Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Mannheimer Sommer digital : 09. – 15.7.2020, IOCO Aktuell

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

Mannheimer Sommer 2020 digital – Festival für Musik, von Mozart bis heute 
9. bis 19. Juli 2020 –  Webseite des NTM

Der »Mannheimer Sommer – Europäisches Festival für Musik und Theater von Mozart bis heute«, findet von Donnerstag, 9. bis Sonntag, 19. Juli 2020 im Internet statt. Die Beiträge werden in Anlehnung an die ursprüngliche Festivalstruktur tageweise veröffentlicht und sind auch im Anschluss noch auf der Webseite des Nationaltheaters Mannheim kostenfrei abrufbar. Thematisch setzt der digitale Mannheimer Sommer die europäische Aufklärung, die Oper und den Orient in Beziehung. Von Mozart ausgehend beleuchten die Arbeiten der internationalen Künstlerinnen und Künstler, wie verflochten die Kulturräume des Abend- und Morgenlandes sind.

»Ich freue mich, dass der Mannheimer Sommer trotz der komplexen Situation stattfinden wird. Mich begeistert die Kreativität, mit der das Team vom Mannheimer Sommer nun diese spezielle Ausgabe unseres Festivals gestaltet hat. Gerade ein digitales Festival will in solch kurzer Zeit konzipiert und geplant werden. Auch in dieser Form werden wir unserem Publikum modernes und aufregendes Musiktheater präsentieren, dass das Internet nicht als Ausweichort begreift, sondern sich das für uns so neue Medium zunutze macht«, sagt Opernintendant Albrecht Puhlmann.

„Die Erfahrung, Orient und Okzident als einen vielfach verflochtenen, gemeinsamen Kulturraum zu begreifen, besonders auch musikalisch – diese Erfahrung kann man auch in der digitalen Version machen. Es war großartig, zu sehen, wie konstruktiv die künstlerischen Teams des Festivals mit der schwierigen Situation umgegangen sind. Viele Programmpunkte konnten so digital gerettet werden. Mozart wäre stolz auf uns…“, sagt Jan Dvorák, Künstlerischer Leiter des Festivals.

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Michael Grötsch, Kulturbürgermeister der Stadt Mannheim, fügt hinzu: »Die Verlagerung des Festivals ins Internet bietet die Gelegenheit, das Programm einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, als es unter den aktuellen Bedingungen live vor Ort der Fall gewesen wäre. Ich bin mir sicher, dass der Mannheimer Sommer auch digital an die positive Resonanz der vergangenen Jahre anknüpfen wird.«

Das Festival kreist 2020 um die drei hochaufgeladenen, brisanten Begriffe Oper, Orient und Aufklärung. Das Mannheimer Sommer-Team um Jan Dvo?ák hat ein fulminantes Online-Programm aus Musiktheater, Video-Performance, Tanz, Ausstellung und vielem mehr auf die Beine gestellt – mit zum Teil völlig neu und auf den Auftritt im Internet hin konzipierten Arbeiten der namhaften Gastkünstlerinnen und -künstler, zu denen neben der Sängerin Ghalia Benali und den Choreografen Omar Rajeh und Boris Charmatz auch die Regisseure Philipp Quesne und Luk Perceval sowie das Kollektiv Hotel Pro Forma und viele mehr gehören.

Natürlich spielt auch Mozart im digitalen Mannheimer Sommer 2020 eine bedeutende Rolle. Ausgehend von seiner Oper Die Entführung aus dem Serail bleibt Mozart auch in diesem Jahr zentraler Bestandteil des Festivalprogramms. So wird nicht nur Luk Percevals Genfer Inszenierung des Singspiels mit Texten von Asli Erdo?an zu sehen sein, in Ecstatic Mozart stellt sich der Künstler Daniel Cremer in einer ausgelassenen Performance gar als Medium für Mozarts Geist zur Verfügung.

Flankiert wird das Programm von einer Reihe exklusiver Konzertfilme, die facettenreicher kaum sein könnten. Von türkischem Funk und nigerianischem Boogie über Elektro-Surf-Punk bis hin zu Swing und Sci-Fi Pop stehen das Trickster Orchestra, DJ Guy Dermosessian, Maulwürfe, Felix Kubin, Basswald und Lichtung und das Little Vintage Orchestra für die musikalische Vielfalt der diesjährigen Festivalausgabe.

Selbst auf das Flanieren im Festivalzentrum muss das Publikum nicht verzichten. Der digitale Nachbau von Eylien König und Carl-John Hoffmann lädt während des gesamten Festivals zum virtuellen Rundgang durch den Paradiesgarten ein. Dort ist auch an sechs Terminen die Freitagsküche aus Frankfurt am Main anzutreffen, die in einem kulinarischen Speed-Dating mit den beteiligten Teams für Inspiration in der heimischen Küche sorgt.

Der »Mannheimer Sommer« wird ermöglicht und gefördert durch die Stadt Mannheim und das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Der Themenschwerpunkt Jenseits des Serails wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Herzlich bedanken möchten wir uns auch bei den Freunden und Förderern des Nationaltheaters Mannheim e.V. sowie der Landesbank Baden-Württemberg für die freundliche Unterstützung.

—| IOCO Aktuell Nationaltheater Mannheim |—

Wien, Wiener Staatsoper, Neues Management – Spielplan 2020/21, IOCO Aktuell, 09.05.2020

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Spielplan 2020/21 der Staatsoper – Mit neuem Management

Roscic, Schläpfer, Jordan – folgen – Meyer, Legris

von Marcus Haimerl

Das neue Management der  Wiener Staatsoper hatte Pech in seinem ersten Auftritt:  Am 26. April 2020 sollte die Spielzeit 2020/21, in neuer Aufmachung, erstmals vor großem Publikum auf der Bühne der Wiener Staatsoper mit ausgewählten Sängern präsentiert werden statt, wie zuvor über viele Jahre praktiziert, vor der ausgewählten internationalen Presse. Aber die Corona-Pandemie beendete schon die erfolgreiche 10-jährige Amtszeit von Staatsoperndirektor Dominique Meyer und Ballettdirektor Manuel Legris Mitte März 2020 ohne großen Abschied und eher zufällig kurz nach dem Opernball. Die Pandemie  zwang auch den neuen Staatsoper-Direktor Bogdan Roscic,  seine Absichten und Ideen  zur Spielzeit 2020/21 anders als geplant, vor leerem Haus auf der Bühne der Staatsoper, vorzustellen. Die weiteren neuen Manager wurden dort per Video zugeschaltet.

Bogdan Roscic stellt sich vor
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Der designierte Staatsoperndirektor Bogdan Roscic, * 1964, präsentierte dort, im Interview mit ORF III Moderator Peter Fässlacher, seine Pläne für die  Spielzeit 2020/21 und die Zukunft des Hauses unter seiner Leitung. Roscic leitete zuletzt die Klassik-Sparte von Sony Music; Führungserfahrung oder Erfolge  in der Leitung von Musiktheater besitzt er nicht.  Das  weitere neue Management der Staatsoper, Jordan und Schläpfer, wurde während der Präsentation per Video zugeschaltet:  Philippe Jordan, *1974,  bisheriger Chefdirigent der Wiener Symphoniker übernimmt die seit 2014, dem Abgang von Franz Welser-Möst, vakante Position als zukünftiger Musikdirektor der Staatsoper.  Martin Schläpfer, *1959, ehemals Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf, löst in Wien den bisherigen Ballettdirektor Manuel Legris  ab.

Der Fokus der ersten Spielzeit mit 10 Premieren von Direktor Bogdan Roscic liegt in einer raschen musikalischen und szenischen Erneuerung des Kernrepertoires. In den kommenden fünf Jahren soll es zumindest eine Neuproduktion von Wolfgang Amadeus Mozart, Richard Wagner und einer Oper der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Auch die Öffnung des Hauses für alle, auch für junges Publikum liegt Roscic am Herzen.  Vorsatz oder Dilettantismus: in jedem Fall auffällig:  Die Präsentation Bogdan Roscic enthielt, mit Ausnahme eines, wenn auch  dezenten  Seitenhiebes („Auslastungsstreber“), keine Würdigung oder Verpflichtung  der höchst erfolgreichen Tätigkeit der Vorgänger Dominique Meyer oder Manuel  Legris. Ebenso auffällig ist für neutrale  Beobachter, dass auch der zuständige Bundesminister bzw. Staatssekretär/in öffentlich keinen optisch wie  sprachlich geordneten Übergang auf „die Neuen“  in diese für ganz Österreich so populäre Position moderierte.

So passten die von  der Corona-Krise verursachten Unebenheiten bestens in die weitere denkwürdige Choreographie der Vorstellung des Spielplanes 2020/21 der Wiener Staatsoper.

Intendant Dominique Meyer © IOCO

Intendant Dominique Meyer © IOCO

IOCO dankt Dominique Meyer für seine Jahre an der Staatsoper

Die Wiener Staatsoper unter Dominique Meyer  und Manuel Legris setzte in vielen Produktionen künstlerische Maßstäbe für Musiktheater weltweit. 620.000 Besucher füllten   alle Vorstellungen der Staatsoper nahezu bis auf den letzten Platz.  Dazu lag die Auslastung sowohl in den Sparten Oper und Ballett bei mehr als 99%. Die höchste dauerhafte Auslastung aller großen Musiktheater weltweit.
Erinnerlich: Direktoren normal oder schlecht besuchter Theater begründen niedrigen Publikumszuspruch regelmäßig selbsterhöhend – mit den besonderen Ansprüchen ihrer Produktionen, siehe unten.

Der künftige Staatsoperndirektor, der sich selbst als unbeschriebenes Blatt in der Funktion als Theaterdirektor bezeichnet, stellte den Spielplan 2020/21 mit der ungewöhnlichen Ansicht vor,  die unter seinem Vorgänger Dominique Meyer stetig erzielten  hohen Auslastungen seien „für ihn“ keine Vorgaben:  „Die Wiener Staatsoper ist da um großartig zu sein, um Erlebnisse zu bieten auf absolutem Spitzenniveau, die sonst nirgendwo geboten werden können und ohne die das Leben arm wäre. Wenn sie das tut wird sie auch immer brechend voll sein.“, so Bogdan Roscic.  Der  von der Rheinoper Düsseldorf kommende  neue Ballettdirektor Martin Schläpfer wurde in Düsseldorf nie heimisch. Die unter seinem Vorgänger, Ballettdirektor Youri Vamos bis 2011 stets prall gefüllte Rheinoper erreichte Martin Schläpfer nur selten; mit neuen Choreographien  erzielte er über Jahre nur wenig Breitenwirksamkeit und nur durchschnittliche Gesamt-Auslastungen von 75%. So weigerte sich Schläpfer in Düsseldorf bei IOCO-Nachfragen konstant über Auslastung zu sprechen („über Auslastung rede ich nicht“). Das benachbarte Aalto Ballett Essen ist deutlich beliebter: seine Auslastung liegt seit Jahren bei 85%.

Bogdan Roscic – Paradigmen der kommenden Spielzeit

Im Zeichen der Auseinandersetzung und Erneuerung des Kern-Repertoires

In zehn Premieren werden zehn auf ihre Art absolut zentrale Opern neu auf die Bühne gebracht, darunter einige der meistgespielten Werke des Repertoires. Die Arbeit an diesen Projekten ist stark durch die Wiedereinführung der Position des Musikdirektors bestimmt: Philippe Jordan ist nicht nur wesentlicher Teil des neuen künstlerischen Führungsteams, sondern wird, auch an vielen Abenden am Dirigentenpult stehen – so bereits bei der Eröffnungspremiere der Saison.

Ein zentraler Schwerpunkt der neuen Direktion liegt neben der Beschäftigung mit Fragen des musikalischen Bereichs vor allem im Dialog und der Balance zwischen musikalischer Arbeit und szenischem Anspruch. Daher wird das Führungsteam seine Vorhaben der ersten Spielzeit gemeinsam mit den wichtigsten Regisseuren der Opernwelt umsetzen. Fast alle von ihnen arbeiten zum ersten Mal an der Wiener Staatsoper. Durch die ungewöhnlich hohe Anzahl von Premieren gehen auch einige ihrer bereits legendär gewordenen, stilbildenden Inszenierungen innerhalb einer Saison neu erarbeitet in das Repertoire der Wiener Staatsoper ein.

Programmatisch werden von der neuen Direktion drei Schwerpunkte gesetzt: Mozart, Wagner sowie jene klassisch gewordenen Opern des 20. Jahrhunderts, die eine Brücke zwischen Tradition und zeitgenössischer Komposition bilden. Diese drei Schwerpunkte werden sich in jeder der von der neuen Direktion verantworteten Spielzeiten wiederfinden. Parallel zu den zehn neuen Projekten widmet sich die Wiener Staatsoper einer Reihe von klar als solchen gekennzeichneten Wiederaufnahmen. Neben den bekanntesten Namen der Opernwelt werden an der Spiel-zeit viele für die Staatsoper neue Künstlerinnen und Künstler in ihren Haus-Debüts mitwirken, vokal ebenso wie am Dirigentenpult. An dieses kehren in Folge aber auch vertraute, wichtige Namen wie Christian Thielemann, Franz Welser-Möst oder Bertrand de Billy zurück. Die Wiener Staatsoper ist für alle da. Sie auch konsequent für alle zu öffnen, ist ein weiteres Ziel, das sich die neue Direktion vorgenommen hat. Eine dafür zentrale Maßnahme ist die intensive Weiterführung des Kinderoper-Programms, das stärker ans Haus selbst gebracht wird. Mozarts Entführung wird für Kinder als Wander-Theater an besonderen Plätzen der Staatsoper gezeigt, auch ein verdichteter, auf Deutsch neu erzählter, Barbier von Sevilla wird im Großen Haus zu sehen sein. Die Saison 2020/21 ist auch der Beginn einer neuen Ära für das Staatsballett. Der Schweizer Choreograph Martin Schläpfer übernimmt die Führung der Compagnie.

Elektra – 2020/21 – ab 8.9.2020 wieder auf dem Spielplan
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Zehn Opern-Premierenproduktionenin der Saison 2020/21

– 7. September 2020 – MADAMA BUTTERFLY   von Giacomo Puccini

Musikalische Leitung Philippe Jordan, Inszenierung Anthony Minghella, Regie & Choreographie Carolyn Choa,

Mit: Cio-Cio-San Asmik Grigorian, Pinkerton Freddie De Tommaso, Sharpless Boris Pinkhasovich

Diese poetische, aufsehenerregende Inszenierung des Oscar-Preisträgers Anthony Minghella (Der englische Patient, Der talentierte Mr. Ripley), wird als erste Premiere in Wien von Carolyn Choa, die sie als Choreographin gemeinsam mit ihrem im Jahr 2008 verstorbenen Ehemann und Regisseur Minghella erarbeitet hat, neu einstudiert. Asmik Grigorian gibt ihr Staatsoperndebüt in der Rolle der Cio-Cio-San. Ebenso erst-mals am Haus zu sehen: Freddie De Tommaso als Pinkerton. Philippe Jordan nimmt mit diesem Dirigat seine Arbeit als Musikdirektor auf und übergibt in der dritten Aufführungsserie an Hausdebütantin Joana Mallwitz. Unter ihrer Leitung gibt Roberto Alagna nach fast 100 Auftritten in 15 unterschiedlichen Opern mit dem Pinkerton ein wichtiges Rollendebüt an der Wiener Staatsoper.

– 12. Oktober 2020 – Die Entführung aus dem Serail – Wolfgang Amadeus Mozart

Musikalische Leitung Antonello Manacorda, Inszenierung Hans Neuenfels

Konstanze Lisette Oropesa, Blonde – Regula Mühlemann, Belmonte – Daniel Behle, Pedrillo – Michael Laurenz, Osmin – Goran Juric, Bassa Selim – Christian Nickel

Ein Klassiker der Musiktheaterregie ist Hans Neuenfels’ nun für Wien weiterentwickelte, ebenso poetische wie skurrile, existentiell anrührende wie heiter skeptische Meditation über das Gegen- und Miteinander von Gesang und Schauspiel. Neuenfels, der demnächst seinen 79. Geburtstag feiert, besetzt alle solistischen Gesangsrollen noch einmal mit Schauspielern. Seine Neufassung des Librettos behält alle Handlungsmomente des Originals bei, zugleich reflektieren sich Schauspiel und Gesang in Spiegelungen und Verflechtungen. Unter der Leitung von Antonello Manacorda singen und spielen unter anderem die Koloratursopranistin Lisette Oropesa in der Rolle der Konstanze sowie das langjährige Burgtheater- und heutige Theater in der Josefstadt-Ensemblemitglied Christian Nickel in der Rolle des Bassa Selim. In der zweiten Serie singt – erstmals am Haus – Brenda Rae die Partie der Konstanze.

– 25. Oktober 2020 – EUGEN ONEGIN von Piotr I. Tschaikowski

Musikalische Leitung Tomáš Hanus, Inszenierung Dmitri Tcherniakov

Mit: Tatjana – Tamuna Gochashvili, Eugen Onegin – Andrè Schuen, Lenski – Bogdan Volkov, Fürst Gremin – Dimitry Ivashchenko,

Die 2006 am Bolschoi Theater Moskau herausgebrachte Inszenierung von Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov ist rund um die Welt gegangen und bis heute eine seiner wichtigsten geblieben. Tcherniakov schuf einen hermetisch anmutenden, klassizistischen Speisesaal, in dem sich ein zeitloses inneres Geschehen abspielt. Zentrales Gestaltungselement ist ein langer Tisch, der als Ort des geteilten festlichen Lebensgenusses die unaufhebbare Entfremdung der Figuren umso fühlbarer macht. In nahezu allen solistischen Rollen geben Vertreter einer jungen Sängergeneration, angeführt vom neuen Ensemblemitglied Tamuna Gochashvili als Tatjana und Andrè Schuen als Onegin, ihr jeweiliges Hausdebüt. Dirigent der Neuproduktion ist Tomáš Hanus, der das Werk hier erstmals dirigiert.

Das verratene Meer – hier von Wieler, Morabito vorgestellt
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– 13. Dezember 2020 – DAS VERRATENE MEER von Hans Werner Henze

Musikalische Leitung Simone Young, Inszenierung Jossi Wieler & Sergio Morabito,

Mit: Fusako Kuroda – Vera-Lotte Boecker, Noboru – Josh Lovell – Ryuji Tsukazaki – Bo Skovus

Die Vorlage zu Das verratene Meer stammt aus der Feder des »enfant terrible« der japanischen Nachkriegsliteratur, Yukio Mishima, dessen Roman Gogo no Eiko (auf Deutsch erschienen unter dem Titel Der Seeman, der die See verriet) der Oper zugrunde liegt. Hans Werner Henze lässt den subtilen Horror der Vorlage Klang werden – beunruhigend und verführerisch zugleich. Die Staatsoper bietet eine grandiose Riege von Sängerdarstellern auf, darunter, neu im Ensemble, die Sopranistin Vera-Lotte Boecker als Fusako, Josh Lovell, seit der Saison 2019 / 20 im Ensemble, als Noboru oder Bo Skovhus mit seinem Rollendebüt als Ryuji. Die für einen großen Orchesterapparat konzipierte Partitur wird von Simone Young dirigiert, die das Publikum wie kaum eine Zweite für die klassische Moderne zu begeistern weiß. Sein Regiedebüt an der Wiener Staatsoper gibt das Regieteam Jossi Wieler und Sergio Morabito (letzterer ab Beginn der neuen Spielzeit auch Chefdramaturg im Haus am Ring). Gemeinsam mit Anna Viebrock, die für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnet, haben sie weltweit schon über 20 Opern inszeniert.

Die weiteren Premieren der Spielzeit 2020/21 – links HIER!

CARMEN am 6.2.2021, La Traviata am 4.3.2021, Parsifal am 1.4.2021, FAUST am 23.4.2021, L´Incoronazione di Poppea am 22.5.2021, Macbeth am 10.6.2021

 

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Mainz, Staatstheater Mainz, Zanaida – Johann Christian Bach, IOCO Kritik, 19.11.2019

November 18, 2019 by  
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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

ZANAIDA  –  Johann Christian Bach  (1735-1782)

  – ein interplanetarischer Krieg um Wasserressourcen –

von  Ljerka Oreskovic Herrmann

Eine Opernrarität steht auf dem Programm im Kleinen Haus des Staatstheater Mainz, das sich in dieser Hinsicht schon einige Meriten erworben hat und neben traditionellem Opernrepertoire auch unbekannte Stücke aufbietet. So auch dieses Mal mit Johann Christian Bachs zweiter Oper Zanaida, die er in London für das King’s Theatre Haymarket komponierte.

Zanaida, Gualberto Bottarellis Libretto ist eine Adaption von Pietro Metastasios erstem Libretto Siface re di Numidia, erlebte die Uraufführung 1763 und war ein Erfolg. Danach, so die gängige Erzählung, verschwand sie – das Libretto, die Ouvertüre und einige Arien blieben überliefert – von den Bühnen dieser Welt bis zur Wiederentdeckung des Autographen 2010 in der privaten Sammlung des Musikwissenschaftlers Elias N. Kulukundis und befindet sich als Dauerleihgabe im Bach-Archiv Leipzig Johann Christian Bach erhielt zunächst von seinem Vater, Johann Sebastian, Musikunterricht, später in Bologna lernte er Kontrapunkt bei Padre Giovanni Battista Martini. Er galt als Londoner oder englischer Bach und als „schwarzes Schaf“ der Familie, nicht nur weil er geografisch und musikalisch andere Wege betrat, sondern vor allem deswegen, weil er in Italien zum Katholizismus konvertierte. In England ließ er sich ab 1762 dauerhaft nieder, erteilte Queen Charlotte, einer geborenen Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, Musikunterricht. Zu seinen wichtigsten Freunden gehörte der ebenfalls aus Deutschland stammende Maler Johann Zoffany. Es war eine Freundschaft die auch in schwierigen Zeiten Bestand hatte, denn Bach erlebte nach anfänglichen Höhenflügen auch den wirtschaftlichen und gesundheitlichen Niedergang.

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach - hier : Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach – hier : Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Ein unbekannte Oper einem größeren Publikum näherzubringen, und damit Zanaida zu neuem Leben zu verhelfen, ist lobenswert. Allerdings hat man in Mainz eine Neudichtung, das italienische Textbuch ins Deutsche übertragen, Figuren gestrichen und damit auch Veränderungen in der Handlung vorgenommen. Ein Eingriff in ein Stück kann Früchte tragen und Erfolg verheißen, dabei muss aber eine Voraussetzung beachtet werden: das Grundvertrauen in ein Werk. Dieses scheint aber bei den Opernmachern nicht zur Gänze bestanden zu haben, andernfalls hätte man nicht derart das Geschehen verändert, Musikteile dazugeschrieben, einen Mädchenchor hinzugefügt und aus einer Tenorpartie eine Sprechrolle gemacht. Aber Johann Christian Bach, der neben anderen Komponisten dieser Epoche als ein Bindeglied zwischen der Musik Händels und Mozarts fungiert, kommt in dieser Hinsicht nicht zum Tragen. Warum er für „Amadé“ so wichtig war, welche Verbindungslinien sich zwischen den beiden ziehen lassen und dass ebenjener Wolfgang Amadeus Mozart beim Tod Bachs von einem großen Verlust für die Musikwelt sprechen konnte, erfährt man durch diese Neubearbeitung leider nur in Ansätzen. Dabei handelt es sich hierbei nicht um eine akademische Diskussion, wo und wie dieser Bach musikhistorisch zu verankern ist – er gilt als Wegbereiter der Wiener Klassik –, sondern auch für die musikalische Struktur und das Hörverständnis ergeben sich aus den Überarbeitungen Konsequenzen.

Allein die andere Sprache – Italienisch – erzeugt, nein beschwört einen anderen Klang. (Erwähnt seien hier nur die in Italienisch gesungenen Werke: Philippe Jarousskys Aufnahme La dolce fiamma von J. Chr. Bachs Kastratenarien oder die ZanaidaProduktion 2011 im Goethe-Theater Bad Lauchstädt von David Sterns Ensemble Opera fuoco als Höhepunkt im Rahmen der Bach-Festspiele Leipzig gefeiert, liegt auch auf CD vor.) Dagegen bedeutete die deutsche Sprache für das Gesangsensemble eine außerordentliche Herausforderung, die viel abverlangte und insgesamt bravurös bewältigt wurde: „Wo vorher ausschließlich ein Vokal gesanglich variiert wurde, gibt es nun meistens vollständige Sätze und ich musste in einem regelrechten ‚Phrasen-Tetris’ Wörter gezielt platzieren, um die Vokale und Endungen an den richtigen Stellen zu haben“, so die Texterin Doris Decker. Dass die Produktion einen enormen Aufwand bedeutete und dieser ihr anzusehen ist, steht außer Frage. Und dass sie – trotz aller Vorbehalte – zu beeindrucken vermag, ist ein Verdienst der Mitwirkenden, aber auch, weil die Regie von Max Hopp konsequent bei ihrer (futuristisch-witzigen) Lesart bleibt.

Die Geschichte spielt sich nicht mehr – wie bei Bach und Bottarelli – zwischen Türken und Persern ab, sondern ist vom Regisseur in eine ferne Zukunft als interplanetarischer Krieg um Wasserressourcen zwischen Punia und Numidien transferiert worden. (Heißt nicht eine spätere Oper Mozarts Die Entführung aus dem Serail, die sich der damals „orientalischen Mode“ und Geschichten über Janitscharen bedient?) Zu Anfang hören wir zunächst in einer nicht verständlichen Sprache und ohne Bühnengeschehen aus unsichtbaren Raumschiffen gesprochene Dialoge und erfahren dann, dass Zanaida, das Spiel beginnt nun, mitsamt ihrem Gefolge eintrifft. Sie wurde von ihrem Vater Soliman, König des Planeten Punia, nach Numidien entsandt, um die getroffenen Friedensvereinbarungen durch die Heirat mit König Tamasse zu besiegeln. Ihr zur Seite stehen der punische Botschafter Mustafa, der ehemalige Kriegsherr Gianguir und ein Mädchenchor. Nur ist König Tamasse überhaupt nicht bereit diese Ehe einzugehen, er möchte vielmehr die Tochter Mustafas, Osira ist bereits als Geisel in Numidien, heiraten. Die beiden Frauen werden zu Konkurrentinnen, befördert von Talasses Mutter Roselane, die den Zwiespalt sät und die leicht zu manipulierende Osira bevorzugt.

 Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach - hier : Alin Deleanu als Tamasse, Philipp Mathmann als Cisseo © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach – hier : Alin Deleanu als Tamasse, Philipp Mathmann als Cisseo © Andreas Etter

Damit sein Vorhaben gelingen kann, bittet Tamasse seinen Bruder Cisseo – im Originallibretto ist er ein Höfling – um Hilfe. Er soll Zanaida verführen, um einen Grund für die Absage der Hochzeit vorweisen zu können, doch auch dieser liebt (heimlich) Osira. Die Herstellung von neuen Verwandtschaftsbeziehungen erzeugt ein anderes Konfliktpotential, das so nicht angelegt war. Aber es stellt durchaus komische Situationen her: Die Brüder verhalten sich in Liebesdingen eher wie pubertierende Jünglinge, die nur um ihr eigenes Liebesglück kreisen, anstatt sich um Verträge, Politik im weitesten, und damit um die Geschicke ihres Reiches zu kümmern. Hier seien die sorgfältig gewählten, an die Zeit Bachs angelehnten, Kostüme erwähnt: Tamasse in Gold und mit Gold behangen auf seinem Thron eher schräg als angemessen sitzend, Cisseo in edlem leuchtenden blau, wie es Königen damals vorbehalten war, gekleidet. Warum der Königsbruder ein an der linken Hand verkrüppelter Mann sein muss, erschließt sich allerdings nicht – es sein denn man denkt an Kaiser Wilhelm II., doch verbindet ihn nichts mit diesem Bach-Sohn, nur die Tatsache, dass er mit der englischen Verwandtschaft später über Kreuz und im Krieg lag, könnte als ein übertriebener Wink mit dem Zaunpfahl verstanden werden.

Roselane zieht die Strippen im Hintergrund und nicht von ungefähr erinnert sie an die „Königin der Nacht“ aus Mozarts Zauberflöte. Ihr machtvolles Auftreten, ihr obschon weniger zorngeladener, aber dennoch eindrücklicher Ausbruch verweist auf Zukünftiges: Sie will die ganze Welt (hier wohl Galaxie) beherrschen, ganz egal, was ihre Söhne veranstalten mögen und so lässt sich auch Osira davon einnehmen und glauben machen, dass sie zu Höherem bestimmt sei. Mustafa dagegen betrachtet das Vorgehen seiner Tochter als illoyal und verlangt von ihr, nicht weiter gegen die Hochzeit von Tamasse und Zanaida zu agitieren. Doch die Intrige, mittels derer Roselane und Tamasse hoffen, sich der ungeliebten Königstocher entledigen und trotzdem die Friedensverhandlung fortführen zu können, entfaltet ihre Wirkung: Ein Brief, angeblich von Zanaidas Hand, in dem sie einen Mordanschlag auf ihren zukünftigen Mann plant, dient zu ihrer Verhaftung, von Cisseo nur widerwillig und mit Unbehagen ausführt. Der perfide Plan geht noch weiter: Ausgerechnet Mustafa soll den Schuldspruch sprechen, und so geht er scheinbar auf das Spiel ein und verurteilt den Verfasser des Briefes zum Tode. Zanaidas Getreue – ob Giangiur und der Mädchenchor wollen ihr beistehen –, sie lehnt ab und ist bereit in den Tod zu gehen. Erst im letzten Moment wird Tamasse davon ergriffen und reicht Zanaida die Hand.

Das Sängerensemble – alle Mitwirkenden spielen übrigens barfuß – zeigt sich insgesamt sehr sanges- und spielfreudig. Alexandra Samouilidou als beherzte und würdevolle Zanaida, die gegen alle Widrigkeiten ankämpft, Hege Gustava Tjønn intensiv als Roselane und beeindruckendes und heimliches Zentrum der Inszenierung. Brett Carter ist ein herrlicher zwischen Tochter und Landeswohl hin- und hergerissener Mustafa. Der Altus Alin Deleanu als Tamasse zeigt einen schwankenden, von Gefühlen geleitenden König, der noch ein bisschen am Rockzipfel seiner Mutter hängt, während Dorin Rahardjas Osira einen Emanzipationsversuch unternimmt und als Gegenentwurf zur stolzen Zanaida erscheint. Philipp Mathmann, Countertenor, erhielt eine Ansage zu Beginn der Vorstellung, da seine Stimmbänder noch immer entzündet seien; davon aber war wenig zu merken, so dass er als geplagter und verzweifelter Cisseo überzeugen konnte.

 Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach - hier : Brett Carter als Mustafa, Dorin Rahardja, David Bennent als Gianguir, Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach – hier : Brett Carter als Mustafa, Dorin Rahardja, David Bennent als Gianguir, Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Weitere Mitwirkende waren die Tänzerin Ageliki Gouvi und ihr Partner Yuya Fujinami, deren Tanz sich als Kommentierung der Vorgänge einfügte, und die Mitglieder des Mädchenchors am Dom und St. Quintin. Diese sangen u.a. das „Ave generosa“ von Hildegard von Bingen und ließen sich in ihren weißen Kleider durchaus mit Nonnen assoziieren, waren jedoch als aletheiische Muse an den Chor aus der griechischen Tragödie und die Göttin der Wahrheit, Aletheia, angelehnt. Für den Chor waren Michael Kaltenbach und Jutta Hörl, für die Choreografie Martina Borroni verantwortlich.

Gianguir, ursprünglich eine Tenorrolle, wurde zu einer Sprechrolle als ehemaliger Kriegsherr und Beschützer Zanaidas umgedeutet und einem Schauspieler mit „unverwechselbarer Stimme“ (Dirigent: Adam Benzwi) angetragen: David Bennent. Die von ihm vorgetragenen Texte stammen von Pico della Mirandolas Über die Würde des Menschen, Ernst Jüngers In Stahlgewittern, Ronald Steckels Hörstück Durchbrüche sowie weitere Passagen aus Bhagavad Gita und Texten von Regisseur Max Hopp. Die zwei wunderbar vorgetragenen Monologe zeigen David Bennents gestalterische Kraft und Präsenz, eine übergroße Projektion seines Oberkörpers war deshalb unnötig – David Bennent ist ein großer Schauspieler.

Die phantasievolle Ausstattung von Madis Nurms erzeugt stimmungsvolle Momente, so die bereits erwähnten Kostüme, die irgendwie ein bisschen an Star Wars – die Numidier tragen Kopfschmuck aus Hörnern, während die Punier ein drittes Auge besitzen – erinnern, aber die Konfliktparteien kennzeichnen. Auch die Bühne wechselt effektvoll – mal sind es Treppen, die nach hinten aufsteigen, mal ist der Bühnenraum flach und mit Flamingos bevölkert und einen Garten darstellend, dann wiederum kommt der Thron von oben herunter; für das Licht sorgte René Zensen. Schauspielregisseur Hopp zeigt eine gute Personenregie, hat ein Händchen für Situationskomik und vermag – zusammen mit dem Ausstatter Nurms – kraftvolle Bilder zu erschaffen. Adam Benzwis Leitung des Philharmonischen Staatsorchester Mainz war souverän, beschwingt und flott trieb er die Musik voran. Er sah sich als „Gestalter von Musik“, wie er es im Programmheft beschrieb, und blieb in der Umsetzung seinem Motto, dass „die Geschichte interessant, mit dramaturgischem und musikalischen Sog erzählt wird“ treu. Hopp und Benzwi schwebte wohl eher eine an das „Singspiel“ angelehnte Version des Stückes, fröhlich und von heiterem Format, und weniger ein „dramma per musica“ vor.

Zum Schlussvorhang erschien übrigens auch der Dirigent ohne Schuhe. Belohnt wurde er, wie alle Mitwirkenden, mit großem Applaus.

Zanaida im Staatstheater Mainz; die weiteren Vorstellungen 20.11.; 2.12.; 21.12.; 27.12.2019; 7.01.; 25.01.; 5.02.2020 und mehr …

—| IOCO Kritik Staatstheater Mainz |—

150 Jahre Wiener Staatsoper – CD / DVD Naxos / Orfeo, IOCO Rezension, 25.09.2019

September 25, 2019 by  
Filed under IOCO - CD-Rezension, Wiener Staatsoper

Staatsoper Wien © IOCO

Staatsoper Wien © IOCO

Wiener Staatsoper

150 Jahre Wiener Staatsoper – Naxos CD/DVD

von Marcus Haimerl

Am 25. Mai 2019 feierte die Wiener Staatsoper ihr 150-jähriges Jubiläum mit der Premiere einer einer Neuinszenierung von Richard Strauss Frau ohne Schatten, welche 100 Jahre zuvor ihre Uraufführung hier feierte. Zudem war der Komponist gemeinsam mit Franz Schalk von 1919 bis 1924 Direktor des Haus am Ring.

Zum 150-jährigen Jubiläum der Staatsoper veröffentlichte Orfeo eine CD-Box mit den großen Aufführungen und Premieren der Wiener Staatsoper. Die CD-Box umfasst 20 CDs sowie 2 Bonus CDs von 1955 bis 2016 mit Aufnahmen von Wozzeck (Berg), Fidelio (Beethoven), Elektra (Strauss), Le Nozze Di Figaro (Mozart), Il Viaggio A Reims (Rossini), Tristan und Isolde (Wagner), Eugen Onegin (Tchaikovsky), Ariadne auf Naxos (Strauss) sowie Un ballo in maschera (Verdi).

150 Years Wiener Staatsoper / CD -DVD © NAXOS / ORFEO

150 Years Wiener Staatsoper / CD -DVD © NAXOS / ORFEO

WOZZECK (Alban Berg)

Alban Bergs „Wozzeck“ war neben Fidelio (Beethoven), Don Giovanni (Mozart), Die Frau ohne Schatten (Strauss), Aida (Verdi), Die Meistersinger von Nürnberg (Wagner) und Der Rosenkavalier (Strauss) eine der insgesamt sieben Opern mit denen die Wiener Staatsoper nach der Zerstörung in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs und dem anschließenden Wiederaufbau  1955 feierlich wiedereröffnet wurde.  Zur herausragenden Besetzung zählte neben Walter Berry als Wozzeck und Christel Goltz als Marie, Max Lorenz (Tambourmajor), Murray Dickie (Andres), Peter Klein (Hauptmann) und Karl Dönch (Doktor). In bestmöglicher Qualität erlebt der Zuhörer hier nicht nur eine packende Umsetzung von Alban Bergs Werk, sondern auch ein außergewöhnliches Zeitdokument aus der Geschichte der Wiener Staatsoper.

FIDELIO (Ludwig van Beethoven)

Aus dem Jahr 1962 stammt die zweite Aufnahme der CD-Box. Bei Beethovens Freiheitsoper „Fidelio“ stand auch gleich der damalige Direktor des Hauses, der Dirigent Herbert von Karajan, am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper. Die herausragende Christa Ludwig gestaltete die Partie der Leonore, ihr damaliger Ehemann Walter Berry deren Gegenspieler Don Pizzaro. Sensationell Jon Vickers als Florestan. Auch der Rest der Besetzung zählt zu den Besten ihrer Zeit: Eberhard Wächter als Don Ferrando, Gundula Janowitz als Marzelline, Waldemar Kmentt als Jaquino, Walter Kreppel als Rocco und Kostas Paskalis und Ljubomir Pantscheff als Erster und Zweiter Gefangener. Auch diese Aufnahme ist ein besonderes Zeitdokument, handelt es sich hier doch um eine der seltenen Live-Aufnahmen Karajans, einem Verfechter von Studioaufnahmen.

ELEKTRA (Richard Strauss)

In der Direktionszeit Egon Hilberts entstand im Dezember 1965 die Aufnahme von Richard Strauss „Elektra“ als Live-Mitschnitt einer der intensivsten Aufführungen dieses Werkes im Haus am Ring. Unter dem mitreißenden Dirigat von Karl Böhm versammelten sich die Größen des Wagner- und Strauss-Gesangs auf einer Bühne. Birgit Nilsson gab eine atemberaubende Elektra, Regina Resnik die Klytemnästra, der Wiener Publikumsliebling Leonie Rysanek war in der Partie der Chrysothemis zu hören. Bei den Herren erlebte man Wolfgang Windgassen als Aegisth und Eberhard Waechter als Orest.  Mit der Aufzeichnung einer dieser drei Vorstellungen zwischen dem 16. und 22. Dezember 1965 gelang Karl Böhm mit dem gesamten Ensemble eine Referenzaufnahme dieser Oper.

LE NOZZE DI FIGARO (Wolfgang Amadeus Mozart)

Eine weitere der seltenen Live-Aufnahmen Herbert von Karajan fällt in die erste Amtszeit von Egon Seefehlner.  Mit Mozarts „Le nozze di Figaro“, einer der drei Da Ponte-Opern, holte Herbert von Karajan im Mai 1977 die besten Sänger ihrer Zeit auf die Bühne. Tom Krause als Conte d’Almaviva und Anna Tomowa Sintow als Contessa, Ileana Cotrubas als Susanna, José van Dam als Figaro und Frederica von Stade als Cherubino machen aus Mozarts Oper einen wahren Hörgenuss. Auch diese Aufnahme markiert einen Meilenstein der Geschichte der Wiener Staatsoper.

IL VIAGGIO A REIMS (Gioachino Rossini)

Erst im Januar 1988 fand die Erstaufführung von Rossinis Oper “Il viaggio a Reims” statt und erlebte auch nur 10 Vorstellungen an der Wiener Staatsoper, fünf Vorstellungen fanden im Rahmen des Japan-Gastspiels im Bunka Kaikan in Tokio statt. In der Direktionszeit von Claus Helmut Drese und unter dem Dirigat des Generalmusikdirektors Claudio Abbado fand diese denkwürdige Premiere statt. Es sangen Cecilia Gasdia (Corinna), Lucia Valentini-Terrani (Marchesa Melibea), Lella Cuberli (Contessa di Folleville), Montserrat Caballé (Madama Cortese), Frank Lopardo (Cavalier Belfiore), Chris Merritt (Conte di Libenskof), Ferruccio Furlanetto (Lord Sidney), Ruggero Raimondi (Don Profondo) und Enzo Dara (Barone di Trombonok). Mit dieser hochkarätigen Besetzung zählten diese Aufführungen zu den besonderen Juwelen in der Geschichte der Wiener Staatsoper, an die sich heute noch viele Besucher dieser Vorstellungen gerne zurückerinnern.

TRISTAN UND ISOLDE (Richard Wagner)

„Tristan und Isolde“ war, neben „Lohengrin“ und „Parsifal“ eine der drei Neuinszenierungen einer Wagner Oper in der Amtszeit von Dominique Meyer.  Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten löste die spannende Inszenierung David McVicars jene Günter Krämers aus dem Jahr 2003 ab. Peter Seiffert sang hier einen besonders intensiven Tristan an der Seite von Nina Stemme als Isolde. Stephen  Milling als König Marke, Jochen Schmeckenbecher als Kurwenal, Janina Baechle als Brangäne, Eijiro Kai als Melot , Carlos Osuna als Hirt und Marcus Pelz als Steuermann rundeten das großartige Ensemble rund um den damaligen Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst am Pult des Orchesters der Wiener Staatsoper ab.

EUGENE ONEGIN (Pyotr Ilyich Tchaikovsky)

Im April 2013 kamen die Fans der Ausnahmesängerin Anna Netrebko auf ihre Kosten. In Tchaikovskys „lyrische Szenen“ fand sich unter dem Dirigat Andris Nelsons ein großartiges Sängerensemble ein. Neben einer fulminanten Anna Netrebko als Tatyana, sang Dmitri Hvorostovsky die Titelpartie. Zoryana Kushpler (Larina), Alisa Kolosova (Olga), Aura Twarowska (Filipjewna) und Dmitry Korchak (Lensky) vervollständigten das homogene Ensemble rund um Anna Netrebko. Gleichzeitig gilt diese Aufnahme auch als wichtiges Tondokument des zu früh verstorbenen russischen Baritons Dmitry Hvorostovsky.

ARIADNE AUF NAXOS (Richard Strauss)

2012 übernahm die Wiener Staatsoper die Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung von Richard Strauss „Ariadne auf Naxos“ von den Salzburger Festspielen. Die vorliegende Aufnahme entstand zwei Jahre später. Unter dem Dirigat Christian Thielemanns sang zum vorletzten Mal Soile Isokoski in einer Produktion an der Wiener Staatsoper die Partie der Primadonna/Ariadne, zum letzten Mal sang sie die Partie der Marschallin im Rosenkavalier nur einen Monat später. Der viel zu früh verstorbene Johan Botha bleibt als Tenor/Bacchus in einer seiner seltenen Aufnahmen in Erinnerung. Der ebenfalls erst kürzlich verstorbene Kammerschauspieler Peter Matic verkörpert auf ideale Weise den Haushofmeister. Wunderbar ergänzt wird dieses Ensemble durch Jochen Schmeckenbecher (Musiklehrer), Sophie Koch (Komponist), Daniela Fally (Zerbinetta) sowie Marcus Pelz, Adam Plachetka, Carlos Osuna, Jongmin Park, Rachel Frenkel und Olga Bezsmertna. Auch bei diesem Tondokument zeigt sich schon sehr früh die Bedeutung für die Geschichte des Hauses.

UN BALLO IN MASCHERA (Giuseppe Verdi)

Die letzte Gesamtaufnahme dieser Box widmet sich einem Meisterwerk des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi. 1986 hob sich der Vorhang für Luciano Pavarotti als Gustaf III in der Inszenierung von Gianfranco de Bosio, die 2016 ihre 90. Reprise an der Staatsoper erlebte: Als Gustaf III. hörte man den polnischen Tenor Piotr Beczala, als Renato Anckarström den russischen Bariton Dmitri Hvorostovsky in einem seiner letzten Auftritte an der Wiener Staatsoper. Mit einer großartigen Krassimira Stoyanova als Amelia, Nadia Krasteva als Ulrica, Hila Fahima als Oscar, Alexandu Moisiuc (Graf Horn), Sorin Coliban (Graf Warting), Igor Onishchenko (Cristiano) und Thomas Ebenstein (Richter/Diener) genoss das Publikum einen großartigen Opernabend, den es hier nachzuhören gibt.

BONUS CDs „Legendary Voices Of The Wiener Staatsoper“

Alleine die beiden Bonus CDs, ein Best Of der großartigsten Sänger der Wiener Staatsoper, rechtfertigt den Kauf dieser CD Box.

Aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“ besticht die Königin der Koloraturen, Edita Gruberova, als Constanze mit „Martern aller Arten“ aus dem Jahr 1979. 1968 singen Adolf Dallapozza, Walter Berry und Eberhard Waechter „La mia Dorabella capace non è“ aus „Così fan tutte“. Mit Donna Annas Arie „Crudele! Ah no, mio bene“ aus Don Giovanni beendet Edita Gruberova den Mozart-Teil der CD.

Mit dem Ausschnitt „Aber der Richtige“ aus Richard Strauss’ Oper „Arabella“ führen Lisa della Casa, die Arabella des 20. Jahrhunderts in der Titelpartie und Anneliese Rothenberger als Zdenka ins Jahr 1964 zurück. Aus dem Jahr der feierlichen Wiedereröffnung stammt die Aufnahme aus dem „Rosenkavalier“, dem Duett Marschallin/Octavian „Wie Du warst! Wie Du bist“ mit Sena Jurinac und Maria Reining.

Der deutsche Komponist Richard Wagner ist mit Ausschnitten aus „Der fliegende Holländer“, „Die Walküre“ und „Lohengrin“ vertreten. In „Wie aus der Ferne längst vergang’ner Tage“ erlebt man Julia Varady als Senta und Franz Grundheber als Holländer. 1992 sangen Placido Domingo als Siegmund und Waltraud Meier als Sieglinde „Keiner ging“ aus der Walküre, Johan Botha als Lohengrin und Cheryl Studer als Elsa sind in „Atmest du nicht mit mir…“ aus „Lohengrin“ zu hören.

Mit einem Ausschnitt aus der musikalisch herausragenden Produktion von Dmitri Shostakovich „Lady Macbeth von Mzensk“ mit Angela Denoke unter dem Dirigat von Ingo Metzmacher endet die erste CD.

Die zweite CD widmet sich schwerpunktmäßig dem italienischen Komponisten Giuseppe Verdi, Ausschnitte aus seinen Opern „Simone Boccanegra“, „La Traviata“, „Don Carlo“, „Aida“ und „Otello“ dominieren auf dieser CD.

1969 sangen Eberhard Waechter und Nicolai Ghiaurov gemeinsam in Verdis „Simone Boccanegra“. Zu hören ist der Ausschnitt „Suona ogni labbro il mio nome“. Mit „Parigi o cara“ berührten Ileana Cotrubas als Violetta und Nicolai Gedda als Alfredo 1971 in „La Traviata“. Ein Jahr zuvor sangen Gundula Janowitz (Elisabetta) und Franco Corelli (Don Carlo) „Io vengo a domandar“ in Verdis „Don Carlo“. Zwei verschiedene Besetzungen in den 90er Jahren bieten die Aufnahmen der „Aida“: „Fu la sorte dell’armi a tuoi funesta“ mit Julia Varady als Aida und Marjana Lipovsek als Amneris, sowie „La fatal pietra sovra me si chiuse“ mit Mirella Freni als Aida und Luciano Pavarotti als Radamès.  1987 waren Anna Tomowa-Sintow als Desdemona und Plácido Domingo in der Titelpartie in Verdis „Otello“ unter dem Dirigat von Zubin Mehta zu hören.

Unter dem wunderbaren Dirigat von Carlos Kleiber strahlten die Weltstars Mirella Freni und Luciano Pavarotti 1985 in Giacomo Puccinis „La Bohème“.

Ein besonderer Genuss erwartet die Zuhörenden am Ende der CD: Unter dem Dirigat von Pinchas Steinberg erlebt man die griechische Mezzosopranistin Agnes Baltsa in ihrer Paraderolle der Carmen in der gleichnamigen Oper Georges Bizets an der Seite von Plácido Domingo als Don José im fulminanten finalen Aufeinandertreffen der beiden Protagonisten „C’est toi? C’est moi?“.

Alleine beim Hören dieser beiden Bonus CDs gibt es dann doch einige Produktionen, die man gerne als Gesamtaufnahme hören möchte.

Insgesamt ist die schön gestaltete CD-Box ein musikalischer Ausflug in die Geschichte der Wiener Staatsoper nach der Wiedereröffnung 1955 und bringt mehr als hörenswerte Aufnahmen dieser Zeit mit herausragenden Sängerinnen, Sängern und Dirigenten. Die limitierte CD-Box mit insgesamt 22 CDs ist um rund 100 Euro im Handel erhältlich. Auch auf Grund einiger Aufnahmen, die bisher noch nie veröffentlicht wurden, kann man den Kauf dieser Box nur empfehlen.

—| IOCO CD-Rezension |—

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