Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch, IOCO Kritik, 08.10.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

  Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch

– Das Wunder von Wiesbaden –

von Ingrid Freiberg

Besser als mit den Worten von GMD Patrick Lange ist das Wunder von Wiesbaden in Corona-Zeiten nicht zu beschreiben: „Heute ist der Tag! Wir bringen tatsächlich unsere Lady Macbeth von Mzensk zur Premiere. Das Gefühl ist wirklich nicht zu beschreiben: Bis vor ein paar Tagen schien es sogar noch möglich, dass die ganze Produktion eingestellt wird. Die Umstände um die Produktion herum waren alles andere als leicht. Umso glücklicher bin ich jetzt, dass wir unsere phantastische Version unter der Regie des begnadeten Evgeny Titov in einem sensationellen Raum von Christian Schmidt, mit großartigen Kostümen der wunderbaren Andrea Schmidt-Futterer und einem Hammer-Licht von Oliver Porst spielen. Das Ganze mit einer wirklichen Traum-Besetzung an darstellendem Personal (u.a. einer grandiosen Cornelia Beskow, Andrey Valentiy, Beau Gibson und Timo Riihonen… und dem tollen Chor unter der Leitung unseres phantastischen Albert Horne! Auf unser Hessisches Staatsorchester bin ich sowas von stolz.

Wir sitzen aufgrund der Abstandsregeln hinter der Bühne. Unsere Schlagzeuger sind schlappe 21 m von mir entfernt. Und eine Bühnenmusik-Combo haben wir natürlich auch noch dabei. „Auf Schlag bzw. Vorausspiel“ ist angesagt. Ihr macht das super und gebt alles! Da das Bühnenbild vom Orchester getrennt ist, müssen wir den Ton in den Zuschauerraum übertragen. Das geht! Aber nur, weil wir unsere tolle Tonabteilung unter der Leitung von Stephan Cremer am Start haben. Danke an alle KollegInnen der Technik, die ihr das überhaupt möglich macht. Was für ein logistischer Aufwand das allein ist! Zum Schluss ein Riesen-Dankeschön an das ganze musikalische Team. Denn Teamarbeit war/ist hier wirklich sowas von gefordert. Ihr seid wirklich der Wahnsinn, und ohne euch wäre das nicht zu stemmen gewesen. Ein besonderes Dankeschön an die tollste und beste Assistentin Christina Domnick, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Sie dirigiert die Bühne auf Monitorsicht voraus – ansonsten würde es zeitlich nicht zusammengehen. Das funktioniert, weil wir jetzt seit über 12 Jahren zusammenarbeiten. Christina weiß mittlerweile schon vor mir, was ich denke… Danke, heute bist Du wirklich meine bessere Hälfte! Und ein großes Dankeschön auch an unsere Orchesterdirektorin Verena Rast und Clara Holzapfel vom Orchesterbüro, ohne die dieser Abend definitiv nicht hätte stattfinden können. Was haben wir die vergangenen Wochen gemeinsam durchgestanden! Danke, dass dieser Abend heute möglich ist. Was für ein Stück in was für einer Zeit!…“

Lady Macbeth von Mzensk – Dmtri Schostakowitsch
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Sexuelle Begierde, physische Gewalt, brutal ausgeleuchtete Mordsequenzen

Die Erzählung des russischen Dichters Nikolaj Leskow, der vor allem durch seine Legenden und Romane weiterlebt, zitiert beziehungsreich Shakespeare im Titel. Die Stellung der Frau in der nachrevolutionären Gesellschaft, nach Ablösung der patriarchalischen Systeme der Zarenzeit, war ein Thema, das auch die russischen Künstler seit den 1920er Jahren bewegte. So plante Dmitri Schostakowitsch seine auf Leskows Novelle basierende Oper als Auftakt zu einer Trilogie über die Befreiung der Frau. Von Anfang an standen sein Bemühen, Katerina Ismailowa als nahezu heldisches Opfer darzustellen, und Leskows Intentionen gegeneinander: Ich habe mich bemüht, Katerina als positive, das Mitgefühl des Zuschauers verdienende Person zu behandeln. Dieses Mitgefühl hervorzurufen, ist nicht so einfach. Sie verübt eine Reihe von Verbrechen, die mit Moral und Ethik nicht zu vereinbaren sind, so der Komponist. Leskow zeichnet sie als ein sehr wildes Weib, das Unschuldige mordet. Für Schostakowitsch hingegen ist sie eine kluge, schöne und begabte Frau. Durch Einschränkungen im barbarischen habgierigen Kaufmannsmilieu ist ihr Leben freudlos und düster. In seiner durch und durch unromantischen, nichts beschönigenden Schilderung des öden Lebens gelang dem Komponisten eine unerbittlich realistische Darstellung von sexueller Begierde, von physischer Gewalt, brutal ausgeleuchteten Mordsequenzen, Schlägereien und von grausamem Auspeitschen.

Die Oper wurde 1934 mit großem Erfolg am Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführt. Nachdem Stalin sein Missfallen geäußert hatte, begann eine Hetzkampagne gegen Schostakowitsch. Sie gipfelte mit einem „Chaos statt Musik“ überschriebenen Artikel in der Prawda. Hier wurde seine Musik als Getöse, Geknirsch, Gekreisch und Kakophonie abgeurteilt. 1978 nahm Mstilaw Rostropowitsch bei seiner Flucht in den Westen eine Partitur der Tragödien-Satire, wie Schostakowitsch seine Oper genannt hat, mit und dirigierte die erste Platteneinspielung mit Galina Wischneswskaja und Nicolai Gedda.

Meisterhaftes Regiedebüt

Die erste Operninszenierung von Evgeny Titov gelingt meisterhaft. Die bluttriefende Geschichte um unbefriedigte Leidenschaft, Ehebruch und Mord spielt in abstrahierender Überhöhung, ohne viel Illustration. Titov profiliert sich als detailgenauer Porträtist der menschlichen Niederträchtigkeit. Der Versuch der gescheiterten Selbstverwirklichung Katerinas, die im Verbrechen endet, ihr sexuelles Begehren, ihre Liebesbedürftigkeit wie auch Gemeinheit und Gewalt brechen krachend hervor. Die Vergewaltigung von Aksinja wird drastisch und gnadenlos ausgespielt. Die umstehenden Männer lassen ihre Hosen herunter und onanieren. Eine junge Arbeiterin (Meryem Sahin) geilt sich ungehemmt daran auf. Das Opfer wird nach der Vergewaltigung verrückt. Die Prügelszene ist nicht sichtbar und gerade deshalb primitiv animalisch. Kammerspielartig mit äußerst sensibler Personenregie gelingen Charakterporträts wie das des tyrannisch-geilen sadistischen Schwiegervaters Boris, der seine schwindende Libido beklagt, und machen die maßlose Wollust zwischen Katerina und Sergej so glaubhaft, dass es den Atem nimmt. Die Kirche wird persifliert: Der Pope ist ein Trunkenbold, der seine Hände nicht vom weiblichen Geschlecht lassen kann. Drastisch choreographierte Massenszenen wechseln mit berührend intimen Szenen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk - hier : Ensemble und Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk – hier : Ensemble und Chor © Karl und Monika Forster

Ausgereiftes Bühnenbild, subtile Kostüme

Das Bühnenbild von Christian Schmidt, ein schmutzig gekachelter Raum an eine heruntergekommene Badeanstalt erinnernd mit einer Dusche, ermöglicht das von Titov angestrebte derb-erotisch kriminalistische Schauerstück. Ausgereift die Nutzung der Dusche, zunächst einziges Requisit auf der Bühne. Aksinja reinigt sie, wird von dort weggezerrt und dann brutal vergewaltigt. Katerina und Sergej lieben sich in der dampfenden Dusche, wahrnehmbar in lasterhafter Anziehung. Boris streicht, kaum seinen Sexualtrieb beherrschend, um sie herum, als Katerina duscht, und wird vergiftet in der Dusche sterben. Sinowi wird dort von dem teuflischen Liebespaar getötet…. Der blutige Duschvorhang wird Brautschleier sein. Ebenso großartig das vielfach genutzte „Loch“: Zunächst ein von Katerina ausgehobener Graben, um zu Sergej zu kommen, dann ein Grab, wo der betrunkene Schäbige die Leichen findet, und letztendlich ein tiefer schwarzer See, in dem Sonjetka und Katerina versinken werden. Optisch dominiert eine große Suppenkanone mit vergifteter Hochzeitssuppe das Fest. Erdhügel mit Knochen übersät erschweren den Transport der Zwangsarbeiter. Ein Bühnenbild mit großem dramaturgischem Geschick! Subtil auch die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer: Die alabasterfarbene Haut, das rote Haar von Cornelia Beskow werden durch ein zartes Blümchenkleid unterstrichen und damit die Fremdheit in dieser schmutzigen Umgebung unterstrichen. Dieses Kleid wird später Sonjetka tragen, wenn sie Sergej im Lager verführt. Boris trägt einen purpurfarbenen Mantel als Symbol seiner Macht. Nachdem das Volk Sinowi den Schlafanzug ausgezogen hat, kleidet es ihn in einen biederen Anzug. Der Geliebte Sergej trägt ein Muskel-Macho-Hemdchen. Mit dem überdimensionalen Reifrock ihres prächtigen Hochzeitskleides versucht Katerina das Grab zu überdecken. Darunter versteckt sich Sergej, um seiner Verhaftung zu entgehen. Mit seiner Lichtgestaltung setzt Oliver Porst gekonnt Prioritäten durch Licht und Schatten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk - hier : Cornelia Besko und Aaron Cawley © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk – hier : Cornelia Besko und Aaron Cawley © Karl und Monika Forster

Das Ensemble – grandios besetzt bis in die kleinsten Nebenrollen

Das ganze Werk scheint sich im Kopf von Katerina Lwowna Ismailowa abzuspielen. Cornelia Beskow brilliert mit weiten Intervallsprüngen zwischen sehnsüchtig hoher Kopf- und leidenschaftlich tiefer Brust-Stimmlage, mit weichen Kantilenen, harten Staccato-Lachern als in sich zerrissene machtbesessene Frau. Die Isolation auf dem ehelichen Gut lässt sie aber auch wie ein Kanarienvogel im Käfig erscheinen, wie es Sergej formuliert. Sie spielt und singt nicht Katerina, sie verkörpert sie mit einer solchen Intensität, die glauben macht, ihre Gedanken lesen zu können. Sie durchdringt diese Gewaltpartie ohne jegliche Ermüdungserscheinungen körperlicher oder stimmlicher Art. Da kann man sich nur verneigen! Stimmlicher Glanzpunkt ist auch Andrey Valentiy. Sein Boris Timofejewitsch Ismailow ist ein scheußlicher Patriarch – gewalttätig, herrschsüchtig und sadistisch. Wenn er mit seinen Händen lüstern über den Badevorhang streicht “Heiße Nächte würde ich dir machen!“ und die Musik seine zwiespältigen Gefühle reflektiert, kann seine raumgreifende Stimme, die das Fürchten lehrt, überaus sensibel werden und seine illusionslose Resignation beschreiben. Valentiys Bühnenpräsenz ist aufsehenerregend! Beau Gibson ist der betrogene lendenschwache Ehemann Sinowi Borissowitsch Ismailow mit einer angebrachten Oberflächlichkeit, aber auch mit Seele in der Stimme. Die schwierige undankbare Aufgabe gestaltet er lyrisch sanft mit sicherem Gefühl für Nuancen und gestalterischem Feinschliff. Katerinas Liebhaber Sergej, gesungen von Aaron Cawley, wartet mit umfangreichem Register und kraftvoller Stimme auf. Er weiß animalisch breitbeinig als Schürzenjäger die Frauen zu umgarnen und zu missbrauchen. Liebender Hass und hassende Liebe verbindet ihn mit Katerina “Du hast mein Leben zerstört!” Mit hemdaufreißender Intensität und offensiver Gewalt ist er mit seinem enormen Potential stimmlich absolut souverän. Michelle Ryan, die brutal vergewaltigte Aksinja, überzeugt darstellerisch und gesanglich. Diese schwere Rolle verlangt ihr alles ab. Ihre differenzierte Körpersprache und ihre ausdrucksvolle Stimme, intensiv und eindringlich mit ausgezeichneter Gesangstechnik lässt staunen. Erik Biegel als Der Schäbige taumelt in abgerissenen Frauenkleidern dauertrunken über die Bühne. Der Fiesling ergötzt sich an den 500 Stockhieben und findet die stinkenden Leichen. Besser als von ihm ist dieser Typ kaum darzustellen. Timo Riihonen besticht mit seiner Bandbreite. Mit buffoneskem Witz und Selbstironie verkörpert er den Popen. „Wer ist schöner als die Sonne am Himmel?“ Schmierig begrapscht er Katerina, küsst ihre Hand. Die Verzweiflung des Alten Zwangsarbeiters steht im Kontrast zum frustrierten Sergeant. Diese kraftvolle, agile und farbenreiche Stimme kann Erstaunliches leisten. Ausgereift und originär füllt Riihonen die drei Rollen aus, ein prachtvoller Bass, imposant, sicher im Ton und angenehm im Klang. Die intrigante Sonjetka singt Fleuranne Brockway mit erotisch gefärbtem, dunklem Mezzosopran. Sie ist eine selbstbewusste, ordinäre Femme fatale. Mit ungewöhnlich kommunikativer Kraft umgarnt, beeinflusst sie Sergej. Bei ihr wird er zum Pantoffelhelden… Wenn man eine herausragende Sängerin wie Sharon Kempton in der kleinsten der Frauenrollen, der Zwangsarbeiterin im letzten Bild, besetzen kann, belegt es das Niveau der Aufführung.

 Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk - hier : Cornelia Beskow als Katerina  © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Lady Macebth von Mzensk – hier : Cornelia Beskow als Katerina  © Karl und Monika Forster

Außergewöhnlich präsenter Chor, brodelndes Orchester

Der von Albert Horne beeindruckend einstudierte Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden erfüllt alle Kriterien der tragisch-satirischen Oper: starke Präsenz als aggressiver gewalttätiger Männerchor, als vulgäre Hochzeitsgesellschaft, als kraftlose Zwangsarbeiter „Wer hat die Meilen gezählt?” “Irgendwo im Wald liegt ein See. Das Wasser ist so schwer wie ihr Gewissen.“ Am Ende singt der Gefangenenchor „Unsere Gedanken sind freudlos, und die Wachen sind herzlos—“ – eine erstklassige Leistung!

GMD Patrick Lange und Co-Dirigentin Christina Domnick gelingt ein Geniestreich: Schostakowitschs Musik ist eine Collage aus verschiedensten musikalischen Strukturen, aus klassizistischen Formen wie der Passacaglia, aus Tänzen wie Walzer, Marsch, Polka, Galopp, aus sentimentalen Romanzen und knappen Songs oder grell dissonanten Orchesterkommentaren zum Stilprinzip. Eine Collage, ein durch Technik ermöglichtes Zusammenspiel lässt auch das Hessische Staatsorchester Wiesbaden mit der brodelnden Musik von Schostakowitsch glänzen. Es lässt es ordentlich krachen, kennt jedoch auch die dunklen Feinheiten dieser gewaltigen Partitur. Brillant werden die Instrumentations-Finessen, die Schärfen und Schönheiten dieser Musik zwischen Kirmes und Operette, zwischen Lyrik und Pathos herausgearbeitet. Weicher Streicherklang, wunderschöne Oboen- und Englischhorn-Soli und fantastische Bläser-Soli – die Posaune, die nach dem Liebesakt mit einem abwärts geseufzten Glissando Spannungsverlust signalisiert, wissen zu begeistern. Mit rhythmischer Energie wird das fatale Geschehen vorangetrieben, die symphonischen Zwischenspiele berühren ungemein.

  Groß, einhellig begeistert  – zum Ende der Jubel des Publikums

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Die Hochzeit des Figaro – Premiere, 06.09.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Die Hochzeit des Figaro  –   Wolfgang Amadeus Mozart

Premiere Sonntag, 6. September 2020, um 18 Uhr, weitere Vorstellungstermine: 12. & 17. September,2020  jeweils um 19.30 Uhr

Die Termine werden unter Vorbehalt der vom Land Hessen verfügten Corona-Verordnungen veröffentlicht.

Die Hochzeit des Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart spinnt die Geschichte von Rossinis »Barbier von Sevilla« fort. Basierend auf dem zweiten Teil von Beaumarchais’ gesellschaftskritischer Figaro-Trilogie, thematisiert sie die Wege und Irrwege zwischenmenschlicher Bedürfnisse. Mit dieser Oper schuf Mozart – vielleicht zum ersten Mal in der Operngeschichte – ein Stück wirklichen Musiktheaters. Sie ist in einer

Neuinszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel zu erleben.

Die Titelpartie übernimmt Bariton Konstantin Kimmel, der sich dem Wiesbadener Publikum bereits in der vergangenen Spielzeit als Jesus in Bachs Matthäus-Passion vorgestellt hat. Benjamin Russell debütiert als Graf Almaviva, die slowakische Sopranistin Slávka Zámecníková interpretiert die Gräfin Almaviva. Anna El-Khashem singt die Partie der Susanna. Heather Engebretson, in Wiesbaden u. a. bereits als Donna Elvira in »Don Giovanni« und Gilda in »Rigoletto« zu hören, singt Cherubino. Franziska Gottwald, die zuletzt die Alt-Partie in der »Matthäus-Passion« interpretierte, übernimmt die Partie der Marcellina.

Musikalische Leitung Konrad Junghänel Inszenierung Uwe Eric Laufenberg Bühne Gisbert Jäkel Kostüme Jessica Karge Chor Albert Horne

MIT:  Graf Almaviva – Benjamin Russell, Gräfin Almaviva – Slávka Zámecníková,  Susanna – Anna El-Khashem, Figaro – Konstantin Krimmel, Cherubino – Heather Engebretson, Marcellina – Franziska Gottwald, Basilio – Erik Biegel,  Don Curzio – Osvaldo Navarro-Turres Bartolo Wolf Matthias Friedrich Antonio Wolfgang Vater Barbarina Stella An

Chor & Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden

Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Gräfin Mariza – Emmerich Kálmán, IOCO Kritik, 01.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Gräfin Mariza – Emmerich Kálmán

– Der Zusammenbruch der KuK-Monarchie  als Realsatire –

von Ingrid Freiberg

Emmerich Kalman in Wien © IOCO

Emmerich Kalman in Wien © IOCO

Knapp zehn Jahre nach dem Erfolg seiner Csárdásfürstin kehrte Emmerich Kálmán kompositorisch mit Gräfin Mariza – nach Ausflügen ins kühle Holland (Das Hollandweibchen) und ins lebenslustige Paris (Die Bajadere) – in sein heimatliches Ungarn zurück. Er legte seine Operette, zusammen mit seinen Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald, die ihm mit dem Stoff zwei Jahre hinterherliefen, in die Entstehungszeit 1924, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Als gekonnt erfundene ungarische Folklore mit Foxtrott-Rhythmen, Zigeunergeigen, Grafen, Baronen, Komtessen, livrierten Dienern spielt die Geschichte auf einem Landgut: Die kaiserlich-königliche Husaren-schneidigkeit und die schillernde Welt der einstigen Donaumonarchie büßt dabei, obwohl sie bereits vor hundert Jahren zu Grunde ging, nur wenig von ihrem Charme ein. Hingegen rückt die Puszta, in Gräfin Mariza vielbeschworenes Symbol für eine heile Kindheit, das unberührte Landleben und die Ursprünglichkeit allgemein an den Rand des Reiches. Für Graf Tassilo, den verarmten Grafen, ist die Glitzerwelt schmerzlich außer Reichweite, die Besitztümer seiner Familie sind verkauft, Vergnügungen kann er sich nicht mehr leisten. Sein Leben bewegt sich zwischen Rausch und Bankrott, Liebe und verletztem Adelsstolz. Als Verwalter eines Landgutes will er nun die Mitgift für seine Schwester sichern. Kálmán karikierte eine Gesellschaft, deren Hierarchie sich neu sortieren muss. Es ist eine Realsatire, die den Zusammenbruch der Monarchie Österreich-Ungarn beschreibt, Adelsfamilien verloren ihr Vermögen und büßten zudem per Adelsaufhebungsgesetz von 1919 ihre Adelstitel – bis heute – ein.

Gräfin Mariza – Emmerich Kalman
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Operettenredaktion BR-KLASSIK vergibt den „Frosch des Jahres 2018“

Die Inszenierung von Thomas Enzinger, die bereits 2014 an der Volksoper Wien zu sehen war, verbindet kunstvoll Humor, Gefühl und furiose Tanzeinlagen. Witzige, pointenreiche Dialoge wahren den Charakter der Operette, die durch das Regiekonzept an Tiefe gewinnt. Es ist spürbar, dass die scheinbare Fröhlichkeit oft ein „Lachen unter Tränen“ ist. Seinen furchtlosen Umgang mit der Gattung Operette zeichnet Enzingers handwerklich perfekte Wiesbadener Inszenierung aus. Mit viel Liebe zum Detail erzählt er die originale Geschichte. Im Prolog, noch vor der Ouvertüre, singt die Zigeunerin und Kartenlegerin Manja (Saem You) melancholisch „Glück ist ein schöner Traum“. Ihre blitzsaubere Auftrittsarie lässt aufhorchen. Ein Zigeunerprimas (Anton Tykhyy) ist zu hören – ein kleines Mädchen (Viktorine Marsolek) und Tschekko, ein alter Diener (Gottfried Herbe), der ihr einfühlsam die Liebesgeschichte von  Mariza und Tassilo erklärt, begleiten fortan die Szene. Die beiden treten einige Male aus der Operettenhandlung heraus und bilden durch die Fragen des Kindes eine erzählerische Klammer, die das Wesen der Liebe immer wieder aufgreift. Würden sich Mariza und Tassilo nur ein einziges Mal zur Aussprache treffen, wäre die Operette sehr bald erzählt. Stattdessen tanzen und sehnen sie sich zurück zu den Zeiten, in denen sie glücklich waren: „Einmal möchte‘ ich wieder tanzen, so wie damals im Mai…“ Nach diesem Duett beginnen sich ihre Gefühle wie unter einer verkrusteten, verhärteten Lavaschicht zu regen… Brillant zeichnet Enzinger die Figur des Baron Koloman Zsupan, der in einer furiosen Choreografie mit klappernden Mistgabeln rappt und an einem unsichtbaren Seil acht Doppelgänger über die Bühne zieht. Der dritte Akt mit Désirée Nick als schönheitsoperierter Fürstin Božena Guddenstein zu Clumetzund Penižek (Klaus Krückemeyer) als ehemaligem Theaterkritiker liefert überdrehtes Operetten-Kabarett. Die vorzüglichen Lichtstimmungen von Klaus Krauspenhaar und Sabine Wiesenbauer steigern verheißungsvoll den Handlungsverlauf.

Enzinger und Toto (Bühne, Kostüme) lernten sich vor 17 Jahren kennen. Es war die Geburtsstunde ihres fruchtbaren Wirkens für die Operette, die immer seltener auf den Theaterspielplänen steht. Dabei ist sie höchst anspruchsvolles Boulevardtheater: Gesang, Dialoge, Witz und Sehnsüchte müssen überzeugend zum Publikum getragen werden. Das ist den beiden wieder einmal gelungen! Gräfin Mariza besticht durch Einfallsreichtum und Dichte der Melodien. Feurige Csárdásrhythmen, melancholische Zigeunermusik und „Schlager“ sorgen für schwungvolle Unterhaltung, treiben die turbulenten Verwirrungen um die große Liebe voran. Es sind romantische Gefühle, die man im Alltag oft vermisst. Dieser Glamour und das Gefühl, von der Musik umgarnt und getragen zu sein, führt zu Hochgefühl und guter Laune! Dem Affen wird reichlich Zucker gegeben – so reichlich, dass der Zuschauer auch durch seine Lachtränen hindurch noch die Virtuosität bemerken kann, mit der Emmerich Kálmán wie auch seine beiden Librettisten ihr Métier beherrschten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza - hier : Sabina Cvilak als Gräfin Mariza © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza – hier : Sabina Cvilak als Gräfin Mariza © Karl und Monika Forster

Toto entschied sich für einen prachtvollen Landschlossklassizismus mit mehreren Portalen. Die Drehbühne zeigt im raschen Wechsel eine Treppenanlage, auf der sich der Chor wirkungsvoll aufstellt, wie auch einen Lustgarten mit zarten Rosen. Zu den feurigen Klängen sind elegante Damen in Abendroben mit Hut und Federboas, Herren im Frack, geigende und tanzende Zigeuner im Kaminzimmer, der Kinderstube und im Salon mit weißen Rüschen-Vorhängen zu erleben… Die eleganten Kostüme der Gräfin – im 20iger Jahre Stil, der Zeit der Uraufführung – sind farblich wundervoll auf ihr rotes Haar abgestimmt.

Tanzsequenzen von Charles Kálmán und Modetänze von  Emmerich Kálmán  choreografiert Evamaria Mayer mit Schwung und großem Einfühlungsvermögen für die Musik. Großartig ihre Übertragung vom ungarischen Csárdás ins Scat- und Rapartige! Die Operette wird von acht Tänzerinnen und Tänzern (Janina Clark, Nathalie Gehrmann, Sofia Romano, Helena Sturm, Davide de Biasi, Valerio Porleri, Manuel Gaubatz, Christian Meusel, Myriam Lifka – Dance Captain) glänzend aufgemischt. Sie sind, wie der Zigeunerprimas, ganz in schwarz gekleidet. Folkloristische Farben werden nur dezent berücksichtigt. Mal als Zigeuner, mal als Tanzensemble in eleganten Kleidern mit tanzenden Schirmen im Tabarin, wo sich die Schönen und Reichen treffen, amüsieren sie das Publikum. Ihre heißblütigen Tanznummern sind voll mitreißender Dynamik…

Thomas Enzinger erhielt für seine Inszenierung von der Operettenredaktion BR-KLASSIK den „Frosch des Jahres 2018″. Die Auszeichnung wird seit Beginn des Jahres 2016 von der Jury der Redaktion Operette verliehen und zeichnet Monat für Monat nach eigener Definition „besonders gut gemachte, zeitgemäße und frische Operettenproduktionen“ aus. Die Redaktion gratulierte auch dem Intendanten und allen Ausführenden zu diesem opulenten Operettenfest.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza - hier : Ensemble, Tänzer, Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza – hier : Ensemble, Tänzer, Chor © Karl und Monika Forster

Es bleibt kein Auge trocken…

Mit Sinnlichkeit, Schmelz und eloquenter Deklamation gibt Sabina Cvilak eine überlegte, fein ausdifferenzierte Darstellung der Gräfin Mariza. Sie präsentiert sich mit ihrem frischen Sopran effektvoll zwischen intimen Liebesschmerz und explodierenden Gefühlen und brilliert gleich in ihrem Auftrittslied. Mühelos setzt sie ihre Töne, frei von Übertreibung. Ihre Schönheit, ihr Reichtum und ihre Kapriolen sind eine Absage an Mitgiftjäger, die sich einschleichen wollen. Als sie sich zum wiederholten Male auch von Tassilo betrogen sieht, ohrfeigt sie ihn mit einer großen Summe Geldes.

Wenn Gräfin Mariza und ihr Gutsverwalter Bela Törek, der in Wirklichkeit Graf Tassilo von Endrödy-Wittemburg ist, ihr schmachtendes „Sag ja…“ singen, wenn Marco Jentzsch mit seinem jugendlich frischen Timbre aus dem Vollen schöpft, bleibt kein Auge trocken. In sauber intonierter Entrücktheit singt er „Komm Zigan…“, „Auch ich war einst ein feiner Csárdáskavalier“. Dem melancholischen Ehrenmann kommt zugute, dass er die Ohrwürmer des Abends zu singen hat. Immer wieder schwärmt er mit tenoralem Stimmenglanz und auffallend klarer Artikulation von seinen Zeiten als fescher Reiteroffizier in der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie.

Köstlich balzend empfiehlt sich Björn Breckheimer als tragikomischer Fürst Populescu. Er bereitet die Verlobungsfeier seiner Angebeteten, Gräfin Mariza, mit dem angeblichen Baron Koloman Zsupan vor, fragt sie aber auch, ob er nicht der Glückliche sei, in den sie sich verliebt habe. Um zum Erfolg zu kommen, scheut er weder Kosten noch Mühen. Erst nach einer durchzechten Nacht gesteht er seinem Saufkumpanen Zsupan, dass er immer noch unsterblich in eine Fürstin verliebt sei, die er seit Jahren nicht gesehen hat. In der Fürstin Bozena Guddenstein zu Chlumetz erkennt er alsbald seine Jugendliebe wieder, sein „Maiglöckchen!“, dem er sofort einen Heiratsantrag macht – ihren Diener Penižek heiratet er gleich mit, weil er dessen Lächeln und Mimik in der Ehe braucht.

Björn Breckheimer, Sänger, Schauspieler und früherer Solotänzer meistert die anspruchsvolle Partie glänzend. Umwerfend, quicklebendig, mit Rampensaupotential und hoher Flexibilität präsentiert er die beredten Schattierungen seines Baritons. Grandios unterstreicht Erik Biegel als Baron Koloman Zsupan mit angenehmer Tenorbuffo-Stimme sein komisches Talent. Als vermeintlicher Baron in roter Lederjacke tobt er als Wirbelwind in einem unglaublichen Parforceritt über die Bühne, tanzt wie der Teufel… Sein köstlicher ungarischer Akzent überzeichnet humorvoll die Figur. Einer der Höhepunkte des Abends ist der bereits erwähnte Mistgabel-Rap. Wiederholt bekommt Biegel Szenenapplaus. Nach seiner zunächst tollpatschigen Annäherung an Lisa endet sein Werben mit einem berührend gesungenen „Ich möchte träumen von dir, mein Puzikam“. Die Lisa von Shira Patchornik ist eine unbekümmerte junge Frau, die unreflektiert der Handlung und ihrer Liebe zu Zsupan freien Lauf lässt. Bei ihr vereinigen sich mädchenhafte Ausstrahlung, Leichtigkeit und Klarheit der Diktion. Mühelos mit jugendlich strahlendem Sopran überzeugt sie im Zusammenspiel mit ihrem Bruder Tassilo „Brüderlein, Schwesterlein“, „Sonnenschein hüllt dich ein – O schöne Kinderzeit“ und mit Zsupan  „Junger Mann ein Mädel liebt – Behüt dich Gott komm gut nach Haus“.  Die Vertrautheit mit ihren beiden Bühnenpartnern ist spürbar. Thomas Jansen als Karl Stephan Liebenberg ist ein distinguierter Lebemann, der nicht verstehen kann, dass sein ehemals lebenslustiger Freund Tassilo seinen gesamten Familienbesitz veräußern will. Dennoch regelt er alles für ihn.

Ein weiterer komödiantischer Höhepunkt des Abends ist der Auftritt der Erbtante Fürstin Bozena Guddenstein zu Chlumetz (Désirée Nick), die auftaucht, um ihren Neffen und dessen Liebe zu retten. Im 3. Akt hat das Sprechtheater ein Übergewicht gegenüber der Musik. Ihrem Typ entsprechend erscheint die Fürstin äußerst extravagant, ganz Diva zeigt sie ihre langen Beine und rückt damit die Operette in die Nähe einer Revue. Für Désirée Nick wurde aus Kálmáns Herbstmanöver ein Entrée-Couplet eingefügt und mit einem neuen Text versehen, der den Schönheitswahn bei reifen Damen „Fünf Operationen und dann die nächste gratis…“ aufgreift. Ihr Gesicht ist nach den vielen Hautstraffungen so starr geworden ist, dass sie zum Lachen ihren schrägen Diener Penižek (Klaus Krückemeyer) braucht, der nicht nur ihrer Mimik Ausdruck verleiht, sondern auch als vormaliger Theaterkritiker, mit Sinn für Humor und Zitate aus der Literatur, das Geschehen kommentiert. Das ist grotesk komisch und gibt viel Raum für Lacher.

Gräfin Mariza und Graf Tassilo im Gespräch
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Operettenglanz  – Operettenglamour

Der Chor des Hessischen Staatstheater Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne ist makellos einstudiert, wächst über sich hinaus und begeistert mit mitreißenden Tanznummern. „Heut‘ betrügen wir die Nacht, getanzt wird und gelacht, wenn der Champagner kracht! Heute ist uns alles ganz egal, heute schlafen wir im Nachtlokal! Heut‘, so lang die Welt noch steht, weil sie vielleicht schon morgen zum Teufel geht…“ Das alles: Gesang, Timing und Tanz bringt nostalgischen Operettenglanz und -glamour der Zwanzigerjahre auf die Bühne, wie man ihn von alten Filmen her erahnen kann. Eine tolle Leistung!

Das gilt auch für das unter der Musikalischen Leitung von Christoph Stiller subtil und schmissig aufspielende Hessische Staatsorchester Wiesbaden. Stilistisch wendig und hochengagiert bringt das Orchester den Charme der Partitur und weitere Klangdelikatessen zum Leuchten. Den Musikern wird eine enorme Fülle an Artikulationsweisen entlockt, mit viel Atem für die liedhaften Rundungen der Form. Das ergibt einen vollsüffigen Mix aus Foxtrott und Walzer, Csárdás und Blues, Slowfox und Boston, Wiener Operettenso und und pseudoungarischer Folklore. Die Stunden vergehen  im Flug.

Sehr viel Zwischenapplaus und Standing Ovations! Wer diese Aufführung nicht bester Laune verlässt, dem ist nicht zu helfen.

Gräfin Mariza am Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine 1.2.; 18.6.; 26.6.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Tosca – Giacomo Puccini; IOCO Kritik, 08.12.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

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Tosca – Giacomo Puccini – Wiederaufnahme

„Quäle die Heldin!“

von Ingrid Freiberg

Von Folter und Tod, Glocken und Kanonen handelt Giacomo Puccinis fünfte Oper Tosca. Es ist ein naturalistischer Thriller von ungeheurer Spannung. „Mit La Bohème wollten wir Tränen ernten, mit Tosca wollten wir das Gerechtigkeitsgefühl der Menschen aufrütteln und ihre Nerven ein wenig strapazieren. Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“  Puccini fasste es in einer Formel zusammen: „Quäle die Heldin!“, So direkt bekennt  sich Puccini über sein 1900 in Rom uraufgeführtes Werk und erwies sich damit als veritabler Erbe Verdis.

Das Läuten von Kirchenglocken und der Gesang des Hirtenknaben sind die Klangkontraste zu Toscas innigem Gebet und Cavaradossis blühenden Lyrismen in bekannter Puccini-Süße. Als Puccini die berühmte Sarah Bernhardt in der Titelrolle des für sie geschriebenen Dramas von Victorien Sardou, der späteren Quelle für den Librettisten Giuseppe Giacosa, auf der Bühne sah, trug er sich mit dem Gedanken einer gleichnamigen Oper. Mehrere andere Komponisten, auch Verdi, interessierten sich für die skandalumwitterte Tragödie, die Verleger Ricordi letztlich doch für Puccini reservieren konnte. Nach der Uraufführung in Rom sicherte vor allem die nachfolgende Aufführung an der Mailänder Scala unter Arturo Toscanini der Oper den Status als Welterfolg.

Tosca – Hessisches Staatstheater Wiesbaden
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Starke menschliche Interaktionen

Folter, Tod, Lüge und Heuchelei stellt auch Sandra Leupold bei ihrer traditionellen Inszenierung in den Mittelpunkt. Sie lässt nichts zu wünschen übrig, was die Personenregie betrifft. Das Zusammenspiel zwischen den Charakteren ist im kleinsten Detail durchdacht und zeigt sehr starke menschliche Interaktionen. Es ist ein überzeugendes Kammerspiel, eine minutiöse Verzahnung von Text und illustrierender Musik. Zu keiner Zeit wird man von großer Sangeskunst und der spannenden Handlung abgelenkt. Leupolds Tosca ist nicht nur Diva, sondern zugleich eine Frau von Mitleid erregender Naivität, die noch im letzten Akt ihrem Geliebten mit weit ausholenden Gesten von ihrem gerade begangenen Mord erzählt.

Beeindruckendes Bühnenbild

Die Oper Tosca braucht eine glaubwürdig erzählte Geschichte und ein beeindruckendes Bühnenbild: Das ist sowohl Sandra Leupold (Inszenierung) als auch Tom Musch (Bühne) gelungen. Sein Einheitsbühnenbild, im 1. Akt ein großer kahler fünfeckiger Kirchenraum mit Nischen, in denen Madonnen – eingerahmt mit roten Lichtlein und in der Mitte ein an das Kreuz genagelter Christus – stehen, ist ein passender szenischer Rahmen. Weihrauch weht von der Bühne her in den Zuschauerraum… Im 2. Akt wandelt sich der Altar zur Tafel, an der Scarpia speist, die Madonnen sind mit Tüchern verhängt; nur in der hinteren Mitte ist der Gekreuzigte noch zu sehen. Der Raum wandelt sich im 3. Akt in ein fahl beleuchtetes Gefängnis, in dem am Ende Cavaradossi von Spoletta, auf den das Los fiel, durch einen Genickschuss getötet wird. Als bekannt wird, dass Tosca Scarpia erstochen hat, kommen die Schargen in das Gefängnis zurück, um auch Tosca zu erschießen. Doch es kommt anders: Sie entwendet Spoletta den Revolver, erschießt sich und sinkt neben ihrem Liebsten nieder. Ausgeleuchtet werden alle Szenen von einem Octagon aus Neonröhren, die handlungsbegleitend flimmern.

Die Kostüme von Marie-Luise Strandt betonen glaubwürdig das klassische Regiekonzept. Tosca trägt zunächst, ganz Diva, ein goldgelbfarbenes Komplet, danach eine sehr elegante weiße Satinrobe mit schwarzer Spitzenapplikation. Cavaradossi, der Künstler, ist leger gekleidet, während im 1. Akt ein Ledermantel für Scarpia sein diabolisches Wesen als Polizeidirektor von Rom, der das alte Regime mit Gewalt verteidigt, unterstreicht. Sein zweireihiger Gehrock mit Stehkragen und Weste im 2. Akt unterstreicht, dass Scarpia ein Baron ist.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca - hier : Cavaradossi und Adina Aaron als Tosca © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca – hier : Cavaradossi und Adina Aaron als Tosca © Martin Kaufhold

Warum nennt Cavaradossi seine Geliebte nicht Floria?

Tosca ist eine Rolle, die von allen, wirklich allen großen Sopranistinnen in den letzten 100 Jahren gesungen wurde. Adina Aaron bietet mit Wärme, Leidenschaft, Ausdruckskraft und ungemein dichten Höhen ein strahlendes Erlebnis. Sie ist nicht nur gesanglich großartig, sondern überzeugt auch schauspielerisch mit ihrem Einfühlungsvermögen. Dabei strahlt sie Leidenschaft und Feuer aus. Aus der eifersüchtigen Diva wird eine liebende kämpfende Frau. Die zahlreichen Schlüsselstellen (Giuro!, Quanto…il prezzo...) gelingen ihr mit staunenswerter Sicherheit! Die hohen „C‘s“ erklingen strahlend; berührend das Vissi d’arte in Form eines schlichten Gebets. Wenn Adina Aaron am Ende erzählt, wie sie dem Peiniger Scarpia das Messer ins Herz stach, sind das nicht nur Worte! Ihre Stimme wiederholt das Geschehen…

Die Darstellung von Adina Aaron und Rodrigo Porras Garulo ist von Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit geprägt. Ihre Stimmen fließen ineinander und umschmeicheln sich gegenseitig. Da bleibt nur eine Frage offen: Warum nennt Cavaradossi seine Geliebte nicht Floria? Rodrigo Porras Garulo als Mario Cavaradossi geht sicht- und hörbar in dem sympathischen Rollencharakter seiner Figur auf. Seine Interpretation von „E lucevan le stelle“ beginnt fast tonlos, um sich anschließend in strahlende Höhen zu steigern. Garulos Stimme ist reich an Gefühl, sein Vibrato klingt herrlich elegant und schön. Die feinen, lyrischen Passagen gestaltet er wunderbar. Sein Bühnenspiel ist faszinierend lebendig. Mit dieser Leistung lässt Rodrigo Porras Garulo vergessen, dass es nicht zum Rollendebüt von Andreas Schager kam…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca - hier : Ensemble © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Tosca – hier : Ensemble © Martin Kaufhold

Rollendebüt von Thomas de Vries als Scarpia – Ein großer Erfolg!

Sein Te deum im 1. Akt lässt aufhorschen, überzeugend wie er den Plan zur Ermordung Cavaradossis und zur Vergewaltigung Toscas fasst, sich dann in scheinbarer Frömmigkeit vor den Priestern zum Gebet niederkniet. Das ist böse und raumgreifend – von großer Intensität, es macht glaubhaft, dass Rom vor ihm zittert. Gerade dieses Wechselspiel aus formvollendeter Konvention und animalischer, sadistischer Bosheit machen seine Interpretation so faszinierend. Thomas de Vries beeindruckt mit seinem voluminösen facettenreichen Bariton, seiner sonoren herrlichen Stimme. Er ist dramatisch kompromisslos und manipulativ…

Auch in den übrigen Partien gibt es erfreuliche Leistungen: Young Doo Park  wertet die Rolle des Cesare Angelotti mit seiner Riesenstimme, seinem dunklen Bass, und seiner ergreifenden Darstellung auf. Verzweifelt spielt er den geschundenen auf der Flucht befindlichen Voltairianer. Eine Charakterstudie der besonderen Art ist der Mesner von Benjamin Russell. Wie er sich am Opferstock bedient, den Picknickkorb für sich zur Seite stellt und danach niederkniet, um zu beten, hat etwas von der commedia dell arte. Sein Spiel wird gekrönt von seinem eleganten, artikulationsgenauen Bariton. Ein wenig fällt Erik Biegel als schmieriger Spoletta ab. (Er ist besser besetzt, wenn seine Spielfreude aufleuchten darf.) Als Scarpias Schargen gewinnen Daniel Carison als Sciarrone, Leonid Firstov als Gefängniswärter, der Cavaradossi seinem letzten Wunsch entsprechend Papier und Bleistift bringt. Das ist ein bewegender Augenblick… Anrührend der zarte Knabensopran von Stella An. Ihr Gesang geht zu Herzen.

Gut eingebunden sind die Chöre: Chor und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne und die Kinderkantorei der Ev. Singakademie Wiesbaden unter Leitung von Jud Perry tragen in der Schlussszene des 1. Aktes maßgeblich zum opulenten musikalischen Höhepunkt bei. Die Chöre beeindrucken mit tragischer Dichte und klanglicher Schönheit.

Das Orchester spielt in Bestform

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden unter Leitung von Christoph Stiller bereitet Freude. Plastisch gelingen die motivischen Passagen, schon beim Scarpia-Leitmotiv im 1. Akt präsentieren sich die Musiker in Bestform, zeigen enorme Spielfreude, die Spannung in der Partitur gelingt vortrefflich. Einem schön grundierenden satten Streicherklang stehen das Blech und die Hörner gegenüber, die geschmeidig wirken. Die feineren Zwischentöne bei den Arien Vissi d’arte und E lucevan le stelle werden wohltuend moduliert. Der Horn-Choral zu Beginn des 3. Aktes, das berüchtigte Cello-Quartett vor Cavaradossis Sternenarie und die Soloklarinette leuchten auf. Das Zusammenspiel zwischen Orchester und SängerInnen auf der Bühne ist eindrucksvoll.

 Das beglückte, beseelte Publikum bedankt sich mit Standing Ovations!

Tosca am Hessischen Staatstheater Wiesbadeb; weitere Vorstellugnen 5.1.; 11.1.; 29.2.; 12.4.; 28.5.2020

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