Lemberg, Lviv National Opera, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv

Lohengrin – Richard Wagner

– Das Publikum wird zum Teilnehmer –

von Adelina Yefimenko

Die Nationaloper Lviv, Ukraine begeisterte sein Publikum mit einer Neuproduktion des Lohengrin. Erstaunlich, wie eine enthusiastische Zusammenarbeit des internationalen Teams, initiiert von Intendant Vasyl Vovkun, die Oper ins Zentrum des Kulturlebens stellte, während des Krieges, der die Ukraine seit 2014 belastet. 2018 kamen auf die Lviver Bühne neue Opern- und Ballett-Inszenierungen Mozarts, Strawinskys und Stankovychs. Das Kultusministerium der Urkaine unterstützt keine Opernprojekte. Und mehr als zwei Neuproduktionen je Saison stemmt kein ukrainisches Opernhaus. Die Lviv Nationaloper geht mit „Hilfe zur Selbsthilfe“ voran und verdient das Geld teilweise mit innovativen Projekten im prächtigen Spiegelsaal – ein stolzer Bestandteil der goldglänzenden Innerarchitektur aus der Habsburger Monarchie.

Die Rückkehr Richard Wagners in die Urkraine wurde trotz des sowjetischen Hausverbots in der Nachkriegszeit in Angriff genommen. In den 70-er feierte die Nationaloper die Wiederkehr von Tannhäuser nach der ersten Premiere 1867. Die Neuproduktion Lohengrin nun, entwickelte sich aus der Idee des Dirigenten Myron Yusypovych, der die Partitur-Ausgabe 1902 von Lohengrin entdeckte und die Arbeit mit dem deutschen Regisseur Michael Sturm begann. Die Bühne und Kostüme kreierte der Österreicher Matthias Engelmann.

Lohengrin  –  Richard Wagner
youtube Trailer National Opera Lviv
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Die Kooperation ukrainischer Opernhäuser mit deutschen Regisseuren war immer erfolgreich. Bei der Neuinszenierung des Fliegenden Holländer 2013 zum 200-jh. Jubiläum Wagners an der Donbass Oper führte Mara Kurotschka Regie. Die Produktion war ein riesiger Erfolg, bis 2014 mit der Verwüstung Donezk auch die gesamten Bühnenbilder, Kostüme zerstört wurden.

Lohengrin hatte mehr Glück. Seit seiner ersten Premiere 1877 in Lviv avancierte Lohengrin zu einem der beliebtesten Werke des Publikums und wurde auf Deutsch und Polnisch inszeniert. Zum Repertoire ukrainischer Opernhäuser zählten zudem auch Rienzi, Der Fliegende Holländer und Der Ring des Nibelungen.

Die aktuelle Version vereinnahmt das Publikum als Teilnehmer. Wieder eine neue originelle Lesart des Theaters im Theater! Comedia-dell’arte spielt an der Oberfläche. Der Schwan kommt aus dem Zuschauerraum auf die Bühne wie ein Riesen Weichtier. Die Akteure Heinrich als Märchenkönig, Lohengrin als Pagliaccio, Telramund als Samuraj besuchen verträumte, (sic!) traumatische Frauen, die zwei Gruppen bilden: die blau-haarigen Träumerinnen (wie Elsa) und rot-haarigen Kämpferinnen (wie Ortrud). Elsa erscheint ihr Traummann als Weißclown, der ihr sagt: „Elsa, ich liebe Dich“ und später: „Nie sollst Du mich befragen“. Damit scheitern alle Hoffnungen auf die bedingungslose Liebe.

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv / Lemberg © Ruslan Lytwyn

Dank der schrillen Schönheit der Lichtgestaltung erkennt man nicht sofort, dass dieses „Theater im Theater“ in einer psychiatrischen Klinik spielt. Die Kleider mit überlangen Ärmeln gleichen Zwangsjacken. An einem Ort, an dem der ewige Alltag ins Irreale abdriftet und lang verborgene Erinnerungen in die Realität einbrechen, verlieren sich junge Mädchen in ihre Träume. Im zweiten Akt verbleiben auf der Bühne von achtundzwanzig Krankenbetten nur zwei. Dadurch wirken die Paare Elsa/Lohengrin und Ortrud/Telramund optisch klein und puppenhaft. Die Assoziationen zu Alice im Wunderland liegen auf der Hand. Für seine Männer-Gestalten benötigte Regisseur keine Helden-Tenöre. Allerdings zeigten sie sich in beider Besetzungen auch vokal als schwach (Nutthaporn Thammathi, Roman Corentsvit). Während die Frauen in beiden Besetzungen hervorragend agierten, besonders die Mezzosopranistinnen mit guten Wagner-Stimmen (Olesia Bubela, Alla Rodina als Elsa und Mariia Berezowska, Liudmyla Savchuk als Ortrud).

In Brabant waltet der Heerrufer des Königs als Conférencier (schauspielerisch präsentabel Mykola Kotnutiak). Am Ende ruft er in den Zuschauerraum: „Seht da, den Herzog von Brabant!“. Im ukrainischen Opernhaus „am Vorabend“ der Präsidenten-Wahl mit der Rekordzahl an Bewerbern (39) spannt dieses absurde Theater einen Bogen in die Politik-Groteske. „Wenn wir mit der alten Welt gebrochen haben und die neue noch nicht formen können, tritt die Satire, die Groteske, die Karikatur, der Clown und die Puppe auf“ – diese Zeilen des Dadaisten Raoul Hausman könnte als Schlüssel für diese Inszenierung gelten, die ohne Aktualisierung eine Synthese von Mythos, Comedia-dell’Arte, Psychonalyse, Farce schafft. Die monotone Drehung eines Riesenventilators an der Bühnenwand bildet ein in sich bewegliches Symbol der Zeitlosigkeit.

Das Frageverbot in Lohengrin wird in der Lviv National Opera unter diesem Blickwinkel zum Freiheitsverbot. Das Theater, so  Michael Sturm, soll Fragen stellen, das Publikum zur Selbstreflexion anzuregen.

National Opera Lviv - Lemberg / Der prächtige Besucherraum © Ruslan Lytwyn

National Opera Lviv – Lemberg / Der prächtige Besucherraum © Ruslan Lytwyn

Lviv National Opera – Nationaloper  Lemberg

Die Lviv National Opera,  Opern- und Ballettheater in Lviv, Lemberg, (Lemberger National Oper) ist das älteste Opern- und Ballettheater der Ukraine. Die Amtsbezeichnung des Theaters bei der Gründung war „Stadttheater“. Architekt Zygmund Gorgolewski (Absolvent der Berliner Bauakademie) baute dies „Stadttheater“ als Theater der Hauptstadt Lemberg (heute Lwiw oder Lviv), welche damals die Hauptstadt des Kronlandes Galizien in der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie war. Am 4. Oktober 1900 wurde das Stadttheater feierlich eröffnet. Das historische Gebäude war in den klassischen Traditionen mit den Elementen der Renaissance und des Frühbarock gehalten. An der Ausstattung des Theaters arbeiten die besten Meister von Lemberg und der ganzen Alten Welt. Das Gebäude überrascht mit der Üppigkeit des Dekors.

Um dieses in den 70-80 Jahren des 20 Jh. zu erneuern wurde 5 kg Blattgold benutzt. Der Zuschauerraum Auditorium ist in Lyraform gehalten und ist von guter Akustik gezeichnet. Er fasst 1070 Besucher und ist in der traditionellen Form eines Logentheaters gestaltet.
Das Repertoire ist dabei sehr vielfaltig und reicht von den Werken des 18 Jahrhunderts. bis zu Kompositionen der Gegenwart: Gluck, Mozart, Donizetti, Verdi, Bizet, Puccini, Mascagni. Alle Werke werden in der Originalsprache aufgeführt.

—| IOCO Kritik National Opera Lviv – Lemberg |—

Bonn, Theater Bonn, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 12.11.2018

November 13, 2018 by  
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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu

Theater Bonn © Thilo Beu

 Lohengrin  –  Richard Wagner

 – Gescheiterte Hoffnungen oder des Mädchens Traum –

Von Uschi Reifenberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die mit großer Spannung erwartete Premiere von Richard Wagners Lohengrin am Theater Bonn übertraf in der Tat sämtliche Erwartungen sowohl in musikalischer Hinsicht als auch in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli und vereinte das Publikum an diesem besonderen Abend in kollektiver Begeisterung.

Der renommierte Schweizer Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli kehrte nach langjähriger Abstinenz an das Theater Bonn zurück, wo er bereits ab 1989 mit einer Reihe spektakulärer Inszenierungen seine internationale Karriere begonnen hatte.

Wagners Lohengrin, seine romantischste und vielleicht seine populärste Oper ist in mehrfacher Hinsicht ein Grenzfall. Kompositorisch beendet der Lohengrin die Reihe von Wagners romantischen Opern. Er weist keine für sich stehenden Formteile auf, Arien, Emsembles und Chorszenen werden bereits in den dramatischen Zusammenhang integriert und verweisen auf das durchkomponierte Musikdrama der späteren Jahre.

Lohengrin – Richard Wagner
Youtube Trailer des Theater Bonn
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1848 beendete Wagner die Komposition des Lohengrin kurz vor Ausbruch der Märzrevolution und erlebte das Scheitern der bürgerlichen Hoffnungen zugleich als Ausweglosigkeit seiner eigenen Lebenssituation. Denn wie so oft sind bei Wagner Leben und Werk untrennbar miteinander verbunden. Als politischer Emigrant musste er – steckbrieflich  gesucht- in die Schweiz fliehen. Dort schrieb er seine entscheidenden theoretischen Hauptwerke, „Die Kunst und die Revolution“, „Das Kunstwerk der Zukunft“ und „Oper und Drama“, in denen sich Wagners persönliche revolutionäre Erfahrungen spiegeln und er seine Hoffnungen auf eine durch Kunst veränderten besseren Welt formulierte.

Auch das Leitmotiv von Wagners Lebensthema, die Erlösung durch Liebe, nimmt hier eine zentrale Stellung ein. Im Lohengrin als „allertragischstem Gedicht“ (Wagner) gelingt diese Erlösung nicht und ist zum Scheitern verurteilt.

Marelli beleuchtet in seiner Deutung des Werkes die Widersprüche der Lohengrin Tragödie, die – wie er im Programmheft erläutert- immer wieder Fragen aufwerfen und den vielschichtigen Stoff so reizvoll machen. In der Dialektik von Utopie und Realität, Liebe und Macht, Kunst und Politik liegt der unauflösbare Widerspruch und das Scheitern der Utopie einer Erlösung durch Liebe.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin und Chor © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin und Chor © Thilo Beu

Im Zentrum von Marellis Sicht steht die weibliche Hauptfigur Elsa von Brabant. Während des Vorspiels blickt man auf einen geöffneten Bühnenraum mit ansteigenden Holzelementen, die neben- und  übereinander gestapelt sind (Bühnenbild und Lichtregie: Marco Arturo Marelli). In der Mitte befindet sich auf einer quadratischen Ebene Elsas  Mädchenzimmer mit Stuhl und Bett, in welches sich Elsa je nach Bedarf zurückzieht. Man sieht Elsa und ihren jüngeren Bruder Gottfried zunächst ins Gebet versunken. Elsa, fast noch ein Teenager, im weißem Nachthemd und langen Löckchen, rührend in ihrer Unschuld, ist nicht nur stark im religiösen Glauben, sie imaginiert zugleich einen Heilsbringer mittels ihrer visionären Kraft, der dann auch tatsächlich erscheint. Eine erhöhte runde Plattform im Hintergrund wird sichtbar, auf welcher eine Ritterrüstung mit Mantel und Schwanenmotiv sowie ein Flügel stehen, an welchem Wagner / Lohengrin sitzt und komponiert. Der Künstler höchstselbst als Erlöser. Beide Ebenen – die reale des Mädchenzimmers wie die überirdische Sphäre des Kunstraums – bleiben als Einheitsbühnenbild die ganzen drei Akte über präsent. Auch geometrisch werden die beiden Welten streng voneinander abgesetzt.

Der kleine Gottfried liest in einem Bilderbuch, währenddessen erscheint Ortrud aus dem Bühnenboden und entführt ihn aus dem Zimmer, Schwanenfedern verweisen auf seine Verwandlung. Später bei Lohengrins Ankunft nimmt dieser den Jungen in seine Obhut und lässt  ihn im Flügel verschwinden. Dort kann er schon mal fleißig üben …

Der Heerrufer in Uniform und Brieftasche ist ein treuer Untertan und versieht seine Aufgabe mit Disziplin und Hingabe. Er verrichtet seine Tätigkeit nicht nur auf der Bühne, sondern wird auch an wechselnden Standorten im Zuschauerraum positioniert, die die Wirkung seiner Proklamationen unterstreichen. Ein empathischer Herrscher ist König Heinrich, mit viel Verständnis für seine Untergebenen,  der sich auch mal mitfühlend auf Elsas Bett setzt und, wenn er sich seiner royalen Verantwortung bewusst wird, den bunt bedruckten Königsmantel umlegt.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Dshamilja Kaiser als Ortrud © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Dshamilja Kaiser als Ortrud © Thilo Beu

Für deutsches Land das deutsche Schwert

Der Chor trägt bedrohliche überdimensionale Speere, die sich im 3. Akt wie Blitze von der Bühnendecke in den Boden spiessen, wenn sich die Einheiten der Wehrmacht kriegslüstern zur Mobilmachung zusammenfinden. Beim Bekenntnis „Für deutsches Land das deutsche Schwert“ recken sie reflexartig den rechten Arm in die Höhe, was in diesem Kontext nachvollziehbar ist. Telramund in militärischem Outfit entpuppt sich in seiner Anklage gegen Elsa selbstgefällig und großspurig, und legt dem König zum Beweis ein Papier vor.

Elsas ausweglose Situation stärkt ihren Glauben an einen Retter, das Wunder erscheint tatsächlich, eine sympathische Persönlichkeit im weißen Pyjama, glücklich über seine Mission, ein  Einsamer auf der Suche nach Liebe, zu dem Elsa sofort Vertrauen fasst. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn Lohengrin sein Frageverbot ausspricht und Elsa, fassungslos vor Glück, seine Worte immer wieder nachspricht, um sie ja nicht zu vergessen. Scheu berührt sie ihren Erlöser, die fleischgewordene Inkarnation ihres Traums. Marelli blickt hier mit viel Sensibilität in die Jungmädchenseele.

Das subversive Duo Ortrud und Telramund kauern in ihrem Dialog im 2.Akt am Bühnenrand. Nach Telramunds Schuldzuweisungen zunächst in herzlicher Abneigung vereint, finden sie dann aber als Paar wieder zusammen. Zwei Ausgestoßene, die von der Hochzeitsgesellschaft verspottet werden. Telramund outet sich als ausgemachter Angeber, der nach seiner blamablen Niederlage im Zweikampf mit Lohengrin jetzt in Selbstmitleid badet und sich als Weichei entpuppt, ein Vorläufer Gunthers. –

Seine Gattin, eine fanatische Reaktionärin mit viel erotischer Ausstrahlung, in rotem Gewand (Kostüme: Ingeborg Bernerth), erinnert in ihrem Stolz und ihrer Unbeugsamkeit an eine antike Statue, wenn sie sich in ihren langen Mantel  hüllt und längst vergangene Zeiten beschwört. Ihre Intrigen spinnt sie in Elsas Zimmer beim Kaffeekränzchen in vordergründiger Zweisamkeit. Die beiden hätten eigentlich Freundinnen werden können, wäre da nicht Ortruds erpresserische Androhung ihres Selbstmordes und ihr manipulatives Vorgehen als „wilde Seherin“, wenn sie Elsa das kommende Unheil aus der Hand liest. Hochzeitsvorbereitungen scheuchen die Männer in Schlafanzügen in aller Frühe aus den Betten vor das Münster, wo sie sich – unterstützt von ihren Frauen- in Ihre Festgarderobe werfen. Eine  amüsante Szene.

Elsa ist hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Zweifel, Ortruds Gift beginnt bereits zu wirken und Lohengrin muss sie fast gewaltsam zum Altar ziehen, denn „der Rache Werk hat nun begonnen“. Zum Brautgemach werden Elsa und Lohengrin mit verbundenen Augen geführt, es warten jede Menge Überraschungen auf das Paar. Sie werden mit Geschenken überhäuft, unter anderem auch mit einer kleinen Wiege, die bürgerliche Idylle könnte perfekt sein.

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Pavel Kudinov als König Heinrich © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Anna Princeva als Elsa, Tomas Tomasson als Telramund, Pavel Kudinov als König Heinrich © Thilo Beu

Lohengrin verhält sich in der intimen Zweisamkeit mit seiner Ehefrau zunächst noch etwas unbeholfen, aber je mehr sich Elsa wahnhaft in ihre Angst hineinsteigert, desto klarer verweist er  auf seine Sendung. Als Elsa wie unter Zwang die verhängnisvolle Frage nach der Identität Lohengrins stellt, erschlägt dieser den  hereinbrechende Telramund. Damit wird er unfreiwillig zum Mörder, immer wieder schaut er ungläubig auf seine blutige Hand. Im Bewusstsein des Scheiterns aller Utopien nimmt er Abschied von seiner Liebeshoffnung, aber auch von seiner Unversehrtheit. Bevor er seine letzte traurige Fahrt antritt, muss er auch die in ihn gesetzten Hoffnungen enttäuschen und seine Identität enthüllen. Die Gralserzählung singt er wieder am Flügel, die Gesellschaft verharrt wie erstarrt zwischen Truppenaufmarsch und Kriegsbeflaggung.

Ortruds letztes ekstatisches Aufbäumen für die Wiederherstellung der alten Ordnung zitiert den kleinen Gottfried aus dem Untergrund, dem Lohengrin die Symbole der Herrschaft übergibt. Dass er damit etwas anfangen kann, bleibt zu bezweifeln. Elsa bricht unter den Trümmern ihrer vernichteten Welt zusammen; Lohengrin entschwindet auf seiner Wolke zurück in den Elfenbeinturm seiner Einsamkeit. Ob die Kunst ihn rettet ?

Über die musikalische Seite der Aufführung lässt sich fast ausnahmslos in höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizierten auf beeindruckendem Niveau und verbanden sich zu einer zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf.

Das Lohengrin Debüt von Mirko Roschkowski kann man wohl als rundum gelungen bezeichnen. Der sympathische Tenor besticht mit seiner warmen innigen, leicht dunkel mattierten Stimme und viel Belcanto-Schmelz. Die a capella Stellen des liedhaft zarten Schwanenliedes formt er mit  traumwandlerischer Intonationssicherheit wunderbar sensibel aus. Seine Höhe ist mühelos und glänzt eher bronzefarben als heldisch- strahlend, was seiner Gestaltung jenen leicht gebrochenen Grundton verleiht, der die tragische Aura dieser Figur umgibt. Sehr berührend und klug aufgebaut singt er die Gralserzählung, in der er auch mit metallischer Strenge aufzutrumpfen versteht.  Auf die weitere Entwicklung dieses vielversprechenden Tenors darf man sehr gespannt sein.

Die Elsa von Anna Princeva darf man ebenfalls als Glücksfall bezeichnen. Die zierliche Sängerin  mit der berührend kindlichen Ausstrahlung verfügt über einen substanzreichen lyrischen Sopran, der sich in allen Lagen mühelos behauptet und über genug Potenzial für die großen dramatischen Steigerungen verfügt, was sie in der Brautgemachszene eindrucksvoll unter Beweis stellt. Ihre Hinwendung zur Innerlichkeit unterstreicht sie mit tragfähigen Piani und weicher Legatokultur.

Dshamilja Kaiser ist als Ortrud eine Offenbarung. Selten hört man eine so kultiviert singende, perfekt phrasierende Ortrud, die mit ihrem Mezzo alle dynamischen Facetten dieser Partie auslotet. Ihre dramatischen Ausbrüche sorgen für Gänsehauteffekt, wirken dabei nie forciert, die Spitzentöne werden unangestrengt in den musikalischen Kontext integriert. Ein beeindruckendes Rollenportrait!

Theater Bonn / Lohengrin - hier : Mirko Roschkowski als Lohengrin © Thilo Beu

Theater Bonn / Lohengrin – hier : Mirko Roschkowski als Lohengrin © Thilo Beu

Tómas Tómasson zeigt den innerlich zerrissenen Telramund mit großer gestalterischer Intensität, deklamatorischer Klarheit und psychologischer Tiefenschärfe. Sein kerniger Bariton verfügt über ein weites Spektrum an Charakterisierungsmöglichkeiten, die er differenziert einzusetzen versteht.

Paul Kudinov verfügt als König über einen angenehm hell timbrierten Bass, dessen exponierte Höhenlagen sich wie selbstverständlich über das Orchester hinwegsetzen und nicht nur ihm, sondern auch dem Publikum viel Freude bereiten. Den Heerrufer gibt Ivan Krutinov souverän und mit königlich auftrumpfender Noblesse. Mit seiner vollen und tragfähigen Baritonstimme komplettiert er die fulminante Sängerriege.

Der Dirigent Dirk Kaftan und das Bonner Beethovenorchester sind ohne Zweifel mit höchstem Einsatz und glühendem Eifer bei der Sache. Dirk Kaftan führt das Orchester mit liebevoller Achtsamkeit durch die Partitur, besticht nicht nur mit poetischer Klangzauberei und weit atmenden Bögen, sondern auch mit perfekter Klangbalance und umsichtiger Sängerführung. Als Wagner-Dirigent versteht er, dramatische Spannungsabläufe und orchestrale Wucht unter Kontrolle zu halten und mit imposanten Steigerungen die Energien zu entfesseln. Beeindruckend gerät der Höhepunkt des gesamten Ensemble im 1. Akt.

Es wird beglückend präzise musiziert, herausragend hört man die Trompeten im 3.Akt, die seitlich der Bühne und auch im Zuschauerraum positioniert sind, was eine faszinierende Raumwirkung entfaltet.

Wunderbar anzuhören Chor und Extrachor ( Leitung: Marco Medved), sowie der Kinder- und Jugendchor ( Einstudierung: Ekaterina Klewitz).

Stehende  Ovationen beendeten einen außergewöhnlichen Abend

Lohengrin am Theater Bonn, weitere Vorstellungen 24.11.; 21.12.; 26.12.2018; 6.1.; 17.1.; 1.2.2018 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Bonn |—

Essen, Aalto Theater, Wiederaufnahme Lohengrin von Richard Wagner, ab 08.04.2018

März 14, 2018 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto Theater Essen / Lohengrin © Forster

Aalto Theater Essen / Lohengrin © Forster

 Lohengrin von Richard Wagner

 Tatjana Gürbacas Inszenierung am 8. +  22. April sowie am 6. Mai 2018

In der gefeierten Inszenierung von Tatjana Gürbaca kehrt Richard Wagners Lohengrin auf die Bühne des Aalto-Musiktheaters zurück. Nach der Wiederaufnahme am Sonntag, 8. April 2018, um 16:30 Uhr folgen zwei weitere Vorstellungen am 22. April und 6. Mai 2018. Nominiert für den Theaterpreis „Der Faust“ und den International Opera Award, war „Lohengrin“ eine der erfolgreichsten deutschen Opernproduktionen des vergangenen Jahres. Unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Tomáš Netopil stellt sich nun der russische Tenor Sergey Skorokhodov, Ensemblemitglied am renommierten St. Petersburger Mariinsky-Theater, dem Aalto-Publikum als Lohengrin vor. Jessica Muirhead übernimmt erneut die Rolle der Elsa, Heiko Trinsinger ist als Friedrich von Telramund zu erleben. Außerdem wirken Rebecca Teem als Ortrud, Almas Svilpa als Heinrich und Karel Martin Ludvik als Heerrufer mit.

Richard Wagner in Bayreuth Foto IOCO

Richard Wagner in Bayreuth Foto IOCO

Die Geschichte von Wagners Lohengrin, die einen wichtigen Punkt am Übergang von der Oper hin zum musikalischen Drama markiert, ist tragisch: Elsa von Brabant wird des Mordes an ihrem Bruder Gottfried bezichtigt. Den Vorwürfen der Ankläger Telramund und Ortrud ist sie komplett ausgeliefert. Die Suche nach der Wahrheit wirkt ausweglos. Da betritt ein Mann von außen das Geschehen, ein „Erlöser“ in potenziell zweifacher Hinsicht – für die Gesellschaft und auch für Elsa. Er will Elsa helfen. Sogar heiraten will er sie. Doch er knüpft sein Hilfsangebot an eine Bedingung: Niemals solle Elsa nach seinem Namen und seiner Herkunft fragen. Diesem auf den ersten Blick womöglich nicht ganz nachvollziehbaren Liebesbeweis willigt Elsa ein. Aber die Sache geht schief. Elsa plagen, verständlicherweise, urmenschliche Fragen. Sie bricht mit dem Pakt, forciert von den Intriganten Ortrud und Telramund, indem sie das Unausgesprochene einfordert – und verliert alles.

—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—