Aachen, Theater Aachen, Roméo et Juliette – Charles Gounod, IOCO Kritik, 12.12.201

Dezember 12, 2018 by  
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Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

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  Roméo et Juliette – Charles Gounod

Von Ingo Hamacher

„Ich liebe Gounod! Und ich bin jedes mal froh, wenn ich eine seiner Opern aufgeführt sehe. Neben seinem berühmten Faust, in Deutschland in der Regel zur Vermeidung von Verwechslungen unter dem Titel Margarethe gezeigt, gehört das wesentlich seltener gespielte Stück Roméo et Juliette ebenfalls zum festen Bestandteil des Opernrepertoires.“

Aber auch seine anderen Stücke werden inzwischen wieder entdeckt. 2017 spielte die Oper Leipzig den Cinq Mars unter dem Titel: Der Rebell des Königs und in diesem Jahr hat die Opéra Comique, Paris, die zweite seiner zwölf Opern: La Nonne sanglante (Die blutige Nonne) erneut zur Diskussion gestellt.

Theater Aachen / Roméo et Juliette - hier : auch Soon-Wook Ka, Pawel Lawreszuk, Ensemble © Wil van Iersel

Theater Aachen / Roméo et Juliette – hier : auch Soon-Wook Ka, Pawel Lawreszuk, Ensemble © Wil van Iersel

Charles Gounod, der populärste Komponist der französischen Opernschule des 19. Jahrhunderts, kam am 17. Juni 1818 in Paris zu Welt (gestorben 1893). Sein musikalisches Talent und seine dramatische Begabung ließen ihn zum Hauptvertreter der französischen Romantik werden. Mit seinem Werk Roméo et Juliette, das sich mit großer Treue an Shakespeares Drama hält, – Libretto von Jules Barbier und Michel Carré – gelang ihm ein Erfolgsstück, mit dem viele Jahre regelmäßig die prunkvolle Saisoneröffnung der New Yorker Metropolitan-Oper erfolgte.

Die Regisseurin Ewa Teilmans erarbeitet mit ihrem Produktionsteam eine Inszenierung von so wunderbarer Schönheit, dass sich die für Gounod typische Süsse der Musik, mit teilweise ins kirchlich-religiöse übergehenden Klangbild in der liebevollen Aufführung wiederspiegelt, ohne jedoch die Härte und Brutalität des Stückes zu verwischen.

Giulietta Statue im berühmten Casa di Giulietta in Verona © IOCO

Giulietta Statue im berühmten Casa di Giulietta in Verona © IOCO

Gewalt, Streit und Kampf. Verfolgungsszenen und Schlägerreien sind unsere ersten Bilder, wenn sich zu Beginn der Ouvertüre der Vorhang öffnet und wir in die Lebenswelt der Familien Montaigu und Capulet blicken. Wir schauen auf eine kreisrund aufgerissene Fabrikwand, wie nach einem Bombeneinschlag, die ihre Standfestigkeit nur noch aus rostigen Gerüsten und Stützstreben erhält, und die in ihrer Zerborstenheit mehr Blicke freigibt, als dass sie sie noch verstellen kann. Marodes Industriegelände im hier und jetzt, Niemannsland und No-Go-Ärea für friedfertige Menschen.

In einem Prolog berichten die am Geschehen Beteiligten über das aus der Fehde zwischen den Capulets und den Montaigus erwachsene Schicksal Roméos und Juliettes.

1. Akt –  Im Palast der Capulets wird eine Maskenball veranstaltet.

Die Bühne dreht sich, und wir sehen auf der anderen Seite die prachtvolle Welt der Renaissance. Rot- und Gelbocker, Säulen mit goldenen Kapitelen, Bögen und Ornamenten. Auf der linken Seite ein kleiner Balkon, der im weiteren Verlauf große Bedeutung gewinnen wird.

Ein buntes Fastnachtstreiben mit schrillen Kostümen, halbnackten Menschen, strapsetragende Transvestiten und weiterem buntem Volk wird auf die Bühne gespült um tanzend in wildem Rausch das Leben zu genießen.

Roméo und Mercutio aus dem Haus der befeindeten Montaigus mischen sich unter die feiernden Gäste. Juliette, gerade 14 Jahre geworden, soll der Gesellschaft und ihrem zukünftigen Ehemann, dem vornehmen Pâris, vorgestellt werden. Und es ist höchste Zeit! Von ihrer Amme Gertrude, wunderbar gesungen und gespielt von Ariana Fucos als Ersatz für die erkrankte Julia Mintzer, erfahren wir, dass diese in dem Alter bereits lange verheiratet war.

Als Juliette ihren Auftrittswalzer „Je veux vivre“ (‚Ich will leben‘) singt, frieren alle Bewegungen des wilden Treibens ein, so dass wir diesen zeitlos-lyrischen Moment in aller Schönheit genießen können.

Juliette Capulet  –  Larisa Akbari

Der russische Sopran Larissa Akbari sang erstmalig im Frühling 2016 am Theater Aachen, und zwar die Partie der Blonde in der Produktion Entführung aus dem Serail. Seit dem ist sie immer wieder gerne gesehener und gehörter Gast des Hauses, wobei sie mit ihrer großen Lebendigkeit und Spielfreude genauso begeistert wie mit ihren großartigen Gesang.

Theater Aachen / Roméo et Juliette auf dem berühmten Balkon © Wil van Iersel

Theater Aachen / Roméo et Juliette auf dem berühmten Balkon © Wil van Iersel

Als Juliette für kurz unbeaufsichtigt ist, spricht Roméo sie an; beide sind sofort in Liebe entbrannt. In diesem ersten der vier großen Liebesduette gestehen sie sich gegenseitig mit „Ange adorable“ (‚Anbetungswürdiger Engel‘) ihre Liebe.

Roméo Montaigu  –  Alexey Sayapin

Der junge russische Tenor, in Aachen augenzwinkernd auf Grund der großen Ähnlichkeit auch gerne „Unser Jonas Kaufmann“ genannt, weiß neben seinem guten Aussehen auch mit seiner schönen Stimme zu überzeugen; eine Idealbesetzung für diese Partie. Tybalt, Juliettes Cousin (gesungen von Soon-Wook Ka), deckt die Herkunft des Fremden auf; nur das Eingreifen Capulets hält ihn davon ab, auf Roméo loszugehen.

2. Akt  –  Garten vor dem Haus Juliettes.

Balkonszene, Duett II: „Ô nuit divine“ (‚O göttliche Nacht‘).  Die Beiden genießen eine heimliche Liebesnacht; Juliette bittet Roméo, sie zu heiraten.

3. Akt  –  Pater Lorenzo verheiratet das Liebespaar

Es sind regelrechte Schnapsideen die Bruder Laurent den jungen Liebenden anträgt: Als wenn sich über Generationen bestehende Familienfehden durch die heimliche Heirat der jüngsten Familiensprosse besänftigen ließen!  Und wohin seine Idee mit dem Narkotikum am Ende führen wird, kann man ja getrost als bekannt voraus setzten.

Daher ist es nur folgerichtig, wenn Ewa Teilmans ihn als bekifften obdachlosen Ex-Rocker zeigt, auf einem Klappstühlchen neben einem Campingtisch sitzend. In einer Ecke einer an den betongrauen Charm eines Parkhauses erinnernden Wand hat er sich mittels Plakaten, Zeitungsausrissen und Ansichtskarten eine Insel des Dogenkonsums und des Gottesglaubens geschaffen.

Aber wenn der Einsiedler, wunderbar gesungen von Woong-jo Choi, dann seine „Klause“ verlässt und das Priestergewand anlegt, sind wir wieder zurück in der klassischen Handlung, und erleben die ergreifende Eheschließung Roméos und Juliettes.

In einer anschließenden Straßenszene entfacht Roméos Page (Hosenrolle: Fanny Lustaud) die Fehde erneut. Die in den vorhergehenden Szenen historisierenden Kostüme sind aktueller Mode junger Menschen gewichen und verdeutlichen damit das Zeitlose des Konfliktes. Der hinzukommende Roméo versucht, die Parteien zu beschwichtigen, doch als Tybalt Mercutio im Kampf verletzt, läßt er sich herausfordern und ersticht ihn. Daraufhin wird er vom Herzog aus der Stadt verbannt.

4. Akt

Trotz des Bannspruchs verbringt Roméo die Nacht bei Juliette und nimmt erst bei Tagesanbruch Abschied: Duett III: „Va! Je t‘ai pardonné“ (‚Geh, ich habe dir verziehen‘)

Vater Capulet drängt indessen auf die Hochzeit seiner Tochter mit Pâris. Bruder Laurent findet einen Ausweg und gibt Juliette ein Narkotikum, das sie in einen todesähnlichen Schlaf versetzen soll. Als der Vater Juliette zur Hochzeit mit Pâris führen will, bricht sie leblos zusammen.

5. Akt

Ein Brief Bruder Laurents an Roméo, der ihn über Juliettes fingierten Tod informieren sollte, hat den Empfänger nicht erreicht. So muß Roméo in der unterirdischen Gruft der Capulets glauben, am Grab seiner Frau zu stehen. Er umarmt Juliette ein letztes Mal, dann nimmt er einen Gifttrank. Noch ehe das Gift wirkt, erwacht Juliette. Ein letzter ergreifender Liebesgesang, Duett IV, „Dieu! quelle est cette voix“ (‚Gott! Was ist diese Stimme?‘) verabschiedet das unglückliche Paar. Dann sinkt Roméo tot nieder und Julia ersticht sich über seiner Leiche.

Theater Aachen / Roméo et Juliette - hier :  auch mit Pawel Lawreszuk, Larisa Akbari, Woong-jo Choi, Andranik Fatalov © Wil van Iersel

Theater Aachen / Roméo et Juliette – hier : auch mit Pawel Lawreszuk, Larisa Akbari, Woong-jo Choi, Andranik Fatalov © Wil van Iersel

Als romantische Nummernoper mit Arien, Duetten und Chorszenen bietet das Stück zahlreiche musikalische Höhepunkte. Eine Reihe von Melodien hat sich außerhalb des Werks verbreitet, so die Tenorarie Romeos „Ah, lève toi soleil!“ (‚Erhebe dich, Sonne‘), ein froher Walzer Julias „Je veux vivre dans le rêve“ (‚Ich will wie im Traume leben‘) und einiges aus den Liebesduetten.

Großer Applaus für die wunderbare stimmliche Leistung der Solisten und des gesamten Ensembles. Jubel für das Produktionsteam und Standing Ovations für die musikalische Leistung von Christopher Ward und dem Sinfonieorchesters Aachen.

Eine großartige Leistung aller Beteiligten, der man für die kommenden Aufführungen auch weiterhin ausverkaufte Reihen wünscht. Es wäre schade, die Aufführung zu verpassen.

Musikalische Leitung – Christopher Ward – Seit August 2018 ist Christopher Ward Generalmusikdirektor der Stadt Aachen und damit auch Leiter des Sinfonieorchesters Aachen.

Inszenierung: Ewa Teilmans –  Teilmans, eine Theaterfrau von der Pike auf, hat eine Vielzahl von Opern und Schauspielen am Theater Aachen inszeniert. In der laufenden Spielzeit sind sechs Arbeiten von ihr in Aachen zu sehen.

Bühne – Elisabeth Pedross (Mit Ewa Teilmans ist es nach den Opern Rigoletto und Rusalka und den Schauspielproduktionen Mein Kampf und Wassa Schelesnowa die fünfte gemeinsame Arbeit in Aachen.)

Kostüme –  Andreas Becker (In der laufenden Spielzeit mit vier Arbeiten in Aachen vertreten)

Romé et Juliette am Theater Aachen; weitere Termine: 15.12., 20.12., 25.12., 31.12.2018; 13.01., 20.01. (Nachmittags), 25.01.;17.02., 09.03., 24.03., 04.04., 13.04., 23.04.2019

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Aachen, Theater Aachen, Positive Bilanz für die Spielzeit 2013/14, 21.07.2014

Juli 21, 2014 by  
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 Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

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Theater Aachen zieht positive Bilanz für die Spielzeit 2013/14

Das Theater Aachen kann auf eine gute Spielzeit 2013/14 zurückblicken: Rund 153.000 Zuschauer besuchten die Schauspiel- und Opernaufführungen sowie Konzerte. Somit konnte das Ergebnis der letzten Spielzeit gehalten werden,vor allem wenn man bedenkt, dass es keine Chorbiennale und kein Außenprojekt mit dem Theater AUSbruch gab. Auch die Zahl der Abos blieb gegenüber dem Vorjahr stabil. Knapp 3.000 Zuschauer schlossen für die Spielzeit ein Fest-Abonnement ab.

24 Premieren, darunter drei Uraufführung (»Prinzessin im Eis«, »Kennen lernen« und »Partir á l‘aventure«), hat das Ensemble des Theater Aachen von September 2013 bis Juli 2014 auf die Bühne gebracht.

Viele Vorstellungen in allen drei Spielstätten waren bereits frühzeitig ausverkauft. Shakespeares »Hamlet« lockte 6.635 Besucher ins Große Haus und die Nachfrage ist ungebrochen groß, so dass die Inszenierung von Christina Rast in der kommenden Spielzeit wieder aufgenommen wird. Die Kammer und das Mörgens sind so erfolgreich wie nie zuvor. Mit »Orlando« wurde die Spielzeit in der Kammer eröffnet. In 16 Vorstellungen sahen 1.991 Zuschauer die Produktion was einer Auslastung von 85% entspricht. Mit Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung von »Das Himbeerreich« wurde das Theater Aachen zum diesjährigen NRW-Theatertreffen nach Dortmund eingeladen. Auch die Aachener kamen begeistert in die Vorstellung. Mehr als 2.300 Zuschauer sahen die Inszenierung, was einer Auslastung von 97,5% entspricht. Da auch hier die Nachfrage ungebrochen ist, wird das Stück in der kommenden Spielzeit wieder aufgenommen.

Im Mörgens entwickelten sich vor allem »Mario und der Zauberer« und das Projekt mit Aachener Bürgern »Kennen lernen« zum Publikumsliebling. Alle zwölf Vorstellungen von »Mario und der Zauberer« waren ausverkauft und »Kennen lernen« hatte eine Auslastung von über 90%.

Die Angebote für Kinder und Familien kamen auch in diesem Jahr beim Publikum sehr gut an. Die Uraufführung von Anno Schreiers Oper »Prinzessin im Eis« erfreute viele große und kleine Theaterbesucher – insgesamt sahen in 9 Vorstellungen rund 4.300 Zuschauer die Inszenierung, was das bisher beste Ergebnis für eine Uraufführung im Musiktheater war. Ebenso erfolgreich war das diesjährige Familienstück »Die kleine Hexe«. 28.700 Zuschauer haben 39 Vorstellungen besucht. Und eine Auslastung von fast 100 % kann das Musiktheaterstück »Zirkus Furioso« in der Kammer aufweisen, welches aufgrund der großen Nachfrage in der kommenden Spielzeit ebenfalls wieder aufgenommen wird.

Das Musiktheater kann ebenfalls auf eine bemerkenswerte Saison zurückblicken. Es startete mit einer außergewöhnlichen und kontrovers diskutierten Inszenierung von Beethovens »Fidelio«. Überregionale Aufmerksamkeit erlangte Jarg Patakis Inszenierung von Händels »Alcina« bei der der junge Countertenor Josef Jakub Orlinski sein Bühnendebut in Aachen gab und frenetisch von Publikum und Presse gefeiert wurde. Die beste Auslastung konnte die Oper »Rusalka« mit knapp 6.000 Zuschauern verzeichnen. Zum Ausklang der Spielzeit zeigten junge Sängerinnen und Sänger der Hochschule für Musik und Tanz Köln ihr Können in der Mozart Oper »La Finta Giardiniera«. Das Publikum und die Presse zeigten sich begeistert.

Die Wiederaufnahmen von »Tschick« (insgesamt sind inzwischen 77 Vorstellungen gezeigt worden) im Mörgens und »Verrücktes Blut« (inzwischen 32 x gezeigt) in der Kammer entwickelten sich zu dauerausverkauften Hits und auch diese beiden Stücke werden aufgrund der großen Nachfrage in der kommenden Spielzeit zu sehen sein.

Eine erfolgreiche Bilanz kann auch das Sinfonieorchester Aachen unter seinem GMD Kazem Abdullah verzeichnen. Rund 15.000 Menschen kamen zu den Sinfoniekonzerten in den Aachener Eurogress, was einer Auslastung von 81,4% entspricht. Auch die Sonderkonzerte waren alle sehr gut besucht, teilweise ausverkauft. Mit »Einsteins Music Box« in der RWTH oder dem »Mitmachkonzert« hat das Sinfonieorchester Wege gefunden, neues Publikum für klassische Musik zu gewinnen.

Die Nachfrage nach den theaterpädagogischen Angeboten des Theaters wächst stetig. Neben den regulären Vorstellungen wurden mehrere geschlossene Vorstellungen extra für Schulklassen gespielt. Mehr als 600 Schulklassen nutzten in dieser Spielzeit die Angebote des theaterpädagogischen Büros. Damit trägt das Theater Aachen enorm zur kulturellen Bildung bei und fördert damit künstlerische, persönliche und soziale Kompetenzen.

Mit den Kurpark Classix vom 30. August bis 1. September beginnt für das Sinfonieorchester Aachen unter der Leitung von Aachens GMD Kazem Abdullah die neue Spielzeit. Am 21. September hebt sich um 18.00 Uhr der Vorhang für die erste Musiktheaterproduktion der neuen Spielzeit: »West Side Story« von Leonard Bernstein in der Regie von Ewa Teilmans und unter der musikalischen Leitung von Volker Hiemeyer. In der Woche darauf folgt am 26. September mit »Gift. Eine Ehegeschichte« die Eröffnung in der Kammer. Mit Kafkas »Der Prozess« wird am 27. September die Schauspielsaison auf der Großen Bühne eröffnet. Im Mörgens geht es am 18. September mit »Kaspar Häuser Meer« von Felicia Zeller in die neue Saison.

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Aachen, Theater Aachen, Hänsel und Gretel – Lebensfreude trotzen Not, IOCO Aktuell, 25.10.2013

Oktober 25, 2013 by  
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Theater Aachen

Theater Aachen © IOCO

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Hänsel und Gretel – Engelbert Humperdinck

Märchenoper wunderbar im Theater Aachen

Wiederaufnahme ab:  25. Oktober 2013,  Weitere Vorstellungen  07. | 21. | 23. | 25. Dezember 2013,  03. | 12. Januar 2014,  12. Februar 2014,  19. März 2014

Hier eine IOCO – Rezension zu dieser Produktion

Wenn die Tage kürzer werden und die Nächte kälter, dann kommt die Zeit von Deutschlands heimlicher Nationaloper Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck. Am 4. November  2012 erlebte das Theater Aachen die Premiere einer Inszenierung, welche das Zeug zu einem bleibenden Aachener Weihnachtsklassiker hat. Menschliche Grundwerte, Geborgenheit und Harmonie inmitten einer verunsicherten, getriebenen Welt, werden in der klingenden Märchenoper modern, frisch und humorvoll  dargeboten.

Theater Aachen / Hänsel und Gretel im Wald verirrt © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel im Wald verirrt © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Die Oper entstand eher zufällig, fast aus einer Laune. Humperdincks Schwester Adelheid Wette hatte zu ihrem Märchenspiel Hänsel und Gretel einige Lieder gedichtet, welche sie ihren Bruder Engelbert zu vertonen bat. Vorlagen aus Grimmschen und anderen Hausmärchen hat Adelheid Wette dabei liebevoll wie gekonnt verwertet. So mündete die ursprüngliche Idee einer bescheidenen Haustheater-Aufführung über Humperdincks Wagner-Erfahrungen in diesem romantischen Opern-Welterfolg mit großem Orchester und gestandenen Künstlern. 1893 unter Richard Strauss in Weimar erstmals und mit großem Erfolg aufgeführt gehört Hänsel und Gretel inzwischen zu den meist aufgeführten Opern weltweit.

 

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Ewa Teilmans Inszenierung geriet zu einer verwunschenen wie spannenden Weihnachtswelt für Groß und Klein, in welcher Frohsinn und Lebensfreude über emotionale wie wirtschaftliche Nöte siegen. Kaum ein bekannter Name wagt sich an diese Oper. Groß scheint das Risiko, die alten, teils grausamen Grimmschen Märchenklischees zeitgemäß zu übersetzen. Der Spagat, mit Hänsel und Gretel nicht nur Erwachsene sondern auch Kinder erreichen zu müssen, ist für Regisseure oft wenig attraktiv. Ewa Teilmans verwandelt in ihrer Inszenierung die Härten der Grimmschen Erzählung in zeitgemäße, emotionale Lebensängste von Vater, Mutter und Kindern. Begleitet von choreographischen Leckerbissen, einer coolen Punk-Hexe über verwunschene Kinderträume bis hin zu wabernden Nebel- und vielfarbigen Lichteffekten ist der dramaturgische Verlauf homogen und auch für Kinder verständlich. Die überwiegend erwachsenen Besucher dieser Premiere zollten der Inszenierung bereits zur Ouvertüre lautstarken Beifall, als, herrlich choreographiert, ein Fernrohr durch den Vorhang lugt und Sandmännchen (Carla Hussong) und Taumännchen (Fonteini-Niki Grammenou) in farbigen Phantasiekostümen die Vorstellung pantomimisch mitreißend „eröffnen“.

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Der erst seit 2012 als Generalmusikdirektor an Theater Aachen tätige US-Amerikaner Kazem Abdullah bewies am Pult des klangschön und blühend spielenden Sinfonieorchester Aachen eine bruchlos sensible Hand für den speziellen Zauber der Oper. Charme wie Tücken der romantischen aber komplexen Partitur, die von volksliedhafter Schlichtheit bis zu Wagner’scher Kraftfülle reicht, hat Abdullah im Griff und erzeugt mit dem gut folgenden Sinfonieorchester Aachen leicht schwebende wie kraftvoll durchwirkte Klänge. Anspruchsvolle Stimmen fordert auch diese Oper wie schauspielerisches Können.

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Camille Schnoor (Gretel) und Maria Hilmes (Hänsel) beschreiben im ersten Bild, ihr Zimmer ein hochgestellter Holzverschlag, jugendlich unbeschwert doch mit sängerischer Prägnanz und Wortdeutlichkeit ihre sorgenvolle Jugendwelt („auch ich halt´s kaum noch vor Hunger aus„). Auch  Irina Popova (Gertrud, Mutter) überzeugt mit immer sicherer werdendem Sopran, während Hrólfur Saemundsson (Besenbinder, Vater) mit einem wohltimbrierten und kraftvollen Bariton seine Partie des angezechten wie sorgenvollen Vaters stimmlich wie spielerisch höchst authentisch durchlebt. Zu inszenatorischen Höhepunkten entwickelten sich die folgenden Szenen: „Im Walde“, eine hochromantische, von farbigen Nebel- und Lichtschwaden wie Riesenpilz durchzogene Nachtlandschaft („Da kommen weiße Nebelfrauen„) und das „Abendgebet„, in dem Hänsel und Gretel, in  verlangsamter Bewegung überzeichnet, Kinder-Traumwelten von sorgenfreiem, friedlichem Familienidyll mit engelhaften Fabelwesen, Eltern und Großeltern abbilden. Wunderbar in diese friedfertige Phantasie-Idylle passend streut Sandmännchen mit lyrisch warmer Stimme aus einem silbernen Himmelswagen „zwei Körnelein euch in die müden Eugelein“ und weckt Taumännchenmit kühlem Taue, was schläft auf Flur und Aue“.  Auch das letzte Bild „Knusperhäuschen„, mit Backschrank und Ofen eher neutral gestaltet, begeistert durch eine zunächst coole, leicht durchgeknallte, farbig kostümierte, nie aggressiv wirkende Knusperhexe (Sanja Radisic), welche mit weichem, sicherem Mezzo neben und auf dem Backtisch anmutige Tanzeinlagen vollführt. Schon spürt man in dieser emotionalen wie aggressionsfreien Inszenierung leichtes Bedauern über das der Knusperhexe vorgegebene böse Ende im Ofen.

Intendant und Produktionsdramaturg Michael Schmitz-Aufterbeck gelang mit Regisseurin Ewa Teilmans in dieser modernen Inszenierung eines Opernklassikers die wunderbare Paarung realer emotionaler Nöte mit wohltuend lebensbejahender Frische und Fröhlichkeit.

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Theater Aachen / Hänsel und Gretel © Ludwig Koerfer

Das zumeist reife Publikum im ausverkauften Theater Aachen bejubelte nach Ende der gelungenen Premiere alles, was sich auf der Bühne bewegte. Zu recht. Denn diese Hänsel und Gretel Produktion wird im Theater Aachen auf Jahre viele junge aber auch reifere  Menschen bereichern.

IOCO / Viktor Jarosch / 06.11.2012

 

Aachen, Theater Aachen, Premiere Die Fledermaus von Johann Strauss, IOCO Kritik, 25.09.2011

September 28, 2011 by  
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Kritik

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Die Mutter aller Operetten: Es lebe der Seitensprung!  

Theater Aachen / Die Fledermaus - Unter Donner und Blitz © Theater Aachen

Theater Aachen / Die Fledermaus – Unter Donner und Blitz © Theater Aachen

Fast alle Menschen wollen ihrem Partner treu sein, auf immer! Oft aber nur in frühen, romantischen Jahren. Mit den Jahren erliegen viele Menschen reizvollen Versuchungen, ändern lakonisch ihre Haltung oder treiben meinungslos verquer durch das Labyrinth von Beziehungsgeflechten. Die Fledermaus von Johann Strauss, obwohl musikalisches Lustspiel, treibt die Flachheit vieler  Treuegelübde als faulen Zauber vor sich her: Die Wahrheit liegt im Seitensprung, so die unverblümte   Botschaft der je nach Standort Seitensprung-affinen oder  desillusionierenden Inszenierung von Ewa Teilmans.

Die Fledermaus von Johann Strauss wurde 1874 im Theater an der Wien uraufgeführt. Sie gilt als Höhepunkt der Goldenen Operettenära und gehört wohl zu den meistgespielten Musiktheaterstücken überhaupt. Fast nirgends ein Sylvesterabend ohne die Fledermaus. Die Librettisten der Fledermaus, Meilhac und Halévy, hatten zuvor ausgiebig für Jacques Offenbach geschrieben. Ein wichtiger Grund seinerzeit für den Direktor des Theater an der Wien, Maximilian Steiner, das Stück zu kaufen.

Theater Aachen / Fledermaus - Rosalinde beflügelt Alfred © Theater Aachen

Theater Aachen / Fledermaus – Rosalinde beflügelt Alfred © Theater Aachen

Ewa Teilmans` Inszenierung beginnt bereits zur Ouvertüre: In dunkle Bühnen-Nacht getaucht blitzen, fast drohend, Traumbilder. Das traumatische Erlebnis des Dr. Falke im Fledermauskostüm wie orgiastische Lebenslust wird in der Ouvertüre zum Kontrapunkt der folgenden Handlung. Die folgenden Bühnenbilder (Oliver Brendel) sind zeitneutral irgendwo im gepflegtem Jugendstil angesiedelt; die Partien, die Handlung folgt recht  werktreu den Vorgaben des Komponisten. Das Besondere dieser Inszenierung liegt im Spielwitz, der fast notorischen Seitensprungbereitschaft aller Protagonisten, immer und zu jeder Zeit. Schon die erste Szene zeigt Gabriel von Eisenstein (Rüdiger Nikodem Lasa), Rosalinde (Katharina Hagopian), Adele (Jelena Rakic) und Alfred (Louis Kim) in einem engen Geflecht von Spaß und Erotik, indem Alfred nicht nur mit seiner ex-Geliebten Rosalinde anbandelt („will Dich nicht kompromittieren, ich will Dich konsumieren„).

Auch mit Adele, kaum in Reichweite, frönt er plastisch Lustgewinn. Rosalinde verwehrt sich in der Folge ihrem „Ex“ Alfred nicht,  im Gegenteil, sie erotisiert nach Kräften mit. Der Maskenball des Prinzen Orlofsky (Astrid  Pyttlik) durch Champagner und schöne Kostüme gestützt, geriet lebensnah real. Auffällig spielten die Ballettratten des Theater Aachen.  Die Polka „Unter Donner und Blitz“  war schmissig choreographiert, und mit Ringelsocken und fetzig modernen Tutu-Röcken hinreißend getanzt.

Theater Aachen / Die Fledermaus - Unter Donner und Blitz © Theater Aachen

Theater Aachen / Die Fledermaus – Unter Donner und Blitz © Theater Aachen

Musikalisch ist diese Fledermaus wunderbar gelungen: Das sinfonieorchester Aachen  unter der Leitung  von Péter Halász packt die Operette mit Dynamik und Leidenschaft. Zudem wurde sängerfreundlich dirigiert, mit prägnanten Einsätzen. Tenor Louis Kim als Alfred strahlte nach verhaltenem Beginn über die ganze Spieldauer mit gleichbleibend kräftiger,  klangschöner Stimme. Höhepunkt ist der Premiere war  Jelena Rakic. Rakic beseelte als jugendlich raffinierte Adele darstellerisch den Abend.

Die sehr wohl anspruchsvolle Partie füllt sie stimmlich nuancierend wunderbar aus.  Aber auch der Schmelz verströmende Rüdiger Nikodem Lasa (Eisenstein) und seine Frau Rosalinde alias Katharina Hagopian  war hervorragende Besetzungen. Der verstiegen agierende Prinz Orlofsky, von Astrid Pyttlik authentisch gespielt, hatte sonore Fülle, ihr Mezzosopran klang gut. Gepflegt und stimmlich präsent Hrolfur Saemundsson als Doktor Falke.

Den stotternden  Dr. Blind brachte Patricio Arroyo gekonnt, wie Pawel Lawreszuk als Gefängnisdirektor Frank  mimisch und stimmlich sicher war.  Ein Höhepunkt des Abends aber wurde auch die Partie des Gefängniswärter Frosch: Mit dem für die Fledermaus so wichtigem  Wiener Idiom persiflierte Reiner Krause den nach Nürnberg abgereisten Generalmusikdirektor Markus Bosch und das sinfonieorchester Aachen und verschaffte dieser Premiere einen starken, kurzweilig burlesken Abschluss.

Das Aachener Publikum beruhigte sich erst nach vielen Vorhängen, Bravos von dieser gelungenen Inszenierung. Auch die Regie wurde mit Beifall überschüttet,  etwas viel für unser Empfinden. Doch das Publikum ist wahrer Herrscher. Und so wird diese Fledermaus das Theater Aachen noch eine Weile füllen.  IOCO / Viktor Jarosch / 27.09.2011

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