Dresden, Semperoper, Sächsische Staatskapelle – Gedenkkonzert, IOCO Aktuell, 15.02.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Daniel Harding – Henry Purcell  – Gustav Mahler

War es ein Gedenkkonzert zum 75. Jahrestag der Zerstörung Dresdens ?

von Thomas Thielemann

Daniel Harding, Jahrgang 1975, ist bereits mehrfach Gastdirigent bei Symphonie-konzerten der Sächsischen Staatskapelle gewesen. Zum Ende der Saison wird er seine Engagements in Paris und Stockholm aufgeben und ein Sabbatjahr nutzen, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen. Nachdem er bereits eine Lizenz als Verkehrsflieger erworben hat und erste Erfahrungen als Co-Pilotsammelte, wird er für ein Jahr bei der Air France als Pilot arbeiten.

Zunächst übernahm er noch einmal am 13. Februar 2020 die musikalische Leitung des Konzertes zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens vor 75 Jahren:

  • Henry Purcell:  Music for the Funeral of Queen Mary II.
  • Gustav Mahler:  Symphonie Nr. 10 (Aufführungsversion von Deryck Cooke)

In der Nacht zum 28. Dezember 1694 verstarb an den Folgen einer Pockenerkrankung die Queen Mary II. im Alter von 32 Jahren. Seit dem 11. April 1689 war sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Wilhelm III. von Oranien gekrönt worden, nachdem Beide die „Declaration of Rights“ des Konventionsparlaments akzeptierten und damit den Weg Englands zur konstitutionellen Monarchie ebneten. Als fanatische Protestantin unterstützte sie im Jahr vorher, den Sturz ihres katholischen Vaters König Jakob II., so dass nach ihrem Versterben in Pamphleten ihre Kinderlosigkeit und ihr früher Tod als Strafe Gottes gedeutet wurden. Die einbalsamierte Leiche der Königin war nach entsprechender Vorbereitung vom 21. Februar bis zum 5. März 1695 öffentlich aufgebahrt.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle Dresden mit Chor unter Daniel Harding © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle Dresden mit Chor unter Daniel Harding © Matthias Creutziger

Der Organist der Westminster Abbey und der Chapel Royal Henry Purcell (1659-1695) stellte für die Überführung  und Grablegung der Königin in der Westminster Abbey am 5. März 1695 aus seinen früheren Arbeiten sowie ergänzenden Kompositionen eine geistliche Musik, ein sogenanntes Anthem „Music for the Funeral of Queen Mary“ zusammen. Purcell, der bedeutendste englische Komponist seiner Zeit, sah für die musikalisch-allegorische Szene vier Zugtrompeten, Orgel und vierstimmigen Chor vor. Der Chor bestand aus den Stimmen Sopran, Countertenor, Tenor und Bass. Inzwischen sind eine Fülle von Arrangements und Bearbeitungen der Zusammenstellung, unter anderem mit Posaunen und Schlagwerken, entstanden. So wurde in einer elektronischen Fassung von Wendy Carlos das Anthem sogar als Titelmusik  von Stanley Kubricks Film Clockwork Orange verwendet.

Offensichtlich ist die “Funeral Music“ so besonders anrührend gelungen, weil Purcell die nur wenig jüngere Königin kannte, seit er am Hofe angestellt war und ihr alljährlich „mit betonter Liebe gearbeitete“ Geburtstagskantaten komponiert hatte. Dabei ahnte Purcell kaum, dass er bereits am 21. November 1695 36-jährig an einer Tuberkulose-Erkrankung sterben wird, und die der Queen gewidmete Trauermusik auch zu seiner Grablegung, die gleichfalls in der Westminster Abbey erfolgte, erklingen wird.

Unter der Leitung von Daniel Harding brachte der Sächsische Staatsopernchor und Musiker der Staatskapelle eine siebenteilige Fassung zu Gehör.

Mit einem gemessen-schreitender Trauermarsch in erhabenen c-Moll leiteten massive Trompeten und Posaunen, unterstützt von Pauken, die Trauermusik ein. Nahezu ohne Pause übernahm der ausgezeichnet eingestimmte Staatsopernchor mit sanfter Celesta-Unterstützung. Die Texte der folgenden drei Chorsätze für Sopran, Alt, Tenor, Bass, Trompeten und Basso continuo stammen aus dem „Buch des gemeinsamen Gebets“ nach Bibel-Zitaten:

  1. Mann, der von einer Frau geboren wird, hat nur kurz zu leben, und ist voller Elend
  2. Mitten im Leben sind wir im Tod
  3. Du kennst Herr, die Geheimnisse unseres Herzens

Mit der hohen Qualität des Chorgesangs, der Brillanz der beiden zwischen geschalteten „Canzonas“, schneller vierstimmiger Trompeten-Sätze, entwickelte sich, dank des mit Kontrast und Leichtigkeit geführtem Dirigat Hardings, der Mittelteil der Trauermusik zur wirkungsvoll gespenstigen Erscheinung. Rahmenartig erklang zum Abschluss des Anthems ein Marsch für Blechbläser und Schlaginstrumente, den Purcell ursprünglich für das Don-Juan-Schauspiel von Thomas ShadwellThe Libertine, or the Libertine Destroyed“ komponiert hatte.

Semperoper Dresden / Gedenkminute zur Zerstörung Dresdens - Sächsische Staatskapelle Dresden, Chor, Daniel Harding © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Gedenkminute zur Zerstörung Dresdens – Sächsische Staatskapelle Dresden, Chor, Daniel Harding © Matthias Creutziger

Kaum hatten die letzten Chorsänger die Bühne verlassen, ließ Harding das Adagio von Mahlers  Symphonie Nr. 10 anstimmen.

Seine zehnte Symphonie entwarf Gustav Mahler vermutlich 1910 während seines Sommeraufenthaltes im Südtiroler Altschluderbach, einem Ortsteil von Toblach. Im spartanischen Komponier-Häuschen im Pustertal fand er aber keine rechte Ruhe, denn Frau Alma hatte während eines Kuraufenthaltes in Tobelbach in der Steiermark mit dem noch jungen Architekten Walter Gropius eine Affäre begonnen. Mahler waren Briefe in die Hände gefallen, die ihn in tiefe Verzweiflung stürzten. Im August 1910 unterbrach Mahler die Komposition und reiste nach Leiden zu Sigmund Freud, um psychologische Hilfe zu erhalten So komplettierte er für seine zehnte Symphonie, außer dem Adagio, lediglich ein sogenanntes „Particell“, eine Vorform der Partitur mit reduziertem Notensystem aber ohne ausgearbeitete Instrumentierung. Der Versuch, die Arbeit an der Zehnten wieder aufzunehmen, scheiterte an der sonstigen Arbeitsbelastung Mahlers, einer USA-Reise sowie seiner gesundheitlichen Probleme.

Als Gustav Mahler am 18. Mai 1911 verstorben war, hinterließ er seiner Frau die fünf Sätze der zehnten Symphonie in verschiedenen Stadien der Fertigung: vom Particell bis zur instrumentierten  Partitur. Das Gerücht um eine letzte Symphonie des Spätromantikers als etwas mythologisch Verklärtem umschwebte das vermeintliche Werk. Es sei von einem Titan im Wissen um den nahenden Tod und der fragilen Aussicht auf das Jenseits geschaffen  worden.

Alma Mahler (1879-1964) beauftragte mehrere namhafte Komponisten, unter anderem Arnold Schönberg und Dmitri Schostakowitsch mit der Vollendung der Symphonie. Es liegen auch eine Reihe Komplettierungs-Versuche von Mahlers Zehnten, so unter anderem von Ernst Krenek (1900-1991), dem Wiener USA-Emigrant Friedrich Block, Hans Wollschläger (1935-2007), Clinton Carpenter (1921-2005) und Joseph Wheeler (1927-1977) vor. Unser sehr auf Korrektheit bedachtes Konzertbuch aus der Mitte der 1950-er Jahre schreibt zur Unvollendeten Mahlers, lediglich das ein „Adagio Fis-Dur aus der 10. Symphonie“ existiere.

Erst als die 84-jährige Mahler Witwe und Erbwalterin, die die Zehnte als “letzten Liebesbrief des Komponisten“ hütete, Aufnahmen des Orchesterpraktikers Bertold Goldschmidt (1903-1996) der Bearbeitung des britischen Musikwissenschaftlers Deryck Cooke (1879-1976) hörte, gab sie ihren Widerstand gegen eine Bearbeitung der Symphonie-Teile auf. Cooke verstand seine Rekonstruktion als Blick in die musikalische Werkstatt des Genies Mahlers. Er ergänzte auf denkbar uneitle Weise die Instrumentation, teilweise die Harmonik sowie den Kontrapunkt Mahlers, ohne seine eigene Persönlichkeit auch nur anklingen zu lassen. Nach Almas Tod tauchten im Nachlass weitere 44 Skizzen Mahlers auf. Gemeinsam mit den Brüdern Colin und David Matthes erarbeitet Cooke eine zweite „Aufführungsversion“ von Mahlers Zehnten, die er 1972 vorlegen konnte. Bis zu seinem Tode 1976 mühte sich Cooke um weitere Verbesserungen, so dass seine dritte, heute gültige Version, erst 1989 postum veröffentlicht wurde.

Semperoper Dresden / Daniel Harding und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Daniel Harding und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Der unkomplizierte Amerikaner Remo Mazzetti (Jahrgang 1957), der neben Mahlers Nachlass, Cookes Fassung, auch Carpenters und Wheelers Bearbeitungen bestens kannte, war der Auffassung , dass Cooke zu vorsichtig vorgegangen sei und legte 1995 mit Leonard Slatkin eine eigene Einspielung vor. Ihr folgte 1999 noch der Russe Rudolf Barsay, der Italiener Nicole Samale und 2010 der Israeli Yoel Gamzou. Mithin ist zu vermuten, dass eine Vollendung von Mahlers „Unvollendeter“ eine ewig unvollendete Geschichte bleiben wird.

Aber ausgerechnet in diesem Gedenkkonzert fällt konzentriertes Zuhören schwer, wenn deine Ehepartnerin, die vor 75 Jahren als fast Sechsjährige in der Nacht zum 14. Februar 1945 ausgebombt und an der Hand ihrer Mutter durch das brennende Dresden geführt worden war, neben dir sitzt. Bei ihr sind die Erinnerungen noch momentan und die Namen ihrer Spielkameraden, die im Bombenhagel umgekommen waren, noch präsent. Und so wanderten die Gedanken trotz der im Adagio wunderbar aufspielenden Musiker der Staatskapelle mit den zarten langgezogenen Streicherpassagen zum selbst erlebten, zerstörten Dresden. Aber auch Überlegungen zu den schwierigen Lebensumständen des Schöpfers dieser wunderbaren Musik mischten sich ein.

Und so passiert es, dass nach den fast dreißig Minuten des ineinandergeflochten Seins der Gedanken zunächst gar nicht das Bedürfnis blieb, nach dem Adagio weiter Musik zu hören. Möglicherweise spielte dabei auch das Wissen um die Entstehungsgeschichte des noch zu Hörenden eine Rolle.

Aber die Experimentierfreudigkeit Mahlers mit dem häufigen Taktwechsel und die rhythmische Vertracktheit des ersten Scherzos machte wieder Appetit auf mehr, zumal Harding das doppelbödig ironische betonte und auf das unangenehm Vorantreibende verzichtete. Man bekam nie ordentlich Boden unter die Füße. Die Fröhlichkeit wandelte sich zunehmend ins Bedrohliche und das Lachen zur Grimasse.

Über den ohnehin kürzesten Satz der Symphonie, dem Purgatorio, also dem Fegefeuer, trieb Harding die Staatskapelle mit fast atemberaubendem Tempo. Dieser Satz gilt bekanntlich als Reminiszenz  an das Wunderhorn-Lied „Mutter, ach Mutter! Es hungert mich, Gib mir Brot, sonst sterbe ich“ das endet „und als das Brot gebacken war, Lag das Kind auf der Totenbahr“. Diese Dramatik erdrückte von vornherein jede schöne Ausmalung.

Das Scherzo des vierten Satzes blieb deshalb auch bei Harding eher dämonisch, wobei er großartig den musikalischen Zusammenhang mit geistiger Haltung herstellte. Der Satz endete  mit Schlägen auf der gedämpften Trommel, einer Erinnerung Mahlers an eine zufällige Begegnung mit dem Begräbniszug für einen New Yorker Feuerwehrmann.

Den Finalsatz gestaltete Daniel Harding zu einem aufwühlenden Moment mit extremen Gefühlsausschlägen, die sich letztlich zu freundlich-fröhlicher Gelöstheit aufschwangen.

Damit verschaffte uns Daniel Harding mit der wunderbaren Sächsischen Staatskapelle und dem Staatsopernchor ein Spitzenkonzert, das aber erst durch die Gedenkminute und den fehlenden Beifall zum Gedenkkonzert wurde.

Ich erinnere mich noch der Zeit, als es den Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle ein Bedürfnis war, aus Achtung vor den Opfern des Bombenterrors das Konzert am 13. Februar 1945 selbst zu dirigieren. Nun sind die meisten der Angehörigen von Bombenopfern verstorben und viele Erinnerungen verblasst, so dass eine würdige Programmgestaltung inzwischen als ausreichend gelten dürfte.

—| IOCO Aktuell Semperoper Dresden |—

Lübeck, Musik und Kongresshalle, Das Wunder der Heliane – Erich Wolfgang Korngold, IOCO Kritik, 27.03.2019

MuK-Lübeck Konzertsaal © Malzahn

MuK-Lübeck Konzertsaal © Malzahn

Musik und Kongresshalle Lübeck

Das Wunder der Heliane  –  Erich Wolfgang Korngold

Wundersame Auferstehung nach neunzig Jahren

 von Michael Stange

Erich Wolfgang Korngolds Das Wunder der Heliane zeichnet sich durch fesselnde musikdramatische Dichte, hohe Expressivität und faszinierende musikalische Einfälle aus. Der individuelle musikalische Charakter und die stete Geschlossenheit der Komposition sind Meilensteine des Opernschaffens des zwanzigsten Jahrhunderts. Die opalisierenden, blutroten, flammenden Klänge, das geheimnisvoll, schleiernde Kolorit des Orchesterklanges und die gewagte und an atonales grenzende Harmonik faszinieren noch heute. Sie belegen Korngolds kompositorische Meisterschaft. Das Werk zeigt ihn auf dem Höhepunkt seiner langen, großen musikalischen Erfinderkunst. Große Musik paart sich mit Drama, Intelligenz und unwiderstehlichem Zauber.

Die Wirkung der Oper ist durchgängig packend und schlägt die Zuhörer nahezu drei Stunden in ihren Bann. Höhepunkte sind im 1. Akt in die Duette zwischen Fremden und Herrscher und Heliane und dem Fremden. Gleiches gilt für den 2. und 3. Akt. Hierzu zählen insbesondere die Richterszene, das Gottesurteil und die großen oratorienhaften Chorszenen des Schlussaktes.

Ein Grund, dass die Wiedererweckung länger als bei der Toten Stadt auf sich warten ließ, ist das Libretto. Hans Müller-Einigen ersann eine Mixtur plagiatverdächtiger Wagner-Übersteigerungen unter Hinzufügung von Andeutungen libertär erotischer Enthemmung aus seinem eigenen Werk Das Wunder des Beatus und dem Fragment des früh verstorbenen Dichters Hans Kaltneker.

MuK-Lübeck / Das Wunder der Heliane © Lutz Roeßler

MuK-Lübeck / Das Wunder der Heliane © Lutz Roeßler

Die Dreiecksgeschichte handelt von einem grausamen Herrscher, seiner ihn nicht liebenden Frau Heliane und einem Fremden. Eine Mischung aus Liebessehnsucht des Herrschers, vermeintlichem Ehebruch Helianes mit dem Fremden, Suizid des Fremden, seiner Wiedererweckung durch Heliane in einem Gottesurteil, die Tötung Helianes durch den Herrscher und der Gang Helianes und des Fremden in den Himmel bilden eine übersteigerte psychodramatische Melange. Sie ist stofflich und dramaturgisch dem Wien der Zeit vor dem 1. Weltkrieg zurechnen schon zum Zeitpunkt der Urraufführung durch die damalige Lebenswirklichkeit und die neuen literarischen Strömungen überholt.

Musikdramatisch und von der Handlung trafen die Opern Alban Bergs, Franz Schrekers, Ernst Kreneks und Paul Hindemiths viel mehr den Zeitgeist und Geschmack des Uraufführungsjahres 1927.

Nach langer Pause hat das Werk in den letzten zwölf Jahren nach konzertanten und szenischen Aufführungsserien u. a. in Kaiserslautern, Wien, Amsterdam, Berlin, Freiburg und anderenorts beträchtlich an Popularität gewonnen. Die brillante und ausgezeichnet dirigierte Aufführung aus Freiburg liegt auf CD bei Naxos vor. Die Berliner Aufführung wird im Juni auf DVD erscheinen.

Nun hat Lübeck das Werk für sich wiederentdeckt. Dort erklang es erstmals im Theater Lübeck am 1. März 1928 als siebte Aufführung und nur fünf Monate nach der Hamburger Uraufführung.

Der Verzicht auf die szenische Aufführung schadete nicht ernstlich, weil das Werk mit seiner Mysterienhaftigkeit ohnehin musikalisch viel stärker wirkt als szenisch. Ursprünglich im Theater Lübeck vorgesehen verlegte man die Aufführungen man  in die Musik und Kongresshalle Lübeck (MUK). Damit tat man sich und dem Publikum keinen Gefallen. Die Gesangssolisten waren auf einem Podium hinter dem Orchester platziert. Dies schmälerte ihre Hörbarkeit beträchtlich und verschob das Werk einseitig zu Gunsten des Orchesters. Warum man sie nicht vor dem Orchester platzierte und nicht einige Monitore im Saal für ihre Einsätze zur Verfügung stellte bzw. aus welchem Grund man statt des akustisch wesentlich besser geeigneten Theaters auf die Musik und Kongresshalle auswich blieb ein Rätsel.

Der Dirigent des Abends Andreas Wolf legte seinen Schwerpunkt auf den bombastischen und wuchtigen Korngold. Eine fesselnde Farbpalette, schwelgerische Zartheiten, das an sich auch vorhandene im Werk durchsichtige Orchesterbild einschließlich der Hörbarkeit aller Instrumente und ein ineinander übergehendes spätromantisches Klangbild wurden diesem Konzept geopfert. Dadurch rückte die Oper nahezu völlig in die Nähe der dramatischen Ausbrüche von Puccini und Wagner.

Die Choralszenen und ihre oratorienhafte Prägung des Werkes verloren damit stark an Wirkung, weil der Chor – auf der Empore stehend – oft orchestral zugedeckt wurde.

Was die Aufführung auszeichnete, waren die Solisten, die stimmlich Grandioses vollbrachten und nach dieser Aufführung alle in die erste Korngold Liga gehören. Hätte man sie vor dem Orchester platziert, wäre die Wirkung des ganzen Werkes wesentlich stärker gewesen.

Bei der Wahl der Sängerinnen und Sänger hat sich das Theater Lübeck allerdings selbst übertroffen und eine hohe Kennerschaft für Stimmen bewiesen. Ein so exquisiter Geschmack ist in Opernhäusern rar gesät.  Cornelia Ptasseks Stimme ist für die Heliane wie geschaffen. Mit weitem Atem und jugendlich dramatischem Timbre kam die Stimme mühelos über das Orchester und behielt ihre blühende Klangschönheit in jeder Phrase. Ihr silbriger, lyrisch dramatischer Sopran verfügt über immense Durchschlagskraft und über eine leuchtende blühende, metallische Höhe. Von der leidenden Gattin bis zur feurigen Geliebten stellte sie alle Facetten der Rolle mit ihrer reichen stimmlichen Farbpalette seelenvoll und ausdrucksstark dar. Wie sie die Stimme an entscheidenden Stellen vom Piano zum Forte flutete, zeugte von phänomenaler Gesangstechnik und Stimmbeherrschung. Raumgreifend, klangschön und ergreifend faszinierte sie als Heliane uneingeschränkt und vokal souverän.

Zurab Zurabishvili als Fremder ging in der Rolle völlig auf. Mit südlich betörenden Timbre und einer glänzend sicheren Höhe durchschritt er die Partie belcantesk, furchtlos feurig und mit beglückender Gestaltung. Sein berückender Stimmklang klang in allen Registern voll und saftig. Seine ausgezeichnete Textverständlichkeit bei diesem schweren Debut war beeindruckend. In den nicht wenigen lauten Passagen blieb er stets hörbar ohne die Stimme zu forcieren. Innere Anteilnahme und Calaf Töne ergaben ein exzellentes Portrait mit eigner Note und hohem stimmlichen Wiedererkennungswert. Seine sängerische Intelligenz paarte sich mit immenser Musikalität. Er ist wirklich ein Glücksfall für diese sonst oft nicht einmal adäquat zu besetzende Rolle. Hoffentlich ist er in dieser Partie bald wieder zu hören und erschließt sich neben Erik und Parsifal weitere deutsche Partien.

MuK-Lübeck / Das Wunder der Heliane - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

MuK-Lübeck / Das Wunder der Heliane – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Aris Argiris als Herrscher belegt durch die mit ihm erschienen Aufnahme, dass er heute der ideale Rollenvertreter für den Herrscher ist. Mit seiner warmen, volltönenden, dramatischen, mehrere Oktaven umfassenden Heldenbaritonstimme ist er eine der herausragenden Sängerpersönlichkeiten unserer Tage. Sein Atemstrom scheint unermüdlich. Die hohen Töne kommen völlig organisch, natürlich und balsamisch strömend. Als gefeierter Rigoletto, Amonasro und Wotan verbindet er Belcanto und dramatisches deutsches Heldenfach. Hohe Rollenidentifikation, dramatisches Feuer und seine stupende Gesangstechnik lassen ihn in seine Rollen eintauchen und sie selbst konzertante Aufführungen zu glutvollem Leben erwecken. Nicht nur sein „Weh mir, weh euch..“ sondern auch die Qual des Ungeliebten und das ganze Portrait waren von packender bewegender Wucht. Darstellerisch noch reifer und berührender als in seiner vorherigen Serie in Freiburg hat er hier seinem Repertoire eine neue Glanzpartie hinzugefügt. Selbst bei der ungünstigen Positionierung war die Stimme mühelos hörbar, was aufgrund der tiefen Stimmlage für einen Bariton an sich schon eine staunenswerte Leistung ist.

Katerina Hebelková war eine Botin mit wuchtiger Attacke und klangschönem Timbre. Taras Konoshchenkos Pförtner strömte bassselige Klänge in den Saal. Hojong Song war ein potenter Schwertrichter mit glühendem Tenor.

Es ist dem Theater Lübeck hoch anzurechnen, dass man Korngolds Heliane im Norden aufgeführt und ins Gespräch gebracht hat. Mehr Rücksicht auf Sängerinnen und Sänger bei der nächsten Produktion, bei Beibehaltung der hohen Qualität der Stimmen würden diesen Verdiensten eine noch strahlendere Krone aufsetzen.

—| IOCO Kritik Musik und Kongresshalle Lübeck |—

München, Bayerische Staatsoper, Karl V. – Oper von Ernst Krenek, IOCO Kritik, 01.03.2019

März 1, 2019 by  
Filed under Bayerische Staatsoper, Hervorheben, Kritiken, Oper

Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Karl V. – Oper von Ernst Krenek

– Der Wurm im Apfel –

von Hans-Günter Melchior

Kaiser Karl V. ist reuig. Er dankt ab, zieht sich ins Kloster San Geronimo de Yuste zurück und hält Gericht mit sich selbst. War sein hochambitioniertes Regieren, das Streben nach einem unter der Krone vereinigten Europa, eine einzige Sünde. Weil zu teuer erkauft? Hat er Luther auf dem Reichstag zu Worms zu Unrecht ziehen lassen und damit der Verbreitung des Protestantismus´ Vorschub geleistet? War das Gold aus Mittel– und Südamerika mit Blut und Tränen, mit Mord und Totschlag, also mit Unrecht verschafft und sündhaft erworben worden?

Karl V. – Oper von Ernst Krenek
youtube Trailer Bayerischen Staatsoper München mit ungewöhnlicher Einführung
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Karls geistesverwirrte Mutter schenkt dem qualvoll Reflektierenden, dem von Gewissensbissen gepeinigten Monarchen, einen Apfel. Karl stellt fest, dass darin ein Wurm ist. Der unvermeidliche Wurm in jedem menschlichen Leben.

Der Kaiser ist weder ein guter noch ein böser Mann. Er ist nichts weiter als ein abdankender Herrscher, den der Unterschied zwischen Vergöttlichung des Amtes und der Fehlsamkeit und Unvollkommenheit menschlichen Handelns bis zur Verzweiflung peinigt.

Unvollendet! – Welches Werk wäre je vollendet?

Er lässt nach seinem Beichtvater Juan rufen. Der seinen Rechtfertigungsversuchen mit Skepsis begegnet und am Ende, in Karls Todesstunde, feststellt: „Unvollendet ist sein Werk“. Welches Werk wäre je vollendet?
Was für ein die höchste Höhe anvisierendes Programm!

Bayerische Staatsoper / Karl V.  - hier :  Anais Mejias als Zweiter Geist, Bo Skovhus als Karl V. © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Karl V. – hier : Anais Mejias als Zweiter Geist, Bo Skovhus als Karl V. © Wilfried Hoesl

Krenek hat das Libretto selbst verfasst. Er setzt es als Oper – nicht als Schauspiel – in Szene. Die Oper ist ausschließlich dodekaphonisch komponiert. Die Musik kommentiert, steigt geradezu ein in die Gefühle wie in Hülsen, füllt diese aus, dass sie aufgehen wie Blüten.

Vielleicht ist es das, was die Musik so eindrucksvoll neu und spannungsreich macht: diese Aufgipfelungen, Steigerungen ins Laute und Leise, ins Aufgeregte und Versiegende, ohne mehr sein zu wollen als eben dies. Und vielleicht ist es gerade die Zwölftonmusik, die diese Steigerungen möglich macht. Weil sie sich nicht im Belcanto verliert und sich nicht selbst zu gefallen droht. Weil sie dort, wo die traditionelle Musik sich zuweilen in den Vordergrund drängt und herrscht, ja nahezu ausschließlich die Szene ausfüllt und schon die ganze Oper allein ist, sich den Ereignissen fügt und sie nachzeichnet wie mit den Pinselstrichen eines abstrakten Gemäldes. Fahl und sparsam und nicht eigentlich schön im herkömmlichen Sinn.

Kreneks Musik bescheidet sich. Als kommentierende. Manchmal schweigt sie und lässt der Sprache den Vortritt, manchmal ahmt sie deren Rhythmus nach oder gibt so etwas wie den Takt des Sprechens an.
Der Chor! Der machtvolle Chor mit vielleicht Hunderten von Akteuren. Wenn er auftrumpft, schwemmt er jeden Einwand einfach hinweg, wie aus dem Erdinnern heraustönend, dass die Knie zittern.

Und die Inszenierung. Als wäre es noch nicht genug. Die Aufführung in München ist ein Ereignis wie es schwerlich ein anderes Theater in Deutschland zustande bringen dürfte. Eine zirzensische Großtat, die beim Zuschauer Kinderaugen macht, wenn er sich nicht vor lauter Bewunderung vergisst.

Bayerische Staatsoper / Karl V. © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Karl V. © Wilfried Hoesl

Dank La Fura dels Baus. Menschenleiber hängen akrobatisch verrenkt und halb- oder ganz nackt an Schnüren von der Decke wie von einer Zirkuskuppel herab oder sind wie in einem barocken Gemälde figürlich zusammengeballt und farbig beleuchtet in einer Art Kreis vereinigt. Einfach fantastisch, in den Bann ziehend, Staunen hervorrufend. Eine einzige Faszination. Ich habe so etwas ins Surreale Gesteigertes noch nie gesehen. Mal scheint das Dargestellte in die Ursprünge der Menschheit zu verweisen, mal in ein dantisches Inferno, mal in die Anfänge der Welteroberung und der Seefahrt. Da wurde kein Aufwand gescheut, das Innere nach außen zu kehren.

Was für ein Abend! Und was für ein Sänger: Bo Skovhus, der die Partie Karls V. vertritt. Eine Glanzleistung, vergleichbar, wie er selbst – ein wenig klagend – in einem Interview sagte, der Partie des Hans Sachs in den Meistersingern. Ihm zur Seite als Beichtvater Juan: Janus Torp.
Ja, und der Chor. Du meine Güte: der Chor; der schleuderte die Emotionen unter die Decke.         Da sage noch einer, die Oper sei veraltet.       Bravo. Bravissimo. Was für ein aufwühlender Abend. Ein begeistertes Publikum.

Leider legt die Aufführung eine lange Pause ein. Man muss sie zweimal, dreimal gesehen haben, um wirklich alles gesehen zu haben.

Karl V.  an der Bayerischen Staatsoper; die weitere Vorstellung 14. Juli 2019

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Graz, Styriarte, FELIX AUSTRIA – Bilanz styriarte 2018

Juli 25, 2018 by  
Filed under Pressemeldung, Steirische Festspiele

Steirische Festspiele

Steirische Festspiele / Die fidelen Hirtenfelder auf der Bühne ©  Werner Kmetitsch

Steirische Festspiele / Die fidelen Hirtenfelder auf der Bühne © Werner Kmetitsch

FELIX AUSTRIA

Bilanz styriarte 2018

FELIX AUSTRIA ist die Quintessenz eines jahrhundertealten Verses, der dem Geschick der Habsburger huldigt, sich ein Weltreich zu erheiraten. Für die styriarte 2018 war dieses Motto Auftrag, den Glückszustand der hundertjährigen Republik Österreich zu erkunden und – vor allem – zu befördern. Dazu braucht es große sinnliche Erlebnisse, und das hat die styriarte einen großen Schritt weitergebracht in der Entwicklung festlicher Gesamtkunstwerke, von denen das große Fux.OPERNFEST den Maßstab setzte. Dabei bildete Fux’ Oper „Julo Ascanio“ in einer sängerischen Traumbesetzung, in der hinreißend feurigen Interpretation durch das Orchester Zefiro unter Alfredo Bernardini und in der aufregenden Lichtinstallation von OchoReSotto das Herzstück, um das herum ein Theaterabend mit Spielszenen und historischer Volksmusik ebenso aufgeboten wurde wie ein eigens angelegter Garten mit Gastronomie – verspielt, ironisch und prachtvoll ausgestattet wie das gesamte Fest von Lilli Hartmann, das Ganze erdacht von Karl Böhmer und in Szene gesetzt von Wolfgang Atzenhofer. Dieses Fux.OPERNFEST „Vol.1“ war der Beginn einer Reihe von Opern-Wiederentdeckungen des Steirers Johann Joseph Fux, des bedeutendsten österreichischen Barockkomponisten, dessen Werk damit eine Neubewertung erfahren wird.

Diesem Modell schlossen sich eine Reihe weiterer Feste an, die die Geschichte Österreichs immer wieder facettenreich beleuchteten und an spannenden Weichenstellungen besuchten: zum Beispiel „Ein Fest für Maria Theresia“ mit Glucks Oper „Le Cinesi“ als Zentrum. Oder das „Hochzeitsfest in Eggenberg“, bei dem man das wichtigste dynastische Ereignis der Habsburgermonarchie, das jemals in der Steiermark stattfand, tatsächlich am Originalort nachgespielt bekam: die Kaiserhochzeit zwischen Leopold I. und Claudia Felizitas.

Doch es war beileibe nicht nur monarchischer Glanz, den die styriarte 2018 zum Leuchten brachte. In einer ebenso hochgelobten wie kontrovers diskutierten Aufführung von Beethovens Freiheitsoper „Fidelio“ hatte Regisseur und Dramaturg Thomas Höft sieben AsylbewerberInnen, die ähnlich entsetzliche Erfahrungen machen mussten wie die Figuren in Beethovens Stück, von ihren Erlebnissen berichten lassen. Der vom hochenergetischen Dirigenten Andrés Orozco-Estrada mit einem herausragenden Solistenensemble und dem styriarte Festspiel-Orchester musikalisch gestaltete Abend, an dem auch ein Projektchor unter Beteiligung von MigrantInnen mitwirkte, stieß auch eine heiße Diskussion um die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Vergegenwärtigung von Kunst der Vergangenheit an.

Auch das weitere styriarte-Programm bot Reibungspunkte und sehr persönliche Sichtweisen auf Österreich. Immer wieder erinnerte Musik von Schönberg, Werbern und Berg an die österreichische Avantgarde im frühen 20. Jahrhundert. Peter Simonischek mit „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth, Karl Markovics mit „Kaiser Joseph II. und die Bahnwärterstochter“ von Herzmanovksy-Orlando und Johannes Silberschneider mit Peter Roseggers „Waldschulmeister“ unternahmen seelische Tiefenbohrungen in die österreichische Mentalität. Und Franz Schuh bot schließlich ein radikal-subjektives Schmerzensbild der letzten „Hundert Jahre Österreich“.

Wie in den vergangenen Editionen der styriarte führten erlebnisreiche musikalische Ausflüge auch in die Landschaft und an entlegene Orte. Die „Reisen durch Österreich“ mit Ernst Krenek und Musik der Knaffl-Handschrift im Museumsdorf Stübing kamen dabei noch durchaus als Spaziergang daher, aber die Wanderungen ins Gesäuse, u. a. mit der Bläserfassung von Richard Strauss’ Alpensinfonie, war denn doch eine ebenso echte Herausforderung wie einmalige Erfahrung. Und dass nach einer Pause heuer wieder das kirchenmusikalische Highlight der styriarte in der Pfarrkirche Stainz anstand, mit dem Concentus Musicus Wien und dem Arnold Schoenberg Chor unter Andrés Orozco-Estrada, begeisterte nicht nur die Traditionalisten: In einer Klangwolke sendete der ORF dieses Ereignis, Schuberts As-Dur-Messe, live ins ganze Land und via 3sat ging es in weite Teile Europas.


Die styriarte 2018 in Zahlen


42 Veranstaltungen aus 32 Projekten standen von 22. Juni bis 22. Juli auf dem Programm der styriarte 2018.

Die styriarte 2018 lief in einem Budgetrahmen von rund 2,8 Mio. EUR, wovon etwas weniger als 50 % durch Karten- und Sponsorerträge vom Festival selbst erwirtschaftet wurden. 28.600 BesucherInnen bescherten der styriarte ein Auslastungsergebnis von etwas mehr als 90 % und einen Brutto-Kartenertrag von EUR 1,2 Mio.

Unsere 308 aufgelegten Restplatzabos (175 à 5 Konzerte und 133 à 8 Konzerte) wurden komplett ausverkauft. Unser junges Kartenangebot, 50%-Preis für Leute U 27, spricht sich auch herum: Mehr als 470 BesucherInnen haben dieses Angebot angenommen.

Als Hauptsponsor ist der Raiffeisen-Landesbank Steiermark zu danken, als Subventionsgeber dem Land Steiermark, der Stadt Graz und dem Bundeskanzleramt, Sektion Kunst.

14 Veranstaltungen wurden vom ORF Hörfunk aufgezeichnet und ausgestrahlt und auch über die EBU in die ganze Welt (etwa nach China, Deutschland, Island, Norwegen, Polen, Tschechien, Serbien oder Spanien) geschickt. Die Klangwolke am 7. Juli, „Schubert in Stainz“, wurde in ORF III und in 3sat live zeitversetzt ausgestrahlt.

 

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