Dresden, Semper Zwei, Der goldene Drache – Peter Eötvös, IOCO Kritik, 15.12.2019

Dezember 15, 2019 by  
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Semperoper

Semper Zwei _ die Studiobühne der Semperoper © Jochen Quast

Semper Zwei / die Studiobühne der Semperoper © Jochen Quast

 

Der goldene Drache  –  Peter Eötvös

– Politisches Musiktheater auf hohem Niveau –

von Thomas Thielemann

Nach einer nichtautorisierter Schätzung leben und arbeiten weltweit etwa 270 Millionen Menschen unter Sklaverei-artigen Bedingungen. Wie erzählt man von der Rechtlosigkeit illegaler Einwanderer, von Menschen die zur Prostitution gezwungen werden, die keine medizinische Betreuung haben und hemmungslos ausgebeutet werden, ohne sozialen Kitsch zu produzieren? Die Semperoper brachte nun hierzuauf ihrer Studiobühne Semper Zwei (Foto) den Goldenen Drache von  Peter Eötvös 

Einer der produktivsten und meistgespielten deutschen Dramatiker unserer Zeit, Roland Schimmelpfennig (Jahrgang 1967), bannte die Gefahr der Betroffenheits-Darstellung, indem er die Dramaturgie episch herunterkühlt, mit Märchenzutaten anreichert und die Szenen mit Nutzung seiner „Short-Cut-Dramaturgie“ stückelt. Mit dem Theaterstück Der goldene Drache holt er das Genre Sozialdrama aus der etwas miefigen Realismus-Ecke, ohne es bei allen Verfremdungen und Abstraktionen, zu entschärfen.

Semper Zwei / Der goldene Drache - hier : die fünf Solisten in lebendiger Lebensfreude © Ludwig Olah

Semper Zwei / Der goldene Drache – hier : die fünf Solisten in lebendiger Lebensfreude © Ludwig Olah

Mit 45 Szenen, 45 Ereignissen oder Ereignisfragmenten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, sich aber durchdringen oder miteinander in Beziehung stehen, schrieb Schimmelpfennig ein Theaterstück. Der ungarischen Komponisten Peter Eötvös (Jahrgang 1944) und seine Ehefrau Mari Mezei reduzierten die Fülle auf 22 Szenen zu einem Libretto. Als Auftragswerk war die Kammeroper 2014 in Frankfurt uraufgeführt worden.

Die Handlung ist in ihrer Komplexität trotzdem einfach: Irgendwo in unserem Westen arbeiten fünf Asiaten illegal in der Küche des Schnellrestaurants Der goldene Drache. „Der Kleine“-Chinese hat wahnsinnige Zahnschmerzen, darf aber mangels Aufenthaltserlaubnis keinen Zahnarzt aufsuchen. So helfen die Köche auf ihre Art, indem sie mit einer Rohrzange den Dentisten ersetzen. Der Patient verblutet jämmerlich, während der Zahn dank der allgemeinen Verwirrung in das Thai-Essen einer Stewardess gelangt ist, was dieser den Appetit beeinträchtigt. Dann: Eine junge Frau, ungewollt schwanger, hat sich mit dem Verursacher zerstritten und bespricht das mit dem Großvater. Eingestreut in die Szenen war das Motiv der Fabel von Äsop und la Fontaine „Die Grille und die Ameise“. Die Heuschrecke, die den Sommer versang und die Ameise, die für den Winter vorgesorgt hatte. Als Gegenleistung für den zögernd gewährten Unterschlupf musste die Grille sich nicht nur unterhaltsam produzieren, niedere Arbeit verrichten und außerdem, eine zeitgemäße Zuspitzung, auch der Zuhälter-Ameise als Prostituierte dienen. Ebenso, wie auch eine junge Chinesin, die vom Lebensmittelhändler zur Prostitution gezwungen wird, was ihr fast das Leben kostet.

Im Goldenen Drachen steckt eine unaufdringliche Parabel der Welt der Globalisierung: der Menschheit ganzer Jammer ergreift uns. Den besonderen Reiz erhalten das Werk und damit auch der Abend, dass fünf Solisten neunzehn Rollen in atemberaubendem Tempo darstellen. Zur Verfremdung gehört vor allem, dass Frauen Männer sowie Männer Frauen verkörpern, dabei Junge Alte und Alte Junge spielen, als auch Asiaten Europäer und umgekehrt darstellen.

Semper Zwei / Der goldene Drache © Ludwig Olah

Semper Zwei / Der goldene Drache © Ludwig Olah

Solisten des Ensembles, die ansonsten überwiegend in kleineren Rollen eingesetzt sind, konnten in der Inszenierung der tschechischen Regisseurin Barbora Horáková Joly ihr Können, ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen und mit intensivem Gesang sowie intensivem Spiel glänzen. Und das taten sie auch zur großen Freude des Auditoriums. Die aus Prag stammende Regisseurin Barbora Horáková Joly war lange mit Calixto Bieito verbunden. So bot sie alles auf, was in dieser undurchsichtigen Spannungskonstellation voller Ängste, Misstrauen, sexueller sowie physischer Gewalt möglich war. Alles war präzise arrangiert, spannungsreich und scharf formuliert. Trotz der Fülle an Details bleibt die Handlung immer im Fluss und wurde von den fünf Darstellern temporeich und spielfreudig auf die Bühne gebracht.

Das Bühnenbild von Annemarie Bulla war funktionell: Vor dem im Hintergrund installiertem Orchester auf der fast freien Spielfläche war ein dreistöckiger Turm aufgebaut, der fast beliebig bewegt werden konnte. Drei Lichtrahmen, am Beginn als Videowände genutzt, dienten in den Szenen der sexuellen Gewalt. Ansonsten wurden je nach Situation Stühle eingesetzt. Die beiden Schlagwerker begrenzten die Spielfläche auf beiden Seiten. Die einfallsreichen Kostüme waren funktionell auf schnellen Wechsel mit möglichst wenigen Handgriffen gestaltet. Die Videoinstallationen von Sergio Verde bemühten sich unaufdringlich, das Bühnengeschehen an den gesamtgesellschaftlichen Kontext  anzubinden. Immer passend war die Lichtgestaltung von Marco Dietzel.

Als Gast vom Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein übernahm die 1994 in Lettland geborene Mezzosopranistin Karina Repova als Frau über sechzig die Rollen der alten Köchin, der schwangeren Enkeltochter, der Ameise, des Hans und der chinesischen Mutter. Was sie als eiskalte Ameise und als schäbiger Hans an perfider Niedertracht auf der Bühne bot, war schon bemerkenswert. Als Enkeltochter traf sie mit hohem und warmem Gesang die andere Seite der Gefühlslagen, wobei sie den von der Partitur verlangtem schnellen Wechsel von Rolle zu Rolle hervorragend meisterte.

 Semper Zwei / Der goldene Drache - hier : "der kleine Chinese" © Ludwig Olah

Semper Zwei / Der goldene Drache – hier : „der kleine Chinese“ © Ludwig Olah

Der seit 2018 zunächst im jungen Ensemble etablierte 1990 in Seoul geborene Beomjin Kim sang und spielte als junger Mann, die Rollen eines jungen Asiaten, der Kellnerin, des Großvaters, der chinesischen Tante und vor allem der Grille. Dabei blieb besonders seine Darstellung der gedemütigten Grille-Prostituierten in Erinnerung. Eine nicht nur für ihn, sondern auch für das weniger abgebrühte Publikum an der Grenze des Erträglichen angesiedelte Szene. Hier hätte der Regie etwas Zurückhaltung gut getan.

Der Tenor Jürgen Müller, seit 2018 wieder Ensemblemitglied, hatte als „der Mann über sechzig“ den alten Asiaten, den Freund der Schwangeren, den chinesischen Vater und die dunkelbraune Stewardess übernommen. Mit der lesbischen Dame und dem Laien-Dentisten hat er seine komischen Möglichkeiten ebenso überzeugend auf der Bühne demonstriert, wie seine darstellerischen Mittel in den richtig widerlichen Szenen seiner Rolle.

Der im Jungen Ensemble etablierte türkische Bariton Dogukan Kuran verkörperte als „ein Mann“ einen Asiaten, den chinesischen Onkel des Kleinen und die blonde Stewardess. Dabei erwies er sich als außergewöhnlich talentierter Komiker, der seinen Figuren über weite Strecken sympathische Züge verlieh und hervorragend sang.

Die schwierigste Aufgabe war der 1993 geborenen japanischen Sopranistin Mariya Taniguchi, als „die junge Frau“, mit der Darstellung des „Kleinen“ übertragen worden. Der Kleine litt vom Beginn der Vorstellung an Zahnschmerzen, um am Ende doch zu sterben. Die Partie ist neben der emotionalen Belastung offenbar sehr anstrengend für die Stimme, weil sie sehr hoch liegt und manchmal fast Schreien erforderte. Es konnte aber trotzdem schöner Gesang bleiben. Für die harte Darstellung wurde die Sopranistin kurz vor Schluss mit einem anrührenden Monolog entschädigt, mit dem der Verblutete und im Fluss Entsorgte sein trostloses Leben naiv schönfärbte.

Der 1986 in Prag geborene zweite Solo-Kontrabassist der Staatskapelle Petr Popelka arbeitet schon seit geraumer Zeit mit gutem Erfolg an seiner Umorientierung zum Dirigenten und Komponisten. Mit  seiner musikalischen Leitung der Premiere von Der goldene Drache entwarf er ein differenziertes Klangspektakel aus Streicher-Obertönen, gestopften bzw. verzerrten Bläsern, Unmassen von Schlaginstrumenten und Klavier. Dazu musste er auch die Geräusche aus der Szene und vor allem die Artikulationen der Solisten in das Klangspektrum einbeziehen. Dabei assistierten ihm, eine für die Studio-Bühne recht ordentliche Anzahl hervorragender Musiker der Staatskapelle, die bereits im vergangenen Jahr sowohl im Kulturpalast, als auch im Januar 2019 in Hellerau ihre Affinität zur Musik Peter Eötvös unter Beweis gestellt hatten.

Das überwiegend jüngere Publikum bejubelte langandauernd sowohl die Agierenden als auch das Inszenierungsteam, obwohl in dem Stück eigentlich mit Entsetzen Scherz getrieben worden war.

Für den Autor hat sich aber am Premierenabend die unbedingte Notwendigkeit ergeben, die Inszenierung noch einmal zu besuchen.

Der goldene Drache an der Semper Zwei; die folgenden Termine 15.12.; 21.12.; 23.12.; 28.12.2019.  ACHTUNG:  Alle Vorstellungen sind als bereits ausverkauft angekündigt.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Spitzenranking – 290.000 Besucher, 92% Auslastung, IOCO Aktuell, 17.08.2019

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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden – Spitzenranking in der Theaterwelt

Semperoper Dresden / Intendant Peter Theiler © Klaus Gigga

Semperoper Dresden / Intendant Peter Theiler © Klaus Gigga

Semperoper Intendant Peter Theiler zieht positives Resümee der Saison 2018/19 Dresden. Mit fast 290.000 Besucherinnen und Besuchern in den Kernbereichen Oper, Ballett und Konzerte verzeichnet die erste Saison unter der neuen Intendanz von Peter Theiler eine voraussichtliche Auslastung von 92 Prozent. Damit behauptet die Semperoper Dresden mit einem Kostendeckungsgrad von über 38 Prozent für das Jahr 2018 weiterhin einen Spitzenplatz im Ranking deutschsprachiger wie internationaler Theater.

300 Vorstellungen im Opernhaus und in Semper Zwei, darunter neun Opernneuproduktionen und drei Ballettpremieren, 33 Repertoirestücke in allen Sparten sowie zahlreiche Extra-Veranstaltung haben zum Gelingen der Saison 2018/19 als ebenso anspruchsvolles wie vielfältiges Musiktheater-Jahr beigetragen. »Die ausgezeichnete Bilanz mit konstant hohen Auslastungszahlen bestätigt uns darin, die Semperoper sowohl in traditionellen als auch ungewohnten Wahrnehmungsgewohnheiten zu verorten, gerade um dieser gesellschaftspolitisch unruhigen Zeit als kultureller Exzellenzbetrieb adäquat begegnen zu können. Unsere Gäste haben unser Angebot angenommen und ermutigen uns durch ihren Zu-spruch, in der kommenden Spielzeit 2019/20 den eingeschlagenen Weg künstlerisch konsequent und dialogbereit weiter zu beschreiten«, so Intendant Peter Theiler.

Moses und AronArnold Schönberg
youtube Trailer Semperoper Dresden
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Rückblick auf die Spielzeit 2018/19

Unter dem Motto »Lebendiges Gedächtnis und vitale Gegenwärtigkeit« waren in der zu Ende gehenden Spielzeit aufregende Neuproduktion und große Namen von internationalem Rang zu erleben. Der Anspruch des Premierenzyklus 2018/19, eher ungewohnte künstlerische Positionen und selten gespielte Werke an dem Wagner und Strauss verpflichteten Haus zu präsentieren, fand mit Arnold Schönbergs Moses und Aron seinen Auftakt und schloss mit der gefeierten Premiere von Giacomo Meyerbeers Les Huguenots / Die Hugenotten ab.

Die viel beachteten, teils provokanten Premierenplakatmotive dazu schuf der Berliner Fotograf Andreas Mühe. Neben bedeutenden Regienamen wie unter anderem Calixto Bieito, Mariame Clément, Rolando Villazón und Peter Konwitschny, der nach längere Abwesenheit der Einladung Peter Theilers nach Dresden folgte, bereicherten hochkarätige Sängerinnen und Sänger wie Venera Gimadieva, Anja Harteros, Saioa Hernández, Placído Domingo und Michael Volle die Spielzeit. Die Sächsische Staatskapelle Dresden bewies sowohl in ihren Symphonie-und Sonderkonzerten als auch als Orchester in Oper und Ballett ihre Brillanz in einem weitgefächerten Repertoire. Nicht nur für Strauss-und Wagner-Liebhaber waren die Premiere von Ariadne auf Naxos und die Wiederaufnahme von Der fliegende Holländer unter der Leitung von Chefdirigent Christian Thielemann besondere Höhepunkte. Erstmalig als Erster Gastdirigent stand Omer Meir Wellber in dieser Saison am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Das Semperoper Ballett begeisterte neben seinen klassischen Stücken und der Wiederaufnahme des Erfolgsstücks COW das Publikum mit der Premiere der Choreografie Carmen von Johan Inger. Die außergewöhnliche Leistung der Company honorierte die internationale Tanzwelt mit mehreren Erwähnungen in der Dance Europe Critic’s Choice sowie den Nominierungen für den 2018 National Dance Award und den diesjährigen Helpmann Award. In Semper Zwei wurde im Mai die deutsche Fassung von Philip Venables 4.48 Psychose uraufgeführt. Das Stück nach Sarah Kane in der Übersetzung des Dresdner Dichters Durs Grünbein entwickelte sich seit seiner Premiere zu einem Publikumsmagneten vor ausverkauftem Haus.

Intendant Peter Theiler und Chefdirigent Christian Thielemann im Gespräch
youtube Trailer Semperoper Dresden
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Ausblick auf die Spielzeit 2019/20

Am 31. August 2019 startet die neue Saison der Semperoper Dresden mit dem 1. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden, gefolgt von Mozarts Die Zauberflöte am 5. September 2019 als erste Opernaufführung der neuen Spielzeit. Zur traditionellen »Auftakt!«-Veranstaltung mit Kostproben aus den Premieren-und Repertoirevorstellungen 2019/20 lädt Intendant Peter Theiler am 8. September 2019 ein. Der Premierenreigen2019/20 startet mit Rossinis Il viaggio a Reims/Die Reise nach Reims in der Inszenierung von Laura Scozzi. Unter den weiteren zahlreichen Premieren-Highlights der kommenden Saison sind unter anderem Wagners Die Meistersinger von Nürnberg unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann, Verdis Don Carlo mit Anna Netrebko in ihrem Debüt als Elisabetta di Valois und einem Prolog von Manfred Trohjan (Uraufführung) zu nennen.

In der Sparte Semperoper Ballett ergänzen die Tanzoper Iphigenie auf Tauris in Zusammenarbeit mit der Pina Bausch Foundation und dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch sowie der dreiteilige Ballettabend Vier letzte Lieder mit einer Choreografie zum gleichnamigen Liederzyklus von Richard Strauss den Premierenkalender. In der Spielstätte Semper Zwei ist die Dresdner Erstaufführung von Peter Eötvös Der goldene Drache zu erleben. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »30 Jahre Friedliche Revolution« der Sächsischen Staatstheater findet am 11. Oktober 2019 die Festaufführung von Beethovens »Fidelio« in der Inszenierung nach Christine Mielitz statt.

—| IOCO Aktuell Semperoper Dresden |—

Krefeld, Theater Krefeld Mönchengladbach, September 2019 – Hamlet, Salome, Der goldene Drache …..

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Krefeld © Matthias Stutte

Theater Krefeld © Matthias Stutte

 Hamlet, Salome, Dreigroschenoper, Der goldene Drache ….

In Krefeld eröffnet das Schauspiel am Freitag, 20. September 2019 die Spielzeit mit Brechts Klassiker Die Dreigroschenoper und setzt damit auf eine spartenübergreifende Arbeit: Regie führt Helen Malkowsky, die sonst im Musiktheater zu Hause ist und für unser Theater u.a. die Opern Hamlet und Katja Kabanowa inszeniert hat. Schauspieldirektor Matthias Gehrt freut sich darauf, wenn Malkowskys „gebündelte Musikerfahrung und hohe bildnerische Erfahrung“ mit seinem Schauspielensemble zusammentreffen.

Im Theater Mönchengladbach wird die Spielzeiteröffnung durch das Musiktheater gestaltet:  Am Sonntag, 22. September feiert Richard Strauss‘ Musikdrama Salome in einer Neuinszenierung des international gefragten Regisseurs Anthony Pilavachi Premiere. Damit steht das Werk erstmals wieder nach 26 Jahren auf dem Spielplan des Gemeinschaftstheaters. „Wir konnten für die wahrhaft mörderische Partie der Salome Dorothea Herbert verpflichten“, erläutert Operndirektor Andreas Wendholz. Die Sopranistin gehört ab 2019/20 fest zum Ensemble des Musiktheaters. Die Niederrheinischen Sinfoniker spielen unter der Leitung von GMD Mihkel Kütson.

Nach Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, Der seltsame Fall des Claus Grünberg und Let’s Stop Brexit! kommt mit Der goldene Drache von Peter Eötvös am Samstag, 28. September im Theater Mönchengladbach eine weitere Musiktheaterproduktion in der Reihe on stage zur Premiere.

Theater Mönchengladbach © Matthias-Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias-Stutte

50 Schlag“instrumente“ kommen zum Einsatz

Die Zuschauer nehmen nicht, wie üblich, im Saal Platz, sondern können Darsteller und Musiker hautnah aus einer anderen Perspektive erleben, indem sie auf Tribünen auf der Bühne sitzen. Der goldene Drache, eine tragikomische, sozialkritische Geschichte aus raschen Momentaufnahmen (5 Darsteller schlüpfen in 17 Rollen), die in einem Asia-Schnellimbiss spielt, wird von Petra Luisa Meyer inszeniert. Das Publikum darf sich auf ein außergewöhnliches Musikerlebnis freuen: Insgesamt kommen ca. 50 Schlag“instrumente“ zum Einsatz, darunter auch Schnapsgläser und Wok-Kochtöpfe sowie Kochlöffel, Kochbesen und Messer… Am Dirigentenpult übernimmt Yorgos Ziavras die Regie.

Am Sonntag, 29. September feiert Michail Bulgakows Der Meister und Margarita Premiere im Theater Krefeld. Für die Bühnenfassung und bildgewaltige, poetische Inszenierung dieser russischen Faust-Variation zeichnet die armenische Regisseurin Zara Antonyan verantwortlich. Der Meister und Margarita gilt neben Doktor Schiwago als der größte russische Roman des zwanzigsten Jahrhunderts. Zwölf Jahre lang schrieb Michail Bulgakow daran, von 1928 bis zu seinem Tod im Frühjahr 1940. Das Werk vereint unterhaltsame Groteske, Liebesroman, Künstlerroman und eine vielschichtige philosophische Reflexion über die menschliche Befähigung zum Guten und Bösen…

—| Pressemeldung Theater Krefeld Mönchengladbach |—

Hellerau, Festspielhaus, Peter Eötvös – Konzerte zum 75. Geburtstag, IOCO Kritik, 14.01.2019

Festspielhaus Hellerau / Peter Eötvös - Zum 75. Geburtstag © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eötvös – Zum 75. Geburtstag © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau

Peter Eötvös – Konzertabende zum 75. Geburtstag

Mit dem  –  Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle

Von Thomas Thielemann

Wie werden zwei verschlungene Kaffeetassen Teil einer Komposition? Ist es ein Fehler, wenn der Schlagzeuger die Drumsticks während des Stückes fallen lässt? Welchen Klang kann das letzte Röcheln des sterbenden Martin Luther King schön klingen lassen? Da helfen nur Blicke in die Werkstatt eines der kreativsten Komponisten unserer Zeit!

Es ist inzwischen zur Gewohnheit geworden, dass das Schaffen des amtierenden Capell-Compositeurs der laufenden Konzertsaison in einem Portrait-Konzert interessierten Musikern des Orchesters und Freunden der Staatskapelle nahe gebracht wird. Das waren bisher stets interessante und zeitlich ausgedehnte Abende. Auch das Portraitkonzert mit Peter Eötvös im Festspielhaus Hellerau dauerte am 11. Januar 2019 von 19 Uhr bis 23 Uhr 30.

Für Peter Eötvös, der am 2. Januar 1944 im damals zu Ungarn gehörigem und jetzt rumänischen Odorheiu Secuiesc geboren worden ist, wurde das Konzert zur Feier seines 75. Geburtstags. Er gehört als Komponist, Dirigent und Lehrer zu den bedeutenden den Musikern unserer Zeit. Seine Musik ist vom Einfluss verschiedener Komponisten geprägt und häufig von äußeren Einflüssen inspiriert. Dabei bedient er sich erweiterter Techniken, um Klangfarben und Klangwelten zu erschließen.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes  - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle © Matthias Creutziger

Mit der Uraufführung seiner Huldigung Per Luciano Berio, seinem The Gliding oft he Eagle in The Skies sowie seinem Memorial für die verunfallten Astronauten Seven hatte er in Dresden bereits, unter anderem als Dirigent, Teile seines kompositorischen Schaffens beeindruckend vorgestellt.

Ein Kammerorchester, Solisten der Sächsischen Staatskapelle und einige Gäste hatten zehn weitere Proben aus der Komponier-Werkstatt des Peter Eötvös herausgesucht und zum Teil mit den Quellen seiner Inspirationen verbunden. Diese reichten von Samuel Beckett, Domenico Scarlatti, Claude Debussy, Igor Strawinsky bis zu Juri Gagarin. Selbst Beobachtungen in seinem Garten hatte Peter Eötvös zu interessanten musikalischen Einfällen genutzt.

Das „Levitation“ für Streichorchester handelt von vier Formen eines im übertragenen Sinne schwe-benden Stoffwechsels, gleichsam eine Interpretation eines surrealistischen Bildes. Die Soloklarinettisten Robert Oberaigner und Jan Seifert sorgten mit warmen, dynamisch flexiblem Ton, dass das Phänomen Menschen oder Gegenstände auf unerklärbare Weise zum Schweben zu bringen plastisch hörbar wurde, bevor ein Akkordeonspieler die Erdung der Zuhörer wieder herstellt.

Den Abschluss des Abends bildete dann ein, ursprünglich von Gagarins Flug angeregtes Stück für zwei Klaviere. Die beiden Flügel waren bis an die Randgebiete der Spielfläche in etwa 25 Meter Abstand platziert worden. Auf Wunsch konnten wir uns ziemlich exakt zwischen beide Instrumente setzen, so dass das das Spiel der Emi Suzuki das rechte Ohr und der Klang von Petr Popelka das linke Ohr dominierten.

Damit kamen die Themenvorgaben des einen Klaviers bevorzugt am rechten Ohr an, während die Aufnahme und Ausarbeitung der Themen des zweiten Instruments vom linken Ohr aufgenommen worden sind. Die Zusammenführung der beiden Impulse im Hörzentrum des Gehirns der privilegierten Hörer hatte eine phantastische Hörerfahrung zur Folge. Petr Popelka, eigentlich Kontrabassist der Staatskapelle und Emi Suzuki fühlten sich in diesem voller Überraschungen steckenden Kosmos pudelwohl und beendeten den langen Abend mit abrupten Schlägen, langen Triller-Ketten und heftig auseinanderspringenden Akkorden. Im Talk äußerte sich Peter Eötvös recht begeistert, dass er an einem Abend eine derartige Vielfalt seiner Arbeiten in einer so hohen Qualität erleben durfte.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Peter Eötvös und Sabine Kittel, Soloflötistin © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Peter Eötvös und Sabine Kittel, Soloflötistin © Matthias Creutziger

Haben wir erst kurz vor der Mitternacht das Festspielhaus Hellerau verlassen, so trafen wir uns bereits am folgenden Tag um 10 Uhr in der Generalprobe des um 19 Uhr in der Semperoper beginnenden 5. Symphoniekonzerts der Saison. Lionel Bringuier, leitete bei seinem Orchesterdebüt die Sächsische Staatskapelle, wieder in Anwesenheit des Komponisten zunächst die Aufführung von Peter Eötvös zeroPoints für Orchester.
Wie so typisch für den Komponisten, hatte er sich diesmal von Pierre Boulez Komposition Domaines anregen lassen. Boulez zählte dabei die Takte als 1; 2; 3; etc. Eötvös wollte dieser ganzzahligen Welt etwas entgegensetzen und teilt deshalb seine Komposition in die neun Abschnitte 0.1; 0.2;…..0.9, die er allerdings ohne Übergang zusammenfasst.

Die Abschnitte sind auch nicht gesondert charakterisiert, so dass über 17 Minuten unterschiedliche musikalische Ausdrucksarten auf den Hörer einstürzen. Das erfordert natürlich vom Hörer, dass er sich auf diese Musik einlässt und seiner Einbildungskraft freien Lauf lässt.

Am Beginn scheint man Vogelgezwitscher zu hören, das sich zu einer Menagerie steigert. Danach folgen feierlich anwachsende und wieder verklingende dunkle Bläserstimmen gefolgt von einer resoluten Auseinandersetzung unterschiedlicher Instrumentengruppen untermalt von gleitenden Paukenschlägen. Dem folgt eine Phase der Beruhigung, in der Perkussionsinstrumente dominieren. Ein erneutes Aufflackern des Motivaustauschs, der zu einer choral-artigen Phase führt. Eine abrupte Beruhigung mit Pianissimo untermalten Holzbläser-Melodien, gefolgt von sehnsuchtsvollen Rufen hoher Klänge, die eine Mondlichtstimmung über einer Wasserfläche assoziieren könnte. Aufgenommen von wellenförmigen Blechklängen leiten wieder Celesta und Perkussions-Klänge zur Schlusssteigerung von Klavier, Harfe und Schlagzeug, die mit gedämpftem Metallophon abschließt.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Pianistin Yuja Wang und Lionel Bringuier © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Pianistin Yuja Wang und Lionel Bringuier © Matthias Creutziger

Lionel Bringuier dirigierte das Werk akzentuiert und die Musiker des Orchesters folgten ihm ernst-haft, sehr diszipliniert und konzentriert. Erwartungsgemäß hatte sich das recht konservative Publikum nur zum Teil auf die Klangfolge einge-lassen, so dass es nur freundlichen Beifall gab. Abgeschlossen wird die „Geburtstagsfeier für Peter Eötvös“ mit dem Konzert für Orchester Sz. 116 des  Eötvös-Landsmanns Béla Bartók.

Eötvös hatte Bartók als seinen Maßstab charakterisiert. Nicht nur als Künstler, sondern auch in seiner moralischen Haltung als Weltbürger, vergleichbar mit einem Weltbaum, dessen Wurzeln in der Transsilvanischen Heimatstehen, dessen Äste aber die ganze Erde überdecken. Das Konzert, 1943 von Béla Bartók mit 62 Jahren nach seiner USA-Emigration geschrieben, gehört zu seinen bekanntesten und zugänglichsten Werken.
Lionel Bringuier bot eine spannungsgeladene Interpretation, voller Emotionen und Detailreichtum. Die Staatskapelle spielte alle Ecken und Kanten der Partitur, lässt nichts unbelichtet, kein Schlagzeugeffekt geht unter.

Zwischen diesen beiden Stücken spielte Yuja Wang mit dem Orchester das im sächsischen Raum häufig und dabei unterschiedlich ausgelegte a-Moll-Klavierkonzert von Robert Schumann. Die Pianistin beeindruckt mit ihrer Technik, ihrer instinktsicheren Virtuosität, ihrer starken Interpre-tation und ihrem erfrischend unkonventionellen Auftreten bei einer etwas kühl-akzentuierten Darbietung. Dank ihres Vermögens, sich komplett auf die Musik einzulassen, haben die glamourösen Äußerlichkeiten letztlich keine Bewandtnis.
Mit diesem in Dresden uraufgeführtem Werk beginnt die Sächsische Staatskapelle Dresden gleichsam die Erinnerungen an den 200. Geburtstag der Erstaufführenden Clara Schumann.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Hellerau |—

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