Cottbus, Staatstheater Cottbus, Turandot von Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 17.11.2017

November 17, 2017 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Turandot von Giacomo Puccini

Knallharter Polit-Thriller  –  Mord, Lug, Betrug

Von Thomas Kunzmann

Cottbus, das letzte verbliebene Vier-Sparten-Theater Brandenburgs mit seinem wunderbaren Jugendstil-Gebäude, wagt sich regelmäßig an Extreme. In einem unglaublichen Kraftakt wurde Wagners Ring über 10 Jahre hinweg geschmiedet und auch die vielgelobte Elektra 2015-17 kann man getrost zu den erfolgreichen Experimenten zählen. Intendant Martin Schüler, seit 1991 am Haus. Dessen Leitung übernahm er 2003 von Christoph Schroth. Mittlerweile ist er dienstältester Intendant in den neuen Bundesländern und plante Puccinis letztes Werk bereits für die Saison 15/16, musste sie jedoch auf die Folgesaison verschieben und schob  stattdessen Tosca ein. Nun also Turandot.

Staatstheater Cottbus / Turandot - hier vorne Martin Shalita als Calaf und Ensemble © Marlies Kroos

Staatstheater Cottbus / Turandot – hier vorne Martin Shalita als Calaf und Ensemble © Marlies Kroos

Das Foyer ist gut gefüllt an diesem Freitag. Nicht nur Cottbuser nutzen das hiesige Kulturangebot der Extraklasse gern, regelmäßig sind viele Berliner Besucher im Haus. Die konstante künstlerische Qualität auf hohem Niveau hat sich längst herumgesprochen und gilt nicht einmal mehr als Geheimtipp: als Gast jedenfalls geht man hier kein Wagnis ein. Die Verbindung in die Hauptstadt ist gut, die Kartenpreise moderat.

Martin Schüler inszeniert Turandot als knallharten Polit-Thriller, in dem den Protagonisten alle Mittel recht sind: Mord, Bestechung, Betrug und Vortäuschen der großen Liebe. Entsprechend gewaltig führt Evan Christ durch die Partitur. Mit unglaublicher Wucht setzt das Orchester ein und macht von den ersten Takten an klar, dass es hier nicht um ein liebliches asiatisches Märchen geht, sondern schlichtweg um Alles.

Und wenn der fulminante Chor hinzukommt spürt man bis in die letzte Reihe, dass sie keineswegs beabsichtigen, den Musikern das (Schlacht)Feld zu überlassen. Erbarmungslose Politik, in der jeder seine individuellen Ziele verfolgt, statt betörender Romantik. Ping, Pang und Pong haben die despotischen Machenschaften der Prinzessin satt und das Volk, anfänglich noch vorfreudig auf eine erneute Hinrichtung als Massenschauspiel, empfindet Mitleid für den persischen Prinzen, der Turandots Rätsel nicht lösen konnte. Ein neuer Herrscher muss her.

Staatstheater Cottbus / Turandot hier vorne Martin Shalita als Calaf, hinten Soojin Moon als Turandot © Marlies Kroos

Staatstheater Cottbus / Turandot hier vorne Martin Shalita als Calaf, hinten Soojin Moon als Turandot © Marlies Kroos

In den Hinterzimmern der Macht, in die man dank der Drehbühne Einblick bekommt, geht es mit Mädchen, Cognac und Zigarren dekadent zu. Die Minister weihen den Fremden in ihre Pläne ein, den weder Hinrichtung noch Warnungen, und schon gar nicht die zur Abschreckung aufgestellten Köpfe der früheren Bewerber abhalten können. Nicht von ungefähr kann Calaf letztlich die verzwickten Aufgaben lösen.  Selbstsicher gibt er sogar sein Geheimnis preis und bricht mit vorgetäuschter Liebe Turandots Restwiderstand, während er, einem Buchhalter der Macht gleich, die Immobilien und Wertgegenstände seines zukünftigen Reiches taxiert. Frisch an der Spitze des totalitären Staates rollen die Köpfe der Steigbügelhalter seines Aufstiegs. Ein überraschender, aber überzeugender Plot – kein Happy End.

Soojin Moon, vom Cottbuser Publikum bereits als Tosca umjubelt, gestaltet die Titelfigur der Turandot glaubhaft eiskalt in einer männerdominierten Welt. Mal scharf und spröde, dann wieder unglaublich weich kann sie sich jederzeit nicht nur gegen das Orchester durchsetzen, sondern treibt mit ihm zusammen zu unglaublicher Intensität.

Martin Shalita, bisher in Nordhausen und Koblenz zu hören, empfiehlt sich bestens mit seinem jederzeit sicheren und kraftvollen Calaf als neuer Tenor am Hause, wo er ab nächster Saison zum Ensemble gehören wird und den alternierend singenden, eher lyrischen Jens Klaus Wilde entlasten wird. Den Kraftakt der Rolle, die durch die Orchesterführung nicht gerade erleichtert wird, gestaltet er sowohl stimmlich als auch schauspielerisch überzeugend als kühl berechnender, zukünftiger Despot mit authentischer Bühnenpräsenz. Vom Publikum abgewandt zu singen dürfte wohl fast jedes Tenors stimmliche Kapazitäten übersteigen – was hier allerdings eindeutig am Orchester liegt. Dieses schickt aus dem Graben ein Feuerwerk an Impulsivität, die sich mit der leider bereits abgespielten Elektra vergleichen lässt. Mitunter geht das zu Lasten der Transparenz, die lediglich in den seltenen emotionalen Momenten zum Tragen kommt. Besonders eindrücklich mit der großartigen Debra Stanley als Liu sowie dem warmen Bass Ingo Witzkes (Timur) klingt Puccinis Thema aller Werke durch: die Liebe.

Staatstheater Cottbus / Turandot - hier Andreas Jäpel als Mandarin und Ensemble © Marlies Kroos

Staatstheater Cottbus / Turandot – hier Andreas Jäpel als Mandarin und Ensemble © Marlies Kroos

Die Minister Ping, Pang und Pong als Strippenzieher bestechen durch Homogenität in Handlung und ausgewogener Klangfülle. Hoch in der Gunst des Cottbuser Publikums stand der Einsatz einer ehemaligen Größe des Hauses: Max Ruda als Kaiser. Ruda war 1978 bis 2000 Tenor in Cottbus (u.a. in Zauberflöte, Zarewitsch, Tannhäuser, Pique Dame), gab allerdings auch schon in den 60ern den David in Bayreuth. Den gebrechlichen Monarchen, der weder Turandot in den Griff bekommt, noch Calaf von seinem Weg abbringen kann, verkörpert er herzerwärmend.

Diese typische Schüler-Inszenierung mit klarem Bühnenbild, fantasievollen, historisierenden Kostümen und einem schlüssigen Konzept, gestaltet mit eigenen Solisten und Gästen, die sich hervorragend in das Turandot – Team integrieren, lohnt jede noch so weite Anreise.

Tipp am Rande: Die Theaterkantine Tellheim an der Rückseite des Theaters eignet sich vortrefflich, den Abend ausklingen zu lassen.

Turandot am Staatstheater Cottbus, weitere Vorstellungen: 7.12.2017; 9.1.2018; 18.2.2018; 5.5.2018; 10.6.2018

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Cottbus, Staatstheater Cottbus, Premiere TURANDOT, 30.04.2017

April 28, 2017 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

 TURANDOT von Giacomo Puccini

 Libretto von Giuseppe Adami und Renato Simoni In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Am Sonntag, 30. April 2017, 19.00 Uhr, hat im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus die – schon ausgebuchte – Oper Turandot von Giacomo Puccini Premiere und ist damit erstmals seit 1930 wieder in Cottbus zu sehen. Weitere Vorstellungen sind am 11. und 24. Mai 2017, jeweils 19.30 Uhr,

Staatstheater Cottbus / Plakatmotiv Turandot - Soojin Moon als Turandot © Marlies Kross, Gestaltung: Andreas Klose

Staatstheater Cottbus / Plakatmotiv Turandot – Soojin Moon als Turandot © Marlies Kross, Gestaltung: Andreas Klose

Regisseur und Intendant Martin Schüler inszeniert die letzte Oper des italienischen Ausnahmekomponisten, die dieser unvollendet ließ. Die musikalische Leitung hat Evan Christ. In der Titelrolle ist, nach ihrer gefeierten Tosca-Darbietung, die Sopranistin Soojin Moon zu erleben. Den Prinzen Calaf verkörpern alternierend die Tenöre Martin Shalita, der erstmals in Cottbus zu Gast ist, und Jens Klaus Wilde.

Das Bühnenbild für Turandot entwarf Walter Schütze, der nach „La Traviata“, Tosca“, „Don Carlos“ bereits zum vierten Mal in Cottbus arbeitet. Für die Kostüme zeichnet Nicole Lorenz verantwortlich. Die Einstudierung der Chöre übernahm Christian Möbius. In weiteren Partien wirken mit: Debra Stanley, Hardy Brachmann, Christian Henneberg, Andreas Jäpel, Dirk Kleinke, Max Ruda, Ulrich Schneider, Heiko Walter sowie Mitglieder des Opern-, Extra-, Kinder- und Jugendchores sowie Chorgäste. Es spielt das Philharmonische Orchester.

Turandot, die einzige Tochter des chinesischen Kaisers, will nur den Prinzen heiraten, der in der Lage ist, drei Rätsel zu lösen, die sie ihm stellt. Gelingt ihm das nicht, wovon Turandot ausgeht, bezahlt er diesen Schritt mit seinem Leben, wie bereits 26 königliche Bewerber zuvor. Doch seit geraumer Zeit formiert sich in der Regierungsebene geheimer Widerstand gegen die mächtige Frau an der Spitze des Landes, die durch ihre Heiratsverweigerung die Zukunft der Dynastie in Frage stellt. Die Minister Ping, Pang und Pong sehnen die „guten alten Zeiten“ zurück, in denen ein starker Mann unblutig das Land führte. Als erneut ein Prinz das lebensgefährliche Rätselrisiko eingeht, glauben sie, ihren Kandidaten für den kaiserlichen Thron gefunden zu haben und beginnen eine subversive Aktion …

Puccinis kompositorisches Erkennungsmerkmal, die schwelgerische, von üppigen Streicherklängen und Orchesterfarben unterlegte Melodie, ist in Turandot ebenso gegenwärtig wie die Auseinandersetzung mit der musikalischen Moderne eines Debussy oder Strawinsky – steht das Werk doch auch an der Zeitenwende zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach Puccinis Tod komplettierte der Komponist Franco Alfano das Opernfragment mit einer eigenen Schlussversion.

Aktueller Kartenhinweis: Die Premiere „Turandot“ ist ausgebucht; für die beiden in dieser Spielzeit noch folgenden Vorstellungen am 11. und 24. Mai, jeweils 19.30 Uhr, sind Restkarten erhältlich. Ab sofort können Karten für die Vorstellung am Sonntag, 8. Oktober 2017, 19.00 Uhr, erworben werden – im Besucherservice (im Großen Haus, Schillerplatz 1) sowie online unter www.staatstheater-cottbus.de. Ticket-Telefon 0355/ 7824 24 24.

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Cottbus, Staatstheater Cottbus, Opernkrimi Elektra, 17.04.2017

April 12, 2017 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus / ELEKTRA - Szenenfoto mit Gesine Forberger (Elektra) © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / ELEKTRA – Szenenfoto mit Gesine Forberger (Elektra) © Marlies Kross

Opernkrimi  Elektra  von Richard Strauss

Das Staatstheater Cottbus nimmt für nur drei Vorstellungen die Oper Elektra von Richard Strauss wieder in den Spielplan auf. Die erste Vorstellung ist Ostermontag, 17. April 2017, 16.00 Uhr, im Großen Haus zu erleben; es folgen Aufführungen am 3. Mai und letztmalig am 3. Juni 2017, jeweils 19.30 Uhr. Kaum eine Partie ist  eine solche Herausforderung wie die Titelrolle in Elektra: Gesine Forberger: Die Rolle besticht nicht nur durch die schwierige Gesangspartie, sondern auch durch die emotionale Brisanz der Handlung – ein Meilenstein für jede Sängerin, der in der Cottbuser Inszenierung von Gesine Forberger darstellerisch und stimmlich bravourös gemeistert wird, wie Publikum und Presse bestätigen.

Staatstheater Cottbus / ELEKTRA - Szenenfoto mit Andreas Jäpel (Orest) und Gesine Forberger (Elektra) © Marlies Kross


Staatstheater Cottbus / ELEKTRA – Szenenfoto mit Andreas Jäpel (Orest) und Gesine Forberger (Elektra) © Marlies Kross

Als Psychogramm mit gigantischem Orchesterklang thematisiert Richard Strauss‘ Elektra Rache und unversöhnlichen Hass. Auf der Bühne ein Kammerspiel, monumental im Orchester, fesselt die Oper mit ihrer expressiven Musik. In der Cottbuser Inszenierung sitzt das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Evan Christ sichtbar auf der Bühne. Regisseur Martin Schüler geht der Frage nach, ob und wie in einer emotional aufgeladenen Familientragödie dem Kreislauf von Gewalt und Verbrechen zu entkommen ist.

 

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Cottbus, Staatstheater Cottbus, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny, IOCO Kritik, 27.03.2017

März 28, 2017 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

„Aufrüttelnd – Diskussionswürdig“

AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY

Von Thomas Kunzmann

Es mag an diesem Abend Gäste geben, die in der 1930 entstandenen Oper von Kurt Weill und Bertolt Brecht Kapitalismuskritik sehen. Kaum anders ist die in der Pause aufgeschnappte Halbwissen-Phrase „Kommunisten-Scheiße“ zu deuten – doch damit täte man dem Werk Unrecht, denn seiner Gesellschaftskritik stellen die Texte Brechts keinerlei Konfliktlösung entgegen. Auch keine kommunistische. Aus der Draufsicht – ohne dass man mit einem Charakter mehr oder weniger sympathisiert – entwickelt sich eine soziologisch nachvollziehbare Linie von Idee über Aufbau, Erfolg, Verwesung, Revolutionierung, Entgleisung bis zum Niedergang. Regisseur Matthias Oldag tritt nochmals einen Schritt zurück und lässt das Gaunertrio genau da stranden, wo früher einmal eine Zivilisation ihren Höhepunkt erreichte und von vormaligen Lustbarkeiten lediglich ein halbverfallenes Gerüst eines Karussells von einstigen Vergnügungen zeugt. Auf diesen Ruinen entsteht Mahagonny, die Netzestadt.

 Staatstheater Cottbus / AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY © Marlies Kross

Als wären sie schon immer da gewesen, tauchen unter dem Gerüst die Huren auf (herrlich unterschiedlich die 6 Damen des Chors „Was dem einen üppig ist, ist dem andern mager“), später die Männer aus dem Norden, mit den Taschen voller Gold, Männer, die gern bleiben werden und die Vorzüge der Freiheit feiern und in Genüssen aller Art bis zum Überdruss schwelgen. Diese Sättigung, zusätzlich gepaart mit dem Heraufziehen eines Hurrikans, vor dem man sich sicher wähnte, entfesselt die Idee des `Endzeit-Hedonismus‘. Das Ausweichen des Sturms bestärkt letztlich alle, nach den neuen Regeln zu leben, als gäbe es kein Morgen. Vier Postulate bestimmen die neue Gesellschaft:

„Erstens, vergesst nicht, kommt das Fressen,
zweitens kommt der Liebesakt,
drittens das Boxen nicht vergessen,
viertens Saufen, laut Kontrakt.“

Doch die Revolution frisst ihre Kinder, und so wird Einer nach dem Anderen an einem der Gesetze zugrunde gehen. Und am Ende wird auch das Karussell von Schlägerbanden zerstört, wie eine Reminiszenz an die tumultartigen Unterbrechungen der Uraufführung in Leipzig. Selbst die Kinder prügeln sich mit Spielzeug-Baseballschlägern – ein ewiger Kreislauf von Aufbau und Zerstörung, von Generation zu Generation.

Regisseur Oldag verzichtet bewusst auf tagesaktuelle Bezüge und lässt Musik und Text für sich wirken. Die Parallelen zum Heute bedürfen keines Regie-Eingriffs. Sogar die typisch Brechtschen Schilder bleiben leer und werden somit zur Projektionsflächeeigener Protest-Phrasen, was umgehend an das Eingangszitat erinnert.

Staatstheater Cottbus / AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY © Marlies Kross

Das Philharmonische Orchester unter Evan Christ spielt lustvoll auf, dehnt mal und strafft wieder die Partitur und lässt den Sängern Platz, sich zu entfalten. Besonders das Männer-Trio „Wundervoll ist das Heraufkommen des Abends“ sticht durch Präzision, Textverständlichkeit und Homogenität mit choralhaft salbungsvoller Intonation hervor. Jens Klaus Wilde als Jim Mahoney wirkt über lange Strecken allzu lyrisch, auch wenn er in die Proklamation der neuen Gesetze Kraft zu legen sucht. Das ist jedoch in seiner herzzerreißenden Abschiedsarie „Wenn der Himmel hell wird / Nur die Nacht“, auf intimste Art vorgetragen, vollkommen vergessen. Innigste Gefühlestatt des hohen C’s – nur Puristen werden es womöglich vermissen. Im Zusammenspiel mit dem Orchester wünschte man, sie würde umgehend als Zugabe wiederholt werden und für immer im Ohr bleiben. Diese Gefängnisszene sticht auch deswegen hervor, weil sie das erste Mal bewirkt, dass sich das Publikum im Scheitern des Charakters mit ihm solidarisiert, wohingegen die revueartigen Massenszenen kühle Distanz Brechtscher Analytik ausstrahlen. Sparbüchsenbill Christian Henneberg könnte ein in die Inszenierung geschmuggelter Brecht sein. Nach der Pause versucht er vergeblich, dem nahenden Hurrikan seine Bauklötzchen-Türme entgegenzustellen: Was bleibt vom Menschen in Zeiten der drohenden Zerstörung? Und wollen wir nicht doch wider besseren Wissens etwas hinterlassen? Unserem irdischen Dasein Sinn und Zukunft verleihen? Dirk Kleinke (Jakob Schmidt) und Ingo Witzke (Alaskawolf-Joe), stimmlich großartig aufgelegt, profitieren als kongeniale Mitläufer bis zu ihrem bitteren Ende von ihrem Anführer Jim.

Staatstheater Cottbus / AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY © Marlies Kross

Vor rund 25 Jahren hat Carola Fischer am diesem Theater eine unvergessene Carmen gegeben und sich in vielen Rollen in die Herzen der Cottbuser gesungen. Als Begbick beweist sie auch großartiges Schauspieltalent. Debra Stanley hingegen als Jenny (16.03.) kokettiert mit ihren Reizen, sodass man sich am Ende wundert, warum sie sich nicht dem Nächsten zuwendet, um ihre Haut zu retten. Deutlich emotionaler, sowohl gesanglich als auch gestisch, gestaltet Liudmila Lokaichuk am 23.03.2017 die gleiche Rolle als Jimmys Geliebte, die um ihr privates Glück kämpft, ihn mehrfach von seiner Impulsivität abzuhalten sucht, in Zweisamkeit flüchten will, aber am Ende scheitern muss und ihn aufgibt.

Während zuletzt die Rostocker Inszenierung unter der Brecht-Enkelin Johanna Schall in der Darstellung des Fatty mit seiner nach (und durch) Mahagonny geretteten kleinen Pflanze „Kultur“ eine Art Hoffnungsschimmer implizierte, bleibt Matthias Oldags Inszenierung zutiefst zukunfts-pessimistisch und damit aufrüttelnder und diskussionsträchtiger weit über den Abend hinaus.

Staatstheater Cottbus / AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY: Weitere Vorstellungstermine: Fr 07.4., Do 18.5. und Mi 31.5.2017, jeweils 19.30 Uhr

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