Berlin, Deutsche Oper Berlin, Lady Macbeth von Mzensk, IOCO Kritik, 19.04.2018

April 21, 2018 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch

“Warum bleib’ ich ohne Freude?
Warum nimmt man mir jedes Recht zu leben?”   

Von Karin Hasenstein

„Die Hölle auf Erden“

“Warum bleib’ ich ohne Freude? Warum nimmt man mir jedes Recht zu leben?”  fragt sich Katerina Lwowna Ismailova, die Titelheldin in Lady Macbeth von Mzensk, der zweiten Oper von Dmitri Schostakowitsch,

Die Parallele im Titel zu Verdis Oper Macbeth bzw. zur Lady Macbeth ist sicher nicht zufällig gewählt. Dennoch hüte man sich davor, die beiden Damen in eine Schublade zu stecken. Während Verdis Lady Macbeth tatsächlich eine grausame Gestalt ist, wird die sanfte Katerina erst als Opfer der Umstände zur Mörderin. Der Zuschauer identifiziert sich mit ihr und kann jede Gewalttat nachvollziehen. Die Deutsche Oper Berlin zeigt diese Oper in einer Koproduktion mit Den Norske Opera & Ballett, Oslo. Regisseur Ole Anders Tandberg geht bei seiner Inszenierung sehr eng von der Musik aus, was sich als erfreulich erweist. Das hindert ihn nicht daran, die Handlung in ein Fischerdorf auf eine kleine Insel zu verlegen, jedoch ist diese Welt völlig stimmig und schlüssig durchinszeniert. So stellt sich der Wohlstand des Kaufmanns Sinowij Ismailov nicht durch reich gefüllte Kornspeicher dar, sondern durch üppige Fischfänge.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Evelyn Herlitzius als Katerina Ismailowa © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk – hier : Evelyn Herlitzius als Katerina Ismailowa © Marcus Lieberenz

Bühnenbilder Erlend Birkeland hat sich dabei klar von der norwegischen Landschaft inspirieren lassen und eine Szene erschaffen, die in ihrer Verlassenheit und Trostlosigkeit ebenso gut in den Weiten Russlands liegen könnte. Überhaupt nutzt Tandbergs Inszenierung sehr stark Symbole. Das auffälligste ist wohl die Banda, eine Blaskapelle, die immer an besonders dramatischen Schlüsselszenen auftritt und dabei oft ausgesprochen grotesk wirkt, nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass sich die vermeintlichen Damen bei näherem Hinsehen als Herren entpuppen. Ein weiteres sind die Fische, die anstelle von Kornsäcken gehortet werden. An dieser Stelle ein Kompliment an die Werkstätten der DOB für die wunderbar naturgetreuen Fischmodelle, fast glaubt man, den Fischgeruch wahrzunehmen… Im letzten Akt ist es die kahle Insel, die mit ihren nackten Felsen für die Verlorenheit und Ausweglosigkeit der Menschen steht.

I.  Akt: Katerina, die junge Frau des reichen Kaufmanns Sinowij Ismailov, beklagt die Leere in ihrem einsamen, langweiligen Leben: “Ich sterbe noch vor Langeweile…” Ihr Schwiegervater Boris gibt ihr die Schuld an der Kinderlosigkeit der Ehe und klagt sie an, weil sie ihm keinen Erben schenkt. Auf der mit einer kleinen Felseninsel bedeckten Drehbühne stimmt der Chor ein Klagelied an. Katerinas Ehemann wird als Trottel bezeichnet und von der Regie in Kostümierung (Kostüme: Maria Geber) und Personenführung konsequent so dargestellt. Boris schickt seinen Sohn zu einem entfernten Lagerhaus, die Arbeiter singen, Katerina soll ihm treu sein, doch tatsächlich weint sie ihm keine Träne nach, da sie in dieser Ehe keine Erfüllung findet.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Ensemble © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk – hier : Ensemble © Marcus Lieberenz

Es folgt eine beklemmend intensiv dargestellte Vergewaltigungsszene, in der sich Köchin Aksinja gegen die Übermacht der geilen Arbeiter wehren muss, aber kaum eine Chance gegen die zahlreichen körperlich überlegenen Männer hat. Katerina tritt hinzu und erlöst Aksinja nach quälenden Minuten voller obszöner Beleidigungen und Demütigungen. Boris taucht auf und schickt alle wieder an die Arbeit. Katerina sehnt sich nach Zärtlichkeit und körperlicher Liebe: “Alles paart sich: der Hengst läuft der Stute nach… wer aber kommt denn jemals zu mir? Wer liebt mich, bis ich vor Erschöpfung nicht mehr kann?”

Erfüllung naht in Gestalt des neuen Arbeiters Sergej. Auf die leisen Streicher und die sehnsuchtsvolle Klarinette folgt eine krude Beischlafs-Musik, die bereits das Gewalt-Motiv vorstellt und dem Hörer verdeutlicht, dass dieses für Katerina wohl nicht der Weg zum Glück ist. Hier taucht zum ersten Mal die schräge Banda auf, eine ekstatische Musik mit viel Blech und dem für Schostakowitsch so typischen Schlagwerk. Figuren und Musik machen sich lustig über den gehörnten Ehemann, der – kaum aus dem Haus – von seiner Frau betrogen wird, die dem Fremden schenkt, was sie ihrem Mann verwehrt.

II. Akt: Boris schleicht um Katerinas Schlafzimmer herum. Er erinnert sich seiner Jugend und verspricht “Heiße Nächte würde ich dir machen!“ In diesem Walzer fühlt man sich unwillkürlich an den Ochs aus dem Rosenkavalier erinnert, der in der Arie “Mit mir, mit mir… keine Nacht dir zu lang!“ dem Mariandl Ähnliches verspricht. Boris entdeckt, dass Sergej bei Katerina war. Eigentlich wollte er an Katerina erfüllen, was seinem Sohn bisher nicht gelang. Als er entdeckt, dass er zu spät kommt, lässt er Sergej brutal auspeitschen und im Keller einsperren. Auch diese Gewaltszene wird wieder sehr drastisch und detailliert dargestellt, musikalisch illustriert durch Xylophon und Schlagwerk im Rhythmus der Peitschenschläge.

Nun greift auch Katerina zu drastischen Mitteln: sie mischt ihrem Schwiegervater Rattengift unter das Pilzgericht, um Boris den Schlüssel abzunehmen und Sergej zu befreien. Boris fühlt sein letztes Stündlein kommen, man holt den Popen, doch ehe Boris beichten kann, hat das Rattengift seine Wirkung entfaltet. Katerina lenkt den Popen ab und klagt, wer nun für sie sorgen werde. Zur Totenmesse und dem Gebet für Boris’ Seele tritt Banda auf;  lautes schräges Blech führt die ganze Situation ad absurdum.

Katerina schlägt ihr Lager neben Sergejs auf und verspricht, ihn zu heiraten. Aber sie weiß auch “Bald ist unsere letzte Liebesnacht”, denn auch wenn der Schwiegervater beseitigt ist, so weiß sie, dass ihr Mann bald zurückkehren wird. Nun tritt Boris’ Geist auf und verflucht Katerina, seine Mörderin. Sinowij kehrt zurück und wird ebenfalls ermordet. Zu ruhiger Moll-Harmonik küssen sich die Liebenden über der Leiche und Katerina beruhigt Sergej “Jetzt bist du mein Mann!“

III Akt: Hochzeitstag. Der Schäbige, auf der Suche nach Alkohol, riecht den Wodka und findet die Leiche. “Mord! Polizei!” ruft er und wieder wird die Szene untermalt von der Banda. Man schwankt zwischen Faszination und dem Gedanken “Nein, nicht die schon wieder!” Zum komischen Moment an diesem so ernsten Abend wird der Auftritt der Polizei; vor dem Vorhang dargestellt vom Herrenchor in norwegischen Polizei-Uniformen; mit Bügelbrett und Bügeleisen bewaffnet vermitteln sie – hier herrscht Ordnung! – genau das vermittelt die Nummer “Ordnung schafft die Polizei!” Dumm nur, dass man vergessen hat, den Polizeichef zur Hochzeitsfeier einzuladen! So rückt die Polizei eben uneingeladen an, um der Anzeige des Schäbigen auf den Grund zu gehen.

Die Inszenierung der Hochzeitsfeier spielt wird einmal mehr mit Klischees; Wodka fließt in Strömen, wird gar aus Wasserkanistern “genossen”. Katerina versucht noch, Sergej zur Flucht zu überreden, jedoch es ist zu spät und sie werden festgenommen. Auch diese Szene wird von der Banda kommentiert. Um die wahren Machtverhältnisse noch einmal zu demonstrieren, wird Katerina im Brautkleid vom Polizeichef vergewaltigt.

IV. Akt:  Das kleine Haus auf der Insel ist verschwunden, wir befinden uns in einem Gefangenlager. Sergej und Katerina sind auf dem Weg in die Verbannung. Der Chor beschreibt die Strapazen des Weges: “Wer hat die Meilen gezählt?” Trauer und Hoffnungslosigkeit in der Musik werden durch eindringliche Bilder auf der Bühne, abgerissene, schmutzige gebrochene Menschen, zum Teil in Unterwäsche, und sensibel eingesetztes Licht, unterstrichen. Die Gefangenen haben jede Hoffnung verloren. Es wird jedoch nicht nur das Einzelschicksal Katerinas und Sergejs beschrieben; das ganze Volk wird durch die Darstellung der zur Zwangsarbeit Verurteilten angesprochen.

Katerina liebt Sergej noch immer. Sie besticht eine Wache, damit sie zu ihm gelangen kann. Dieser klagt sie jedoch an “Du hast mein Leben zerstört!” Er hat inzwischen eine andere Geliebte und bittet Katerina um ihre warmen Strümpfe für Sonjetka. Katerina gibt sie ihm aus Liebe und muss schließlich eine Liebeszene zwischen Sergej und Sonjetka mit ansehen. Das harte Gegenlicht unterstreicht die Kälte, mit der Sergej handelt. Der Chor stimmt ein Klagelied an Irgendwo im Wald liegt ein See. Das Wasser ist so schwer wie ihr Gewissen.“ Katerina muss erkennen, dass Sergej sie nicht mehr liebt; sie verhöhnt. Während die Gefangenen weiterziehen, erwürgt Katarina Sonjetka, reißt sie mit in die Tiefe, beide ertrinken. Ein Klagelied erklingt, da capo.

Der Stoff, den Schostakowitsch hier vertont hat, ist schwere Kost. Die Orchestrierung ist, typisch für Schostakowitsch, stark in den Holzbläsern besetzt, aber auch das schwere Blech setzt starke Akzente. Mit großem Schlagwerk vermittelt sich die Brutalität der Handlung durch eindringliche Rhythmen und große Dynamik.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk- hier: Katerina und der Schäbige © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk- hier: Katerina und der Schäbige © Marcus Lieberenz

Donald Runnicles führt das Orchester der Deutschen Oper souverän durch den Abend. Er präsentiert sich einmal mehr als erfahrener Begleiter für die Solisten mit sängerfreundlicher Dynamik und perfekten Tempi. Der Chor sowie die Herren des Extrachores (Einstudierung Jeremy Bines) beeindrucken mit deutlicher Diktion und sauberen Wegnahmen und folgen Runnicles‘ Dirigat präzise. Insbesondere im letzten Akt besticht der Chor durch flexible Dynamik und vermittelt mit großem Ausdruck die Hoffnungslosigkeit der Gefangenen auf ihrem Weg in die Verbannung.

Bei den Solisten sei voran Evelyn Herlitzius als Katerina erwähnt. Die als Strauss-Interpretin bekannte Sopranistin verfügt über einen jugendlich-dramatischen Sopran, der wunderbar zur Rolle der Katerina passt. Im ersten Akt noch mit etwas viel Metall in den Höhen wird ihre Interpretation in den folgenden Akten immer überzeugender und ergreifender. Hinzu kommen ihre starke Bühnenpräsenz und große Glaubwürdigkeit, mit der sie die verzweifelte und zerrissene Persönlichkeit verkörpert. Sergey Poljakow ist ihr ebenbürtiger Partner, der die Rolle des Sergej überzeugend und mit tenoraler Strahlkraft ausfüllt.

Wolfgang Bankls kraftvoller Bass passt gut zur Rolle des plumpen und brutalen Boris. Bankl scheut sich auch nicht vor “schmutzigen” Tönen, die es aber braucht, um diesen Charakter glaubhaft darzustellen. Sehr beeindruckend auch die Szene als Geist, dessen Auftritt fast ein wenig an die Szene des Komturs in Don Giovanni erinnert. Ensemblemitglied Thomas Blondelle gibt den gehörnten Ehemann Sinowij mit lyrischem Tenor und verleiht ihm so viel Tragik, dass er einem fast schon leid tut. Ist es auch eine relativ kleine Rolle, so legt er doch viel Begeisterung hinein und überzeugt das Publikum durch große Spielfreude. Burkhard Ulrich hat als Schäbiger einen kurzen aber eindrucksvollen Auftritt und überzeugt als fieser Verräter. Die Rolle der Sonjetka ist mit der Walter-Sandvoss-Stipendiatin Vasilisa Berzhanskaya perfekt besetzt.

Alles in allem wurde an diesem Abend eine großartige Ensembleleistung präsentiert, die vom begeisterten Publikum mit anhaltendem Applaus und zahlreichen Bravi entsprechend gewürdigt wurde. Die Intensität, mit der vor allem Herlitzius und Poljakow agierten, wirkte lange nach. Ein doppelter Wodka – wie in der Vorstellung – schien auch nach der Vorstellung wahrhaft angebracht.

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Wien, Wiener Staatsoper, Spielplan 2017/18 – Im Olymp der Musiktheater, IOCO Aktuell, 14.04.2017

April 15, 2017 by  
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Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper / Michael Poehn

Wiener Staatsoper © Wiener Staatsoper / Michael Poehn

Die Wiener Staatsoper – Olymp der Musiktheater

2017/18 – 600.000 Besucher, 350 Vorstellungen: 227 Oper, 53 Ballett,….
54 Opernwerke, 9 Ballette, 4 Kinderopern

Die Wiener Staatsoper ist der Olymp der Musiktheater, weltweit. Die Weltgeltung der Staatsoper hält der Franzose Dominique Meyer seit 2011 auf hohem Niveau: 600.000 Besucher jährlich, eine Auslastung von 99% auf 2.284 Plätzen: Normalität in Wien, doch auch weltweit einzigartig. Die Spielzeit 2017/18 beginnt am 3. September 2017 mit einem Tag der Offenen Tür. Am 4.9. nimmt mit der Repertoire-Oper Il Trovatore, Regie Daniele Abbado, mit Anna Netrebko als Leonora und Marcelo Alvarez als Manrico das künstlerische Geschehen 2017/18 seinen Lauf auf.

Wiener Staatsoper / Legris - Meyer - Platzer © IOCO

Wiener Staatsoper / Legris – Meyer – Platzer © IOCO

Die kommende Spielzeit präsentierten Dominique Meyer, Ballettchef Manuel Legris und Finanzchef Thomas Platzer im April 2017 sympathisch entspannt. Traditionell beginnt Meyer die Spielplan-Pessekonferenz mit der Präsentation von Zahlen zur laufenden Spielzeit und betont die Bedeutung hoher Auslastung („…es gibt Leute die sagen, Auslastung sei nicht wichtig; doch was würden diese Leute sagen, wenn die Auslastung niedrig wäre..„) und positioniert damit die Wiener Staatsoper als realitätsorientierten Kulturtempel, welcher jenseits verzaubernden Bühnengeschehens seine Aufgaben real wie professionell umsetzt. Die Gesamt Auslastung der laufenden Saison lag per 3.4.2017 bei 98,70%, die Auslastung der Oper bei 99,26%, des Ballett bei 97,21%. Auch negativ erscheinende Zahlen erklärt Meyer im Detail: Der Rückgang der Besucherzahl zum 3.4.2017 von 403.000 gegenüber 410.000 im Vorjahr ist dem Schaltjahr 2016 und Kinderoper-Vorstellungen auf der Hauptbühne zuzuschreiben. Auffällig im Zahlenmarathon: Ein drittel aller Besucher der Staatsoper, 200.000, sind Zugereiste! Eine Zahl, welche das hohe internationale Ansehen der Wiener Staatsoper wie deren herausragende Bedeutung für die einheimische Wirtschaft griffig dokumentiert.

Wiener Staatsoper / Anna Netrebko und Dominique Meyer © Wiener Staatsoper GmbH / Ashley Taylor

Wiener Staatsoper / Anna Netrebko und Dominique Meyer © Wiener Staatsoper GmbH / Ashley Taylor

2019, zum 150 – jährigen Jubiläum der 1869 eröffneten Staatsoper soll, so Meyer, die Staatsoper saniert sein; es besteht erheblicher Sanierungsbedarf. Beginn im Sommer 2017 mit dem Schwind-Foyer und Loggia. Auch soll die Untertitelanlage des Theaters auf ein System mit Tablets umgestellt werden und sechs Sprachen. u.a. Japanisch, bedienen; Meyer sieht mit Blick auf komplexe Operntexte noch erhebliche Probleme. Doch das Augenmerk Meyers gilt ebenso den im Theatergeschehen erheblich unterrepräsentierten Weiblichkeit: Bei Dirigenten, Regisseuren und Komponisten sind Frauen noch Ausnahmen; Taten folgen der Ansage: Die erste Premiere der neuen Spielzeit, Der Spieler von Sergej Prokofjiew, 4. Oktober 2017, wird von Simone Young dirigiert und von Karoline Gruber inszeniert. Auch die Steigerung von Kinderprojekten ist ein Anliegen. In zahlreichen Produktionen, von Wagners Nibelungenring für Kinder (8. Oktober 2017) bis zur kultigen Zauberflöte für Kinder am 9.2.2018 (Tag nach dem Opernball 2018) bietet die Wiener Staatsoper zahrleiche Musik- wie Ballettprojekte für Kinder. Jonas Kaufmann und Anja Harteros: Sie werden nach der erfolgreichen Premiere von Andrea Chénier an der Bayerischen Staatsoper diese Partien an der Wiener Staatsoper (23.4., 26.4., 29.4., 2.5.2018) singen. Anna Netrebko, so Dominique Meyer, gefiel die Partie der Adriana Lecouvreur so gut, daß sie diese neu einstudierte und ab 9.12.2017 ihr Adriana Rollendebut an der Staatsoper  geben wird. Kein großer Name der Musikwelt fehlt an der Staatsoper in 2017/18: Roberto Alagna und Dmitri Hvorostovsky ab 12.3.2018 in Otello, Kristine Opolais als Cio-Cio-San ab 21.11.2017, Placido Domingo, Anja Kampe, Diego Florez, Aida Garifullina, .

6 Opernpremieren – 1 Kinderopern-Premiere

54 Opern – 9 Ballette – 4 Kinderopern

Wie gewohnt bietet der Opernspielplan eine international konkurrenzlose Bandbreite und Vielfalt: 54 verschiedene Opernwerke (einzigartig in der Welt), 9 verschiedene Ballettprogramme und 4 Kinderopern zu erleben. Hinzu kommen zahlreiche Konzerte, Matineen und Sonderveranstaltungen. Sechs Opernpremieren im Großen Haus sowie eine Kinderopern-Premiere in der AGRANA STUDIOBÜHNE | WALFISCHGASSE angesetzt:

Paris / Familiengrab von Camille Saint-Saens © IOCO

Paris / Familiengrab von Camille Saint-Saens © IOCO

–  Sergej Prokofjew: Der Spieler (4. Oktober 2017 – D: Simone Young; R: Karoline Gruber; mit: Dan Paul Dumitrescu, Elena Guseva, Misha Didyk, Linda Watson, Thomas Ebenstein, Elena Maximova, Morten Frank Larsen);
–  Alban Berg: Lulu in der dreiaktigen Fassung (3. Dezember 2017 – D: Ingo Metzmacher; R: Willy Decker; mit: Agneta Eichenholz, Angela Denoke, Bo Skovhus, Herbert Lippert, Franz Grundheber);
–  Georg Friedrich Händel: Ariodante (24. Februar 2018 – D: William Christie; R: David McVicar; mit: Sarah Connolly, Chen Reiss, Hila Fahima, Christophe Dumaux, Rainer Trost, Pavel Kolgatin, Wilhelm Schwinghammer);
–  Gottfried von Einem: Dantons Tod (24. März 2018 – D: Susanna Mälkki; R: Josef Ernst Köpplinger; mit: Wolfgang Koch, Herbert Lippert, Jörg Schneider, Thomas Ebenstein, Olga Bezsmertna);
–  Camille Saint-Saëns Samson et Dalila (12. Mai 2018 – D: Marco Armiliato; R: Alexandra Liedtke; mit: Elena Garanca, Roberto Alagna, Carlos Álvarez, Sorin Coliban);
–  Carl Maria von Weber: Der Freischütz (11. Juni 2018 – D: Tomáš Netopil, R: Christian Räth; mit Adrian Eröd, Camilla Nylund, Alan Held, Andreas Schager, Daniela Fally, Albert Dohmen) sowie
–  Alma Deutscher: Cinderella (28. Jänner 2018 in der AGRANA STUDIOBÜHNE| WALFISCHGASSE; D: N. N.; R: Birgit Kajtna)

Ballettdirektor Manuel Legris präsentiert in der Wiener Staatsoper drei Premieren:
–  den dreiteiligen Abend MacMillan | McGregor | Ashton (31. Oktober 2017 – D: Valery Ovsyanikov) mit Concerto von Kenneth MacMillan, Eden | Eden von Wayne McGregor und Marguerite and Armand von Frederick Ashton;
–  Edward Clug:  Peer Gynt (21. Jänner 2018 – D: Simon Hewett) sowie die
–  Nurejew Gala 2018 (29. Juni 2018 – D: Kevin Rhodes).

Wiener Staatsoper Innen © Wiener Staatsoper / Michael Poehn

Wiener Staatsoper Innen © Wiener Staatsoper / Michael Poehn

In der AGRANA STUDIOBÜHNE | WALFISCHGASSE wird in der Spielzeit 2017/2018 neben der Premiere von Cinderella, Juan Crisóstomo de Arriagas Die arabische Prinzessin und Wagners Nibelungenring für Kinder (Hirofumi Misawa nach Richard Wagner) auch wiederum ein breites Programm mit u. a. von Staatsoperndirektor Dominique Meyer moderierten Künstlergesprächen, musikalischen Einführungsveranstaltungen, Meisterklassen, Konzerten, Lesungen, Vorträgen u. a. zu Operngeschichte, Veranstaltungen der Opernschule und Ballettakademie angeboten.

Die neue Saison bringt auch zahlreiche Künstler-Debüts am Haus, so etwa der Dirigentin Susanna Mälkki, der Dirigenten Giampaolo Bisanti, William Christie (mit dem Orchester Les Arts Florissants), Tomáš Hanus, Alexander Soddy, Ramón Tebar sowie der Regisseure Josef Ernst Köpplinger und Alexandra Liedtke. Zu den Sängerinnen und Sängern, die sich 2017/2018 dem Staatsopernpublikum vorstellen, zählen u. a. Hrachuhí Bassenz, Sarah Connolly, Annette Dasch, Lise Davidsen, Sabine Devieilhe, Agneta Eichenholz, Venera Gimadieva, Nora Gubisch, Elena Guseva, Christiane Karg, Anita Rachvelishvili, Simone Schneider; Benjamin Bernheim, Christophe Dumaux, Robert Gleadow, Murat Karahan, Bernard Richter, Andreas Schager, Wilhelm Schwinghammer, Thomas Tatzl.

Wichtige Sängerinnen und Sänger geben 2017/2018 ihre persönlichen Rollendebüts an der Wiener Staatsoper: KS Elena Garanca und KS Roberto Alagna sind weltweit erstmals in den Titelpartien von Samson et Dalila zu erleben, Piotr Beczala gestaltet erstmals den Maurizio in Adriana Lecouvreur – an der Seite von Anna Netrebko – und den Don José in Carmen, Wolfgang Koch die Titelpartie in Dantons Tod, Christopher Maltman den Ford (Falstaff) und den Mandryka (Arabella), Marina Rebeka die Amelia in Simon Boccanegra, KS Angela Denoke die Gräfin Geschwitz in Lulu, Aleksandra Kurzak die Desdemona (Otello) – um nur einige zu nennen.

 Wien / Antonio Vivaldi - In Venedig vergessen -Lebendig in Wien_ Bildhauer: Gianni Arico © IOCO

Wien / Antonio Vivaldi – In Venedig vergessen -Lebendig in Wien_ Bildhauer: Gianni Arico © IOCO

Neben den genannten und den Ensemblesängern treten weiters u. a. folgende Gastsolisten auf: Laura Aikin, Gun-Brit Barkmin, Luciana D’Intino, Danielle de Niese, Angela Gheorghiu, Carmen Giannattasio, KS Edita Gruberova, Anja Harteros, Anita Hartig, Evelyn Herlitzius, Anja Kampe, KS Angelika Kirchschlager, Isabel Leonard, Kristin Lewis, Lise Lindstrom, KS Marjana Lipovšek, Irina Lungu, KS Waltraud Meier, KS Ricarda Merbeth, Erin Morley, Catherine Naglestad, Camilla Nylund, Kristine Opolais, Olga Peretyatko-Mariotti, KS Adrianne Pieczonka, Dorothea Röschmann, Michaela Schuster, Tatiana Serjan, Maria José Siri, Ekaterina Siurina, KS Krassimira Stoyanova, Iréne Theorin, Iris Vermillion, Linda Watson, Sonya Yoncheva, Elena Zhidkova; Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Nicola Alaimo, KS Carlos Álvarez, Marcelo Álvarez, Ain Anger, Aleksandrs Antonenko, Dmitry Belosselskiy, Jean-François Borras, Pavol Breslik, Javier Camarena, Marco Caria, Mario Cassi, Alessandro Corbelli, Jorge de León, Misha Didyk, Andrzej Dobber, Albert Dohmen, KS Plácido Domingo, Norbert Ernst, Paolo Fanale, KS Juan Diego Flórez, Roberto Frontali, KS Ferrucio Furlanetto, Massimo Giordano, Renato Girolami, Matthias Goerne, KS Stephen Gould, Vittorio Grigolo, Günther Groissböck, KS Franz Grundheber, Eric Halfvarson, KS Thomas Hampson, Alan Held, Ioan Hotea, Dmitri Hvorostovsky, Jonas Kaufmann, Simon Keenlyside, Tomasz Konieczny, Dmitry Korchak, Mariusz Kwiecien, Yonghoon Lee, Željko Lucic, Ambrogio Maestri, KSCH Peter Matic, Maxim Mironov, Tomislav Mužek, René Pape, George Petean, Massimiliano Pisapia, Luca Pisaroni, Dmytro Popov, Piero Pretti, Jukka Rasilainen, Johan Reuter, Peter Rose, KS Kurt Rydl, Fabio Sartori, KS Michael Schade, Erwin Schrott, KS Peter Seiffert, KSCH Peter Simonischek, Antonino Siragusa, KS Bo Skovhus, Pietro Spagnoli, Ludovic Tézier, Rainer Trost, Christopher Ventris, Rolando Villazón, Martin Winkler, Lars Woldt, Kwangchul Youn.

 Wien / Johann Strauss Vater © IOCO

Wien / Johann Strauss Vater © IOCO

2017/2018 stehen – neben den genannten Hausdebütanten – wieder am Pult der Wiener Staatsoper: Alain Altinoglu, Marco Armiliato, Pavel Baleff, Michael Boder, Semyon Bychkov, Frédéric Chaslin, James Conlon, Jonathan Darlington, KS Plácido Domingo, Dan Ettinger, Adam Fischer, James Gaffigan, Guillermo García Calvo, Sascha Goetzel, Eivind Gullberg Jensen, Michael Güttler, Daniel Harding, Graeme Jenkins, Patrick Lange, Louis Langrée, Jesús López Cobos, Cornelius Meister, Ingo Metzmacher, Tomáš Netopil, Yannick Nézet-Séguin, Evelino Pidò, Speranza Scappucci, Peter Schneider, Jean-Christophe Spinosi, Jeffrey Tate, Sebastian Weigle, Simone Young.

Der vielfältige Opern- und Ballettspielplan wird ergänzt von etablierten Veranstaltungsreihen:
–  Solistenkonzerte: An 5 Abenden stellen international herausragende Interpretinnen und Interpreten attraktive Konzertprogramme vor.
–  Matinee-Reihe Ensemblematinee im Mahler-Saal: An insgesamt 7 Terminen präsentieren sich junge Ensemblesängerinnen und -sänger abseits des Vorstellungsbetriebes. Am Klavier begleitet werden sie von den Korrepetitoren des Hauses.
–  Kammermusik-Reihe der Wiener Philharmoniker: In 10 Matineen präsentieren Mitglieder des Orchesters in wechselnden Ensembles unterschiedliche Kammermusik-Programme.
–  Kontrapunkte – Gesprächsmatineen von und mit Clemens Hellsberg: Dr. Clemens Hellsberg leitet zwei Diskussionsrunden zu aktuellen kulturellen Themen.
Am 23. Juni 2018 findet ein Galakonzert mit KS Edita Gruberova statt, die seit fast fünf Jahrzehnten der Wiener Staatsoper eng verbunden ist.
Abgerundet werden die umfangreichen Aktivitäten durch verschiedene weitere Matineen. Den beliebten Tag der offenen Tür begeht das Haus am 3. September 2017.
Insgesamt stehen in der Spielzeit 2017/2018 über 350 Vorstellungen auf dem Programm, davon 227 Opernvorstellungen (inkl. Kinderzauberflöte), 53 Ballettvorstellungen, 7 Konzerte, 7 Gesangsmatineen, 10 Kammermusik-Matineen, 8 weitere Matineen sowie in der AGRANA STUDIOBÜHNE | WALFISCHGASSE zahlreiche Kinderopernvorstellungen, Tanzdemonstrationen der Ballettakademie sowie weitere Veranstaltungen.

Am 8. Februar 2018 findet zum 62. Mal der Wiener Opernball statt: Das Haus wird wiederum in einen großen Ballsaal verwandelt, wo am darauffolgenden Tag zwei Vorstellungen von Die Zauberflöte für Kinder stattfinden.
Im Rahmen zweier konzertanter Gastspiele ist die Wiener Staatsoper auch in der nächsten Saison wieder im Ausland zu erleben: Am 22. Januar 2018 wird Don Giovanni in Abu Dhabi gespielt, am 2. April 2018 Le nozze di Figaro in Aix-en-Provence. In der Spielzeit 2017/2018 werden im Rahmen von WIENER STAATSOPER live at home insgesamt 45 Vorstellungen in exzellenter Bild- und Tonqualität über Internet live übertragen.

 Wiener Staatsoper / Videoleinwand am Herbert von Karajan Platz © IOCO

Wiener Staatsoper / Videoleinwand am Herbert von Karajan Platz © IOCO

Neben dem eigenen Portal www.staatsoperlive.com ist das Angebot auch über folgende Plattformen direkt abrufbar: Amazon Fire TV (Box oder Stick – App: WIENER STAATSOPER LIVE); Apple TV (Generation 4 seit Ende 2015 – App-Suche: WIENER STAATSOPER); A1TV Mediabox (Menüpunkt Internet Apps: WIENER STAATSOPER LIVE), Samsung SmartTV (App: WIENER STAATSOPER); und in Kürze auch SmartTVs anderer Hersteller.
Um ihr Angebot einer Vielzahl junger Menschen in ganz Österreich und darüber hinaus zugänglich zu machen, setzt die Wiener Staatsoper diese Technik für ein Live-Schulprogramm zu ausgewählten Terminen ein: Wiener Staatsoper live at school. Schülerinnen und Schüler entdecken das Haus samt seinen vielen Berufen, sie erleben live bei einer Probe den Entstehungsprozess mit und können durch zeitversetzte Ausstrahlung zur Schulzeit am Vormittag eine der Live-Übertragungen einer Opern- oder Ballettvorstellung gemeinsam erleben.
Im Rahmen von Oper live am Platz werden in den Monaten September, April, Mai und Juni wiederum jeweils rund 20 ausgewählte Opern- und Ballettvorstellungen live auf den Herbert von Karajan-Platz übertragen. Darüber hinaus werden alle Vorstellungen vom 27. Dezember 2017 bis 1. Jänner 2018 und das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker live am Platz gezeigt, Die Fledermaus am 31. Dezember als Beitrag zum „Silvesterpfad“ der Stadt Wien.

Berlin, Staatsoper im Schillertheater, Elektra – Letzte Regiearbeit von Patrice Chéreau, IOCO Kritik, 30.10.2016

Oktober 31, 2016 by  
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Staatsoper im Schiller Theater

Staatsoper im Schillertheater © Thomas Bartilla

Staatsoper im Schillertheater © Thomas Bartilla

Dreifach verpfuschtes Frauenleben

Elektra: Patrice Chéreaus letzte Regiearbeit feiert in Berlin Triumphe

von  HANNS BUTTERHOF

Endlich ist sie auch in Deutschland angekommen: Patrice Chéreaus letzte Regiearbeit, Richard Strauss’ und Hugo von Hoffmannsthals einaktige Oper „Elektra“, feiert nach ihrer Uraufführung 2013 in Aix en Provence und einem Zug durch die großen Opernbühnen der Welt  in der Berliner Staatsoper im Schiller Theater Triumphe.

Staatsoper Berlin / Evelyn Herlitzius als Elektra © Monika Rittershaus

Staatsoper Berlin / Evelyn Herlitzius als Elektra © Monika Rittershaus

Die düstere, sehr elementarisierte Bühne Richard Peduzzis charakterisiert Elektras Lebenswelt markant als ausweglose Abgeschlossenheit. Das hohe Tor in der abweisenden Mauer versperrt der leicht zerlumpten Prinzessin (Kostüme: Caroline de Vivaise) den Zugang zur Stadt und dem Königsschloss. Wie ein Kettenhund bewegt sie sich zwischen den Wänden des Wirtschaftshofs und verbeißt alle, das Gesinde, ihre Schwester Chrysothemis und ihre Mutter Klytämnestra. Seit Klytämnestra und Aegisth, ihr Liebhaber, Elektras Vater Agamemnon nach seiner Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg ermordet haben, ist Rache ihr einziger Gedanke.

Staatsoper Berlin / Klytämnestra (l) und Elektra (r) Berlin © Monika Rittershaus

Staatsoper Berlin / Klytämnestra (l) und Elektra (r) Berlin © Monika Rittershaus

Die stimmlich und darstellerisch wunderbar ausdrucksstarke Evelyn Herlitzius ist eine Elektra nahe am Wahnsinn. Sie zeigt kaum mehr den unendlichen Schmerz über den Tod des Vaters, sondern nur die Raserei als dessen Ergebnis. Ihre große Einsamkeit speist mit enormer Energie die Wut, Verachtung und den sarkastischen Hass gegenüber allem um sie her. Ihr Zusammenbruch, als sich ihr Lebenszweck mit der Ankunft des Rächers Orest erfüllt, ihre Einsicht, dass ihr Leben verpfuscht ist, sind zutiefst erschütternd.

Die Klytämnestra Waltraud Meiers ist ohne Dämonie. Die große Mezzosopranistin gibt der in schlichtes Schwarz gekleideten Königin eine stille Zerrüttetheit und tastende Suche nach Hilfe. Man glaubt ihr, dass sie ihr Leben durch den Mord an Agamemnon als verpfuscht weiß. Des verdrängenden Überspielens ihrer Untat überdrüssig, erhofft sie sich tiefere Erlösung von ihren Schuldgefühlen und Ängsten, als es die (falsche) Nachricht vom Tod Orests für sie bedeutet; sie nimmt sie ohne Triumphgefühle zur Kenntnis.

Als Elektras Schwester Chrysothemis gibt Adrianne Pieczonka mit reifem Sopran anrührend eine Frau, auf deren Lebenswillen der Schatten der Vergeblichkeit liegt. Sie erscheint wie die Personifizierung der abgespaltenen, unterdrückten Fraulichkeit Elektras, die für diesen schwachen Teil von sich nur Verachtung übrig hat; elementar entlädt diese sich, als sich Chrysothemis weigert, sich am Muttermord zu beteiligen.

Chéreau hat jeder dieser drei Frauen ihre eigene Würde gelassen und sie so stimmig gleichwertig besetzt, dass nicht nur Chrysothemis als Teilaspekt Elektras erscheint, sondern auch Klytämnestra. In ihr ist Elektras künftiges Schicksal vorweggenommen, die, wenn auch nicht mit einem Gatten-, so doch mit einem Muttermord auf dem Gewissen weiterleben muss.

Staatsoper Berlin / Elektra und Bruder Orest © Monika Rittershaus

Staatsoper Berlin / Elektra und Bruder Orest © Monika Rittershaus

Mit Michael Volle als Orest im Straßenanzug kehrt eine tiefe, geerdete Ruhe in der Oper ein. An den heldenhaft stimmstarken Bariton kann sich Elektra sogar einen Moment lang herzergreifend anlehnen, und ohne Zweifel ist er der rechte Mann, um ihre Rachegelüste zu stillen. Am Ende ist es sein Begleiter (Franz Mazura), der kühl den herrisch heimkehrenden Aegisth (Stephan Rügamer) tötet.

Daniel Barenboims vorwärtstreibendes Dirigat drängt auf den Augenblick zu, in dem Elektra vor Orest ihrer Situation inne wird. Den einhundertelf  Musikern der Staatskapelle Berlin fordert er eine Wahnsinnsgeschwindigkeit ab, die das Orchester bravourös bewältigt, ohne ungenau, klanglich unscharf zu werden oder die Solisten zuzudecken. Nur in der Orchestermusik ist die teilweise grausige Schilderung der inneren und äußeren Geschehnisse hörbar, die knallenden Peitschenhieben und das finale mörderische Blutbad im Palast. Doch über alldem liegt eine eigenartige humanistische Milde, die dem einfühlsamen Verständnis Patrice Chéreaus und Daniel Barenboims für die drei Frauen geschuldet ist und diesen anregenden Opernabend uneingeschränkt als schön empfinden lässt.

Nach eindreiviertel Stunden der deutsch gesungenen und übertitelten Oper war der Beifall des Publikums grenzenlos. Er    galt neben den Protagonisten und Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle Berlin auch manchen Nebenrollen, die mit alten Weggefährten Chéreaus wie Roberta Alexander als 5. Magd, Franz Mazura als Pfleger Orests und Donald McIntyre als altem Diener besetzt sind. Von Hanns Butterhof

Elektra in der Staatsoper im Schillertheater, weitere Termine:1.11. und 4.11.2016 19.30 Uhr, (beide ausverkauft); Im Gran Teatre del Liceu, Barcelona 7., 11., 15., 19. und 23.12. 2016, jeweils 20.00 Uhr.

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Dresden, Semperoper, Elektra und Salome, 23.-24.-26.-27.09.2016

September 22, 2016 by  
Filed under Pressemeldung, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Strauss im Doppelpack: Elektra  und  Salome

Ein Fest für Richard Strauss-Liebhaber: Am Wochenende sind gleich zwei seiner Opern – mit hochkarätigen Sopranistinnen in den Titelpartien – an aufeinanderfolgenden Tagen zu erleben.

Die Eine, der Semperoper lang verbunden, ist für ihre Interpretation der Elektra 2014 mit dem Deutschen Theaterpreis »Der Faust« ausgezeichnet worden: Evelyn Herlitzius verkörpert am 23. und 26. September erneut die Titelpartie in Richard Strauss’ klanggewaltigem Werk, das 2014 von Barbara Frey inszeniert wurde. Die Andere gibt ihr Debüt als Salome: Jennifer Holloway ist ab dem 24. September in der mittlerweile achten Neuinszenierung von Richard Strauss’ Salome an der Semperoper zu erleben. Für die zweite Vorstellung dieser Oper hebt sich der Vorhang am 27. September.

Elektra: Seit Jahren wartet Elektra auf die Stunde der Vergeltung an ihrer Mutter Klytämnestra und deren Geliebten Aegisth, die Elektras Vater Agamemnon schändlich ermordeten. Elektra nährt ihren Hass täglich neu, während ihre Schwester Chrysothemis vergeblich auf ein Entkommen aus ihrer eisigen Umgebung hofft und Klytämnestra von ihren Schuldgefühlen um den Schlaf gebracht wird. Als jedoch der herbeigesehnte Bruder Orest endlich erscheint und die Rache ausführt, verliert auch Elektras Leben seinen einzigen Sinn. Auf der Bühne ein Kammerspiel, im Orchester ein Klanggigant: In Elektra entspinnt sich eine Familientragödie der Gewalt und Monstrositäten und damit ein Psychogramm um Schuld und Sühne, Vergebung und Rache und die Frage nach Gerechtigkeit.

Salome ist fasziniert von der körperlosen Stimme des Jochanaan. Die Tochter der Herodias und Stieftochter des Königs Herodes, aufgewachsen in Maß- und Hemmungslosigkeit, sucht die Liebe. Leidenschaftlich begehrt sie den unbekannten moralischen Propheten, seinen Leib, sein Haar, seine Lippen – den Mann, der sie brüsk zurückweist. Ganz anders der übergriffige König Herodes mit seinen Ängsten, der bei ihr lustvolle Zerstreuung sucht. Gebunden an sein Versprechen, Salome für ihren Tanz der sieben Schleier jeden Wunsch zu erfüllen, erhält sie von ihm den Kopf des Jochanaan, der sie nicht lieben wollte. In ekstatischem Wahn küsst sie seine Lippen, bevor Herodes ihren Tod befiehlt.

Während Oscar Wildes Salome 1896 erstmals in Paris die Bühne betrat, verbüßte ihr Schöpfer in einem Londoner Gefängnis eine Strafe wegen »grober Unsittlichkeit«. Cosima Wagner urteilte nach der Uraufführung von Richard Strauss’ Einakter, der Oscar Wildes Text in deutscher Übersetzung verwandte, an der Dresdner Hofoper 1905: »Nichtiger Unfug, vermählt mit Unzucht!« Innerhalb von zwei Jahren erschien Salome erfolgreich auf über 50 Opernbühnen. Ihr rauschhafter Orchesterklang, der einen gewaltigen Klangkörper verlangt, changiert zwischen feinnervigem Psychogramm und zügelloser Ekstase. Nie zuvor in der Geschichte der Oper ist die Verbindung von Dekadenz, seelischem Verfall und einer begehrenden wie zerstörerischen Liebe so opulent und eindringlich ausgedrückt worden wie in Richard Strauss’ Meisterwerk.

Pressemeldung Semperoper Dresden

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