Wien, Staatsoper Wien, Online-Spielplan 7. – 12.4.2021 – Fidelio, Lohengrin .., IOCO Aktuell, 07.04.2021

April 7, 2021 by  
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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

 ONLINE-SPIELPLAN  –  7. BIS 12. APRIL 2021

Fidelio, Cavalleria rusticana, Lohengrin, Peer Gynt, Tosca

Nach der heutigen Übertragung von Rigoletto aus 2016 startet die Wiener Staatsoper mit Beethovens Fidelio aus 2016 in die neue Streaming-Woche. Unter Peter Schneider sind u. a. Klaus Florian Vogt, Anja Kampe, Evgeny Nikitin, Stephen Milling und Valentina Nafornita zu erleben (7. April).

Weiters steht Wagners Lohengrin aus 2018 u. a. mit Andreas Schager, Elza van den Heever, Petra Lang, Evgeny Nikitin und Kwangchul Youn sowie Simone Young am Dirigentenpult auf dem Programm (8. und 11. April), gefolgt von Mascagnis Cavalleria rusticana u. a. mit Eva-Maria Westbroek, Brian Jagde und Ambrogio Maestri, gemeinsam mit Leoncavallos Pagliacci u. a. mit Roberto Alagna, Aleksandra Kurzak und Ambrogio Maestri. Die Vorstellung, aufgezeichnet am 2. November 2020 – dem letzten Tag vor der Covid-19-bedingten Schließung, dirigierte Marco Armiliato (9. April).

Trailer Lohengrin der Wiener Staatsoper –
youtube Wiener Staatsoper
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Das Wiener Staatsballett zeigt Peer Gynt aus 2018 unter Simon Hewett und u. a. mit Jakob Feyferlik, Alice Firenze, Eno Peci und Zsolt Török (11. April).

Am 12. April kann dann Puccinis Tosca, aufgezeichnet im Februar 2019, wieder erlebt werden: u. a. mit Sondra Radvanovsky, Piotr Beczala und Thomas Hampson und wiederum Marco Armiliato am Dirigentenpult.

Alle angeführten Streams sind in Österreich wie auch international kostenlos auf der Webseite play.wiener-staatsoper.at verfügbar. Beginn ist jeweils um 19.00 Uhr, die Übertragungen sind 24 Stunden lang abzurufen.

Bildmaterial zu den Produktionen finden Sie hier (kostenlose Verwendung bei Angabe der Credits für aktuelle redaktionelle Berichterstattung).
Credits: Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn
Ballett Peer Gynt: Wiener Staatsballett / Ashley Taylor

Das Programm bis einschließlich 12. April 2021:

Trailer Fidelio mit Otto Schenk Interview –
youtube Wiener Staatsoper
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Mittwoch, 7. April 2021, 19.00 Uhr
Ludwig van Beethoven
FIDELIO (Vorstellung vom 14. Jänner 2016)
Oper in zwei Akten
Musikalische Leitung: Peter Schneider
Inszenierung: Otto Schenk
Mit u.a.: Klaus Florian Vogt, Anja Kampe, Evgeny Nikitin, Stephen Milling, Valentina Nafornita

Donnerstag, 8. April 2021, 19.00 Uhr
Richard Wagner
LOHENGRIN (Vorstellung vom 2. November 2018)
Romantische Oper in drei Akten
Musikalische Leitung: Simone Young
Inszenierung: Andreas Homoki
Mit u.a.: Andreas Schager, Elza van den Heever, Petra Lang, Evgeny Nikitin, Kwangchul Youn

Freitag, 9. April 2021, 19.00 Uhr
Pietro Mascagni, Ruggero Leoncavallo
CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI (Vorstellung vom 2. November 2020)
Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Inszenierung: Jean-Pierre Ponnelle
Mit u.a.: Eva-Maria Westbroek, Brian Jagde, Ambrogio Maestri, Zoryana Kushpler, Isabel Signoret;
Roberto Alagna, Aleksandra Kurzak, Ambrogio Maestri, Andrea Giovannini, Sergey Kaydalov

Trailer Peer Gynt mit Werner Egk Interview –
youtube Wiener Staatsoper
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Samstag, 10. April 2021, 19.00 Uhr – BALLETT
Edvard Grieg
Peer Gynt (Vorstellung vom 4. Dezember 2018)
Musikalische Leitung: Simon Hewett
Choreographie: Edward Clug
Mit u.a.: Jakob Feyferlik, Alice Firenze, Eno Peci, Zsolt Török, Solistinnen und Solisten, Corps de ballet des Wiener Staatsballetts

Sonntag, 11. April 2021, 19.00 Uhr
Richard Wagner
LOHENGRIN (Vorstellung vom 2. November 2018)
Musikalische Leitung: Simone Young
Inszenierung: Andreas Homoki
Mit u.a.: Andreas Schager, Elza van den Heever, Petra Lang, Evgeny Nikitin, Kwangchul Youn

Montag, 12. April 2021, 19.00 Uhr
Giacomo Puccini
TOSCA (Vorstellung vom 17. Februar 2019)
Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Inszenierung: Margarethe Wallmann
Mit u.a.: Sondra Radvanovsky, Piotr Beczala, Thomas Hampson, Ryan Speedo Green

Über den weitere Online-Spielplan informiert zeitnah, nähere Informationen  laufend auf wiener-staatsoper.at.

 

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper |—

Wien, Wiener Staatsoper, ONLINE-SPIELPLAN IM NOVEMBER 2020

November 3, 2020 by  
Filed under Livestream, Oper, Pressemeldung, Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

 ONLINE-SPIELPLAN IM NOVEMBER 2020

Die Wiener Staatsoper öffnet im Lockdown ihr digitales Archiv

Für den Zeitraum der vorübergehenden Schließung (3. bis inkl. 30. November 2020) wird die Wiener Staatsoper Video-Mitschnitte aus dem digitalen Archiv kostenlos als Stream anbieten.

Das Online-Programm orientiert sich dabei zum großen Teil am regulären Spielplan. Somit sind gleich zwei ganz aktuelle Produktionen schon in dieser Woche zu sehen: Dmitri Tcherniakovs Eugen Onegin, aufgenommen am vergangenen Samstag, sowie Cavalleria rusticana / Pagliacci, eine Aufzeichnung der heutigen Vorstellung mit Roberto Alagna in der Rolle des Canio.

Die Streams sind in Österreich wie auch international kostenlos auf der Webseite play.wiener-staatsoper.at verfügbar. Beginn ist jeweils um 19.00 Uhr, die Übertragungen sind 24 Stunden lang abzurufen.


Das Programm für die erste Woche:


Dienstag, 3. November 2020, 19.00 Uhr

Piotr I. Tschaikowski 
EUGEN ONEGIN, (Vorstellung vom 31. Oktober 2020)
Musikalische Leitung: Tomáš Hanus
Inszenierung und Bühne: Dmitri Tcherniakov

Tatjana: Nicole Car
Eugen Onegin: Andrè Schuen
Olga: Anna Goryachova
Lenski: Bogdan Volkov
Fürst Gremin: Dimitry Ivashchenko


Mittwoch, 4. November 2020, 19.00 Uhr

Benjamin Britten
A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM, (Vorstellung vom 2. Oktober 2019)
Musikalische Leitung: Simone Young
Inszenierung: Irina Brook

Oberon: Lawrence Zazzo
Titania: Erin Morley
Puck: Théo Touvet
Lysander: Josh Lovell
Demetrius: Rafael Fingerlos
Hermia: Rachel Frenkel
Helena: Valentina Nafornita
Bottom: Peter Rose
Quince: Wolfgang Bankl
Flute: Benjamin Hulett
Snout: Thomas Ebenstein
Snug: William Thomas
Starveling: Clemens Unterreiner


Donnerstag, 5. November 2020, 19.00 Uhr

Pietro Mascagni, Ruggero Leoncavallo
CAVALLERIA RUSTICANA / PAGLIACCI (Vorstellung vom 2. November 2020)
Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Inszenierung, Bühne & Kostüme: Jean-Pierre Ponnelle

Santuzza: Eva-Maria Westbroek
Turiddu: Brian Jagde
Alfio: Ambrogio Maestri
Lucia: Zoryana Kushpler
Lola: Isabel Signoret

Canio (Pagliaccio): Roberto Alagna
Nedda (Colombina): Aleksandra Kurzak
Tonio (Taddeo): Ambrogio Maestri
Beppo (Arlecchino): Andrea Giovannini
Silvio: Sergey Kaydalov


Freitag, 6. November 2020, 19.00 Uhr 

Piotr I. Tschaikowski 
EUGEN ONEGIN (Vorstellung vom 31. Oktober 2020)
Musikalische Leitung: Tomáš Hanus
Inszenierung und Bühne: Dmitri Tcherniakov

Tatjana: Nicole Car
Eugen Onegin: Andrè Schuen
Olga: Anna Goryachova
Lenski: Bogdan Volkov
Fürst Gremin: Dimitry Ivashchenko


Samstag, 7. November 2020, 19.00 Uhr

Olga Neuwirth
ORLANDO (Vorstellung vom 18. Dezember 2019)
Musikalische Leitung: Matthias Pintscher
Regie: Polly Graham

Orlando: Kate Lindsey
Narrator: Anna Clementi
Guardian Angel: Eric Jurenas
Queen/Purity/Friend of Orlando’s Child: Constance Hauman
Sasha/Chastity: Agneta Eichenholz
Shelmerdine/Greene: Leigh Melrose
Orlando’s Child: Justian Vivian Bond


Sonntag, 8. November 2020, 19.00 Uhr

Charles Gounod
ROMÉO ET JULIETTE (Vorstellung vom 1. Februar 2017)
Musikalische Leitung: Plácido Domingo
Inszenierung: Jürgen Flimm
Lichtarchitektur: Patrick Woodroffe

Roméo: Juan Diego Flórez
Juliette: Aida Garifullina
Stéphano: Rachel Frenkel
Tybalt: Carlos Osuna
Mercutio: Gabriel Bermúdez
Frère Laurent: Dan Paul Dumitrescu


Montag, 9. November 2020, 19.00 Uhr (Vorstellung vom 17. Februar 2019)

Giacomo Puccini
TOSCA
Musikalische Leitung: Marco Armiliato
Inszenierung: Margarethe Wallmann

Floria Tosca: Sondra Radvanovsky
Mario Cavaradossi: Piotr Beczala
Baron Scarpia: Thomas Hampson
Cesare Angelotti: Ryan Speedo Green
Mesner: Alexandru Moisiuc

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Cavalleria rusticana – Luci mie traditrici, IOCO Kritik, 21.10.2020

Oktober 21, 2020 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Cavalleria rusticana  –  Luci mie traditrici

 Oper in Zeiten von Corona – unter Pandemie-Bedingungen

von Peter Schlang

Die Stuttgarter Staatsoper ist ja als äußerst empfangsbereites, offenes Haus bekannt, aber so viele und lange geöffnete Türen sah man am Haus am Eckensee noch nie: Der maximale Zufluss von Frischluft ist eben eine der Bedingungen, die von den Verantwortlichen für öffentliche Veranstaltungen unbedingt einzuhalten sind. Aber auch sonst sind die Angst vor Corona bzw. die Maßnahmen gegen seine Verbreitung am Abend des 11. Oktober im Stuttgarter Opernhaus allgegenwärtig – vor, während und nach der zweiten Opernpremiere der aktuellen, als Ganzes stark von Corona geprägten und eingeschränkten Spielzeit. Dies zeigt sich u. a. an dem in großer Zahl aufgebotenen Personal, welches die Premierengäste durch das Haus und an ihr vorgesehenen Plätze lotst, den mit Tüchern in der Trauerfarbe Schwarz verhüllten jeweils zwei Theatersitzen zwischen den freigegebenen Sesseln und einer pointierten, nicht einmal Spitzen gegen die politischen Entscheider scheuenden Ansprache des Opernintendanten Viktor Schoner vor Beginn der Aufführung. In dieser beklagte der Hausherr u. a. die für die Staatstheater angemeldete Kurzarbeit, die dazu führe, dass Mitglieder des Chores und Orchesters nur eine begrenzte Zeit aktiv sein dürfen, wodurch nur eine stark eingeschränkte Zahl von Aufführungen möglich sei, was wiederum die Einnahmen an Eintrittsgeldern beträchtlich drücke. Genüsslich verwendete der Intendant für solche und andere Corona-Kollateralschäden die Begriffe Milchmädchenrechnung und Schildbürgerstreich!

Cavalleria rusticana – Luci mie traditrici
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
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Diese die Pandemie an ihrer Ausweitung hindernden Maßnahmen beschränken sich aber nicht auf Äußerlichkeiten und organisatorische Abläufe und die Einhaltung der Abstandsregeln vor der Bühne, sondern sie ergriffen auch den innersten Bereich einer Opernaufführung, also deren musikalisches und dramaturgisches Gerüst bzw. dessen Umsetzung. So hatte man für die den Abend eröffnende Cavalleria rusticana des italienischen Verismo-Komponisten Pietro Mascagni bei dessen zeitgenössischem deutschen Kollegen Sebastian Schwab extra eine Kammermusikfassung in Auftrag gegeben und diese zusammen mit dem den Abend auch leitenden Generalmusikdirektor Cornelius Meister parallel zu den Proben erarbeiten lassen, die im Graben ein gerade neun Streicher umfassendes Kammerorchester und den von Cornelius Meister gespielten Flügel vorsieht.

Dazu kommt ein an die südeuropäische Banda-Tradition angelehntes Blasorchester, das hinter der Bühne agiert. Der gerade wieder zum Opernchor des Jahres gekürte Staatsopernchor wird in dieser Corona-Version auf ganze 18 Mitglieder „eingedampft“, die natürlich nicht auf der Bühne agieren, sondern, rein konzertant, im dritten Rang platziert sind. Höchst wahrscheinlich ermöglichen nur diese harten musikalischen Eingriffe in die beiden im Original recht groß besetzten musikalischen Kollektive die ursprünglich schon für die vergangene Spielzeit geplante Aufführung dieser glutvollen, rassigen und musikalisch wie inhaltlich berauschenden Oper unter den einschneidenden Corona-Bedingungen. Allerdings führen sie zu einer weitgehenden Entzauberung und nehmen dem sonst so mitreißenden Werk einen Großteil seiner musikalischen Wirkung und Anziehungskraft. So schleppen sich Musik und Handlung relativ zäh dahin, und die sonst die Handlung so plastisch und glutvoll illustrierende Musik wird vieler ihrer Klangfarben und Ausdrucksmittel beraubt, so sehr sich Cornelius Meister und seine Musikerinnen und Musiker auch bemühen, dem Ganzen Drive und Farbe zu geben.

Staatsoper Stuttgart / Cavalleria rusticana - hier : Auf dem Bild Eva-Maria Westbroek als Santuzza, Ida Ränzlöv als Lola, Arnold Rutkowski als Turiddu © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Cavalleria rusticana – hier : Auf dem Bild Eva-Maria Westbroek als Santuzza, Ida Ränzlöv als Lola, Arnold Rutkowski als Turiddu © Matthias Baus

Die die Handlung tragenden drei Sängerinnen und zwei Sänger machen ihre Sache durchweg recht gut, wobei die nach etlichen Jahren erstmals an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrte Eva-Maria Westbroek als Santuzza mit ihrem mühelos alle Höhen meisternden und dabei jegliche Schärfe vermeidenden Sopran erfreulich an ihre Stuttgarter Zeit anknüpft. Allerdings wird dieser positive Eindruck etwas durch die manchmal flackernde, weil einem zu starken Vibrato anhängende Stimme getrübt.

Rosalind Plowright gibt der Lucia viel Würde und Stolz, aber auch Verletzlichkeit. Den besten Eindruck unter den drei Sängerinnen hinterlässt bei ihrem Rollendebüt als Lola die grandiose Ida Ränzlöv, die in allen Stimm- und Ausdruckslagen zu begeistern vermag und auch darstellerisch etwas Leben in die ansonsten dramaturgisch eher statische Anordnung bringt. Arnold Rutkowski als Turridu überzeugt mit viel tenoraler Italianitá und hat im profunden Bariton von Dimitrios Tiliakos als Alfio einen ebenbürtigen Gegenspieler. Alle fünf Sänger auf der Bühne sorgen indessen für das zumal in der italienischen Oper sehr seltene Phänomen, an manchen Stellen das Streichorchester im Graben zu übertönen.

Die Regisseurin des Abends, Barbara Frey, kann bei ihrer ersten Stuttgarter Produktion leider nur wenig von ihrer großen Erfahrung als Theaterregisseurin und -intendantin zeigen, sie leitete von 2009 bis 2019 das Schauspielhaus in Zürich, was man ihr aber nicht unbedingt und schon gar nicht allein anlasten darf. Auch ihre Regie und die daraus resultierende Personenführung stehen deutlich sichtbar unter „Corona-Verdacht“ und sind über die gesamte Aufführungsdauer von knapp 90 Minuten voll darauf konzentriert, dass sich die Protagonisten ja nicht zu nahe kommen. Aber wie will man so Nähe, Leidenschaft und sonstige Gefühle glaubhaft auf die Bühne bringen, wenn die Darsteller dazu verdammt sind, vorwiegend – und das allein – an einem Ort zu stehen oder zu kauern, wo sie bevorzugt in der Ära vor dem Regietheater postiert waren – am vorderen Bühnenrand, also an der viel geschmähten Rampe?!

Nicht auszudenken, welch grandiose Möglichkeiten das schon vor dem ersten Höhepunkt der Corona-Pandemie fertiggestellte beeindruckende Bühnenbild Martin Zehetgrubers der Regisseurin und ihren Sängerdarstellern ohne die verordneten Pandemie-Einschränkungen geboten hätte. Zehetgruber, der schon mehrfach an der Stuttgarter Oper gebaut hat, entwarf dazu einen ziemlich heruntergekommenen mächtigen Beton-Brutalbau, besser dessen Ruine, der aus einer umlaufenden Galerie mit einem dahinterliegenden Obergeschoss und einer zur Hälfte eingestürzten, nach rechts geneigten riesigen Treppe besteht. Mit ihrem abgerissenen Äußeren und kalten, morbiden, nur entfernt an verblichenen Glanz erinnernde Tristesse bietet diese Installation allerdings die perfekte Szene für diese wegen einer Seuche so sehr an Fesseln gelegte und in ihrer Dynamik gebremste Operninterpretation.

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici - hier : vl Rachael Wilson als Gräfin Malaspina, Ida Ränzlöv als Der Gast © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici – hier : vl Rachael Wilson als Gräfin Malaspina, Ida Ränzlöv als Der Gast © Matthias Baus

Der Zweite Teil des Abends, Salvatore Sciarrinos für die Schwetzinger SWR-Festspiele 1998 geschaffene Oper Luci mie traditrici (Meine trügerischen Augen), spielt sich überwiegend unter der nun gedrehten großen Treppe ab, die sich dabei als eingestürzte Decke eines klassizistischen Saales entpuppt, die fast völlig von verwelkendem Farn überwuchert ist. Diesen musikalisch wie darstellerisch absolut spannenderen Teil der Stuttgarter Neuproduktion sahen leider weniger Zuschauer als die sicherlich populärere und bekanntere Oper Mascagnis. Ob dies an der noch immer verbreiteten Angst vor neuer Musik oder an der Ermüdung durch das bis dahin Gesehene und vor allem Gehörte lag, entzieht sich der Kenntnis und dem Beurteilungsvermögen des Rezensenten.

Auf jeden Fall dürfte diesen „Verweigerern der zweiten Halbzeit“ der interessantere, aufregendere und in jeder Hinsicht überzeugendere Teil des Abends entgangen sein. Er bot nicht nur die zweifellos leisere, ja, stillere Darbietung des mit Mascagnis Stoff sehr verwandten und absolut gleichwertigen Themas, also der Eifersucht und verletzten Ehre und der daraus folgenden gnadenlosen Rachsucht, sondern auch die stimmigere, schlüssigere Umsetzung. Die wesentlichen Bedingungen für diesen Umstand und die Zutaten für eine fesselnde Stunde sind vier überzeugende, ja herausragende Sängerdarsteller*innen, eine jetzt stringente Personenführung, eine diese gekonnt unterstützende Beleuchtungsregie, vor allem aber die fragile, verletzliche und oft bis ans Nichts verhauchende Partitur Sciarrinos. Sein Stil und die diesem entspringende Musik gehören wohl zum Leisesten, Filigransten, Zartesten und Transparentesten der Musikgeschichte.

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici - hier : vl Auf dem Bild Christian Miedl als Graf Malaspina, Rachael Wilson als Gräfin Malaspina © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici – hier : vl Auf dem Bild Christian Miedl als Graf Malaspina, Rachael Wilson als Gräfin Malaspina © Matthias Baus

Was die 21 Musikerinnen und Musiker daraus machen, lässt dennoch keine Langeweile aufkommen. Dabei profitiert die musikalische Umsetzung jetzt tatsächlich sogar von der Pandemie und den auf sie reagierenden Abstandsregeln. Meister platziert nämlich wiederum nur das Streichorchester im Graben und findet in Abstimmung mit der Regisseurin und dem Bühnenbildner für die anderen Orchestermitglieder Plätze, welche ganz neue klangliche Möglichkeiten bieten und Sciaririnos Intentionen in idealer Weise unterstreichen. So spielen die Bläser nun auf der Galerie von Zehetgrubers Cavalleria-Ruine, während die beiden Schlagzeuger Christoph Wiedmann und Thomas Höfs in den beiden Proszeniumslogen agieren dürfen. Alle zusammen schaffen es in bewundernswerter Weise, Sciarrinos Musik und Klangsprache, die aus zahlreichen Quellen und Epochen der Musikgeschichte schöpft, sinnlich berührend, ja unter die Haut gehend zum Leben zu erwecken. Kongenial wird dies von den Darstellern – als Gräfin Rachael Wilson, als Graf Christian Miedl und als Diener, Elmar Gilbertsson umgesetzt. Die Krone in diesem Solistenquartett gebührt aber wiederum der phänomenalen Ida Ränzlöv als Gast bzw. Stimme hinter dem Vorhang, die mit ihrem Wispern, Grummeln, Schnalzen und Glisando-Betören alle Register der Gesangstechnik zieht.

Als Fazit dieser Doppelpremiere dürften mir, dem IOCO-Korrespondenten und vielen anderen Zeugen dieses Opernabends vor allem Zweierlei in Erinnerung bleiben:

Die Stuttgarter Oper will unbedingt wieder vor Publikum spielen und dieses für seine sonst mit höchster Leidenschaft ausgeübte Arbeit zurückgewinnen oder wenigstens bei der Stange halten. Dabei möchte, ja muss man um Gottes Willen coronamäßig jedes Risiko vermeiden, weshalb man in allen Bereichen einen ungeheuren Aufwand betreibt, um jegliche gesundheitliche Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Das ist angesichts eines sonst drohenden erneuten Aufführungsverbotes durchaus verständlich und bei der Altersstruktur unseres Opernpublikums auch lobenswert. Allerdings bedauert es der zugegeben kritische Beobachter und Hörer, dass man damit – zumindest in der ersten Hälfte – auch die musikalische und dramatische Ansteckungsgefahr ziemlich ausschaltet und sich damit die entsprechende Begeisterungsfähigkeit in Grenzen halten dürfte. Der zweite Teil dieser Corona-Versuchsordnung gleicht dann aber Vieles wieder aus, wie man ja überhaupt den musikalisch, dramaturgisch und organisatorisch Verantwortlichen der Stuttgarter Oper bescheinigen muss, dass sie sich mit großer Verantwortung, viel Fantasie und sichtbarer Begeisterung an die Bewältigung dieser ja nicht alltäglichen Herausforderung wagten. So darf man durchaus gespannt sein, wie sich die nächsten Neu-Produktionen, Mahlers Lied von der Erde am 27. Oktober und Massenets Werther am 15. November 2020 zu diesem Thema äußern und verhalten werden.

Cavalleria rusticana  –  Luci mie traditrici an der Staatsoper Stuttgart;  weitere Vorstellungen am 18., 20. und 24. Oktober 2020, jeweils 19 Uhr

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Cavalleria rusticana – Luci mie traditrici – Premiere, 11.10.2020

Oktober 7, 2020 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Pietro Mascagni:  Cavalleria rusticana  – Salvatore Sciarrino: Luci mie traditrici

Ein Doppelabend über die Eifersucht

Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert das Staatsorchester Stuttgart; Inszenierung von Barbara Frey; Eva-Maria Westbroek kehrt nach Stuttgart zurück

Für die zweite Musiktheater-Premiere der Spielzeit bringt die Staatsoper Stuttgart zwei italienische Werke als Doppelabend auf die Bühne: Am Sonntag, 11. Oktober 2020 um 18 Uhr feiert Barbara Freys Inszenierung von Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana und Salvatore Sciarrinos Luci mie traditrici ihre Premiere im Stuttgarter Opernhaus. Eva-Maria Westbroek – international gefeiertes Ensemblemitglied von 2001 bis 2006 – kehrt in der Rolle der Santuzza an die Staatsoper zurück, Arnold Rutkowski verkörpert Turiddu. Die weiteren Rollen übernehmen Dame Rosalind Plowright (Lucia), Dimitris Tiliakos (Alfio), Ida Ränzlöv (Lola), Christian Miedl (Graf Malaspina) und Rachael Wilson (Gräfin Malaspina). Die musikalische Leitung des Staatsorchesters sowie die pianistischen Teile des Abends übernimmt Generalmusikdirektor Cornelius Meister. Mascagnis Komposition erklingt in einer eigens für diese Produktion erarbeiteten neuen Fassung für Kammerorchester und Banda von Sebastian Schwab.

Mit dem Einakter Cavalleria rusticana (Sizilianische Bauernehre) gelang Pietro Mascagni im Jahr 1890 ein Meisterwerk der veristischen Oper. Das Libretto basiert auf einer Novelle des Schriftstellers Giovanni Verga: Santuzza ahnt, dass ihr Verlobter Turiddu sie wegen der Frau des arglosen Alfio sitzenlässt. An einem einzigen Vormittag führt diese Ahnung zur Gewalttat, denn Männer wie Frauen, Mütter wie Söhne folgen einem gesellschaftlichen Codex, der seit Generationen festschreibt, was Treue und Ehre bedeuten.

Nach der Souveränität des fühlenden Subjekts fragt einhundert Jahre später auch Salvatore Sciarrino in seiner Oper Luci mie traditrici (Meine trügerischen Augen). Mit einem ganz auf Reduktion setzenden musikalischen Idiom erzählt auch er von obsessiver Eifersucht. Misstrauen und Täuschung zwischen einem Grafen, der Gräfin, ihrem voyeuristischen Diener und einem Besucher führen hier zum Doppelmord. Doch hinter der äußeren Handlung tritt in Sciarrinos von prägnanter Stille durchsetzten Partitur das Drama von der Ungewissheit der Gefühle und fatal sich zersetzender Liebe hervor. Die 1998 in Schwetzingen uraufgeführte Kammeroper erklingt in der Originalfassung für 21 Musiker*innen.

Die Regisseurin des Abends, Barbara Frey, war zwischen 2009 und 2019 Künstlerische Direktorin und Intendantin des Schauspielhauses Zürich und erhielt 2016 den Schweizer Theaterpreis. Daneben inszenierte sie unter anderem in Hamburg, Berlin, München, Salzburg und Wien. Für die designierte Intendantin der Ruhrtriennale ist es nach Jenufa an der Bayerischen Staatsoper bereits die zweite Zusammenarbeit mit der Sopranistin Eva-Maria Westbroek. Barbara Freys Inszenierung des Doppelabends Cavalleria rusticana / Luci mie traditrici war ursprünglich für die Spielzeit 2019 / 20 geplant.

PREMIERE
Sonntag, 11. Oktober 2020, 18 Uhr

Weitere Vorstellungen
18. / 20. / 24. Oktober 2020, 19 Uhr

Pietro Mascagni / Salvatore Sciarrino
Cavalleria rusticana /
Luci mie traditrici

Musikalische Leitung Cornelius Meister
Regie Barbara Frey
Bühne Martin Zehetgruber
Kostüme Bettina Walter
Licht Alexander Koppelmann
Chor Manuel Pujol
Dramaturgie Miron Hakenbeck, Barbara Eckle

Cavalleria rusticana
Santuzza Eva-Maria Westbroek
Turiddu Arnold Rutkowski
Lucia Dame Rosalind Plowright
Alfio Dimitris Tiliakos
Lola Ida Ränzlöv

Luci mie traditrici
Gräfin Malaspina Rachael Wilson
Graf Malaspina Christian Miedl
Der Gast / Stimme hinter dem Vorhang Ida Ränzlöv
Ein Diener Elmar Gilbertsson

Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart

Die nächsten Premieren:

27.10.2020
Gustav Mahler/ Arnold Schönberg:  Das Lied von der Erde
Elfriede Jelinek: Die Bienenkönige
Musikalische Leitung: Cornelius Meister, Regie: David Hermann

15. November 2020
Jules Massenet: Werther
Musikalische Leitung: Marc Piollet, Regie: Felix Rothenhäusler

19. Dezember 2020
Maurice Ravel, Schorsch Kamerun: Die verzauberte Welt
Musikalische Leitung: Dennis Russel Davies, Regie: Schorsch Kamerun

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