Freiburg, Theater Freiburg, Hulda – César Franck, IOCO Kritik, 06.07.2019

Dezember 10, 2019 by  
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Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freiburg © M. Korbel

Theater Freburg

Hulda –  César Franck

– Unbekanntes von Unbekannten – Freiburger Offenbarung –

von Julian Führer

Wer kennt heute noch Bjørnstjerne Bjørnson? Immerhin erhielt der Norweger im Jahr 1903 den Nobelpreis für Literatur, Henrik Ibsen gehörte zu seinen größten Bewunderern. Sein zweites Drama trägt den Namen Halte-HuldaBjörnson war noch keine 30 Jahre alt. Die Handlung spielt im nordischen 14. Jahrhundert, das Stück ist eine finstere Rachetragödie um die Gestalten Hulda, Svanhilde, Thrond und Eyolf.

César Franck Paris © IOCO

César Franck Paris © IOCO

Und wer weiß heute noch, dass César Franck (1822-1890) Opern geschrieben hat? Seit 1872 Professor für Orgel, komponierte er eigentlich für jede Gattung ein großes Werk (zum Beispiel seine recht bekannte Symphonie in d-Moll), hingegen verdankt ihm die Nachwelt vier Opern – zwei Frühwerke (Stradella, mit weniger als 20 Jahren komponiert), Le valet de ferme, schließlich die deutlich späteren Hulda (1879-1885) und Ghiselle (1888-1890).

Woher diese Themenwahl? Bjørnson war noch kein Nobelpreisträger, als Franck und sein Librettist Charles Grandmougin sich für den Stoff interessierten. Doch passt das Stück gewissermaßen in die Zeit – es ist die Epoche des französischen Wagnerismus, es herrschte eine Faszination für den Norden, das Germanisch-Mythologische, in Reaktion auf die Niederlage gegen die Preußen und auf die deutsche Einigung von 1871 auch eine Faszination für den neuerdings übermächtigen Nachbarn östlich des Rheins. Und so beginnt Maupassants Schauernovelle Qui sait damit, dass der Ich-Erzähler aus Ernest Reyers Sigurd kommt, und in Francks Ghiselle treten Figuren mit merowingerzeitlichen Namen wie Fredegunde und Theudebert auf. Was nun faszinierte ihn so an Hulda? Es fällt auf, dass die Oper die Dramenvorlage noch weiter radikalisiert: Das Bühnengeschehen ist eine Gewaltorgie, und Hulda selbst ist so unbeugsam, dass sie den eigenen Tod letztlich billigend in Kauf nimmt – eine Zukunft hat sie sowieso nicht. Den Publikumsgeschmack oder zumindest den von Operndirektoren scheint Franck damit nicht getroffen zu haben. Zu seinen Lebzeiten gab es keine Uraufführung, 1895 wurden in Monte Carlo, Toulouse und Den Haag stark gekürzte Fassungen gezeigt, und dann verschwand das Stück von den Spielplänen.

Das Theater Freiburg wagte sich 2019 an die Deutsche Erstaufführung, für die auch das Autograph der Partitur aus der Pariser Bibliothèque nationale de France eingesehen wurde (inzwischen liegt es als frei verfügbares Digitalisat auf der Seite der Bibliothèque nationale de France (link hier) vor. Man sieht der Partitur an, dass sie in der Tradition der Pariser Grand opéra steht – doch als Grand opéra ist Hulda eben noch nie aufgeführt worden.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck - hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck – hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Franck und Grandmougin verlegten die Handlung vom 14. Jahrhundert ins noch weiter entfernte Mittelalter zurück ins 11. Jahrhundert, um einen Konflikt zwischen Christen und Heiden auf die Bühne bringen zu können. An dieser Stelle setzt die Freiburger Dramaturgie (Heiko Voss) und Regie (Tilman Knabe) an: In Freiburg spielt die Handlung von Hulda nicht in Norwegen, sondern in Afrika; wir sehen postkoloniale Clankämpfe, Warlords, Kindersoldaten mit Zigaretten und schweren Waffen. Von zentraler Bedeutung für die Regie ist das Cahier africain, ein auch verfilmtes Schulheft mit Zeugenaussagen über unsägliche Verbrechen von Söldnertruppen nach dem Jahr 2000, also in allerjüngster Vergangenheit. Wie im Cahier africain wird in dieser Lesart die Hauptfigur (also Hulda) durch die Anwesenheit ihrer (bei Franck nicht vorgesehenen) Tochter daran erinnert, wie sie vergewaltigt wurde. Der Prolog spielt in Freiburg also in einem Township (Bühne: Kaspar Zwimpfer). Das Publikum sieht eine Texteinblendung aus dem Cahier, bevor das Orchester eine kurze musikalische Introduktion spielt und dann von seinem Leiter Fabrice Bollon eine Gewaltorgie inszeniert, die Elemente von Hector Berlioz und Richard Wagner verschmilzt und in ihrer radikalen Schroffheit auch an Richard StraussElektra denken lässt. Aus dem Orchestergraben sprühen Funken. Das Publikum muss derweil ansehen, wie zur Musik Salven knallen, Frauen gejagt und vergewaltigt werden – und zwar lange, sehr lange. Das Freiburger Parkett hat einen Durchgang zwischen der sechsten und der siebten Reihe – auch hier werden Frauen durchgeschleift, die sich verzweifelt wehren. Es fällt schwer, sich bei diesen Szenen zurückzulehnen und die Musik zu analysieren, die bei aller entgrenzten Gewalt auch sehr sinnlich sein kann. Der Orchestergraben ist ganz nach unten gefahren, um die Klangmassen in diesem Haus beherrschbar zu machen, das zwar groß ist, aber doch nicht die Dimensionen des Bayreuther Festspielhauses oder der Deutschen Oper Berlin hat. Im Zuschauerraum ergibt sich so ein Mischklang, der Einzelstimmen nur selten hervortreten lässt; nach dem ersten Sturm kommen dann aber doch teils beeindruckende Soli zur Geltung wie etwa gleich zu Anfang die Oboe.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck - hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck – hier : Morenike Fadayomi als Hulda © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Hulda also erlebt im Prolog mit, wie Familie, Verwandte und Umgebung niedergemetzelt werden; ihre minutenlange Vergewaltigung (von der Freiburger Regie ergänzt, aber mit der Musik im Einklang) ist für sie noch ein Auslöser mehr, Rache zu schwören. Ihre Peiniger finden den Schwur eher amüsant (wie Wagners Götter im Rheingold). Fast noch schwerer erträglich als dieser stürmische Prolog ist die Pause danach – der eiserne Vorhang senkt sich, die soeben vergewaltigte Hulda bleibt allein an der Rampe, krümmt sich vor Schmerz und Elend. Dazu eine Texteinblendung aus dem Cahier africain und ein altes (Statisten-)Paar, das Huldas Schreibheft findet und fassungslos darin zu lesen beginnt. Diese stumme Szene füllt die minutenlange Umbaupause. Was Morenike Fadayomi in der Titelrolle nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch leistet, ist enorm.

Im ersten Akt – sechs Jahre später – hat Hulda in dieser Lesart eine fünfjährige Tochter, die sie stets begleitet und somit an das Trauma der Vergewaltigung erinnert. Die Szenerie zeigt die heruntergekommene und teils zerschossene Fassade des „Hôtel Léopold II“. Leopold II. war zur Zeit der Entstehung der Oper König der Belgier; während seiner Regierung kamen Schätzungen zufolge im Kongo bis zu 10 Millionen Menschen durch die unmittelbaren oder mittelbaren Folgen der belgischen Kolonialherrschaft um. Das Hotel ist zum Teil wohl auch ein Bordell. Hulda befindet sich seit Jahren in Gewalt der Aslaks und soll mit Aslaks Sohn Gudleik zwangsverheiratet werden. Hulda fühlt sich eher von Eiolf angezogen. Aslak (Jin Seok Lee) ist ausstaffiert wie Mobutu Sese Seko; die Leute Eiolfs, die sich ihm entgegenstellen, sind in dieser Deutung Blauhelme. Juan Orozco als Gudleik ist passend zur Szenerie sehr viril, Jin Seok Lee etwas gesetzter, aber mit beeindruckenden Ausbrüchen – ein rundum überzeugender Bass. Aus einem Schaukampf im Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten wird bitterer Ernst. Aus dem Ritual, bei dem Hühnerblut fließt, Schnaps ausgespuckt wird und Ölfässer brennen (alles Versatzstücke aus der Bayreuther Götterdämmerung in der Zertrümmererregie Frank Castorfs), wird ein Kampf auf Leben und Tod, so dass am Ende Gudleik leblos am Boden liegt. Der Orgelspezialist César Franck hat hier einen gewaltigen Chor auf den Tod Gudleiks eingeschaltet. Hulda scheint dieser sinnlose Tod leidzutun, auch wenn Gudleik zum Clan Aslak gehört – sie ist ohnehin charakterlich komplexer, als es zunächst den Anschein hat.

Der zweite Akt beginnt mit einer zarten Orchestereinleitung. Diese orchestrale Kostbarkeit wird leider von Stimmen vom Band zerstört, die wieder aus dem Cahier africain oder anderem vortragen. Obendrein ist die Aufnahme technisch unbefriedigend und übersteuert teilweise bzw. überlagert die Klänge des Orchesters so, dass man von beidem nichts mehr hat – sehr störend und künstlerisch nicht akzeptabel. Bei allem Hass kümmert sich Hulda, wie man sieht, in ihrer kleinen Bleibe doch rührend um das in der traumatischen Nacht in einer Vergewaltigung gezeugte Kind. Sie erwartet ihren Eiolf (als indisponiert angesagt: Joshua Kohl, nach etwas gebremstem Auftreten im ersten Akt nun gänzlich frei) so wie Marguerite ihren Faust bei Gounod, doch dann singen sie wie Siegfried und Brünnhilde, vor allem auch, was das Orchester angeht, das nun sehr wagnerisch aufwallt und mehr als einmal Tristanharmonien anklingen lässt. Das weitere Zwiegespräch erinnert eher an Massenet mit kürzeren Melodien und einer stärkeren Betonung von einzelnen Stimmungsmomenten. In dieser Szene sieht es so aus, als könnte Hulda wirklich frei lieben.

Doch es gibt eine frühere Liebschaft Eiolfs, Swanhilde. Diese begegnet ihrem Verflossenen im Rahmen eines Festes – in Freiburg im Rahmen eines Afrika-Gipfels (Conglomérat sur le progrès technique au Congo). Der Akt beginnt mit einer Pantomime, die ein Gipfeltreffen mit feierlicher Vertragsunterzeichnung und anschließender ausschweifender Feier zeigt. Dazu hört man die lange, brillant instrumentierte Introduktion des Orchesters. Swanhilde (Irina Jae Eun Park mit mustergültigem Französisch und schöner Stimme) debattiert also mit Eiolf über die verflossene Liebe, wie es Wotan und Fricka im zweiten und Wotan und Brünnhilde im dritten Akt der Walküre tun. Seufzer erinnern an Elektras „Du lebst, und er, der besser war als du und edler tausendmal, und tausendmal so wichtig“ bei Strauss. Hulda hört diese Liebesreminiszenz, die Szene wird zum Terzett erweitert. Hulda beschließt für sich, dass Eiolf für diesen Verrat sterben muss, und animiert Gudleiks Brüder Erik, Eynar und Thrond (Erik: Roberto Gionfriddo, Eynar: Junbum Lee, Thond: Seonghwan Koo, alle drei perfekt aufeinander eingestimmt), für den älteren Bruder Rache zu nehmen.

Theater Freiburg / Hulda von César Franck- © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Freiburg / Hulda von César Franck- © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Wir befinden uns wieder in Huldas kleiner Behausung. Die Brüder fallen tatsächlich über Eiolf her und wollen dann Hulda umbringen. Leider geht die Regie mit ihrem Stilmittel der Texteinblendungen etwas weit und projiziert Aufrufe zum Kampf gegen Unterdrücker aus den achtziger Jahren – dass immer wieder Texteinblendungen erfolgen, zieht dann doch einen gewissen Ermüdungseffekt nach sich, zumal die Musik so viel spannender ist. Die Bühne ist inzwischen leer (Huldas Zimmer wurde nach hinten hinausgezogen), Hulda schwenkt eine große rote Fahne auf einem Jeep der UN, die Brüder hört man nur noch aus dem Off, dann wird noch einmal vom Tonband eine Salve abgefeuert, und Hulda stirbt. Diese Hulda hat vieles von den rachedurstigen Frauen, die von Isolde bis Salome und von Brünnhilde bis Elektra die Bühnen der Zeit um 1900 bevölkerten. In der Linie der Regie konsequent fokussiert das Schlussbild – ein bisschen wie Madama Butterfly – auf das übrigbleibende Kind. Hulda hat das bekommen, wofür sie gelebt hat, ihr Tod ist der Nihilismus derjenigen, die kein Ziel mehr hat außer der Autodestruktion. Das Kind, das in einer Vergewaltigung entstanden ist, bleibt übrig.

Die Vorstellung war gut besucht, wenn auch nicht ganz ausverkauft; bei einem solchen Werk darf dies als Erfolg gelten. Diese Partitur ist eine Offenbarung, eine Wiederentdeckung, wie man sie nicht alle Jahre hat, allenfalls mit Erich Wolfgang Korngolds Das Wunder der Heliane vergleichbar, das schon 2017 ebenfalls in Freiburg zu hören war, bevor es 2018 an der Deutschen Oper Berlin so fulminant der Vergessenheit entrissen wurde. Das Stück fordert von Orchester und Sängern alles – gegen die Klangmassen muss eigentlich permanent mit vollem Druck gesungen werden. Die Regie geht zupackend zu Werke – eine Inszenierung im Norwegen des 11. Jahrhunderts hätte nicht annähernd so beklemmend gewirkt wie diese drastische Aktualisierung. Die Regie geht gewissermaßen auf volles Risiko – und dies hat sicherlich seine Berechtigung; das Konzept geht auf. Aber die Regie lässt die Musik nie in Ruhe. Ein Text weniger zu lesen und eine Lesung vom Band weniger hätten den mächtigen Eindruck vielleicht nur noch stärker werden lassen. Das Orchester und sein Generalmusikdirektor Fabrice Bollon sind hörbar voll aufeinander eingestellt – hier kann man sehen, was kontinuierliche Arbeit mit einem GMD ausmachen kann. Auch der Chor leistet Großes. Über das, was man von einem mittleren Haus erwarten würde, geht diese Tat weit hinaus. Hoffentlich wird man dieses Werk bald wieder hören, vielleicht auch an einer großen Bühne. Ein großer Wurf!

Hulda am Theater Freiburg; keine Vorstellungen mehr in der Spielzeit 2019/20

—| IOCO Kritik Theater Feiburg |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritik, 14.09.2018

September 15, 2018 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

„Wer baut auf Wind, baut auf Satans Erbarmen“

Von Thomas Kunzmann

Nach sechs Jahren: Jan Philipp Glogers Holländer findet „zur ewigen Ruh’“

Die sechste und letzte Vorstellung 2018 findet bei moderaten Außentemperaturen statt, sodass das Publikum keineswegs Glogers Idee, Daland ausgerechnet Ventilatoren produzieren zu lassen (Foto), als Verhöhnung der schwitzenden Besucher empfinden muss. Vielmehr steht zu vermuten, dass Dalands Leidklage „Wer baut auf Wind“ einer euphemistischen Bedeutung zugeführt wurde. Nur vereinzelt wedeln Fächer oder Programmhefte in den Reihen. Letzteren ließ sich entnehmen, dass die Regie den ruhelosen Holländer als unermüdlichen Geschäftsmann deutet. Dem Publikum erspart es Seemannsromantik und den Bühnenbildnern zwei voluminöse Schiffe.

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer - hier : vl Daland, Steuermann, Holländer mit Handy und Ventilatoren_Prospekt © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer – hier : vl Daland, Steuermann, Holländer mit Handy und Ventilatoren_Prospekt © Enrico Nawrath

Stattdessen: Bühnenraum füllende, matrix-artig pulsierende Digitalanzeigen. Unwillkürlich denkt man an das Schürfen von Bitcoins, jener digitalen Währung, von der jeder hört, die aber scheinbar niemand besitzt. Und die, die sie besitzen, erscheinen unvorstellbar reich. Sie zu generieren ist aufwändig, energieintensiv. Da passt es, dass sich der Holländer alle 7 Jahre nur, angewidert von seinen Lakaien und gelangweilt von käuflicher Liebe, die Zeit nimmt, in der Realität nach einem alternativen Lebenssinn zu suchen. Sicher nicht einfach, erkennt man an ihm wie auch an seiner Mannschaft schon Auflösungserscheinungen, als würde er Stück für Stück ganz in die Datenwelt überwechseln. Diesmal trifft er auf Daland, den rein wirtschaftlich das digitale Zeitalter nahezu weggefegt hat, und dessen Tochter. Dalands Ruderboot inmitten der Datenbahnen. Sowohl einzige nautische Referenz, als auch symbolträchtige Reduktion eines Handelsschiffes. Kaum extremer ließe sich das den äußeren Gewalten Ausgeliefertsein darstellen. Vorsichtig entsteigt der Steuermann der Nussschale ohne Schaden zu nehmen und beweist damit, dass man in dieser neuen Welt nicht zwangsläufig untergehen muss.

Senta ist dann wohl eher der Albtraum eines ehemals erfolgreichen Industriellen. Früher hatte sie sich mit Hausmeister Erik vergnügt, an der Produktion zeigt sie keinerlei Interesse und ihre Zeit verbringt sie lieber kreativ. Statt ein Bildnis des Fremden anzuhimmeln, bastelt sie sich eine eigene Holländer-Skulptur. Und während die Mädels in der Packstation, dauerlächelnd, wie in einer Ariel-Werbung, als wäre es die höchste Form der Selbstverwirklichung, im Takt eines gemeinschaftlich intonierten Spinnerliedchens Ventilatoren zu verschnüren, um sie in alle Welt zu versenden, erwacht Sentas Kunstgebilde zum Leben, von Daland hereingeführt. Sieht diesem zwar nicht ähnlich, aber das ist nicht ungewöhnlich bei moderner Kunst.

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer - hier : Daland:_Senta, mein Kind, sag, bist auch du bereit__ Holländer trifft Senta ©  Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer – hier : Daland:_Senta, mein Kind, sag, bist auch du bereit__  Holländer trifft Senta ©  Enrico Nawrath

Und er steht am rechten Platz, wo eben noch das Kunstwerk thronte. Könnte klappen, meinen wohl beide und es geht auch gut los, auch wenn alte und neue Welt noch nicht harmonieren, der Wille ist da. Bis der weinerliche Hausmeister im Kampf um seine Angehimmelte den letzten Trumpf aus dem Ärmel zieht: die gemeinsamen Erinnerungsfotos. Senta, nicht gerade geübt im Umgang mit ihren Emotionen, steigt mit kindlicher Freude auf die Bilder ein, der Holländer missversteht als Einziger im Saal Sentas infantilen Ausbruch und plant die Abreise (hier findet sich eine deutliche Parallele zu Wagners Werk). Zwar kann die Kunstfigur „Holländer“ sich selbst nicht aus dem Rennen nehmen, aber Senta, seine Schöpferin kann es. Mit ihrer Selbsttötung beendet sie auch das Leiden des Verdammten. Der Steuermann filmt den Showdown mit dem Handy – wohl für Instagram oder Youtube, womöglich ein Hinweis darauf, dass die Medienmacht die nächste neue Welt darstellt.

Axel Kober nimmt die Zeit-ist-Geld-Devise in der Ouvertüre auf, es beginnt hastig, wirkt etwas abgehackt, als wolle er den Regieansatz auch musikalisch umsetzen und pegelt sich aber gegen Ende auf ein Normalmaß ein.

Ricarda Merbeths Senta ist eine überzeugende, impulsiv-kreative, trotzige Spätpubertierende. Ihre schrillen Höhen lassen sich noch mit diesem Regieansatz erklären, die unsaubere Intonation und eingeschränkte Textverständlichkeit allerdings nicht. Die drei „Buh“’s gingen jedoch im allgemeinen Applaus unter.

Peter Rose, gefangen zwischen Unbeholfenheit und Hoffnung, devoter Schleimerei und einstiger Größe, gibt einen darstellerisch abwechslungsreichen Daland mit sonorem Bass. Marys Rolle wirkt in der Inszenierung etwas an den Rand gedrängt; stimmlich ist Christa Mayer las Mary jedoch ein Genuss. Oft hörte man schon den Steuermann zwischen den Mächtigen untergehen, nicht so Rainer Trost, der sich mit klangschönem weichem Tenor als Steuermann neben Daland mühelos behauptet.

Erik (Tomislav Mužek) leidet unter Geldsorgen, fehlendem Selbstbewusstsein, seinem Job, Sentas Zurückweisung. Das Publikum schien ihm am liebsten einen schicken Mantel als Ersatz für den schäbigen Kittel spendieren zu wollen. Nicht nur der herzzerreißenden Rolle wegen, sondern weil er jede seiner Emotionen in die perfekte Klangfarbe zu übersetzen weiß. Ungewöhnlich und beeindruckend der Holländer von John Lundgren. Als Geschäftsmann kann er metallisch hohl, fast entmenschlicht klingen, um dann wiederum im Duett mit Senta in weiche Fülle zu wechseln.

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer - hier : der wunderbare Chor Frabrikarbeiter und Matrosen © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer – hier : der wunderbare Chor Frabrikarbeiter und Matrosen © Enrico Nawrath

Der uneingeschränkte Glanzpunkt des Abends war unbestritten der fulminante Chor, der die schrullige 50er-Jahre-Romantik ebenso überzeugend leichtfüßig bis kitschig zu verkörpern vermochte, wie den überwältigenden Donner, wenn die Besatzung des Holländer-Schiffs auf Dalands Fabrikarbeiter (Foto) prallt.

Glogers Inszenierung folgt einer nachvollziehbaren Idee und punktet mit augenzwinkernder Kapitalismuskritik. Nicht immer ist die Abfolge schlüssig. Der große Skandal blieb damals wie heute aus, der überwältigende Erfolg allerdings auch. Einige Bilder werden lange im Gedächtnis haften. Dennoch bleibt der Abend hinter den Erwartungen, die man an die mit Abstand wichtigste Wagner-Bühne stellt, ein wenig zurück.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Erfurt, Theater Erfurt, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritik, 27.03.2018

März 29, 2018 by  
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Theater Erfurt

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Theater Erfurt @ Lutz Edelhoff

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

– Senta spinnt auf dem Rad –

Von Hanns Butterhof

Während der Ouvertüre zu Richard Wagners früher Oper Der fliegende Holländer von 1843 öffnet sich kurz der rote Bühnenvorhang. Er gibt den Blick auf eine Menschengruppe frei, die, während sich der tosende Sturm im Orchester gelegt hat und ruhig das Holländer-Thema erklingt, stumm auf die Projektion eines wild bewegten Meeres blickt. Erst der Schluss, der die gleiche Szene wiederholt, löst das Rätsel, worauf die Menge geschaut hat: auf Sentas Erlösungstat, eine überraschende Pointe der konsequenten Regie, die den Holländer als pathologischen Fall inszeniert.

Guy Montavon inszeniert Wagners Holländer als pathologischen Fall

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer - hier: die Menge schaut der verschwundenen Senta nach @ Lutz Edelhof

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer – hier: die Menge schaut der verschwundenen Senta nach @ Lutz Edelhof

Die Bilder, die der inszenierende Hausherr Guy Montavon und sein Ausstatter Hank Irwin Kittel auf die Bühne des Theaters Erfurt zaubern, sind von grandioser Wucht. Gespielt wird auf einer nach hinten durch Kittels eindrucksvolle Meeres- Videos abgeschlossenen, sonst fast hermetischen Einheitsbühne. Sie könnte das entkernte Innere eines Schiffes sein, in das nur eine schmale Eisenleiter hineinführt. Wände und Boden sind von Senta mit Worten wie Satan oder Erlösung bekritzelt, Stimmen schallen aus kleinen Luken, die sich gleich wieder schließen. Ob die Menschen, die sich außer Senta hier befinden, real oder nur vorgestellt sind, bleibt so offen wie die Realität des riesigen roten Schiffsrumpfs, der sich hier hineinschiebt und sich schließlich wie ein liebendes Lebewesen über die erwartungsfroh hingebreitete Senta schiebt.

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer - hier Kelly God als Senta @ Lutz Edelhof

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer – hier Kelly God als Senta @ Lutz Edelhof

Senta ist in Wagners Holländer die zentrale, in Montavons Inszenierung die einzige Figur. Kelly God gibt sie mit reifem, bezaubernd variablen Sopran von schwärmerischer Versonnenheit bis zur schrillen Hysterie als eine der Realität ins pathologisch Versponnene ausweichende junge Frau. Alles Geschehen vollzieht sich in ihrer Fantasie, das Zusammentreffen ihres Vaters Daland (Kakhaber Shavidze) mit dem Holländer (Todd Thomas), deren Ankunft und Werbung um sie. Ihrem reinen Wahn entspringen auch die Spinnerinnen und das Fest, das sie mit den heimgekehrten Matrosen feiern.

Die Regie mutet ihr allerlei zu, um ihre ständige Anwesenheit auf der Bühne zu rechtfertigen. Oft muss sie in einem alten Folianten die Geschichte des Fliegenden Holländers lesen und das Buch innig an ihr Herz drücken. Lang auch muss sie sehnsüchtig auf das Meer schauen oder kindlich-naiv mit einem Ball spielen. Beim Lied des Steuermanns fällt sie in Schlaf, zu dem der Spinnerinnen kurvt sie auf einem Rad herum. Die anderen Figuren, alle nur Wahnbilder Sentas, bleiben zumeist im Schatten, weitgehend auch gesichtslos wie der kräftige, von Andreas Ketelhut einstudierte Chor. Selbst Daland, dem Kakhaber Shavidze eine kräftige Bass-Kontur gibt, sein Steuermann Richard Carlucci mit berührender Südwind-Sehnsucht sowie die mahnende Amme Mary (Katja Bildt) treten nicht ins Licht.Ausnahmen sind der Holländer, den Todd Thomas stimmlich beeindruckend, aber im Ausdruck wenig differenziert zeichnet, und der Jäger Erik. Eduard Martynyuk gibt ihn mit ausdrucksstarkem Tenor als fordernden, schließlich resignierenden Bewerber um Sentas Hand.

Die Regie Guy Montavons lässt keinen Zweifel, dass er die Holländer-Phantasien Sentas für pathologisch hält. Legt er so die in sich konsequente, allerdings nicht ohne szenische Mühen durchgeführte Interpretation des „Holländers“ fest, so lässt er dem Publikum doch die Frage offen, was es mit Sentas Weltflucht auf sich hat. Ist es die dringliche Forderung Eriks, die ihre Furcht vor den ehelichen Pflichten und ihre Verweigerung hervorruft? Auch die gleichmachende Gesichtslosigkeit der Männer, die Ununterscheidbarkeit der Matrosen Dalands und der toten Seeleute des Geisterschiffs spricht für die Abwehr aller Männlichkeit. Ihre Erlösungsphantasie, auf den Holländer projiziert, ist auch ein Schrei nach einer bedeutenderen Frauenrolle, als es die der fleißigen, die Heimkunft ihrer Männer und deren Mitbringsel erwartenden Spinnerinnen ist. Gegen deren trauriges Los mag das Radfahren als Geste der Selbständigkeit gerichtet sein, auf dem Rad spinnt sie dagegen an. Am Ende, und das ist ein schöner Regie-Clou, erlöst sie nur sich selber von ihren Ängsten.

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer - hier Todd Thomas als Holländer, Kelly God als Senta @ Lutz Edelhof

Theater Erfurt / Der fliegende Holländer – hier Todd Thomas als Holländer, Kelly God als Senta @ Lutz Edelhof

Allerdings hat das Regiekonzept auch seinen Preis. So rationalistisch es ist, so quer steht es zu Wagners Intention und der Erwartung des Publikums. Kelly God berührt mit ihrer Stimme, Eduard Martynyuks Erik bewegt, da er aus Fleisch und Blut ist. Ansonsten wird dem Gefühl wenig geboten. Selbst bei den toten Seeleuten kommt kein Grauen auf, dem Holländer fehlt alles Unheimliche.

Zudem ordnet Dirigent Xu Zhong, Direktor des „Shanghai Grand Theatre“ und Wagner-Debütant, Wagner offenbar den stürmisch drängenden, rebellischen Jungdeutschen statt den Romantikern zu. Entsprechend kräftig ist sein Zugriff auf die Partitur, aufwühlend bei der Schilderung von dramatischen Meeres- und Seelenzuständen, aber nicht für alle Gemütslagen und Szenen angemessen; das Duett Sentas mit dem Holländer deckt er mit dem furios aufspielenden Philharmonischen Orchester zu.
Nach zweieinhalb Stunden spannender, optisch überwältigender Aufführung gab es langanhaltenden Beifall des Publikums für alle Beteiligten, der für Kelly God, Todd Thomas, den Chor und das Philharmonische Orchester Erfurt unter Xu Zhong besonders kräftig ausfiel.

Der fliegende Holländer am Theater Erfurt; die nächsten Termine: 8.4., 18.00 Uhr, 14.4., 9. und 11. 5.2018 um 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Erfurt |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Wiederaufnahme Der fliegende Holländer, 30.09.2017

September 29, 2017 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, StaatsOper Hannover

Staatsoper Hannover 

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Wiederaufnahme von Richard Wagners „Der fliegende Holländer“

Samstag, 30. September 2017, 19.30 Uhr, Opernhaus

Dank seiner mitreißenden Chöre, eindringlichen Soloszenen und spannungsreichen Duette zählt Richard Wagners Oper „Der fliegende Holländer“ zu den beliebtesten Werken Richard Wagners. Ab Samstag, 30. September 2017, 19.30 Uhr, wird der „Holländer“ in der Inszenierung von Bernd Mottl wieder an der Staatsoper Hannover gezeigt. Insgesamt sechs Vorstellungen stehen in dieser Saison auf dem Spielplan.

Staatsoper Hannover / Der fliegende Holländer © Thomas M. Jauk

Staatsoper Hannover / Der fliegende Holländer © Thomas M. Jauk

Die musikalische Leitung der Wiederaufnahme hat Generalmusikdirektor Ivan Repuši?, weitere Vorstellungen wird außerdem der 1. Kapellmeister Mark Rohde dirigieren. In den Hauptrollen sind wieder Kelly God (Senta) und Stefan Adam (Holländer) zu erleben. In der Rolle des Erik alternieren Robert Künzli und Eric Laporte. Es spielt das Niedersächsische Staatsorchester Hannover, es singt der Chor der Staatsoper Hannover.

Termine: Sa, 30.09.; Di, 10.10.; Fr, 20.10.; So, 05.11. (18.30); Di, 14.11.; Do, 23.11., jeweils 19.30 (wenn nicht anders angegeben)

—| Pressemeldung Staatsoper Hannover |—

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