Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Tannhäuser – Galavorstellung, IOCO Kritik, 31.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg – Galavorstellung

…. Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig…

von Ingrid Freiberg

Im April 1845 vollendete Richard Wagner die Partitur des Tannhäuser „durch äußersten Fleiß und durch Benutzung der frühen Morgenstunden selbst im Winter“ und schreibt sie selbst, um den Kopisten zu sparen – mit seiner herrlichen, charaktervollen Schrift, der schönsten Musikerschrift, die es je gegeben hat. Wagner sagte zum Ende seines Lebens: „Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig…“ – und er meinte eine endgültige Fassung, hat er doch das Werk zwischen den Aufführungen in Dresden, Paris, München und Wien ständig verändert.

 Richard Wagner Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Berlin © IOCO / Rainer Maass

Es ist anzunehmen, dass Wagner für seinen Mittelalter-Minnesänger Tannhäuser ein besonderes Faible entwickelte. Denn der ist ebenso unkonventionell wie der Komponist selbst. Ein Künstler, der in einem Zwiespalt aus Erotik und heiliger Messe gefangen ist, in dessen Herzen zwei Seelen um Befriedigung buhlen: die fleischliche Lust und die religiöse Leidenschaft. Ein Künstler, dem es leicht fällt, Konventionen zu ignorieren. Mutig wie trotzig-­rebellisch sucht er nach Grenzüberschreitung, will als Künstler ein anerkanntes Mitglied der Wartburggesellschaft sein. Welcher Weg führt zum Heil, die Pilgerschaft nach Rom oder der Rückzug in den Venusberg? Zunächst in sinnlicher Liebe mit Venus schwelgend, kehrt er später auf die Wartburg zurück, in eine Welt der Kunst und der Künstlichkeit. Als Tannhäuser während des Sängerwettstreits von seiner Leidenschaft zu Venus erzählt, droht ihn die edle Gesellschaft zu töten. Elisabeth bittet für ihn und verhindert seinen Tod – sicherlich ein tolles Gefühl, als einzige Frau gegen den Männerchor „Haltet ein!“ zu schreien, und alle hören ihr zu. Einsichtig schickt ihn Hermann, Landgraf von Thüringen, zur Buße nach Rom.

Tannhäuser – Wiesbadener Fassung

Der Mensch und sein Drama, der Konflikt Tannhäusers, die Tragik der Elisabeth: Dies sind für Wagner die zentralen Themen im Tannhäuser, und dies gilt es für Uwe Eric Laufenberg zu inszenieren. Er greift vor allem Elemente der Pariser Version auf, verfasst eine ungewohnte, aber schlüssige Mischfassung, eine „Wiesbadener Fassung“. Sein Verständnis des Tannhäuser ist eine verschlankte, verdichtete Erzählung eines zwischen zwei Lebensformen hin und her gerissenen Wanderers, eine Umsetzung des Librettos von Wagner. Die subtile Inszenierung lässt die inneren Widersprüche erkennen. Der Vorhang öffnet sich: Andächtige Pilger auf langen Bankreihen sitzend sehen sich eine Videoübertragung (Gérard Naziri, Falko Sternberg) vom Petersplatz in Rom mit Papst Franziskus an. Unter ihnen Tannhäuser… Auf dem Brustkreuz des Papstes ist das Motiv des „Guten Hirten“ mit Schafen zu sehen. Weltuntergangsstimmung, Zerstörung, wilde Leidenschaften und Orgien werden im Schnelldurchlauf gezeigt: Schuld und Sühne, Fluch und Erlösung, Engel und Teufel, eine Gemengelage der widersprüchlichsten Art. Blitzartig wechselt das Geschehen. Einige Männer tanzen leichtgeschürzt oder völlig nackt und springen um die Pilger in einem lasziv posierenden Höllenballett herum… es kommt zu orgiastischen Szenerien. Die Pilger ergreifen die Flucht. Bankreihen werden je nach Bedarf umgestellt, der Venusberg wird zur Tanzfläche, auf der nackte Tanzeleven posieren. Geringfügige Veränderungen genügen, die beiden Welten zu markieren, die gegeneinander antreten: Der Venusberg, verrufen erotischer Sündenpfuhl und die Welt der Elisabeth, in der Liebe und Anbetung Bedeutung haben.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser - Galavorstellung - hier : Dirigent Patrick Lange und Andreas Schager, Tannhäuser © Marcus Klein

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser – Galavorstellung – hier : Dirigent Patrick Lange und Andreas Schager, Tannhäuser © Marcus Klein

Dazwischen Elisabeth, eine Halb-Heilige und Tannhäuser, der mehr oder weniger hilflos nach beiden Richtungen austeilt. Er strandet, von der Dauerlust gelangweilt und von der frommen Gesellschaft verfemt, im Niemandsland. Mit dem 3. Akt, einer Schneelandschaft mit Campingzelt und einem großen weißen Kreuz gelingen Laufenberg poetische Bildwirkungen. Elisabeth verharrt reglos in der Schneelandschaft, während Wolfram im kleinen Zelt die Nachtwache hält. Die Pilger kehren heim, Tannhäuser ist nicht dabei… Am Kreuz vergebens für seine unbeschadete Rückkehr betend, schreitet Elisabeth danach gebrochen, nackt wie Gott sie schuf, ins suizidale Dunkel. Tannhäuser, der zu spät kommt, berührt mit seiner „Rom-Erzählung“ rücklings auf dem Kreuz liegend… Am Ende entschwindet er in eine beeindruckende Lichtpyramide. Das sind szenisch sehr starke Momente.

Geniales Bühnenbild und überzeugende Kostüme

Das geniale Einheitsbühnenbild von Rolf Glittenberg mit einem großen, tiefen Raum und einer transparenten Rückwand, die verschiedene Lichteffekte (Andreas Frank) ermöglicht, ist der Rahmen für Pilger, Venusberg und Sängerwettstreit auf der Wartburg. Vor allem die vorzügliche Akustik der Raumgestaltung ist zu loben. Besonders ausdrucksstark ist die Gestaltung des 3. Aktes, die in einem schwarzen Kasten von einem schräg liegenden, begehbaren weißen Kreuz beherrscht wird, und wo ein kleines Zelt zu sehen ist. Die Kostüme von Marianne Glittenberg sind im 1. Aufzug gegenwartsbezogen, und während die Festgesellschaft auf der Wartburg in mittelalterliche Kostüme gewandet ist, erscheinen die Minnesänger in Ordensrittermänteln, die das Ritual betonen. Hiermit wird die Aktualität des Tannhäuser unterstützt. Das ist überzeugend.

Großartige Gäste

Albert Pesendorfer (Hermann, Landgraf von Thüringen) ist einer der prominenten Gäste des Abends. Erst mit 30 Jahren wird er Mitglied des Wiener Staatsopernchors, mit 35 singt er in Erfurt seine erste Solopartie. Seither hat sich viel getan. Sein Opernrepertoire umfasst ca. 70 Partien, vorwiegend die des Deutschen Wagner-Fachs, und er wird an große Häuser weltweit engagiert. Pesendorfer betont das Singen, er hält sich fern vom Überzeichnen. Bewundernswert ist seine gute Artikulation. Sein wohltemperierter Bass hat ein herrliches Volumen, welches diese Partie zum Leuchten bringt.

Ein weiterer internationaler Gast ist Andreas Schager als Tannhäuser. Auch bei ihm entwickelt sich die Karriere, nach langsamem Start, dynamisch schnell… 2013 bringt die Wendung: Nach zehnminütiger Vorbereitungszeit springt er unter der Leitung von Daniel Barenboim als Siegfried an der Staatsoper Berlin ein und wird so weltweit bekannt. Als erfahrener Wagner-Tenor meistert er die stimmlichen Anforderungen des Tannhäuser und stemmt diese Monsterpartie mit ausgezeichneter Technik und außergewöhnlich großer Stimme, die es ihm erlaubt, große Bögen mit endlos erscheinendem Atem zu singen. Sein „Da ekelte mich der holde Sang“ explodiert mit großer Expressivität. Mit „…Inbrunst im Herzen, wie kein Büßer noch…“ gelingt es ihm meisterlich, seine Wut über die Gegensätze zwischen ihm und den anderen Pilgern auszudrücken. Seine packende „Rom-Erzählung“ tendiert zur Exzentrik einer musikalischen Prosa. Sie erweckt die Illusion, die Erzählung sei nicht von Wagner komponiert, sondern von Tannhäuser selbst improvisiert. Schagers Stimme ist fast zu groß für das vergleichsweise kleine Haus.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser - Galavorstellung - hier : Betsy Horne als Elisabeth © Marcus Klein

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tannhäuser – Galavorstellung – hier : Betsy Horne als Elisabeth © Marcus Klein

Die europaweit verpflichtete Betsy Horne (Elisabeth) brilliert mit ihrem klaren jugendlichen Sopran, gut durchgeformt in allen Lagen, ausgestattet mit der Fähigkeit zur dynamischen und farblichen Differenzierung und einer faszinierenden Bühnenpräsenz. Es ist ein großartiges Porträt der reinen Elisabeth. Schon ihre Auftrittsarie „Dich, teure Halle, grüß‘ ich wieder“ ist fabelhaft gestaltet und zeigt unmissverständlich, wie individuell sie diese Rolle anlegt. Zu hören ist keine zurückgenommene keusche Jungfrau, sondern eine selbstbewusste Fürstentochter, die nicht nur ihren dramatischen Sopran zum Blühen bringt, sondern auch den Mut zum hüllenlosen Abgang beweist. In leiseren Passagen wie „Verzeiht, wenn ich nicht weiß, was ich beginne!“ (2. Akt) erzeugt sie eine enorme Spannung, öffnet dann aber wieder zum lauteren Klang mit angenehmem Vibrato. In dieser Inszenierung gibt es eine „doppelte“ Venus: Eine im Pelz auf nackter Haut und im eleganten Abendkleid agierend, die andere ist Jordanka Milkova, die eine dunkeltönige, satte, samtene Stimme einbringt, passend zur an dieser Stelle gewählten so genannten Pariser Fassung, Musikalisch bewältigt die attraktive Sängerin die heikle Partie der Liebesgöttin mit gut geführtem Mezzosopran, dem es aber ein wenig an Sinnlichkeit fehlt.

Sehr überzeugend entwickelt der junge Bariton Benjamin Russell seinen Wolfram von Eschenbach aus den Tugenden eines Liedsängers. Seine Stimme ist hell, gut fokussiert und verbreitet ganz ohne Druck bei klarer Diktion einen balsamischen Wohllaut. Vorzüglich die Textverständlichkeit und die Linienführung seiner Phrasierungen. Wie wohltönend elegant gesungen sein Einsatz für Freund Tannhäuser, wie lyrisch vorgetragen seine Liebe zu Elisabeth und wie atemberaubend sein „Lied an den Abendstern“, ein berührender Moment im 3. Akt. Seine sanften Lyrismen werden umjubelt. Aaron Cawley ist ein heldisch auftrumpfender Walter von der Vogelweide, ein Heißsporn, der versucht, den Sänger der Titelpartie auch als Heldentenor herauszufordern. Thomas de Vries als Biterolf, ironisch-abgeklärt, erfreut mit seinem eleganten Bariton. Unter den Minnesängern ragt er mit seiner überzeugend charakteristischen Gestaltung heraus.

Von so viel Verve und Eindringlichkeit lassen sich auch John Heuzenroeder (Heinrich der Schreiber), Daniel Carison (Reinmar von Zweter) und die stimmfrische Stella An (Ein junger Hirte) anstecken. Ihre Ensembleleistung beeindruckt. Die Nymphen und Grazien (Charlotte Dambach, Laurin Thomas, Rouven Pabst, Sacha Glachant, Veronica Bracaccini) und die Vier Edelknaben (Eunshil Jung, Hyerim Park, Isolde Ehinger, Daniela Rücker) tanzen und spielen beeindruckend und sind ebenso überzeugend auf Video nachempfunden. Der Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden kommt eine delikate Rolle zu: Attraktive Damen und Herren sind sehr ästhetisch in erotischen Nacktszenen zu sehen.

Der Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne zeigt zum wiederholten Male seine große Wagner-Affinität. Damen wie Herren, getrennt und zusammen, als Pilgerchor, als Festgäste auf der Wartburg und als Ritterchor gehören zum belebenden Part dieser Inszenierung. Differenziert und klangschön im Ausdruck, darstellerisch beweglich zeigt er ein homogenes und fülliges Klangbild.

Unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange führen glasklare Fagotte, Hörner und Klarinetten in die Ouvertüre ein und bereiten den langen Weg für eine ausgewogen dynamische Interpretation des Tannhäuser. Wenn das Anfangsthema, die Melodie des Pilgerchors einfach und schlicht anhebt und ein ruhiges Schreiten evoziert, kreist es in größter Ruhe nur um die Grundtonarten und führt in eine andere Welt. Mit den einsetzenden Celli tritt ein sehnsüchtiges Motiv hinzu. Unter Patrick Langes Leitung entfalten Orchester und Sänger eine ambivalente Klangvielfalt von dissonanten Reibungen über kurze virtuose Eruptionen – bis zum Verlöschen. Der zurückgenommene Venusberg-Rausch erklingt als von den Beteiligten selbstinszeniertes Kunstprodukt. Mit umsichtiger Dynamik, nie zu laut, immer den Sängern den Vortritt lassend, die Blechbläser, die seitlichen Logen besetzend, immer temperiert, dabei aber nie ohne Glanz, stimmt er alle Instrumentengruppen bestens aufeinander ab. Dazu die Tempi, vorwärtsstrebend, der Dramaturgie der Bühnenhandlung angepasst. Die Trompeten schmettern präzise ihre Fanfaren in den Saal, die Streicher zeigen Homogenität, die Holzbläser überzeugen.

Lang anhaltender Beifall, stehende Ovationen und große Begeisterung für einen glanzvollen Tannhäuser – Gala-Abend.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Madama Butterfly – Giacomo Puccini, 21.05.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Madama Butterfly – Giacomo Puccini

Im Reich selbstzerstörerischer Sehnsuchtsträume

von Ingrid Freiberg

Zunächst hatte der Roman Madame Butterfly des Amerikaners John Luther Long großen Erfolg, das Theaterstück von David Belasco war in der Folge am Broadway und im angelsächsischen Ausland erfolgreich. Giacomo Puccini sah das Stück in London und fühlte die „Opern-Eignung“ des sentimentalen Stoffs. Durch Puccinis melodiengetränkte Partitur und das alle Nebenhandlungen eliminerende Libretto von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa entstand ein tief berührendes Musikdrama: Stimmungsvoll, tief empfunden, ins Reich selbstzerstörerischer Sehnsuchtsträume entführend. Die Oper Madama Butterfly entstand in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts, der letzten Hochphase des weltumspannenden Kolonialismus. Puccini bettete Anleihen bei japanischer Volks­musik in seine ganz eigene italienische Tonsprache ein. In der Welt der kleinen Leute, aus der Cio-Cio-San stammt, hinterließ der „Austausch“ mit den fremden Mächten tiefe Wunden. Selbst der Skandal, der Misserfolg der Uraufführung seiner Madama Butterfly 1904 am Teatro alla Scala in Mailand, konnte Giacomo Puccini nicht von der Überzeugung abbringen, mit ihr seine „am tiefsten empfundene und stimmungsvollste Oper“ geschrieben zu haben. Er war sich sicher „eine Revanche zu bekommen“. Tatsächlich feierte er im gleichen Jahr in der Provinzstadt Brescia, was die Metropole noch verhöhnte.

Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly - Ermonela Jaho als Cio Cio San © Fadil Berisha

Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly – Ermonela Jaho als Cio Cio San © Fadil Berisha

Auch heute noch ist Madama Butterfly eine der beliebtesten und bekanntesten Opern überhaupt. Die Geschichte der fünfzehnjährigen Geisha Cio-Cio-San, die, um die verarmte Familie zu retten, 15jährig an den amerikanischen Marineoffizier B. F. Pinkerton verkauft wird, dies aber für eine legitime Ehe hält, berührt. Pinkerton sucht Amüsement und mietet eine Braut samt Wohnung für „999 Jahre“. Sie konvertiert zu seinem Glauben und wird deshalb von der Familie verstoßen. Auch nach drei Jahren der Einsamkeit sieht sie, inzwischen Mutter eines blonden, blauäugigen Jungen, sich als Madama Pinkerton und nicht mehr als Madama Butterfly. Heiratsanträge und Angebote einer erneuten Arbeit als Geisha lehnt sie ab. Denn sie ist sich sicher „un bel di vedremo“: Er kehrt zurück… nun mit amerikanischer Gattin und nur um das gemeinsame Kind in die Staaten zu holen. Dies bricht Butterfly, dem zarten Schmetterling, Flügel und Herz; sie nimmt sich das Leben. „Ehrenvoll sterbe, wer nicht länger leben kann in Ehren“, so lautet auch die Inschrift auf dem Dolch ihres Vaters.

John Dews Inszenierung erlebt ein Recycling

John Dews Inszenierung, die 2012 im Staatstheater Darmstadt höchstens Freunde des Regietheaters irritierte, erlebt im Hessischen Staatstheater Wiesbaden ein Recycling, das nicht nur die Kostüme von José-Manuel Vázquez, sondern auch die Gemälde auf der Bühne von Heinz Balthes sichtlich unbeschadet überstanden hat: die Totale einer abendlichen Bucht, Schiffe, Kraniche, das Meer, später ein Schmetterling sogar. Hübsch anzuschauen ist das einmal mehr beim Wiesbadener Gala-Abend. In der Bearbeitung von Magdalena Weingut entfaltet sich der Zauber dieses Werkes besonders eindrucksvoll.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Madama Butterfly  © Sven-Helge Czichy

Ermonela Jaho – weltweit gesucht – Cio-Cio-San

Mit der albanischen Sopranistin Ermonela Jaho kommt eine Sängerin nach Wiesbaden, der man nachsagt „sie ist zuerst und vor allem Madama Butterfly“. Die Sängerin ist zur Zeit eine der weltweit gesuchtesten Cio-Cio-Sans. So sind die Erwartungen entsprechend hoch… und werden noch übertroffen! Diesen rundum hochklassigen Gala-Abend hebt sie vokal und emotional auf ein außergewöhnlich hohes Niveau. Ihre Darstellung und ihr Aussehen sind untrennbar miteinander verbunden. Ihre Stimme klingt im ersten Akt jugendlich und lieblich. Tief ergreifend ist sie dann im verzweifelten Hoffen des zweiten Akts. Sie spinnt berückende Piani, in denen stets ihre ganze Seele mitschwingt. Nachdem sie feststellt, dass Pinkerton nicht mehr zu ihr zurückkehren wird, weichen die warmen verliebten Klangfarben der puren Verzweiflung. Zutiefst erschütternd gestaltet sie mit dramatischen, vokalen Ausbrüchen den Abschied von ihrem Sohn und die finale Selbsttötung. Diese Frau ist ein emotionales Großereignis… Ihrer Interpretation sollte eigentlich ein Warnhinweis vorangestellt werden, rechtzeitig die Taschentücher bereitzuhalten.

Schmerzlich bis zum bitteren Ende

In Verzweiflung gestürzt wird sie von Vincenzo Costanzo (Pinkerton), der rollenbedingt nicht den leichtesten Stand beim Publikum hat. Er zieht das Publikum dennoch schnell in seinen Bann. Überzeugend gibt er den machohaften Amerikaner, der in dieser Produktion von Anfang an dem Whisky zuspricht. Dass seine Stimme nur zu Beginn leicht angestrengt klingt, verdankt er seiner guten Technik. Sie erlaubt ihm sehr bald strahlende Höhen, betörend schöne Decrescendi- und Pianopassagen und ein schmerzlich zu Herzen gehendes „Butterfly, Butterfly …“.

An Cio-Cio-Sans Seite leidet Silvia Hauer als treue Dienerin Suzuki mit glühend starker Präsenz. Ihren in allen Lagen herrlich ansprechenden Mezzo und ihre starke Bühnenpräsenz setzt sie herzergreifend ein. Sie kommen besonders im Duett mit ihrer Herrin brillant zur Geltung. Sehr spannend ist das Duell zwischen Pinkerton und Sharpless. Der ausdrucksstarke Benjamin Russell (Sharpless) kann dramatische Ausbrüche mit Furor glaubhaft gestalten, aber auch weich und nachdenklich im flüsterzarten Piano singen. Das ebenso elegante wie warme Timbre seiner Stimme ergänzt die Interpretation ideal. Er positioniert sich vom ersten Ton an als herzensguter Mann, der Pinkertons Absichten durchschaut und ablehnt. Ganz distinguiert versucht er, auf Butterfly einzugehen.

Erik Biegel (Goro) ist ein hyperaktiver, schmieriger Heiratsvermittler. Daniel Carison (Fürst Yamadori) wirbt mit strömenden Bariton erfolglos um Cio-Cio-San. Als elegante, weich und voll klingende Kate Pinkerton tritt Lena Naumann hervor. Mit bösen Einwürfen, die Verstoßung Cio-Cio-Sans aus der Familie verkündend, lässt Doheon Kim (Onkel Bonzo) seinen Bass kräftig und klangschön strömen. Mit John Holyoke (Der kaiserliche Kommisar), Ayako Daniel (Mutter von Cio-Cio-San), Eunshil Jung (Die Base) und Yeonjin Choi (Die Tante) sieht man sich einem mitreißenden Sängerensemble gegenüber. Einen herzlichen Extraapplaus erhält Vanessa Ünver (Kind).

Der Chor des Hessischen Staatstheaters unter der Leitung von Albert Horne überzeugt in seiner Geschlossenheit: Punktgenau werden die Personen geführt und mit dem Intermezzo vor der Finalszene „Voci misteriose a bocca chiusa – Summchor“ brilliert er ganz besonders.

Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Wiesbaden / Madama Butterfly © Sven-Helge Czichy

Mit Zeit und Ruhe für herrliche Puccini-Bögen kostet Christina Domnick (Musikalische Leitung) die großen Emotionen des Werks wunderbar aus. Die Musiker beweisen dabei Sinn für das breite Farbspektrum in vielfältigen Facetten: etwa in den seufzenden Streichern, die im Intermezzo mit den Figuren regelrecht weinen. Selbst in den dramatischeren Momenten geht weder der Dirigentin noch dem Orchester die Dynamik durch; eine bestechende Balance zwischen Stimmen und Instrumenten zeichnet den Abend aus. Die Kontraste zwischen hartem tragischem Sound und duftig fließendem Melos werden bis zur Schmerzgrenze, bis zum bitteren Ende stark herausgearbeitet.

Lange Stille nach dem letzten, schneidend dissonanten Akkord im ausverkauften Haus gefolgt von tosendem Applaus…

  Butterfly  – Opern Air – Auf Großbild Leinwand – Wieder am 16.6.2019

Für Opernenthusiasten, die nicht das Glück hatten, eine Karte zu ergattern und  nicht die Live-Übertragung aus dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden auf Großbild-Leinwand verfolgen konnten: Am 16.6.2019 wird Butterfly erneut Open Air – auf der Großbildleinwand übertragen. Die Zuschauer / Zuhörer können dann auf Picknick-Decken  die Oper in Stereo und höchster Qualität genießen; zudem ist das “Wiesbaden Opernpicknick” kostenfrei.

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