Baden – Baden, Festspielhaus – Osterfestspiele 2018, Parsifal von Richard Wagner, IOCO Kritik, 03.04.2018

April 4, 2018 by  
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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

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Parsifal von Richard Wagner

Glanzvoller Abschied in Grau

Von Uschi Reifenberg

Mit Richard Wagners Weltabschiedswerk, dem Bühnenweihfestspiel Parsifal, nahm auch Sir Simon Rattle, scheidender Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Abschied von den Osterfestspielen Baden-Baden. Sechs Jahre lang verwandelten der Stardirigent und das Weltklasse Orchester alljährlich zur Osterzeit die Stadt an der Oos in ein glanzvolles Mekka für Festivalbesucher aus aller Welt. Einmalig an den Osterfestspielen in Baden-Baden ist, dass die Berliner Philharmoniker über eine Woche lang quasi omnipräsent in vielfältigsten Besetzungen an unterschiedlichen Spielorten die ganze Stadt bespielen und in Kammermusikbesetzungen, Kinderoper, Sinfoniekonzerten oder großer Oper zu hören sind.

Wagners letztes Werk, sein „Opus summum“ und wohl auch sein vielfältigstes und rätselhaftestes, ist ein einzigartiges Konglomerat aus philosophischen, weltanschaulichen und religiösen Thesen und in seiner Vieldeutigkeit durchlässig für die unterschiedlichsten Deutungen.Die Welt in ihrer existenziellen Ausweglosigkeit wird geschildert mit Fragen zu Leid, Vergänglichkeit, Tod, aber auch zu Erneuerung und Erlösung, Wagners Lebensthema.

Nach Wagners Auffassung hatte die Religion ihre Funktion in der säkularisierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts eingebüßt und nun sollte an ihre Stelle die Kunst treten, um die metaphysischen Bedürfnisse als Sinn- und Deutungslieferant zu bedienen. Wagner schreibt 1880: „Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten ist, den Kern der Religion zu retten…“ Wagner als Religionsstifter und Parsifal als Kunstwerk, das die erlösungsbedürftige Menschheit zu erneuern im Stande wäre. 1882 wurde der Parsifal im Bayreuther Festspielhaus uraufgeführt. Wagner verfügte, dass sein Werk nur dort zur Aufführung kommen sollte. 30 Jahre lang sollte es auch so sein.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Stephen Gould als Parsifal und Ruxandra Donose als Kundry © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Stephen Gould als Parsifal und Ruxandra Donose als Kundry © Monika Rittershaus

Der verdeckte Orchestergraben, der sogenannte “mystische Abgrund“, erzeugt jenen einzigartigen Mischklang, der nur in Bayreuth zu erleben ist und für welchen Wagner den Parsifal geschaffen hat. Im Festspielhaus Baden-Baden, dem größten Opern- und Konzerthaus Deutschlands, gelingt Sir Simon Rattle auch ohne verdeckten Orchestergraben ein Klangwunder der besonderen Art. Sir Simon näherte sich – wie er in einem Interview erwähnte – der Parsifal Partitur sozusagen retrospektiv aus der Sicht des Komponisten Claude Debussy, der sich, gemäß dem traditionellen Tonsatz, ein Orchester ohne Bass- Fundament wünschte.

Klanggemälde, befreit von jeder Erdenschwere

Gleichsam gelingt dem Dirigenten und seinem Orchester ein impressionistisches Klanggemälde, befreit von jeder Erdenschwere, weich strömend und mit sensibelster Ausbalancierung. Samtige Streicherklänge, ätherische Holzbläsersoli scheinen aus dem Nichts zu entstehen und sich wieder zu verflüchtigen, Linien bis in feinste Verästelungen durchgehört. Transparenz und kammermusikalische Ausformung sind Rattles besonderes Anliegen. Manchmal scheint die Musik aber auf der Stelle zu treten und man hätte sich mehr Stringenz und Zielorientiertheit, mehr dramatischen Zugriff und Auskostung der wagnerischen Höhepunkte gewünscht.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Franz-Josef Selig als Gurnemanz © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Franz-Josef Selig als Gurnemanz © Monika Rittershaus

Für die Inszenierung konnte die 82-jährige Regie-Legende Dieter Dorn gewonnen werden. Der mit Preisen hochdekorierte, ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele, inszenierte bereits 1990 in Bayreuth (Der fliegende Holländer), 1993 an der MET ( Tristan und Isolde) und 2014 in Genf ( Der Ring des Nibelungen). Dieter Dorn bleibt mit seiner Parsifal Inszenierung nah am Text und erzählt die Geschichte linear als eine zeitlose Parabel, ohne ihr gewaltsam eine Deutung aufzuzwingen, aber auch, ohne Antworten zu geben. Im Zentrum der Handlung steht für ihn Kundry, Wagners ambivalenteste Frauenfigur, die schon während des Vorspiels einsam am Boden kauert. Als ihr von seltsamen Gestalten verschiedene weibliche Requisiten angeboten werden, Symbole für unterschiedlichste Identitäten, lehnt sie ab. Am Ende bleibt sie als Einzige vor dem geschlossenen Vorhang zurück und blickt fragend ins Publikum. Gefangen im ewigen Kreislauf, ausgesperrt und auf Erlösung hoffend?

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Für das Gralsgebiet im 1. und 3. Akt finden Dieter Dorn und seine Bühnenbildnerin Magdalena Gut einen offenen, werkstattartigen Raum, der an eine Probebühne erinnert, in welcher riesige Holzplatten und Rampen aufgebaut sind. Auf den Holzplatten sind skizzierte Landschaften zu erkennen, sie werden von gesichtslosen Gestalten in grauen, zerlumpten Gewändern (Kostüme: Monika Staykova), hin- und hergeschoben.
Die vorherrschende Farbe für alle 3 Akte ist grau in verschiedenen Abstufungen (Lichtregie: Tobias Löffler). Die Gralsgemeinschaft scheint eine Gesellschaft der Kraftlosen, Ziellosen zu sein, in Auflösung begriffen, unfähig zur Erneuerung, in Beckettscher Manier in der ewigen Wiederkehr des Gleichen verharrend. Ein schöner Regieeinfall ist der Tod des textgetreu auftretenden Schwanenpaares, der, vom sich ins Gralsgebiet verirrenden, unwissenden, reinen Toren Parsifal absichtsvoll verursacht wird.

Für die Gralsenthüllung im 1. Akt werden die Holzgerüste zu einer Art Theater- Zuschauergalerie zusammengeschoben, auf welcher die Gralsritter wie Theaterbesucher Platz nehmen und der qualvollen Zeremonie des leidenden Amfortas unbeteiligt beiwohnen. Der Gral ist ein strahlend weiß leuchtender Kelch, der in einem Holzschränkchen hereingetragen wird. Anschließend werden Brot und Wein verteilt wie bei einer Armenspeisung. Das Zauberschloss im 2. Akt wird dargestellt durch riesige Zinnen, auf welchen Klingsor in eine weiße Kristallkugel starrt. Dieses Tableau ist in blaues Licht getaucht und lässt kurzzeitig Raum für Magie und Mystik. Die Blumenmädchen mit ihren grell bunten Blumen Accessoires – der einzige Farb Lichtblick dieser Inszenierung – werden nun wieder von der Einheitsfarbe grau kontrastiert. Kundry versucht als blonde Diva in weiß Parsifal zu verführen, der Speerwurf Klingsors wird durch einen gelungenen Lichteffekt in Szene gesetzt.

Im 3. Akt befinden wir uns wieder im Werkstatt Provisorium, in welchem nun die Holzgerüste genauso beschädigt wirken wie die Bewohner und von diesen noch ziel- und planloser hin und her geschoben werden. Gurnemanz, nun lemurenhaft- gespenstisch wirkend, holt Kundry ins Leben zurück, indem er sich ihr erotisch nähert. Parsifal findet als schwarzer Ritter in voller Rüstung zurück ins Gralsgebiet und der Karfreitagszauber erblüht lediglich im Orchestergraben, vom Schnürboden weiße Papierschnipsel herunterwehen und von Erneuerung und Erlösung künden. Die Zusammenführung von Speer und Kelch, Amfortas‘ Heilung und Parsifals Enthüllung des Grals als neuer Heilsbringer, kann die Gralsgemeinschaft aber scheinbar nicht in jene Zukunft führen, die der in ihren Grundfesten erstarrten Gesellschaft die erlösende Erneuerung bringen könnte.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Gerald Finley als Amfortas © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Gerald Finley als Amfortas © Monika Rittershaus

Gesungen wird in dieser Produktion wie erwartet auf hohem Niveau. Franz – Josef Selig ist ein Bilderbuch Gurnemanz mit hell timbriertem, in allen Lagen ausgeglichenem Bass, idealer Textverständichkeit und ohne Ermüdungserscheinungen. Zeigt er sich im 1. Akt noch als viril-jugendlicher Lehrmeister, so findet er im 3.Akt zu jenem schmerzvoll- resignativen Weltwissen, das den reifen Wagner Helden Ihre jeweils ureigene Prägung verleiht. Steven Gould, einer der besten Wagner Tenöre unserer Zeit, präsentiert sich in der Rolle des Parsifal in Bestform. Als jugendlich- naiver reiner Tor bis zum mitleidvoll- Wissenden schlägt er einen glaubhaften Entwicklungsbogen und lässt die große Erweckungsszene im 2. Akt mit heldischer Strahlkraft und erschütternder Intensität zu einem Höhepunkt werden. Die Figur der Kundry – Wagners komplexe Frauengestalt- wird von Ruxandra Donose in der Herzeleide-Erzählung mit schönem lyrischen Timbre und feinen Legatobögen versehen. Die dämonisch-zwielichtige Seite, die Zerrissenheit dieser erlösungssüchtigen Verführerin bleibt Donose in ihrer Interpretation allerdings schuldig.
Evgeny Nikitin im Rocker Outfit ist als bezopfter Klingsor eine Idealerscheinung. Mit schneidender Diktion und stählernem Bariton versprüht er jede Menge Dämonie und lässt an stimmlicher Ausstrahlung nichts zu wünschen übrig. Gerald Finley als Amfortas ist in der Darstellung seines Leidens ein idealer Schmerzensmann mit exemplarischer Textausdeutung und perfekter Phrasierung. In seiner großen Klage im 1. Akt kann er allerdings mit seinen Erbarmen- Rufen wenig Mitleid hervorrufen.

Robert Lloyd als siecher Gralskönig Titurel ist mit immer noch mächtigem Bass eine Idealbesetzung und die perfekt ausbalancierten und herrlich singenden Blumenmädchen sind eine pure Freude. Der Philharmonia Chor Wien (Leitung: Walter Zeh) wartet mit mächtiger Klangkultur auf.

Das Publikum spendete begeistert Beifall und stehende Ovationen nach dieser letzten Parsifal Vorstellung, vor allem für Orchester und Dirigent und freut sich auf ein Wiedersehen mit den Berliner Philarmonikern im nächsten Jahr.

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Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018 – Spielplan, IOCO Aktuell, 24.01.2018

Januar 26, 2018 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Bayreuther Festspiele 2018

Lohengrin, Parsifal, Tristan und Isolde, Die Meistersinger, Holländer

Von Patrik Klein

Am 25. Juli eines jeden Jahres beginnen auf dem Grünen Hügel in Bayreuth die Bayreuther Festspiele; den Hauptwerken Richard Wagners gewidmet. In Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I.  (Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen 1797 – 1888) wurde am 13.8.1876 die erste Festspielsaison in Bayreuth mit Rheingold und höchst prominenten Gästen wie König Karl von Württemberg,  Friedrich Nietzsche, Franz Bruckner, Franz Liszt, Leo Tolstoi, Camille Saint-Saents eröffnet. Der menschenscheue  König Ludwig II. (1845 – 1886), Finanzier und Wagnerverehrer,  fehlte zur Eröffnung; doch hatte er Tage zuvor den Generalproben und später einem Ring-Zyklus beigewohnt. 58.000 Besucher „pilgern“ seither jedes Jahr zu den Bayreuther Festspielen, welche zu den bekanntesten wie meist besprochenen  Festspielen der Welt zählen.

Spielplan 2018 und Hintergründe

Richard Wagner Büste © IOCO

Richard Wagner Büste © IOCO

Am 25. Juli 2018 beginnen die 107. Bayreuther Festspiele mit einer Neuinszenierung des Lohengrin. Die Regie liegt in den Händen von Yuval Sharon (der mit israelischen Wurzeln versehene Regisseur arbeitete unter anderem an der Deutschen Oper Berlin, bei den Bregenzer Festspielen und an der Oper von San Franzisco. Zu seinen neueren Arbeiten zählt Péter Eötvös’ Tri Sestri an der Wiener Staatsoper. Seine Inszenierung der Oper Doctor Atomic von John Adams 2014 am Staatstheater Karlsruhe erhielt den Götz-Friedrich-Preis). Für die Ausstattung zeichnen Neo Rauch und Rosa Loy verantwortlich. Beachtenswert dürfte das Debüt von Roberto Alagna als Lohengrin und die Rückkehr von Waltraud Meier als Ortrud auf den Grünen Hügel sein. Die musikalische Leitung übernimmt Christian Thielemann. Der Musikdirektor der Festspiele wird dann jedes der Hauptwerke Wagners auf dem Grünen Hügel dirigiert haben. Daneben stehen Der fliegende Holländer, Die Meistersinger von Nürnberg, Tristan und Isolde und Parsifal auf dem Spielplan. Um im ersten ringfreien Jahr eine möglichst große Zahl unterschiedlicher Produktionen zeigen zu können, wird zudem Die Walküre aus dem abgespielten Castorf-Ring noch einmal in drei Einzelvorstellungen präsentiert. Am Pult steht hierbei kein geringerer als Plácido Domingo.

IOCO Kultur im Netz berichtete 2017 ausführlich über Produktionen in Bayreuth, wie den Rings des Nibelungen, den sogenannten Castorf-Ring, Parsifal oder Die Meistersinger von Nürnberg. 2018 wird IOCO erneut mit mehreren Korrespondenten leidenschaftlich, mit offenen Augen und „gespitzten“ Ohren den Aufführungen im Festspielhaus beiwohnen und darüber berichten.

Die Bestätigung der im Herbst bestellten Tickets sind mittlerweile erfolgt. Ein weiteres Kontingent an Karten kommt demnächst in den Onlineverkauf. Voraussichtlich am 18. März 2018 um 14 Uhr wird der Verkauf von Eintrittskarten für die Bayreuther Festspiele 2018 im Online-Soforterwerbs-Verfahren beginnen, das heißt, ohne oftmals langjährige und lästige Wartezeiten.

Für sämtliche Aufführungen der Bayreuther Festspiele 2018 sind Eintrittskarten für Online-Bestellungen und schriftliche Bestellungen und für Online-Sofortkauf-Tickets abrufbar unter:  http://www.bayreuther-festspiele.de/tickets-service/agb/

Kartenbestellungen werden nur im Internet (http://ticket.btfs.de) oder in schriftlicher Form (Bestellschein an: Bayreuther Festspiele GmbH · Kartenbüro · Postfach 100 262 · 95402 Bayreuth) angenommen.

 Palast am Canale Grande in Venedig - Richard Wagner wohnte und starb hier © IOCO

Palast am Canale Grande in Venedig – Richard Wagner wohnte und starb hier © IOCO

 Bayreuther Festspiele – Spielplan 2018 

Mit Ausnahme des Lohengrin sind zur Zeit sind die Besetzungen der Produktionen zur Zeit / Stand 25.1.2018) noch   unvollständig.

LOHENGRIN:

Musikalische Leitung                                                  Christian Thielemann
Regie                                                                          Yuval Sharon
Bühne                                                                         Neo Rauch, Rosa Loy
Kostüm                                                                       Rosa Loy, Neo Rauch
Chorleitung                                                                 Eberhard Friedrich
Licht                                                                            Reinhard Traub
Heinrich der Vogler                                                     Georg Zeppenfeld
Lohengrin                                                                    Roberto Alagna
Elsa von Brabant                                                        Anja Harteros
Friedrich von Telramund                                             Tomasz Konieczny
Ortrud                                                                          Waltraud Meier
Der Heerrufer des Königs                                           Egils Silins

  1. Edler Michael Gniffke
  2. Edler Eric Laporte
  3. Edler Raimund Nolte
  4. Edler Timo Riihonen

Termine: Mittwoch, 25. Juli 2018, 16:00 Uhr; Sonntag, 29. Juli 2018, 16:00 Uhr; Donnerstag, 02. August 2018, 16:00 Uhr; Montag, 06. August 2018, 16:00 Uhr; Freitag, 10. August 2018, 16:00 Uhr


PARSIFAL:

Musikalische Leitung                                                  Semyon Bychkov
Regie                                                                          Uwe Eric Laufenberg
Bühne                                                                         Gisbert Jäkel
Kostüm                                                                       Jessica Karfe
Licht                                                                            Reinhard Traub
Video                                                                          Gérard Naziri
Dramaturgie                                                               Richard Lorber
Chorleitung                                                                 Eberhard Friedrich

Termine: Donnerstag, 26. Juli 2018, 16:00 Uhr; Mittwoch, 01. August 2018, 16:00 Uhr; Mittwoch, 08. August 2018, 16:00 Uhr; Dienstag, 14. August 2018, 16:00 Uhr; Sonntag, 19. August 2018, 16:00 Uhr; Samstag, 25. August 2018, 16:00 Uhr


TRISTAN UND ISOLDE:

Musikalische Leitung                                                 Christian Thielemann
Regie                                                                         Katharina Wagner
Bühne                                                                        Schlößmann; Lippert
Kostüm                                                                      Thomas Kaiser
Dramaturgie                                                               Daniel Weber
Licht                                                                            Reinhard Traub
Chorleitung                                                                 Eberhard Friedrich

Termine: Freitag, 27. Juli 2018, 16:00 Uhr; Montag, 13. August 2018, 16:00 Uhr; Donnerstag, 16. August 2018, 16:00 Uhr; Montag, 20. August 2018, 16:00 Uhr; Freitag, 24. August 2018, 16:00 Uhr; Dienstag, 28. August 2018, 16:00 Uhr


DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG:

Musikalische Leitung                                                 Philippe Jordan
Regie                                                                         Barrie Kosky
Bühne                                                                        Rebecca Ringst
Kostüm                                                                      Klaus Bruns
Chorleitung                                                                Eberhard Friedrich
Dramaturgie                                                              Ulrich Lenz
Licht                                                                           Franck Evin

Termine: Samstag, 28. Juli 2018, 16:00 Uhr; Sonntag, 05. August 2018, 16:00 Uhr; Samstag, 11. August 2018, 16:00 Uhr; Freitag, 17. August 2018, 16:00 Uhr; Dienstag, 21. August 2018, 16:00 Uhr; Montag, 27. August 2018, 16:00 Uhr


DER FLIEGENDE HOLLÄNDER:

Musikalische Leitung                                                 Axel Kober
Regie                                                                         Jan Philipp Gloger
Bühne                                                                        Christof Hetzer
Kostüm                                                                      Karin Jud
Chorleitung                                                                Eberhard Friedrich
Dramaturgie                                                              Sophie Becker
Licht                                                                           Urs Schönebaum

Termine: Montag, 30. Juli 2018, 18:00 Uhr; Freitag, 03. August 2018, 18:00 Uhr; Dienstag, 07. August 2018, 18:00 Uhr; Sonntag, 12. August 2018, 18:00 Uhr; Mittwoch, 22. August 2018, 18:00 Uhr; Sonntag, 26. August 2018, 18:00 Uhr


DIE WALKÜRE:

Musikalische Leitung                                           Plácido Domingo
Regie                                                                   Frank Castorf
Bühne                                                                  Aleksandar Denic
Kostüm                                                                Adriana Braga Peretzki
Licht                                                                     Rainer Casper
Video                                                                   Andreas Deinert, Jens Crull
Technische Einrichtung                                       Karl-Heinz Matitschka

Termine: Dienstag, 31. Juli 2018, 16:00 Uhr; Samstag, 18. August 2018, 16:00 Uhr; Mittwoch, 29. August 2018, 16:00 Uhr


Alle Informationen und weitere Details können auf der Internetseite www.bayreuther-festspiele.de eingesehen werden.

 

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2017, Tristan – Parsifal – Festspiel-Erlebnisse, IOCO Aktuell, 20.08.2017

August 19, 2017 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Bayreuther Festspiele 2017 – Mitreißende IOCO Erfahrungen

Tristan und Isolde, Götterdämmerung, Parsifal, IOCO – Redaktionstreffen, Begegnung mit Richard Wagners Urenkelin Katharina Wagner

Von  Patrik Klein

Seit beinahe 30 Jahren reisen meine Frau und ich regelmäßig nach Bayreuth zu den Festspielen, so auch in diesem Jahr. Doch 2017 ist anders als die vielen Jahre zuvor: Erstmals fungiere ich in Bayreuth offiziell als IOCO Koordinator: IOCO Redaktionsmitglied Dr. Hanns Butterhof, besuchte die vier Vorstellungen des Ring des Nibelungen, den Castorf – Ring 2017 und veröffentlichte bei www.ioco.de seine packende Rezension. IOCO – Kollege Dr. Albrecht Schneider wird die Meistersinger, inszeniert von Barrie Kosky, noch besuchen und ebenso bei IOCO berichten. Als IOCO – Koordinator für die Bayreuther Festspiele nahm ich gerne die Gelegenheit wahr, das Kulturportal IOCO, meine Kollegen und mich bei Peter Emmerich, Leiter Marketing und Presse der Bayreuther Festspiele, vorzustellen. In seinem Büro sitzend, IOCO vorstellend, trat plötzlich und völlig unerwartet Katharina Wagner herein, setzte sich zu uns und nahm interessiert wie aktiv an unserem Gespräch teil. Da meine Frau und ich Karten für Tristan und Isolde hatten, Petra Lang (Isolde) aber wegen Indisposition durch Ricarda Merbeth ersetzt wurde, unterhielten wir uns mit Katharina Wagner angeregt über Nöte kurzfristiger Umbesetzungen, die Bayreuther Festspiele allgemein wie auch Ziele und Schwerpunkte des Kulturportales www.ioco.de, IOCO – Kultur im Netz GmbH. Eine für mich wunderbare Erfahrung, all dies im Herzen der Festspiele persönlich wie intensiv kommunizieren zu können.

Bayreuther Festspiele / Katharina Wagner © Matthias Balk

Bayreuther Festspiele / Katharina Wagner © Matthias Balk

Die folgenden Tage in Bayreuth bestanden aus dem Besuch von Tristan und Isolde, Götterdämmerung und dem Spätwerk des Meisters, Parsifal. Dazu im Hotel Goldener Löwe eine kleine Redaktionssitzung zu aktuellen wie zukünftigen Zielen von IOCO; mit Viktor Jarosch und Dr. Hanns Butterhof. Dr. Butterhof besuchte und rezensierte bereits den Bayreuther  Castorf – Ring 2017 (link hier).

Vor dem Festspielhaus Bayreuth: IOCO Bayreuth Koodinator Patrik Klein, Viktor E. Jarosch, Dr. Hanns Butterhof Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Vor dem Festspielhaus Bayreuth: IOCO Bayreuth Koodinator Patrik Klein, Viktor E. Jarosch, Dr. Hanns Butterhof Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Tristan, Götterdämmerung, Parsifal – Kurze Eindrücke

Tristan und Isolde: Die Musik Richard Wagners geht über Alles. Seine Musik geht durch Mark und Bein; sie regt auf; sie regt an zum Nachdenken, zum Träumen und zum Weinen. Katharina Wagner, Leiterin der Bayreuther Festspiele und Urenkelin Richard Wagners, versteht es blendend in Ihrer Inszenierung von Tristan und Isolde Spannung aufzubauen, Spannung welche fasziniert. Sie schafft es, innere Seelenbilder „sichtbar“ zu machen. Ähnlich der Ruth Berghaus Inszenierung in Hamburg setzt sie an bei der Vorgeschichte.

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde © Enrico Nawrath

Tristan und Isolde lieben sich seit langem, bereits seit der Vorgeschichte in Irland (1. Akt „Dein Elend jammerte mich“ in Liebe-unterstreichender Tonart). König Marke wird nicht als etwas dümmlicher Opa charakterisiert, sondern ist Diktator, Schurke, Egoist. Die Handlung der Katharina Wagner – Inszenierung ist folgerichtig und klug durchdacht. Tristan und Isolde  brauchen keinen Liebestrank (mir klopft das Herz). Sie schütten ihn sogar weg u.v.m. Im zweiten Akt wird deutlich, dass sie wissen, dass dies ihre letze Nacht (Liebesnacht) werden wird. Der dritte Akt endet nicht wie so oft mit einem verklärten Liebestod (Wagner hat nie geschrieben, dass sie stirbt); Isolde spielt noch ein wenig mit der Leiche ihres Geliebten und wird dann schroff von Marke in ihre Kammer gezerrt. Atemberaubend und großartig dargestellt. Das Orchester der Bayreuther Festspiele ist „des Wahnsinns fette Beute“. Am Beginn des dritten Aktes kann man die Tränen angesichts der Schönheit der Musik nicht mehr zurückhalten. Warum auch?

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Tristan und Isolde – Schlussapplaus © Patrik Klein

Christian Thielemann dirigiert perfekt; flüssig; an manchen Stellen innehaltend; wuchtig; solide; abenteuerlich. Es ist eine Freude. Der Gesang ist besser als befürchtet. Grandios mit allesüberstrahlendem Bass René Pape. Kraftvoll bis zum letzten Atemzug der Tristan von Stephen Gould. Ricarda Merbeth singt ordentlich von der Seite für die erkrankte Petra Lang. Frau Lang spielt stumm. Die Brangäne wird von der wohlklingenden Christa Mayer dargestellt. Insgesamt sind die Stimmen bis auf René Pape wenig textverständlich. Obwohl ich den Text der Oper Tristan und Isolde recht gut kenne, sehnt man die fehlenden Übertitel herbei. Großer Jubel und Getrampel nach sechs Stunden spannendem Musiktheater.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Finale © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Finale © Enrico Nawrath

Götterdämmerung: Da Dr. Hanns Butterhof bereits ausführlich über den Ring berichtete, hier mein kurzer Eindruck von der Castorfschen Apokalypse des Kapitalismus. Die Vorstellung gerät, wenn man die drei vorherigen Teile nicht sehen konnte, leicht zu einer Reizüberflutung größten Ausmaßes. Nie zuvor war ich nach einer Götterdämmerung emotional so fertig und scheinbar überrannt. Doch die Musik war umso erstaunlicher. Marek Janowski dirigierte vor Kurzem mit dem NDR Elbphilharmonieorchester und Weltklassesängern ein großartiges Rheingold in der Elbphilharmonie Hamburg. Die musikalisch hohe Qualität setzte sich hier in Bayreuth   nahtlos fort.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Schlussapplaus © Patrik Klein

Janowski dirigiert zügig; sehr zügig, aber spannend und facettenhaft. Das machte Spaß. Die Sängerriege kurzum großartig erhielt Zuspruch ohne Einschränkungen. Es ist wunderbar, ein solches gleichförmiges Niveau erleben zu dürfen. Der Chor unter Eberhard Friedrich singt im Weltklassemodus. Man wünscht sich als Hamburger an dieser Stelle, dass es ihm gelänge, dies auch an der Hamburgischen Staatsoper häufiger umzusetzen.

Bayreuther Festspiele / Parsifal 1. Akt © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Parsifal 1. Akt © Enrico Nawrath

„Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten“, so der Dalai Lama. Parsifal bei den Bayreuther Festspiele 2017: Ein Ereignis.  Regisseur Uwe Eric Laufenberg gibt zu denken; er provoziert mit sanften Bildern, nicht wie gestern der Chef des aktuellen Ringes. Seine Bilder rauben mir den Atem. Wir befinden uns in Mossul, wenn ich die Raumfahrt über google earth richtig gedeutet habe. In einer beschädigten Kirche, die nachts Flüchtlingen Unterschlupf gewährt. Soldaten queren und in der Kuppel sitzt eine Gestalt auf einem Stuhl, blau gekleidet mit schwarzen Locken…starr und stumm…sie wird uns die ganzen 4 Musikstunden begleiten, nichts sagen, nichts tun, nur ab und an mal angestrahlt; die machtlose Mutter Gottes? Die Gralsritter wirken hektisch und es lauert Gefahr. Gurnemanz (überragend Gerd Zeppenfeld) weist den schwantötenden Parsifal (Andreas Schagerl in Bestform) in seine Schranken. Die Verwandlungsmusik wird bebildert durch eine Videowand in voller Bühnenbreite. Durch das Kuppeldach der Kirche fliegen wir in den Weltraum und sehen Sterne, Chaos und wilde Schönheit. Und wir landen wieder dort, im Irak, an der Grenze zur Türkei. Amfortas (großartig Ryan McKinny) leidet und durchlebt eine Tortur des Rituals der Gralsenthüllung. Der Chor unter Eberhard Friedrich klingt erschütternd. Amfortas wird die Wunde gewaltsam geöffnet, Blut entnommen und in den Kelch gefüllt. Verrohen die Gralshüter angesichts der brutalen Ereignisse? Im zweiten Aufzug im Reich des Klingsors (Werner Van Mechelen mit einem kraftvollen Bayreuthdebut) findet in einem Hamam statt. Die Blumenmädchen sind als Muslima getarnt und unter Burkas verhüllt. Erst als Parsifal erscheint, entledigen sie sich der Kleidung und erscheinen in farbenfrohen Gewändern. Parsifal im Dialog mit der großartigen Kundry, Elena Pankratova, wird durch Mitleid wissend und nimmt sich Kundry ordentlich zur Brust.

Bayreuther Festspiele / Parsifal - Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele / Parsifal – Schlussapplaus © Patrik Klein

Ein gefangen gehaltener Gralshüter tut es ihm gleich, während Klingsor sich in einem Kuppelraum vollgestopft mit Kreuzen mit einer Peitsche malträtiert. Im dritten Akt befinden wir uns viele Jahre später wieder im Dunstkreis Amfortas. Gurnemanz im Rollstuhl, kaum noch gehfähig, Kundry eine Greisin. Der Ort ist verwildert mit riesigen Pflanzen, die das Mauerwerk längst durchstoßen haben. Ersehntes Wasser regnet in Strömen aus den Wolken während beim Karfreitagszauber wieder ein Videoausflug stattfindet, bei dem Kundry, Amfortas und Wagners Totenmaske „erlöst“ werden. Die Schlussszene wiederholt sich wie am Anfang. Die wütenden Gralshüter fordern massiv ein letztes Mal die Enthüllung von Amfortas (der Chor sehr ausdrucksstark!). In offenem Sarg werden die religiösen Attribute der großen Weltreligionen versenkt, währenddem die Kirche aufreißt, das Licht im Zuschauerraum anschwillt und das Ensemble friedvoll in der Hinterbühne verschwinden. Der Vorhang fällt NICHT! Jubel ohne Ende für alle Beteiligten und ganz besonders für das atemberaubende Dirigat Hartmut Haenchens.

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2017, Der Ring des Nibelungen – Castorf Ring, IOCO Kritik, 19.08.2017

August 18, 2017 by  
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Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Bayreuther Festspiele

Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner

In Castorfs Kopf : Grandioses Scheitern einer humanistischen Hoffnung

Von Hanns Butterhof

Im nun fünften und letzten Jahr des von Frank Castorf inszenierten Ring des Nibelungen Bühnenfestspiels von Richard Wagner weiß das Publikum, worauf es sich einlässt. Es bleibt aber skeptisch, ob sich durch Heutiges ebenso schlüssig vom Ewigen erzählen lässt, wie es umgekehrt gängig ist.

DAS RHEINGOLD

Das „Rheingold“ führt also in das Amerika der 60er Jahre. Auf der Drehbühne des Festspielhauses hat Aleksandar Denic das heruntergekommene „Golden Motel“ an der Rückseite einer schmuddeligen Tankstelle an der Route 66 gebaut. So wenig Anfang war nie, hier ist alles schon kaputt. Im Hinterhof mit einem Swimmingpool als Rhein-Zitat hängen die etwas nuttigen Rheintöchter (Stephanie Houtzeel, Wiebke Lehmkuhl, Alexandra Steiner) ihre Unterwäsche zum Trocknen auf, lassen aber den schmierigen Betreiber der Tankstelle, Alberich (Albert Dohmen), nicht ran. Der entsagt daraufhin der Liebe ganz und wendet sich, wenn auch erst im Rahmen seines Gewerbes, ganz dem Gewinn der finanziellen Weltherrschaft zu.

Bayreuther Festspiele / Rheingold - Rheintöchter und Alberich © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Rheingold – Rheintöchter und Alberich © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der pomadige Obergangster Wotan (Iain Paterson) betreibt das Motel. Für die Drecksarbeit hat er seine Leute wie den listigen Strategen Loge (Roberto Saccá) oder die energischen Handwerker Fasolt (Günther Groissböck) und Fafner (Karl-Heinz Lehner). Als Wotan sie um ihren Lohn, seine Schwägerin Freia (Caroline Wenborne), prellen will, schlagen sie ihm so lange die Fenster ein, bis er sie widerwillig herausrückt. Loge überredet nicht nur die beiden, statt Freias mit dem Gold Alberichs Vorlieb zu nehmen. Er führt auch Wotan in die Tanke Alberichs, der stellvertretend für alle geknechtet schuftenden Nibelungen seinen Bruder Mime (Andreas Conrad) und den Barkeeper (Patric Seibert) malträtiert. Ihm zwingt Wotan alles Gold, das nun holzscheitartig im Pool treibt, mitsamt einer Tarnkappe und einem aus dem Rheingold geschmiedeten, die Weltherrschaft ermöglichenden Ring ab, den Alberich daraufhin voll Wut und Leid verflucht.

Bayreuther Festspiele / Rheingold - Das Golden Motel und Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Rheingold – Das Golden Motel und Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Wirkung des Fluchs zeigt sich gleich nach dem in Wildwestmanier mit gezogenem Colt vollzogenen Tausch Freias gegen das Alberich-Gold samt Tarnkappe und Ring: Der gefühlsarme Fafner erschlägt seinen eher der Freia zugeneigten Bruder Fasolt, und von da an gilt Wotans Sorge nur noch dem Rückgewinn des Rings, der ihm die Weltherrschaft sichern soll.

Das kann man so erzählen. Aber es verträgt sich nicht wirklich mit einem Text, der von Göttern, Riesen und Zwergen und dem Bau der Götterburg Walhall handelt. Allerdings hat die Textverständlichkeit in diesem „Rheingold“ schlechte Karten. Die Aufmerksamkeit des Publikums wird permanent von der Handlungs- und Gesangsebene fortgerissen auf Nebenhandlungen, die als bunte Videos aus dem Motel- oder Tankstelleninneren oder als Szene aus Castorfs privatem Film-Gedächtnis auf einer Leinwand auf dem Moteldach eingespielt werden. Einzig Nadine Weissmann als Erda, deren Quicky mit Wotan die hysterisch auffahrende Eifersucht seiner Frau Fricka (Tanja Ariane Baumgartner) nur kurz erregt, vermag sich gegen die Assoziations- und Bilderflut Castorfs und seiner Video-Künstler Andreas Deinert und Jens Crull souverän wortverständlich durchzusetzen. Dass das Ensemble engagiert und überaus handlungsreich spielt, fesselt die Aufmerksamkeit und zieht sie mehr und mehr in Castorfs Kopf.

Bayreuther Festspiele / Rheingold - Wotan, Alberich und Loge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Rheingold – Wotan, Alberich und Loge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Musikalisch ist das „Rheingold“ gelungen. Schönklang bei den Rheintöchtern, der leichte Bass von Wotan Iain Paterson passt zur Rolle des Gangsterbosses, Albert Dohmens Alberich ist ein Bass von beeindruckend variantenreicher Tiefe. Von den Figuren neben ihnen gefallen vor allem der lockere Roberto Saccá, Andreas Conrad und Günther Groissböck, dem ein gesteigerter Schlussbeifall gilt.

Den größten Beifall erhält deutlich Dirigent Marek Janowski und sein gut aufgelegtes Festspielorchester. Er schafft es, der Musik gegen die grellen Bilder zu ihrem Recht zu verhelfen. Sein flottes, die Artikulationsfähigkeit des Ensembles bis an die Grenze forderndes Dirigat ist flüssig, reitet nicht ostentativ auf den Leitmotiven herum und bietet soliden Wagnerklang.

Dieses „Rheingold“ hat etwas von der Feuerlohe um Brünnhildes Felsen. Wer ohne Zagen hindurch gegangen ist, der kann von den folgenden Abenden nur positiv überrascht werden.

DIE WALKÜRE

Ist es so, oder erscheint es dem „Rheingold“-Geschmiedeten nur so: Ganz anders, ruhiger auf die Szene gerichtet und weniger bildlastig ist „Die Walküre“. Zeit und Ort, auch die Figuren haben sich geändert. Jetzt füllt eine gewaltige Holzkonstruktion die Bühne, die plausibel Hundings Hütte als Wehrburg zeigt, gedreht deren Scheune sichtbar macht und am Ende einen Ölförderturm abgibt. Dass dieser in Aserbeidschans Baku stehen soll, erfährt man allerdings nur aus externen Quellen wie Feuilletons oder dem durch die Gesellschaft der Freunde Bayreuths e.V. ermöglichten Einführungsvortrag Sven Friedrichs, des Direktors des Richard-Wagner-Museums.

 Bayreuther Festspiele/ Walküre - Camilla Nylund als Sieglinde, Christopher Ventris als Siegmund, Georg Zeppenfeld als Hunding © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele/ Walküre – Camilla Nylund als Sieglinde, Christopher Ventris als Siegmund, Georg Zeppenfeld als Hunding © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Ruhige, eher statische Szenen prägen „Die Walküre“, und in den ausgedehnten symphonischen Passagen tritt die orchestrale Seite wohltuend hervor.

In einer nicht näher definierten Vorzeit, in die nur ein Fahrrad als Zeichen ihres Gegenwartsbezuges hinüberweist, verfallen sich gestisch fesselnd, kaum videogestört, aber auffällig unsinnlich, der auf der Flucht befindliche Wotan-Sohn Siegmund (Christopher Ventris) und seine Schwester Sieglinde (Camilla Nylund), die in Zwangsehe mit dem finsteren Biedermann Hunding (Georg Zeppenfeld) lebt. Die Dreiecksituation mit dem von der Verfolgung Siegmunds nach Hause kommenden Hunding, der im Hochzeitsanzug (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) mit einem auf die Spitze seines Speers gespießten Kopf auftritt, ist fein inszeniert. Etwa wenn die verängstigte, doch neugierige Sieglinde von der hohen Terrasse aus dem Bericht Siegmunds lauscht und dann vor dem kurzen, argwöhnischen Blick Hundings kuscht.

Bayreuther Festspiele / Walküre - Bohrturm mit Walküren © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Walküre – Bohrturm mit Walküren © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wo die Videotechnik, jetzt in expressionistischer schwarz-weiß-Manier, eingesetzt wird, überlagert das meist die Szene. So sieht man während Siegmunds Lebenssbeichte den von Sieglindes Schlaftrunk betäubten Hunding, wie er zuckend auf Siegmunds Worte reagiert. Für Wonnemond-Seligkeit ist da so wenig Platz wie für die Esche, in der das rettende Schwert Nothung stecken soll. Bis er es in der Scheune aus einem Baumstumpf zieht, erscheint es nur als Video wie auch Wotan (John Lundgren), der als langbärtiger Russe die Entwicklung mit Wohlgefallen sieht und sich am Telefon stummfilmmäßig mit einer Frau verabredet.

Etwas mehr Schwung bringt dann Fricka (Tanja Ariane Baumgartner) auf die Bühne. Die hysterische Herrin, die ihre Peitsche auf das Personal wie auch ihren Gatten Wotan sausen lässt, macht ihm im Namen von Recht und Sitte eine demütigende Szene. Obwohl das seine Pläne zur Wiedergewinnung des Rings scheitern lässt, muss Wotan, ergreifend in seiner Zerrissenheit, zustimmen, Siegmund nicht mehr zu schützen. In einer wunderbar intimen, vom Orchester sanft getragenen Szene widerruft Wotan den Auftrag, den er der Walküre Brünnhilde (Catherine Foster) gegeben hatte; nun soll Siegmund fallen. Obwohl sich Brünnhilde dem widersetzt, geschieht es. Hunding tötet Siegfried, der entgeistert nur auf das an Wotans Spaten zerbrochene Schwert Nothung schaut.

Noch einmal ändern sich Zeit und Szene. Jetzt wird zum Ende des 19. Jahrhunderts der nun zentrale, mit rotem Stern gezierte Ölförderturm von fahneschwingenden Revolutionären gestürmt, viele Heldenleichen fallen für die phantasievoll gewappneten Walküren an, die stimmschön, aber recht zahm, in ihr Hojotoho ausbrechen. Die mit der schwangeren Sieglinde zu ihnen geeilte Brünnhilde können sie nicht vor Wotans Strafe wegen ihrer Widersetzlichkeit schützen. Eigenartig unberührt verbannt sie der inzwischen Bartlose; seine Trauer malt nur das Orchester aus. Während Brünnhilde auf Video einschläft, wird der von Flammen umloderte Felsen enttäuschend läppisch nur als Flämmchenkranz um ein Ölfass angedeutet.

Bayreuther Festspiele / Walküre - John Lundgren als Wotan und Tanja Ariane Baumgartner als Fricka © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Walküre – John Lundgren als Wotan und Tanja Ariane Baumgartner als Fricka © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

In der „Walküre“ setzt sich die musikalische Seite deutlich gegenüber der szenischen durch. Wenn Marek Janowski das Tempo drosselt und das Forte zurücknimmt, kommt es zu beglückenden Momenten. Das Wälsungenpaar überzeugt auch darstellerisch, Camilla Nylund mit klarer Höhe als Sieglinde, Christopher Ventris als Siegmund mit ausdrucksstarkem, warm timbriertem Tenor.

Georg Zeppenfeld als Hunding agiert eher unauffällig, aber mit beeindruckend fundiertem Bass. Zunehmend gewinnt Wotan John Lundgren stimmlich an Statur, Tanja Ariane Baumgartner als Fricka ist ihm eine gleichwertig gute Partnerin.

Mit großer Bühnenpräsenz und gesanglich ist Catherine Foster als Brünnhilde der Star des Abends. Unangestrengt und doch kraftvoll bezaubert sie mit reinem Sopran, fesselt als widerspenstige Wotanstochter und berührt tief bei ihrem Sturz.

SIEGFRIED

Schon nicht mehr überraschend ändern sich auch im „Siegfried“ wieder Ort, Zeit und Charaktere. Die Drehbühne wechselt häufig zwischen zwei Schauplätzen. Der eine ist ein bühnenraumfüllendes Felsmassiv, aus dem, wie im amerikanischen Mount Rushmore die Köpfe der Präsidenten, die der kommunistischen Leitfiguren Marx, Lenin, Stalin und Mao blicken. Der andere ist der Ostberliner Alexanderplatz der Wendezeit mit Weltzeituhr, S- und U-Bahn-Zugang, Centrum-Warenhaus, Post und Restaurant.

Bayreuther Festspiele / Siegfried - Siegfried und Mime vor einem Marx, Engels, Stalin und MaoTsetung Felsengebirge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Siegfried – Siegfried und Mime vor einem Marx, Engels, Stalin und MaoTsetung Felsengebirge © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Vor dem Felsen betreibt Mime (Andreas Conrad) seine Schmiede in einem silbrigen Wohnwagen. Mime ist die Karikatur eines weinerlichen Kleinbürger-Intellektuellen. Vergeblich sucht er in seinen Büchern nach einer Anleitung dafür, ein Schwert zu schmieden, das sein unbändig starker Ziehsohn Siegfried nicht kaputtkriegt; dem Wanderer Wotan (Thomas J. Mayer) gegenüber weiß er die ganze Weltgeschichte zu erzählen, kennt aber nicht das, was ihm einzig nützlich wäre.

Nach dem Tod seiner Mutter Sieglinde ist Siegfried (Stefan Vinke) bei Mime zu einem impulsiven Halbstarken herangewachsen. Weder von Sitten- noch von Handwerksregeln ist er angekränkelt. So kann er mit neuer Technik Nothung zu einem Schwert von der Durchschlagskraft einer Kalaschnikow neu schmieden; mit einer solchen mäht er dann, das Publikum aufschreckend, bedenkenlos Fafner (Karl-Heinz Lehner) nieder, den zuhälterartigen Hüter des Nibelungenschatzes, den er aus dem U-Bahn-Zugang am Alexanderplatz hervorgerufen hat. Er raubt ihm den Schatz samt Tarnkappe und Ring, bevor er seinen ungeliebten Ziehvater mit dem Messer ersticht und verächtlich mit Müll überhäuft. Da zeigt ihm ein in das aufwendige Federkostüm einer Varieté-Tänzerin gekleidetes Waldvögelchen (Ana Durlovski) nicht nur den Unterschied von Mann und Frau, sondern auch den Weg zu Brünnhilde. Als ihm auf den Kommunistenköpfen Wotan entgegentritt, zerbricht er dessen Speer und beendet damit das herrschende Regel-System der Götter. Von da an geht die Macht vom Menschen aus.

Bayreuther Festspiele / Siegfried - Siegfried und Mime © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Siegfried – Siegfried und Mime © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Nur das Orchester malt die Flammenwand, die Siegfried durchschreitet, bevor er schließlich Brünnhilde (Catherine Foster) erfolgreich aus ihrem riesigen Schlafsack wickelt. Für einen großen Moment scheinen sich in Siegfried und Brünnhilde seine reine Natur und ihre Weisheit zu voller Menschlichkeit vereinigen zu können, so viel Hoffnung war nie. Doch als sie sich beim Verlobungsmahl mit Pizza im Restaurant am Alex getrennt gegenübersitzen, bekommt diese Hoffnung einen großen Dämpfer. Während Brünnhilde eines der überall herumwackelnden Krokodile mit einem Sonnenschirm füttert, zieht Siegfried aus dem Rachen eines anderen das schon halb verspeiste Waldvögelchen. Bevor sich zwischen beiden aber wieder etwas abspielt, tritt Brünnhilde dazwischen und fordert jetzt erst den ersten Kuss, nach dem schnell der Vorhang fällt.

Das alles ist gegen jedes Mitfühlen voll trauriger, grimmiger Lustigkeit inszeniert. Die kulminiert in den von Castorf erfundenen stummen Figuren, die leitmotivisch immer wieder von Patric Seibert gespielt werden. Schon im „Rheingold“ wurde er von Alberich malträtiert, in der „Walküre“ flüchtete er als Revolutionär in einen Geflügelstall, und in der „Götterdämmerung“ wird er erst als Bedienung in einer Dönerbude slapstickmäßig mit Lebensmitteln beworfen und schließlich überfahren werden. Im „Siegfried“ ist Seibert erst der Bär, den der wilde Knabe am Halsband herbeischleppt, um damit Mime zu schrecken. Dann schafft er ölbeschmiert und unermüdlich wuselnd für ihn, ohne das Seil um den Hals je loszuwerden. Doch wenn er auf Siegfried als Befreier gehofft hatte, wird er böse enttäuscht; auch der „neue Mensch“ gibt ihm nur einen Tritt. An Seibert zeigt Castorf ohne Worte, dass er im „Ring“ eigentlich die Geschichte der enttäuschten Hoffnung auf Menschlichkeit und des Niedergangs der Arbeiterklasse erzählt.

Marek Janowski malt mit dem Festspielorchester von allem Klamauk unberührt die emotionalen Höhepunkte kräftig aus, unterstützt von einem ausgezeichneten Ensemble. Stefan Vinke ist mit seinem jungenhaft hellem Tenor ein kraftvoller, aus voller Kehle schmetternder, trotzdem nie unangenehm brüllender Siegfried. Catherine Foster glänzt auch hier als Brünnhilde, deren Sonnengruß tief berührt. Überzeugend sind auch Thomas J. Mayer als Wanderer, Albert Dohmen als Alberich und wieder die prächtige Nadine Weismmann als Erda. Viel Beifall bekam neben dem sehr verständlich singenden, auch darstellerisch beeindruckenden Andreas Conrad als Mime dieses eine Mal auch Patric Seibert. Für Marek Janowski wuchs der Beifalls-Sturm zum Orkan.

GÖTTERDÄMMERUNG

Vor einem hohen Treppenhaus, an dem in schreiendem Rot „Buna Plaste und Elaste aus Schkopau“ steht, beklagen die in Schwarz, Rot und Gold gekleideten Nornen (Wiebke Lehmkuhl, Stephanie Houzeel und Christiane Kohl) voodooartig die Schändung der Natur und den kommenden Untergang der Götterburg Walhall. Wotan schichte dort schon die Scheite der von ihm gefällten Weltesche für den großen Brand auf.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Bruennhilde, Gutrune, und Siegfried - Catherine Foster, Allison Oakes, Stefan Vinke und Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Bruennhilde, Gutrune, und Siegfried – Catherine Foster, Allison Oakes, Stefan Vinke und Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Auf der Rückseite dieses Treppenhauses gelangt Siegfried (Stefan Vinke) auf seiner Weltfahrt zu den Gibichungen. Deren Burg liegt nicht am Rhein, sondern ist eine Döner-Bude im abgewrackten Ost-Berlin der 80er Jahre. Sie wird von Gunther (Markus Eiche) betrieben, einem eitlen, bedenkenlosen Aufschneider. Leitender Kopf seines Geschäfts ist der finstere Hagen (Stephen Milling), ein Sohn Alberichs und ebenfalls auf den Gewinn des Rings erpicht. Er überredet Gunther mühelos, seine sinnenfrohe Schwester Gutrune (Allison Oakes) mit Siegfried zu verheiraten. Der soll im Gegenzug Brünnhilde als Frau für Gunther werben.

Ein Zaubertrank Gutrunes und ihre sexuelle Verfügbarkeit lassen Siegfried seine Vergangenheit sofort vergessen. Eindringlich und propagandistisch wirkungsvoll auf Video übertragen, werden er und Gunther Blutsbrüder; Hagen hält sich zurück.

Derweil wartet Brünnhilde im silbernen Wohnwagen auf die Wiederkehr Siegfrieds. Die Bitte der silberglänzenden, mit Pfeil und Bogen bewaffneten Walküre Waltraute (Marina Prudenskaya), den ihr von Siegfried als Unterpfand seiner Treue geschenkten Ring den Rheintöchtern zurückzugeben, schlägt sie aus. Ihn entreißt ihr Siegfried, als er sie, unter der Tarnkappe wie Gunther aussehend, überwindet und so zu dessen Braut gewinnt. Die Tarnkappe trägt ihn dann schnell zu Hagen zurück, um die Doppelhochzeit zu arrangieren. Gunther kommt mit der betrogenen Brünnhilde langsam nach.

Es ist eine tolle Szene, als Hagen die Bevölkerung zusammenruft, um die Ankunft des Paares zu feiern. Er veranstaltett ein Volksfest mit Fähnchenschwenken und Freibier, Schlägerei und Protest gegen Krise und Hunger – mit Sicherheit als Mahnung an alle gedacht, die froh im Festsaal sich freun -, wobei der Herrenchor angsteinflößend gesangliche Wucht entfaltet. Hagen, den Alberich (Stephen Milling) noch einmal auf das gemeinsame Ziel der Weltherrschaft verpflichtet hat, braucht die Menge als Zeugen für den Betrug an Brünnhilde. Der soll ihm die Rechtfertigung dafür verschaffen, Siegfried zu töten und so in den Besitz des Rings zu gelangen.

Der Plan geht auf, Brünnhilde erkennt an Siegfrieds Finger den Ring und bezichtigt ihn und Gunther öffentlich des Betruges, sie sei nicht Gunthers, sondern Siegfrieds Gemahlin; der beschwört das Gegenteil. Hagen, der sich als ihren loyaler Rächer aufspielt, entlockt ihr das Geheimnis von Siegfrieds Verwundbarkeit, und mit dem bloßgestellten Gunther besiegeln sie Siegfrieds Tod, den sie als Jagdunfall hinstellen wollen.

Im offenen Cabrio erwarten die Rheintöchter (Stephanie Houzeel, Wiebke Lehmkuhl und Alexandra Steiner) verführerisch den jagenden Siegfried. Der kennt den Wert des Ringes nicht und hätte ihn fast hergegeben, hätten sie ihm nicht mit der Prophezeiung seines Endes Angst einflößen wollen. So bedient er sich ohne Gegenleistung sexuell an ihnen, bevor er von Hagen brutal erschlagen wird wie kurz darauf auch der reuige Gunther. Aber bevor Hagen den Ring an sich nehmen kann, kommt voller trauernder Würde Brünnhilde, der Siegfrieds letzter Gruß im Sterben galt, die Treppen herunter. Sie nimmt vor der aufgescheuchten Gutrune den Ring an sich und gibt ihn schließlich den Rheintöchtern zurück. Aber der Weltenbrand bleibt aus. Zu Siegfrieds Trauermarsch sieht man als Video Hagens Leiche auf einem Floß im Wasser treiben. Die Jagd nach der Weltherrschaft um Öl, die sich als leitender Gedanke durch den ganzen „Ring“ zog, ist zu Ende. Aber er wird sich auf ein anderes Ziel richten; ein bis dahin wie von Christo verhangenes Gebäude enthüllt sich als Börse von New York, es regiert nun das Finanzkapital. Somit wieder beim Geld angekommen, fragt sich schon, ob der aufwendige Umweg über die Öl-Erzählung wirklich aktuell erhellender war.

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung - Stephen Milling als Hagen © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele / Götterdämmerung – Stephen Milling als Hagen © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Szenisch wie musikalisch ist diese „Götterdämmerung“ der Höhepunkt des „Rings“. Das vollblütige Theater und die breit strömende Musik kommen sich kaum mehr in die Quere, große Irritationen bleiben aus.

Die gesanglichen Leistungen sind enorm. Wieder begeistert Catherine Foster als Brünnhilde, wieder bleibt Stefan Vinke als Siegfried kraftvoll bis zum Ende, und Stephen Milling ist ein ungemein stimmgewaltiger Hagen von abgrundtiefer Bosheit. Markus Eiche ist mit variablem Bariton und ausgelassener Spielfreude ein beeindruckender Gunther.

Die Waltraute Marina Prudenskaya, die stimmschönen Nornen und Rheintöchter sowie der von Eberhard Friedrich prächtig einstudierte Chor vervollkommnen das gelungene Bild. Ihnen allen galt der orkanartige, lang andauernde Schlussapplaus, der sich für das ausgezeichnete Bayreuther Festspielorchester und besonders seinen Dirigenten Marek Janowski noch einmal steigerte. Es waren keine Buhs zu hören; das Publikum hat im Verlauf des „Rings“ gelernt, die Regie-Einfälle Castorfs hinzunehmen und sich an ihnen zu erfreuen, ohne großen Drang, sie alle zu verstehen. Man kann das als „Versöhnung“ bezeichnen.

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Bayreuther Festspiele 2018:  Entgegen aller Festspieltradition wird es 2018 noch drei Aufführungen der Castorf – „Walküre“ geben, deren musikalische Leitung Placido Domingo übernehmen soll. Damit wird erstmals in Bayreuth ein einzelner Abend aus dem „Ring“ herausgebrochen.

 

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