München, Münchner Kammerspiele, Dionysos Stadt – Christopher Rüping, IOCO Kritik, 16.10.2018

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Dionysos Stadt –  Christopher Rüping

10 Stunden Antike  –  Absturz ins Allzumenschliche

Von Hans-Günter Melchior

Wer hält heute abend durch?, fragt Nils Kahnwald im Prolog. Und wer hält überhaupt durch unter den Mühseligen und Beladenen im Zuschauerraum. Mal ehrlich, so die Frage an die Anwesenden, wer von Ihnen glaubt, in einem Jahr noch zu leben? Und wer in zehn Jahren? Und wer in 50? Schwache Meldungen. Statistisch sterben unter einer größeren Anzahl von Menschen zwei in einem Jahr, in zwei…, und so weiter.

Aber im Theater geht es um Jahrtausende. Dreitausend Jahre braucht Herakles, Prometheus zu befreien, hier gelten andere Dimensionen. Der Geist fliegt ins Weltall des Denkens. Wir aber, die Zuschauer, sind Sterbliche.

Und dann geht es los im Stück, das von 13.00 Uhr bis 23.00 Uhr dauert am Samstag, während die Sonne scheint und die Stadt im gewohnten Optimismus badet. Extravagante Gestalten auf der Maximilianstraße, international, blasiert, naserümpfend am Theater vorbei…

10 Stunden sind lang. Und viel zu kurz für das Leben, das hier aufsteigt und fällt und wieder aufsteigt und ist, wie es ist: klein und groß und so richtig – ja: wörtlich – beschissen wie der an einen Felsen gekettete Prometheus vom Adler, und dann wieder in die Höhe geschleudert vom Pathos der Sieger und Überlebenden.

Dionysos Stadt  –  Der Abend ist aufgeteilt in vier Abschnitte:

– Prometheus, die Erfindung des Menschen
– Troja, der erste Krieg
– Orestie, Verfall einer Familie
– Was hat das mit Dionysos zu tun?

Die beiden ersten Teile sind ganz großes Theater. Welttheater. Bewegend, ergreifend, anrührend. Man bebt ein wenig innerlich mit. Sprachlich auf höchstem Niveau.

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt - hier Benjamin Radjaipour als Prometheus und: Nils Kahnwald, Maja Beckmann, © Julian Baumann

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt – hier Benjamin Radjaipour als Prometheus und: Nils Kahnwald, Maja Beckmann, © Julian Baumann

1. Teil: Prometheus bringt den Menschen das Feuer

Sie werden gleichsam als freie Menschen geboren und vom Sklavenstand befreit (jedenfalls ist dies das im Stück angelegte Hoffnungsprojekt: erhabene Selbstermächtigung). Ermächtigt nämlich, sie selbst zu sein, frei: Unabhängige Forscher, Denker, Eroberer der Natur, befähigt zur Errichtung gesellschaftlicher Systeme, die Ordnung und Organisation verheißen. Und vor allem: in die Lage versetzt, sich von der Allmacht der Götter zu befreien.

Prometheus (Benjamin Radjaipour) verscherzt sich die Gunst der Götter (Zeus: Majd Feddah). Er wird an einen Felsen geschmiedet. Im Stück in einen Käfig gesperrt, der hochfährt und ihn der Erde entrückt. Ein Adler frisst seine täglich nachwachsende Leber und Milz, entleert sich über ihm, er muss sich vom Kot des Adlers ernähren. Schließlich wird er mit großer Mühe von Herakles befreit. Gegen seinen Willen in die existentiellen Zweifel menschlichen Daseins gestoßen.

Die „ersten Menschen“ werden also geschaffen (Nils Kahnwald und Wiebke Mollenhauer). Die wirklichen Menschen. In einer Jubelszene ohnegleichen lassen sich die beiden Schauspieler von der Bühne herab voller Vertrauen, eben in die Menschlichkeit der Menschen, in die ausgestreckten Arme des aufgestandenen Publikums fallen, das sie von der ersten bis zur letzten Reihe auf Händen weiterbefördert. Ein ergreifender Augenblick.

 Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt - hier die Erschaffung der ersten Menschen © Julian Baumann

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt – hier die Erschaffung der ersten Menschen © Julian Baumann

2. Teil: Der trojanische Krieg

Verwendet werden die literarische Vorlagen: die Ilias von Homer, die Troerinnen von Euripides in den Übersetzungen von Kurt Steinmann und Walter Jens, John von Düffel und Ernst Buschor.

Der Text darf als bekannt vorausgesetzt werden. Wunderbar herausgearbeitet wird in dieser Inszenierung der tiefe Fall der Menschen auf das Niveau ihres schlechten Menschseins: Grausamkeit, Blutrünstigkeit, Habgier, Rache, Ruhmsucht. Der unmenschliche Mensch verleugnet sich selbst, enttäuscht die Hoffnungen, die sich an seine Befreiung von den Göttern knüpften.

Ein großartiges Panorama historischen Verfalls. Geradezu bedeutend in der filigranen, äußerst fein- und tiefsinnigen Herausarbeitung der menschlichen Konflikte: der Streit der Frauen Helena (Maja Beckmann), Andromache (Gro Swantje Kohlhof) und Kassandra (Wiebke Mollenhauer) um Schuld und Sühne und um die Tötung des Kindes, das Andromache, die Witwe des von Achill (Wiebke Mollenhauer) getöteten trojanischen Helden Hector (Majd Feddah) auf dem Arm hält. Es geht um letzte Fragen menschlicher Moral; sie wird politisch-strategischem Kalkül geopfert. Das Kind wird von einem Felsen gestürzt, um einen möglichen künftigen Rächer zu beseitigen.

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt - hier : Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Maja Beckmann, Majd Feddah Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Maja Beckmann, Majd Feddah (v.l.n.r.)  © Julian Baumann

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt – hier : Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Maja Beckmann, Majd Feddah Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Maja Beckmann, Majd Feddah (v.l.n.r.)  © Julian Baumann

3. Teil: Die Orestie

wird – leider – ein wenig der Perfomance geopfert. Gags drängen sich zuweilen vor. Alltagssprache und Vordergründiges, Flapsiges und Kleinliches beherrschen den Tonfall. Allenfalls angelehnt sind die Texte an „Agamemnon“ und „Die Choephoren“ von Aischylos, an „Elektra“ von Sophokles, „Iphigenie in Aulis“, „Elektra“ und „Orestes“ von Euripides und „Thyestes“ von Seneca.

Misslaunig kommt Agamemnon (Peter Brombacher) nach Hause, behauptet, freilich, sich wohl zu fühlen. Isst wie ein „Scheunendrescher“ (so Klytaimnestra: Maja Beckmann), sieht sich um und versucht, nach 12-jähriger Abwesenheit in Kriegsangelegenheiten wieder Anschluss zu finden. Man weiß es: er wird nicht lange glücklich sein zu Hause. Aigisthos (Majd Feddah) und seine Geliebte Klytaimnestra machen ihm in der Badewanne den Garaus.  Orestes (Nils Kahnwald) rächt den Vater –, Tatbegehung wie gehabt in der Badewanne. Foto.

Das Publikum darf auf die Bühne und zuschauen. Es gibt was zu trinken. Grad lustig ist es an diesem Samstag vor der dräuenden Wahl auf der noblen Maximilianstraße.

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt - hier : Benjamin Radjaipour, Nils Kahnwald (v.l.n.r.) © Julian Baumann

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt – hier : Benjamin Radjaipour, Nils Kahnwald (v.l.n.r.) © Julian Baumann

4 Teil: Nun ja – Eine Zutat zur Linderung des Schmerzes. Spiel im Spiel

Das Programmheft rechtfertigt diesen Teil mit der Erwägung, auch im antiken Griechenland habe dem tragischen Hauptteil einer Aufführung zur Auflockerung und Entspannung ein leichtes, unterhaltsames und meist lustiges Stück angehängt. Da sei gesoffen und mit deftigen Ausdrücken um sich geworfen worden. Eine vertretbare Ansicht.

Zunächst spielen die Protagonisten ein wenig Fußball auf zwei kleine Tore. Etwas zu lange, wenn auch engagiert. Dann trägt Nils Kahnwald einen Text vor, der in gekonnt hoher Sprache schwingt. Mit Dionysos hat er gar nichts zu tun. Jedenfalls bedarf es einer etwas zwanghaften Interpretation, um ihn in das bisherige Theatergeschehen einzuordnen.

Held ist das Fußballgenie Zinedine Zidane in der Textvorlage „La Mélancholie de Zidane“ von Jean-Philippe Toussaint, der sich literarisch schon verschiedene Male über Fußball ausließ.

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt - hier : Majd Feddah als Hector © Julian Baumann

Münchner Kammerspiele / Dionysos Stadt – hier : Majd Feddah als Hector © Julian Baumann

Zidane wurde beim Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft am 9. Juli 2006 in Berlin zwischen Italien und Frankreich (Italien gewann im Elfmeterschießen nach der Verlängerung) vom Platz gestellt, weil er seinem Gegner einen Kopfstoß gegen die Brust oder den Magen versetzte.

Toussaint ordnet dieses Geschehen in einen melancholischen Weltzusammenhang ein: Zidane hat nicht mehr die Kraft und den Willen, die Niederlage abzuwehren, eine Wolke allgemeiner Vergeblichkeit senkt sich über sein Gemüt und lässt in verzagen.

Das Geschehen ist literarisch deutlich überhöht. Der Rezensent war bei dem Spiel in Berlin am 9. Juli 2006 im Stadion. Der Vorfall war ausgesprochen prosaischer Natur. Er ereignete sich abseits vom aktuellen Spielgeschehen, der Ball war woanders, es handelte sich nicht um eine Zweikampfszene. Zidane oder dessen Schwester – wie man später erfuhr – wurde von seinem Gegenspieler durch eine Beleidigung gereizt. Zunächst wussten nur wenige, was überhaupt geschehen war. Auch der Schiedsrichter musste sich beim Linienrichter erst informieren. Zidane verließ mit gesenktem Kopf den Platz. Aus der Sicht eines Fans vielleicht ein Drama…Was solls. Eine Auflockerung nach 9 Stunden. Mehr nicht.

Insgesamt ein denkwürdiger Abend, nein: ein Theatertag. Viel Beifall. Zu Recht

Dionysos Stadt an den Münchner Kammerspiele; die weiteren Vorstellungen:  24.11.; 25.11.; 29.12.; 30.12.2018; 5.1.2019; 6.1.2019

 

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Berlin, Berliner Ensemble, Oliver Reese folgt Claus Peymann, IOCO Aktuell, 05.12.2017

Dezember 5, 2017 by  
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Berliner Ensemble / (Theater am Schiffbauer Damm) © Moritz Haase

Berliner Ensemble / (Theater am Schiffbauer Damm) © Moritz Haase

Berliner Ensemble

BERLINER ENSEMBLE – Großes Theater – Neue Intendanz

Max Reinhardt, E.J. Aufricht, Rudolf Platte, Bertolt Brecht,  Helene Weigel

 Von Anna Moll

Berliner Ensemble / Intendant Oliver Reese © Jonas Holthaus

Berliner Ensemble / Intendant Oliver Reese © Jonas Holthaus

Ich liebe dieses Theater! Oliver Reese, der neue Intendant des Berliner Ensembles spricht mir aus der Seele, wenn er sagt, dieses Theater sei “unfassbar schön“. Aber es ist nicht nur eines der schönsten Theater, es ist auch eines mit theatergeschichtlich bedeutsamer Tradition und über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und bewundert! 180.000 Besucher zieht das Berliner Ensemble, meist nur kurz BE bezeichnet, jährlich in seinen Bann.

Die Spielstätte des BERLINER ENSEMBLE, das Theater am Schiffbauerdamm, wurde 1892 in herrlichem Neobarock mit einem Theatersaal für etwa 700 Personen erbaut (Foto) und mit Goethes Iphigenie auf Tauris eröffnet. Die Weber von Gerhard Hauptmann wurden hier uraufgeführt, Stücke von Frank Wedekind und Maurice Maeterlinck standen auf dem Programm sowie andere wichtige Dramen der damaligen zeitgenössischen Theaterliteratur.

Berliner Ensemble / Theater am Schiffbauer Damm - hier der herrliche Zuschauerraum in prächtigem Neobarock © Moritz Haase

Berliner Ensemble / Theater am Schiffbauer Damm – hier der herrliche Zuschauerraum in prächtigem Neobarock © Moritz Haase

Von 1903 bis 1906 war der große Max Reinhardt Direktor des Hauses, der hier  Shakespeares Ein Sommernachtstraum zur Musik von Mendelson-Bartholdy, Hofmannsthals Elektra, Oscar Wildes Salome inszenierte, um nur einige Produktionen zu nennen.  Nach dieser theatergeschichtlich wichtigen Zeit wurde das Haus bis 1925 unter verschiedenen Direktoren zum Operetten- und Unterhaltungstheater. 1926 wird es zur zweiten Spielstätte der Volksbühne. 1928 wird E.J. Aufricht Intendant. Im selben Jahr wird Brecht/Weills  Die Dreigroschenoper in der Regie von Erich Engel uraufgeführt – die Weimarer Republik erlebt ihren größten Theatererfolg!!

Das Theater bleibt weiterhin erfolgreich. Autoren wie Ernst Toller, Ödön von Horvath, Marieluise Fleißer, Jean Cocteau, mit dessen Orpheus Gustav Gründgens seinen Einstand als Regisseur gibt, werden zur Aufführung gebracht. Zum Ensemble gehören in dieser Zeit große Künstler und Künstlerinnen wie Lotte Lenya, Carola Neher, Helene Weigel, Hilde Körber, Ernst Busch, Ernst Deutsch, Peter Lorre, Kurt Gerron, Erich Ponto.

1931 endet Aufrichts Intendanz. Unter wechselnden  Bühnennamen gibt es wieder eher leichtere Unterhaltung, ab 1933 dominieren nationalsozialistische Vorgaben. 1944 wird das Theater geschlossen. Nach dem Krieg übernimmt zunächst Rudolf Platte als Intendant, abgelöst wird er 1946 von Fritz Wisten.

1949 hatte sich um Bertolt Brecht eine Gruppe von Theaterkünstlern formiert, die sich den Namen Berliner Ensemble gibt. Ohne eigenes Haus kommt sie auf Einladung von Thomas Langhoff am Deutschen Theater unter. Als Wisten 1954 mit seiner Kompanie in die wiederaufgebaute Volksbühne zieht, übernimmt das Berliner Ensemble das Theater am Schiffbauerdamm, nachdem Brecht bei Otto Grotewohl erfolgreich gegen Pläne Einspruch erhoben hatte, das Theater dem Ensemble der Kasernierten Volkspolizei zu überlassen. Die Bühne wurde zum BE, zum BERLINER ENSEMBLE mit Helene Weigel als Intendantin und Bertolt Brecht als Künstlerischem Leiter. Der Einfluss des Brecht‘schen epischen Theaters, auch international, sollte man nicht unterschätzen. Lange Jahre war Brechts Truppe das weltweit am meisten bewunderte deutsche Theater und hat  Regisseure wie Giorgio Strehler, Patrice Chereau, Juri Ljubimow, Roger Planchon, Ariane Mnouchkine, Peter Stein u.a.m. inspiriert und beeinflusst.

Mit Brechts Mutter Courage und ihre Kinder geht das BE 1954 zum Theaterfestival der Nationen nach Paris, wo es den ersten Preis für das beste Theaterstück und die beste Inszenierung (Erich Engel) erhält. Ebenfalls 1954 inszeniert Brecht Der kaukasische Kreidekreis. Bei der Premiere gibt es 52 Vorhänge und 4 vor dem eisernen Vorhang! Nach dem Tod von Bertolt Brecht im Jahre 1956 übernimmt Erich Engel die Künstlerische Leitung, Helene Weigel bleibt Intendantin.

Einen weiteren großen Erfolg erobert das BE mit der Inszenierung von Brechts Stück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (Regie Peter Palitzsch und Manfred Wekwerth). Mit Ekkehard Schall als Arturo Ui wird das Stück 1974 nach 532  Aufführungen abgesetzt. Eine Neuinszenierung von Die Dreigroschenoper, wieder mit Engel als Regisseur, knüpft an alte Erfolge an. Beeindruckend auch die Leistung von Helene Weigel, die 1961 nach 405 Aufführungen zum letzten Mal die Mutter Courage gibt.

Die CoriolanInszenierung durch Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert wird ebenfalls ein großer Erfolg, zu dem Ruth Berghaus mit ihrer Choreographie der Schlachtszenen beiträgt. Sie wirkt ab 1970 als Stellvertreterin Helene Weigels und übernimmt nach deren Tod in 1971 die Intendanz. In den folgenden Jahren holt Ruth Berghaus B.K. Tragelehn und Einar Schleef als Regisseure ans Haus, setzt sich ein für neuere dramatische Literatur der DDR von Autoren wie Peter Hacks und Karl Mickel. Sie inszeniert Zement von Heiner Müller, der 1961 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen worden war. Sie bekommt Schwierigkeiten wegen ihres experimentellen Ansatzes und wird entmachtet. Manfred Wekwerth folgt als Intendant. Stücke von Volker Braun und weiterhin von Heiner Müller werden erfolgreich aufgeführt. Die Inszenierungen von Goethes Faust Szenen (Urfaust) 1984 und Heiner Müllers Germania Tod in Berlin 1989 bekommen Aufmerksamkeit.

1992 entsteht ein Fünfer-Direktorium: Die Leitungsgruppe Langhoff, Marquardt, Müller, Palitzsch, Zadek zerfällt allerdings bald durch Unstimmigkeiten und Machtkämpfe. Heiner Müller setzt sich durch, wird alleiniger Intendant und prägt eine neue Epoche. Mit seiner letzten Inszenierung (1995) von Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui mit Martin Wuttke in der Hauptrolle entsteht ein bis heute andauernder Theatererfolg. Nach Müllers Tod 1995 folgen bis 1999 Martin Wuttke und nach ihm Stephan Suschke als Intendanten.

1996 wurde die vom Dramatiker Rolf Hochhuth gegründete Ilse-Holzapfel-Stiftung Eigentümerin der Immobilie Theater am Schiffbauerdamm. Vertraglich wurde für Hochhuth ein Rahmen festgelegt, innerhalb dessen er in beschränktem Maße das Theater für mögliche Aufführungen eigener Stücke nutzen darf. Daraus sich ergebende, oft auch öffentlich ausgetragene Streitereien, unter anderem mit Claus Peymann, besitzen in vielen Facetten, bis heute den Charakter einer eigenen Theatergroteske.

Claus Peymann, Intendant so wichtiger Bühnen wie Stuttgart, Bochum und Wien, übernimmt das BE 1999. In den 18 Jahren seiner Intendanz setzt Peymann auf Autoren wie William Shakespeare, Thomas Bernhard, Peter Handke, Bertolt Brecht und pflegt eine enge Zusammenarbeit mit George Tabori. Peymanns eigene Inszenierung von Shakespeares Richard II wird im Jahr 2000 vom französischen Kritikerverband zur besten fremdsprachigen Inszenierung gewählt. Einer der wichtigen Regisseure, die unter Peymann für das BE arbeiten, ist Robert Wilson, dessen Inszenierung von Die Dreigroschenoper großen Eindruck macht, ebenso wie  die von Sonnette von Shakespeare mit Musik von Rufus Wainright oder von Leonce und Lena mit musikalischen Assoziationen von Herbert Grönemeyer.

Im September 2017 endete die BE – Intendanz des inzwischen 80jährigen Claus Peymann. Oliver Reese, Jahrgang 1964, löst ihn ab. Ein Mann einer anderen Generation. Wie bei fast allen Intendantenwechseln gab es auch bei diesem Stabwechsel Reibereien, meist ausgehend von Peymann. Doch schlugen die Wellen der Aggression am BE nicht so hoch wie 2016, bei dem Stabwechsel von Frank Castorf zu Chris Dercon bei der Volksbühne Berlin.

Oliver Reese kehrt mit der Spielzeit 2017/18 sozusagen nach Berlin zurück. Denn bevor er das Schauspiel Frankfurt ab 2009/2010 als Intendant bis zur Spielzeit 2016/17 leitete,  war er als Chefdramaturg bereits sieben Jahre (1994-2001) am Maxim Gorki Theater und danach weitere acht Jahre am Deutschen Theater u.a. als Interimsintendant tätig.  Ihm dürfte sehr bewußt sein, in was für eine ausgeprägte Traditionslinie er sich am BE einreiht. Vom ehemaligen Ensemble übernimmt Reese lediglich zwei Mitglieder. Mitglieder des neuen Ensemble sind u.a.: Constanze Becker, Corinna Kirchhoff, Bettina Hoppe, Annika Meier, Stephanie Reinsperger, Ingo Hülsmann, Niko Holonics, Felix Rech, Andreas Döhler, Tilo Nest, Patrick Güldenberg.

Berliner Ensemble / Eine Frau - Mary Page Marlowe - hier v.l. Ruby Commey, Bineta Hansen, Carina Zichner, Corinna Kirchhoff © Julian Roeder

Berliner Ensemble / Eine Frau – Mary Page Marlowe – hier v.l. Ruby Commey, Bineta Hansen, Carina Zichner, Corinna Kirchhoff © Julian Roeder

Ein Coup dürfte Reese gelungen sein, indem er Frank Castorf, dessen (eher unfreiwilliger) Abschied von der Volksbühne die Gemüter Berlins bewegte, als Regisseur gewinnen konnte. Castorf wird am BE jedes Jahr ein Stück inszenieren. Seine erste Produktion, für Dezember 2017 angesetzt, wird eine Adaption von Les Misérables von Victor Hugo sein. Ein großer Gewinn für Berlin!

Des Weiteren hat Reese Michael Thalheimer als Hausregisseur und Mitglied des Leitungsteams gewonnen, der zwei Inszenierungen pro Spielzeit erarbeiten wird.

Seine erste Saison 2017/18 am BERLINER ENSEMBLE läutete Reese an einem September Wochenende mit gleich drei unmittelbar aufeinander folgenden Premieren ein: Caligula von Albert Camus mit der großartigen Constanze Becker in der Titelrolle (Regie: Antú Romero Nunes); Nichts von mir von Anre Lygre (Regie: Mateja Koležnik); Der Kaukasische Kreidekreis (Regie: Michael Thalheimer).

Das Repertoire wird ergänzt mit 13 weiteren Neuinszenierungen sowie mehreren Übernahmen vom Schauspiel Frankfurt am Main, darunter einige Inszenierungen, bei denen Reese in Frankfurt  selbst Regie geführt hat sowie zwei Inszenierungen von Michael Thalheimer: Kleists Penthesilea und die Medea des Euripides, jeweils mit Constanze Becker in der Titelrolle, die für ihre Medea den Deutschen Theaterpreis erhielt.

Berliner Ensemble / Der Gott des Gemetzels - hier v.l. Corinna Kirchhoff, Doerte Lyssewski, Thilo Nest, Michael Maertens © Matthias Horn

Berliner Ensemble / Der Gott des Gemetzels – hier v.l. Corinna Kirchhoff, Doerte Lyssewski, Thilo Nest, Michael Maertens © Matthias Horn

Die erste Inszenierung des Intendanten Reese selbst am BE, die von ihm erarbeitete Bühnenfassung von Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz, ist für Februar 2018 geplant. Reese übernimmt auch fünf Stücke aus Claus Peymanns Ära:  Der Prinz von Homburg, Peymanns Abschiedsinszenierung am BE – vielleicht zu verstehen als die Andeutung einer Verbeugung gegenüber seinem Vorgänger; Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza in der Regie von Jürgen Gosch; Robert Wilsons Inszenierungen von Die Dreigroschenoper und Becketts Endspiel und den Dauerbrenner, die Heiner Müller Inszenierung von Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui.

Die Programmgestaltung ist geprägt durch ein deutliches Interesse an zeitgenössischen Themen und Texten ganz in der Tradition von Brecht und Heiner Müller. 12 der 17 Premieren in der ersten Saison stammen von lebenden Autoren, etwa vom amerikanischen Pulitzer Preisträger Tracy Letts, vom britischen Dramatiker Dennis Kelly oder von Rainald Goetz.

Ein weiteres ambitioniertes Projekt des Intendanten Reese ist das neue BE-Autorenprogramm, zu dessen Chef der Schriftsteller und Theaterschreiber Moritz Rinke gemacht wurde. Reese erinnert an die Zeit, als “der deutschsprachige Raum die stärksten Theaterschreiber zu bieten hatte: Heiner Müller, Thomas Bernhard, Botho Strauß, Franz Xaver Kroetz“. Das Projekt hat sich die Förderung von Autoren zum Ziel gesetzt. In einer künftigen Autorenwerkstatt sollen darüber hinaus zeitgenössische Autoren gemeinsam mit Regisseuren neue Stücke erarbeiten, die dann am BERLINER ENSEMBLE auch aufgeführt werden.

Eine von Oliver Reese bereits am Schauspiel Frankfurt installierte Gesprächsreihe wird nun auch an das BE übernommen, mit Michel Friedmann als Gastgeber: Ein Forum für intellektuelle Diskussionen. Die Gesprächsreihe hatte zuerst Joschka Fischer zu Gast, dann Nicole Deitelhoff und nun folgt Robert Menasse.

Jenseits der künstlerischen Pläne gibt es noch wesentliche Pläne, was  Umbauten, Renovierungen und Modernisierungen betrifft. Ab 2018/19 soll es zwei neue Spielstätten geben, sprich: das BERLINER ENSEMBLE hätte dann drei feste Spielstätten: das Große Haus, das Kleine Haus, den Werkraum.

Insgesamt vielfältige und ehrgeizige Absichten und Pläne  für den Beginn einer neuen Epoche. Man darf gespannt sein!

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Berlin, Berliner Ensemble, Brecht bis Peymann – Theater-Urgesteine, IOCO Portrait, 22.06.2013

Juni 22, 2013 by  
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Berliner Ensemble

Berliner Ensemble Haus, Berlin © Berliner Ensemble

Berliner Ensemble Haus, Berlin © Berliner Ensemble

Das Berliner Ensemble Lebendes Theater-Urgestein

Von Viktor Jarosch

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1947 übernahm Walter Felsenstein im damaligen Ost-Berlin die Leitung der Komischen Oper. Vom Schauspiel kommend (Felsenstein war unter anderem von 1940 – 1944 Leiter des Berliner Schillertheaters, derzeit Spielstätte der Staatsoper) erwarben Felsenstein und die Komische Oper legendären Ruhm, indem dort erstmals szenisches Handeln mit der Musik konsequent gleichgestellt und so zeitgemäßes wie lebendiges Musiktheater geschaffen wurde.
1949, fast zeitgleich mit  Walter Felsenstein und ganz in seiner Nähe, gründeten Bertold Brecht und Helene Weigel, im damaligen Ost-Berlin, das Berliner Ensemble. Gespielt wurde zunächst im Deutschen Theater: Am 12. November 1949 hatte das Berliner Ensemble Uraufführung: Mit Herr Puntila und sein Knecht trat dasBE“ erstmals öffentlich auf und gründete sein „episches, dialektisches“ Theater. Bertolt Brecht prägte den Begriff des epischen Theaters, welches, nach Brechts Vorstellung, klassisches Drama der Theaterbühne mit moderner, literarischer Erzählform verbinden will. Große gesellschaftliche Konflikte statt tragischer Einzelschicksale, nicht Mitgefühl sondern konkrete gesellschaftsverändernde Anstöße sind zentrale Inhalte des epischen Theater Bertold Brechts.
1954 zog das BE in das Theater am Schiffbauerdamm, seine heutige Spielstätte. Das 1892 von Heinrich Seeling am Bertold-Brecht-Platz errichtete neobarocke Gebäude und sein Zuschauerraum gilt als eines der großartigsten Theater Deutschlands. Mit über 220.000 Besuchern im Jahr ist das BE heute eines der bedeutendsten Sprechtheater im deutschen Sprachraum.
Bertolt Brecht inszeniert im Theater am Schiffbauerdamm jedoch nur noch ein eigenes Stück: DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS. Mitten in den Vorbereitungen zu LEBEN DES GALILEI mit Ernst Busch stirbt Brecht am 14. August 1956. Nach seinem Tod leitet Helene Weigel 15 Jahre, bis 1971, das BE. Mit Inszenierungen wie DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI (1959), Shakespeares CORIOLAN (1964) oder MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER mit Helene Weigel setzen sie, das BE und seine fast 200 Mitarbeiter seither starke künstlerische Zeichen.
Berliner Ensemble Haus, Innenansicht © Berliner Ensemble

Berliner Ensemble Haus, Innenansicht © Berliner Ensemble

1989, nach der Wiedervereinigung Deutschlands, wird das BE vom Staatstheater der DDR in ein Privattheater (gemeinnützige GmbH) umgewandelt. Es erhält eine fünfköpfige Leitung, die aus den Regisseuren Matthias Langhoff, Fritz Marquardt, Peter Palitzsch, Peter Zadek und dem Schriftsteller Heiner Müller besteht. Nach drei Jahren bleibt allein Heiner Müller übrig. Nach seinem Tod 1995 übernimmt der Schauspieler Martin Wuttke die Direktion, ein Jahr später folgt Stephan Suschke.
1999 wird der polarisierende Claus Peymann (76) Intendant und formulierte die streitbare BE-Theaterkultur: Der Aufklärung verpflichtet und dem Theater als „moralischer Anstalt“, Empathie mit Schwachen, Demaskierung von Mächtigen. In diesem Sinne versteht sich das BE als politisches Theater und die Theaterarbeit ohne modische Trends, dessen Intendant Claus Peymann bis mindestens 2016 bleibt. Zuvor hatte er 13 Jahre das Burgtheater in Wien geleitet.
Berliner Dom, Unter den Linden © IOCO

Berliner Dom, Unter den Linden © IOCO

Bertolt Brecht ist mit seinen Stücken  fester Bestandteil des BE-Repertoires: Heiner Müllers legendäre Inszenierung von DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI (bisher fast 400 Vorstellungen) wird bis heute am BE gespielt. Aber auch viele andere Stücke Brechts: Robert Wilsons DREIGROSCHENOPER (180 Vorstellungen), TROMMELN IN DER NACHT, DIE KLEINBÜRGER-HOCHZEIT (Regie: Philip Tiedemann), SCHWEYK IM ZWEITEN WEILTKRIEG, FURCHT UND ELEND DES DRITTEN REICHES und DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS (Regie von Manfred Karge), ANTIGONE  von SOPHOKLES (Regie George Tabori) und IM DICKICHT DER STÄDTE (Regie: Katharina Thalbach). Claus Peymann beschäftigt sich verstärkt mit dem politischen Werk Brechts: DIE MUTTER, DIE HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTHÖFE, MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER (130 Vorstellungen).
Das Repertoire des BE ist auch über Brecht hinaus weit gefasst. Das klassische deutsche Repertoire reicht von den Stücken Goethes, Kleists und Schillers bis Gotthold Ephraim Lessing (NATHAN DER WEISE, DIE JUDEN, PHILOTAS und MISS SARA SAMPSON) und Büchner (LEONCE UND LENA und DANTON’S TOD).  Neben der deutschen Klassik und der klassischen Moderne mit Aufführungen u.a. von Ibsen, Wedekind, Hofmannsthal, Strindberg, Beckett, Lorca ist William Shakespeare ein weiterer Schwerpunkt der BE-Theaterarbeit.
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Das Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm

Seit über 60 Jahren eine der großen Visitenkarten des deutschsprachigen Sprechtheaters

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