Halfing, Immling Festival, Die Fledermaus – Johann Strauss, 6.07.2019

Immling Festival

Immling Festival / Die Fledermaus - Alexander Geller und Katja Boerdner © Verena von Kerssenbrock

Immling Festival / Die Fledermaus – Alexander Geller und Katja Boerdner © Verena von Kerssenbrock

Die Fledermaus  – Sommerliche Versuchungen in Immling

nehmen ihren Lauf bei der Premiere von Die Fledermaus  von  Johann Strauss am 6.7.2019 im Festspielhaus. Wer sein Glück in einem Seitensprung sucht, sollte idealerweise nicht an die eigene Gattin geraten. Und wenn doch? Wiener Charme, Walzerseligkeit und bitterböse Ironie gehen in Strauss` Meisterwerk Hand in Hand.

Immling Festival / Thomas Peters © Steffi Henn

Immling Festival / Thomas Peters © Steffi Henn

Gibt es besondere Regieüberraschungen bei der Immlinger Neuinszenierung dieser „Königin der Goldenen Operettenära“?

Thomas Peters, Regisseur: Ich sehe meine Aufgabe darin, einen lustigen, lebendigen und für das Publikum und die Mitwirkenden unterhaltsamen Abend auf die Bühne in Immling zu stellen. Dafür habe ich tolle Leute an meine Seite gestellt bekommen. Wir haben uns ein … sagen wir …“ungewöhnliches“ Setting für den 2.Akt beim Prinzen Orlofsky ausgedacht, die Sängerinnen und Sänger sind durch die Bank hervorragend und wir haben einen ganz wunderbar komischen Frosch im 3. Akt. Tolle Grundvoraussetzungen also.

Immling Festival / Evan Alexis Christ © Walter Schönenbröcher

Immling Festival / Evan Alexis Christ © Walter Schönenbröcher

Was ist die besondere musikalische Herausforderung bei der Arbeit an einer Operette?

Evan Alexis Christ; musikalische Leitung: Die Leichtigkeit! Denn nicht nur die Unbeschwertheit des Inhalts soll beim Publikum ankommen, sondern auch die der Musik. Und die Musik leicht und witzig zu transportieren, ist eigentlich das Schwerste. Die musikalischen Elemente der Operette sollen fast improvisiert wirken, obwohl alles durchaus wohl überlegt ist. Das betrifft natürlich sowohl die Sänger als auch die Orchestermusiker.

Wie läuft da das Zusammenspiel zwischen Regisseur und Musikalischem Leiter?

Thomas Peters: Eine derart enge Zusammenarbeit zwischen Regie und musikalischer Leitung, wie ich sie hier in Immling erlebe, habe ich vorher so noch nicht erfahren. Weder als Darsteller, noch als Regisseur. Evan ist immer auf der Suche nach der Seele der Musik, höchst professionell und fundiert. Wir arbeiten Hand in Hand.

Evan Alexis Christ: Thomas ist so eine kommunikative und musikalische Person. Er legt Wert auf das Miteinander und das macht einfach Spaß. Er kitzelt alle möglichen Feinheiten aus dem Stück und aus unseren Darstellern heraus.

Liegt das auch daran, Herr Peters, dass Sie ja nicht nur Erfahrung als Regisseur, sondern auch als Schauspieler haben und sogar selbst schon in der „Fledermaus“ gespielt und gesungen haben?

Thomas Peters: Ich durfte selbst schon zwei Mal den Frosch spielen. Das erste Mal am Staatstheater am Gärtnerplatz. Und dann auch noch am Nationaltheater in Mannheim. Eine meiner absoluten Lieblingsrollen!

Musikalische Leitung: Evan Alexis Christ und Kai Röhrig (21.7., 26.7.), Inszenierung: Thomas Peters, Bühnenbild: Nikolaus Hipp, Kostüme: Wiebke Horn, Videodesign: Maximilian Ulrich, Lichtdesign: Arndt Sellentin, Dramaturgie: Florian Maier, Festivalchor Immling, Festivalorchester Immling

Gabriel von Eisenstein: Alexander Geller, Rosalinde: Katja Bördner, Frank: Markus Nieminen, Prinz Orlofsky: Jina Choi, Alfred: Victor Campos Leal, Dr. Falke: Gezim Berisha, Dr. Blind: Pierre Herrmann, Adele: Jennifer Zein, Ida: Caren Maxerath, Frosch: Uli Bauer

Alle Aufführungstermine beim Immling Festival auf einen Blick:

Sa. 6.7.2019 | 18.00 Uhr (Premiere)                                    Fr. 26.7.2019 | 19.00 Uhr
Fr. 12.7.2019 | 19.00 Uhr                                                      Sa. 3.8.2019 | 18.00 Uhr
So. 14.7.2019 | 15.00 Uhr (Inklusionsvorstellung)                Do. 8.8.2019 | 19.00 Uhr
So. 21.7.2019 | 18.00 Uhr

—| Pressemeldung Immling Festival |—

Cottbus, Staatstheater Cottbus, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritk

Mai 20, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatstheater Cottbus

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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

– Die Meistersinger mutieren zum formidablen Fliegenden Holländer –

von Thomas Kunzmann

Eigentlich sollten 2019 am Staatstheater Cottbus, nach längerer Wagner-Pause, Die Meistersinger von Nürnberg Premiere feiern, Regie Martin Schüler. Doch die Inszenierung der Meistersinger wurde kurzfristig getauscht.  Der fliegende Holländer, inszeniert von Jasmina Hadziahmetovic, hatte nun Premiere am Staatstheater. Eine eigen(artig)e Geschichte zahlreicher Irrungen und Wirrungen.

Die Vorgeschichte:  Martin Schüler, der unter anderem bei Ruth Berghaus studiert hatte, kam unter Christoph Schroth 1991 zuerst als Operndirektor nach Cottbus, nach Schroths Ausscheiden übernahm er 2003 zusätzlich die Intendanz des Hauses. Nach langer Wagner-Pause sollte es 2019 Die Meistersinger von Nürnberg in seiner Regie geben. Doch dann kam alles anders. Durch ein Facebook-Posting eines musikalischen Mitarbeiters, in dem offen Missstände im Umgang mit Musikern und Sängern am Staatstheater Cottbus angesprochen wurden, geschrieben in Form eines offenen Briefes, brachte die Grundfesten des wunderschönen Jugendstil-Baus zwischen Dresden und Berlin ins Schwanken. Offensichtlich veröffentlicht, nachdem eine interne Klärung mehrfach versucht worden war, jedoch erfolglos blieb. Dem Mitarbeiter wurde binnen einer Woche fristlos gekündigt.

Der fliegende Holländer –  Richard Wagner
youtube Trailer Staatheater Cottbus
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Speziell ging es um den Führungsstil des damaligen GMD Evan Alexis Christ, dessen Vertrag gegen den Willen des Orchesters frisch verlängert worden war. Der in Los Angeles geborene,  einer Musikerfamilie entstammende  Christ war 2008 nach Stationen in Würzburg und Wuppertal als einer der jüngsten GMD’s Deutschlands nach Cottbus gewechselt, brachte frischen Wind in das Haus. In seiner Zeit, in der er die meisten Opernproduktionen sowie ca. 6 der 8 jährlichen Philharmonischen Konzerte dirigierte, kamen bei den Konzerten etwa 60 Uraufführungen auf die Lausitzer Bühne. Bereits 2010, zwei Jahre nach seinem Amtsantritt, wurde er zum „Cottbuser des Jahres“ gewählt. 2011 gewann das Orchester mit ihm den Preis des Deutschen Musikverleger-Verbands für das beste Konzertprogramm aller deutschsprachigen Orchester.

Einige alteingesessene Besucher „schreckte“ das neue Konzept; Christ stellte sich charmant den entstandenen Diskussionen – aber gleichzeitig gewann er junges Publikum für das Theater. Der Abonnement-Verkauf stieg auf sagenhafte 95%. Und so kam selbst für Gäste, die regelmäßig das Haus besuchten, diese Wendung äußerst überraschend. Nach der Veröffentlichung des besagten Postings  gab es offenbar einen Konsens darüber, die nun ins Rollen geratene Bewegung so lärmfrei wie möglich zu gestalten: Funkstille der Beteiligten nach außen.

Staatstheater Cottbus /  DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Szenenfoto hier vl . Andreas Jäpel (Holländer), Hardy Brachmann (Steuermann), Ulrich Schneider (Daland) © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus /  DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Szenenfoto hier vl . Andreas Jäpel (Holländer), Hardy Brachmann (Steuermann), Ulrich Schneider (Daland) © Marlies Kross

Dennoch, die Brandenburgische Kulturstiftung war alarmiert und musste den Vorfällen nachgehen, woraufhin Evan Christ zunächst bis zum Ende der Saison 2017/18 beurlaubt wurde. Die Vermittlungsversuche des Intendanten zwischen den Parteien scheiterten. Der Vertrag von Evan Christ wurde aufgelöst, Martin Schüler hatte das Vertrauen der Mitarbeiter verloren, versäumte außerdem, sich der Situation zu stellen und sich bei den Betroffenen zu entschuldigen, dass er ihre auch an ihn herangetragenen Nöte nicht ernst genug genommen hatte. Zumindest das hätte die Belegschaft erwartet, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Schüler übernahm, wie es immer so schön heißt, die volle Verantwortung und legte nach 83 Inszenierungen am mittlerweile einzigen Vier-Sparten-Haus Brandenburgs zum Ende der Saison 17/18 sein Amt nieder. Die Kündigung des Mitarbeiters, der dies alles ausgelöste hatte, wurde übrigens zurückgenommen.

In seiner Amtszeit inszenierte Martin Schüler vier Wagner-Opern: 1993 Lohengrin, 1997 Der fliegende Holländer, 1999 Tannhäuser. 2003 begann der zu Beginn „semiszenisch“ genannte Ring des Nibelungen, der über 10 Jahre geschmiedet werden sollte, um 2013, dem großen Wagner-Jahr, vollendet zu werden. Das Orchester spielte auf der Bühne, die Bühnenbilder entsprechend reduziert. Vieles im aktuellen Mindener Ring erinnert an Cottbus, wobei erstaunlich wenige Gäste zum Einsatz kamen. In den Hauptrollen war es besonders die Partie des Siegfried (Peter Svensson im Siegfried, Craig Birmingham in der Götterdämmerung). Seit dem Weggang des hünenhaften John Pierce, der noch im Rheingold die Partie des Loge sang, gab es am Haus keinen Heldentenor mehr. Kurzfristig sprangen auch interessante Gäste ein wie Antonio Yang oder Thomas de Vries als Alberich, letzterer ein früheres Ensemble-Mitglied. 2014 hieß es, man wolle (und könne) nur alle zwei Jahre Wagner-Opern herausbringen, Schüler ließ einmal beiläufig durchblicken, er wäre sogar daran interessiert, eines der Frühwerke zu inszenieren. Doch erst im Spielplan 2018/19 stand Wagner wieder auf dem Programm – Die Meistersinger.

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Tanja Christine Kuhn als Senta © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Tanja Christine Kuhn als Senta © Marlies Kross

Ende März 2018 brachen die oben genannten Ereignisse über das Haus herein …

Interimsintendant ist Dr. René Serge Mund. Der promovierte Volkswirt ist mit dem Haus bestens vertraut, war er doch 1992-96 und 2005-12 dort Geschäftsführender Direktor. Im April 2019 wurde der Schweizer Stephan Märki vom Stiftungsrat der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus-Frankfurt (Oder) aus angeblich 30 Kandidaten einstimmig zum künftigen Intendanten und Operndirektor am Staats­theater Cottbus gewählt. Er wird zur Spielzeit 2020/21 das Amt antreten.

Stephan Märki hat bisher noch nicht am Staatstheater Cottbus gearbeitet. Er war aber Intendant des Hans-Otto-Theater Potsdam, welches er verließ, als sich die Abwicklung des Musiktheaters nicht mehr abwenden ließ. Das Staatstheater Cottbus bespielt seit einigen Jahren die Bühne des Hans-Otto-Theaters Potsdam mit nahezu allen eigenen Opernproduktionen. Nach Ausscheiden von Martin Schüler wurde die Spielplanung 2019/20 des Staatstheater Cottbus umgestellt; Meistersinger wurden durch den Fliegenden Holländer ersetzt.  Regisseur wurde nun Christiane Lutz. 2017 hatte sie erfolgreich Wozzeck in Cottbus inszeniert, die Bühne dazu entwickelte damals schon Natascha Mavaral, mit der Lutz bereits öfters gearbeitet hatte. Aber erneut kam etwas dazwischen: Lutz, Lebensgefährtin des Star-Tenors Jonas Kaufmann, wurde schwanger und konnte ihrer Regieverpflichtung nicht nachkommen. Jasmina Hadziahmetovic ersetzte Lutz. An Wagner-Erfahrung bringt  eine Zusammenarbeit mit Calixto Bieito mit: beide inszenierten 2017 den Tannhäuser am Stadttheater Bern.

Die nun gezeigte Inszenierung des Fliegenden Holländers am Staatstheater Cottbus wurde so von zahlreichen ungeplanten Ereignissen geprägt, welche kurzfristige Reaktionen erzwangen.

Das von Natascha Maraval gefertigte Bühnenbild ist von ebenso beeindruckender Schlichtheit wie Ausdrucksstärke. Düstere Romantik im Stile Caspar David Friedrichs, dessen „Mönch am Meer“ optisch Pate stand. Symmetrisch säulenartige Mauern versperren den Blick nach rechts und links, sorgen jedoch für einen äußerst sängerfreundlichen Raum. Ein verdorrter Baum, Sinnbild der verlorenen Hoffnung, Leitern, die ins Nichts führen. Mit dem rückwärtigen Blick auf das Meer als natürliche Begrenzung und nach vorn der Blick ins Unbekannte, schuf Maraval eine Atmosphäre, die optisch an „Stalker“, einen Film des russischen Regisseurs Andrei Tarkowski erinnert: An einem bestimmten, von unbekannter Kraft, vielleicht einer Atomkatastrophe zerstörten Raum, gehen – glaubt man der Legende –  die geheimsten, innigsten Wünsche in Erfüllung. Während der Eine sich darin sein einstiges Leben zurückersehnt, will der Andere diesen Raum zerstören, weil er dessen Missbrauch fürchtet. Der Raum ist stark und prägt die Charaktere. Potenziert wird die Wirkung durch eine Projektion (Video: Ron Petraß) Sentas in diesen Raum hinein, bereits beim Einlass, lange vor der Ouvertüre, unbeweglich verharrend, den Holländer herbeiwünschend, wie ein Gemälde, das mit der Musik unmerklich zu leben beginnt. Wie aus dem Nichts, von ihr ersehnt, materialisiert sich der Holländer, Senta geht auf ihn zu und wird eins mit ihm.

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Hardy Brachmann als Steuermann und Herren des Chores © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Hardy Brachmann als Steuermann und Herren des Chores © Marlies Kross

Hadziahmetovic entwirft Figuren der Einsamkeit. Das ist plausibel, wenn auch nicht gerade neuartig. Außenseiter, ohne Anerkennung, nur ihrer inneren Antriebskraft folgend. Allein der Auftritt des Holländers macht unmissverständlich klar: wäre ihm die Möglichkeit gegeben, sein Leid zu beenden, er täte es ohne zu zögern, und würde er die Welt mit hinabreißen. Senta handelt in einer Mischung aus Trotz und pubertärer Schwärmerei. Mit dem Holländer-Bild und Schiffsmodell sucht sie ihr Umfeld zu provozieren. Ihr Koffer ist von Anfang an gepackt, sie will der bedrückenden Enge entfliehen.

Leider ist gut gedacht nicht immer gut gemacht. Die Regie lässt den Figuren allzu viel Freiraum, ihre Charaktere selbst zu gestalten. Das gelingt mit dem Steuermann, dem Holländer und Mary, scheitert allerdings an Daland. Welche Gründe könnte es geben? Warum verhökert er seine Tochter bereitwillig für beliebigen Tand an den Fremden? Not? Habsucht? Dafür tritt er zu weltmännisch als erfolgreicher Kapitän auf. Ist es der Erkenntnis geschuldet, dass Daland im Holländer Sentas ersehnten Traummann erkennt? Auch dafür bietet die Regie leider keine glaubhaften Anhaltspunkte.

Stark wiederum die Szene des ersten Aufeinandertreffens des Holländers auf Senta. In beiden spürt man das gegenseitige Erkennen sowie das Bewusstsein für die Bedeutung der Situation, wie sie sich umkreisen, die Blicke nicht voneinander lassen, als müssten sie voreinander bestehen, das „Hier bin ich, deine Erlösung, erkennst du mich als diese an?“ von ihr, sich wandelnd von der vorangegangenen Widerborstigkeit ins Butterweiche, und sein Hin- und Hergerissensein zwischen „Kann diese Frau, nein, dieses Mädchen, was zuvor keiner Anderen gelungen ist?“ und dem Herbeisehnen des Endes seiner Odyssee. Hier wirkt die Magie des „Raumes der Wünsche“ besonders nachhaltig.

Erik ist im „Stalker“-Plot die Figur, die sich sein Leben (mit Senta) zurückwünscht. Zur falschen Zeit am falschen Ort ist der Holländer und wird Zeuge des Senta-Erik-Dialogs, fühlt sich betrogen, eher noch, er möchte sich betrogen fühlen; sucht einen Grund, Senta nicht in den Abgrund ziehen zu müssen; nimmt ihr Erlösungsangebot nicht an. Senta legt nach, beziehungsweise einige Kleidungsstücke ab; aber auch das ändert an des Holländers Entschluss nichts. „Auch gut – dann eben nicht“, Senta steigt – völlig wagner-untypisch – entwaffnend pragmatisch aus. Der Schlussakkord verklingt ungenutzt. Bewusst oder unbewusst eine Reminiszenz an Schülers Götterdämmerung, in dessen letztem Bild Wotan als stumme Rolle Brünnhilde zur Versöhnung die Hand reicht, die diese jedoch ausschlägt. Cottbus – kein Ort für Wagners Erlösungsmotive?  Wäre wohl jetzt ein Tristan geboten?

Unbeholfen, etwas übertrieben theatralisch stapft Jens Klaus Wilde als Erik durch die Szenerie, sich selbst bemitleidend. Die Cottbuser tenorale Allzweckwaffe, eingesetzt als Aegisth, Cavaradossi, Don Carlos, Paul Ackermann oder Ritter Blaubart fällt überhöht weinerlich aus, was schade ist, hat doch das Ensemble mit Martin Shalita seit 2017 wieder einen Tenor mit der notwendigen Durchschlagskraft, wie er schon als Calaf (IOCO berichtete) eindrucksvoll unter Beweis stellte. Neu auf dieser Bühne ist Tanja Christine Kuhn als Senta. Die 32-jährige bietet eine solide Leistung für die schwierige Rolle: Die Partie erfordert stimmliche Reife, die wiederum konträr zum Alter der dargestellten Figur steht. Trotz einiger Intonationsschwächen ist Tanja Christine Kuhn eine glaubhafte Kind-Frau mit unbeirrbarer Konsequenz. Man wird sie in Cottbus bald wieder hören können, heißt es.

Hardy Brachmann, der einzige Solist auf der Bühne, der bereits im 97er Holländer dabei war, überzeugt mit sauberem Legato und ausgezeichneter Textverständlichkeit. Ulrich Schneider als Daland könnte deutlichere Akzente setzen, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Carola Fischer als Mary ist eine gute Besetzung, gesanglich überzeugend, plausibel im Ausdruck. Unbestrittener Glanzpunkt ist jedoch Andreas Jäpel als Holländer. Mit einer Stimme wie ein Fels in der Brandung, als würde er des Meeres Urgewalten durch seine Kehle kanalisieren. Gepaart mit einer fesselnden Bühnenpräsenz, wird er der Titelpartie nicht nur gerecht – plötzlich kann man sich nicht mehr vorstellen, dass diese Figur je anders funktionierte.

Einer besonderen Erwähnung bedarf die Chorleistung (Einstudierung: Christian Möbius). Präzise Einsätze, voluminöser Klang, geschlossenes Auftreten. Der um den Extrachor verstärkte Opernchor darf mit einem auch regietechnisch interessanten Kniff arbeiten: durch das Aufsetzen von Masken wird im Handumdrehen aus Dalands Besatzung die Holländer-Mannschaft.

Das Philharmonische Orchester liefert insgesamt eine stattliche Leistung. Den wahrlich stürmischen Einstieg reguliert Alexander Merzyn in den Folgetakten auf ein Normalmaß. Es fehlt mitunter etwas an Durchsichtigkeit und Feinschliff. Die Lautstärke ist allerdings über die gesamte Partitur höchst ausgewogen und sängerfreundlich. Die wie von Wagner vorgesehene pausenlose Oper benötigt in Cottbus 2 Stunden 15 Minuten.

Trotz aller Irrungen und Wirrungen in der Produktion dieses Fliegenden Holländers: das Publikum, in dem auch Martin Schüler und die Mary von vor 22 Jahren, Marie-Luise Heinritz saßen, nahm die Produktion begeistert auf und zollte sowohl den Solisten, als auch Regie/Bühnenbild und Orchester wohlverdienten Applaus. Es feierte die Inszenierung überschwänglich; vielleicht schwang auch ein wenig Stolz mit, überhaupt wieder eine große Oper von Richard Wagner im Staatstheater Cottbus auf dem Spielplan stehen zu haben.

Der fliegende Holländer am Staatstheater Cottbus; die weiteren Vorstellungen

—| IOCO Kritik Staatstheater Cottbus |—

Immling, Immling Festival 2018, Orpheus und Eurydike – Christoph W. Gluck, IOCO Kritik, 07.08.2018

August 7, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Immling-Festival, Kritiken, Oper

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Gut Immling

Festspielhaus Gut Immling © Nicole Richter

Festspielhaus Gut Immling © Nicole Richter

Orpheus und Eurydike – Christoph W. Gluck

– Opernfestival auf Gut Immling –

Von Daniela Zimmermann

Christoph Willibald Gluck (1714 – 1787)  und Rainieri de Calzabigi (Libretto) entlehnten ihr Werk, Orpheus und Eurydike, der griechischen Mythologie. Der thrakische Sänger Orpheus möchte seine geliebte Eurydike durch betörenden Gesang der Unterwelt entreißen. 1762 in Wien mit dem Altkastraten Gaitano Guadagni als Orpheus uraufgeführt folgt Gluck in seiner Komposition dieser „Reformoper“ der Dramaturgie des Libretto. So gibt bereits die dreiteilige Arienszene im ersten Akt der Oper Stimmungen und Gefühle der Handlung für die damalige Zeit noch ungewohnt emotional und berührend wieder. Während bis dahin Rezitative weniger gefühlsstark meist nur vom Generalbass begleitet wurden, folgt in Orpheus und Eurydike den Rezitativen das ganze Orchester, mit all seinen Instrumenten den Aussagen des Librettos.

Ludwig Baumann versetzt als Regisseur seine Inszenierung das vorbarocke Stück in unsere jetzige Zeit; strukturiert es mit psychologisch analytischer Aura. 2017 war Premiere, 2018 Wiederaufnahme im Rahmen des IMMLING FESTIVAL.

Gut Immling / Orpheus und Eurydike © Kerssenbrock

Gut Immling / Orpheus und Eurydike © Kerssenbrock

Die Sopranistin Maryna Zubko ist nicht nur eine hinreissende Eurydike aber auch veritable Konzertpianistin; so wurde die Oper um eine persönliche Zugabe erweitert. Alles beginnt mit einem unerwarteten wie fröhlichen Hauskonzert: Eurydike (Maryna Zubko) am Klavier spielt Claire de lune;  Orpheus (Modestas Sedlevicius) singt lyrisch ergreifend Schubertsleise flehen meine Lieder“. Ein glückliches Paar, in ihrer geliebten Musik vereint. Doch dann hüstelt Eurydike und stirbt. Gluck bringt in seinem Werk den antiken Mythos der ewigen Liebe zum Ausdruckt. Orpheus und Eurydike gleichen so ihrem italienischen Pendant, Romeo und Julia.

Die Inszenierung auf Gut Immling verkörpert nicht mehr griechischen Mythos sondern Jetztzeit, das Heute. Mit der Beerdigung der geliebten Eurydike setzt Glucks Oper ein. Der Sarg wird auf die Bühne durch den Mittelgang getragen, begleitet von den Trauergästen gleich Chor: eindrucks- wie ausdrucksvoll. Der Chor unterlegt die Handlung  in gesanglichem wie darstellerischem Ausdruck. Eurydikes Bilder im Hintergrund verstärken die ergreifenden Empfindungen während der Trauerfeier.

Orpheus bleibt in tiefer Trauer zurück und fällt in Depressionen und Phantasien. Den Verlust der geliebten Eurydike will und kann er nicht akzeptieren. So begibt er sich zu psychotherapeutischer Behandlung in eine Geistesheilanstalt. Eine Zwangsjacke spiegelt Eingeengte wider, der Gedanken, des Wesens. Amor (Rachel Croach, Sopran) tritt als Psychoanalytiker auf und verleiht die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Eurydike. Er darf ins Schattenreich vordringen, um sich Eurydike zurückzuholen, allerdings mit Auflagen.

Gut Immling – Orpheus und Eurydike – youtube Trailer
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Diese Szenen spielen sich zumeist im Hörsaal der Psychatrie ab. Der Festvalchor unterlegt die Handlung stimmlich wie darstellerisch: in weiß als Mitkranke oder als tote Unterweltbewohner oder als aktives Personal der Klinik. Dazu interpretieren Zombies tanzend  den seelischen traurigen Zustand der Patienten. Choreographie Andrea, Robert und Tanja Honner.

Zur pathologischen Aufarbeitung muss Orpheus seine Eurydike wiedersehen: Sie wird aus einem Todesschlaf gerissen; der lebenden Welt schon entrückt muss sie sich wieder mit den Gefühlen des Lebens auseinander setzen. Ihre Wiedersehensfreude mit Orpheus ist überschwänglich. Orpheus´ Schmerz gegenüber seinen bestehenden Auflagen, die sie nicht kennt, sind letztlich so groß, dass Orpheus dem nicht mehr gewachsen ist und versagt. Eurydike stirbt ein zweites Mal.

„Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden  als wenn wir lieben, niemals hilfloser, als unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren haben.“ Sigmund Freud.

Gut Immling / Orpheus und Eurydike hier Orpheus © Axel Effner

Gut Immling / Orpheus und Eurydike hier Orpheus © Axel Effner

Amor schreitet als Psychotherapeutin nun ein. Orpheus verkraftet einen weiteren Tod seiner Eurydike nicht und versucht sich das Leben zu nehmen, um im Tod mit ihr vereint zu sein. Diese absolute Treue Orpheus´ belohnt Amor, denn Trauer und Verzweiflung sind nun pathologisch aufgearbeitet: Orpheus darf Eurydike in die Arme fallen und verlässt die Psychiatrie als geheilt verlassen.

Es gehört zum Charisma von Gut Immling, junge Sänger zu fördern, zu protegieren und ihnen eine künstlerische Plattform zu geben. Alle drei Solisten (Orpheus, Eurydike, Amor) sind Gewinner des Lions Gesangswettbewerb. Der helle, warme Bariton von Modestas Sedlevicius als Orpheus gab Gefühle, Leidenschaft und Verzweiflung ergreifend wieder. Doch ebenfalls überzeugend sicher und voller Emotionen waren auch Maryna Zubko als Euridyke und  Rachel Croach als Amor.

Evan Alexis Christ  leitete das kleine Festivalorchester Immling sensibel, filigran. Die Basis bildet ein Kammerorchester aus Tiflis, ergänzt durch internationale Instrumentalisten. Musikalisch einfach stark und spannend.

Gut Immling mit seinen Opernproduktionen, seinen Konzerte ist etwas besondere: Hier vereinigen sich Natur und Musik. Es ist eine besondere Atmosphäre; geprägt von der herrlichen Landschaft des Chiemgaus, einem naturverbundenen Festspielhaus und  künstlerisch hohem Niveau. Das Immling Festival  wurde so inzwischen zum populären „Geheimtipp“, um anspruchsvolle Kultur in unverbrochener Natur zu erleben und zu genießen.

—| IOCO Kritik Gut Immling |—

Cottbus, Staatstheater Cottbus, Premiere MACBETH von Giuseppe Verdi, 21.04.2018

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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

 

MACBETH von Giuseppe Verdi
Text Francesco Maria Piave und Andrea Maffei, nach William Shakespeare

Premiere am Samstag, 21. April 2018, 19.30 Uhr

Nachdem vor mehr als zwanzig Jahren eine konzertante Version des Macbeth am Cottbuser Theater zu erleben war, hebt sich am 21. April 2018 zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses der Premierenvorhang zu einer Inszenierung dieser Oper. Die musikalische Leitung hat Evan Alexis Christ, Regie führt Martin Schüler. Für die Ausstattung zeichnet Gundula Martin verantwortlich, für die Videoproduktion Daniel Rentzsch. Die Choreinstudierung übernimmt Christian Möbius. Das Regieteam hat sich für die Opernfassung aus dem Jahre 1865 entschieden.

Verdi interessiert in seiner Bearbeitung von Shakespeares Drama die Frage, mit welchen Folgen politische Macht illegitim erzwungen und erhalten wird, wie Menschen korrumpiert und Beziehungen dadurch deformiert werden. In seinem Polit- und Psychodrama lässt Verdi dem fantastischen Element eine immense Bedeutung zukommen. Er stellt dabei erstmals in der italienischen Operngeschichte den dramatischen Ausdruck über den Schöngesang und schafft mit Macbeth ein geradezu realistisches Musiktheater.

Auf dem Schlachtfeld beweinen Frauen ihre gefallenen Männer. Als der Kommandeur Macbeth siegreich und stolz über das Feld schreitet, rebellieren die Witwen. Sie verwandeln sich in Hexen, die Macbeth einflüstern, dass er König von Schottland werde. Ohne Zögern stiftet Lady Macbeth ihren Mann zum Königsmord an: Nach diesem ersten glaubt Macbeth weitere Morde vollbringen zu müssen, um seines Thrones sicher sein zu können. Wieder verlässt er sich dabei auf die Prophezeiungen der Hexen, doch die täuschen ihn. Ein Strudel aus Lügen, Verrat und Mord reißt den einst so hoffnungsvollen Politiker in den Tod.

Den gesellschaftlichen Auf- und Abstieg des Macbeth wird der Bariton Jaco Venter gestalten. Der Sänger ist erstmalig im Staatstheater Cottbus zu erleben, ebenso wie die Mezzosopranistin Sanja Radišic als Lady Macbeth. Die dritte Hauptpartie – die Hexen – werden von den Damen des Opern- und des Extrachores interpretiert.

Mit Jaco Venter (Macbeth), Gesine Forberger, Sanja Radišic, Hardy Brachmann, Christian Henneberg, Nils Stäfe, Ulrich Schneider, Heiko Walter, Jens Klaus Wilde, Ingo Witzke, den Damen und Herren des Opernchors und des Extrachors. Es spielt das Philharmonische Orchester.

Macbeth: Premiere Samstag, 21. April 2018, 19.30 Uhr; weitere Vorstellungen:  Dienstag, 1. Mai 2018, 16.00 Uhr; Mittwoch, 30. Mai 2018, 19.30 Uhr; Dienstag, 26. Juni 2018, 19.30 Uhr

—| Pressemeldung Staatstheater Cottbus |—

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