Karlsruhe, Badisches Staatstheater, Siegfried: Aus der Rumpelkammer ins Nichts, IOCO Kritik, 31.08.2017

karsruhe_neu.jpg

Badisches Staatstheater Karlsruhe

 

Badisches Staatstheater Karlsruhe © Jochen Klenk

Badisches Staatstheater Karlsruhe © Jochen Klenk

Siegfried von Richard Wagner

„Aus der Rumpelkammer der Geschichte ins Nichts“

Von Guido Müller

Das Badische Staatstheater Karlsruhe hat sich beim Schmieden von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen 2017/18 für das neuerdings häufiger gewählte Modell entschieden, die vier Abende vier verschiedenen Regisseuren anzuvertrauen (wie auch beim nächsten Ring in Bayreuth). Auf die Walküre des amerikanischen Regisseurs Yval Sharons und des deutschen Bühnenbildners Sebastian Hannack folgte nun für Siegfried ein isländisch-litauisches Regie- und Bühnenduo.

Siegfried – Trailer des Badischen Staatstheater Karlsruhe

Dem jungen isländischen Schauspielregisseur Thorleifur Örn Arnarsson geht es in seiner szenischen Interpretation vom zweiten Tag des Wagnerschen Bühnenfestspiels nicht nur um eine Rückkehr zu Wagners isländischen Quellen in der Edda und dessen starkem Bezug auf Grimms Kinder- und Hausmärchen, sondern gleichzeitig auch um eine konsequente Umsetzung als Komödie mit teilweise slapstickartigen Elementen. Arnarsson zielt auf eine größtmögliche Entfesselung der Fantasien aller Beteiligten auf, hinter und vor der Bühne, also auch des Publikums und der Kritik. Zugleich sucht er damit auch altes Theater gegen neues postdramatisches zu stellen wie den in der Oper thematisierten Generationenkonflikt zwischen den Jungen (Siegfried und Brünnhilde) und den Alten (Mime, Wotan, Fafner).

In seiner ungewöhnlichen Regie“führung“ überlässt Arnarsson den Sängern nach allgemein gehaltenen Richtungsangaben die ihm von seinem litauischen Bühnenbildner Vytautas Narbutas zur Verfügung gestellten rund 500 Requisiten, aus denen sie ihre Kostümierung und Werkzeuge entnehmen und spielerisch wie multiperspektivisch mit den Objekten ihre Rolle selbst finden. Diese Regiemethode hat den Effekt, dass man unbeholfene Einfälle dann den Sängern in Rollendebüts zuschreiben kann wie die Schmiedebemühungen Jung-Siegfrieds mit Raspel, Feuer, Blasebalg und Amboss, die auch aufgrund unzureichender Requisiten ebenso unbeholfen oder lächerlich wirken, wie in der großen Auseinandersetzung zwischen dem Wanderer und Siegfried im dritten Aufzug das Spritzen des jungen Rüpels mit der wohl aus den Proben übrig gebliebenen Kunststoff-Wasserflasche gegen den Göttervater Wotan als abgehalfterten Alt-Schauspieler. Praktischerweise kann der in dieser Oper besonders geforderte Tenor damit zugleich immer mal wieder einen Schluck Wasser trinken.

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried von Richard Wagner_Erik Fenton als Siegfried_ Matthias Wohlbrecht als Mime © Falk von Traubenberg

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried von Richard Wagner Erik Fenton als Siegfried, Matthias Wohlbrecht als Mime © Falk von Traubenberg

Wenn Siegfried seine Bemühungen, den Gesang des Waldvogels zu imitieren statt auf einer Flöte auf einem verstimmten Klavier mit Wagner-Büste produziert, mag das originell wirken, ohne das man nun weiß, wer auf den Einfall gekommen ist. So bleibt das Auge zumindest im ersten Aufzug ständig beschäftigt alleine schon mit den Bemühungen die hunderte Objekte im Halbdunkel der Bühne zu identifizieren.
Hier gestaltet Matthias Wohlbrecht stimmlich, wortverständlich und spielerisch ein packendes und spannendes Portrait des Mime. Er reißt damit im Spiel den zunächst noch stimmökonomisch verhalten, eher lyrisch als heldentenoral, dann mit großer Kondition bis zum Ende immer strahlender singenden Erik Fenton als Siegfried mit. Und selten erlebt man das Frage-Antwort-Spiel zwischen Mime und dem Wanderer/Wotan im ersten Aufzug so spannend.

Ähnlich originell wirkt immer wieder der Einsatz des Schachspiels mit sich selbst beim Wanderer oder dem darstellerisch und gesanglich großartigen Jaco Venter aus dem Hausensemble als Alberich.
Rollenerfahrene Darsteller des Wotan/Wanderer wie der stimmlich mit charaktervoller Durchschlagskraft singende und darstellerisch erstklassige Renatus Meszar haben bei diesem Regiestil einen Vorsprung gegenüber Debütanten wie dem vorzüglich singenden und zunehmend immer deutlicher artikulierenden Gast Erik Fenton als Siegfried und der berückend und höhensicher in jeder Stimmlage zutiefst berührenden Brünnhilde der Heidi Melton. Ebenfalls als Gast in allen drei Brünnhilden im Karlsruher Ring ist sie gesanglich das Ereignis des Abends. Sie glänzte bereits 2016 als Sieglinde bei den Bayreuther Festspielen und später in Hong Kong und hat seitdem die Brünnhilde konzertant in New York und Wien gesungen.

 Die balsamisch schön tönende Katharine Trier als Erda und Avandil Kapsel als Fafner und der höhenstrahlende Waldvogel der Uliana Alexyuk zeugen von der hohen gesanglichen Qualität des Ensembles am Badischen Staatstheater Karlsruhe.

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried - Jaco Venter als Alberich, Renatus Meszar als Wanderer / Wotan © Falk von Traubenberg

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried – Jaco Venter als Alberich, Renatus Meszar als Wanderer / Wotan © Falk von Traubenberg

Der litauisch-isländische Bühnenbildner Vytautas Narbutas stellt der Inszenierung einen stark dominierenden, großen schloßartigen, musealen und oft bedrückend stickig-dunklen Raum mit Dachterrasse und Rundkuppel wie beim Berliner Reichstagsgebäude zur Verfügung. Neben der Bühne befindet sich an der rechten Seite ein kleiner enger Raum als eine Art Leitzentrale mit Bildschirmen für die Manipulationen Wotans und seine Gehilfen, die dort die „Züchtung“ Siegfried wie in der Truman-Show beobachten.

Die gerade in Siegfried sonst bildstark präsente Natur wird hier durch die fantasievoll-bunten Kostümkreationen der Performerin Sunneva Ása Weisshappel repräsentiert, oft durch am Trapez auf- und nieder schwebende tanzende Wesen mit wehenden Schleiern. Im Fall des herabschwebenden Waldvogels und der Raben wirkt das passend, ihr Drachengestell erinnert schon mehr an Geisterbahn. Gerade im zweiten Aufzug und zu Beginn des dritten Aufzugs wirkt die Enge des Museums voll Plunder aber eher drückend auf die Stimmung und erlaubt keine Assoziationen zu freier Natur.
Das ist aber nur konsequent aus Sicht des Regisseurs, für den das ganze Stück bis auf das Ende in einem musealen Käfig der untergehenden Welt Wotans und Mimes spielt. Erst im letzten Aufzug, nachdem Siegfried vom Waldvogel die Partitur der Oper geschenkt bekommt, merkt er, dass er eine Figur in einem Stück ist, das ein Anderer geschrieben hat. Und Siegfried reißt die Papierwände des Museums ein und schiebt kraftvoll die Kulissen an den Rand, um seinen Weg in die Welt, die Freiheit und zu Brünnhilde zu suchen. Dies ist ein großartiger befreiender Moment in dieser Inszenierung.

Leider setzt sich Siegfried dann aber in der Bühnenmitte auf einen Stuhl an einen großen alten Küchentisch, die aus dem Museum übrig geblieben sind. Und in Erstarrung träumt oder sinniert er sich die weitere Handlung herbei, in der er Brünnhildes von Feuer umgürteten Felsen in luftiger Höhe erklimmt, die Braut befreit und zum Leben wach küsst. Diese für mich zu den großartigsten Momenten der Operngeschichte zählende Szene bleibt nun denn aber gänzlich der Musik, seinem Gesang und später einigen peinlich-kitschig wirkenden Bergweltvideos und riesigen weiblichen Kussmündern auf der Videoleinwand im Hintergrund überlassen.
Da fragt man sich, ob die Inszenierung hier ins „Nichts einer Welt ohne Götter, Moral, Gesellschaft, Ideologien, kurz: das Wagnis totaler Freiheit“ führt (Dramaturgie: Boris Kehrmann / Katharina John) oder ob hier die Fantasie des Inszenierungsteams erschöpft war und ganz dem Zuschauer überlassen bleibt.

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried von Richard Wagner, Heide Melton als Brünnhilde © Falk von Traubenberg

Badisches Staatstheater Karlsruhe / Siegfried von Richard Wagner, Heide Melton als Brünnhilde © Falk von Traubenberg

Wie eine Dea ex machina taucht dann buchstäblich in letzter Sekunde zu ihrem Gesangseinsatz aus dem Bühnenboden herausfahrend Brünnhilde brustbepanzert mit geflochtenem Haar wie eine Kreuzung aus Heidi von der Alm und traditioneller Walküre mit mütterlichem Touch auf und besingt strahlend schön das Licht der Sonne. Die Sängerin findet dann auch allerlei Brauchbares in den restlichen Museums-Requisiten am vorderen Bühnenrand. Siegfried hingegen scheint nun endlich nach langem Märchentraum gereift und erwachsen geworden. Und nun gibt es Rampensingen wie im Opernmuseum.

Zugleich ist aber glücklich musikalisch der Weg frei für eines der großartigsten Liebesduette nicht nur des Wagnerschen Klangkosmos. Die Stimmen von Erik Fenton und Heidi Melton steigern sich nun gegenseitig auf das Grandioseste. Im Liebes- und Todesrausch zwischen tiefster existentieller Einsamkeit und Angst wie höchster Entrückung und Liebeshoffnung scheinen ihre Stimmen sich im tristanmäßigen Verschmelzen von „leuchtender Liebe und lachendem Tod“ zutiefst ergreifend zu entgrenzen.
Während die Inszenierung insgesamt eher heterogen, teilweise unbeholfen wirkt, verdienen sich die größten Meriten der Aufführung neben den Sängern die vorzügliche Badische Staatskapelle unter der Leitung des GMD Justin Brown.

In größtmöglicher Feindifferenzierung der weit aufgefächerten und oft geradezu kammermusikalisch behandelten Instrumentalstimmen und der sinnlichen Farben und Naturlaute der für Orchester und Dirigenten im Ring besonders anspruchsvollen Siegfried-Partitur wird unter Justin Browns hellwacher Leitung betörend intensiv musiziert. Dabei werden in der Durchsichtigkeit und Struktur Feinheiten deutlich, die bei anderen Dirigenten oft so nicht auffallen. Zugleich werden aber auch bis zum herrlichen Finale die großen Spannungsbögen dieser an dialogischen Konversationen und Auseinandersetzungen besonders reichen Oper gehalten: zwischen Mime und Siegfried, Mime und Wanderer, Mime und Alberich, Siegfried und Waldvogel, Siegfried und Fafner, Wanderer und Erda, Wanderer und Siegfried, Siegfried und Brünnhilde. Damit steht und fällt die Qualität einer Siegfried-Vorstellung.

Der erstklassigen Badischen Staatskapelle unter Justin Brown wäre lediglich eine Verstärkung einiger Instrumentengruppen wie den Harfen zu gönnen, die Orchester wie die Staatskapelle Dresden oder das Gewandhausorchester Leipzig als Weltklasseorchester bei Wagner auszeichnen. Doch ist das ein Detail in Anbetracht einer Spitzenleistung, die vielversprechend in erster Linie von der musikalischen Seite her auf die Fortsetzung mit der Premiere der Götterdämmerung am 15.10.2017 neugierig machen, die Tobias Katzer inszenieren wird, der in Karlsruhe bereits mit Wagners Die Meistersinger von Nürnberg großen Erfolg hatte und der 2019 zu den Bayreuther Festspielen den Tannhäuser auf die Bühne bringen wird. Die kompletten Ring-Zyklen sind für Karlsruhe im März und Mai 2018 angekündigt. Dafür läuft der Vorverkauf bereits.

Siegfried von Richard Wagner: Besuchte Vorstellung im Juli 2017; Nächste Vorstellung am 3.12.2017, 10.5.2018.

—| IOCO Kritik Badisches Staatstheater Karlsruhe |—