Kiel, Theater Kiel, Die Stumme von Portici – Daniel Auber, IOCO Kritik, 09.06.2019

Juni 8, 2019 by  
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Theater Kiel

Opernhaus Kiel / Blick über den Rathausplatz © VollwertBIT

Opernhaus Kiel / Blick über den Rathausplatz © VollwertBIT

 LA MUETTE DE PORTICI – Daniel Esprit Auber

– Revolution mit Unterhaltungswert –

von Hartmut Kühnel

Eine Stumme als Titelrolle einer Oper ist eigentlich ein Widerspruch in sich, aber in der Grand Opéra war vieles möglich, Hauptsache, es war neu und ungewöhnlich und befriedigte damit das steigende Unterhaltungsbedürfnis des in Frankreich entstehenden Bürgertums. Neu war allerdings auch der – wenn auch im historischen Gewand verpackte – immanent politische inhaltliche Ansatz vieler Werke, mit dem diese sehr französische (und eigentlich speziell auf die Möglichkeiten der Pariser Oper zugeschnittene) Form eben doch trotz allen zunehmenden Bombastes sehr nah am realen Puls ihrer Zeit war.


Die Stumme von Portici – Daniel-Francois-Esprit Auber 
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Die Stumme von Portici, LA MUETTE DE PORTICI, 1828 uraufgeführte Oper von Daniel-Francois-Esprit Auber (1782-1871) gilt heute zumeist als die erste ihrer Gattung. Das ist zwar nicht ganz korrekt, doch es war auf alle Fälle der erste ganz große Kassenschlager, allein in Paris wurde 1880 die 500. Aufführung gefeiert. Auch in Deutschland verbreitete sich das Stück nach der schon im Oktober 1928 erfolgten Erstaufführung am Theater Rudolstadt schnell; und mit der Brüsseler Erstaufführung am 25. August 1830, nach der ein emotional aufgebrachtes (vermutlich im Vorfeld mit den „richtigen“ Leuten durchsetztes) Publikum den Justizpalast stürmte und den Abfall Belgiens von den Niederlanden einleitete, hatte sich das Werk auch in die außermusikalischen Geschichtsbücher eingetragen.

Jacques Halévy © IOCO

Jacques Halévy © IOCO

Von den deutschen Spielplänen hatte sich die gesamte Grand Opéra mit dem 1. Weltkrieg gründlich verabschiedet. Inzwischen ist das Interesse wieder erwacht, doch haben Meyerbeer und Halevys La Juive der Oper Aubers den Rang abgelaufen. Das mag durchaus musikalische Gründe haben, denn vieles ist zweifellos gekonnte, aber eben doch Konfektionsware aus der Tradition der Opéra comique heraus, leicht, gefällig und unterhaltsam, aber über größere Strecken für die Dramatik der Handlung für heutige Ohren zu leichtgewichtig. Vor allem das Brautpaar Alphonse und Elvire verbleibt weitgehend unverbindlicher Virtuosität verhaftet, während das revolutionäre Volk die zwar „einfacheren“ aber eingängigeren und damit letztlich wirkungsvolleren Momente hat. Inwieweit Auber auf diese Weise ganz bewusst eine musikalische „Klassengesellschaft“ darstellen wollte, wäre eine nicht uninteressante Frage.

Im Ohr haften bleiben auf jeden Fall Masaniellos Barcarole und Berceuse, Pietros Trinklied zu Beginn des 5. Aktes und einige Chorpassagen. Musikalischer Höhepunkt für mich war aber das beide politischen Seiten vereinende Quartett mit Chor und konzertierendem Solohorn, in dem gerade auch im Orchester die Tür aufgestoßen wird zu einer Welt, in der schon zwei Jahre später Hector Berlioz mit seiner Symphonie fantastique die überkommenen Klang- und Instrumentationsregeln gehörig durcheinanderwirbeln sollte.

Theater Kiel / Die Stumme von Portici - hier :  Fenella © Olaf Struck

Theater Kiel / Die Stumme von Portici – hier : Fenella © Olaf Struck

Die Handlung basiert auf einem von Masaniello (eigentlich Tommaso Aniello d’Amalfi) im Jahre 1647 angeführten Volksaufstand gegen die spanische Herrschaft in Neapel, der zunächst Erfolg hatte und Masaniello für ganze 10 Tage an die Macht brachte. Die anscheinend einsetzenden Zeichen geistiger Verwirrung, die als Strafe Gottes angesehen wurden, machten es dem spanischen Vizekonig jedoch leicht, ihn festnehmen und ermorden zu lassen. Der historische Masaniello wird nicht als unmenschlicher Brutalo-Revoluzzer dargestellt, da er aber auch Todesurteile verhängte und diese sofort vollstrecken ließ, dürfte er nicht ganz so opernmäßig triefend edelmütig gewesen sein wie Aubers Held, der deswegen von den eigenen Leuten als Verräter angesehen und vergiftet wird. Die sich bei Auber während – und vor – der Revolution abspielenden privaten Wirrungen sind ebenso Erfindung des Komponisten und seines von Beginn an fast die gesamte Epoche der Pariser Grand Opéra dominierenden Librettisten Eugène Scribe (1791-1861) wie der finale Ausbruch des Vesuv.

Leider konnte mich die szenische Seite nicht überzeugen. Die aus der katalanischen Theatergruppe La Fura dels Baus hervorgegangene VALENTINA CARRASCO schenkte sich – und dem Etat des Theaters – zwar klugerweise den Ausstattungsschinken, blieb mit ihrer auf zwei Ebenen angesiedelten Erzählform aber irgendwo im Niemandsland hängen. Als Einheitsbühnenbild (JUSTIN ARLENTI) dienen wenige Kulissen im Hintergrund, die den Marktplatz in Neapel andeuten, für den Fischerort reicht ein malerisch über der Bühne drapiertes Netz, alles andere funktioniert über Lichtwechsel und Videos auf der Rückwand; soweit, so gut. Die Kostüme von ELENA CICORELLA könnten vom Ende des vorletzten Jahrhunderts sein, weiß für die Spanier, blau-rötlich fürs Volk (was zusammen ungefähr die Farben der französischen Trikolore ergibt). Herrschende und Volk benehmen sich zu Beginn, wie das Choristen in einer konventionellen Inszenierung halt so tun; allerdings wird das Volk teilweise auch behandelt, als seien es irgendwelche Exoten und nicht die täglichen Fischer und Markthändler. Die vor den Häschern des Vizekönigs flüchtende Fenella, die stumme Schwester Masaniellos, wird von einer Farbigen dargestellt; ein Zufall, weil sie im Rahmen eines internationalen Ensembles einfach eine gute Schauspielerin ist? DAYAN KODUA bringt die Ängste der von Alphonse verführten und später verlassenen jedenfalls mit größtmöglicher Intensität über die Rampe. Oder ist es Absicht, um das Außenseitertum der Stummen gegenüber ALLEN singenden Personen innerhalb einer Oper hervorzuheben? Oder steckt doch mehr dahinter? Im späteren Verlauf der Oper wird sie von schwarz gekleideten Figuren mit Masken statt Gesichtern begleitet bzw. bedrängt werden, sobald sie allein ist. Und vor dem vierten Akt gibt es zwei Minuten ohne Musik bei denen zu Videos von gewaltsamen Aufständen in Afrika Menschen sich gegenseitig über die Bühne hetzen und töten und Fenella in panischer Angst vor Autoreifen flieht, Hinweis auf die in Südafrika angewendete Lynchjustiz des „Necklacing“, bei der dem Opfer ein mit Benzin gefüllter Reifen um den Hals gelegt und angezündet wurde..

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Die Aufklärung hatte ich vor der Vorstellung in der Einführung bekommen! Selbst das Programmheft lässt den Fragenden da nämlich im Regen stehen! Die Besetzung sei ganz bewusst geschehen, weil man die Parallelität der Ablösung von Gewaltherrschaft durch eine Revolution, die genauso zur Gewaltherrschaft führt am Beispiel der afrikanischen Freiheitsbewegungen gegen die Kolonialmächte habe aufzeigen wollen.

Leider war der Abend ansonsten von einer derart altbackenen Gestik geprägt, dass man aus dem Staunen nicht heraus kam. Da wurden die Hände gerungen, der Chor stand häufig genug im Halbkreis herum oder musste – als feierndes Volk – natürlich sturzbetrunken sein. Fast nichts entwickelte sich logisch; Soldaten, die eben noch drei Kerle locker beiseite gedrängt hatten, wurden nach dem Umschlagen der Stimmung von einer einzelnen Frau am Schlafittchen gepackt und auf die Knie gezwungen. Das Herunterlassen des Fischernetzes von der Decke diente einzig um darin heraufklettern, lauter Einfälle des Augenblicks ohne erkennbare Linie, was sich auch in mangelnder Charakterisierung der Protagonisten niederschlug, wobei Fenella allerdings eine Ausnahme bildete – aber die gehörte ja auch sozusagen in die Parallelgeschichte… Bei einer konsequenten, gut gearbeiteten Verbindung beider Ebenen hätte das ziemlich spannend werden können, so aber blieb der schale Nachgeschmack der Verbrämung von schlechtem Handwerk durch eine „Botschaft“.

Wirklich schade, denn die musikalische Seite hatte es – in positivem Sinne – in sich. STEFAN BONE, ursprünglich musikalischer Assistent und Studienleiter der Produktion, dirigierte das Stück zum ersten Mal selbst. Da stand einer, der wusste wann Sänger atmen müssen (als ehemaliger Korrepetitor hat er das Handwerk von der Pike auf erlernt) und der gleichzeitig das Orchester zu höchst animiertem Spiel antrieb, flott in den Tempi aber auch mit der nötigen Ruhe wo es angebracht war; wunderbar.

Die in der Grand Opéra stilistisch unverzichbaren Ballettmusiken werden auf deutschen Bühnen gerne gestrichen, was hier erfreulicherweise nicht geschehen war. MASSIMILIANO VOLPINI hatte seine Choreographie soweit als irgendwie möglich in das Handlungsgeschehen integriert. Wie gut das Kieler Ballett diese umgesetzt hat kann ich als aktiver Nichttänzer nicht beurteilen. Gut auch der von LAM TRAN DINH einstudierte Opern- und Extrachor, präzise und homogen. Einzig das Französisch wäre zweifellos verbesserungsfähig gewesen.

Die Partie des Masaniello ist für den damals erst 26-jährigen Adolphe Nourrit (1802-1839) geschrieben, den wichtigsten Tenor der Pariser Oper, der sowohl die vier Pariser Opern Rossini (Le Siège de Corinthe, Moise et Pharaon, Le Comte Ory, Guilleaume Tell) als auch Halevy’s La Juive und von Meyerbeer Robert le Diable und Les Huguenots uraufführte. Wenn man sich die stimmlichen Anforderungen dieser Rollen anschaut, die nach heutigem Verständnis vielfach eine Art lyrisch-dramatischen Helden-Koloraturtenor verlangen, dann kann man über die offenbar vorhandenen Fähigkeiten des Sängers nur staunen.

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Theater Kiel / Die Stumme von Portici © Olaf Struck

Jedes Haus kann sich also glücklich schätzen, wenn es einen Tenor hat, der den Schwierigkeiten gewachsen ist, und Kiel hatte mit ANTON ROSITSKIY einen solchen. Die Barcarole zu Beginn des 2. Aktes kam noch ein bisschen schmalspurig über die Rampe, danach gewann das Organ schnell an dramatischer Kraft ohne an Beweglichkeit zu verlieren. Die Höhe kam mühelos, ein sicherer C-Sänger, aber kein „Knaller“ sondern auch ein guter Musiker und offenbar begnadeter Techniker, denn mit der durchgehend pianissimo gesungenen Berceuse im 4. Akt wurde Kiel für 5 Minuten plötzlich zur großen Weltbühne alten Zuschnitts, eine derartig traumhafte Voix mixte habe ich meiner Erinnerung nach in fast 50 Jahren „Opernkarriere“ nicht gehört.

Daneben zu bestehen ist schwierig, doch man tat es aller Ehren wert. CÉSAR CORTÉS besaß für den Alphonse den nötigen leichten, hoch liegenden Tenor, dem nicht nur die vielen schnellen Läufe sondern auch die Spitzentöne leicht von der Hand gingen und HYE JUNG LEE konnte als seine Braut Elvire dazu noch mit einiger Attacke aufwarten, bei der diverse Höhen dann allerdings doch etwas scharf gerieten. Das mir das Timbre als solches nicht liegt, ist mein persönliches Pech.

TOMOHIRO TAKADA, der als Berufsrevolutionär Pietro den Brunnenvergifter geben musste, hatte mit dem Freiheits-Duett im 2. Akt (das 1830 in Brüssel bereits zu ersten Publikumsreaktionen geführt hatte) und dem Trinklied im 5. Akt nur zweimal Gelegenheit auf sich aufmerksam zu machen, tat dies jedoch mit Nachdruck, wobei das Trinklied mehr nach Donizetti oder frühem Verdi als nach französischer Eleganz klang, aber es hatte Schwung und das lang gehaltene hohe G am Schluß füllte den Raum.

Am Ende verließ ich das Haus szenisch veritabel gelangweilt, vom Werk nicht so ganz aber von der musikalischen Seite sehr überzeugt.

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Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Erdbeben.Träume – Toshio Hosokawa, IOCO Kritik, 08.08.2018

Juli 8, 2018 by  
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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

 ERDBEBEN.TRÄUME  – Uraufführung

Oper – Toshio Hosokawa, Libretto – Büchner- und Kleist-Preisträger Marcel Beyer, nach Heinrich von Kleists Novelle   Das Erdbeben in Chili

Von Peter Schlang

Wer die sieben Jahre Intendanz Jossi Wielers an der Stuttgarter Staatsoper aufmerksam verfolgt hat, durfte wenig erstaunt gewesen sein, dass sich der zusammen mit seinem langjährigen Regiepartner Sergio Morabito auch Regie führenden Opernchef 2018 nicht mit einem der gängigen Kassenschlager von seinem Amt und dem in sieben starken Jahren von seinem sensibel und wählerisch erzogenen Opernpublikum verabschieden wollte.

– Die Macht von Bildern und Musik, aber auch der Demagogen –

Stattdessen forderte das anspruchsvolle wie erfahrene Regie-Duo die Stuttgarter Musikfreunde – und die Opernwelt – mit einer mit Spannung erwarteten Uraufführung, welche Folge und Gegenstand eines Werkauftrages der Stuttgarter Oper an ein höchst prominentes Autorengespann war: Der aktuell  wohl berühmteste japanische Komponist Toshio Hosokawa lieferte für Erdbeben.Träume die Musik, für welche der Büchner- und Kleist-Preisträger Marcel Beyer auf der Basis von Heinrich von Kleists, 1807 bzw. 1810 erschienener Novelle Das Erdbeben in Chili, die wiederum implizit auf das für das vor-industrielle Europa zum Unglücks-Topos gewordene Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 verweist, ein stark lyrisch geprägtes, wortmächtiges, höchst zeitbezogenes und in sich schon fast musikalisches Libretto verfasst hat.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier: Schiko Hara als Philipp © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier: Schiko Hara als Philipp © A.T. Schaefer

Der Titel Erdbeben.Träume erklärt sich u. a. damit, dass das Autorenduo die Handlung der Kleist‘schen Novelle nicht eins zu eins und damit chronologisch auf die Bühne stellt, sondern von deren Ende her erzählt. Zudem fügen Komponist und Librettist als Erzählmedium die stumme Rolle des wie bei Kleist vor einem aufgehetzten und aufgebrachten Mob geretteten Sohnes des von eben dieser Volksmenge gelynchten Elternpaares Josephe und Jeronimo ein.

Dieser inzwischen achtjährige Philipp verlangt von seinen Adoptiv-Eltern Elvire und Fernando Auskunft über seine Herkunft und das Schicksal seiner leiblichen Eltern. Die so entstehende Schilderung bzw. Aufklärung erlebt Philipp nun in seinen Träumen quasi nach, wobei der so informierte Junge das neu Erfahrene unermüdlich kommentiert, erläutert, bricht und spiegelt.  Die phantastische japanische, am Schauspielhaus Hamburg engagierte Schauspielerin Sachiko Hara übernimmt dies mit nie nachlassender körperlicher und mimischer Präsenz und in einer Eindrücklichkeit und Dichte,  dass das Premierenpublikum wie gebannt dieser  „Life-Handlung im Rückblick“ auf der Opernbühne folgt.

Dieser phänomenale, wie andere Stilmittel dieser Oper aus dem traditionellen japanischen No-Theater entlehnte Rollenkniff entpuppt sich nicht nur als mitreißendes dramaturgisches Element, sondern verstärkt sowohl die literarische als auch die musikalische Vorlage in einer unter die Haut gehenden, ja fast bedrohlichen Weise und rückt die Aufführung in die Nähe des Dokumentarischen. Mitunter wird daraus gar beinahe ein realer, äußerst medientauglicher Plot, der die Dimensionen und Folgen dieses gesellschaftlichen (Erd-)Bebens so drastisch schildert, dass man versucht ist, dem zweiten Teil des Operntitels die Vorsilbe „Alb“ voranzustellen.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier: Sachiko Hara als Philipp, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Josefin Feiler als Constanze, Ensemble © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier: Sachiko Hara als Philipp, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Josefin Feiler als Constanze, Ensemble © A.T. Schaefer

Der 1955 im damals noch viel stärker atomar verseuchten Hiroshima geborene  Toshio Hosokawa und der erfahrene Gegenwarts-Chronist Marcel Beyer belassen es jedoch nicht bei einer sanften thematischen und dramaturgischen Anpassung des Kleist‘schen Novellenstoffes an die Gegenwart, sondern arbeiten ganz bewusst starke Aktualitätsbezüge wie die durch den Tsunami 2011 ausgelöste Atomkatastrophe von Fukushima, nationalistische und populistische Ausgrenzungs- und Verurteilungsversuche in vielen Ländern der Erde oder gar die jüngeren Völkermord-Szenarien in Ruanda, Bosnien-Herzegowina oder Myanmar in ihre Handlung ein. Und am Premierenabend stellte sich beim Rezensenten zusätzlich ein ganz flaues Gefühl in der Magengegend ein,  wenn er an die zur selben Zeit laufenden aberwitzigen Versuche bayrischer Provinzfürsten dachte, bei uns Schutz und Hilfe suchende Flüchtlinge zu kriminalisieren und genau solch demagogisch-populistischen Kleinst-Gehirnen auszuliefern, deren krankes Gedankengut sich eben auf der Opernbühne so realitätsnah ausbreiten und Hilflose zum Opfer machen durfte. Damit lassen uns die  Schöpfer von Erdbeben.Träume in einen Spiegel schauen, in dem wir alle Urängste und Albträume der Menschen entdecken. Es ist ein Spiegel, in dem die zerstörerische Ur-Gewalt der Natur ebenso sichtbar wird wie jene den Menschen innewohnende  Gewalt.  Und in einigen, allerdings sehr seltenen Stellen kann man sogar eine Spur von Hoffnung an eine der Menschheit immerhin mögliche friedliche Zukunft erkennen – auch wenn dieser Glaube bei Wieler/Morabito eher ein Fünkchen als ein Feuer zu sein scheint.

Dass dies alles so beängstigend und aufrüttelnd gelingt, ist nicht zuletzt der ungeheuer subtilen und sorgfältigen Personenzeichnung und –führung der beiden Regisseure zu verdanken, die sich hier erneut als unangefochtene Meister der Psychologisierung und Hervorhebung von Charakteren zeigen. Dies gilt nicht nur für die schon erwähnte Rolle des stumm agierenden Philipp und die der anderen Solisten, sondern auch und erst recht für die beiden die Oper entscheidend prägenden Gesangs-Kollektive. Das sind bei dieser ohne Einschränkung erstklassigen Produktion der erneut phänomenal agierende und sich für eine weitere Auszeichnung als Chor des Jahres empfehlende Staatsopernchor und der nicht minder überzeugende, durch Mitglieder des Knabenchors Collegium Iuvenum Stuttgart verstärkte Kinderchor der Stuttgarter Oper.

Beide, von Christoph Heil phänomenal vorbereitet und geleitet, vollbringen nicht nur sängerische Glanztaten, sondern liefern auch  wieder einmal darstellerische Höchstleistungen, die – siehe oben – Furcht und Grauen unausweichlich und greifbar werden lassen. So trägt die von den jungen Sängern verkörperte „Sadistische Gang“ deutliche Züge politischer Jugendorganisationen wie etwa der nationalsozialistischen Hitlerjugend oder der 1994 in Rwanda maßgeblich am  Völkermord an den Tutsi beteiligten Miliz  „Interahamwe“ und lässt einen fast an der positiven zivilisatorischen Prägbarkeit mancher Jugendlicher zweifeln. Solche Assoziationen und  weitere aktuelle Bezüge stellen sich auch durch eine Vielzahl szenischer Zitate und Bilder ein, die wie gewohnt von den beiden Regisseuren gekonnt und subtil in ihre Inszenierung eingestreut werden. So etwa, wenn der künftige Pflegevater Fernando dem toten  Jeronimo dessen die Massaker überlebendes Kind, eben den später stummen, träumenden Philipp, aus den Armen nimmt oder  wenn nach einem pogromartigen Tumult eine einsame Kippa auf dem Boden zurückbleibt.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier : Dominic Große als Jeronimo, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Sachiko Hara als Philipp, Kinderchor der Oper Stuttgart, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier : Dominic Große als Jeronimo, Esther Dierkes als Josephe Asteron, Sachiko Hara als Philipp, Kinderchor der Oper Stuttgart, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben © A.T. Schaefer

Kongenial unterstützt werden die beiden Autoren dieses aufrüttelnden Musiktheater-Abends und die zwei Regisseure seiner Uraufführung durch die Ausstatterin Anna Viebrock, die Wieler/Morabito seit vielen Jahren eng verbunden ist und das Stuttgarter Opern-Publikum mit vielen herausragenden Arbeiten auf nicht immer alltägliche Wahrnehmungsspuren geführt hat.

In ihr aktuelles Bühnenbild hat sie einen ebenfalls aus der No-Tradition stammenden,  Hashigakari genannten Steg übernommen, über den die Schauspieler zwischen Haupt- und Nebenbühne wechseln. Er wird so zur Brücke zwischen Traum und Übernatürlichem einerseits  und Alltag und Realität andererseits. In diesem wie immer bei Viebrock äußerst wirkungs- wie eindrucksvollem Bühnenkosmos ist der Steg Teil einer vom Erdbeben verwüsteten Stadtlandschaft, die nicht nur den Orchestergraben weit überragt, sondern selbst zum szenischen-psychologischen Zitat wird und so das Seelenleben der auf und in ihr Lebenden spiegelt.  Auf dieser, sich manchmal hebenden und senkenden kalten Betonwüste leben die Protagonisten ihre zwischen Angst, Verstörung, Einsamkeit, Gewalt, Aggression  und Hass changierenden Gefühle ungehindert aus. So werden das Erdbeben und seine physischen Folgen auch zur Chiffre für die nicht zu bremsenden Kräfteverschiebungen, die auch  eine ganze Gesellschaft und deren bisherige Strukturen zum Einsturz bringen können.

Die musikalische Leitung dieser Produktion liegt in den bewährten Händen des ebenfalls seit langem eng mit dem Regie-Duo  zusammenarbeitenden und sich auch zum Ende dieser Spielzeit aus Stuttgart verabschiedenden Generalmusikdirektors Silvain Cambreling, der am Tag nach der Uraufführung seinen 70. Geburtstag feiern durfte. Ihm gebührt auch das große Verdienst, in seinen sechs Stuttgarter Jahren das Publikum nicht nur behutsam an die zeitgenössische Opernmusik herangeführt zu haben, sondern diesem zusammen mit den anderen Mitgliedern des Regieteams auch etliche unvergessliche  Ur- bzw. Erstaufführungen moderner Opern beschert zu haben. Souverän und gelassen leitet er das an diesem Abend besonders motiviert wie konzentriert agierende Staatsorchester durch die komplexe Partitur Hosokawas, die Musik von höchster Qualität, ja manchmal geradezu auf Delikatess-Niveau bereithält. Orientiert an der Naturmystik und den damit zu assoziierenden Klängen, breiten Komponist wie ausführende Musiker eine faszinierende und jederzeit verständlich-hörbare Klangwelt mit einer farbenreichen, die Situationen und Stimmungen eindrucksvoll unterstreichenden musikalischen Formensprache aus.

So vernimmt der aufmerksame Hörer nicht nur  den Wind und das durch diesen verursachte Rauschen der Bäume und des  Meeres, sondern die Musik vermittelt ihm auch einen Einblick in die (Seelen-)Zustände der Umwelt und der darin angesiedelten Menschen. Dies wird neben anderen modernen wie konventionellen Stilmitteln der Oper vor allem  durch drei längere Orchestermonologe ermöglicht, die der Komponist in sein knapp zweistündiges, ohne Pause aufzuführendes Werk einfügt und  die auf ihre je eigene Art und durch eine sehr differenzierte Klangsprache die Handlung fortführen und kommentieren und so ganz eigene Szenen und Bilder entstehen lassen.

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume - hier: Torsten Hofmann als Pedrillo, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben, Kinderchor der Oper Stuttgart, Mitglieder des Staatsopernchores © A.T. Schaefer

Staatsoper Stuttgart / Erdbeben. Träume – hier: Torsten Hofmann als Pedrillo, Benjamin Williamson als Anführer der sadistischen Knaben, Kinderchor der Oper Stuttgart, Mitglieder des Staatsopernchores © A.T. Schaefer

Die drei Sängerinnen und vier Sänger der ihnen vom Komponisten, wie weiland von Wolfgang Amadeus Mozart praktiziert, präzise auf den Leib bzw. auf die Stimme geschriebenen Rollen füllen diese nicht nur mit Bravour, sondern mit einer ungeahnten, unter die Haut gehenden Intensität aus, dass einen – wie bei der Josephe Esther Dierkes‘ der Elvire Sophie Marilleys, der Constanze Josefin Feilers, dem Jeronimo Dominic Großes und dem Fernando André Morschs – offenes Mitleid und äußerste Angst befällt. Umgekehrt steigt im empathischen Beobachter blanke Wut und tiefe Abscheu hoch, wenn er hilflos das Treiben des  von Torsten Hofmann schonungslos gesungenen und gespielten und mit einem Megaphon verstärkten Pedrillo und des von Benjamin Williamson ebenso beängstigend, ja abschreckend  dargestellten Anführers der Jugendgang betrachten muss und dabei nicht weit hergeholte Parallelen zu aktuell weltweit aktiven und Fake-News produzierenden wie diese ausschlachtenden Volksverhetzern feststellt.

Mit all diesen Anspielungen, ja mit ihrer ganzen aufrüttelnden, vorerst letzten Arbeit am Stuttgarter Opernhaus schafft es das Viergestirn Viebrock, Wieler, Morabito und Cambreling, sich in Stuttgart als Vertreter einer  Regie-Theatergeneration in lebendigster und dankbarster Erinnerung zu halten, der nichts ferner liegt, als opulente, aber blutleere Wohlfühloper zu demonstrieren. Stattdessen wird von den scheidenden Stuttgarter Operngrößen erneut der unbequeme, aber unerlässliche und durch viele gegenwärtige Tendenzen  als absolut wichtig und richtig bewiesene Versuch gewagt, die Opernbühne als politisches, mindestens aber gesellschaftskritisches Instrument  und Forum zu benutzen,  um die Zuschauer im Sinne Brechts und der Aufklärung aufzurütteln und Gesellschaft  und Welt ein klein wenig humaner zu gestalten.

Das mit viel Kultur-Prominenz besetzte, ausverkaufte Stuttgarter Opernhaus, in dem man an diesem Abend aber auch außergewöhnlich vielen jungen sowie asiatischen Besuchern begegnete, quittierte das Gesehene und Gehörte  mit großer Begeisterung und lang anhaltendem stürmischem Applaus, in den sich auch nicht die geringste Spur  von Kritik oder Ablehnung mischte.

Erdbeben.Träume an der Staatsoper Stuttgart; die weiteren Termine:  6., 11., 13., 18. und 23. Juli 2018

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—