Mönchengladbach, Theater Krefeld Mönchengladbach, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 03.10.2019

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Salome – Richard Strauss

– In der Jetztzeit – Eine Familientragödie in besseren Kreisen –

von Viktor Jarosch

„Salome bringt in 100 Minuten drei Männer zur Strecke“, kündigte Mönchengladbachs OB Hans Wilhelm Reiners den gespannten Besuchern im Theater Mönchengladbach zur Saisoneröffnung und Premiere der Salome am 22.9.2019 an. OB Reiners verkündete aber auch positives: die Zuschüsse zum Theater steigen ab 2019 um Euro 2 Mio jährlich: ein starker Einstieg in die folgende Premiere der szenisch und stimmlich begeisternden Salome.

Salome, das vielleicht größte Werk von Oscar Wilde (1856-1900), entstand in Paris, wurde 1891 in London publiziert, wo  Wilde als Schriftsteller schon früh sehr erfolgreich war. Die Tragödie Salome wurde Ausdruck von Wildes gelebtem Weltbild; es galt hinfort als eine Art „Dekadenzdichtung“, welche sich gegen prüde bürgerliche und  moralische Werte der Zeit auflehnt. Durch extravagant ungewöhnlichen Lebenswandel,  große Sprachgewandtheit und hohe öffentliche Präsenz hatte sich Oscar Wilde neben Bewunderen auch viele Gegner gemacht. Die englische Gesellschaft tolerierte Wilde nicht; sie schlug zurück: mit 44 Jahren stirbt Wilde aus England vertrieben und verarmt in Paris; dort, wo die Salome 1890 entstand.

 Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier streitende Juden über Religion _ vor der Villa des Herodes © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier streitende Juden über Religion _ vor der Villa des Herodes © Matthias Stutte

Salome  entstammt dem  Matthäus Evangelium, wenn auch dort nicht namentlich genannt; in Kapitel 14 heisst es..“Herodes hat Johannes ergriffen, gefesselt und ins Gefängnis geworfen, wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte zu ihm gesagt: Es ist nicht recht, dass Du sie hast  .. Als aber Herodes seinen Geburtstag beging, da tanzte   die Tochter der Herodias (NB  Salome)  vor ihnen ..  Darum versprach er ihr mit einem Eid, er wolle ihr geben, was sie fordern würde ….Und sie sprach: Gib mir hier auf einer Schale das Haupt Johannes des Täufers!…“

Richard Strauss beeindruckte der große öffentliche Widerhall, welchen die Premiere des Dramas Salome 1901 in Breslau, Max Reinhardt inszenierte, ausgelöst hat. In Wien war  die Premiere der Salome 1901 zuvor von der Zensur  untersagt. Alles geschah  zu einer Zeit im deutschen Kaiserreich, als Frauen dort erstmals öffentlich  um ihre Rechte kämpften. Strauss hatte zuvor das Drama  mehrfach in Berlin besucht und wusste: „das Stück schriee nach Musik“.

Salome war zentral in Strauss´ Wirken, der kompositorische Durchbruch: mit  Salome fand Richard Strauss, er war bereits 56 Jahre alt, endgültig seine künstlerische Individualität:  dreißig Leitmotive und komplexe Tonarten (so das seltene cis-Dur zur Erotik der Salome; ihre Schwärmereien über die strahlenden Haare des Jochanaans in glücklichem, walzerhaftem D-Dur, es-Dur zeichnet den Mond, Jochanaan wird mit Hörnern ein wenig majestätisch gezeichnet): zusammen bildet es ein musikalisches Fundament inmitten changierender Thematik und Harmonik

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Herodes und die ihn verspottende Stieftochter Salome © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Herodes und die ihn verspottende Stieftochter Salome © Matthias Stutte

Nicht  einfach war es, 65 Musiker der Niederrheinischen Symphoniker mit ihren teils großen Instrumente im Orchestergraben des Theater Mönchengladbach zu positionieren, um trotzdem Salome mit kammermusikalischer Kraft zu spielen. Die kammermusikalische Intonierung war für GMD Mihkel  Kütson jedoch zentral für diese Inszenierung. Richard Strauss hatte Salome in mehreren Orchester-Fassungen komponiert; in Fassungen mit bis zu 125 Musiker. In Mönchengladbach wurde die etwas „verkleinerte“ Orchesterfassung aufgeführt. Inmitten der Enge des Orchestergrabens unterlegen in der Folge des Abends denn auch wunderbar feine Klangfarben des Orchesters die komplexe Handlung  auf der Bühne. In ausdrucksstarken musikalischen Klängen werden dunkle Mächte, die Ängste und Visionen des von seinem Brudermord getriebenen Herodes, die lasziven Wünsche der jungen Salome…… sichtbar.

Regisseur Anthony Pilavachi inszeniert Salome in Mönchengladbach im modernen Gewand des Art déco der 1920er Jahre, ohne Bezug auf die judäische  Antike, ohne Tempel des Herodes.  Das Bühnenbild: Weite Treppen führen zur Fassade einer mit goldfarbenen Reliefs geschmückten die Bühne beherrschenden herrschaftlichen Villa. Durch hohe, helle Fenster erkennt man  im ersten Bild eine elegante jüdische Gesellschaft (Männer mit Kippa und Schläfenlocken in Frack, Frauen in Abendkleidern) bei einem Festmahl (Bühnenbild, Kostüme Markus Meyer). Vor dem Palast ein offener Platz, in dessen  Mitte – eine runde Zisterne: Das Gefängnis des Jochanaan.

Modernes Bühnenbild, Lichteffekte und Kostüme verleihen der Tragödie um Herodes, Salome und Jochanaan nachfühlbare Aktualität und harmonieren  mit schauspielhaft präziser Gestik und Personenführung. So bildet die Inszenierung und das moderne Libretto von Richard Strauss den  Geist der Jetztzeit, des Hier und Heute ab. Verbunden mit einem darstellerisch und stimmlich blendend aufgelegtem Ensemble waren die Besucher von Beginn an gebannt; mit Beifallstürme wurde die ergreifende Premiere der Salome  im Theater Mönchengladbach gefeiert.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Salome und Jochanaan © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Salome und Jochanaan vor der Zisterne © Matthias Stutte

Narraboth (David Esteban) schwärmt mit Beginn vor der chiquen Villa eines offensichtlich gutsituierten Herodes in lyrischem Tenor in modern schwarzer Uniform: „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!“, derweil  uniformierte Soldaten mit turbanhafter Kopfbedeckung (Matthias Wippich, Alexander Kalina) patrouillieren und die in der Villa sichtbare Festgesellschaft beschreiben:  „Die Juden; sie sind immer so. Sie streiten über ihre Religion“.  Aus der Zisterne erklingt die Mahnung des Jochanaan: Nach mir wird einer kommen…“; dann erscheinen die Protagonisten auf der Bühne; Salome in silbrig glitzerndem Abendkleid, klagt sich auf der Zisterne räkelnd: „Ich will nicht bleiben, Ich kann nicht bleibend…“.  Inmitten des großen Ensembles gestaltet Regisseur Anthony Pilavachi für jeden Akteur einen sichtbar eigenen aber immer modernen Charakter: Herodes in lässigem Anzug seiner Stieftochter Salome nachstellend, dann, zu seinem, schon im Evangelium beschriebenen Geburtstag, mit großem Festkuchen erscheinend; der Page wird zum Dandy; der „Tanz der sieben Schleier“  der Salome in weitem, weißen Umhang und mit riesigen Schmetterlings-Flügeln berührt anmutend esoterisch und nicht – wie oft inszeniert – billig lasziv oder verführerisch überzeichnend. Mit den Befehl: „Man töte dieses Weib“, weist Herodes bekanntlich zum Ende der Oper seine Soldaten an, die Stieftocheter zu erchiessen. Doch in Mönchengladbach endet die Oper überraschend:  Als die Soldaten Salome töten wollen erschießt diese, die Oper beendend, in einer sich verdunkelnden Bühne, ihren Stiefvater Herodes; mit dem zwiespältigen Ende schafft die Inszenierung Raum für weitere Träume, Visionen.

So wird Salome wird im Theater Mönchengladbach zu einem expressiven Drama einer Familie „in heutigen besseren Kreisen“, dessen komplexes aber höchst fragiles Beziehungsgeflecht durch eine unreif junge Frau, der selbstsüchtigen Salome, zum Einsturz gebracht wird.  OB Reiners hatte dies, welch eine Überraschung, schon gewusst und angekündigt!

Dorothea Herbert, ab 2019 neues Ensemblemitglied im Theater Krefeld Mönchengladbach,  überzeugt fulminant in der großen, gestaltenden Partie der Salome: Mit guter Verständlichkeit ( zentral für alle Richard Strauss Opern) und besonders in hohen Tonlagen überwältigendem Sopran erzeugt Dorothea Herbert von Beginn an bei den Besuchern Spannung, Neugierde, Faszination. Doch auch die anderen großen Partien der Produktion sind bestens besetzt: Markus Petsch als Herodes zeichnet die Unsicherheiten („ich bin sicher, es wird ein Unheil geschehen..“) im komplexen Beziehungsgeflecht mit Herodias und Salome mit lyrisch timbriertem, sicherem Tenor. Überwältigend erneut Johannes Schwärsky, hier als Prophet Jochanaan: Schon zu Beginn, aus den Tiefen der Zisterne, klingt sein kraftvoll schwerer Bass-Bariton drohend; akustisch noch ein wenig gedeckt; doch auf der Bühne wächst Schwärsky zu einem leibhaftigen Propheten Jochanaan, der mit mächtiger Stimme und großer physischer Präsenz Salome kraftvoll verflucht und die nahende Ankunft Gottes verkündet. Eva Maria Günschmann überzeugt in diesem starken Ensemble als intrigierende Herodias in gepflegtem Abendkleid mit optisch zurückgenommener Präsenz.

Theater Mönchengladbach / Salome hier das Ensemble zum Schlussapplaus vor der herrschaftlichen Villa © IOCO

Theater Mönchengladbach / Salome hier das Ensemble zum Schlussapplaus vor der herrschaftlichen Villa des Herodes © IOCO

GMD Mihkel  Kütson zeichnet mit seinen Niederrheinischen Symphonikern  zuvorderst den kammermusikalischen Charakter  der Oper Salome, welcher in Tonarten und Leitmotiven das Unterbewusste,  Stimmungen, Ängste, Träume und Visionen der Protagonisten betont, doch dies Unterbewusste ebenso farbig ausmalt wie das wahrnehmbare, sichtbare Handeln. Ein schwieriger Spagat für großes Orchester in einem relativ kleinen Haus; den Kütson und die Niederrheinischen Symphoniker mit Kunst und Können wunderbar umsetzen.

So feierte das Publikum zum Saisonanfang  im Theater Mönchengladbacher mit viel Bravos und Beifall  eine auch uns unerwartet mitreißende Inszenierung der Salome, welche heutiges Leben im Sichtbaren und mit konspirativen, hintergründigen, versteckten Untertönen spürbar abbildete.

Salome am Theater Mönchengladbach; die nächsten Vorstellungen 8.10.; 19.10.; 9.11.; 19.12.; 27.12.2019

Hagen, Theater Hagen, Viva Verdi – Letzte Vorstellung, 14.07.2019

Juli 12, 2019 by  
Filed under Konzert, Oper, Pressemeldung, Theater Hagen

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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

 Viva Verdi  –  Letzte Vorstellung
Ein szenischer Abend in Verdi-Chören – Musik Giuseppe Verdi

Sonntag, 14. Juli 2019 findet mit Beginn um 18.00 Uhr im Theater Hagen die letzte Vorstellung der Produktion Viva Verdi – Ein szenischer Abend in Verdi-Chören (Musik von Giuseppe Verdi) in italienischer Sprache mit deutschen Übertexten statt.

Theater Hagen / Viva Verdi - Chor und Extrachor des Theaters Hagen, Tony Laudadio (in der Mitte) © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Viva Verdi – Chor und Extrachor des Theaters Hagen, Tony Laudadio (in der Mitte) © Klaus Lefebvre

Mit der Inszenierung von vor allem berühmten wie auch weniger bekannten Verdi-Chören (u.a. Nabucco, Il trovatore und Aida, aus Macbeth und I Masnadieri) als durchgängige Handlung bietet das Theater Hagen mit der Produktion Viva Verdi etwas Neues. Die emotional aufgeladenen Chorstücke werden in einer szenischen Neudeutung erlebbar, die Bezug nimmt auf die oft von Leid und Unheil, aber auch von Heldenmut und Liebe handelnden Opern, aus denen sie ursprünglich stammen. Gleichzeitig eröffnet die Realisierung im neuen Kontext aber auch Möglichkeiten, die mit der Musik verbundenen Geschichten in unerwarteten Assoziationen sinnvoll und sinnlich fruchtbar werden zu lassen.

Diese außergewöhnliche Produktion wurde großzügig von der Sparkasse HagenHerdecke unterstützt. In der Inszenierung von Andreas Bode, im Bühnenbild von Geelke Gaycken und den Kostümen von Christiane Luz singen und spielen unter der musikalischen Leitung von Wolfgang Müller-Salow: Chor, Extrachor sowie Kinder- und Jugendchor des Theaters Hagen; Tatiana Feldman, Eva Maria Günschmann, Kisun Kim, Costa Latsos, Tony Laudadio, Elizabeth Pilon, Dong-Won Seo, Ruud Zielhorst; Statisterie des Theaters Hagen; Philharmonisches Orchester Hagen.


Karten an der Theaterkasse, unter Tel. 02331 207-3218 oder www.theaterhagen.de, an allen Hagener Bürgerämtern, Tel. 02331 207- 5777 sowie bei den EVENTIM-Vorverkaufsstellen.

—| Pressemeldung Theater Hagen |—

Krefeld, Theater Krefeld Mönchengladbach, Lohengrin – In irdischem Wettstreit gefangen, IOCO Kritik, 21.04.2017

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Krefeld © Matthias Stutte

Theater Krefeld © Matthias Stutte

Lohengrin von Richard Wagner

„Gral Gesandter scheitert in irdischem Streit“

Von Viktor Jarosch

Lohengrin am Theater Krefeld, Premiere 16.4.2017, weitere Vorstellungen 22.4.2017, 7.5.2017, 20.5.2017, 25.6.2017, 2.7.2017

Am Niederrhein war man gespannt. Lohengrin im Theater Krefeld, erstmals seit über 40 Jahren. Wie würde Richard Wagners Musikdrama aufgenommen werden? Kann das Orchester die sphärische Aura von Traum- und Gralswelt spürbar machen, sind die Solisten den extremen Ansprüchen der Partien von Elsa, Lohengrin, Ortrud und Telramund gewachsen, wird die Regie angenommen? Nach der Vorstellung, zur Premierenfeier, hörte ich einen Solist zu seinem Nachbarn flüstern „einen ähnlichen Beifallsturm habe ich seit vielen Jahr am Theater Krefeld nicht erlebt.“ So war es, langer starker Beifall für alle, für den neuen Lohengrin am Theater Krefeld!

Theater Krefeld / Lohengrin - Koenig Heinrich und die Edlen von Brabant © Thomas Esser

Theater Krefeld / Lohengrin – Koenig Heinrich und die Edlen von Brabant © Thomas Esser

Die Oper Lohengrin fasziniert bis heute an allen Bühnen der Welt, ein letzter Höhepunkt der romantischen Opern. Komponist Richard Wagner war zur Uraufführung 1850 an der Hofoper in Weimar, dem heutigen Deutschen Nationaltheater, nicht anwesend. Franz Liszt, damaliger Hofkapellmeister in Weimar und späterer Schwiegervater, hatte zuvor den bewunderten wie steckbrieflich gesuchten „Dresdner Revolutionär“ Richard Wagner zur Flucht in die Schweiz verholfen. Die deutscheste aller Opern Wagners offenbart in Konflikten zwischen Gralsbestimmung und irdischem Treiben eine unauflösliche Gemengelage zwischen Liebe und Leben, in der letztlich die Liebe stirbt. Der sagenumwobene mythische Gral bannte Richard Wagner über Jahrzehnte, bis zu seiner letzten Oper Parsifal. Wagners Lohengrin Komposition ist bereits revolutionär, kehrt sich ab von der Nummernoper und bringt erstmals die freie Deklamation; die Vorspiele bemalen Stimmungen; wiederkehrende Tonarten kennzeichnen die Protagonisten, A-Dur ist Lohengrin; die Orchestrierung teilt gleiche Instrumente erstmals in Gruppen welche sich trennen und wieder verschmelzen; Chöre werden zu dramatischen Akteuren. Die Dichtung der Oper speist sich aus vielen Quellen: Wagner formt seinen Lohengrin aus deutscher Geschichte, Erzählungen und deutschen Mythen; das Herzogtum Brabant der Oper ist Synonym für ein deutsches Reich; Wagners Nähe zur Revolution von 1848 ist bei der Deutung von Mythen und Realität zentraler Schlüssel. Seine Hoffnung, wenn  schon nicht die Menschen selbst, so möge uns Gott, Lohengrin oder Parsifal  schon auf Erden zum Heil führen, erfüllt sich nicht. Nicht in der Oper Lohengrin, nicht in irdischem Einerlei.

Theater Krefeld / Lohengrin - Telramund und Edle © Thomas Esser

Theater Krefeld / Lohengrin – Telramund und Edle © Thomas Esser

Die Krefelder Inszenierung des Lohengrin sucht diese Nähe zum modernen Alltag, zur Realität menschlichen Seins. Lohengrins Mystik wird als fremde, mit  irdischem unvereinbare Welt gezeichnet. So verbreitet Regisseur Robert Lehmeier Mystik meist nur zu den Vorspielen und im Nachspiel; zu den sphärischen Streicherklängen des ersten Vorspieles stehen Elsa und Thronfolger Gottfried als Kind pantomimisch stumm und regungslos vor den Vorhang, zum Nachspiel deutet Gottfried im dunklen Hintergrund der Bühne nackt, erwachsen, mit Schwert, erneut Erlösung an.  Die Realtät dominiert auf der Bühne. Alle Mystik verliert sich im ersten Bühnebild; doch nicht mit Wagners klassischem Heerbann, Gerichtseiche oder Rittern, sondern aus dem irdisch jetzigem Lebensalltag gezeichnet: Ein großer Saal mit halbrunder Tischformation in der Mitte, Bänke an den Seitenwänden; Bühne Tom Musch. König Heinrich (Matthias Wippich) grüßt mit elegantem wohlklingenden Timbre: „Gott euch euch, liebe Männer von Brabant, nicht müßig tat zu Euch ich diese Fahrt„. Er wie seine Gefolgsleute in modern geschäftlich glattem Outfit, Männer mit Krawatten, Frauen in Gehröcken (Kostüme Ingeborg Bernerth). Friedrich von Telramund, Johannes Schwärsky, ebenfalls in Business-Outfit, ließ schon mit seiner ersten Arie „Dank, König, dir, daß du zu richten kamst..“ aufhorchen;  sein kräftiger dramatisch lyrischer Bassbariton wurde von präziser Diktion begleitet. Gemeinsam mit dem bald folgendem, klangschönem Sopran von Izabela Matula als Elsa von Brabant, in buntem Frühlingskleid „Einsam in trüben Tagen hab ich zu Gott gefleht..“, war früh zu erkennen, daß zur Oper Lohengrin am Theater Krefeld ein unerwartet starkes Solistenensemble auf der Bühne steht. Doch, zu diesem Zeitpunkt, lagen noch drei Stunden komplexe Handlung vor Orchester, Chor und Solisten, wie auch den Besuchern.

 Theater Krefeld / Lohengrin - Telramund, Elsa, Lohengrin © Thomas Esser

Theater Krefeld / Lohengrin – Telramund, Elsa, Lohengrin © Thomas Esser

Lohengrin (Peter Wedd) erscheint aus dem geheimnisvollen Dunkel im Bühnenhintergrund in die irdische Wirklichkeit der vorderen Bühne: Der mystifizierende Schwan bleibt unsichtbar, Wirklichkeit dominiert auf der Bühne. Mit Beginn gibt Wedd dem Lohengrin mit hell kraftvoller Stimme perfekte Bühnenpräsenz: „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!…“. Alles Bühnengeschehen und Bilder betonen das Irdische, das Zwielichtige der heutigen Welt. Mystisches, Lohengrin, fremdeln darin unwirklich, fast Fremdkörper. Elsa bleibt immer die im heutigen Leben stehende Frau, welche, natürlich, die Herkunft von Lohengrin wissen will. Auch die folgenden Bildern betonen reales, gelegentlich allzu irdisches: Im Dunkel eines Vortragsraumes voller Bürostühle konspiriert Ortrud (Eva Maria Günschmann) mit dramatischem Mezzo in elegantem Zweiteiler mit Telramund, säht erste Zweifel in Elsa. Elsas folgende Hochzeit wird als Massenhochzeit zelebriert: Voll verhüllte Frauen sitzen neben in den Krieg ziehenden Männern in Kampfanzügen. Der Kampf Lohengrins mit Telramund wird nur angedeutet; der tote Telramund wird später in Rollstuhl und Leichensack auf die Bühne gerollt. Lohengrin holt kein Schwan ab, er wandert seitlich unauffällig ins Nichts, ins Außerirdische. Doch die Mystik stirbt nie wirklich: Hoffnung auf himmlische Erlösung erweckend erscheint Gottfried zum Ausklang im Bühnenhintergrund.

 Theater Krefeld / Lohengrin - Elsa und Brautchor © Thomas Esser

Theater Krefeld / Lohengrin – Elsa und Brautchor © Thomas Esser

Die große Spannung der Krefelder Lohengrin Inszenierung entsteht immer wieder aus dem griffigen Gegensatz von sphärischer Mystik zu irdisch profanem Treiben. Die wunderbare Komposition, starke Stimmen und große Bühnenpräsenz der Solisten (LohengrinsIn fernem Land, unnahbar euren Schritten“ ist ein glanzvoller Höhepunkt des Abends) und des Chores (Maria Benyumova) machen diesen Lohengrin zu einem besonderen kulturellen Ereignis am Niederrhein. Die Niederrheinischen Sinfoniker unter Mihkel Kütson, ohne große Krefelder Wagner-Tradition, verzaubern durch farbenreiche Klänge großer Romantik, auch patzte kein Trompeter im Hochzeitsmarsch. Wie sagte in der Premierenfeier ein Solist: „Einen ähnlichen Beifallsturm hat es in Krefeld seit Jahren nicht mehr gegeben.

Lohengrin am Theater Krefeld, Premiere 16.4.2017, weitere Vorstellungen 22.4.2017, 7.5.2017, 20.5.2017, 25.6.2017, 2.7.2017

 

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Krefeld, Theater Krefeld – Mönchengladbach, Premiere Maskenball, 14.01.2017

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Theater Krefeld Mönchengladbach

 

Theater Krefeld / Ein Maskenball ©Matthias Stutte

Theater Krefeld / Ein Maskenball ©Matthias Stutte

Premiere Maskenball Samstag, den 14. Januar um 19.30 Uhr im Theater Krefeld.

Das Musiktheater in der Regie von Andreas Baesler Giuseppe Verdis Ein Maskenball als modernen Politkrimi auf die Bühne des Theaters Krefeld.

Durch die aktuelle Präsidentschaftswahl in den USA blickt derzeit die ganze Welt auf den
„Mieterwechsel“ im Weißen Haus. Auch die Krefelder Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Oper Ein Maskenball führt direkt in die amerikanische Machtzentrale: ins Oval Office. Regisseur Andreas Baesler und sein Bühnenbildner Hermann Feuchter haben hier die Handlung für ihre Inszenierung lokalisiert.

Theater Krefeld / Ein Maskenball © Matthias Stutte

Theater Krefeld / Ein Maskenball © Matthias Stutte

Ein mächtiger Herrscher im Teufelskreis von politischer Vernunft und erotischem Verlangen, der letztendlich zum Mordopfer politischer Intrigen und eifersüchtiger Rache wird, steht im Mittelpunkt von Verdis Oper. Ursprünglich hatte der Komponist bei diesem 1859 in Rom uraufgeführtem Werk die historischen Umstände des Mordes am Schwedenkönig Gustav III. im Blick, der 1792 auf einem Maskenball Opfer eines politischen Attentats wurde. Doch die Zensurbehörde verbot die Darstellung eines Königsmords auf der Bühne und so wurde die Handlung kurzerhand nach Amerika verlegt, aus dem schwedischen König wurde ein amerikanischer Gouverneur.
Andreas Baesler geht noch einen Schritt weiter: In seiner Interpretation wird aus einem anonymen historischen Gouverneur ein neuzeitlicher Präsident der USA, der ins Spannungsfeld zwischen Liebe und Staatsraison gerät.

Theater Krefeld / Ein Maskenball © Matthias Stutte

Theater Krefeld / Ein Maskenball © Matthias Stutte

Das Gemeinschaftstheater kann für diese Produktion mit einer grandiosen Sängerbesetzung aufwarten: In der Rolle des unglücklichen Machthabers Riccardo alternieren die Tenöre Kairschan Scholdybajew und Michael Siemon. Die Partie der von ihm geliebten Amelia singen abwechselnd Janet Bartolova und Izabela Matula und deren Ehegatten Renato, der aus Eifersucht zum politischen Attentäter wird, übernimmt Bariton Johannes Schwärsky. In der Rolle der Wahrsagerin Ulrica werden Eva Maria Günschmann und Satik Tumyan zu erleben sein, Sophie Witte singt die Partie des Oscar.
Andreas Baesler hat am Theater Krefeld und Mönchengladbach bereits mehrfach gearbeitet: Er inszenierte bisher Das Gesicht im Spiegel von Jörg Widmann (2004/2005), Tod.

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