Salzburg, Salzburger Festspiele 2020, COSI FAN TUTTE – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 11.08.2020

August 11, 2020 by  
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Salzburg Das grosse Festspielhaus / zu normalen Zeiten @ Marco Borelli

Salzburg Das grosse Festspielhaus / zu normalen Zeiten @ Marco Borelli

Salzburger Festspiele

Cosi fan tutte – Wolfgang Amadeus Mozart

100 Jahre Salzburger Festspiele – Mozart als Erfolgsgarantie

von Adelina Yefimenko

Adelina Yefimenko in Salzburg @ AYefimenko

Adelina Yefimenko in Salzburg @ AYefimenko

Im Jahr 2020 feiern die Salzburger Festspiele ihr 100-jähriges Jubiläum. Dieses Jahr wird als Pandemie-, Krisen- und tragisches Jahr in die Geschichte der Menschheit eingehen. Man sollte sich keine Gedanken darüber machen, warum Covid19 zu einer so ungünstigen Zeit einer wichtigen Würdigung in der Geschichte und Gegenwart der Salzburger Festspiele kam.

Die ganze Welt zieht den Hut und bewundert den Mut Salzburgs. Österreich ist das einzige Land, das Tag für Tag beweist, dass herausragende Festivals und musikalische Traditionen, die mit dem Genie von Wolfgang Amadeus Mozart und den drei herausragenden Gründern der Salzburger Festspiele, Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, verbunden sind, mehr gelten als Angst vor Krankheit und Tod. Das von großen Namen gekrönte Festival geht dieses Risiko ein. Die Salzburger Festspiele haben nicht aufgegeben. Das Festival findet statt. Ein Zwangsurlaub wegen Covid19 kommt nicht in Frage. Die Weltbühne Salzburg lebt, während die meisten Theater der Welt sich in einem Zustand der Lethargie befinden. Der Gefahr in Salzburg ins Auge zu sehen, ist nicht nur Mut, sondern auch eine große Verantwortung für das Leben der Kunst, der Künstler und des Publikums. Es versteht sich von selbst, dass alle Räumlichkeiten in Salzburg mit Desinfektionsmitteln ausgestattet sind.

Cosi fan tutte – eine ergreifende Einführung
youtube Trailer Salzburger Festspiele 2020
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Das Festivalpersonal begrüßt die Gäste freundlich in transparenten Masken und hält vorbildlich die richtige Distanz. Und das Publikum in exklusiven Masken mit dem Logo der Salzburger Festspiele (für 10 Euro kann man im Foyer eine Maske im Ticket-Shop kaufen) dürfen Selfies mit den Stars machen, während sie auf die Vorstellungen der Festspiele warten. Alle Eintrittskarten für die Aufführungen sind jetzt personalisiert. Am Eingang zu den Sälen des Festspielhauses werden die Personalausweise geprüft. Die Forderung eine Maske in den Lobby-Räumen zu tragen, ist eindeutig, aber während der Aufführung – ad libitum. Die Zuschauer haben die Wahl, selbst zu entscheiden, wie sie sich im dicht gefüllten Saal verhalten. Trotz der versetzt angeordneten Lücken zwischen den Sitzen als Schach-Brett-Muster angeordnet, ist die Nähe der Zuschauer zu benachbarten Reihen immer noch bedenklich (da nur ca. 50 cm). Die Stille während der Aufführung ist spürbar. Anscheinend hat jeder einen Instinkt, der fünf Monate lang unter Quarantäne entwickelt wurde – in der Öffentlichkeit nicht zu husten, um den Nachbarn nicht in Panik zu versetzen. Man denkt freilich in etwa so: nicht zufällig spielen herausragende Schauspieler (auch 2020 Tobias Moretti) jedes Jahr die Jedermann -Dialoge (link hier) mit dem Tod auf dem prächtigen Domplatz der Heiligen Rupert und Virgil im Herzen der Stadt Salzburg. Und: In diesem Dom wurde auch W. A. Mozart getauft.

Die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, und Intendant Markus Hinterhäuser haben alles Mögliche und auch Unmögliche getan, um 100 Jahre Salzburger Festspiele – die österreichische und weltweit wichtigste musik-theatralische, luxuriöse, schöpferfreie Weltbühne zu feiern. Im Ticket-Shop macht die Jubiläumsausgabe des Festivals, Weltbühne – 100 Jahre Salzburger Festspiele,  in den Bücherregalen auf sich aufmerksam. Diese solide Monographie hebt Seite für Seite den Vorhang vor der grandiosen Geschichte dieses unglaublichen Genius-Loci-Phänomens auf, analysiert seine Vergangenheit sowie Gegenwart und bringt die Persönlichkeiten der Salzburger Festspiele aus den Kulissen ans Licht. Diese Weltbühne brachte immer Hoffnung für die Zukunft, insbesondere in Zeiten globaler Kataklysmen.

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Marianne Crebassa als :Dorabella, Lea Desandre als Despina, Johannes Martin Kränzle: als Don Alfonso, André Schuen als Guglielmo, Bogdan Voklov als Ferrando, Elsa Dreisig als Fiordiligi @ Monika Rittershaus

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Marianne Crebassa als :Dorabella, Lea Desandre als Despina, Johannes Martin Kränzle: als Don Alfonso, André Schuen als Guglielmo, Bogdan Voklov als Ferrando, Elsa Dreisig als Fiordiligi @ Monika Rittershaus

In dieser Pandemie-Zeit sind Musiker, Schauspieler und Leiter verschiedener Projekt-Gruppen bereit, den Seelen des Publikums ihren kreativen Impuls, ihre Professionalität und ihre Inspiration einzuhauchen. Es geht nicht um das Ego, nicht um den Wunsch, sich zu etablieren oder berühmt zu werden. In diesem Sommer werden die Teilnehmer der Salzburger Festspiele 2020 der ganzen Welt beweisen, dass der 100. Jahrestag der Salzburger Festspiele das Gesicht des Lebens und die Ewigkeit der Kunst für alle Zeiten einfangen wird, nicht das Gesicht des Todes und der Verwüstung durch den Lockdown.

Die Salzburger Festspiele 2020 wurden mit zwei Opernpremieren eröffnet – Elektra von R. Strauss und Cosi fan tutte von W. A. Mozart. Diese sind die einzigen Opernaufführungen, die dem neuen Kurzprogramm erhalten geblieben sind. Von den früher für 2020 geplanten Aufführungen wurden die Zauberflöte von W. A. Mozart, Tosca von G. Puccini, Boris Godunov von M. Mussorgsky, Don Giovanni in der Version von Romeo Castellucci gestrichen. Auch Raritäten wie Intolleranza von L. Nono und Neither von M. Feldman finden nicht statt.

Mozart Skulptur - auch in St. Petersburg @ IOCO HGallee

Mozart Skulptur – auch in St. Petersburg @ IOCO HGallee

Die verbleibenden Aufführungen des Programms reichten jedoch aus, damit die Salzburger Festspiele ihr 100-jähriges Jubiläum mit Würde und Freude feiern. Beide Premieren endeten mit überwältigendem Erfolg. Die Freude des Publikums, das nach Live-Streaming einen echten Hunger auf Bühnenaktionen bekommen hat, ist verständlich. Es ist nicht leicht, sich fünf Monate lang nur mit Videosendungen zufrieden zu geben. Aber der Hauptgrund des großen Erfolgs ist vor allem der exzellenten Qualität der Vorstellungen zu verdanken, dem brillanten Casting, den hervorragenden Interpretationen der Dirigentin Joana Mallwitz und dem Dirigenten. Franz Welser-Möst, die die ständigen Begleiter der Salzburger Festspiele – die Wiener Philharmoniker – leiteten.

Die Salzburger Festspiele 2020 haben an Videosendungen nicht gespart. Auf ORF, Arte Concert, 3Sat werden fast täglich alle Festivalveranstaltungen und Konzerte ausgestrahlt, begleitet von interessanten Programmen: von dokumentarischen Rückblicken zum Thema „Salzburg: Geschichte und Gegenwart“ bis zu Talk-Shows.

Als Augen- und Hörzeugin der Opernpremiere Cosi fan tutte am zweiten Tag der Salzburger Festspiele (08.02.2020), sogar wenn es um eine gekürzte Fassung der Dirigentin Joana Mallwitz und des Regisseurs Christoph Loy geht, kann ich behaupten, dass die Sendung nicht einmal einen Bruchteil meiner Eindrücke einer echten Vorstellung erfüllen konnte. Eine Livesendung kann die einzigartige Synergie aus echtem Orchester-Klang und echten Solisten-Stimmen leider nicht wirklich wiedergeben. In der Fernseh-Sendung geht auch die ganzheitliche Wahrnehmung der Bühneninteraktion verloren. Ersatzklänge plus Ersatzperformance erzeugen das Ersatzphänomen des Musiktheaters. Man spürt den nicht behebbaren Verlust dann besonders stark, wenn man die Übertragung gleich am nächsten Tag nach der Aufführung anschaut, während einem das Live-Ereignis immer noch nachklingt.

Salzburger Festspiele 2020 – Cosi fan tutte
youtube Trailer Salzburger Festspiele
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Aufgrund der Fülle an Nahaufnahmen ist es in der Sendung nicht möglich, die gesamte Bühnenaktion abzudecken und das erfindungsreiche Schauspiel zwischen den Sängern genau zu beobachten. Deren Bewegungen und Gesten verlieren manchmal ihre Bedeutung ohne eine ganzheitliche Abdeckung des Bühnenraums. Und die unvollkommenen Grenzen digitaler Geräte werden wahrscheinlich nie die notwendige Balance zwischen Gesang und Orchester einfangen und wiedergeben können. Feinste Dynamik- und Tempo-Nuancen, aufregende Appelle von Solisten, synchronisierte Atmung von Orchestern und Sängern – all dies ging in der Sendung, wenn nicht ganz verloren, so wurde es höchstens gedämpft wahrgenommen, wenn nicht sogar völlig farblos, reduziert und flach. Und wenn die Vokalensembles ihre Schönheit und Harmonie behaupteten, haben doch manchmal die Soli, verstärkt und hervorgehoben durch Mikrofone, teilweise eine gewisse Rauheit in der Intonation gezeigt. Dies machte sich besonders in der für die Sopranistin schwierigsten Partie der Fiordiligi bemerkbar, während in der Live-Wahrnehmung war so etwas nicht zu hören.

Im Gegenteil, die bewundernswerte Solidarität der Sänger, die klare Balance mit dem Orchester ermöglichten es nicht nur, die schönen Klangfarben der jungen Stimmen zu genießen (Elsa Dreisig – Fiordiligi, Marianne Krebassa – Dorabella, Ferrando – Bogdan Volkov, Guglielmo – Andre Schuen, Despina – Lea Desandre, Johann Martin Kränzle – Don Alfonso), sondern auch aufrichtige Bewunderung zu erzeugen. Alles erklang hier: fliegende Virtuosität, die kontemplative Schönheit der lyrischen Momente (Bogdan Volkov führte perfekt Ferrandos Arie Un’aura amorosa), klare Artikulation in den Rezitativen und die Fantasie der szenischen Improvisation. Das Orchester führte und spielte mit, voller Tempowechsel, überraschenden Pausen und vor allem, faszinierender Lebensenergie, der kluge Wechsel zwischen Vorder- und Hintergrund des Klangkörpers in der Interaktion mit jedem der sechs Protagonisten – auch das war ein Plus der minimalistischen Regie von Christophe Loy.

Die Polyphonie der Timbre-Linien in den Ensembles und der Chor hinter den Kulissen klangen ebenfalls wunderschön. Sogar die Kürzungen in der Partitur, die durch die Länge der Aufführung sogar ein Spiel ohne Pause erzwangen, empfand man als natürlich. Der einzige erfahrene Bühnenmeister im jungen Solistenensemble war Johannes Martin Kränzle – ein wunderbarer Sänger und Schauspieler, ein Star nicht nur für Salzburg, sondern auch für Bayreuth. Leider gelang es mir nicht, die Essenz seines Protagonisten in dieser Produktion zu enträtseln, um die Frage zu beantworten, warum er immer mit Tränen in den Augen einen Witz über junge Liebende machte und sie zur Untreue aufrief. Ob diese Antworten dem Interview mit dem Regisseur oder dem Programmheft zu entnehmen sein werden? A. Kränzles Stimme- und Bühnen-Präsenz waren so einzigartig, dass sein Don Alfonso als neue Referenz bei der Interpretation dieser Rolle gelten sollte.

Auf dem Plakat der Vorstellung Cosi fan Tutte verschlüsselt Christophe Loy im Porträt von Berenice AbbottMan Ray – amerikanischer Fotograf, Filmemacher, surrealistischer, dadaistischer Künstler) eine interessante Idee. Abbott ist ebenfalls Amerikanerin und Fotografin, aber die erste Frau, die in diesem männlichen Beruf (nach alter Tradition) Ruhm und Anerkennung erlangte. Anscheinend deutete der Regisseur mit diesem Porträt nicht Mozarts Protagonistinnen an, die ihre verkleideten Geliebten nicht erkennen, sondern auf seine Produktionskollegin Joana Mallwitz – eine junge, energische, höchst talentierte, souveräne und außergewöhnliche Dirigentin, die dieses Jahr erneut für den Preis „Dirigentin des Jahres“ nominiert wurde und ihn ohne Zweifel wieder verdient. Ihre erste Würdigung als „Dirigentin des Jahres 2019“ hat sie mit 33 Jahren erhalten. Darüber hinaus ist Mallwitz die erste Frau, die nach Salzburg eingeladen wurde, um die Hauptproduktion der Salzburger Festspiele Cosi fan tutte zu leiten. Nach dem Vor-Pandemie-Plan A sollte Mallwitz ursprünglich die Wiederaufnahme von Zauberflöte leiten (Produktion des Jahres 2018 von Lydia Steier). Mit Ausbruch der Pandemie wurde ein Plan B aufgesetzt. Mallwitz wurde die verantwortungsvolle Aufgabe zuteil, die Original Mozart-Partitur zu bearbeiten. Diese kann man als Corona-Redaktion bezeichnen, die sie brillant umgesetzt hat. Natürlich erzwang die Pandemie eine Reduzierung des Mozartschen Originals.

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Marianne Crebassa als :Dorabella, Lea Desandre als Despina, Johannes Martin Kränzle: als Don Alfonso, André Schuen als Guglielmo, Bogdan Voklov als Ferrando, Elsa Dreisig als Fiordiligi @ Marco Borelli

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Schlussapplaus vl Lea Desandre als Despina, Andrè Schuen als Guglielmo, Elsa Dreisig als Fiordiligi, Bogdan Volkov als Ferrando, Marianne Crebassa als Dorabella, Hans Martin Kraenzle als Don Alfonso  @ Marco Borelli

Die Aufführung dauerte nur 2:15 Stunden, ohne Pause. Chöre und Rezitative wurden teilweise beschnitten, jeweils eine Arie von Despina, Guglielmo und Ferrando. Natürlich waren und sind Musikwissenschaftler Gegner solcher chirurgischen Eingriffe im „lebenden Körper“ der Originalpartitur. Zur Verteidigung einer solchen außergewöhnlichen Maßnahme kann man jedoch ein starkes Argument anführen. Der Name des zweiten Opern-Titanen der Salzburger Festspiele 2020 – Richard Strauss, dessen Elektra die Salzburger Festspiele 2020 eröffnete, wird hier als Fürsprecher erwähnt. Bekanntlich erregte die Partitur von „domeneo Ende der 1920er Jahre die Aufmerksamkeit des Komponisten. 1931 schuf Strauss in Wien, genau 150 Jahre nach der Uraufführung der Originalpartitur, seine eigene Version von Mozarts Meisterwerk: Er änderte das Libretto, die Reihenfolge der Auftritte und die Orchestrierung. So erschien eine neue Partitur Idomeneo– eine der ungewöhnlichsten Beispiele der Operngeschichte. Auf die Kritik seiner Mozart-Redaktion antwortete Strauss etwa so: „Ich kenne Mozart zehnmal besser als sie (die Kritiker), und ich liebe ihn hundertmal mehr.“ Der Komponist benannte Mozarts Elektra willkürlich in Ismene, da er den Namen der Protagonistin seiner eigenen Oper nicht wiederholen wollte. Der Auftrag zur Redaktion Idomeneo stammte nicht von den Salzburger Festspielen, sondern von der Wiener Staatsoper. Während der Premiere wurde Strauss nicht nur als Maestro, sondern auch als Mozart Co-Autor gewürdigt. Auch wenn diese Geschichte nicht die aktuellen Salzburger Festspiele betrifft, ist sie immer noch beachtenswert und lehrreich.

Salzburger Festspiele 2020 / hier Joana Mallwitz @ Lutz Edelhoff

Salzburger Festspiele 2020 / hier Joana Mallwitz @ Lutz Edelhoff

Und die Geschichte der neuen Salzburger Produktion Cosi fan tutte von W. A. Mozart ist wie folgt. Die neue Interpretation Joana Mallwitz wurde von Kritikern nicht nur einfach gelobt, sondern in ekstatischen Dithyramben gehuldigt. Ihr Dirigat wurde zum Höhepunkt des modernen Verständnisses von Mozarts Stil. Sie selber wurde als „Herz der Aufführung“ und „Sternstunde in Sachen Mozart-Interpretation“ (von Friedemann Leipold an BR-Klassik) wahrgenommen, die mit „geschmeidiger Eleganz und nie nachlassender Energie dem Puls der Musik“  folgte und weit gespannte Bögen im Voraus durchdachte.

Sie ist wirklich phänomenal in ihrer Selbstverständlichkeit, mit der sie Mozarts musikalischen Kosmos interpretiert. Die Wiener Philharmoniker haben zusammen mit Joanna Mallwitz ein einzigartiges Ereignis der Salzburger Festspiele geschaffen. Tatsache ist, dass das 100-jährige Jubiläum eine der besten Interpretationen von Mozart in den letzten Jahren schuf. Dies ist ein sehr gutes Zeichen, das die Hoffnung und das Vertrauen in den erfolgreichen Abschluss und der weiteren Entwicklung des herausragenden Festivals fördert.

Wie der legendäre italienische Regisseur Giorgio Strehler, der auch Cosi fan tutte inszenierte, einmal sagte: „Ich weiß sehr gut, dass das Leben aus Menschen gemacht ist…“

—| IOCO Kritik Salzburger Festspiele |—

Mannheim, Nationaltheater, Der Troubadour – Il Trovatore, IOCO Kritik, 25.07.2019

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 DER TROUBADOUR – Giuseppe Verdi  

– Liebe und Rache –  In Zeiten des Krieges –

von Uschi Reifenberg

Kurz vor der Sommerpause setzte das NTM, das Nationaltheater Mannheim,  mit einer Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Der Troubadour einen phänomenalen Schlusspunkt nach einer glanzvollen, an Höhepunkten reichen Spielzeit und stellte wieder einmal seine herausragende Stellung in der Theaterlandschaft unter Beweis.

Il Trovatore gilt mit seiner verworrenen und widersprüchlichen Handlung, seiner langen und komplizierten Vorgeschichte und den dramaturgischen Ungereimtheiten als schwer inszenierbar und stellt so große Herausforderungen. Das Aufeinanderpallen polarer Leidenschaften von Liebe und Hass, Eifersucht und Opferbereitschaft, menschliche Abgründe in vielfacher Ausprägung, Kindesverwechslung, Unterdrückung, Menschen-verbrennung, Folter und Mord sowie das alles beherrschende Trauma der Rache, spitzen sich in Verdis Schauerdrama in einer unaufhaltsam Spirale der Ausweglosigkeit immer weiter zu.

Il Trovatore –  Giuseppe Verdi
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Die Darstellung der entgrenzten Emotionen, die Fülle an melodischen Einfällen, hinreißende Solonummern, Ensembles und Chöre, sowie die Vielfalt an prägnanten und federnden Rhythmen, lassen den Troubadour bis heute auf der Beliebtheitsskala ganz oben rangieren.

Im Schaffen Verdis ist Il Trovatore stilistisch in der Mitte zwischen den genialen Spätwerken und der frühen Schaffensperiode einzuordnen. Mit Rigoletto und La Traviata bildet die Oper die sogenannte „trilogia popolare“ (populäre Trilogie), Höhe- und Wendepunkt in Verdis Schaffen, die ihm weltweite Anerkennung bescherte.

Verdis Weg zum italienischen Musikdramatiker im 19. Jahrhundert nimmt seinen Ausgang in der Tradition des frühromantischen Belcanto im Stil eines Bellini, Rossini oder Donizetti mit deren  artifiziellem Ziergesang, Trillern und Koloraturen. Verdis Bestrebungen galten aber zunehmend der psychologischen Durchleuchtung seiner Figuren, der musikalischen Umsetzung einer inneren Wahrheit, dramatischem Ausdruck und realistischer Darstellung auf der Bühne. Die Gesangstimmen transportieren in bis dahin nie gehörter Weise alle Facetten der menschlichen Seele, ihre Abgründe, Konflikte und Grenzerfahrungen.

Il Trovatore – Arie   Di quella pira – Irakli Kakhidze als Manrico
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1850 hatte Verdi das Drama El trovador (1836) des spanischen Literaten Garcia Gutierrez als Vorlage für eine neue Oper ins Auge gefasst. Er beauftragte Salvatore Cammarano, einen der damals begehrtesten Textdichter, mit dem ihn bereits eine frühere Zusammenarbeit verband, mit der Verfassung eines Librettos. Cammaranos starke Verkürzung und Komprimierung des Stoffes hatte zur Folge gehabt, dass das Endergebnis des Werkes als wenig befriedigend galt. Die Einteilung erfolgte in 4 Akte mit je zwei Bildern mit den Titeln: Das Duell, Die Zigeunerin, Der Sohn der Zigeunerin und Die Hinrichtung. Als Cammarano 1852 überraschend starb, wandte sich Verdi an den Schriftsteller Leone Emanuele Bardare, der die fehlenden Teile des 3. und 4. Aktes nach den vorliegenden Skizzen vollenden sollte. Auch das wiederum war einem einheitlichen Handlungsablauf nicht förderlich. Die Verdichtung der einzelnen Bilder und ihre lose Folge, gaben Verdi aber auch die Möglichkeit, deren Essenz musikalisch unmittelbar und focussiert zu gestalten und die Handlung zwischen die Akte zu verlegen.

Die Uraufführung 1853 im Apollo Teatro in Rom war einer der größten Triumphe der italienischen Aufführungsgeschichte und verbreitete sich in Windeseile in ganz Europa. Die historische Vorlage, El trovador, ist um 1410 in Spanien angesiedelt, als ein Thronfolgestreit um die Krone von Aragon zwischen den Häusern Urgel und Kastilien entbrannt war und die Gesellschaft in einem grausamen Bürgerkrieg tief gespalten wurde.

Zwei Brüder, Graf Luna und der Troubadour Manrico, deren Beziehung zueinander erst am Ende der Oper enthüllt wird, kämpfen in gegnerischen Lagern und lieben unglücklicherweise die gleiche Frau. Zentrale Figur in diesem obskuren Nachtstück aber ist die Zigeunerin Azucena, deren Leben nur noch um die unkontrollierbare Obsession der Rache kreist. Ihre Mutter wurde dereinst vom alten Grafen Luna auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Daraufhin raubte sie aus Rache eines der beiden Kinder von Luna und warf im Wahn versehentlich das eigene Kind statt des geraubten ins Feuer. Eben jenen Ziehsohn, den Rebellen und Sänger Manrico, den sie für ihren Rachefeldzug gegen den jungen Graf Luna instrumentalisiert und den sie dennoch abgöttisch liebt.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore -  hier :  Irakli Kakhidze als Manrico und Julia Faylenbogen als Acucena © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore – hier : Irakli Kakhidze als Manrico und Julia Faylenbogen als Acucena © Hans Jörg Michel

Der renommierte Regisseur Roger Vontobel, der am NTM bereits mit großem Erfolg Verdis Aida und Beethovens Fidelio inszenierte, stellt in seiner Deutung des Troubadour den Topos des Scheiterhaufens ins Zentrum der Handlung. Auf der Bühne herrscht undurchdringliches Dunkel, nur spärlich erhellt vom Feuerschein, der auf übergroße Leinwände im Hintergrund gespenstische Schatten projiziert. Die albtraumhafte Atmosphäre wird bereichert durch starke hell-dunkel Kontraste in der beklemmenden Lichtregie von Frank Kraus. Nur wenn Azucena die Flammen des Scheiterhaufens heraufbeschwört, färbt sich das weiße Licht rot, ein magischer Effekt.

Eine kleine Drehbühne in der Mitte unterstützt die gelungenen Bildwechsel im variablen Einheitsbühnenbild von Claudia Rohnert. Die einzelnen Szenen sind zeitlich nicht definiert, das Geschehen changiert zwischen Archaik, Gegenwart oder auch Zukunft.

Vor dem Einsetzen der Musik kommt eine junge Frau im heutigen Outfit mit Jeans und Baseballkappe auf die Bühne, sie trägt ein in Tüchern gewickeltes Bündel auf dem Arm; ein Kleinkind? Das Heulen eines Sturmes ist zu hören, dann windet sich die Frau, lässt die Tücher fallen: sie sind leer!

Der Paukenwirbel beginnt, die junge Frau verwandelt sich nun in das „tanzende Trauma“, eine von Roger Vontobel eingefügte Kunstfigur, die in faszinierenden Choreografien (Zento Haerter) die Protagonisten begleitet, deren Seelenzustände verdoppelt, illustriert oder konterkariert. Nebelschwaden wabern im Raum, gezackte Holzscheite hängen bedrohlich von der Decke, symbolisieren den Scheiterhaufen, Kerkermauern oder formieren sich später auch zu einem riesigen Kreuz. Es herrscht trostlose Dunkelheit, ab und zu blitzt ein Licht auf. Soldaten sitzen auf der Drehbühne, sie sind kriegsversehrt, erinnern an den 1.Weltkrieg, mit bleichen Gesichtern, maskenhaft verfremdet, es fehlen ihnen Gliedmaßen.

Alle Personen sind vom Bürgerkrieg schwer gezeichnet, auch Graf Lunas Waffenbruder Ferrando hat nur noch einen Arm, seine Erzählung an die Soldaten ist eine Rückblende der vormaligen Geschichte des alten Grafen Luna, seiner beiden Söhne und der unseligen Zigeunerin, die zur Rächerin ihrer auf dem Scheiterhaufen verbrannten Mutter wird. Die Szene wird wieder von riesigen gruseligen Schattenbildern im Hintergrund bebildert.

Leonora, Objekt der Begierde der beiden verfeindenden Brüder, ist zunächst in Spiel und Gestik ein junges, verliebtes Mädchen, das mit einem Messer spielt und dieses trotzig mal gegen ihre Freundin Inez oder gegen sich selbst richtet, nichtsahnend, welch grausame Wendung ihr Schicksal nehmen wird.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore - hier :  Bartosz Urbanowicz als Ferrando und Ensemble © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore – hier : Bartosz Urbanowicz als Ferrando und Ensemble © Hans Jörg Michel

Graf Luna erscheint nicht nur als die Inkarnation des Bösen, sondern wird ebenfalls von seinen Traumata beherrscht. Eine zweifelnde Gestalt, die zwischen seiner unglücklichen Liebe zu Leonora und dem Versprechen, den verschwundenen Bruder zu finden, hin-und hergerissen ist. Auch Manrico befindet sich in einer zwiespältigen Situation. Er ist der Rebell, der mit den Aufständischen gegen die Herrschenden kämpft und gleichzeitig der Troubadour, der mit der Kraft seiner Stimme eine Gegenwelt der Poesie und Schönheit in der grausamen Realität des Krieges schafft, aber von Leonora geliebt wird. Manrico und Luna ähneln sich auch äußerlich, sie haben die gleiche Frisur, Statur und Mantel, nichts ahnend von ihrer Herkunft.

Die einzigen Farbtupfer im düster dräuenden Dunkel sind Azucena und die Zigeuner mit ihren bunten und lebenslustigen Kostümen (Nina von Melchow). Diese handeln mit Arm-und Beinprothesen, ein einträgliches Geschäft in Zeiten des Krieges. Die alte Zigeunerin Azucena mit Gehstock und wirren grauen Haaren, quälen die immer gleichen wahnhaften Visionen vom Feuertod ihrer Mutter auf dem Scheiterhaufen und ihrer entsetzlichen Tat, das eigene Kind versehentlich ins Feuer geworfen zu haben.

Die Klosterszene wird wieder beherrscht vom Kontrast der gleißend weißen Kutten der Nonnen im dunklen Bühnenbild, das vom Schein der Kerzen schwach erleuchtet wird und der Szene eine sakrale Aura verleiht. Leonora, die sich vom schwärmerischen jungen Mädchen zur liebenden Frau entwickelt, ist bereit, den Opfertod für Manrico zu sterben und verspricht dem verhassten Luna, ihn zu lieben, wenn  dieser Manrico die Freiheit schenkt. – Eine Vorläuferin der Tosca 

Luna, der sich am Ziel seiner Wünsche wähnt, willigt ein. Ein beeindruckender Regieeinfall ist,  wenn Luna das Lager für sich und Leonora auf seinem mit Blumen übersäten Mantel vorbereitet.

Leonoras Opfertod entspringt keinem spontanen Entschluss, sondern wird immer wieder von Zweifeln und Momenten der Hoffnung überlagert. Die Flasche mit dem Gift trinkt sie erst nach langem Bangen und Zögern, eine psychologisch glaubhafte Haltung, die ihr fast antike Größe im Angesicht des nahenden Todes verleiht. Der Regie gelingt eine überwältigende Schlusswirkung,  wenn der jetzt rot leuchtende Scheiterhaufen unheilvoll die Schatten der Vergangenheit beschwört und Azucena in Erwartung ihrer und Manricos Hinrichtung in einer Wahnsinnszene über sich hinauswächst, während das Trauma sie fest umschlungen hält. Nachdem Manrico von Luna exekutiert wurde, nimmt das Trauma Luna in seinen Besitz, Azucena schleudert ihm ihren letzten Rache-Triumph entgegen: Er war dein Bruder!

Ein häufig kolportierter Ausspruch von Enrico Caruso lautet: „es ist sei, den Troubadour aufzuführen, man braucht lediglich die vier besten Sänger der Welt“. Das zeigt, welche immensen Anforderungen an die vier Hauptrollen gestellt werden. Das NTM besteht diese Herausforderung mit Bravour und punktet mit einem erlesenen Solisten-Quartett, das sich auf extrem hohem Niveau präsentiert und für eine Sternstunde im ausverkauften Opernhaus sorgt.

Der georgische Tenor Irakli Kakhidze ist als Manrico eine Idealbesetzung. Sein heldischer Tenor besitzt Schmelz, Kraft und Metall, er berührt in der lyrischen Arie „Ah! si, ben mio“ mit wunderbar phrasierten Bögen und inniger Verhaltenheit und darf anschließend seine Stretta an der Rampe stehend ins Publikum schmettern. Seine hohen C’s waren strahlend, leidenschaftlich und absolut mitreißend, was vom Publikum mit begeistertem Applaus honoriert wurde.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore - hier :  Miriam Clark als Leonore © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore – hier : Miriam Clark als Leonore © Hans Jörg Michel

Die Sopranistin Miriam Clark besticht mit einem beeindruckenden Rollendebüt der Leonora. Die junge Sängerin verfügt über einen weichen ausgeglichenen lyrischen und sehr beweglichen Sopran, der nach oben keine Grenzen zu kennen scheint. Mit ihren Koloraturen und Trillern in „D‘amor sull‘ ali rosee“ sorgte Miriam Clark für Gänsehauteffekt. Hinreißend Ihre hohen piano Töne, die fast unhörbar im Nichts verhauchen. Mühelos und mit verblüffender Präzision gerieten die halsbrecherischen Schwierigkeiten dieser Arie. Auf ihre weitere Entwicklung darf man gespannt sein.

Als Graf Luna überzeugte Evez Abdulla mit seinem kernigen, virilen und edel timbrierten Bariton sowohl als Schurke als auch in seinen introvertierteren und schwachen Momenten. In der  Arie “Il balen“, brachte er alle Facetten einer klangschönen und höhensicheren Stimme zur Geltung. Die Zigeunerin Azucena wurde von Julia Faylenbogen mit Magie, Dämonie und der nötigen Portion Fanatismus ausgestattet. Ihr voluminöser Mezzo trägt ideal im tiefen Register und steigerte sich auch in den Höhen zu dramatischem Ausdruck und großer Expressivität.

Bartosz Urbanovic füllte die Rolle des Ferrando mit tragfähigem, sonorem Bass wunderbar aus und gestaltete seine Erzählung am Anfang spannungsgeladen und mit perfekter Diktion. Natalija Cantrak als kraftvolle Inez, Koral Güvener als wohlklingender Ruiz, sowie Xuecheng Zhang als Bote und Daniel Claus Schäfer als Zigeuner überzeugten ebenfalls in ihren Rollen. Wie zuletzt die fabelhafte Trauma-Tänzerin Delphina Parenti, die der Handlung einen spannenden und schillernden Aspekt hinzufügte.

Roberto Rizzi Brignoli am Pult entlockte dem bestens disponierten Nationaltheater Orchester nicht nur das lodernde Feuer der typisch schwungvoll – federnden Verdi Rhythmen, es gelangen ihm auch groß angelegte Steigerungen mit rasanten Tempowechseln, fein gesponnene, schwebende  Melodiebögen, sensibel durchgehörte Übergänge in den lyrischen Szenen und eine wunderbar einfühlsame Grundierung der Gesangsstimmen. Der Chor unter der Leitung von Danis Juris präsentierte sich homogen, differenziert und klangschön in jeder Szene.

Begeisterungsstürme, Jubelrufe und tosender Applaus nach einer grandiosen Opernpremiere.

Der Troubadour am Nationaltheater Mannheim; die nächsten Vorstellungen 15.9.;  22.9.; 28.9.; 5.10.2019

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Il trovatore – Giuseppe Verdi, 13.07.2019

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Il trovatore / Der Troubadour – Giuseppe Verdi

Premiere  Samstag, 13. Juli  2019

Als Geschichte eines großen Traumas und zerstörerischer Missverständnisse inszeniert Regisseur Roger Vontobel Giuseppe Verdis Oper Il trovatore / Der Troubadour und stellt dabei den angsteinflößenden Blick auf das Fremde in den Mittelpunkt. Claudia Rohner gestaltet die Bühne, Nina von Mechow die Kostüme. Die musikalische Leitung hat Roberto Rizzi Brignoli.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Das erlesene Sängerensemble setzt sich aus Irakli Kakhidze als Manrico, Miriam Clark als seiner Geliebten Leonora und Evez Abdulla als seinem Rivalen Graf Luna zusammen sowie außerdem aus Julia Faylenbogen als Azucena, der vermeintlichen Mutter Manricos, Bartosz Urbanowicz als Hauptmann Ferrando und Natalija Cantrak sowie Koral Güvener aus dem Opernstudio. Das Trauma verkörpert die Tänzerin Delphina Parenti.

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Il Trovatore © Hans Jörg Michel

Weitere Vorstellungen finden am 18., 21. und 25. Juli sowie in der kommenden Spielzeit ab 15. September statt.

Karten sind ab 12 Euro (ermäßigt 9 Euro) erhältlich.

 

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Bern, Theater Bern, Cosi fan tutte – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 23.10.2018

Oktober 24, 2018 by  
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Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

Così fan tutte  –   Wolfgang Amadeus Mozart

So machen’s alle (Frauen) –  Und die Männer?

Von  Julian Führer

Mozarts Oper Così fan tutte ist oft für die Banalität der Handlung kritisiert worden – und in der Tat: zwei junge Männer wetten, dass sie die feste Freundin des jeweils anderen ‚herumkriegen‘, und das Vorhaben gelingt. Lorenzo Da Ponte als Mozarts Librettist adaptierte hier nicht eine bereits vorhandene Vorlage wie in Le nozze di Figaro (beruhend auf dem unmittelbar vor der Französischen Revolution entstandenen hochbrisanten Theaterstück von Beaumarchais). Der Auftrag kam im Herbst 1789 von Kaiser Joseph II., im Januar 1790 fand in Wien die Uraufführung statt. Der Stoff ist seither unzählige Male interpretiert worden – ob nun als Studie über die Fallstricke der ‚freien Liebe‘ in aktualisierender Manier, als grundalbernes Stück mit ernster Musik oder auch als schwule Oper (nur mit Männerstimmen besetzt). In Bern ist nun ein weiterer Ansatz zu besichtigen – und diese Regie von Maximilian von Mayenburg, soviel sei schon am Anfang festgestellt, ist lohnend.

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Zunächst Da Ponte und seine klassische Umsetzung auf der Bühne: Das Personal der Buffo-Oper mit Typen wie der Zofe, dem Arzt und dem Notar sorgt zuverlässig für Verwechslungen und dramatische Wendungen, man verkleidet sich und heiratet. Das sonstige Personal mit den Männern Guglielmo und Ferrando und ihren Freundinnen bzw. Versuchsobjekten Fiordiligi und Dorabella präsentiert ebenfalls wenig originelle Charaktereigenschaften, einmal abgesehen von der eine Arie länger anhaltenden Standhaftigkeit der gemeinhin als etwas zickig angesehenen Fiordiligi. Fiordiligi (im Namen steckt die Fleur de lys, die Lilie als Symbol der französischen Könige – wenige Monate nach Ausbruch der Revolution in Frankreich!) vertritt am ehesten die Konvention und das Beharren auf einmal eingegangenen Verpflichtungen. Dorabella geht schneller auf das Werben des verkleideten Guglielmo ein. Der grauhaarige „Philosoph“ Don Alfonso erscheint als Zyniker, der buchstäblich aus einer Kneipenidee heraus einen Menschenversuch startet, bei dem seine Freunde nicht gewinnen und deren Freundinnen alles verlieren.

Als Zsolt Czetner den Taktstock hebt und bemerkenswert rasche Tempi anschlägt, wird alsbald eine recht trübe Szenerie sichtbar (Bühne: Christoph Schubiger): eine Bar, ein Tresen, ein umgeworfener Barhocker, es lungern mehrere Personen herum, von denen wir schnell erfahren, dass es sich um die besoffen eingeschlafenen Fiordiligi und Dorabella handelt, beide mit Brautschleier (Kostüme: Marysol del Castillo), andererseits um eine ebenfalls betrunkene Gestalt mit blonder Fönfrisur im Stil der Zeit um 1980 (der Gott Amor in einer stummen Rolle) sowie zwei noch wache, aber schon arg derangierte junge Männer, Guglielmo und Ferrando. Der Barkeeper ist Don Alfonso (Todd Boyce). Offensichtlich wurde Polterabend gefeiert, der Wirt kehrt Scherben zusammen (leider echte Scherben, die die Musik übertönen). Aus dem Wortwechsel zwischen einem müden Wirt und zwei betrunkenen Bräutigamen ergibt sich die bereits oben genannte Wette. Das Libretto fordert, dass die beiden Männer einer vorgegaukelten plötzlichen Einberufung zum Militär folgen und so den Ort der Handlung verlassen, während die Damen sich alleine sorgen und grämen. Der von Mozart gekonnt in zackigem D-Dur geschriebene Marsch Bella vita militar wird von einem sehr jungen Don Alfonso aus der sehr alten Jukebox eingespielt – stilecht mit vielen Kratzern auf der alten Platte, die etwas eiert und nicht ganz im richtigen Tempo (und also auch nicht ganz in der richtigen Tonhöhe) abgespielt wird. Als dazu das Orchester einsetzt, werden die Ohren des Zuhörers auf eine harte Probe gestellt. Das Abschiedsterzett Soave sia il vento braucht zwei Takte, um zueinander zu finden, vor allem die Terzenketten in den Violinen sind zunächst nicht deutlich. Dieses Problem sollte sich beim Einstieg ins Finale des zweiten Aktes wiederholen. Die Bar wird dazu (mit den einberufenen Bräutigamen) nach hinten hinausgefahren. Eigentlich folgt ein Szenenwechsel ins Haus der Schwestern Dorabella und Fiordiligi mit einem Rezitativ der gerade Trinkschokolade rührenden Magd Despina; dieses Rezitativ ist wie einige andere gestrichen. In einigen Szenen treten pantomimische Einlagen an deren Stelle.

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

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Wir sehen die übriggebliebenen Bräute, die nicht recht zu wissen scheinen, wie sie eigentlich nach Hause gekommen sind, auf dem Boden liegen. Despina bringt das Frühstück (madame, ecco la vostra collazione): keine handgerührte Trinkschokolade, sondern ein großes Glas Nutella und zwei Teelöffel. Dorabella und Fiordiligi meistern das folgende Rezitativ mit vollem Mund und dann gehen erstmal duschen. Ferrando und Guglielmo werden von Don Alfonso ins Haus eingeschleust – und sind nicht verkleidet! Alfonso scheint Zauberbrillen mitgebracht zu haben, durch die man seine Mitmenschen anders wahrnimmt. Es ist nicht ganz klar, ob die Damen nicht von Anfang an merken, wer ihnen da gegenübersteht, nicht umsonst sind sie sehr entrüstet. Ab diesem Moment wird die Inszenierung sehr spannend: Beide Männer orientieren sich zunächst an ihren bisherigen Bräuten und machen keine Anstalten, die Freundin des anderen zu umgarnen. Die Leidtragende dieses stellenweise tatsächlich im positiven Sinne aufregenden Konzepts ist Despina (Orsolya Nyakas), die weit weniger quirlig sein darf als in anderen Inszenierungen. Gesanglich nimmt das Stück ab der 15. Szene (Guglielmo, Non siate ritrosi) Fahrt auf, der vermeintliche Fremde (Michal Marhold) umschmeichelt hier zwar noch entgegen dem Libretto seine bisherige Freundin Fiordiligi, dies aber mit Engagement, Charme, warmer Stimme und – feuerroten Unterhosen.

Nach der Pause geht es darum, wie es die beiden Liebhaber bewerkstelligen, die Freundin des Freundes zu verführen, wobei immer wieder Amor und seine Pfeile ins Spiel kommen. Dorabella nimmt irgendwann ihre trügende Sonnenbrille ab und erkennt, wen sie da vor sich hat, lässt sich aber dennoch auf Guglielmo ein. Eleonora Vacchi ist in dieser Rolle stets sehr präsent, allenfalls würde man sich manchmal eine etwas schlankere Stimmführung wünschen – stellenweise scheint ihre Stimme eher Verdi angemessen, gleichzeitig verkörpert sie die Partie mit viel schauspielerischem Einsatz. Fiordiligi (Elissa Huber) benötigt eine Arie länger, um sich von Ferrando (Noazariy Sadivskyy mit zartem Tenor) überzeugen zu lassen. Eigentlich ist sie die integerste Person der ganzen Oper. Auch sie hat begriffen, mit wem sie es zu tun hat. Als beide Frauen verführt sind, herrscht bei den Verführern allenfalls Schadenfreude, dass sie nicht alleine mit der Untreue ihrer Partnerinnen geschlagen sind. Don Alfonsos letzte Arie (Nr. 30, Tutti accusan le donne) wird hier zum galligen Bekenntnis, denn er öffnet sein Hemd und zeigt, dass auch er einst von Amor eine Wunde empfing. Seine Art, die Liebe ‚philosophisch‘ zu betrachten, ist eigentlich purer Zynismus, da er nur den anderen demonstrieren will, dass es keine wahre Liebe und Treue gibt. Diese rein destruktive Tendenz der Menschenversuche Don Alfonsos ist den Männern dabei auch zuvor nicht verborgen geblieben: Da Ponte hat immer wieder Verweise auf das Versprechen gegenüber Don Alfonso eingebaut, ihm einen Tag Zeit für seine Intrige zu geben, auch wenn die Männer zwischendurch lieber abbrechen würden.

Im Finale des zweiten Aktes liegen die Akzente in dieser Deutung etwas anders als sonst: Da alle vier Beteiligten wissen, mit wem sie es in Wirklichkeit zu tun haben, gibt es keine Maskerade, und es herrscht eher Unklarheit, wer eigentlich wen zu heiraten hat. Das Bühnenbild zeigt wieder die Bar aus der Eingangsszene. Der Chor stimmt sehr laut, aber nicht zügig genug ein (Facciam presto o cari amici). Zu Mozarts Musik wirft das Quartett mit Tellern und produziert damit einen neuen, diesmal aber auch musikalischen Scherbenhaufen. Diese latent antimusikalische Tendenz der Inszenierung hat sich auch bereits in der Klage des Ferrando über die Untreue der Dorabella gezeigt, zu der Don Alfonso eine größere Anzahl Luftballons zerplatzen lässt. Allen Respekt dem Sänger, der dabei stoisch weitersingt!

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

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Für heutiges Empfinden häufig etwas unbefriedigend ist die Theaterkonvention der „lieto fine“, des glücklichen Endes. Am Schluss der Oper wird in Dur gejubelt, ob nun Don Giovanni gerade zur Hölle gefahren ist oder zwei Paare gerade beim Treuetest gescheitert sind – bei Da Ponte und Mozart geht der Vorwurf nur an die ‚treulosen‘ Damen Fiordiligi und Dorabella; mit gleichem Recht würde man heute nach der mehr als zweifelhaften Rolle Guglielmos und Ferrandos fragen, die sich auf das Spiel einlassen, die Freundin des anderen zu verführen – ganz zu schweigen von Don Alfonso, dem Initiator, und der Dienstmagd Despina, die gegen ein Handgeld jederzeit ihre Herrinnen zu hintergehen bereit ist. „Così fan tutte“, meint Don Alfonso: So machen es alle Frauen. Die Männer fühlen sich unschuldig, ja, sie gefallen sich sogar in der Rolle der Ankläger ihrer Freundinnen.

Als dann im Finale die echten Liebhaber ‚zurückkehren‘, ist auch den Frauen klar, dass dies nur ein Vorwand ist. Um so größer ist das Entsetzen Dorabellas und Fiordiligis, dass die Männer sich auf einmal in Vorwürfen über die Untreue der Frauen ergehen. Diese haben in den ihnen von Guglielmo und Ferrando aufgenötigten Partnertausch letztlich eingewilligt und verstehen nun nicht, warum sie einen Fehler begangen haben sollen (und die Männer nicht). Dorabella betäubt sich mit Alkohol, Fiordiligi ist wie gelähmt, die lieto fine in affirmativem C-Dur wird hier unterlaufen. Man fragt sich bei dieser insgesamt sehr schlüssigen Deutung allenfalls, warum Don Alfonso am Ende ungeschoren davonkommt.

Das Berner Symphonieorchester hatte an den beiden Tagen zuvor ein sehr forderndes Konzert zu absolvieren, das zudem durch einen sehr kurzfristigen Wechsel bei der musikalischen Leitung äußerste Konzentration verlangte. Das Gesamtbild war jedenfalls stimmig. Besondere Erwähnung verdient die Begleitung der Rezitative, bei denen frei gestaltet wurde und beispielsweise das Terzett „Soave sia il vento“ fast schon leitmotivisch immer wieder anklang, um die Situation der Trauer der jungen Frauen bei der abrupten Abreise ihrer Partner in Erinnerung zu rufen. Eine Inszenierung also, die viel Sympathie für die Damen an den Tag legt, und die am Ende wie auch die musikalische Darbietung lebhaften Zuspruch im allerdings bei weitem nicht ausverkauften Haus fand.

Cosi fan tutte am Theater Bern: Die weiteren Termine 28.10.; 30.10.; 17.11.; 2.12.; 8.12.; 16.12.; 21.12.2018 und mehr ……

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