Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew, IOCO Kritik, 10.12.2018

Dezember 10, 2018 by  
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Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Die Liebe zu den drei Orangen – Sergej Prokofjew

Lachen als Heilmittel – nicht nur für kranke Prinzen, sondern auch für Opernbesucher aller Altersklassen: Axel Ranisch verpixelt an der Staatsoper Stuttgart Prokofjews Die Liebe zu (den) drei Orangen zu einem veritablen und mitreißenden Computerspiel und spielt so mit dem Möglichen und dem Unmöglichen, den Grenzen und dem Grenzenlosen der Oper, des Theaters – ja des Lebens

Von Peter Schlang

Der menschliche Alltag und die daraus entstehende Lebenserfahrung lehren, dass es verschiedene Ursachen für die Freude und erst recht das daraus resultierende Lachen gibt. Die Schadenfreude wird dabei gemeinhin als die moralisch verwerflichste Form angesehen; bezüglich ihrer befreienden, positiven Wirkung auf die von ihr befallenen Menschen dürfte sie aber auf einer entsprechenden Skala wohl weit oben rangieren.

Die Liebe zu den drei Orangen  – Sergej Prokofjew
Youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart
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Dies lässt sich nicht nur im menschlichen Alltag immer wieder unter Beweis stellen, sondern seit 1921 auch in Sergej Prokofjews skurriler Märchenoper Die Liebe zu den drei Orangen beobachten. In ihrem, vom Komponisten nach einer Vorlage des italienischen Komödiendichters Carlo Gozzi selbst erstellten Libretto findet ein an „Lachhemmung“ und in der Folge davon auch an vielerlei psychosomatischen Störungen leidender Prinz sein Lachen nicht durch allerlei gut geplante Späße des aus Carlo Goldonis Diener zweier Herren bekannten Spaßmachers Truffaldino wieder, sondern durch ein blödes Missgeschick, bei welchem die ihm und seinem königlichen Vater feindlich gesinnte Zauberin Fata Morgana stürzt. Darüber tief erzürnt, übt die Zauberin eine für ihren Berufsstand typische Form der Rache und „verurteilt“ den Prinzen dazu, sich in drei Orangen zu verlieben, was dem an seinen Vater gefesselten Sohn in Wahrheit aber dazu verhilft, sich von diesem zu befreien und (zu) sich selbst zu finden.

Nach allerlei Erschwernissen und Abenteuern, die nicht nur in der Natur der Sache liegen, sondern durch Fata Morgana verursacht und verschärft und durch deren Gegenspieler, den dem König und dem Prinzen nahestehenden Zauberer Celio, wiederum abgeschwächt werden, kann es endlich zur Hochzeit des glücklichen Prinzen mit Ninetta kommen. Diese war wie zwei andere Damen je einer der drei Orangen entschlüpft, blieb aber im Gegensatz zu ihren beiden Kolleginnen am Leben.

Unterlegt werden diese zwei Handlungsebenen – die Liebes- und Emanzipations-geschichte des ursprünglich depressiven Prinzen wird ja stark durch die genannten beiden Magier gesteuert – durch eine dritte, nämlich den Streit der Anhänger verschiedener Literaturformen. Sie befeuern die eh schon skurrile, verwirrende Handlung durch wahre Salven an literatur-, und insgesamt kunstkritischen Sottisen, welche den seinerzeitigen Richtungsstreit der italienischen Komödienfürsten Carlo Gozzi und Carlo Goldoni – beide hatten ihre große Zeit in den 60er Jahren des18. Jahrhunderts – und ihre sich dahinter verbergende Vorliebe für bestimmte literarische Formen und Mittel aufs Korn nehmen.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Carola Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Carola Wilson als Fata Morgana und Michael Ebbecke als Zauberer Celio © Matthias Baus

Die sich daraus ergebende und in der modernen Textfassung Werner Hintzes (Auf ihn bzw. sie geht auch der neue, leicht verkürzte Titel Die Liebe zu drei Orangen zurück.) noch zugespitzte, rasant-verwirrende Tragikomödie, die sich ohne Abstriche zu einem Musterbeispiel für das Spiel auf dem und mit dem Theater entpuppt, erlebte am 2. Dezember, also rechtzeitig zum Beginn der Adventszeit, in der Stuttgarter Staatsoper als dritte Neu-Inszenierung in der noch jungen Intendanz Viktor Schoners ihre Premiere.

Und Viktor Schoner und sein Dramaturgie-Team waren weitsichtig und mutig genug, zur opernreifen Umsetzung dieses alle Grenzen der Oper überschreitenden, phantasieschwangeren Stoffes ein ebenso mutiges, wildes, ja geradezu verrücktes Quintett zu engagieren. An dessen Spitze sorgt der junge, durch allerlei außergewöhnliche Arbeiten für Film und Fernsehen bestens für diese Aufgabe empfohlene Berliner Regisseur Axel Ranisch für eine wahre Flut an Bildern, Gags und Einfällen. Deren verrücktester, gleichzeitig aber auch genialster war sicher die Idee, die Oper im Jahr 2018 als Computerspiel der frühen neunziger Jahre, es trägt den reißerischen Titel „Orange Desert III“, auf die Bühne und auch an deren als riesige Projektionsfläche dienende Rückwand zu bringen. Dafür ist der Computer-Experte Till Nowak der geeignete Partner, denn ihm gelingt es nicht nur, die immerhin zweistündige Opernhandlung komplett computergerecht und widerspruchsfrei zu visualisieren und ohne jeden Bruch in die Form einer (ehemals) zeitgenössischen Computeradaption zu bringen, sondern dabei auch die erwähnten drei Handlungsebenen wie mit Geisterhand miteinander zu verweben. So durchkreuzen und vermischen sich Sphären des Phantastischen und des Realen, des Theaters und der alltäglichen Welt in einem Fort und sorgen für eine regelrechte Orgie an Aktionen und Reaktionen, welche die Möglichkeiten des Theaters und des Spiels an sich bis zum Letzten ausreizt, gleichzeitig aber auch alle Grenzen verwischt und die Sinne herrlich verwirrt.

Axel Ranisch nutzt diese Konfusionen und die weiteren, sich daraus ergebenen Möglichkeiten – oder befeuert er sie umgekehrt durch seine Ideen noch? – für seine Lust am Erzählen, am Spiel mit Überraschungen und an der Betonung des Märchenhaft-Illusionären und entzündet einen regelrechten Vulkan an grotesken Szenen, Komik und Illusionen, wie man ihn in dieser Dichte und Form auf der Bühne äußerst selten zu sehen bekommt. Denn um so etwas erleben zu können, muss man normalerweise ins (sehr gute) Kino gehen – oder eben am Computer spielen!

Wunderbare, kongeniale Erfüllungsgehilfinnen bei der Erschaffung seiner Phantasiewelt findet Axel Ranisch in seiner Bühnenbildnerin Saskia Wunsch, die nicht nur ein Bühnenbild aus drei Ebenen schafft, die sich ähnlich der Handlung ständig verschieben und vermischen, sondern dabei auch die Grenzen zwischen dem Bildschirm-Hintergrund und der Bühne verwischt, indem sie dieser und den darauf zu sehenden Aufbauten das gleiche verpixelte Ansehen verpasst wie dem auf dem übergroßen Computerbildschirm zu verfolgendem Geschehen und dessen dabei zu sehenden Figuren.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Elmar Gilbertsson als Prinz und Daniel Kluge als Truffaldino © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Elmar Gilbertsson als Prinz und Daniel Kluge als Truffaldino © Matthias Baus

Eine ähnlich phantastische Anmutung geben Bettina Werner und Claudia Irro ihren phantasievollen, unsagbar bunten und auf ganz verschiedene Kunstepochen und
-richtungen anspielenden Kostümen, mit denen sie nicht nur die Protagonistinnen und Protagonisten, sondern auch den Chor der Staatsoper Stuttgart zu charaktervollen wie schrägen Mitspielern des auf der Bühne sich entfaltenden Panoptikums machen.

Auch musikalisch bewegt sich diese Stuttgarter Produktion auf allerhöchstem Niveau, auch wenn die Musik gegen Ende der Aufführung, wenn die dramatischen, technischen und schauspielerischen Effekte kulminieren, etwas unter die Räder zu geraten droht und nicht mehr mit dem Feuerwerk an Farben, Tricks, Gags und dem dadurch entstehenden Lärm mithalten kann. Das tut aber weder dem Gesamteindruck der Aufführung noch der musikalischen Leistung der einzelnen Sängerinnen und Sänger oder der beiden großen Kollektive des Abends einen Abbruch.

Von Letztgenannten liefert das unter der besonnenen wie wagemutigen Leitung des argentinischen Dirigenten Alejo Pérez stehende Staatsorchester die sichere Grundlage für eine absolut geschlossene musikalische Darbietung. Der Dirigent und seine Musikerinnen und Musiker arbeiten dabei die zahlreichen, in der Partitur Prokofjews verborgenen komischen Elemente genauso wirkungsvoll heraus wie die vielen musikalischen Anspielungen auf Komponisten und Stile unterschiedlichster Epochen. Dabei reizt Pérez die Skala an Klangfarben und Dynamik gekonnt und mit größtmöglichem Bezug zur Bühne aus, was die Sängerinnen und Sänger, auch dank der einfühlsamen Choreografie Katharina Erlenmaiers, wunderbar ausnutzen und die von ihnen geforderten ausgeprägten Bewegungen gekonnt auf die aus dem Graben kommende Musik abstimmen, ja geradezu aus ihr heraus entwickeln.

Dies gilt nicht nur für den wie immer famosen Staatsopernchor, innerhalb dessen dem an diesem Abend am vorderen rechten Bühnenrand agierenden Männerchor der Sonderlinge, eine Mischung aus Kunstrichtern und Regie-Assistenten, der größte Anteil an Handlung wie an stimmlicher Anforderung zukommt.

Libretto und Partitur dieser sich für alle Gruppen von Zuschauern und Zuhörern bestens eignenden Oper wollen es, dass neben dem Chor auf der Bühne ein zweites Gesangskollektiv zu erleben ist, das der Solistinnen und Solisten, die allesamt an diesem Abend ihr jeweiliges Rollendebüt feiern. Sie bilden, bis auf eine Gast-Ausnahme fest zum teilweise neu formierten Haus-Ensemble gehörend, bei dieser Premiere ein Protagonisten-Ensemble der absoluten Sonderklasse.

So überzeugt Goran Juric als König mit seinem geschmeidigen, profunden Bass und seiner stimmlichen wie darstellerischen Präsenz genauso wie der alle Gefühlsschwankungen von niedergeschlagen bis manisch gekonnt ausreizende Elmar Gilbertsson als sein Sohn, also der die Handlung verursachende Prinz. Dass beide Sänger durch die neue Intendanz an das Haus am Eckensee gekommen sind, darf als ähnlicher Glücksfall bezeichnet werden wie das Engagement der an vielen Opernhäuser der Welt auftretenden Mezzosopranistin Carole Wilson als Fata Morgana. Sie gibt dieser Rolle der Zauberin genau die Mischung aus Verschlagenheit, Dämonie und Verführungskraft, die man von einer solchen Figur gemeinhin erwarten darf und überzeugt mit ihrer großen stimmlicher Verwandlungsfähigkeit genauso wie durch ihre darstellerische Wucht.

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen - hier : Daniel Kluge (Truffaldino), Matthew Anchel (Die Köchin), Elmar Gilbertsson als Prinz © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Die Liebe zu drei Orangen – hier : Daniel Kluge (Truffaldino), Matthew Anchel (Die Köchin), Elmar Gilbertsson als Prinz © Matthias Baus

Als ihr Gegenüber Celio besticht der in seinem Äußeren an einen Star-Wars-Krieger erinnernde Michael Ebbecke mit baritonalem Glanz und einem für einen Zauberer fast zu würdigen Auftreten, während der famose, sich von Rolle zu Rolle zu einem Charakterdarsteller höchster Güte entwickelnde Daniel Kluge (ein ehemaliger Aurelius Sängerknabe aus Calw) als Prinzenkumpel Truffaldino ohne Abstriche zu begeistern vermag.

Die weiteren Sängerinnen Stine Marie Fischer als Prinzessin Clarice, Aytaj Shikhalizade als Linetta, Fiorella Hincapié als Smeraldina resp. Nicoletta, Esther Dierkes als Ninetta und Sänger Shigeo Ishino als Premierminister Leander, Johannes Kammler als Pantalone, Matthew Anchel als Farfarello und Köchin, Christopher Sokolowski als Zeremonienmeister und das Kinderchor-Mitglied Ben Knotz als Serjoscha nur zu erwähnen, heißt nicht, ihre Leistung und ihren Beitrag zu diesem Opernerlebnis der Extraklasse kleinzureden.

Und so zollte das begeisterte Premierenpublikum auch ihnen wie allen ausführlicher gewürdigten Mitwirkenden begeisterten Beifall, ja, das ausverkaufte Stuttgarter Opernhaus erlebte einen Jubelsturm, wie man ihn auch beim so begeisterungs-fähigen Stuttgarter Publikum äußerst selten erlebt.

Und wenn man seinen Blick kurz von den auf der Bühne feiernden und gefeierten Künstlerinnen und Künstlern abwandte und zur Intendanten-Loge im ersten Rang schweifen ließ, konnte man dort einen zufrieden lächelnden Victor Schoner sehen, der mit dieser Produktion einen weiteren herausragenden Erfolg seiner noch jungen Intendanz verbuchen darf.

Die Liebe zu den drei Orangen an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen 14., 17. und 19. Dezember 2018, 04. und 11. Januar sowie am 09., 14. und 22. April 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Wiederaufnahme La Bohème, ab 16.12.2018

November 27, 2018 by  
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Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

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Mimì und Rodolfo sind zurück

Cornelius Meister dirigiert alternierend mit Thomas Guggeis die Wiederaufnahmeserie von Puccinis La Bohème ab 16. Dezember

Drei Nachmittagsvorstellungen von La Bohème in der Spielzeit 2018/19

Am Sonntag, 16. Dezember 2018, kehrt Giacomo Puccinis Meisterwerk La Bohème in der Inszenierung von Andrea Moses mit einer Doppelvorstellung (um 14.30 Uhr und 19 Uhr) im Bühnenbild des Streetart-Künstlers Stefan Strumbel auf die Stuttgarter Opernbühne zurück.

Unter der Musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Cornelius Meister, der alternierend mit Kapellmeister Thomas Guggeis dirigiert, erwartet das Publikum bei dieser Wiederaufnahme erneut ein Fest des Stuttgarter Solistenensembles in fast ausschließlich neuer Besetzung:

Olga Busuioc, seit dieser Spielzeit im Ensemble der Staatsoper Stuttgart, gibt als Mimì ihren Einstand. Sie alterniert mit Esther Dierkes, die in dieser Partie debütiert. Josefin Feiler, Aoife Gibney und Beate Ritter schlüpfen abwechselnd in die Rolle der Musetta. Pavel Valuzhin und David Junghoon Kim verkörpern Rodolfo, Johannes Kammler und Jarrett Ott übernehmen jeweils in einigen Vorstellungen die Partie des Marcello. Adam Palka und Goran Juri? sind als Colline zu erleben. Andrew Bogard singt die Partie des Schaunard.

Vorstellungen
16. (nm + abd) / 18. / 26. (nm + abd) Dezember 2018
13. (nm + abd) Januar 2019
11. / 30. April 2019

Musikalische Leitung Cornelius Meister / Thomas Guggeis
Regie Andrea Moses
Bühne Stefan Strumbel
Co-Bühnenbildnerin Susanne Gschwender
Kostüme Anna Eiermann
Licht Reinhard Traub
Dramaturgie Thomas Wieck, Moritz Lobeck
Chor und Kinderchor Manuel Pujol
Rodolfo Pavel Valuzhin / David Junghoon Kim
Schaunard Andrew Bogard
Marcello Johannes Kammler / Jarrett Ott
Colline Adam Palka / Goran Juri?
Benoît Matthew Anchel
Mimì Olga Busuioc / Esther Dierkes / Vlada Borovko
Musetta Josefin Feiler / Aoife Gibney / Beate Ritter
Oper am helllichten Tag

Für alle Opernbegeisterten, die gerne bei Tageslicht in die Oper fahren möchten, bieten die Nachmittagsvorstellungen auch in dieser Spielzeit wieder entsprechende Möglichkeiten:

Alle Nachmittagsvorstellungen der Staatsoper Stuttgart 2018/19
16.12.2018, 14.30 Uhr                    La Bohème
26.12.2018, 14.30 Uhr                    La Bohème
29.12.2018, 14 Uhr                          Il barbiere di Siviglia
13.01.2019, 14.30 Uhr                    La Bohème
10.02.2019, 14 Uhr                          Il barbiere di Siviglia
24.02.2019, 14 Uhr                          Les Contes d’Hoffmann
12.05.2019                                         Iphigénie en Tauride
30.06.2019                                         Der fliegende Holländer

Karten
Telefonisch und per E-Mail +49 711 20 20 90
tickets@staatstheater-stuttgart.de
Montag bis Freitag 10 bis 20 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr

An der Theaterkasse : Königstraße 1D (Theaterpassage), 70173 Stuttgart
Montag bis Freitag 10 bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr

—| Pressemeldung Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Die Liebe zu drei Orangen – Sergej Prokofjev, 02.12.2018

November 6, 2018 by  
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Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

  Die Liebe zu drei Orangen – Sergej Prokofjew

Premiere Sonntag, 02. Dezember 2018, 18 Uhr, weitere Vorstellungen : 05. / 14. / 17. / 19. Dezember 2018  – 04. / 11. Januar 2019 – 09. / 14. / 22. April 2019

– Von einem Prinzen, der nicht lachen kann –

Axel Ranisch inszeniert Die Liebe zu drei Orangen als Familienoper, Alejo Pérez dirigiert

Am Sonntag, 02. Dezember 2018, feiert Sergej Prokofjews Die Liebe zu drei Orangen Premiere im Stuttgarter Opernhaus. Der junge Berliner Filmemacher, Tatort-, Löwenzahn-, Theater- und Opernregisseur Axel Ranisch wird die skurrile Märchenoper für die ganze Familie in deutscher Sprache in Szene setzen. Die Musikalische Leitung übernimmt Alejo Pérez. Der argentinische Dirigent war jüngst in Stuttgart bei Cherubinis Medea am Pult des Staatsorchesters zu Gast und wird ab der Spielzeit 2019/20 Generalmusikdirektor der Flämischen Oper Gent / Antwerpen.

Prokofjews Oper handelt von einem Prinzen, der nicht lachen kann. Er wird schließlich zwar geheilt, gleichzeitig aber auch dazu verdammt, sich in drei Orangen zu verlieben. Im Mittelpunkt der Neuproduktion stehen der Staatsopernchor Stuttgart sowie die Sängerinnen und Sänger des Stuttgarter Solistenensembles: So sind unter anderem die neuen Ensemblemitglieder Goran Juric als Kreuz-König / Herold und Johannes Kammler als Pantalone zu erleben. Stine Marie Fischer singt erstmals Prinzessin Clarice. Aytaj Shikhalizade, Fiorella Hincapié und Esther Dierkes geben ihre Debüts als verzauberte Prinzessinnen Linetta, Nicoletta und Ninetta. Neu zum Ensemble gehört auch der isländische Tenor Elmar Gilbertsson, der alternierend mit Ensemblemitglied Kai Kluge den Prinzen verkörpert und sich mit Truffaldino – interpretiert von Ensemblemitglied Daniel Kluge – auf die abenteuerliche Suche nach den drei Orangen begibt.

Für Axel Ranisch und sein Team steht bei dieser vorweihnachtlichen Neuproduktion die Lust am Erzählen, am Märchenhaften und am Überraschenden im Vordergrund. Der Regisseur setzt dabei nicht nur auf seine eigene Fabulierkunst, sondern gibt gemäß seiner eigenen künstlerischen Biografie auch der Video- und Computerspielästhetik Raum, um Die Liebe zu drei Orangen als unterhaltsame, komische, melancholische und märchenhafte Produktion für die ganze Familie auf die Bühne zu bringen.

Hinweis : Am Samstag, 17. November 2018, laden Regisseur Axel Ranisch und das Sängerensemble interessierte Opernbesucherinnen und –besucher zu einer öffentlichen Probe von 9.45 bis 11.30 Uhr ins Opernhaus ein. Die Probe findet mit Klavierbegleitung statt. Im Anschluss an die Probe findet ein Publikumsgespräch im Foyer I. Rang statt. Der Eintritt zur öffentlichen Probe ist frei. Kostenlose Platzkarten sind ab sofort an der Theaterkasse (Theaterpassage) oder unmittelbar vor der öffentlichen Probe an der Veranstaltungskasse im Opernhaus erhältlich.

Musikalische Leitung Alejo Pérez / Christopher Schmitz (19.12.2018), Regie Axel Ranisch, Bühne Saskia Wunsch, Kostüme Bettina Werner, Claudia Irro, Licht Reinhard Traub, Dramaturgie Ingo Gerlach, Video Till Nowak, Chor Manuel Pujol,

Der Kreuz-König / Der Herold   Goran Juric, Der Prinz Elmar   Gilbertsson / Kai Kluge, Prinzessin Clarice Stine Marie Fischer, Leander Shigeo Ishino, Truffaldino Daniel Kluge, Pantalone Johannes Kammler / Dominic Große, Der Zauberer Celio Michael Ebbecke, Fata Morgana Carole Wilson, Linetta Aytaj Shikhalizade, Nicoletta / Smeraldina Fiorella Hincapié*, Ninetta Esther Dierkes, Die Köchin / Farfarello Matthew Anchel, Der Zeremonienmeister Christopher Sokolowski*, *Mitglieder des Internationalen Opernstudios

Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart, Statisterie  Staatsoper Stuttgart

 


Begleitveranstaltungen


Öffentliche Probe : Samstag, 17. November 2018, 9.45 bis 11.30 Uhr im Opernhaus Im Anschluss: Publikumsgespräch im Foyer I. Rang. Der Eintritt zur öffentlichen Probe ist frei. Kostenlose Platzkarten (für Parkett und I. Rang) sind ab sofort an der Theaterkasse (Theaterpassage) oder unmittelbar vor der öffentlichen Probe an der Veranstaltungskasse im Opernhaus erhältlich.

Einführungsmatinee : Sonntag, 18. November 2018, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Konzeption der Neuinszenierung.

Einführungen : Eine Einführung vor jeder Vorstellung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

—| Pressemeldung Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Erdbeben.Träume – Toshio Hosokawa, IOCO Kritik, 08.08.2018

Juli 8, 2018 by  
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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

 ERDBEBEN.TRÄUME  – Uraufführung

Oper – Toshio Hosokawa, Libretto – Büchner- und Kleist-Preisträger Marcel Beyer, nach Heinrich von Kleists Novelle   Das Erdbeben in Chili

Von Peter Schlang

Wer die sieben Jahre Intendanz Jossi Wielers an der Stuttgarter Staatsoper aufmerksam verfolgt hat, durfte wenig erstaunt gewesen sein, dass sich der zusammen mit seinem langjährigen Regiepartner Sergio Morabito auch Regie führenden Opernchef 2018 nicht mit einem der gängigen Kassenschlager von seinem Amt und dem in sieben starken Jahren von seinem sensibel und wählerisch erzogenen Opernpublikum verabschieden wollte.

– Die Macht von Bildern und Musik, aber auch der Demagogen –

Stattdessen forderte das anspruchsvolle wie erfahrene Regie-Duo die Stuttgarter Musikfreunde – und die Opernwelt – mit einer mit Spannung erwarteten Uraufführung, welche Folge und Gegenstand eines Werkauftrages der Stuttgarter Oper an ein höchst prominentes Autorengespann war: Der aktuell  wohl berühmteste japanische Komponist Toshio Hosokawa lieferte für Erdbeben.Träume die Musik, für welche der Büchner- und Kleist-Preisträger Marcel Beyer auf der Basis von Heinrich von Kleists, 1807 bzw. 1810 erschienener Novelle Das Erdbeben in Chili, die wiederum implizit auf das für das vor-industrielle Europa zum Unglücks-Topos gewordene Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 verweist, ein stark lyrisch geprägtes, wortmächtiges, höchst zeitbezogenes und in sich schon fast musikalisches Libretto verfasst hat.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier: Schiko Hara als Philipp © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier: Schiko Hara als Philipp © A.T. Schaefer

Der Titel Erdbeben.Träume erklärt sich u. a. damit, dass das Autorenduo die Handlung der Kleist‘schen Novelle nicht eins zu eins und damit chronologisch auf die Bühne stellt, sondern von deren Ende her erzählt. Zudem fügen Komponist und Librettist als Erzählmedium die stumme Rolle des wie bei Kleist vor einem aufgehetzten und aufgebrachten Mob geretteten Sohnes des von eben dieser Volksmenge gelynchten Elternpaares Josephe und Jeronimo ein.

Dieser inzwischen achtjährige Philipp verlangt von seinen Adoptiv-Eltern Elvire und Fernando Auskunft über seine Herkunft und das Schicksal seiner leiblichen Eltern. Die so entstehende Schilderung bzw. Aufklärung erlebt Philipp nun in seinen Träumen quasi nach, wobei der so informierte Junge das neu Erfahrene unermüdlich kommentiert, erläutert, bricht und spiegelt.  Die phantastische japanische, am Schauspielhaus Hamburg engagierte Schauspielerin Sachiko Hara übernimmt dies mit nie nachlassender körperlicher und mimischer Präsenz und in einer Eindrücklichkeit und Dichte,  dass das Premierenpublikum wie gebannt dieser  „Life-Handlung im Rückblick“ auf der Opernbühne folgt.

Dieser phänomenale, wie andere Stilmittel dieser Oper aus dem traditionellen japanischen No-Theater entlehnte Rollenkniff entpuppt sich nicht nur als mitreißendes dramaturgisches Element, sondern verstärkt sowohl die literarische als auch die musikalische Vorlage in einer unter die Haut gehenden, ja fast bedrohlichen Weise und rückt die Aufführung in die Nähe des Dokumentarischen. Mitunter wird daraus gar beinahe ein realer, äußerst medientauglicher Plot, der die Dimensionen und Folgen dieses gesellschaftlichen (Erd-)Bebens so drastisch schildert, dass man versucht ist, dem zweiten Teil des Operntitels die Vorsilbe „Alb“ voranzustellen.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier: Sachiko Hara als Philipp, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Josefin Feiler als Constanze, Ensemble © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier: Sachiko Hara als Philipp, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Josefin Feiler als Constanze, Ensemble © A.T. Schaefer

Der 1955 im damals noch viel stärker atomar verseuchten Hiroshima geborene  Toshio Hosokawa und der erfahrene Gegenwarts-Chronist Marcel Beyer belassen es jedoch nicht bei einer sanften thematischen und dramaturgischen Anpassung des Kleist‘schen Novellenstoffes an die Gegenwart, sondern arbeiten ganz bewusst starke Aktualitätsbezüge wie die durch den Tsunami 2011 ausgelöste Atomkatastrophe von Fukushima, nationalistische und populistische Ausgrenzungs- und Verurteilungsversuche in vielen Ländern der Erde oder gar die jüngeren Völkermord-Szenarien in Ruanda, Bosnien-Herzegowina oder Myanmar in ihre Handlung ein. Und am Premierenabend stellte sich beim Rezensenten zusätzlich ein ganz flaues Gefühl in der Magengegend ein,  wenn er an die zur selben Zeit laufenden aberwitzigen Versuche bayrischer Provinzfürsten dachte, bei uns Schutz und Hilfe suchende Flüchtlinge zu kriminalisieren und genau solch demagogisch-populistischen Kleinst-Gehirnen auszuliefern, deren krankes Gedankengut sich eben auf der Opernbühne so realitätsnah ausbreiten und Hilflose zum Opfer machen durfte. Damit lassen uns die  Schöpfer von Erdbeben.Träume in einen Spiegel schauen, in dem wir alle Urängste und Albträume der Menschen entdecken. Es ist ein Spiegel, in dem die zerstörerische Ur-Gewalt der Natur ebenso sichtbar wird wie jene den Menschen innewohnende  Gewalt.  Und in einigen, allerdings sehr seltenen Stellen kann man sogar eine Spur von Hoffnung an eine der Menschheit immerhin mögliche friedliche Zukunft erkennen – auch wenn dieser Glaube bei Wieler/Morabito eher ein Fünkchen als ein Feuer zu sein scheint.

Dass dies alles so beängstigend und aufrüttelnd gelingt, ist nicht zuletzt der ungeheuer subtilen und sorgfältigen Personenzeichnung und –führung der beiden Regisseure zu verdanken, die sich hier erneut als unangefochtene Meister der Psychologisierung und Hervorhebung von Charakteren zeigen. Dies gilt nicht nur für die schon erwähnte Rolle des stumm agierenden Philipp und die der anderen Solisten, sondern auch und erst recht für die beiden die Oper entscheidend prägenden Gesangs-Kollektive. Das sind bei dieser ohne Einschränkung erstklassigen Produktion der erneut phänomenal agierende und sich für eine weitere Auszeichnung als Chor des Jahres empfehlende Staatsopernchor und der nicht minder überzeugende, durch Mitglieder des Knabenchors Collegium Iuvenum Stuttgart verstärkte Kinderchor der Stuttgarter Oper.

Beide, von Christoph Heil phänomenal vorbereitet und geleitet, vollbringen nicht nur sängerische Glanztaten, sondern liefern auch  wieder einmal darstellerische Höchstleistungen, die – siehe oben – Furcht und Grauen unausweichlich und greifbar werden lassen. So trägt die von den jungen Sängern verkörperte „Sadistische Gang“ deutliche Züge politischer Jugendorganisationen wie etwa der nationalsozialistischen Hitlerjugend oder der 1994 in Rwanda maßgeblich am  Völkermord an den Tutsi beteiligten Miliz  „Interahamwe“ und lässt einen fast an der positiven zivilisatorischen Prägbarkeit mancher Jugendlicher zweifeln. Solche Assoziationen und  weitere aktuelle Bezüge stellen sich auch durch eine Vielzahl szenischer Zitate und Bilder ein, die wie gewohnt von den beiden Regisseuren gekonnt und subtil in ihre Inszenierung eingestreut werden. So etwa, wenn der künftige Pflegevater Fernando dem toten  Jeronimo dessen die Massaker überlebendes Kind, eben den später stummen, träumenden Philipp, aus den Armen nimmt oder  wenn nach einem pogromartigen Tumult eine einsame Kippa auf dem Boden zurückbleibt.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier : Dominic Große als Jeronimo, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Sachiko Hara als Philipp, Kinderchor der Oper Stuttgart, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier : Dominic Große als Jeronimo, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Sachiko Hara als Philipp, Kinderchor der Oper Stuttgart, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben © A.T. Schaefer

Kongenial unterstützt werden die beiden Autoren dieses aufrüttelnden Musiktheater-Abends und die zwei Regisseure seiner Uraufführung durch die Ausstatterin Anna Viebrock, die Wieler/Morabito seit vielen Jahren eng verbunden ist und das Stuttgarter Opern-Publikum mit vielen herausragenden Arbeiten auf nicht immer alltägliche Wahrnehmungsspuren geführt hat.

In ihr aktuelles Bühnenbild hat sie einen ebenfalls aus der No-Tradition stammenden,  Hashigakari genannten Steg übernommen, über den die Schauspieler zwischen Haupt- und Nebenbühne wechseln. Er wird so zur Brücke zwischen Traum und Übernatürlichem einerseits  und Alltag und Realität andererseits. In diesem wie immer bei Viebrock äußerst wirkungs- wie eindrucksvollem Bühnenkosmos ist der Steg Teil einer vom Erdbeben verwüsteten Stadtlandschaft, die nicht nur den Orchestergraben weit überragt, sondern selbst zum szenischen-psychologischen Zitat wird und so das Seelenleben der auf und in ihr Lebenden spiegelt.  Auf dieser, sich manchmal hebenden und senkenden kalten Betonwüste leben die Protagonisten ihre zwischen Angst, Verstörung, Einsamkeit, Gewalt, Aggression  und Hass changierenden Gefühle ungehindert aus. So werden das Erdbeben und seine physischen Folgen auch zur Chiffre für die nicht zu bremsenden Kräfteverschiebungen, die auch  eine ganze Gesellschaft und deren bisherige Strukturen zum Einsturz bringen können.

Die musikalische Leitung dieser Produktion liegt in den bewährten Händen des ebenfalls seit langem eng mit dem Regie-Duo  zusammenarbeitenden und sich auch zum Ende dieser Spielzeit aus Stuttgart verabschiedenden Generalmusikdirektors Silvain Cambreling, der am Tag nach der Uraufführung seinen 70. Geburtstag feiern durfte. Ihm gebührt auch das große Verdienst, in seinen sechs Stuttgarter Jahren das Publikum nicht nur behutsam an die zeitgenössische Opernmusik herangeführt zu haben, sondern diesem zusammen mit den anderen Mitgliedern des Regieteams auch etliche unvergessliche  Ur- bzw. Erstaufführungen moderner Opern beschert zu haben. Souverän und gelassen leitet er das an diesem Abend besonders motiviert wie konzentriert agierende Staatsorchester durch die komplexe Partitur Hosokawas, die Musik von höchster Qualität, ja manchmal geradezu auf Delikatess-Niveau bereithält. Orientiert an der Naturmystik und den damit zu assoziierenden Klängen, breiten Komponist wie ausführende Musiker eine faszinierende und jederzeit verständlich-hörbare Klangwelt mit einer farbenreichen, die Situationen und Stimmungen eindrucksvoll unterstreichenden musikalischen Formensprache aus.

So vernimmt der aufmerksame Hörer nicht nur  den Wind und das durch diesen verursachte Rauschen der Bäume und des  Meeres, sondern die Musik vermittelt ihm auch einen Einblick in die (Seelen-)Zustände der Umwelt und der darin angesiedelten Menschen. Dies wird neben anderen modernen wie konventionellen Stilmitteln der Oper vor allem  durch drei längere Orchestermonologe ermöglicht, die der Komponist in sein knapp zweistündiges, ohne Pause aufzuführendes Werk einfügt und  die auf ihre je eigene Art und durch eine sehr differenzierte Klangsprache die Handlung fortführen und kommentieren und so ganz eigene Szenen und Bilder entstehen lassen.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier: Torsten Hofmann als Pedrillo, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben, Kinderchor der Oper Stuttgart, Mitglieder des Staatsopernchores © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier: Torsten Hofmann als Pedrillo, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben, Kinderchor der Oper Stuttgart, Mitglieder des Staatsopernchores © A.T. Schaefer

Die drei Sängerinnen und vier Sänger der ihnen vom Komponisten, wie weiland von Wolfgang Amadeus Mozart praktiziert, präzise auf den Leib bzw. auf die Stimme geschriebenen Rollen füllen diese nicht nur mit Bravour, sondern mit einer ungeahnten, unter die Haut gehenden Intensität aus, dass einen – wie bei der Josephe Esther Dierkes‘ der Elvire Sophie Marilleys, der Constanze Josefin Feilers, dem Jeronimo Dominic Großes und dem Fernando André Morschs – offenes Mitleid und äußerste Angst befällt. Umgekehrt steigt im empathischen Beobachter blanke Wut und tiefe Abscheu hoch, wenn er hilflos das Treiben des  von Torsten Hofmann schonungslos gesungenen und gespielten und mit einem Megaphon verstärkten Pedrillo und des von Benjamin Williamson ebenso beängstigend, ja abschreckend  dargestellten Anführers der Jugendgang betrachten muss und dabei nicht weit hergeholte Parallelen zu aktuell weltweit aktiven und Fake-News produzierenden wie diese ausschlachtenden Volksverhetzern feststellt.

Mit all diesen Anspielungen, ja mit ihrer ganzen aufrüttelnden, vorerst letzten Arbeit am Stuttgarter Opernhaus schafft es das Viergestirn Viebrock, Wieler, Morabito und Cambreling, sich in Stuttgart als Vertreter einer  Regie-Theatergeneration in lebendigster und dankbarster Erinnerung zu halten, der nichts ferner liegt, als opulente, aber blutleere Wohlfühloper zu demonstrieren. Stattdessen wird von den scheidenden Stuttgarter Operngrößen erneut der unbequeme, aber unerlässliche und durch viele gegenwärtige Tendenzen  als absolut wichtig und richtig bewiesene Versuch gewagt, die Opernbühne als politisches, mindestens aber gesellschaftskritisches Instrument  und Forum zu benutzen,  um die Zuschauer im Sinne Brechts und der Aufklärung aufzurütteln und Gesellschaft  und Welt ein klein wenig humaner zu gestalten.

Das mit viel Kultur-Prominenz besetzte, ausverkaufte Stuttgarter Opernhaus, in dem man an diesem Abend aber auch außergewöhnlich vielen jungen sowie asiatischen Besuchern begegnete, quittierte das Gesehene und Gehörte  mit großer Begeisterung und lang anhaltendem stürmischem Applaus, in den sich auch nicht die geringste Spur  von Kritik oder Ablehnung mischte.

Erdbeben.Träume an der Staatsoper Stuttgart; die weiteren Termine:  6., 11., 13., 18. und 23. Juli 2018

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—