CARE PUPILLE – Barock-CD – Samuel Mariño, IOCO CD-Besprechung, 11.01.2021

Januar 13, 2021 by  
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Care Pupille Barock-Album mit Samuel Mariño - ORFEO © ORFEO

Care Pupille Barock-Album mit Samuel Mariño – ORFEO © ORFEO

CARE PUPILLE – Samuel Mariño 
Georg Friedrich Händel – Christoph Willibald Gluck

Orfeo CD –  Bestellnr.: C 998 201

von   Ljerka Oreskovic Herrmann 

Christoph Willibald Gluck (*1714 – 1784) und Georg Friedrich Händel (*1685 – 1759) sind die Komponisten, deren Werke auf einer neuen CD Care pupille,  erschienen bei Orfeo Bestellnr.: C 998 201, präsentiert werden und zugleich einer stimmlichen Entdeckungen die Bühne bietet: Samuel Mariño ist ein Sopran, was sich bei ihm übrigens im Gegensatz zu vielen Countertenor-Kollegen auch bei der Sprechstimme nicht ändert, besitzt eine berückend schöne Stimme und wird mit dieser CD-Veröffentlichung hoffentlich auch ein größeres Publikum erobern. Wer ihn allerdings „live“ erlebt hat – so in Gießen in La Resurrezione (siehe IOCO-Kritik) von Georg Friedrich Händel –, dürfte tatsächlich auf eine unvergessliche Erfahrung zurückblicken und gerne zu dieser CD greifen.

Samuel Mariño – debut album „CARE PUPILLE“
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Der Verknüpfung von Händels und Glucks Werken liegt historisch ein Zusammentreffen zugrunde, als der aus der Opferpfalz stammende Christoph Willibald Gluck 1746 nach London reiste. Dort war ein anderer Komponistenkollege bereits eine bedeutende Figur des damaligen Musikbetriebs: der gebürtige Hallenser Georg Friedrich Händel. Nach seiner zweiten Englandreise 1712 prägte er wie kein anderer das Konzert- und Theaterleben und sorgte für das Aufblühen Londons als Musikstadt; ein weiterer England-Reisender, Wolfgang Amadeus Mozart, verehrte aber einen anderen „Engländer“ als einen der größten Komponisten überhaupt: Johann Christian Bach. Als englischer oder katholischer Bach ist er in die Musikgeschichte eingegangen; die Konversion hat ihm die Familie so sehr verübelt, dass er lange im Schatten des Vaters und der Brüder blieb, als „schwarzes“ Schaf galt und sein Werk insgesamt wenig Beachtung fand. Dabei wirkte er quasi als Nachfolger Händels in London und war dort mit seinen Bach-Abel-Konzerten, die er veranstaltete und musikalisch um eigene Werke bereicherte, durchaus erfolgreich. In gewisser Weise kommt ihm eine Brückenbauer-Funktion zwischen dem frühen 18. Jahrhundert eines Händel und der zukünftigen Klassik verkörpert durch Haydn, Mozart und Beethoven zu. Doch zurück zum Jahr 1746: Händel und Gluck begegneten sich nicht nur, sondern traten freundschaftlich in einen musikalischen „Wettbewerb“, den diese Einspielung in gewisser Weise fortführt.

Georg Friedrich Händel wurde zum „englischen“ Komponisten, welches auch die Grabinschrift in Westminster Abbey (Foto links)  verdeutlicht, auch weil er sich besonders dem Oratorium zuwandte und damit das musikalische Geschehen in seiner neuen Heimat dominierte, während er der Opera seria zunehmend den Rücken kehrte. Da trafen der reife Händel und der noch junge Gluck aufeinander, dem der erstgenannte vorgeworfen hatte vom Kontrapunkt ebensoviel zu verstehen wie sein Koch. Es sollte jedoch der Jüngere werden, der eine entscheidende Reform der Oper durchführen sollte: „Ich setzte mir vor, alle die Missbräuche zu vermeiden, die in die italienische Oper durch die falsch angebrachte Eitelkeit der Sänger und die allzu große Nachgiebigkeit der Komponisten eingedrungen sind und die das schönste und prächtigste Schauspiel zur Lächerlichkeit und Langwürdigkeit herabgewürdigt haben.“ Gluck hatte da seine Opernreform noch nicht begonnen, sollte aber der vorherrschenden Opera seria mit ihren Göttern, Halbgöttern, Abgangsarien, Balletten und den manchmal monoton klingenden Secco-Rezitativen später (nach 1762) den Todesstoß versetzen.

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel - hier : Samuel Mariño als Engel_ Angelo © Rolf K Wegst

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel – hier : Samuel Mariño als Engel_ Angelo © Rolf K Wegst

Spitzentöne, Virtuosität und Dramatik

Die Händel-Arien stammen aus seinen erfolgreichsten Opern: Berenice, Regina d’Egitto, Atalanta und Arminio. Insbesondere bei der letztgenannten – die Arie daraus ist Quella fiamma – hinterlässt der Sopran einen berückend-berührenden Eindruck. Noch stärker wird dieser bei Gluck. Samuel Mariños Stimme ist strahlend, bei Gluck auch dramatisch, regelrecht elektrisierend und ekstatisch, was durchaus auch in den Werken angelegt ist und auf die Opernreform vorausweist. „Mein Sinn war darauf gerichtet, die Musik wieder auf ihr wahres Amt zurückzuführen: Dem Drama in seinem Ausdruck zu dienen, ohne die Handlung zu unterbrechen oder sie durch unnützen und überflüssigen Schmuck zu erkälten“, denn Gluck war pure Kehlkopfakrobatik zu Lasten der Dramaturgie ein Graus. Doch noch erklang diese und nicht die Schlechteste.

Unter der souveränen Leitung von Michael Hofstetter, Intendant der Gluck-Festspiele, spielt das bewährte, auf historischen Instrumenten spielende, Händelfestspielorchester Halle; dieses Spezialensemble für Alte Musik setzt einerseits die langjährige Tradition der Händel-Pflege in seiner Geburtsstadt fort, andererseits ist es in der deutschen Orchesterlandschaft mit seiner Zugehörigkeit zur Staatskapelle Halle, welches wiederum auf modernen Instrumenten musiziert, einzigartig. Hofstetter ist nicht nur ein großer Kenner Glucks, sondern eben jener Epoche – des Barock –, für die die beiden Komponisten stehen. Und auch für Mariño, den er für die große Bühne engagierte, ist er ein idealer Begleiter. Drei Weltersteinspielungen sind auf der CD zu finden: „Già che morir“ (Antigono), „Tornate sereni“ (La Sofonisba) und „Care pupille“ (Il Tigrane) des Oronte, was der CD den Titel gab. Die beiden letztgenannten Gluck-Opern – La Sofonisba und Il Tigrane– sind nur fragmentarisch überliefert, umso mehr ist eine Einspielung einiger Arien daraus bedeutend. Geschrieben wurde vieles vor und auch noch von Gluck selbst für Kastraten, manches jedoch die vergangenen 250 Jahre nicht mehr von einem Mann gesungen. Samuel Mariño besitzt diese Höhe, er verfügt über Spitzentöne und Koloraturen, die der Vergangenheit anzugehören schienen und auf die Erfolge der Kastraten zurückverweisen, die Virtuosität wird von seiner Dramatik – ganz im Sinne Glucks –beinahe noch übertroffen. Interessant wird es sein, Marinos weitere Stimmentwicklung zu verfolgen; leider ist sie, wie bei allen künstlerisch tätigen Menschen, im Augenblick ausgebremst, seine Bühnenpräsenz zum Pausieren gezwungen.

CARE PUPILLE – Samuel Mariño 
Georg Friedrich Händel – Christoph Willibald Gluck

Orfeo CD –  Bestellnr.: C 998 201

—| IOCO CD-Rezension |—

Giessen, Stadttheater Giessen, La Resurrezione – Die Auferstehung, IOCO Kritik, 17.04.2018

April 17, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, Oper, Stadttheater Giessen

Stadttheater Giessen

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

La Resurrezione – Die Auferstehung
Oratorium von Georg Friedrich Händel

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Alles ist grau, nüchtern, der Leichnam liegt noch zugedeckt auf dem Seziertisch, dazu die normale Geschäftigkeit der dort arbeitenden Menschen – die Pathologie eben. Dann erscheint ein schwarz gekleideter Mann, deckt den Kopf des Toten auf, um „die“ Dornenkrone darauf zu legen. Bis zu diesem Bild hätte es eine Geschichte von heute sein können, fast wie in einem dieser Endloskrimis im Fernsehen, doch spätestens als die Bühne dreht und eine Gruppe weißgekleideter Männer eine Treppe heruntersteigt, erhält das Geschehen eine religiöse Dimension.

Georg Friedrich Händel, Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel, Westminster Abbey © IOCO

Die Auferstehung – Die Nacht des Karsamstag auf Ostersonntag

Abgespielt hat sich die Geschichte zu dieser Grablegung vor 2000 Jahren: Jesus, der Sohn Gottes, stirbt am Kreuz, wird zum Begründer der christlichen Glaubenslehre und das Kreuz zu ihrem Symbol. Es ist die Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag – der höchste christliche Feiertag im Kirchenjahr. Für diesen Tag hat der noch junge Georg Friedrich Händel, in Rom weilend, sein Oratorium um die AuferstehungLa Resurrezione di Nostro Signor Gesù Cristo (HWV 47) – geschrieben, am 8. April 1708 wurde es uraufgeführt. Überliefert ist, dass das geistliche Oratorium szenische umgesetzt wurde, was dem Verbot von Theater- und Opernaufführungen in der Fastenzeit durch Papst Clemens XI. gerade noch entsprach. Tatsächlich erinnert das Werk an eine Oper, deren Inhalt auf mehreren Ebenen geschildert werden kann, was der Gießener Regisseur Balázs Kovalik sehr geschickt und packend umsetzt. Und dabei, wie selbstverständlich die Frage nach der Bedeutung von Glauben in unserer heutigen Welt stellt und nach der Haltung zum Tod aufwirft.

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel - hier :  Samuel Mariño als Engel_ Angelo © Rolf K Wegst

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel – hier : Samuel Mariño als Engel_ Angelo © Rolf K Wegst

Den Kampf um den finalen, vermeintlich nicht revidierbaren Abschied, tragen zunächst Luzifer und ein Engel aus. Für Lucifero, den gefallenen Engel, ist es ein Triumph, denn Gottes Sohn ist tot, während der Engel bzw. Angelo – mit berückenden Höhen und heiterer Gewissheit – dem toten Jesus nicht nur behutsam die Dornenkrone abnimmt, sondern seine Auferstehung prophezeit. Sebastian Ellrich, für Bühne und Kostüme verantwortlich, hat die beiden Protagonisten entsprechend komplementär auftreten lassen: Der Engel, eine wahrhaft cherubinische Erscheinung, trägt weiße modische Kleidung und wird von weiteren Engeln begleitet; einer trägt sogar die Osterkerze, das Symbol schlechthin. Und der Countertenor mit der atemberaubenden Höhe heißt: Samuel Mariño. Entsprechend dazu ist Lucifero, wie bereits erwähnt, in schwarz gekleidet, nur die roten Sohlen auf seinen Schuhen und die kleinen, unter einem Hut versteckten, roten Hörner weisen ihn als Herrn der Hölle und damit des Bösen aus. Der Bariton Grga Peroš tritt stimmgewaltig und machtvoll auf, aber letztlich wird er klein beigeben bzw. in der sprichwörtlichen Versenkung verschwinden müssen. So will es die Dramaturgie und die Religion – beide kommen hier zur perfekten Deckung.

Auch die Musik arbeitet mit kontrastierenden Klangwelten und GMD Michael Hofstetter lässt Händels Musik leuchten, das bildlich Komplementäre entspringt der musikalischen Entsprechung: das helle Dur des Engels kontrastiert das dunkle Moll Luzifers. Das Philharmonische Orchester schlägt eine Brücke zwischen damals, als Frömmigkeit und Glauben im wahrsten Sinne des Wortes noch einen anderen Klang hatten, und heute, indem wir Händels frühes Stück als ein der römischen Operntradition zugehöriges Werk annehmen. Seine fulminanten Arien, seine subtile Charakterisierung der Figuren, sein reicher musikalischer Ausdruck – all das ist in Gießen zu hören. Und gilt gleichermaßen für das insgesamt gute, sehr spielfreudige und junge Sängerensemble. Dazu gehören neben den oben genannten: die Sopranistin Francesca Lombardi Mazzulli als Maddalena, die Mezzosopranistin Marie Seidler als Cleofe, der Tenor Aco Bišcevic als Giovanni sowie der Bariton Kyung Jae Moon als Corista. Die Bewältigung der Konfliktebenen im musikalischen Dialog wie auch der Übergang zwischen den Erzählebenen gelingt allen sehr eindrucksvoll.

Licht und Dunkelheit bestimmen nicht nur den Gesang und Kleidung, sondern stehen insgesamt für die Pole dieser Auseinandersetzung: um Glauben oder Nichtglauben, letztlich um unsere Sehnsucht nach Ewigkeit und höherer Bedeutung als das kurze Erdenleben. Die anderen Protagonisten, die drei Sterblichen, die um den Toten weinen, treten zuerst in grauer, später schwarzer Trauerkleidung auf. Regisseur Kovalik zeigt, was früher „normal“ war, vielen Zeitgenossen heutzutage nur „merkwürdig“ anmutet, zumindest nicht mehr vertraut ist: das rituelle Betrauern, das Waschen und Einkleiden eines Verstorbenen.

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel - hier :  Aco Biscevic, Grga Peros, Francesca Lombardi Mazzulli © Rolf K Wegs

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel – hier :  Aco Biscevic, Grga Peros, Francesca Lombardi Mazzulli © Rolf K Wegs

Leben und Tod bildeten immer die zwei Seiten einer Medaille, den Tod und das Bewusstsein um die eigene Endlichkeit hat der moderne Mensch fast gänzlich aus dem Alltag verbannt. Diese zweite, alltägliche Ebene – in der wir sogar den Sarg in den Flammen im Krematorium verschwinden sehen – verzahnt der Regisseur auf eindringliche Weise mit der Erzählung von der Auferstehung Jesus Christus’. Dies entspricht tatsächlich dem Konzept des „katholischen Oratoriums“ zu Händels Zeiten in Rom: Es wird nicht bloß eine „geschichtliche Legende“ präsentiert, es werden vielmehr allgemeine Positionen verhandelt – das Oratorium wird somit zum großartigen allumfassenden Welttheater. Und doch zeigt es ein Ereignis, das sich jeden Tag so irgendwo auf der Welt zutragen könnte: Eine Mutter (eine stumme Rolle) beklagt den Tod ihres erwachsenen Sohnes. Von einer „Öffentlichkeit“ wird er ebenfalls betrauert: Es sind Giovanni, Maddalena und Cleofe. Sie erscheinen zugleich als alltägliche Gestalten unserer Zeit und biblische Figuren von einst. Und als Menschen sind sie uns nahe.

Maddalena (mit Kind), die biblische Maria Magdalena, steht dem einstigen Rabbi Jesus nahe. Cleofe, (in der durchaus ketzerischen Deutung Kovaliks), wiederrum ist wohl von diesem schwanger, wird aber von Giovanni getröstet, doch dieser erweist sich als erster Vertreter der neuen Religion. In seiner schwarzen Priesterkleidung ist er über das Trauern bereits hinaus: Er wacht über das Erbe des Verstorbenen und kündet von seiner Auferstehung. Privates und Privatheit haben da keinen Platz mehr, obwohl die Drehbühne durch die wechselnde Atmosphäre (Licht: Jan Bregenzer) und die sich ändernden Räumlichkeiten, wie z.B. beim Traueressen am Esstisch oder dem Vorbereiten für die Totenmesse in der Kapelle, intime Momente, sogar Heimsuchungen (bei Giovanni) erzeugen und persönliche Begegnungen zulassen.

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel - hier :  Aco Biscevic als Giovanni © Rolf K Wegst

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel – hier :  Aco Biscevic als Giovanni © Rolf K Wegst

Jesus, das vermeidet nicht nur die Inszenierung, sondern das Oratorium selbst, wird nie als lebendiger Mensch gezeigt – nur die Projektionen zeigen ihn am Ende als „Auferstandenen“. Hier erscheint der Einsatz von Videoprojektionen (Martin Przybilla) nicht nur sinnfällig, sie erhalten eine (vielleicht unbeabsichtigte) religiöse Dimension: als Projektion in der wahrhaftigen Bedeutung des Wortes – auf diesen christlichen Messias werden alle Hoffnungen bis heute „projiziert“. Im Finale singen alle gemeinsam, geeint um das Wissen bzw. den Glauben an ein Leben danach. Aber können wir gegenwärtig damit etwas anfangen? Oder sollten wir uns Ernst Blochs Aussage in Erinnerung rufen: „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein. Nur ein Christ kann ein guter Atheist sein.

Wohl in diesem Bewusstsein hat auch Kovalik das Ende konzipiert, geweitet um die individuelle Beantwortung dieser Frage: Das Seelenheil katholischer Lesart, so wir daran glauben, hängt zwar von Gott ab. Doch unser eigener Beitrag ist nötig, oder wie es auf der Wand hinter den Protagonisten aufleuchtet: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben können“. Jeder, jede kann und muss für sich entscheiden, ob Glauben noch Gewicht hat. Und in diesem Sinne weist auch dieses Oratorium über die reine Nach-Erzählung hinaus. Das dankbare Publikum revanchierte sich mit überwältigendem Applaus.

—| IOCO Kritik Stadttheater Giessen |—

Münster, Theater Münster, Angels in America – Peter Eötvös, IOCO Kritik, 09.03.2018

März 9, 2018 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

   Angels in America – Oper von  Peter Eötvös

– Engel gibt es nur auf Droge –

Von Hanns Butterhof

Ein verrutschter knallroter Kussmund über einer mit Pissoirs bestückten Passage, die mit defekten Leuchtbuchstaben den Weg zum Himmel verspricht, ist kein gutes Vorzeichen für das Erscheinen von Engeln. Die Angels in America, die der Titel von Peter Eötvös‘ Oper verheißt, gibt es im Großen Haus des Theater Münster nur auf Droge in einer reichlich kaputten Welt.

Peter Eötvös hat die Angels in America auf zwei Paare konzentriert. Zum einen verlässt der junge Louis Ironson (David Zimmer) seinen Geliebten Prior Walter (Christian Miedl), als der ihm seine HIV-Infektion offenbart. Parallel trennt sich die valiumsüchtige Harper Pitt (Kristi Anna Isene) von ihrem Mann Joseph (Filippo Bettoschi), als sie von dessen Homosexualität erfährt. Als Joseph sich outet, findet er Louis als Partner.

Theater Münster / Angels in America - hier Christian Miedl als Prior Walter informiert Louis von seiner HIV-Infektion © Oliver Berg

Theater Münster / Angels in America – hier Christian Miedl als Prior Walter informiert Louis von seiner HIV-Infektion © Oliver Berg

Nur lose in die Geschichte eingebunden ist der rücksichtslose Staatsanwalt Roy Cohn (Christoph Stegemann), der noch im Tod seine Aids-Diagnose zu Leberkrebs umlügt. Er steht für den verdrängenden Umgang mit Homosexualität und für alles, was die Welt so als von Gott verlassen erscheinen lässt.

Regisseur Carlos Wagner gelingt es, die nicht mehr ganz so dringliche Kritik des sperrigen Stücks an der Diskriminierung Homosexueller mit erfreulich bissigem Humor zur Kritik an einer Welt auszuweiten, die ohne Verantwortlichkeit für das Ganze und Mitgefühl für einander zerfällt. Die Bühne Christophe Ouvrards drückt das treffend mit ihrer Teilung in drei kalte zwar zusammenhängende, doch gegeneinander abgeschottete Bereiche aus.

Angels in America – Peter Etvös
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Unter Drogeneinfluss erscheinen Harper Pitt, Roy Cohn und Prior Walter ihre Engel: ein himmlischer Eisbär verschafft Harper die entbehrte Befriedigung, und Cohn erscheint eine Frau, die er einst auf den Elektrischen Stuhl gebracht hatte; noch auf dem Sterbebett verhöhnt er sie. Den dahinsiechenden Prior will sein blonder Engel (Kathrin Filip) für die Absage an eine Welt gewinnen, die sich ihren Untergang weidlich verdient hat. Doch Prior verweigert sich und nimmt, absurd, im Sterben Partei für das Leben. Seinen hoffnungsfrohen Appell, sich auf ein wie auch immer unvollkommenes Leben einzulassen, relativiert der dringende Drogenverdacht.

Die Sängerinnen und Sänger zeichnen ihre Rollen differenziert, vor allem Christian Miedl verkörpert überzeugend Homosexualität so unaufdringlich, wie es Filippo Bettoschi verdruckst gelingt.

 Theater Münster / Angels in America hier_ Der Engel will Prior als Prophet gewinnen, mit Kathrin Filip und Christian Miedl © Oliver Berg

Theater Münster / Angels in America hier_ Der Engel will Prior als Prophet gewinnen, mit Kathrin Filip und Christian Miedl © Oliver Berg

Das kleine Orchester unter dem behutsamen Dirigat von Golo Berg setzt dezent meist dissonante Klangflächen nebeneinander. Der elektronisch bearbeitet dahinperlende, nur selten in den Vordergrund drängende Klangfluss wird von den per Microport verstärkten Stimmen fast hörspielartig überlagert. Nur den Engeln, vor allem der koloraturensicher trällernden Kathrin Filip, ist Gesang gegönnt, während bei den anderen Rollen der Sprechgesang überwiegt.

Nach zweieinhalb Stunden der spannenden, englisch gesungenen und englisch übertitelten Aufführung – ab dem 10. 3. ist die Übertitelung auf Deutsch – gab es lang anhaltenden Beifall für das Ensemble, Golo Berg und das Sinfonieorchester Münster sowie den zur Premiere anwesenden Komponisten.

Angels of America im Theater Münster;  die nächsten Termine: 10., 16., 21., 23., 29.3.; 18.4.2018 jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

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