Arlene Saunders, 1930 – 2020, eine Würdigung, IOCO Portrait, 14.05.2020

Mai 13, 2020 by  
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Arlene Saunders © Wolfgang Schmitt / Lead Technologies

Arlene Saunders © Wolfgang Schmitt / Lead Technologies

ARLENE SAUNDERS – Ein Mensch – EINE KARRIERE

5. Oktober 1930 – 17. April 2020

von Wolfgang Schmitt

In den 1960er und 70er Jahren war sie die „Primadonna assoluta“ der Hamburgischen Staatsoper während der Liebermann-Ära. Nun wurde auch Arlene Saunders ein prominentes Opfer der zur Zeit grassierenden Corona-Pandemie.

Geboren am 5. Oktober 1930 in Cleveland, Ohio, als Arlene Pearl Soszynski, entdeckte sie schon als 10jährige ihre Leidenschaft für die Oper, und so studierte sie nach der High School Gesang am dortigen Baldwin-Wallace College of Arts. Ein erstes Engagement führte sie an die National Opera Company in Raleigh, North Carolina, wo sie u.a. die Rosalinde in der Fledermaus, Donna Elvira in Don Giovanni und sogar die Titelrolle in Cole Porters Musical Kiss me Kate sang.

Bei einem Wettbewerb amerikanischer Opernsänger in New York errang sie den ersten Platz und erhielt ein Stipendium, mit dem sie nach Italien ging, wo sie ihre Gesangsstudien vervollkommnete und am Mailänder Teatro Nuovo ihr Rollendebüt als Mimi in Puccinis La Boheme geben konnte. Zurück in Amerika engagierte Julius Rudel sie an die New York City Opera, wo sie als Giorgetta in Puccinis Il Tabarro debütierte und in Partien des lyrischen Sopranfachs besetzt wurde, u.a. in Charpentiers Louise. Mit der New Yorker Metropolitan Opera ging sie auf die jährliche MET-Tour quer durch die USA und sang das Evchen in den Meistersingern und Rosalinde in der Fledermaus (alternierend mit Beverly Sills).

1963 war Rolf Liebermann, Intendant der Hamburgischen Staatsoper, auf Talentsuche in New York, Arlene Saunders sang für ihn die Arie der Magda aus Puccinis La Rondine und wurde vom Fleck weg engagiert. Hamburg wurde nun ihr Zuhause und ihr künstlerischer Lebensmittelpunkt. Mit ihrem neu erworbenen weißen Karmann-Ghia liebte sie es, die Stadt und das Hamburger Umland zu erkunden. Ihre Hamburger Debüt-Partie war die Pamina in der Zauberflöte, für die sie dann auch gleich gastweise ans Staatstheater Stuttgart engagiert wurde, auch für die Mimi luden die Stuttgarter sie sogleich ein. In Hamburg folgten Rollendebüts als Marzelline in Fidelio, Marie in Die verkaufte Braut, Liu in Turandot (mit Birgit Nilsson und James McCracken), Iphis in Jephta, Antonia in Hoffmanns Erzählungen, Fiordiligi in Cosi fan tutte, und Ann Truelove in The Rake’s Progress (die Premierenserie dirigierte Igor Strawinsky persönlich).

Arlene Saunders als Manon in Manon Lescaut 1982 © Colin Graham

Arlene Saunders als Manon in Manon Lescaut 1982 © Colin Graham

Ihr Hamburger Festvertrag ließ ihr jedoch genügend Freiraum für internationale Gastspiele, und so sang sie 1965 die Micaela in Carmen (mit Marilyn Horne, Franco Corelli und Justino Diaz) in Philadelphia, 1966 die Pamina beim Glyndebourne Festival, 1967 die Marguerite in Faust (mit Alfredo Kraus) an der San Francisco Opera, dort folgten Charpentiers Louise und Freia in Rheingold. Sie gastierte als Mimi in Florenz und an der Mailänder Scala, und gab in Toronto ihr Kanada-Debüt in Glucks Orfeo ed Eurydice. An der Wiener Staatsoper debütierte sie als Marzelline in Fidelio, sang dort auch Eva und Donna Elvira.

Mit der Deutschen Oper Berlin schloß sie einen Gastvertrag und debütierte dort als Nedda in einer Neuinszenierung des Bajazzo. In Hamburg erweiterte sie ihr Repertoire um Partien wie Tatjana in Eugen Onegin, Figaro-Gräfin, Agatheim Freischütz, um mit der Elsa in Lohengrin endgültig ins jugendlich-dramatische Sopranfach zu wechseln (in dieser Premiere sang Placido Domingo seinen ersten Lohengrin). Es folgten Neuinszenierungen von Arabella, Ariadne auf Naxos (mit dieser Produktion gastierte die Hamburgische Staatsoper auch beim Edinburgh Festival), Tannhäuser / Elisabeth (in der Regie von Harry Meyen, dem damaligen Ehemann von Romy Schneider, was dem Premierenabend einen besonderen Glamour verlieh, denn auch Magda Schneider und viele andere Größen des deutschen Films waren zugegen), Die Walküre / Sieglinde, sowie ihre erste Tosca. Die Tosca sang sie kurz darauf in Cincinnati, dort auch die Mimi. Es folgte eine Arabella-Neuproduktion in Amsterdam, und an die San Francisco Opera kehrte sie zurück als Eva für eine Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg (mit Theo Adam und James King als Partner). An der Oper in Boston debütierte sie als Natascha in der amerikanischen Erstaufführung von Prokoffievs Krieg und Frieden (inszeniert und dirigiert von Sarah Caldwell), und in Washington sang sie die Uraufführung der eigens für sie von Alberto Ginastera komponierten Oper Beatrix Cenci, mit der das J.F. Kennedy Center for the Performing Arts 1971 feierlich eröffnet wurde, diese Produktion wurde später von der New York City Opera übernommen.

Arlene Saunders als Marschallin © Seattle Opera

Arlene Saunders als Marschallin © Seattle Opera

Auch an der Hamburger Oper wirkte Arlene Saunders bereits in zwei Opern-Uraufführungen mit, in Giselher Klebes Jakobowsky und der Oberst (Marianne) – mit der die Hamburger Staatsoper eine Gastpielreise an die New Yorker MET unternahm, gemeinsam mit The Rake’s Progress -, und in Giancarlo Menottis Hilfe, Hilfe, die Globolinks (Madame Euterpova), welche auch verfilmt wurde. Weitere Opernfilme der Rolf-Liebermann-Produktionen, in denen Arlene Saunders mitwirkt, sind Figaros Hochzeit (Gräfin), Der Freischütz (Agathe), Die Meistersinger von Nürnberg (Eva), und Arabella (bei Arthaus auf DVD erhältlich). Im Dezember 1972 gab es an der Hamburger Staatsoper die Uraufführung von Paul Burkhards Oper Ein Stern geht auf aus Jaakob, in der Arlene Saunders die Maria und Vladimir Rudzak den Josef sang, diese Oper wurde fürs Fernsehen aufgezeichnet und am Weihnachtsabend ausgestrahlt. Ein weiterer Fernsehfilm ist Carl Millöckers Gasparonemit Arlene Saunders als Carlotta, Barry MacDaniel in der Titelpartie, sowie Martha Mödl und Benno Kusche (als Zenobia und Nasoni). In dieser Zeit nahm Arlene Saunders für Philips die Operetten Der Zarewitsch und Der Graf von Luxemburg auf. Bei RCA waren bereits Mendelssohns Sommernachtstraum unter Erich Leinsdorf, und Mozarts Il Re Pastore (mit Arlene Saunders als Tamiri sowie Lucia Popp, Reri Grist und Luigi Alva) erschienen.

Auch als Konzertsängerin war Arlene Saunders stets aktiv, so sang sie u.a. Beethovens Missa solemnis unter Leonard Bernstein beim Tanglewood Festival, Richard Strauss‘ Vier letzte Lieder und Franz Schrekers Lieder von Walt Whitman“ unter Erich Leinsdorf in der Berliner Philharmonie, Haydns Schöpfung unter Igor Markevitch in Monte Carlo, Beethovens Neunte in der Hamburger Musikhalle, Geoffredo Petrassis Orationes Christi unter Massimo Freccia in Berlin; auch Liederabende gab sie u.a. in Hamburg, Hannover und Oslo mit Liedern von Richard Wagner, Richard Strauss, Franz Liszt, Heitor Villa-Lobos, Silvestre Revueltas, Aaron Copland und Samuel Barber.

Die 1970er und 80er Jahre verliefen weiterhin höchst erfolgreich für Arlene Saunders: An der Hamburgischen Staatsoper folgten weitere Rollendebüts als Marschallin im Rosenkavalier, als Gräfin in Capriccio, und als Chrysothemis in Elektra. An der Opéra de Paris debütierte sie in einer Tosca-Neuinszenierung (mit Placido Domingo und Gabriel Bacquier als Partner unter der Leitung von Charles Mackerras), sang die Sieglinde in einer Neuinszenierung der Walküre in der Regie von Peter Stein, in späteren Spielzeiten dort auch die Chrysothemis / Elektra und die Marschallin. Eine besonders beachtete Produktion war die Ballett-Inszenierung von Richard Strauss‘ Vier letzte Lieder, von Maurice Béjart choreogrphiert und mit Arlene Saunders singend und agierend inmitten der Tänzerinnen und Tänzer ins Bühnengeschehen integriert. An der Seattle Opera sang sie die Marschallin in einer Neuproduktion des Rosenkavalier, diese Partie auch in Brüssel und in Stuttgart. Am Opernhaus Köln sang sie ihre erste Senta im Fliegenden Holländer sowie eine weitere Tosca-Neuinszenierung. Als Tosca war sie ebenfalls Gast am Teatro Nacional Sao Carlos in Lissabon. In Turin wirkte sie mit in einer RAI-Rundfunkproduktion von Hindemiths Cardillac (Partie der Tochter).

An die Wiener Staatsoper kehrte sie zurück als Donna Elvira und als Elsa. Es folgten Auftritte an der New Yorker Metropolitan Opera als Eva in den Meistersingern (mit Thomas Stewart und Jean Cox), und als Elsa in einer Lohengrin –Neuproduktion in Hartford (mit Karl-Walter Böhm und Mignon Dunn). Schließlich gab sie ihr Rollendebüt als Minnie in Puccinis La Fanciulla del West an der Boston Opera. Die Minnie wurde zu einer ihrer Lieblingspartien, mit der sie auch an die New York City Opera zurückkehrte und die sie 1979 ans Teatro Colón Buenos Aires (mit Placido Domingo und Gianpiero Mastromei als Partner) und schließlich 1980 ans Londoner Royal Opera House Covent Garden führte. An der English National Opera North in Leeds gastierte sie als Senta (mit Norman Bailey als Holländer) und sang dort 1982 höchst erfolgreich ihre erste Manon Lescaut. In London sang sie die Titelpartie in Richard Strauss‘ Die Liebe der Danae in einer BBC-Rundfunkproduktion unter der Leitung von Charles Mackerras, die auf CD erschienen ist. Am Grand Théatre de Genève sang sie zur Saisoneröffnung 1980-81 die Elsa im „ Lohengrin  und die Marschallin im „ Rosenkavalier. Weitere Rollendebüts gab Arlene Saunders als Nadia in der amerikanischen Erstaufführung von Michael Tippets The Ice Break in Boston, als Santuzza in Cavalleria rusticana in Buenos Aires, als Marquise in Verdis Un Giorno di Regno beim Verdi-Festival in San Diego, und als Giulietta in Les Contes d’Hoffmann an der Hamburger Staatsoper, wo sie im Rahmen ihres Gastvertrages weiterhin die Mimi, Tosca, Senta, Chrysothemis, sowie während der Weihnachtszeit stets die Gertrud in Hänsel und Gretel sang (sie war 1972 die Premieren-Gertrud).

Arlene Saunders als Senta in Leeds © Colin Graham

Arlene Saunders als Senta in Leeds © Colin Graham

Es folgten weitere interessante Engagements beim Maggio Musicale Fiorentino, Florenz, als Tannhäuser – Elisabeth (mit Wolfgang Neumann, Hermann Prey und Brenda Roberts in den anderen Hauptpartien), als Tosca am Teatro dell’Opera in Rom, als Marschallin in Neuproduktionen des Rosenkavalier in Boston, Bordeaux und Bonn sowie beim Viennese Festival in Minneapolis, und als Senta im Holländer beim Wolf Trap Festival. Ihr australisches Debüt gab sie in der Saison 1983-84 an der Oper in Sydney in ihrer Paraderolle, der Minnie in La Fanciulla del West, der Rundfunkmitschnitt dieser Premiere ist auf CD erschienen. Ihren Abschied von der internationalen Opernbühne nahm sie 1985 als Marschallin in einer Neuinszenierung des Rosenkavalier am Teatro Colón in Buenos Aires, um sich ins Privatleben zurückzuziehen, sich ihren zahlreichen Hobbies zu widmen – unter anderem der Aquarell-Malerei -, und von Hamburg nach New York umzuziehen. Dort lebte sie mit ihrem Ehemann, dem Psychologen Dr. Raymond Raskin bis zu dessen Tod 2017 in einer schönen großen Wohnung mit Blick auf den East River. Am 17. April starb Arlene Saunders, 89jährig, in einer New Yorker Seniorenresidenz. Als unvergleichliche Interpretin insbesondere von Strauss-, Wagner- und Puccini-Partien wird sie uns unvergesslich bleiben.

—| IOCO Portrait |—

 

Dortmund, Oper Dortmund, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 22.12.2019

Dezember 22, 2019 by  
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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

LOHENGRIN  –  Richard Wagner

– Ein Schwan ist kein Taxi! –

von Karin Hasenstein

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Im Foyer der Oper Dortmund wurde die Rezensentin Zeuge einer Unterhaltung zwischen zwei Damen, beide offenbar langjährige und erfahrene Opernbesucherinnen. Nachdem sie aufmerksam der Einführung durch die junge Dramaturgin gelauscht hatten, trieb einzig sie die Frage um, wie der Regisseur das denn wohl mit dem Schwan macht. Man hätte ja schon die dollsten Sachen erlebt, immer dieses Regietheater heutzutage und diese neumodischen Einfälle… still in sich hineinschmunzelnd entfernte sich die Rezensentin Richtung Zuschauerraum, um der Lösung des Rätsels zu harren.

Doch zunächst trat der Intendant der Oper Dortmund vor den Vorhang, um eine Besetzungsänderung bekanntzugeben. Für die leider sehr kurzfristig erkrankte Sängerin der Ortrud, Stéphanie Müther, konnte glücklicherweise die erfahrende Wagner-Sängerin Sabine Hogrefe einspringen. Wer sich im Opernbetrieb auch nur ein bisschen auskennt, vermag zu ermessen, was es bedeutet, am Vorstellungstag um 11 Uhr in eine unbekannte Inszenierung eingewiesen zu werden und um 15 Uhr die Vorstellung zu singen UND zu spielen! Alleine dafür gebührt Frau Hogrefe allergrößter Respekt! Dass es damit allein aber nicht getan war, dazu später mehr.

1. Akt:    Nach wenigen Takten des Vorspiels hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eines der breitesten Bühnenportale der Republik. Links im Hintergrund sehen wir einen angedeuteten Raum mit linker Wand und Hinterwand, die anderen Seiten sind offen. Der Blick in das Zimmer offenbart ein Bett, an der Wand darüber einige gerahmte Fotografien, neben dem Fenster ein Stuhl und Frisiertisch, auch darüber zwei Bilderrahmen und ein kleines Horn an einer Schnur.

In dieser sparsam ausgeleuchteten Szene sehen wir Elsa betend auf dem Bett. Sie steht auf und tritt ans Fenster und parallel dazu sehen wir in einer Projektion die Perspektive von oben, der Blick auf Elsa, die auf dem Bett liegt, aber nicht schläft. Zusätzlich wird dieses Bild nun noch herangezoomt.

Lohengrin von Richard Wagner
youtube Trailer Oper Dortmund
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Im Vordergrund bis in die Tiefe der Bühne ziehen sich Stoppeln wie von Stroh oder Schilf. Es sind keine Felder, eher Reihen, und sie erinnern ein wenig an das Bühnenbild des Lohengrin der Mailänder Scala mit Jonas Kaufmann (Regie Claus Guth)

Bei den Kostümen (Jessica Rockstroh) der Solisten dominiert die Farbe Schwarz. Die Männer tragen unterschiedliche Anzüge beziehungsweise Telramund einen Gehrock, der Heerrufer des Königs einen Frack und der König selbst einen Dreiteiler. Die Damen tragen lange Kleider, hochgeschlossen, elegant aber dennoch streng. Zeitlich ist der Stil um die Jahrhundertwende 19./ 20. Jahrhundert einzuordnen, eine Mode, wie sie das gehobene Bürgertum getragen hat bis hin zum einfachen Adel. Eine starke Assoziation zum Film „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ von Michael Haneke drängt sich auf.

Der Einzige, der aus dieser Kleiderordnung heraus fällt, ist Lohengrin. Er trägt eine lange schwarze Hose, dazu ein weißes Hemd, die langen Ärmel aufgekrempelt. Er hat im ersten Akt keine Jacke und ist barfuß. Damit hebt er sich deutlich von allen anderen Personen ab. Die Chordamen und -herren sind ähnlich den Solisten in schwarze lange Kleider und schwarze Anzüge gekleidet.

Das nur 75 Takte lange Vorspiel (erstmals als solches bezeichnet und nicht mehr als Ouvertüre), von GMD Gabriel Feltz ruhig und unaufgeregt angelegt, leitet über zur ersten Szene des ersten Aktes. Das Tempo ist sehr ruhig, getragen aber dennoch fließend, ja: organisch. Die achtfach geteilte Violinen sind gut durchhörbar, sehr deutlich hervorgehoben die Stimmen der Holzbläser, hier vor allem die Flöten.  Der Heerrufer tritt auf und parallel dazu sehen wir eine Videoeinblendung mit dem Text „Es war einmal…“ – so fangen viele Märchen an…

Der Chor ist im Zuschauerraum positioniert, auf den rechten und linken Rängen, und mit ihm die Trompeten. Die Bühnenmusik wurde unter anderem verstärkt durch die Trompeter der Bielefelder Philharmoniker. Was für die Trompeten kein Problem darstellt, sollte sich im Laufe des Abends für den Chor doch wiederholt als Falle herausstellen. Hier kam es leider mehrfach aufgrund mangelnder Sichtachse zum Dirigenten (oder schlicht aufgrund der Übertragungsverzögerung zum Monitor) zu Synchronizitätsproblemen zwischen Graben und Rang.

Oper Dortmund / Lohengrin - hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Oper Dortmund / Lohengrin – hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Der Heerrufer (ausdruckstark in Gesang und Spiel: Morgan Moody) richtet das Wort an die Brabanter, dabei wird der Gesang immer wieder von starren, manieriert wirkenden Gesten unterstrichen.  Nachdem die Brabanter ihrem König Heinrich die Gefolgschaft versichern (eindrücklich der Herrenchor: „Wohlauf, [mit Gott] für deutsches Reiches Ehr!“) klagt Friedrich Graf von Telramund die Tochter des Herzogs von Brabant, Elsa, des Mordes an ihrem Bruder Gottfried an („Nun führ‘ ich Klage wider Elsa von Brabant, des Brudermordes zeih‘ ich sie“).

Die nun folgende Chorstellen „Ha, schwere Schuld zeiht Telramund...“ zeigen, dass der Chor von Fabio Mancini sicher einstudiert wurde, denn vom feierlichen Piano bis zum scharfen Fortissimo bei „Nicht eh’r zur Scheide kehr‘ das Schwert, bis ihm durch Urteil Recht gewährt!“ wird die ganze Dynamik differenziert ausgenutzt.  Der Chor beginnt auch in der zweiten Szene im Piano mit „Seht hin! Sie naht, die hart Beklagte!“ und geht dann in der Dynamik noch weiter zurück ins Pianissimo bei „Träumt sie? Ist sie entrückt?“

Bei „In lichter Waffen Scheine“ sind die akustischen Effekte aus dem Rängen sehr eindrücklich und wirkungsvoll eingesetzt. Die Deklamation im Chor und das Piano des Orchesters machen diese Stelle zu einem der ersten musikalischen Glücksmomente des Abends. Dem schließt sich mit „Des Ritters will ich wahren, er soll mein Streiter sein!“ gleich der nächste an. Die junge schwedische Sopranistin Christina Nilsson gibt mit der Elsa in Dortmund ihr Rollendebüt. Das macht sie so überzeugend, dass man ihr das naive Mädchen, das von der Anklage des Telramund unvermittelt getroffen wird, ohne weiteres abkauft.

Der Regisseur Ingo Kerkhof erzählt die ganze Geschichte aus Elsas Sicht, im Grunde ist sie die zentrale Figur der Handlung. Die anderen Personen nehmen mit ihrem Handeln auf unterschiedliche Weise Einfluss auf sie, angefangen bei Telramund über den König mit dem Gottesgericht, dann Ortrud und schließlich und ganz zentral der fremde Schwanenritter, Lohengrin selbst.  Das ist nicht neu und mit dem Frageverbot als zentralem Punkt der Oper gewissermaßen werkimmanent.

Dazu passt, dass wir als einziges gestaltendes Element Elsas Zimmer auf der Bühne haben. Es gibt im zweiten Akt kein Münster oder irgendwelche anderen Orte, die Gestalt annehmen. Fast scheint es, als ob alles nur in Elsas Phantasie spielt. „In lichter Waffen Scheine ein Ritter nahte da“ oder auch „Des Ritters will ich wahren, er soll mein Streiter sein“ könnte Elsas Traumwelt entstammen. Schließlich sinkt sie im Gebet nieder „Du trugest zu ihm meine Klage, zu mir trat er auf dein Gebot: o Herr, nun meinem Ritter sage, dass er mir helf‘ in meiner Noth! Lass mich ihn seh’n, wie ich ihn sah, wie ich ihn sah sei er mir nah!“

Die nun folgende Szene hält für viele Zuschauer eine herbe Enttäuschung bereit, so wohl auch für die beiden eingangs erwähnten älteren Damen. „Welch ein seltsam Wunder! Wie? Ein Schwan? Ein Schwan zieht einen Nachen dort heran! Ein Ritter drin! Ein Ritter hoch aufgerichtet steht! Wie glänzt sein Waffenschmuck!“ Soweit das Libretto. Den Gefallen tut Kerkhof uns aber nicht. Kein Schwan, auch kein ganz kleiner, nichtmal ein Nachen, nichts dergleichen. Der Ritter ohne Rüstung, ohne Glanz und ohne Waffen kommt… zu Fuß?!

Ein Blick ins Programmheft, doch, Lohengrin. Hm. Aber ohne Schwan. Kann ja nichts draus werden. Oder doch? Ein Schwanenritter ohne Schwan? Lediglich die Gardine vor Elsas Fenster bauscht sich etwas auf, ein Lichtschein fällt hinein, das ist aber auch schon alles.

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Der fremde Ritter bedankt sich bei dem fürs Publikum unsichtbaren Schwanentaxi „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!“, worauf der Chor hier eigentlich sehr schlüssig kommentiert „Wie fasst uns selig süßes Grauen, welch holde Macht hält uns gebannt?“ Dass der Gesang an dieser Stelle etwas künstlich wirkt, passt eigentlich sehr gut zu dieser mysteriösen Erscheinung.

Alle verlassen das Zimmer, nur Elsa bleibt zurück. Erstmals richtet der fremde Ritter, den sie sich herbeigeträumt hat, das Wort an sie: „So sprich denn, Elsa von Brabant! Wenn ich zum Streiter dir ernannt, willst du wohl ohne Bang‘ und Grau’n dich meinem Schutze anvertrau’n? (…) Wenn ich im Kampfe für dich siege, willst du, dass ich dein Gatte sei?“ Ohne zu überlegen, bestätigt Elsa das: „Wie ich zu deinen Füßen liege, geb‘ ich dir Leib und Seele frei.“

Bei Lohengrins Frage geht das Licht aus und als er seine Forderung stellt „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam‘ und Art!“ verschwindet Elsas Zimmer ganz langsam aus dem Blick der Zuschauer in die schwarzen Tiefen der Hinterbühne. Damit hat Elsa jede Verbindung zu ihrer alten Welt gekappt, jeden Bezugspunkt verloren. Alle anderen handelnden Personen sind schon lange und beinahe unbemerkt abgegangen, sie ist mit Lohengrin alleine auf der leeren Bühne, der Chor kommentiert einer griechischen Tragödie gleich das Schicksal, das hier gerade besiegelt wird.

Elsa hat also den Ritter aus ihrem Traum gefunden und dieser ist tatsächlich bereit, für sie zu streiten. Immerhin stellt sie ihm die Krone in ihres Vaters Reich in Aussicht inklusive ihrer selbst. Im nun folgenden Kampf des Gottesgerichts tritt Lohengrin gegen seinen Herausforderer Telramund an und siegt seinem Auftrag und seiner Bestimmung gemäß. „Durch Gottes Sieg ist jetzt dein Leben mein: ich schenk‘ es dir, mögst du der Reu‘ es wei’hn!“

Während der Kampfszene sehen wir auf einer Gaze, die vor die Szene gesenkt wird, zunächst die Projektion einer Textstelle aus dem Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“ der Gebrüder Grimm.

Man muss nicht erst bei Eugen Drewermann nachlesen, um die Bedeutung hinter der Psychologie dieses Märchens und die Analogie zwischen Elsa und dem Schwesterchen aus dem Märchen herzustellen. Im Märchen geht es um ein Entwicklungsdrama, wie auch in Wagners Opernlibretto. Die Hauptperson ist das Schwesterchen, in der Oper ist es in dieser Deutung von Kerkhof die Elsa. Es geht um die gefahrvolle Reifung eines Mädchens zur erwachsenen liebenden Frau. Das Brüderchen wird zu einem Teil der Seele des Mädchens, welche die unstillbare Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit verkörpert. Elsa wird Lohengrin zur Frau versprochen, so werden die Beiden ein Teil.

Oper Dortmund / Lohengrin - hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Oper Dortmund / Lohengrin – hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Dass es im Brautgemach nicht zur tatsächlichen Vereinigung kommt, ist dabei nicht mehr wichtig. Elsa sieht Lohengrin als „mein Schirm, mein Engel, mein Erlöser!“ worauf Lohengrin bekennt „Elsa, ich liebe dich!“ Der vom Gral gesandte Ritter verliebt sich stehenden Fußes in eine ihm unbekannte junge Frau. Das gibt es doch eigentlich auch nur im Märchen – oder in der Oper.

In der Videosequenz sehen wir Brüderchen und Schwesterchen (die junge Elsa und den kleinen Gottfried) am Tisch sitzen und Suppe löffeln. Plötzlich fischt der Junge einen Gegenstand aus der Suppe, bei genauem Hinsehen entpuppt sich dieser als ein Federball. Die Kinder werfen sich den Federball zu, albern herum.  Währenddessen sitzt die reale Elsa auf der Bühne am Tisch – allein. Denn der Bruder ist ja verschwunden.

Das Mädchen Elsa wächst gespalten auf. Es fehlt die Vaterfigur, in Ortrud erfährt die Heranwachsende nur Abneigung. Elsa versucht ängstlich, das schwesternhafte Ich zu bewahren, gleichzeitig aber drängt das pubertierende Mädchen wie ein junges Tier ins Freie und will (im Märchen) in ihrer neuen Rehgestalt gejagt und gezähmt werden. Aber wie kann ihr nun Erlösung zuteil werden?  Die Antwort liegt nahe: in Gestalt des Schwanenritters aus ihrem Traum. Der hat nun ganz real den Ankläger geschlagen und damit den Gotteskampf für sich entschieden.

Diese Schlüsselszene hat Wagner, nebenbei bemerkt, in ein ausgesprochen kunstvolles Quintett verpackt und noch dazu mit einem Chor unterlegt. Man sollte sich wirklich einmal die Mühe machen und alle fünf Solostimmen einzeln im Libretto verfolgen. Wie dieses Ensemble gebaut ist, erinnert sehr an die Soloquintette aus Mozarts Opern.

Als der Chor singt „Des Reinen Arm gib Heldenkraft“ wird im Video überblendet und aus den Kindern am Tisch werden die Erwachsenen. Aus Brüderchen und Schwesterchen werden Lohengrin und Elsa.

Der Damenchor singt „Mein Herr und Gott! Du kündest nun dein wahr‘ Gericht, (…) mein Herr, mein Herr, drum zag‘ ich nicht!“  Lohengrin stellt fest „Durch Gottes Sieg ist nun dein Leben mein: ich schenk‘ es dir, mögst du der Reu‘ es weih’n!

Der König und der Herrenchor beschließen mit „Ertöne, ertöne, Siegesweise, dem Helden laut zum Preise! Heil deiner Fahrt, Heil deinem Kommen…!“   Elsa und Lohengrin küssen sich, der Vorhang fällt.

 Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

2.  AKT:   Nach dem kurzen Vorspiel befinden wir uns wieder in Elsas Zimmer. Das Licht ist stark gedämpft. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir die Gestalt auf Elsas Bett, es ist Ortrud, die eine postkoitale Zigarette raucht. Telramund kleidet sich wieder an, wobei er Ortrud auffordert „Erhebe dich, Genossin meiner Schmach! Der junge Tag darf hier uns nicht mehr seh’n!“ worauf Ortrud erwidert „Ich kann nicht fort: hieher bin ich gebannt. Aus diesem Glanz des Festes unsrer Feinde lass‘ saugen mich ein furchtbar tödtlich Gift, das unsre Schmach und ihre Freuden ende!“

Telramund fällt erneut über sie her „Du fürchterliches Weib! Was bannt mich noch in deine Nähe? Warum lass ich dich nicht allein und fliehe fort, dahin, dahin, wo mein Gewissen Ruhe wieder fänd!“  Darin liegt Telramunds Schicksal, zuerst unterliegt er dem fremden Ritter im Kampf, jetzt ist er nicht einmal in der Lage, seine Frau zu verlassen.

Joachim Goltz versteht es meisterlich, die tiefe Verzweiflung Telramunds zu verdeutlichen. Sein  „Durch dich musst‘ ich verlieren mein‘ Ehr‘, all meinen Ruhm, nie soll mich Lob mehr zieren, Schmach ist mein Heldenthum! Die Acht ist mir gesprochen, zertrümmert liegt mein Schwert, mein Wappen ward zerbrochen, verflucht mein Vaterheerd! … Mein Ehr‘, mein Ehr‘ hab ich verloren, mein Ehr‘, mein Ehr‘ ist hin!“ gelingt eindrucksvoll und ausgesprochen authentisch. Er kann Ortrud nicht verlassen, noch umbringen, ist er doch durch den Kampf auch seines Schwertes beraubt: „Dass mir die Waffe selbst geraubt, mit der ich dich erschlüg!“ So bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich Ortruds Zauberkräften anzuvertrauen. Die Lösung seiner Misere liegt in einem Zauber: „Du wilde Seherin, wie willst du doch geheimnisvoll den Geist mir neu berücken?“

Ortrud weiß Antwort: „Die Schwelger strecken sich zur üpp’gen Ruh‘; setz dich zur Seite mir! Die Stund‘ ist da, wo dir mein Seherauge leuchten soll!“  Damit ist eine weitere Analogie zur Märchenwelt gefunden, Wendung des Schicksals (Gottesgericht) durch finstere Mächte, durch Zauberei.

Selbst wenn „Trug und Zaubers List“ nicht fruchten, „Missglückt’s, so bleibt ein Mittel der Gewalt! Umsonst nicht bin ich in geheimsten Künsten tief erfahren (…)“ Sie erklärt ihm, dass Lohengrins Macht schwindet, wenn es Telramund gelänge, ihm nur einen Finger oder gar nur eines Fingers Glied abzuschlagen.

In dem nun folgenden kurzen Duett „Der Rache Werk sei nun beschworen aus meines Busens wilder Nacht!“ schwören beide Rache den unschuldig Schlafenden. In dieser kurzen Szene entlädt sich die gesamte aufgestaute Frustration und Missgunst gegenüber Elsa und Lohengrin, ihrem vermeintlichen Buhlen.

Sabine Hogrefe geht absolut souverän und professionell mit ihrer Situation als kurzfristige Einspringerin um. Hätte der Intendant diese Information nicht zu Beginn gegeben, niemand im Saal wäre auch nur ansatzweise auf die Idee gekommen, Sabine Hogrefe hätte nicht die gesamte Probenphase über an der perfekten Umsetzung ihrer Rolle gearbeitet!

Zugute kommt ihr dabei sicherlich ihre langjährige Erfahrung an Bühnen wie Stuttgart, Mannheim, Frankfurt, München, Nantes, Dijon und als Brünnhilde bei den Bayreuther Festspielen 2010 unter Christian Thielemann. Darüber hinaus kann sie sich auf das gesamte Solisten-Ensemble und hier ganz besonders auf ihren Partner Joachim Goltz verlassen. Beide harmonieren darstellerisch wie stimmlich ganz ausgezeichnet und sind in ihrem Rache-Duett geradezu furchteinflößend authentisch.

Sabine Hogrefe kann als Ortrud ihre warme Mittellage optimal zur Geltung bringen, die gut ausgebaute gesunde Höhe ist glasklar mit einem guten Metallanteil und der nötigen Schärfe an den richtigen Stellen. Ihr „Entweihte Götter! Helft jetzt meiner Rache!“ lässt einem das Blut auf faszinierende Weise in den Adern gefrieren. Selbst hier gelingt es ihr noch, dass der Zuschauer Sympathie für Ortrud empfindet. Diese Stelle, an der nicht wenige Sopranistinnen an ihre Grenzen kommen, kostet Sabine Hogrefe richtig aus. Ihre Anrufung der Götter, „Wodan! Dich Starken rufe ich! Freia! Erhab’ne, höre mich! Segnet mir Trug‘ und Heuchelei, dass glücklich meine Rache sei!“ ist eine wahre Klangorgie im Fortissimo. Ganz professionell, souverän, einfach beeindruckend.

Während dieser Anrufung fährt Elsas Zimmer zurück auf die Hinterbühne und entzieht Telramund so ihren Blicken. Ortrud hat Elsa mit ihren Schmeicheleien derart berückt, dass diese scheinbar bedenkenlos das Messer annimmt, das Ortrud ihr reicht. „Du Ärmste kannst wohl nie ermessen, wie zweifellos mein Herze liebt? Du hast wohl nie das Glück besessen, das sich uns nur durch Liebe giebt? Kehr‘ bei mir ein! Lass mich dich lehren, wie süß die Wonne reinster Treu! Lass zu dem Glauben dich bekehren: es giebt ein Glück, es giebt ein Glück, das ohne Reu‘!“  Ortrud fällt in ihren Gesang ein, jedoch mit einem gänzlich anderen Text.  „Ha! Dieser Stolz, er soll mich lehren wie ich bekämpfe ihre Treu‘, er soll’s mich lehren! Gen ihn will ich die Waffen kehren, durch ihren Hochmuth werd‘ ihr Reu‘ (…)“

Es ist faszinierend, wie Wagner hier zwei so unterschiedliche Aussagen und Stimmungen mit ein- und derselben Musik unterlegt. Je nachdem, auf welche Stimme man sich mehr konzentriert, erhält das Duett einen ganz anderen Charakter. Hervorzuheben seien hier noch insbesondere die tiefen Streicher, die klangschön und transparent im Orchesterklang hervortreten.

Ortrud geht nach hinten ab, Telramund kommt zu Elsa und stellt fest „So zieht das Unheil in dies Haus! Vollführe, Weib, was deine List ersonnen, dein Werk zu hemmen fühl‘ ich keine Macht.“  Im Hintergrund erscheint wieder Elsas Zimmer. Auf den Rängen erklingen wieder zwei Gruppen von Trompeten (von Wagner als „auf dem Thurme“ und „entfernt“ angegeben). Der gewünschte Effekt wird hier durch die Positionierung auf den Rängen und aus dem Foyer erreicht.

Erst spät nehmen die Augen im rechten hinteren Drittel der halbdunklen Bühne ein Rehkitz wahr, das Rehlein aus dem Märchen „Brüderchen und Schwesterchen„. Hier wird wieder die Deutung von Elsa als gejagte Beute nahegelegt, während in der Fassung der Gebrüder Grimm das Brüderchen die Gestalt des Rehleins annimmt. Elsa betritt ihr Zimmer, in dem sich eben noch Ortrud und Telramund vergnügt haben. Angewidert zieht sie ihr Bett ab und wirft die Bettwäsche zu Boden. Dabei findet sie ein Brautkleid und einen Schleier unter der Matratze. Parallel dazu wird wieder ein Text auf der heruntergelassenen Gaze eingeblendet: „Am Ufer harrt mein Schwesterlein, das muss von mir getröstet sein.“

Der vollständige Text lautet: „Leb‘ wohl, du wilde Wasserfluth, die mich so weit getragen hat! Leb‘ wohl, du Welle, blank und rein, durch die mein weiß Gefieder glitt. Am Ufer harrt mein Schwesterlein, das muss von mir getröstet sein!“ Den hier nicht genannten Titel „Der ausgelassene Gesang des Schwanes aus Lohengrin“ teilte Richard Wagner seiner Schwester Cäcilie in einem Brief vom 15. September 1853 mit. Daran schließt sich der stattliche Herrenchor an „In Früh‘ versammelt uns der Ruf, gar viel verheißet wohl der Tag!“

Der Heerufer tritt auf und verkündet, dass Friedrich Graf von Telramund in Acht und Bann geschlagen wurde und dass jedem dasselbe Schicksal droht, der sich ihm nähert. Währenddessen näht Elsa still an ihrem Hochzeitskleid. Des Weiteren erklärt der Heerrufer, dass der „fremde, gottgesandte Mann“ mit Land und Krone von Brabant belehnt wird. Sein Titel soll jedoch nicht König lauten, sondern „Schützer von Brabant“. Die dritte Neuigkeit ist, dass am nächsten Tage Hochzeit gehalten wird und anschließend die Getreuen sich dem Heer des Königs anschließen sollen. Begeistert fallen die Männer ein „Zum Streite säumet nicht, führt euch der Hehre an! Wer muthig mit ihm ficht, dem lacht des Ruhmes Bahn! (…) Gott hat ihn gesandt zur Größe von Brabant (…) von Gott ist er gesandt.“ Danach legen sich die Männer zwischen den Stoppelreihen zur Ruhe.

Der rote Vorhang hebt sich und zum Zwischenspiel zur vierten Szene tritt der Damenchor auf. Ein weißer Vorhang aus Bändern ersetzt den roten und wohl auch das Portal des Münsters. Die Frauen kommen einzeln aus dem Hintergrund und nehmen ihre Plätze auf der Ebene ein. Sie tragen alle lange schwarze Kleider.

Oper Dortmund / Lohengrin - hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Oper Dortmund / Lohengrin – hier : Christina Nilsson als Elsa von Brabant, Daniel Behle als Lohengrin © Thomas Jauk, Stage Picture

Die vier Edelknaben (ideal klangschön und ausgewogen: Rebecca Sörensen, Eunjii Park, Ji-Young Hong, Edvina Vlajevcic) bereiten Elsa den Platz. Sehr zart im Pianissimo folgt der Herrenchor „Gesegnet soll sie schreiten, die lang in Demuth litt; Gott möge sie geleiten, Gott hüte ihren Schritt!“ Die Frauen fallen ein mit „Heil dir, Tugendreiche!“  Elsa nähert sich der Menge, die vor ihr zurückweicht. Sie trägt Brautkleid und Schleier, in der Hand eine Kerze. Alle setzen sich, Kerzen werden durch die Reihen gereicht und angezündet. Das ergibt ein sehr stimmungsvolles anrührendes Bild. Elsa gleicht in ihrem langen schlichten Kleid mit dem Schleier und der Kerze in der Hand stark einer Madonnenfigur oder einem Heiligenbild.

Ortrud erscheint und fordert Elsa auf, ihr den Vortritt ins Münster zu gewähren. „Weil eine Stund‘ ich meines Werts vergessen, glaubest du, ich müsste dir nur kriechend nah’n? Mein Leid zu rächen will ich mich vermessen, was mir gebührt, das will ich nun empfah’n!“ Als Elsa nicht gleich einwilligt, fährt Ortrud schwerere Geschütze auf: „Wenn falsch‘ Gericht mir den Gemahl verbannte, war doch sein Nam‘ im Lande hochgeehrt; als aller Tugend Preis man ihn nur nannte, gekannt, gefürchtet war sein tapf’res Schwert. Der Deine, sag! wer sollte hier ihn kennen, vermagst doch du selbst den Namen nicht zu nennen!“

Damit pflanzt sie den Zweifel in Elsa, die versprochen hat, den fremden Ritter nicht nach Name, Art und Herkunft zu fragen. Sogleich verteidigt sie ihn: „So rein und edel ist sein Wesen, so tugendreich der hehre Mann, dass nie des Unheils soll genesen, wer seiner Sendung zweifeln kann! Hat nicht durch Gott im Kampf geschlagen mein theurer Held den Gatten dein? Nun sollt nach Recht ihr Alle sagen, wer kann da nur der Reine sein?“

Der König und Lohengrin erscheinen auf der Szene. Lohengrin verteidigt Elsa gegen Ortrud: „Du fürchterliches Weib, steh‘ ab von ihr! Hier wird dir nimmer Sieg!“ Doch nun ergreift Telramund das Wort und dreht den Spieß um: „Den dort im Glanz ich vor mir sehe, den klage ich des Zaubers an! (…) Die Frage nun sollt ihr nicht wehren, dass sie ihm jetzt von mir gestellt: nach Namen, Stand und Ehren frag‘ ich ihn laut vor aller Welt! Wer ist er, der ans Land geschwommen, gezogen von einem wilden Schwan? Wem solche Zauberthiere frommen, dess‘ Reinheit achte ich für Wahn!“

Lohengrin erwidert, dass er Telramund keine Antwort geben wird, ja, nicht einmal dem König. „Nur Eine ist’s, der muss ich Antwort geben: Elsa… Elsa! Wie seh‘ ich sie erbeben!“ Ortrud spürt, dass ihr finsterer Plan aufgeht: „In wildem Brüten darf ich sie gewahren; der Zweifel keimt in ihres Herzens Grund.“ Auch Lohengrin scheint sich Elsas Standfestigkeit nicht mehr sicher zu sein: „O Himmel! Schirm‘, o schirme ihr Herz vor Gefahren, nie werde Zweifel dieser Reinen kund!Ortrud und Telramund haben nun denselben Text: „Er ist besiegt, wird ihm (von ihr) die Frage kund!“ Der König versichert Lohengrin seines Schutzes: „Wir schirmen ihn, den Edlen, vor Gefahren; durch seine That ward uns sein Adel kund!“

Auch dieses Solisten-Ensemble mit unterlegtem Chor ist es wert, sich jede Stimme in Melodie und Text einmal näher anzuschauen. Immer wieder erinnern die Quartette und Quintette bei Wagner von der Bauweise sehr an Ensembles in Mozarts Opern wie in der Zauberflöte. Auch hier sind sie stets an zentralen Stellen großer Gefahr oder schicksalhafter Wendungen zu finden.

Zum Zeichen, dass er ihr vertraut, fordert Lohengrin Elsa auf: „Elsa, erhebe dich! In deiner Hand, in deiner Treu‘ liegt alles Glückes Pfand! Lässt nicht des Zweifels Macht dich ruh’n? Willst du die Frage an mich thun?“ worauf Elsa erwidert: „Mein Retter, der mir Heil gebracht! Mein Held, in dem ich muss vergeh’n! Hoch über alles Zweifels Macht soll meine Liebe steh’n!“  Nach diesem Bekenntnis ist Lohengrin bereit, mit Elsa vor Gott zu treten. Daniel Behle legt in diese zentrale Phrase so viel Liebe und Gefühl, dass es ungeheuer anrührend wirkt und auch Christina Nilsson ist in diesem Moment ganz und gar Elsa und ihre Liebe ist über jeden Zweifel erhaben.

Der nun folgende Chor „Gesegnet sollst du schreiten“ (Männer) bzw. „Heil dir, Tugendreiche!“ (Frauen), von der Orgel unterlegt und dadurch betont sakral anmutend, lotet dynamisch vom zarten Piano bis zum Fortissimo auf „Heil!“ alle Stufen aus. Das letzte „Heil dir!“ wird zum „Heil euch!“ im fff im vollen Orchester und Orgelregister. In den Trompeten und Posaunen erklingt unheilvoll das Fragemotiv. Der zweite Akt endet in strahlendem C-Dur, der „Siegestonart“.

3.  AKT:  Das Vorspiel zum dritten Akt nimmt GMD Gabriel Feltz in genau abgestimmtem raschen Tempo, zackig artikuliert und mit sattem Streicherklang. Die verschiedenen Motive, die vorgestellt werden, arbeitet er präzise heraus.

Auf dem noch geschlossenen Vorhang erscheint wieder ein Text, diesmal nicht aus dem bereits bekannten Märchen, sondern aus einer von Wagners Schriften zur Revolution: „Ja, wir erkennen es, die alte Welt, sie geht in Trümmer, eine neue wird aus ihr erstehen, denn die erhabene Göttin Revolution, sie kommt daher gebraust auf den Flügeln der Stürme, das hehre Haupt von Blitzen umstrahlt, das Schwert in der Rechten, die Fackel in der Linken, das Auge so finster so strafend, so kalt, und doch, welche Glut der reinsten Liebe, welche Fülle des Glückes strahlt dem daraus entgegen, der es wagt, mit festem Blicke hineinzuschauen in dieß‘ dunkle Auge.“ (aus: Richard Wagner, Die Revolution, 1849)

Der Vorhang hebt sich und gibt den Blick frei auf ein Bett auf der linken Bühnenseite. Dazu erklingt der Brautchor „Treulich geführt“.  Das Zimmer hat nun nur noch eine Wand, zwei Türen und ein Fenster.  Elsa erscheint im weißen Brautkleid. Die Frauen singen „Wie Gott euch selig weihte, zu Freuden weih’n euch wir. In Liebesglück’s Geleite denkt lang der Stunde hier!“  Elsa und Lohengrin bleiben allein zurück. „Das süße Lied verhallt; wir sind allein, zum ersten Mal allein, seit wir uns sah’n.“ Auch diese Stelle gestaltet Daniel Behle innig und mit tief empfundenem warmen Ausdruck.

Elsas Bekenntnis „Wie wär‘ ich kalt, mich glücklich nur zu nennen! (…) Fühl‘ ich zu dir so süß mein Herz entbrennen, athme ich Wonnen, die nur Gott verleiht!“ ist Christina Nilssons Entsprechung, nicht weniger glaubhaft.

Doch dieses bedingungslose Glück hält nur sehr kurz an, als Lohengrin Elsas Namen ausspricht, erwidert sie „Wie süß mein Name deinem Mund entgleitet! Gönnst du des deinen holden Klang mir nicht? Nur wenn zur Liebesstille wir geleitet, sollst du gestatten, dass mein Mund ihn spricht…“   Lohengrin geht nicht darauf ein, versucht noch, sie abzulenken: „Athmest du nicht mit mir die süßen Düfte? O wie so hold berauschen sie den Sinn! Geheimnisvoll sie nahen durch die Lüfte, fraglos geb‘ ihrem Zauber ich mich hin.“

Doch Elsa bleibt beharrlich: „O mach‘ mich stolz durch dein Vertrauen, dass ich in Unwerth nicht vergeh‘! Lass‘ dein Geheimnis mich erschauen, dass, wer du bist, ich offen seh! Meiner Treue enthülle deines Adels werth! Woher du kamst, sag‘ ohne Reue, durch mich sei Schweigens Kraft bewährt!“   Lohengrin versucht an ihre Liebe zu appellieren: „Dein Lieben muss mir hoch entgelten für das, was ich um dich verließ; kein Loos in Gottes weiten Welten wohl edler als das meine hieß! (…) Das Einz’ge, was mein Opfer lohne, muss ich in deiner Lieb erseh’n! Drum wolle stets den Zweifel meiden, dein Lieben sei mein stolz Gewähr, denn nicht komm‘ ich aus Nacht und Leiden, aus Glanz und Wonne komm‘ ich her!“

Elsa glaubt, einen Schwan zu erblicken, hinter dem Fenster erscheinen Elsa- und Lohengrin-Doubles wie Doppelbilder und im Spiegel ersticht Elsa mit dem Messer, das sie von Ortrud erhalten hat, Lohengrin zu den Worten „Nichts kann mir Ruhe geben, dem Wahn mich nichts entreißt, als gält es auch mein Leben zu wissen, wer du seist!“

Indem Elsa die verbotene Frage stellt, tötet sie Lohengrin und seine Liebe zu ihr. Mit den Worten „Weh, nun ist all‘ unser Glück dahin!“ geht Lohengrin mit ein paar steifen Schritten wie ferngesteuert in das Zimmer und sinkt in der Ecke zu Boden. Elsa erkennt, was sie getan hat und fleht um Erbarmen: „Allewiger, erbarm‘ dich mein!“

Lohengrin verkündet, dass er Elsa vor dem König Antwort geben will. Wiederum wird ein Text eingeblendet: „Der König fragte das Mädchen, ob es mit ihm auf sein Schloss kommen wollte und ihn heiraten würde.“  Dazu wird auf der Gaze die Videoprojektion fortgesetzt. Brüderchen und Schwesterchen sitzen am Tisch und darunter wird die (zentrale) Frage eingeblendet: „WER BIST DU?“

Die nun folgenden Bläserfanfaren, die den König ankündigen, sind in drei Gruppen aufgeteilt. Die Standardbesetzung im Graben, eine zweite Gruppe in den Rängen („auf dem Theater“) und eine dritte Gruppe auf der Bühne („Bühnenmusik“).  Feierlich verkündet König Heinrich „Für deutsches Land das deutsche Schwert, so sei des Reiches Kraft bewährt!“ Die vier Edlen bringen Telramunds Leiche herbei und Elsa nähert sich aus dem Hintergrund, nun wieder in Schwarz gekleidet.

Die Edlen verkünden auf die Frage Heinrichs, dass der Schützer von Brabant es so will und nunmehr offenbaren will, wer er ist.  Der König begrüßt Lohengrin („Heil deinem Kommen, theurer Held!“), doch Lohengrin muss den König enttäuschen: „Mein Herr und König, lass‘ dir melden: die ich berief, die kühnen Helden, zum Streit sie führen darf ich nicht!“ Zunächst will er jedoch die Bestätigung erfahren, dass er den Mann (also Telramund) zu Recht erschlug, der ihn zur Nacht überfallen hat. Der König stimmt ihm darin zu. Dann bezichtigt Lohengrin Elsa des Verrats an ihm.  Da sie nun das Frageverbot gebrochen hat, will er dem König und allen Anwesenden seine Herkunft offenbaren.

„Jetzt merket wohl, ob ich den Tag muss scheuen! Vor aller Welt, vor König und vor Reich enthülle mein Geheimnis ich in Treuen!

Es folgt das Herzstück der Oper, die Gralserzählung. Nicht nur an ihr, aber auch insbesondere an ihr, muss sich wohl jeder Tenor, jeder Lohengrin-Interpret messen lassen. Sie im Konzert „schön“ zu singen, perfekt auf Tonträger zu verewigen, ist nicht gering zu bewerten. Sie jedoch am Ende eines so langen und Kräfte raubenden Abends noch in vollem tenoralen Glanz dem gespannt ausharrenden Publikum zu präsentieren, erfordert ein gerüttelt Maß an Erfahrung, solider Technik und nicht zu unterschätzende Nerven.

Lohengrin sitzt rechts am Bühnenrand auf einem Stuhl, Elsa auf der linken Bühnenseite, beide durch beinahe die gesamte Bühnenbreite getrennt. Das Licht fährt fast ganz zurück, nur ein einzelner Verfolger ist auf Lohengrin gerichtet. Nach vier Takten A-Dur-Akkorden im Orchester im Pianissimo setzt Behle mit den wohlbekannten Worten ein „In fernem Land, unnahbar euren Schritten...“ Die Stelle „alljährlich naht vom Himmel eine Taube…“ (mit einer Fermate auf Tau-) nimmt Behle so zart und leise, dass es eine Freude ist, um wenige Takte später im Crescendo „es heißt der Gral (forte), und selig reinster Glaube (decrescendo – pianissimo) erteilt durch ihn sich seiner Ritterschaft“ einmal richtig aufzumachen. Auch auf dem nächsten „Gral“ („wer nun dem Gral zu dienen ist erkoren“) im Mezzoforte und „den rüstet er mit überirdischer Macht“ im Piano arbeitet er gekonnt und sensibel mit der Dynamik. Er weiß genau, was er da singt und wie er die Botschaft transportieren muss.

Im weiteren Verlauf der Gralserzählung kommt er nun an den Kernpunkt: „Nun hört, wie ich verbot’ne Frage lohne! Vom Gral (ff) ward ich zu euch daher gesandt: mein Vater Parzival trägt seine Krone, sein Ritter ich bin Lohengrin genannt.“  Die Nennung seines Namens raubt Elsa die Kraft („Mir schwankt der Boden! Welche Nacht! O Luft, Luft der Unglücksel’gen!„) und Lohengrin macht es noch schlimmer mit der Frage „O Elsa, was hast du mir angetan?“ und der Ankündigung seines Abschieds „Jetzt muss ich, ach! von dir geschieden sein!“  Nun ist Eile geboten („Schon zürnt der Gral!“).  Lohengrin begrüßt den Schwan, der erschienen ist, um ihn abzuholen.

Auch diese so gut bekannte Stück „Mein lieber Schwan! Ach, diese letzte traur’ge Fahrt…“ singt Behle scheinbar völlig unangestrengt. Er hat sich über alle drei Akte seine Kräfte exzellent und klug eingeteilt, um auch am Ende noch kraftvoll und geschmeidig auf Linie die Stimme strömen zu lassen. Er richtet sich noch einmal an ElsaAch, Elsa, nur ein Jahr an deiner Seite hätt‘ ich als Zeuge deines Glücks ersehnt! Dann kehrte, selig in des Grals Geleite, dein Bruder wieder, den du tot gewähnt.“  In diesem Moment taucht Elsas Zimmer im Hintergrund wieder auf.

Kniend am Bühnenrand singt er „Kommt er dann heim, wenn ich ihm fern im Leben, dies Horn, dies Schwert, den Ring sollst du ihm geben (…) doch bei dem Ringe soll er mein gedenken, der einst auch dich aus Schmach und Not befreit. Leb wohl… leb wohl, mein süßes Weib!“  Behle ist dermaßen in der Rolle, dass Lohengrins Zerrissenheit, sein Schmerz fast körperlich spürbar wird.  Das Zimmer ist inzwischen vorne angelangt.

Ortrud „verabschiedet“ Lohengrin mit den Worten „Fahr heim! Fahr heim, du stolzer Helde!“ Dass jubelnd ich der Thörin melde, wer dich gezogen in dem Kahn; am Kettlein, das ich um ihn wand, ersah‘ ich wohl, wer dieser Schwan: es ist der Erbe von Brabant!“ Damit setzt Ortrud sich das Messer an den Hals, das Elsa ihr reicht und schneidet sich die Kehle durch.  Lohengrin verkündet der entsetzten Menge „Seht da den Herzog von Brabant, zum Führer sei er euch ernannt!“

In Elsas Schlafzimmer sehen wir die Kinder aus den Videosequenzen, nun herangewachsen, und der junge Lohengrin lässt einen Federball in Elsas Hand fallen. Elsa ruft aus „Mein Gatte! Mein Gatte!“ und ein kollektives „Weh!“ in d-moll beschließt die Oper. Auf dem Vorhang erscheint der Text „Es war einmal…“  Es gibt keinen Führer, der Bruder kehrt nicht zurück, der Held entschwindet. Keine Erlösung, kein „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Die Klammer zum Anfang ist geschlossen.

Am Dortmunder Lohengrin beeindruckt die Gesamtleistung so außerordentlich. Das Ensemble agiert auf einem derartig homogenen hohen Niveau, wie man es an einem Haus dieser Größe selten findet.

Daniel Behle liefert mit seinem Lohengrin ein sehr starkes Rollendebüt. Man merkt in jeder Minute, die er auf der Bühne ist, wie sehr er in der Rolle ist. Seine Bühnenpräsenz ist großartig. Er verkörpert nicht den strahlenden Held, die Lichtgestalt, als die Lohengrin gerne gezeichnet wird, sondern den Ritter, der pflichtgemäß in die Fremde gesandt wird, um dort einen Auftrag zu erledigen, ob ihm das nun passt oder nicht. Den Gotteskampf entscheidet er für Elsa, dass er sich von Fleck weg in sie verliebt, war so nicht vorgesehen und kann natürlich nicht gut gehen.

Das ist vor allem Telramund und Ortrud gar nicht recht, denn diese haben eigentlich andere, finstere Pläne. Nachdem es mit dem Kampf nicht geklappt hat, muss halt Zauberei her. Auch diese Paar harmoniert ganz ausgezeichnet, was umso erstaunlicher ist, als Sabine Hogrefe, wie bereits erwähnt, erst wenige Stunden zuvor am Vorstellungstag eingesprungen ist. Weder ihrem eigenen Spiel noch dem Zusammenspiel mit Joachim Goltz war dieser Umstand anzumerken. Das Publikum dankte beiden die starke sängerische und darstellerische Leistung mit jubelndem Beifall.

Christina Nilsson gibt eine jugendlich-naive Elsa, die die ganze Bandbreite von kindlicher Schwärmerei bis zur liebenden Frau, die schließlich verlassen vor den Trümmern ihres kurzen Glücks steht, überzeugend darstellen kann. Ihr kraftvoller, warmer jugendlich-dramatischer Sopran ist stets sicher, klar und gut geführt. Auch Nilsson versteht es, sich ihre Kräfte von „Einsam in trüben Tagen“ bis zum letzten verzweifelten „Ach!“ gut einzuteilen, so dass sie stets präsent ist und auch in der Höhe niemals schrill klingt. Einer ihrer berührendsten Momente ist „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘!

Joachim Goltz gibt einen sehr guten und ungewohnt sympathischen Telramund. Er verkörpert den Rachsüchtigen gut, vermag aber auch Mitgefühl zu wecken. Zwar ist er schwach gegen sein Weib, kann aber auch zeigen, wer Herr im Haus ist. Goltz vereint sehr gute Bühnenpräsenz mit sängerischem Können und großer Bandbreite in der Gestaltung. Sein Bariton verfügt über ein warmes Timbre und große emotionale Ausdruckskraft.

Shavleg Armasi ist die Idealbesetzung als König Heinrich. Sein warmer, nicht zu dunkel timbrierter Bass verströmt einen angenehmem Klang. Er verschafft sich Respekt, wenn nötig und ist ein gütiger König, er ist wie ein Vater für Elsa, insbesondere als er sie an seiner Hand ihrem zukünftigen Gatten zuführt.

Morgan Moody gibt einen perfekten Heerrufer.  Auch wenn dies immer eine sehr dankbare Rolle ist, so verleiht Moody ihr doch einen ganz eigenen Stil. Vielfach verwendet er ganz spezielle manierierte Gesten, um seine Aussagen und Ankündigungen zu unterstreichen. So wundert es nicht, dass er für seine Darstellung mit besonders herzlichem Applaus bedacht wurde.

Der Chor der Oper Dortmund präsentierte sich an diesem Abend grundsätzlich gut und stimmgewaltig, wurde aber bisweilen Opfer der Positionierung auf den Rängen. Leider waren Graben und Bühne manchmal nicht zusammen, was gut hörbar war. Hier wäre es wünschenswert, eventuell durch eine veränderte Choraufstellung oder Zwischendirigat nachzujustieren. Es gäbe genug Platz auf der Bühne, so dass man das Problem der Distanz Dirigent – Chor im Rang beseitigt hätte.

Die Regie von Ingo Kerkhof ist insgesamt klar strukturiert und gut durchdacht. Er versucht nicht, die Geschichte neu zu erfinden oder sie in unsere Zeit zu übertragen. Stattdessen schafft er eine zweite Ebene mit dem Märchen und der Analogie Brüderchen und Schwesterchen zu Gottfried und Elsa beziehungsweise Lohengrin und Elsa.

Anders als im Märchen gibt es in dieser Inszenierung kein Happy End. Kein Führer,  kein Erlöser, kein Schwan:  Nur Verlierer.

Das Publikum dankte dem gesamtem Ensemble für die homogene Leistung auf sehr hohem Niveau. Besonderen Applaus und stehende Ovationen für Daniel Behle und die den Abend rettende Sabine Hogrefe. Ein beeindruckender Lohengrin, der den Weg nach Dortmund unbedingt lohnt.

Lohengrin an der Oper Dortmund; die nächsten Vorstellungen 12.1.; 22.3.; 10.4.; 22.5.2020

Besetzung  der besprochenen Vorstellung:

Musikalische Leitung Gabriel Feltz, Regie Ingo Kerkhof, Bühne Dirk Becher, Kostüme Jessica Rockstroh, Video Philipp Ludwig Stangl, Licht Florian Franzen, Chor Fabio Mancini, Dramaturgie Laura Knoll

MIT:  Heinrich, der Vogler, (deutscher König) Shavleg Armasi, Lohengrin Daniel Behle, Elsa von Brabant Christina Nilsson, Friedrich von Telramund, (brabantischer Graf) Joachim Goltz, Ortrud, seine Gemahlin Sabine Hogrefe (für Stéphanie Müther), Heerrufer des Königs Morgan Moody, vier brabantische Edle Christian Pienaar, Jeayoun Kim,, Daegyun Jeong*, Thomas Günzler, vier Edelknaben Rebecca Sörensen, Eunjii Park,, Ji-Young Hong, Edvina Vlajevic, Double Elsa Andrea Rieche, Double Lohengrin Georg Kirketerp, Schwesterchen (im Film) Matilda Süggel, Brüderchen (im Film) Timo Steinhaus, Opernchor Theater Dortmund, Statisterie Theater Dortmund, Dortmunder Philharmoniker * = Mitglied des Opernstudio NRW

—| IOCO Kritik Theater Dortmund |—

Lemberg, Lviv National Opera, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv

Lohengrin – Richard Wagner

– Das Publikum wird zum Teilnehmer –

von Adelina Yefimenko

Die Nationaloper Lviv, Ukraine begeisterte sein Publikum mit einer Neuproduktion des Lohengrin. Erstaunlich, wie eine enthusiastische Zusammenarbeit des internationalen Teams, initiiert von Intendant Vasyl Vovkun, die Oper ins Zentrum des Kulturlebens stellte, während des Krieges, der die Ukraine seit 2014 belastet. 2018 kamen auf die Lviver Bühne neue Opern- und Ballett-Inszenierungen Mozarts, Strawinskys und Stankovychs. Das Kultusministerium der Urkaine unterstützt keine Opernprojekte. Und mehr als zwei Neuproduktionen je Saison stemmt kein ukrainisches Opernhaus. Die Lviv Nationaloper geht mit „Hilfe zur Selbsthilfe“ voran und verdient das Geld teilweise mit innovativen Projekten im prächtigen Spiegelsaal – ein stolzer Bestandteil der goldglänzenden Innerarchitektur aus der Habsburger Monarchie.

Die Rückkehr Richard Wagners in die Urkraine wurde trotz des sowjetischen Hausverbots in der Nachkriegszeit in Angriff genommen. In den 70-er feierte die Nationaloper die Wiederkehr von Tannhäuser nach der ersten Premiere 1867. Die Neuproduktion Lohengrin nun, entwickelte sich aus der Idee des Dirigenten Myron Yusypovych, der die Partitur-Ausgabe 1902 von Lohengrin entdeckte und die Arbeit mit dem deutschen Regisseur Michael Sturm begann. Die Bühne und Kostüme kreierte der Österreicher Matthias Engelmann.

Lohengrin  –  Richard Wagner
youtube Trailer National Opera Lviv
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Die Kooperation ukrainischer Opernhäuser mit deutschen Regisseuren war immer erfolgreich. Bei der Neuinszenierung des Fliegenden Holländer 2013 zum 200-jh. Jubiläum Wagners an der Donbass Oper führte Mara Kurotschka Regie. Die Produktion war ein riesiger Erfolg, bis 2014 mit der Verwüstung Donezk auch die gesamten Bühnenbilder, Kostüme zerstört wurden.

Lohengrin hatte mehr Glück. Seit seiner ersten Premiere 1877 in Lviv avancierte Lohengrin zu einem der beliebtesten Werke des Publikums und wurde auf Deutsch und Polnisch inszeniert. Zum Repertoire ukrainischer Opernhäuser zählten zudem auch Rienzi, Der Fliegende Holländer und Der Ring des Nibelungen.

Die aktuelle Version vereinnahmt das Publikum als Teilnehmer. Wieder eine neue originelle Lesart des Theaters im Theater! Comedia-dell’arte spielt an der Oberfläche. Der Schwan kommt aus dem Zuschauerraum auf die Bühne wie ein Riesen Weichtier. Die Akteure Heinrich als Märchenkönig, Lohengrin als Pagliaccio, Telramund als Samuraj besuchen verträumte, (sic!) traumatische Frauen, die zwei Gruppen bilden: die blau-haarigen Träumerinnen (wie Elsa) und rot-haarigen Kämpferinnen (wie Ortrud). Elsa erscheint ihr Traummann als Weißclown, der ihr sagt: „Elsa, ich liebe Dich“ und später: „Nie sollst Du mich befragen“. Damit scheitern alle Hoffnungen auf die bedingungslose Liebe.

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

Dank der schrillen Schönheit der Lichtgestaltung erkennt man nicht sofort, dass dieses „Theater im Theater“ in einer psychiatrischen Klinik spielt. Die Kleider mit überlangen Ärmeln gleichen Zwangsjacken. An einem Ort, an dem der ewige Alltag ins Irreale abdriftet und lang verborgene Erinnerungen in die Realität einbrechen, verlieren sich junge Mädchen in ihre Träume. Im zweiten Akt verbleiben auf der Bühne von achtundzwanzig Krankenbetten nur zwei. Dadurch wirken die Paare Elsa/Lohengrin und Ortrud/Telramund optisch klein und puppenhaft. Die Assoziationen zu Alice im Wunderland liegen auf der Hand. Für seine Männer-Gestalten benötigte Regisseur keine Helden-Tenöre. Allerdings zeigten sie sich in beider Besetzungen auch vokal als schwach (Nutthaporn Thammathi, Roman Corentsvit). Während die Frauen in beiden Besetzungen hervorragend agierten, besonders die Mezzosopranistinnen mit guten Wagner-Stimmen (Olesia Bubela, Alla Rodina als Elsa und Mariia Berezowska, Liudmyla Savchuk als Ortrud).

In Brabant waltet der Heerrufer des Königs als Conférencier (schauspielerisch präsentabel Mykola Kotnutiak). Am Ende ruft er in den Zuschauerraum: „Seht da, den Herzog von Brabant!“. Im ukrainischen Opernhaus „am Vorabend“ der Präsidenten-Wahl mit der Rekordzahl an Bewerbern (39) spannt dieses absurde Theater einen Bogen in die Politik-Groteske. „Wenn wir mit der alten Welt gebrochen haben und die neue noch nicht formen können, tritt die Satire, die Groteske, die Karikatur, der Clown und die Puppe auf“ – diese Zeilen des Dadaisten Raoul Hausman könnte als Schlüssel für diese Inszenierung gelten, die ohne Aktualisierung eine Synthese von Mythos, Comedia-dell’Arte, Psychonalyse, Farce schafft. Die monotone Drehung eines Riesenventilators an der Bühnenwand bildet ein in sich bewegliches Symbol der Zeitlosigkeit.

Das Frageverbot in Lohengrin wird in der Lviv National Opera unter diesem Blickwinkel zum Freiheitsverbot. Das Theater, so  Michael Sturm, soll Fragen stellen, das Publikum zur Selbstreflexion anzuregen.

National Opera Lviv - Lemberg / Der prächtige Besucherraum © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv – Lemberg / Der prächtige Besucherraum © Ruslan Lytwyn

Lviv National Opera – Nationaloper  Lemberg

Die Lviv National Opera,  Opern- und Ballettheater in Lviv, Lemberg, (Lemberger National Oper) ist das älteste Opern- und Ballettheater der Ukraine. Die Amtsbezeichnung des Theaters bei der Gründung war „Stadttheater“. Architekt Zygmund Gorgolewski (Absolvent der Berliner Bauakademie) baute dies „Stadttheater“ als Theater der Hauptstadt Lemberg (heute Lwiw oder Lviv), welche damals die Hauptstadt des Kronlandes Galizien in der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie war. Am 4. Oktober 1900 wurde das Stadttheater feierlich eröffnet. Das historische Gebäude war in den klassischen Traditionen mit den Elementen der Renaissance und des Frühbarock gehalten. An der Ausstattung des Theaters arbeiten die besten Meister von Lemberg und der ganzen Alten Welt. Das Gebäude überrascht mit der Üppigkeit des Dekors.

Um dieses in den 70-80 Jahren des 20 Jh. zu erneuern wurde 5 kg Blattgold benutzt. Der Zuschauerraum Auditorium ist in Lyraform gehalten und ist von guter Akustik gezeichnet. Er fasst 1070 Besucher und ist in der traditionellen Form eines Logentheaters gestaltet.
Das Repertoire ist dabei sehr vielfaltig und reicht von den Werken des 18 Jahrhunderts. bis zu Kompositionen der Gegenwart: Gluck, Mozart, Donizetti, Verdi, Bizet, Puccini, Mascagni. Alle Werke werden in der Originalsprache aufgeführt.

—| IOCO Kritik National Opera Lviv – Lemberg |—

Bonn, Theater Bonn, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 12.11.2018

November 13, 2018 by  
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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu

Theater Bonn © Thilo Beu

 Lohengrin  –  Richard Wagner

 – Gescheiterte Hoffnungen oder des Mädchens Traum –

Von Uschi Reifenberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die mit großer Spannung erwartete Premiere von Richard Wagners Lohengrin am Theater Bonn übertraf in der Tat sämtliche Erwartungen sowohl in musikalischer Hinsicht als auch in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli und vereinte das Publikum an diesem besonderen Abend in kollektiver Begeisterung.

Der renommierte Schweizer Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli kehrte nach langjähriger Abstinenz an das Theater Bonn zurück, wo er bereits ab 1989 mit einer Reihe spektakulärer Inszenierungen seine internationale Karriere begonnen hatte.

Wagners Lohengrin, seine romantischste und vielleicht seine populärste Oper ist in mehrfacher Hinsicht ein Grenzfall. Kompositorisch beendet der Lohengrin die Reihe von Wagners romantischen Opern. Er weist keine für sich stehenden Formteile auf, Arien, Emsembles und Chorszenen werden bereits in den dramatischen Zusammenhang integriert und verweisen auf das durchkomponierte Musikdrama der späteren Jahre.

Lohengrin – Richard Wagner
Youtube Trailer des Theater Bonn
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1848 beendete Wagner die Komposition des Lohengrin kurz vor Ausbruch der Märzrevolution und erlebte das Scheitern der bürgerlichen Hoffnungen zugleich als Ausweglosigkeit seiner eigenen Lebenssituation. Denn wie so oft sind bei Wagner Leben und Werk untrennbar miteinander verbunden. Als politischer Emigrant musste er – steckbrieflich  gesucht- in die Schweiz fliehen. Dort schrieb er seine entscheidenden theoretischen Hauptwerke, „Die Kunst und die Revolution“, „Das Kunstwerk der Zukunft“ und „Oper und Drama“, in denen sich Wagners persönliche revolutionäre Erfahrungen spiegeln und er seine Hoffnungen auf eine durch Kunst veränderten besseren Welt formulierte.

Auch das Leitmotiv von Wagners Lebensthema, die Erlösung durch Liebe, nimmt hier eine zentrale Stellung ein. Im Lohengrin als „allertragischstem Gedicht“ (Wagner) gelingt diese Erlösung nicht und ist zum Scheitern verurteilt.

Marelli beleuchtet in seiner Deutung des Werkes die Widersprüche der Lohengrin Tragödie, die – wie er im Programmheft erläutert- immer wieder Fragen aufwerfen und den vielschichtigen Stoff so reizvoll machen. In der Dialektik von Utopie und Realität, Liebe und Macht, Kunst und Politik liegt der unauflösbare Widerspruch und das Scheitern der Utopie einer Erlösung durch Liebe.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin und Chor © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin und Chor © Thilo Beu

Im Zentrum von Marellis Sicht steht die weibliche Hauptfigur Elsa von Brabant. Während des Vorspiels blickt man auf einen geöffneten Bühnenraum mit ansteigenden Holzelementen, die neben- und  übereinander gestapelt sind (Bühnenbild und Lichtregie: Marco Arturo Marelli). In der Mitte befindet sich auf einer quadratischen Ebene Elsas  Mädchenzimmer mit Stuhl und Bett, in welches sich Elsa je nach Bedarf zurückzieht. Man sieht Elsa und ihren jüngeren Bruder Gottfried zunächst ins Gebet versunken. Elsa, fast noch ein Teenager, im weißem Nachthemd und langen Löckchen, rührend in ihrer Unschuld, ist nicht nur stark im religiösen Glauben, sie imaginiert zugleich einen Heilsbringer mittels ihrer visionären Kraft, der dann auch tatsächlich erscheint. Eine erhöhte runde Plattform im Hintergrund wird sichtbar, auf welcher eine Ritterrüstung mit Mantel und Schwanenmotiv sowie ein Flügel stehen, an welchem Wagner / Lohengrin sitzt und komponiert. Der Künstler höchstselbst als Erlöser. Beide Ebenen – die reale des Mädchenzimmers wie die überirdische Sphäre des Kunstraums – bleiben als Einheitsbühnenbild die ganzen drei Akte über präsent. Auch geometrisch werden die beiden Welten streng voneinander abgesetzt.

Der kleine Gottfried liest in einem Bilderbuch, währenddessen erscheint Ortrud aus dem Bühnenboden und entführt ihn aus dem Zimmer, Schwanenfedern verweisen auf seine Verwandlung. Später bei Lohengrins Ankunft nimmt dieser den Jungen in seine Obhut und lässt  ihn im Flügel verschwinden. Dort kann er schon mal fleißig üben …

Der Heerrufer in Uniform und Brieftasche ist ein treuer Untertan und versieht seine Aufgabe mit Disziplin und Hingabe. Er verrichtet seine Tätigkeit nicht nur auf der Bühne, sondern wird auch an wechselnden Standorten im Zuschauerraum positioniert, die die Wirkung seiner Proklamationen unterstreichen. Ein empathischer Herrscher ist König Heinrich, mit viel Verständnis für seine Untergebenen,  der sich auch mal mitfühlend auf Elsas Bett setzt und, wenn er sich seiner royalen Verantwortung bewusst wird, den bunt bedruckten Königsmantel umlegt.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Dshamilja Kaiser als Ortrud © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Dshamilja Kaiser als Ortrud © Thilo Beu

Für deutsches Land das deutsche Schwert

Der Chor trägt bedrohliche überdimensionale Speere, die sich im 3. Akt wie Blitze von der Bühnendecke in den Boden spiessen, wenn sich die Einheiten der Wehrmacht kriegslüstern zur Mobilmachung zusammenfinden. Beim Bekenntnis „Für deutsches Land das deutsche Schwert“ recken sie reflexartig den rechten Arm in die Höhe, was in diesem Kontext nachvollziehbar ist. Telramund in militärischem Outfit entpuppt sich in seiner Anklage gegen Elsa selbstgefällig und großspurig, und legt dem König zum Beweis ein Papier vor.

Elsas ausweglose Situation stärkt ihren Glauben an einen Retter, das Wunder erscheint tatsächlich, eine sympathische Persönlichkeit im weißen Pyjama, glücklich über seine Mission, ein  Einsamer auf der Suche nach Liebe, zu dem Elsa sofort Vertrauen fasst. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn Lohengrin sein Frageverbot ausspricht und Elsa, fassungslos vor Glück, seine Worte immer wieder nachspricht, um sie ja nicht zu vergessen. Scheu berührt sie ihren Erlöser, die fleischgewordene Inkarnation ihres Traums. Marelli blickt hier mit viel Sensibilität in die Jungmädchenseele.

Das subversive Duo Ortrud und Telramund kauern in ihrem Dialog im 2.Akt am Bühnenrand. Nach Telramunds Schuldzuweisungen zunächst in herzlicher Abneigung vereint, finden sie dann aber als Paar wieder zusammen. Zwei Ausgestoßene, die von der Hochzeitsgesellschaft verspottet werden. Telramund outet sich als ausgemachter Angeber, der nach seiner blamablen Niederlage im Zweikampf mit Lohengrin jetzt in Selbstmitleid badet und sich als Weichei entpuppt, ein Vorläufer Gunthers. –

Seine Gattin, eine fanatische Reaktionärin mit viel erotischer Ausstrahlung, in rotem Gewand (Kostüme: Ingeborg Bernerth), erinnert in ihrem Stolz und ihrer Unbeugsamkeit an eine antike Statue, wenn sie sich in ihren langen Mantel  hüllt und längst vergangene Zeiten beschwört. Ihre Intrigen spinnt sie in Elsas Zimmer beim Kaffeekränzchen in vordergründiger Zweisamkeit. Die beiden hätten eigentlich Freundinnen werden können, wäre da nicht Ortruds erpresserische Androhung ihres Selbstmordes und ihr manipulatives Vorgehen als „wilde Seherin“, wenn sie Elsa das kommende Unheil aus der Hand liest. Hochzeitsvorbereitungen scheuchen die Männer in Schlafanzügen in aller Frühe aus den Betten vor das Münster, wo sie sich – unterstützt von ihren Frauen- in Ihre Festgarderobe werfen. Eine  amüsante Szene.

Elsa ist hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Zweifel, Ortruds Gift beginnt bereits zu wirken und Lohengrin muss sie fast gewaltsam zum Altar ziehen, denn „der Rache Werk hat nun begonnen“. Zum Brautgemach werden Elsa und Lohengrin mit verbundenen Augen geführt, es warten jede Menge Überraschungen auf das Paar. Sie werden mit Geschenken überhäuft, unter anderem auch mit einer kleinen Wiege, die bürgerliche Idylle könnte perfekt sein.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Pavel Kudinov als König Heinrich © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Pavel Kudinov als König Heinrich © Thilo Beu

Lohengrin verhält sich in der intimen Zweisamkeit mit seiner Ehefrau zunächst noch etwas unbeholfen, aber je mehr sich Elsa wahnhaft in ihre Angst hineinsteigert, desto klarer verweist er  auf seine Sendung. Als Elsa wie unter Zwang die verhängnisvolle Frage nach der Identität Lohengrins stellt, erschlägt dieser den  hereinbrechende Telramund. Damit wird er unfreiwillig zum Mörder, immer wieder schaut er ungläubig auf seine blutige Hand. Im Bewusstsein des Scheiterns aller Utopien nimmt er Abschied von seiner Liebeshoffnung, aber auch von seiner Unversehrtheit. Bevor er seine letzte traurige Fahrt antritt, muss er auch die in ihn gesetzten Hoffnungen enttäuschen und seine Identität enthüllen. Die Gralserzählung singt er wieder am Flügel, die Gesellschaft verharrt wie erstarrt zwischen Truppenaufmarsch und Kriegsbeflaggung.

Ortruds letztes ekstatisches Aufbäumen für die Wiederherstellung der alten Ordnung zitiert den kleinen Gottfried aus dem Untergrund, dem Lohengrin die Symbole der Herrschaft übergibt. Dass er damit etwas anfangen kann, bleibt zu bezweifeln. Elsa bricht unter den Trümmern ihrer vernichteten Welt zusammen; Lohengrin entschwindet auf seiner Wolke zurück in den Elfenbeinturm seiner Einsamkeit. Ob die Kunst ihn rettet ?

Über die musikalische Seite der Aufführung lässt sich fast ausnahmslos in höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizierten auf beeindruckendem Niveau und verbanden sich zu einer zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf.

Das Lohengrin Debüt von Mirko Roschkowski kann man wohl als rundum gelungen bezeichnen. Der sympathische Tenor besticht mit seiner warmen innigen, leicht dunkel mattierten Stimme und viel Belcanto-Schmelz. Die a capella Stellen des liedhaft zarten Schwanenliedes formt er mit  traumwandlerischer Intonationssicherheit wunderbar sensibel aus. Seine Höhe ist mühelos und glänzt eher bronzefarben als heldisch- strahlend, was seiner Gestaltung jenen leicht gebrochenen Grundton verleiht, der die tragische Aura dieser Figur umgibt. Sehr berührend und klug aufgebaut singt er die Gralserzählung, in der er auch mit metallischer Strenge aufzutrumpfen versteht.  Auf die weitere Entwicklung dieses vielversprechenden Tenors darf man sehr gespannt sein.

Die Elsa von Anna Princeva darf man ebenfalls als Glücksfall bezeichnen. Die zierliche Sängerin  mit der berührend kindlichen Ausstrahlung verfügt über einen substanzreichen lyrischen Sopran, der sich in allen Lagen mühelos behauptet und über genug Potenzial für die großen dramatischen Steigerungen verfügt, was sie in der Brautgemachszene eindrucksvoll unter Beweis stellt. Ihre Hinwendung zur Innerlichkeit unterstreicht sie mit tragfähigen Piani und weicher Legatokultur.

Dshamilja Kaiser ist als Ortrud eine Offenbarung. Selten hört man eine so kultiviert singende, perfekt phrasierende Ortrud, die mit ihrem Mezzo alle dynamischen Facetten dieser Partie auslotet. Ihre dramatischen Ausbrüche sorgen für Gänsehauteffekt, wirken dabei nie forciert, die Spitzentöne werden unangestrengt in den musikalischen Kontext integriert. Ein beeindruckendes Rollenportrait!

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Mirko Roschkowski als Lohengrin © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Mirko Roschkowski als Lohengrin © Thilo Beu

Tómas Tómasson zeigt den innerlich zerrissenen Telramund mit großer gestalterischer Intensität, deklamatorischer Klarheit und psychologischer Tiefenschärfe. Sein kerniger Bariton verfügt über ein weites Spektrum an Charakterisierungsmöglichkeiten, die er differenziert einzusetzen versteht.

Paul Kudinov verfügt als König über einen angenehm hell timbrierten Bass, dessen exponierte Höhenlagen sich wie selbstverständlich über das Orchester hinwegsetzen und nicht nur ihm, sondern auch dem Publikum viel Freude bereiten. Den Heerrufer gibt Ivan Krutinov souverän und mit königlich auftrumpfender Noblesse. Mit seiner vollen und tragfähigen Baritonstimme komplettiert er die fulminante Sängerriege.

Der Dirigent Dirk Kaftan und das Bonner Beethovenorchester sind ohne Zweifel mit höchstem Einsatz und glühendem Eifer bei der Sache. Dirk Kaftan führt das Orchester mit liebevoller Achtsamkeit durch die Partitur, besticht nicht nur mit poetischer Klangzauberei und weit atmenden Bögen, sondern auch mit perfekter Klangbalance und umsichtiger Sängerführung. Als Wagner-Dirigent versteht er, dramatische Spannungsabläufe und orchestrale Wucht unter Kontrolle zu halten und mit imposanten Steigerungen die Energien zu entfesseln. Beeindruckend gerät der Höhepunkt des gesamten Ensemble im 1. Akt.

Es wird beglückend präzise musiziert, herausragend hört man die Trompeten im 3.Akt, die seitlich der Bühne und auch im Zuschauerraum positioniert sind, was eine faszinierende Raumwirkung entfaltet.

Wunderbar anzuhören Chor und Extrachor ( Leitung: Marco Medved), sowie der Kinder- und Jugendchor ( Einstudierung: Ekaterina Klewitz).

Stehende  Ovationen beendeten einen außergewöhnlichen Abend

Lohengrin am Theater Bonn, weitere Vorstellungen 24.11.; 21.12.; 26.12.2018; 6.1.; 17.1.; 1.2.2018 und mehr

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