Flensburg, Schleswig-Holsteinisches Landestheater, GRÄFIN MARIZA – Emmerich Kalman, 19.01.2019

Schleswig-Holsteinisches Landestheater

Stadttheater Flensburg © Stadttheater Flensburg

Stadttheater Flensburg © Stadttheater Flensburg

GRÄFIN MARIZA –  Emmerich Kálmán

Premiere am 19.1.2019 im Stadttheater Flensburg

Die steinreiche Gräfin Mariza erfindet einen Verlobten namens Baron Koloman Zsupán, um sich lästige Mitgiftjäger vom Leib zu halten. Die angebliche Verlobung will sie auf ihrem ungarischen Landgut feiern und fällt aus allen Wolken, als der fiktive Baron plötzlich vor ihr steht. Wer kann denn auch ahnen, dass dieser Mensch wirklich existiert? Die Verwirrungen und Verwicklungen nehmen ihren Lauf, denn auch ein neuer Gutsverwalter beansprucht die Aufmerksamkeit der Gräfin. Der verarmte Graf Tassilo arbeitet inkognito bei ihr, um seiner Schwester Lisa (die von der familiären Notlage um keinen Preis erfahren darf) eine Mitgift finanzieren zu können. Mariza findet Gefallen an Tassilo, wittert schließlich jedoch auch in ihm einen Mitgiftjäger, und Zsupán interessiert sich zunehmend für Lisa. Im Zuge einer wendungsreichen Handlung liebt, streitet und versöhnt man sich und überwindet nicht zuletzt Barrieren aus Standesstolz und Temperament.

Nach der CSÁRDÁSFÜRSTIN gelang dem ungarischen Komponisten Emmerich Kálmán, dem Schöpfer der „klingenden Doppelmonarchie“, 1924 mit GRÄFIN MARIZA ein weiterer großer Operettenerfolg. Als typisch ungarisch geltende, durch Csárdásrhythmen geprägte Musik verband er mit dem Wiener Walzer und kecken Modetänzen der 1920er-Jahre zu einem ganz individuellen Stil. Seine Musik changiert zwischen Dramatik und Sentiment, zwischen feurigen und melancholischen Tönen. Glanznummern wie „Komm mit nach Varaždin“, Lisas und Zsupáns Duett „Ich möchte träumen“ und Tassilos wehmütige Erinnerung „Komm, Zigány“ avancierten zu wahren Ohrwürmern. Und mal ehrlich: Es gibt wohl kaum ein flammenderes Zuneigungsbekenntnis als das von liebestrunkenen Ungarn: „… denn meine Leidenschaft brennt heißer noch als Gulaschsaft!”

Musikalische Leitung: Ingo Martin Stadtmüller, Inszenierung: Markus Hertel, Choreografie: Catalin Tiganasu, Ausstattung: Sibylle Meyer, Choreinstudierung: Bernd Stepputtis, Einstudierung Kinderchor: Oxana Sevostianova

Mit:   Gräfin Mariza: Amelie Müller, Graf Tassilo Endrödy-Wittemburg: Christopher Hutchinson, Lisa, Tassilos Schwester: Christina Maria Fercher, Baron Koloman Zsupán, Gutsbesitzer: Fabian Christen, Fürstin Božena Cuddenstein zu Chlumetz: Eva Schneidereit, Fürst Moritz Dragomir Populescu: Markus Wessiack, Penižek, Diener von Tassilo: Jürgen Böhm*

Premiere – 19.01.2019 | 19.30 Uhr | Flensburg, Stadttheater

—| Pressemeldung Schleswig-Holsteinisches Landestheater |—

Mörbisch, Seefestspiele Mörbisch, 2018: Gräfin Mariza von Emmerich Kalman, Juli 2018

Seefestspiele Mörbisch

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza - Die größte Geige der Welt © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin:

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza – Die größte Geige der Welt © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

GRÄFIN MARIZA von Emmerich Kalman

12. Juli – 25. August 2018

Die größte Geige der Welt begeisterte die Premierengäste am 12. Juli 2018. Der Künstlerische Direktor Peter Edelmann bringt in seiner ersten Mörbisch-Saison den beliebten Operettenklassiker Gräfin Mariza auf die Seebühne.

Apropos Bühne: In diesem Jahr bildet eine gigantische Geige von 45 Metern Länge und 14 Metern Höhe die Kulisse. Die technischen Raffinessen der Geige und ihr „Innenleben“ brachten das Premierenpublikum zum Staunen. Die unsterblichen Melodien von Emmerich Kálmán und ein begeistertes Ensemble auf der Bühne sorgten für großen Beifall und bleibende Eindrücke bei den Besuchern.

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza -Janevska (Manja), Ondrej Janoska (Geiger), Vida Mikneviciute (Gräfin Maiza) Statisterie © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin:

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza -Janevska (Manja), Ondrej Janoska (Geiger), Vida Mikneviciute (Gräfin Maiza) Statisterie © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin:

„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah – das war ein wichtiger Gedanke bei der Auswahl dieses Wunderwerkes von Emmerich Kálmán für meine erste Saison als Künstlerischer Direktor“, so Peter Edelmann. Der Ort der Handlung liegt im Original in der ungarischen Puszta und fügt sich somit perfekt in die pannonische Landschaft rund um die Seebühne. Dazu passend stammen die Bilder auf den ins Bühnenbild integrierten Videowänden aus dem Archiv des Nationalparks Neusiedlersee-Seewinkel.

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza - Rinnat-Moriah (Lisa, Tassilos Schwester) und Christoph Filler (Kolomán Zsupán) © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin:

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza – Rinnat-Moriah (Lisa, Tassilos Schwester) und Christoph Filler (Kolomán Zsupán) © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

Die Produktion ist fast ausschließlich „Made in Austria“. Regisseur Karl Absenger ist Grazer, Bühnenbilder Manfred Waba Burgenländer, der musikalische Leiter Guido Mancusi ist Wiener, genauso wie Peter Edelmann. Die Choreografin Johanna Bodor kommt von der Staatsoperette Budapest und hat somit den Csárdás im Blut.

Prominente Gratulanten
Auch zahlreiche prominente Besucher freuten sich mit dem Künstlerischen Direktor Peter Edelmann über die gelungene Premiere. Dabei waren die Bundesministerinnen Margarete Schramböck und Karin Kneissl, die Landeshauptleute Hans Niessl und Erwin Schützenhofer, Bürgermeister und Landeshauptmann Michael Ludwig, Landeshauptmann-Stv. Johann Tschürtz und Franz Schnabl, Landesrat und Festspielpräsident Hans-Peter Doskozil, Landesrätin Astrid Eisenkopf, Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky, Landesräte Norbert Darabos und Alexander Petschnig, Harald Serafin mit Gattin, Mirjana Irosch, Sigrid Martikke, Guggi Löwinger, Richard Lugner, Eva Maria Marold, Alfons Haider u.v.a.

Inszenierung: Mörbisch geigt auf!
„Höre ich Zigeunergeigen, wird es mir ums Herz so eigen, wachen alle Wünsche auf“, singt Gräfin Mariza in ihrem Auftrittslied und bringt so die Sehnsucht zum Ausdruck, einmal das Glück der Liebe kennenzulernen.

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza - Vida Mikneviciute (Gräfin Mariza) © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza – Vida Mikneviciute (Gräfin Mariza) © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

„In keinem anderen Stück steht die Geige so im Mittelpunkt wie in Emmerich Kálmáns mitreißender Operette Gräfin Mariza. Mit feurigen Csárdás-Rhythmen und melancholischen Zigeunerklängen verbindet dieses Instrument das weite Feld zwischen Lachen und Weinen und beschert uns ein Wechselbad der Gefühle“, so Regisseur Karl Absenger über das Stück.

„Die Aufgabe war ein Bühnenbild zu schaffen, das den See zur Geltung bringt, in die Landschaft passt und natürlich dem Stück gerecht wird. So suchten wir nach einem poetischen Stimmungsbild mit hoher Symbolkraft und sehr schnell war die Idee einer Geige als Bühnenbild geboren. Um der riesigen Seebühne gerecht zu werden ist daraus nichts Geringeres als die größte Geige der Welt geworden: 45m lang und 12m hoch. Durch ein ausgeklügeltes mechanisches System lässt sich das Bühnenbild aufbrechen und verwandelt sich so in die verschiedenen Schauplätze, die das Stück benötigt“, lässt Manfred Waba, bekannt für seine fantastischen Bühnenbilder, hinter die Kulissen des Entstehungsprozesses dieses imposanten Bühnenbildes blicken.

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza -Vida Mikneviciute (Gräfin Mariza) und Roman Payer (Graf Tassilo Endrödy-Wittemburg) © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza -Vida Mikneviciute (Gräfin Mariza) und Roman Payer (Graf Tassilo Endrödy-Wittemburg) © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

„Besonders das Aufeinandertreffen zweier Welten, einmal der ungarischen Folklore und zum Zweiten der dekadenten Städter machen den besonderen Reiz der Kostümausstattung aus. Federn, Boas, Seide, Pelz, Pailletten und edelste Perlstickereien auf der einen und Plissee, Rüschen, Bänder, bestickte Westen und Mieder in wunderschönen Farbkombinationen auf der anderen Seite. Echte Highlights werden natürlich die Kostüme der Gräfin Mariza – feinst aus Seide, Strass, Tüll und Federn gearbeitet. Daneben opulent, die Gräfin Božena im schrägen Texaslook. Und dann die besonderen Auftritte des Balletts. Von LED-Kostümen und großen Revueauftritten bis hin zur Folklore bilden die Auftritte einen reizvollen Bilderbogen“, macht Kostümbildnerin Karin Fritz Lust auf den Besuch in Mörbisch.

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza - Melanie Holliday (Fürstin Božena Cuddenstein zu Clumetz) © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin:

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza – Melanie Holliday (Fürstin Božena Cuddenstein zu Clumetz) © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin:

„Es ist sehr wichtig für mich, dass die Choreografie mit der Aussage und der Seele des Stückes zusammen atmet: die Energie und Leidenschaft, das Spiel, die Vielseitigkeit, Lebenslust und Glück, Reichtum an Stilen, Weiblichkeit und Männlichkeit muss sich in den Tänzen widerspiegeln. Ich arbeite für das Publikum und deshalb muss die Choreografie über die Unterhaltung hinaus auch Freude bereiten. Und hoffentlich manchmal auch die Herzen des Publikums berühren“, so Choreografin Johanna Bodor.

„Emmerich Kálmán ist ein als ernsthafter Musiker sehr unterschätzter Komponist, dem man gerne nachsagt, die leichte Muse kitschig darzustellen. Die Wahrheit ist aber, dass seine Partituren wahre kompositorische Meisterwerke sind, die sich ganz nebenbei auch noch weltweit als Gassenhauer ins Kollektiv einprägen. Er schafft es, volkstümliche Musik in ein symphonisches Korsett zu bringen und es manchmal auch zu sprengen. Durch ihn ist Zigeunermusik auf die Bühnen der Welt gekommen und hat Weltstatus erreicht. In der Folge wurde seine Musik verkitscht, verzerrt und ins volkstümliche verdreht. Das gilt es wieder gut zu machen und zu berichtigen“, sieht der Musikalische Leiter Guido Mancusi die große Herausforderung für ihn und das Orchester der Seefestspiele Mörbisch.

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza - Julian Looman (Karl Stefan Liebenberg) und Roman Payer (Graf Tassilo Endrödy-Wittemburg) © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

Seefestspiele Mörbisch / Gräfin Mariza – Julian Looman (Karl Stefan Liebenberg) und Roman Payer (Graf Tassilo Endrödy-Wittemburg) © Seefestspiele Mörbisch / Jerzy Bin

Premieren-Besetzung
Vida Mikneviciute als Gräfin Mariza, Horst Lamnek als Fürst Populescu, Christoph Filler als Baron Kolomán Zsupán, Roman Payer als Graf Tassilo, Rinnat Moriah als Lisa, Julian Looman als Karl Stefan Liebenberg, Melanie Holliday als Fürstin Božena, Franz Suhrada als Penižek, Peter Horak als Tschekko, Mila Janevska als Manja, Verena Te Best als Ilka von Dambössy.

Inhalt
Die ebenso reiche wie schöne Gräfin Mariza kann sich ihrer Verehrer und Mitgiftjäger kaum erwehren. Deshalb erfindet sie einen Verlobten, nur leider gibt es tatsächlich einen Baron mit diesem Namen, der zu Marizas Entsetzen nicht abgeneigt ist, sie zu heiraten. Und das just in dem Moment, wo sie auf ihrem Landgut den neuen Verwalter Tassilo kennen gelernt hat, der ihr – Standesunterschied hin oder her – viel besser gefällt als alle Verehrer zuvor.

—| Pressemeldung Seefestspiele Mörbisch |—

Münster, Theater Münster, Die Csárdásfürstin – Operette mit Trauerrand, IOCO Kritik, 14.12.2017

Dezember 15, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Operette, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán

Operette mit Trauerrand

Von Hanns Butterhof

Emmerich Kálmán muss den Ersten Weltkrieg übersehen haben. Diesem Eindruck kann man sich nicht entziehen, wenn man die beiden Kálmán-Operetten Die Csárdásfürstin von 1915 in Münster und Die Zirkusprinzessin von 1926 in Osnabrück besucht. In beiden Aufführungen wird Kálmán entschieden korrigiert, der Krieg auf die Bühne gebracht und ein happy end verweigert.

Der Krieg bricht in Kálmán-Operetten in Münster und Osnabrück herein

Am Großen Haus des Theaters Münster lässt Mareike Zimmermann „Die Csárdásfürstin“ 1917 in einem Lazarett voller Kriegsversehrter spielen, und erzählt die Handlung in Rückblicken.

Das schöne Bühnenbild, das Bernd Franke für „Die Csárdásfürstin“ gebaut hat, stellt das Varieté „Orpheum“ dar, auf dessen Bühne die Sängerin Sylva Varescu einst Triumphe gefeiert hat. Jetzt ist es zum Lazarett umfunktioniert, auf der Bühne des Gründerjahrebaus hält eine strenge Oberschwester Wache, und das Parkett ist mit weißen Klinik-Krankenbetten gefüllt.

Theater Münster / Die Csardasfuerstin - hier Sängerin Sylvia Varescu vor Kriegsversehrten © Oliver Berg

Theater Münster / Die Csardasfuerstin – hier Sängerin Sylvia Varescu vor Kriegsversehrten © Oliver Berg

Sylva Varescu (Henrike Jacob) ist als Truppenbetreuung an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrt. Von dem ehemaligen Direktor des Etablissements, Feri von Kerekes (Gregor Dalal), am Klavier begleitet, begeistert sie die Verwundeten in ihren blauen Kranken-Uniformen (Kostüme: Isabel Graf), sofern sie an Krücken und mit von Giftgas blinden Augen noch gehfähig sind.

Unter ihnen ist auch der notorische Womanizer Graf Boni (Erwin Belakowitsch), der sich gerade ein weiteres Mal, den Arm in einer lächerlich überflüssigen Schlinge, vor dem Einsatz an der Front drückt. Boni muss den steten Wechsel zwischen dem von der Regie erfundenen Jetzt der Kriegszeit und dem besseren Damals ihrer Varieté-Zeit moderieren, in der „Die Csárdásfürstin“ eigentlich spielt. Das zwingt den Grafen zeitweise zu einem rasanten Umdekorieren seiner Armschlinge im Jetzt zum schicken Halstuch im Damals und zurück ins Jetzt.

Theater Münster / Die Csardasfürstin - hier die berühmte Sängerin Sylvia Varescu © Oliver Berg

Theater Münster / Die Csardasfürstin – hier die berühmte Sängerin Sylvia Varescu © Oliver Berg

Im Licht der Erinnerung erscheint die Liebesgeschichte zwischen Sylva Varescu und dem jungen Fürst Edwin von Lippert-Weylersheim (Garrie Davislim) als Parallelaktion zu La Traviata. Nur dass Sylvia aus Bürger-Stolz, weil sie meint, doch nicht um ihrer selbst willen geheiratet zu werden, auf die Hochzeit und ihr Liebesglück mit dem Fürstenspross tapfer verzichtet. Henrike Jacobs‘ Sylvia Varescu ist eine starke Frau, temperament-, aber wenig glutvoll, als laste auf ihr auch in den Episoden der glücklichen Vergangenheit schon das Wissen um das unglückliche Ende.

Garrie Davislim als ihr hochadeliger Verehrer Edwin, der ihr die Hochzeit verspricht, sich dann aber von seinem standesbewussten Vater zur Verlobung mit der ebenbürtigen Jugendliebe Stasi (Kathrin Filip) drängen lässt, bleibt blass, tenorale Feurigkeit bringt er nicht auf. Schattenhaft erscheint er nur noch als Erinnerungsbild mit Blumenstrauß auf der Balustrade. Es ist völlig verständlich, dass Kathrin Filip, als Komtesse Stasi eine kecke, selbstbestimmte Soubrette, sich von Edwin ab- und dem Graf Boni zuwendet, der sie auch äußerst anziehend findet.

Erwin Belakowitsch ist als Boni nicht nur der Liebling der Mädis vom Chantant, sondern auch des Publikums, und erhält für seine unbekümmerte Buffo-Rolle dessen besonderen Applaus.

Theater Münster / Die Csardasfürstin von Emmerich Kalman © Oliver Berg

Theater Münster / Die Csardasfürstin von Emmerich Kalman © Oliver Berg

Mareike Zimmermann inszeniert mit sehr viel Gefühl das Gesamtgeschehen auf der Bühne, auf der nie jemand nur herumsteht und auf seinen Einsatz wartet; da spielt auch der von Inna Bartyuk trefflich eingeübte Chor gut mit. Aber den einzelnen Charakteren fehlen merklich differenziertere, für eine Operette nicht unwichtige Zwischentöne.

Das ganze Konzept, die Geschichte der „Csárdásfürstin“ von einem dazuerfundenen Ende her zu erzählen, ist fatal. Das erforderliche Hin- und Herblenden zwischen den Zeitebenen lässt die Einheit der Operettenhandlung in einzelne Szenen und Gesänge zerfallen. Ihre Moderation erzwingt entschleunigende Momente, die verhindern, dass die Handlung mit ihrer dazugehörigen Musik den Sog entfalten können, der eigentlich kaum zu vermeiden ist. Wenn dann noch bei den ausgelassensten Szenen oder dem fürstlichen, von Tomasz Zwoniak sinnfällig choreographierten Verlobungsball noch immer die Krankenbetten herumstehen, in denen diskret gestorben wird, legt sich ein Trauerrand um die gesamte Operette, gegen den das Ensemble so tapfer wie vergeblich ansingt.

Auch Stefan Veselka am Pult des Sinfonieorchesters Münster kann als Opfer des Regiekonzepts angesehen werden. Es unterbricht den Melodienfluss immer wieder, unterstützt die einzelnen Lieder nicht zwingend durch das Bühnengeschehen und lässt es somit nicht zur vollen Wirkung kommen.

Der Gewinn, dass die grauenvolle Zeitgeschichte in das Stück hineingeholt wird, ist relativ bescheiden; dass die Werteordnung, die von den adeligen Kreisen vertreten wird, schon zerbrochen ist, enthält die Operette bereits überdeutlich. Dass der Krieg diesen Befund amtlich gemacht hat, ist oberlehrerhafte Verdeutlichung, auf die verzichten kann, wem es um die Operette und nicht um die Ausstellung von gutmenschlicher Gesinnung zu tun ist.

Die Csárdásfürstin am Theater Münster: Weitere Vorstellungen 19.12.; 31.12.2017; 18.1.; 24.1.; 26.1.; 30.1.; 9.2.; 4.3.; 18.3.2018

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Gießen, Stadttheater, Ein Herbstmanöver von Emmerich Kálmán, IOCO Kritik, 22.11.2017

November 23, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Operette, Stadttheater Giessen

Stadttheater Giessen

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Ein Herbstmanöver  von  Emmerich Kálmán

„DAS SCHWIERGISTE ALLER MANÖVER: DIE LIEBE“

 Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Alles in weiß: der sich drehende Kubus, die Möbel, die Kostüme – wir sind in der Operette des Fin de Siècle gelandet, irgendwo weitab vom Schuss, aber doch mondän. Der weiße Kubus, das Palais der Baronin Riza, ist nur auf einer der Bühne zugewandten Seite offen, die anderen drei werden von asymmetrischen Öffnungen bestimmt und geben je nach Drehung verschiedene Blickwinkel ins Innere frei.

Stadttheater Giessen / Ein Herbstmanöver - hier Männer in ihrer Bestimmungen, dem Schlachtfeld und der Liebe_ Ensemble © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / Ein Herbstmanöver – hier Männer in ihrer Bestimmungen, dem Schlachtfeld und der Liebe_ Ensemble © Rolf K. Wegst

Zwei Diener unterhalten sich über die bevorstehenden Festivitäten, der eine – Bence als Großknecht eher rustikal gekleidet – alt und etwas resigniert, der andere – Kurt im Frack – jünger und eher zynisch. Dann bricht das volle Leben ein, mit tanzenden und singenden Damen – „frau“ freut sich auf die heiß erwarteten Husaren, die in ihren schmucken weißen Uniformen für Abwechslung und kleine amouröse Abenteuer sorgen werden. Noch sieht alles nach vertrauten Operettenhandlungen aus, in denen es oft feucht und fröhlich mit ein „bisserl“ Konfusion um Gefühle und Stimmungen, aber doch irgendwie trunken von Glückseligkeit zugeht. Ablenkungsmanöver? Oder doch eher eine intelligente Art den Zuschauer in Sicherheit zu wiegen, denn diese scheinbar unerschütterliche Welt zeigt erste Risse. Nicht jeder hat seinen Platz im Palais, es gibt auch diejenigen, die draußen bleiben müssen oder wollen. Für den einen – Reserve-Kadett-Feldwebel Wallerstein als einziger nicht in weißer Uniform –, der ungebeten, aber dafür um so ungenierter darin aufgeht und ein Erweckungserlebnis erfährt, wird es zur Freude des Publikums zum komödiantischen Schaulaufen; für den anderen – Oberleutnant von Lörenthy zur Herzensprüfung und Vergangenheitsbewältigung.

Nur kurz wird die Endlichkeit dieser dem Untergang geweihten Welt angedeutet, denn die Männer in Uniformen finden nicht nur auf dem „Schlachtfeld“ der Liebe ihre Bestimmung: Das Elend des ersten Weltkriegs wird fast beiläufig auf die eine Seite des Hauses projiziert – jeder kennt die Bilder und sie liegen gerade hundert Jahre hinter uns. Für die Protagonisten – Baronin Riza von Marbach und Oberstleutnant von Lörenthy – sind die gegenseitigen Verletzungen indes nicht vernarbt, sie misstrauen einander und können nicht verzeihen. Dieses ehemalige Liebespaar – von Christiane Boesiger und Grga Peroš einfühlsam gespielt – hat zwar gemeinsame Momente, doch sie finden nicht zueinander; nur Bence, Rainer Domke verleiht ihm Größe und Würde, erkennt in Lörenthy den jungen Herrn, der einst aus dem Palais vertrieben wurde. Das andere Liebespaar, das noch keines ist, Treszka und Marosi, steht für das ungestüme Temperament der Jugend, für die (noch) fröhliche Verwicklung der Gefühle, die uns schon ahnen lassen, dass alles gut ausgehen wird. Baronin Riza lädt zum Fest ein und alle kommen – außer Lörenthy, der in seiner zurückgenommen Haltung auch überhaupt nicht in diese selige Operettenwelt zu passen scheint. Wir staunen über seine Melancholie und gehen leicht irritiert in die Pause.

Stadttheater Giessen / Ein Herbstmanöver - hier Christiane Boesiger als Baronin Riza von Marbach und Grga Peros als Oberstleutnant von Lörenthy © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / Ein Herbstmanöver – hier Christiane Boesiger als Baronin Riza von Marbach und Grga Peros als Oberstleutnant von Lörenthy © Rolf K. Wegst

Danach ist nichts mehr wie es war: alles in Farbe und moderner. Die durchzechte Nacht hat alle und alles kräftig durchgerüttelt, der Salon ein „Schlachtfeld“, Müdigkeit und Desillusionierung machen sich breit und das obwohl oder trotz der bunten Welt.

Nach durchzechter Nacht:  Was ist passiert?

Wallerstein wird seine Zuneigung zum eigenen Geschlecht entdecken – Tomi Wendt spielt ihn hinreißend an Groucho Marx (natürlich mit Brille!) erinnernd; dass er in der turbulenten Nacht die Hosen verlieren wird, passt zum „Coming-out“. Zu diesem hat ausgerechnet der „zynische“ Kurt, von Rainer Hustedt köstlich herablassend und doch selbstironisch angelegt, beigetragen.

Grabstätte Emmerich Kálmán © IOCO

Grabstätte Emmerich Kálmán © IOCO

Treszka, sehr präsent und quirlig von Marie Seidler dargestellt, muss enttäuscht zur Kenntnis nehmen, dass Lörenthy nichts von ihr will, auch wenn ihr er aus lauter Trotz, einen Heiratsantrag macht. Diesem Trotz geht ein tänzerischer Ausbruch, der auch das Publikum überrascht, voraus: Mucksmäuschen still ist der Zuschauerraum, als er wutentbrannt einen beeindruckenden Csárdás hinlegt. Einfach genial komponiert von Kálmán, denn er spielt mit dem Genre: die Wut wird nicht hinausgesungen, sondern in einen – eigentlich freudig-temperamentvollen – Tanz verlagert. Ja, Operette kann auch wehtun, wenn es um wahrhaftige Gefühle geht. Und die vulkanartige Gefühlsexplosion nimmt man Grga Peroš voller Staunen ob des tänzerischen Ausdrucks ab. An dieser Stelle sollte auch der Choreograph erwähnt werden: Leo Mujic, gebürtiger Belgrader, der vielleicht nicht ganz zufällig wie auch der Regisseur aus dem ehemaligen k.u.k.-Gebiet stammt. Es gelingt ihm, die Tänze nicht nur schön aussehen, sondern sie ebenfalls zu einem wichtigen Handlungsmoment werden zu lassen.

Und die Liebe? Treszka nimmt endlich „ihren“ für sie vorbestimmten Marosi, den Clemens Kerschbaumer wunderbar als hoffnungslos verliebten, von ihr lange Zeit geschmähten, Jüngling zeigt. Auch das eigentliche Paar, Riza und Lörenthy, kann sich endlich zu seiner Liebe bekennen. Kálmáns Meisterschaft zeigt sich hier erneut: Erst zum Schluss gönnt er ihnen ein Duett, in das alle Liebe und Liebesschmerz der Welt hineingefunden hat – und uns glückselig nach Hause entlässt.

Stadttheater Giessen / Ein Herbstmanöver - hier Männer in ihrer Bestimmungen, dem Schlachtfeld und der Liebe, Ensemble © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / Ein Herbstmanöver – hier Männer in ihrer Bestimmungen, dem Schlachtfeld und der Liebe, Ensemble © Rolf K. Wegst

Für die Bühne und Kostüme zeichnet Lukas Noll verantwortlich, der den Spagat oder besser die Auflösung von Operettenklischee und Moderne hervorragend meisterte: im Alten steckt das Neue. Wie er – schon erwähnt – mittels Farbe und veränderten Kostümen vom ersten zum zweiten Teil auch den Gemütszustand der Figuren exemplifiziert ist beeindruckend. Balász Kovalik, der Regisseur, hat daraus eine herrlich doppelbödige, witzige und voller Anspielungen gespickte Inszenierung auf die Bühne gebracht, mit viel Liebe zum Detail und zu den einzelnen Figuren – ohne je dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren. GMD Michael Hofstetter ist ein exzellenter Begleiter dieser spritzigen Inszenierung, findet für jede Gefühlslage der Protagonisten eine eigene musikalische Sprache. Und so gelingt ihm und dem Philharmonischen Orchester Gießen insbesondere bei den leisen und elegischen Momenten beeindruckendes und unterstreicht damit das Tiefgründige dieser Operette. Der Chor (Chorleitung: Jan Hoffmann) singt, tanzt und zeigt unglaublich herrlichen Spielwitz. Die humoristisch bis nachdenklich ergänzenden Gesangstexte schrieb der Dramaturg Matthias Kauffmann.

Weitere Mitwirkende sind: Weitere Mitwirkende sind: Harald Pfeiffer (von Lohonnay, Treszkas Vater), Aleksey Ivanov (von Emmerich), Shawn Mlynek (Elekes) und Paul Przybylksi (Herr Nelke). Die Damen der Gesellschaft werden dargestellt von: Natascha Jung, Eun-Mi Suk, Antje Tiné, Olga Vogt, Michaela Wehrum und Sora Winkler. Den ungarischen Geiger gibt Robert Varady, der ein herrliches Geigensolo vorführte – was bei einer echten ungarischen Operette natürlich nicht fehlen darf. Großer Applaus.

—| IOCO Kritik Stadttheater Giessen |—

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