Essen, Philharmonie Essen, Geigenstar Julia Fischer – Sir Antonio Pappano, 11.11.2020

Oktober 16, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Philharmonie Essen, Pressemeldung

logo_philharmonie_essen

Philharmonie Essen

Philharmonie Essen © Bernadette Grimmenstein

Philharmonie Essen © Bernadette Grimmenstein

Geigenstar Julia Fischer – Mozart mit der Accademia Nazionale

Auftakt der Residenz von Sir Antonio Pappano am 11. November 2020 in der Philharmonie Essen

Julia Fischer ist anstatt der Pianistin Yuja Wang zu Gast, die ihren Auftritt absagen musste. Es wird ein künstlerisches Gipfeltreffen: am Pult Sir Antonio Pappano, musikalischer Leiter der Londoner Oper und Chef der römischen Accademia Nazionale di Santa Cecilia – des italienischen Vorzeigesinfonieorchesters.

Philharmonie Essen / Julia Fischer © Uwe Arens

Philharmonie Essen / Julia Fischer © Uwe Arens

An seiner Seite die Geigenvirtuosin und Musikprofessorin Julia Fischer, die regelmäßig mit internationalen Top-Orchestern wie den Wiener Philharmonikern oder dem New York Philharmonic auftritt. Am Mittwoch, 11. November 2020, um 20 Uhr sind beide nun gemeinsam mit der Accademia Nazionale in der Philharmonie Essen zu erleben. Julia Fischer wird anstatt der Pianistin Yuja Wang zu Gast sein, die ihren Auftritt absagen musste. Das Konzert ist zugleich der erste Auftritt von Sir Antonio Pappano als Artist in Residence der Philharmonie Essen in dieser Spielzeit. Im Mittelpunkt des Abends stehen zwei Werke von Wolfgang Amadeus Mozart: Julia Fischer wird das fünfte Violinkonzert A-Dur (KV 219) interpretieren, außerdem erklingt die Sinfonie Nr. 35 D-Dur (KV 385), auch bekannt als „Haffner-Sinfonie“. Einleiten wird das Orchester das Konzert zuvor mit der Kammersinfonie Nr. 1 E-Dur, op. 9 von Arnold Schönberg.

Philharmonie Essen / Antonio Pappano © Ianniello Musacchio

Philharmonie Essen / Antonio Pappano © Ianniello Musacchio

Sir Antonio Pappano ist ein Kosmopolit: geboren in London, Sohn italienischer Eltern, Studium in den USA. Seit 2002 ist er musikalischer Leiter der Royal Opera in London, seit 2005 Chefdirigent der Accademia Nazionale di Santa Cecilia Roma, dem wichtigsten italienischen Sinfonieorchester. Als Gast ist er weltweit gefragt, ob bei den Berliner Philharmonikern, dem Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam oder dem New York Philharmonic. Im Rahmen seiner Künstlerresidenz wird er insgesamt sechs Mal in der Philharmonie Essen zu erleben sein – neben Auftritten mit der dem Orchester und dem Chor der Accademia Nazionale di Santa Cecilia, dem Royal Concertgebouw Orchestra und dem Chamber Orchestra of Europe auch als Pianist in einem kammermusikalischen Programm.

Karten (€ 25,00-65,00) sind erhältlich im TicketCenter (II. Hagen 2, 45127 Essen), unter Tel. 0201/81 22-200, per E-Mail unter tickets@theater-essen.de sowie online unter www.theateressen.de. Der Vorverkauf über www.eventim.de und externe Vorverkaufsstellen ist aktuell nicht möglich.

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Lady Macbeth von Mzensk, IOCO Kritik, 19.04.2018

April 21, 2018 by  
Filed under Deutsche Oper Berlin, Hervorheben, Kritiken, Oper

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch

“Warum bleib’ ich ohne Freude?
Warum nimmt man mir jedes Recht zu leben?”   

Von Karin Hasenstein

“Warum bleib’ ich ohne Freude? Warum nimmt man mir jedes Recht zu leben?”  fragt sich Katerina Lwowna Ismailova, die Titelheldin in Lady Macbeth von Mzensk, der zweiten Oper von Dmitri Schostakowitsch.

„Die Hölle auf Erden“

Die Parallele im Titel zu Verdis Oper Macbeth bzw. zur Lady Macbeth ist sicher nicht zufällig gewählt. Dennoch hüte man sich davor, die beiden Damen in eine Schublade zu stecken. Während Verdis Lady Macbeth tatsächlich eine grausame Gestalt ist, wird die sanfte Katerina erst als Opfer der Umstände zur Mörderin. Der Zuschauer identifiziert sich mit ihr und kann jede Gewalttat nachvollziehen. Die Deutsche Oper Berlin zeigt diese Oper in einer Koproduktion mit Den Norske Opera & Ballett, Oslo. Regisseur Ole Anders Tandberg geht bei seiner Inszenierung sehr eng von der Musik aus, was sich als erfreulich erweist. Das hindert ihn nicht daran, die Handlung in ein Fischerdorf auf eine kleine Insel zu verlegen, jedoch ist diese Welt völlig stimmig und schlüssig durchinszeniert. So stellt sich der Wohlstand des Kaufmanns Sinowij Ismailov nicht durch reich gefüllte Kornspeicher dar, sondern durch üppige Fischfänge.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Evelyn Herlitzius als Katerina Ismailowa © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk – hier : Evelyn Herlitzius als Katerina Ismailowa © Marcus Lieberenz

Bühnenbilder Erlend Birkeland hat sich dabei klar von der norwegischen Landschaft inspirieren lassen und eine Szene erschaffen, die in ihrer Verlassenheit und Trostlosigkeit ebenso gut in den Weiten Russlands liegen könnte. Überhaupt nutzt Tandbergs Inszenierung sehr stark Symbole. Das auffälligste ist wohl die Banda, eine Blaskapelle, die immer an besonders dramatischen Schlüsselszenen auftritt und dabei oft ausgesprochen grotesk wirkt, nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass sich die vermeintlichen Damen bei näherem Hinsehen als Herren entpuppen. Ein weiteres sind die Fische, die anstelle von Kornsäcken gehortet werden. An dieser Stelle ein Kompliment an die Werkstätten der DOB für die wunderbar naturgetreuen Fischmodelle, fast glaubt man, den Fischgeruch wahrzunehmen… Im letzten Akt ist es die kahle Insel, die mit ihren nackten Felsen für die Verlorenheit und Ausweglosigkeit der Menschen steht.

I.  Akt: Katerina, die junge Frau des reichen Kaufmanns Sinowij Ismailov, beklagt die Leere in ihrem einsamen, langweiligen Leben: “Ich sterbe noch vor Langeweile…” Ihr Schwiegervater Boris gibt ihr die Schuld an der Kinderlosigkeit der Ehe und klagt sie an, weil sie ihm keinen Erben schenkt. Auf der mit einer kleinen Felseninsel bedeckten Drehbühne stimmt der Chor ein Klagelied an. Katerinas Ehemann wird als Trottel bezeichnet und von der Regie in Kostümierung (Kostüme: Maria Geber) und Personenführung konsequent so dargestellt. Boris schickt seinen Sohn zu einem entfernten Lagerhaus, die Arbeiter singen, Katerina soll ihm treu sein, doch tatsächlich weint sie ihm keine Träne nach, da sie in dieser Ehe keine Erfüllung findet.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Ensemble © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk – hier : Ensemble © Marcus Lieberenz

Es folgt eine beklemmend intensiv dargestellte Vergewaltigungsszene, in der sich Köchin Aksinja gegen die Übermacht der geilen Arbeiter wehren muss, aber kaum eine Chance gegen die zahlreichen körperlich überlegenen Männer hat. Katerina tritt hinzu und erlöst Aksinja nach quälenden Minuten voller obszöner Beleidigungen und Demütigungen. Boris taucht auf und schickt alle wieder an die Arbeit. Katerina sehnt sich nach Zärtlichkeit und körperlicher Liebe: “Alles paart sich: der Hengst läuft der Stute nach… wer aber kommt denn jemals zu mir? Wer liebt mich, bis ich vor Erschöpfung nicht mehr kann?”

Erfüllung naht in Gestalt des neuen Arbeiters Sergej. Auf die leisen Streicher und die sehnsuchtsvolle Klarinette folgt eine krude Beischlafs-Musik, die bereits das Gewalt-Motiv vorstellt und dem Hörer verdeutlicht, dass dieses für Katerina wohl nicht der Weg zum Glück ist. Hier taucht zum ersten Mal die schräge Banda auf, eine ekstatische Musik mit viel Blech und dem für Schostakowitsch so typischen Schlagwerk. Figuren und Musik machen sich lustig über den gehörnten Ehemann, der – kaum aus dem Haus – von seiner Frau betrogen wird, die dem Fremden schenkt, was sie ihrem Mann verwehrt.

II. Akt: Boris schleicht um Katerinas Schlafzimmer herum. Er erinnert sich seiner Jugend und verspricht “Heiße Nächte würde ich dir machen!“ In diesem Walzer fühlt man sich unwillkürlich an den Ochs aus dem Rosenkavalier erinnert, der in der Arie “Mit mir, mit mir… keine Nacht dir zu lang!“ dem Mariandl Ähnliches verspricht. Boris entdeckt, dass Sergej bei Katerina war. Eigentlich wollte er an Katerina erfüllen, was seinem Sohn bisher nicht gelang. Als er entdeckt, dass er zu spät kommt, lässt er Sergej brutal auspeitschen und im Keller einsperren. Auch diese Gewaltszene wird wieder sehr drastisch und detailliert dargestellt, musikalisch illustriert durch Xylophon und Schlagwerk im Rhythmus der Peitschenschläge.

Nun greift auch Katerina zu drastischen Mitteln: sie mischt ihrem Schwiegervater Rattengift unter das Pilzgericht, um Boris den Schlüssel abzunehmen und Sergej zu befreien. Boris fühlt sein letztes Stündlein kommen, man holt den Popen, doch ehe Boris beichten kann, hat das Rattengift seine Wirkung entfaltet. Katerina lenkt den Popen ab und klagt, wer nun für sie sorgen werde. Zur Totenmesse und dem Gebet für Boris’ Seele tritt Banda auf;  lautes schräges Blech führt die ganze Situation ad absurdum.

Katerina schlägt ihr Lager neben Sergejs auf und verspricht, ihn zu heiraten. Aber sie weiß auch “Bald ist unsere letzte Liebesnacht”, denn auch wenn der Schwiegervater beseitigt ist, so weiß sie, dass ihr Mann bald zurückkehren wird. Nun tritt Boris’ Geist auf und verflucht Katerina, seine Mörderin. Sinowij kehrt zurück und wird ebenfalls ermordet. Zu ruhiger Moll-Harmonik küssen sich die Liebenden über der Leiche und Katerina beruhigt Sergej “Jetzt bist du mein Mann!“

III Akt: Hochzeitstag. Der Schäbige, auf der Suche nach Alkohol, riecht den Wodka und findet die Leiche. “Mord! Polizei!” ruft er und wieder wird die Szene untermalt von der Banda. Man schwankt zwischen Faszination und dem Gedanken “Nein, nicht die schon wieder!” Zum komischen Moment an diesem so ernsten Abend wird der Auftritt der Polizei; vor dem Vorhang dargestellt vom Herrenchor in norwegischen Polizei-Uniformen; mit Bügelbrett und Bügeleisen bewaffnet vermitteln sie – hier herrscht Ordnung! – genau das vermittelt die Nummer “Ordnung schafft die Polizei!” Dumm nur, dass man vergessen hat, den Polizeichef zur Hochzeitsfeier einzuladen! So rückt die Polizei eben uneingeladen an, um der Anzeige des Schäbigen auf den Grund zu gehen.

Die Inszenierung der Hochzeitsfeier spielt wird einmal mehr mit Klischees; Wodka fließt in Strömen, wird gar aus Wasserkanistern “genossen”. Katerina versucht noch, Sergej zur Flucht zu überreden, jedoch es ist zu spät und sie werden festgenommen. Auch diese Szene wird von der Banda kommentiert. Um die wahren Machtverhältnisse noch einmal zu demonstrieren, wird Katerina im Brautkleid vom Polizeichef vergewaltigt.

IV. Akt:  Das kleine Haus auf der Insel ist verschwunden, wir befinden uns in einem Gefangenlager. Sergej und Katerina sind auf dem Weg in die Verbannung. Der Chor beschreibt die Strapazen des Weges: “Wer hat die Meilen gezählt?” Trauer und Hoffnungslosigkeit in der Musik werden durch eindringliche Bilder auf der Bühne, abgerissene, schmutzige gebrochene Menschen, zum Teil in Unterwäsche, und sensibel eingesetztes Licht, unterstrichen. Die Gefangenen haben jede Hoffnung verloren. Es wird jedoch nicht nur das Einzelschicksal Katerinas und Sergejs beschrieben; das ganze Volk wird durch die Darstellung der zur Zwangsarbeit Verurteilten angesprochen.

Katerina liebt Sergej noch immer. Sie besticht eine Wache, damit sie zu ihm gelangen kann. Dieser klagt sie jedoch an “Du hast mein Leben zerstört!” Er hat inzwischen eine andere Geliebte und bittet Katerina um ihre warmen Strümpfe für Sonjetka. Katerina gibt sie ihm aus Liebe und muss schließlich eine Liebeszene zwischen Sergej und Sonjetka mit ansehen. Das harte Gegenlicht unterstreicht die Kälte, mit der Sergej handelt. Der Chor stimmt ein Klagelied an Irgendwo im Wald liegt ein See. Das Wasser ist so schwer wie ihr Gewissen.“ Katerina muss erkennen, dass Sergej sie nicht mehr liebt; sie verhöhnt. Während die Gefangenen weiterziehen, erwürgt Katarina Sonjetka, reißt sie mit in die Tiefe, beide ertrinken. Ein Klagelied erklingt, da capo.

Der Stoff, den Schostakowitsch hier vertont hat, ist schwere Kost. Die Orchestrierung ist, typisch für Schostakowitsch, stark in den Holzbläsern besetzt, aber auch das schwere Blech setzt starke Akzente. Mit großem Schlagwerk vermittelt sich die Brutalität der Handlung durch eindringliche Rhythmen und große Dynamik.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk- hier: Katerina und der Schäbige © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk- hier: Katerina und der Schäbige © Marcus Lieberenz

Donald Runnicles führt das Orchester der Deutschen Oper souverän durch den Abend. Er präsentiert sich einmal mehr als erfahrener Begleiter für die Solisten mit sängerfreundlicher Dynamik und perfekten Tempi. Der Chor sowie die Herren des Extrachores (Einstudierung Jeremy Bines) beeindrucken mit deutlicher Diktion und sauberen Wegnahmen und folgen Runnicles‘ Dirigat präzise. Insbesondere im letzten Akt besticht der Chor durch flexible Dynamik und vermittelt mit großem Ausdruck die Hoffnungslosigkeit der Gefangenen auf ihrem Weg in die Verbannung.

Bei den Solisten sei voran Evelyn Herlitzius als Katerina erwähnt. Die als Strauss-Interpretin bekannte Sopranistin verfügt über einen jugendlich-dramatischen Sopran, der wunderbar zur Rolle der Katerina passt. Im ersten Akt noch mit etwas viel Metall in den Höhen wird ihre Interpretation in den folgenden Akten immer überzeugender und ergreifender. Hinzu kommen ihre starke Bühnenpräsenz und große Glaubwürdigkeit, mit der sie die verzweifelte und zerrissene Persönlichkeit verkörpert. Sergey Poljakow ist ihr ebenbürtiger Partner, der die Rolle des Sergej überzeugend und mit tenoraler Strahlkraft ausfüllt.

Wolfgang Bankls kraftvoller Bass passt gut zur Rolle des plumpen und brutalen Boris. Bankl scheut sich auch nicht vor “schmutzigen” Tönen, die es aber braucht, um diesen Charakter glaubhaft darzustellen. Sehr beeindruckend auch die Szene als Geist, dessen Auftritt fast ein wenig an die Szene des Komturs in Don Giovanni erinnert. Ensemblemitglied Thomas Blondelle gibt den gehörnten Ehemann Sinowij mit lyrischem Tenor und verleiht ihm so viel Tragik, dass er einem fast schon leid tut. Ist es auch eine relativ kleine Rolle, so legt er doch viel Begeisterung hinein und überzeugt das Publikum durch große Spielfreude. Burkhard Ulrich hat als Schäbiger einen kurzen aber eindrucksvollen Auftritt und überzeugt als fieser Verräter. Die Rolle der Sonjetka ist mit der Walter-Sandvoss-Stipendiatin Vasilisa Berzhanskaya perfekt besetzt.

Alles in allem wurde an diesem Abend eine großartige Ensembleleistung präsentiert, die vom begeisterten Publikum mit anhaltendem Applaus und zahlreichen Bravi entsprechend gewürdigt wurde. Die Intensität, mit der vor allem Herlitzius und Poljakow agierten, wirkte lange nach. Ein doppelter Wodka – wie in der Vorstellung – schien auch nach der Vorstellung wahrhaft angebracht.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Stuttgart, Oper Stuttgart, Pique Dame von Peter Tschaikowsky, IOCO Kritik, 14.06.2017

Juni 15, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

Oper_Stuttgart_1zeilig_rotNEU

Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Pique Dame von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky

Auf den Hintertreppen der Wohlstandsgesellschaft 

 Tschaikowskys Glücksucher-Phantasie als Flucht- und Such-Geschichte einer vergessenen Klasse

Von Peter Schlang

Die Handlung von Tschaikowskys 1890 uraufgeführter Oper Pique Dame stellt Regisseure wie aufmerksamen Zuschauer vor erhebliche, nur schwer zu lösende Probleme. Die Gründe dafür liegen in erster Linie in dem von Tschaikowsky Bruder Modeste nach der gleichnamigen Erzählung Alexander Puschkins verfassten Libretto, das so viele zeitliche und inhaltliche Brüche und Widersprüche aufweist, dass es nahezu unmöglich erscheint, daraus einen an die Handlung gebundenen schlüssigen Interpretationsansatz zu entwickeln.

Oper Stuttgart / Pique Dame - Ensemble © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dame – Ensemble © A.T. Schaefer

Das erfahrene Regie-Duo Jossi Wieler und Sergio Morabito, dem noch eine Spielzeit lang die Leitung der Stuttgarter Staatsoper obliegt, versucht es in seiner ersten Auseinandersetzung mit einer Oper des wohl bekanntesten russischen Komponisten klugerweise erst gar nicht, diesen Widersprüchen auf rationale Weise beizukommen, sondern packt, wie man im Schwäbischen sagt, „den Stier an seinen Hörnern“. Dies will heißen, dass die beiden Regiefüchse, zusammen mit ihrer kongenialen, ihnen in vielen Regiearbeiten verbundenen Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, die in der Handlung und auch in der Musik aufscheinenden verschiedenen Zeitebenen und –brüche ganz einfach zum Schlüsselthema ihrer Deutung machen. So führen sie das von Anfang an gebannt folgende Stuttgarter Premierenpublikum auf eine Reise durch verschiedene Epochen der Kultur- und Zeitgeschichte. Das bestens aufeinander eingespielte Trio nimmt also das Spiel mit den Zeiten und ihren Verschiebungen bewusst auf und ziemlich wörtlich, wobei dem Symbol der (Hinter-) Treppe eine herausragende Bedeutung zukommt. Damit fügen die drei ihrer in vielen Regiearbeiten demonstrierten Auseinandersetzung mit dem Theater und seinen Rollen und Möglichkeiten sowie dem „Spiel mit dem Spiel“ einen weiteren interessanten Aspekt hinzu, das Spiel mit verschiedenen Zeitebenen. Im wie immer opulent gestalteten und bestens informierenden Programmheft findet sich dafür das passende Bild der „Zeitkapsel“. Und dort schreibt Sergio Morabito zum Thema „Spiel“ auch die folgenden Zeilen: „Spielen, um der Kontrolle zu entkommen, spielen, um sich selbst zu überlisten, verrücktspielen – auf dem Theater, mit dem Theater, da man sonst verstummt; planen und berechnen, damit alles ganz anders kommt, um im entscheidenden Moment auf die Pique Dame statt auf das As zu setzen, verlieren, um zu gewinnen – in gewisser Weise ist das existentielle Thema der Pique Dame auch unser Thema als ‚Theater-Spieler‘“. –

Und, erlaubt sich der Berichterstatter hinzuzufügen, auch das eines jeden Menschen.
Anna Viebrock steuert ihren Teil zu diesem Spiel mit dem Spiel und der Zeit in Form eines genialen, t-förmigen Gebäudes mit vielen, für sie charakteristische Türen, Treppen, Leitern und Balkonen bei, das stark an die surrealen Visionen M. C. Eschers erinnert. Dieses an Häuserblocks in sozialen Schwerpunkten orientierte Mehrfamilienhaus mit seinen heruntergekommenen Fassaden und verrosteten Geländern und Steighilfen bietet drei verschiedene Blickwinkel und noch mehr Spielflächen, die raffinierter Weise alle im Außenbereich liegen und keinerlei Innenräume abbilden. Das dadurch bedingte Ausgeschlossen-Sein und Draußen-bleiben-müssen ist ein treffendes Bild der in dieser Aufführung zu erlebenden Figuren, die in ihrer Mehrzahl zu den Ausgegrenzten und Vergessenen der Gesellschaft gehören. Vor allem die Freunde Germans um deren Sprecher Tomski machen durch ihr Verhalten und Auftreten auf bedrückende Weise deutlich, wozu eine verlorene, erniedrigte Generation von Losern in der Lage ist.

Oper Stuttgart / Pique Dam - Yuko Kakuta als Mascha und Staatsopernchor © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dam – Yuko Kakuta als Mascha und Staatsopernchor © A.T. Schaefer

An deren Situation ändert sich auch durch das noch so häufige Drehen der Kulisse nichts, obwohl dies ja auch Sinnbild für ständige Verwandlungen und Veränderungen sein könnte. Hier ist die dauernde Bewegung aber eher Ausdruck der Unruhe und des Getriebenseins, denen die auf der Stuttgarter Opernbühne zu erlebenden Figuren permanent unterworfen sind. Sie, und das gilt vor allem für den „ewigen Herumtreiber“ German, scheinen ständig auf der Flucht zu sein, vor sich selbst und vor allem, sie jagen dem Glück nach, ohne es jemals wirklich zu fassen zu bekommen und sind somit jeder Zeit fremd. Insofern mündet die Stuttgarter Deutung von Tschaikowskys Drama um den Spieler German, der eine intensive Beschäftigung mit den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen in Russland und sogar eine Studienreise des Regietrios in die Stadt Peters des Großen vorausging, in einen äußerst skeptischen und resignativen Ausblick, dem nichts mehr von russisch-französischer Folklore und idyllischem Landleben anhaftet. Und es ist in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Verwerfungen und Unsicherheiten bestimmt nicht zu weit hergeholt, den Blick dabei auch auf die Länder der EU einschließlich Deutschlands zu richten.

Dass diese fast drei Stunden dauernde Inszenierung dennoch die Zuschauer nicht in depressive Stimmung versetzt, sondern quicklebendig und in Spannung hält, liegt an der zu jeder Sekunde durchdachten und fesselnden Personenführung und einer äußerst präzisen Ausdeutung der Charaktere. Dabei schreckt die Regie auch nicht vor vielleicht etwas platten, noch die kleinsten Rollen betreffenden kolportagehaften Stilmitteln zurück. Diese weisen aber etwa die Freundinnen Lisas bei deren Junggesellinnen-Abschied, den Kinderchor bei der Eingangsszene in an die Dreißigerjahre erinnernden Kleidern oder den Chor in seinen zahlreichen Auftritten und verschiedenen Rollen und Funktionen einer bestimmten Gesellschaftsschicht und damit auch Zeitebene zu. Auch der ständige Einsatz zeit-affiner Symbole wie einer echten „Taschen-Uhr“, durch Licht und Dunkelheit erzeugte Vorausdeutungen und einem zunächst als Spielgerät dienenden, dann platten Fußball unterstreichen den spielfreudigen und symbolhaltigen Charakter der neuen Stuttgarter Pique Dame.

Oper Stuttgart / Pique Dame - Marie Fischer, Rebecca von Lipinski und Staatsopernchor © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dame – Marie Fischer, Rebecca von Lipinski und Staatsopernchor © A.T. Schaefer

Da erscheint es dann auch verzeihlich, wenn die im Stück eigentlich nicht vorkommende russische Kaiserin Katharina die Große mehrfach als leicht begleitetes, fast magersüchtiges Nummerngirl über die Bühne des Stuttgarter Opernhauses tänzeln darf. Dieses und viele weitere Momente und Motive, etwa die an eine höfische Kutsche oder an einen aus einer Barockkirche stammenden Beichtstuhl erinnernde Behausung und Transporthilfe der von Helene Schneiderman ausdrucksstark und berührend verkörperten alten Gräfin, zeugen nicht nur von der Phantasie des Regie- und Ausstattungsteams, sondern auch von der hohen Qualität der verschiedenen Werkstätten und Ateliers der Stuttgarter Staatsoper, denen bei dieser Gelegenheit einmal ausdrücklicher und besonderer Beifall gezollt werden soll.

Auch musikalisch bewegt sich die letzte Stuttgarter Premiere dieser zu Ende gehenden Spielzeit auf höchstem Niveau. Das gilt zunächst für das von Silvain Cambreling bei dessen erstem Dirigat einer Tschaikowsky-Oper souverän wie umsichtig geleitete Staatsorchester. Er versteht es zu jeder Zeit, die der Musik innewohnende ganz und gar russische Atmosphäre lebendig und gleichzeitig die vom Komponisten gewählte Instrumentierung nach bester Pariser Schule hörbar werden zu lassen. So zeigen sich die Stuttgarter Musikerinnen und Musiker der äußerst farbigen und kontrastreichen Partitur bestens gewachsen und erzielen mit deren lyrischen Stimmungskontrasten höchst dramatische Wirkungen, die sich mal in einem präsenten, kraftvollen, wenn nötig aber auch in einem sehr transparenten, luziden und kammermusikalischen Ton verdichten. Mit diesem abgestuften, dynamischen und detailgenauen Musizieren bietet das Stuttgarter Staatsorchester an diesem Abend eine grandiose musikalische Leistung, die auch die Ausführenden auf der Bühne inspiriert und beflügelt.
Zu denen gehört, um bei den Kollektiven zu bleiben, erneut und wie eigentlich immer der von Johannes Knecht in jeder Hinsicht phänomenal vorbereitete Staatsopernchor. Wie dieses aus 70 Agierenden zusammengefügte Ensemble spielt und singt – und das wohlgemerkt in russischer Sprache – und dazu auch während eigentlich chorfreier Stellen höchste Bühnenpräsenz zeigt, dürfte so schnell nicht zu überbieten sein. So bieten die Sängerinnen und Sänger ein bunt schillerndes Panoptikum an Charakteren unterschiedlicher Epochen und Schichten und bringen sich mit ihrem Auftritt an diesem Abend erneut als ganz heißen Anwärter auf den Titel „Chor des Jahres“ ins Gespräch.
Auch die Solisten, bis auf die als Gäste nach Stuttgart zurückgekehrten Erin Caves in der männlichen Hauptfigur des German und der dessen Kumpel Tomski verkörpernden Vladislav Sulimsky allesamt Mitglieder des Stuttgarter Ensembles, überzeugen ohne große Abstriche und weisen sich wieder einmal nicht nur als bewährte Sängerinnen und Sänger aus, sondern – und anders geht dies in Stuttgart sowieso nicht – auch als phänomenale Darstellerinnen und Darsteller.

Als solche verdienen schon wegen ihres Rollenumfangs der bereits genannte Erin Caves und die ihm als Subjekt seiner Begierde Lisa quasi zur Seite gestellte Rebecca von Lipinsky besondere Hervorhebung. Beide füllen ihre Rollen mit inniger Hingabe und großem Melos aus und nehmen mit klarer und feiner Stimmführung für sich ein, wobei sie trotz rollenbedingter dramatischer Spitzen und Höhen nie in bei manch anderen Darstellern zu befürchtende Übertreibungen abgleiten.
Bei den Nebenrollen verdient sich neben der bereits hervorgehobenen Helene Schneiderman vor allem die Polina der Stine Marie Fischer höchstes Lob, und das weiß Gott nicht nur, weil sie als „große Blonde“ eine der optisch auffälligsten und schauspielerisch präsentesten Akteurinnen des Abends ist. Aber auch Maria Theresa Ullrich als Gouvernante und Yuko Kakuta als Lisas Freundin Mascha glänzen in ihren jeweiligen Rollendebüts – was übrigens bis auf Vladislav Sulimsky für alle an diesem Abend auf der Bühne Stehenden gilt – mit einer äußerst passablen und rollengerechte Leistung.
Bei den männlichen Darstellern sind neben dem bereits erwähnten, mit einer angenehm sonoren Baritonstimme ausgestatteten Vladislav Sulimsky vor allem Shigeo Ishino zu nennen, der den Grafen Jeletzki, Lisas auserwählten Ehemann, äußerst glaubhaft als soignierten und aus dem sonst vorherrschenden Milieu herausfallenden Charakter gibt. Torsten Hofmann als Tschekalinski, David Steffens als Surin, Gergely Németi als Tschapilitzki sowie Michael Nagl, noch dem Opernstudio angehöriger „Sänger-Azubi“, als Narumov vervollständigen stimmlich wie darstellerisch makellos die Clique um Tomski-Sulimsky, die zu jeder Zeit erfolgreich versucht, German-Caves zu nerven und bloßzustellen.

Oper Stuttgart / Pique Dame - Gräfin, Lisa und German © A.T. Schaefer

Oper Stuttgart / Pique Dame – Gräfin, Lisa und German © A.T. Schaefer

Das Premierenpublikum, unter das sich zahlreiche Prominenz aus der lokalen wie regionalen Kulturszene, Politik und Wirtschaft gemischt hatte, dankte mit Bayreuth-artigem, zwanzigminütigem frenetischer Beifall allen Beteiligten. Die Mitglieder des Regieteams waren also genauso wie der bereits erwähnte Stuttgarter GMD Sylvain Cambreling und sein Staatsorchester, der Leiter des Opernchores Johannes Knecht und seine an diesem Abend aus zwei Teilen bestehender Gefolgschaft, der Staatsopernchor und der Kinderchor, sowie alle Solistinnen und Solisten dieser mitreißenden Opernproduktion gleichberechtigte und verdiente Adressaten dieses kaum enden wollenden Beifalls.
Dieser denkwürdige Opernabend hatte kurz vorher – genauso wie Germans Leben nach einer von dessen letzten Fragen – sein Ende gefunden. Es war dies das an das Existenzielle rührende:

„Was ist unser Leben? Ein Spiel!
Gut und Böse? Hirngespinste!
Arbeit und Ehrlichkeit? Weibermärchen!“

Auf dem Heimweg durch den inzwischen fast dunklen Stuttgarter Schlossgarten leuchtete dem Rezensenten ein Plakat des Stuttgarter Einkaufszentrums Gerber mit der Botschaft entgegen: “Gerber ist Shopping.“ Angesichts der momentan nicht nur in Stuttgart zu beobachteten Aufrüstung mit weiteren Shopping-Malls und dem Konsumrausch vieler Zeitgenossen ist der kritische Beobachter versucht, diesen Slogan in „Das Leben ist Shopping“ abzuwandeln. Vor dem Hintergrund der zurückliegenden drei aufrüttelnden Theaterstunden entpuppt sich eine solche Sicht zwar als zu einfach, sie scheint aber zeitgemäß zu sein und ist damit durchaus ein passender Beitrag zum großen Thema dieses Opernabends, dem Spiel mit Zeiten, Rollen und Ansichten.

Pique Dame an der Oper Stuttgart:  Weitere Vorstellungen am 14., 24. und 27. Juni sowie am 01., 06. und 24. Juli 2017

 

Cottbus, Staatstheater Cottbus, Überraschungs-Ei, 09.04.2012

April 4, 2012 by  
Filed under Pressemeldung, Staatstheater Cottbus

cottbus.jpg 
Staatstheater Cottbus

Überraschungs-Ei

Staatstheater Cottbus / Szenenfoto mit Sigrun Fischer © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Szenenfoto mit Sigrun Fischer © Marlies Kross

Ostern ist in diesem Jahr „Unbeschreiblich weiblich“! – auf jeden Fall in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus (Wernerstr. 60) am Ostermontag, 9. April 2012, 19.00 Uhr, beim gleichnamigen Liederabend mit den singenden Schauspielerinnen Sigrun Fischer, Johanna Emil Fülle und Heidrun Bartholomäus.

Staatstheater Cottbus / Szenenfoto mit (v.l.n.r.) Johanna Emil Fülle, Heidrun Bartholomäus und Sigrun Fischer © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Szenenfoto mit (v.l.n.r.) Johanna Emil Fülle, Heidrun Bartholomäus und Sigrun Fischer © Marlies Kross

Zwischen Trekking Boots, Kinderschuhen und High Heels lassen die drei Frauen in einem Schuhgeschäft manch ungestillte Sehnsucht laut werden, mit Songs von „Wir sind Helden“ über Marianne Rosenberg bis zu Nina Hagen. Am Klavier begleitet sie Frank Petzold. Für alle, die diesen Abend zu zweit erleben wollen, gibt es die zweite Karte am Ostermontag zum ermäßigten Preis.

—| Pressemeldung Staatstheater Cottbus |—

 

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung