer 4 Jessica Poppe Teenage Daniel David Krahl

TänzerInnen:  Sofia Romano, Anna Heldmaier, Sarah Steinemer, Jasper Hanebuth, Soeren Niewelt, Max Menendez-Vazquez, Nathalie Gehrmann (Swing)

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—


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