Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Cavalleria rusticana – Luci mie traditrici, IOCO Kritik, 21.10.2020

Oktober 21, 2020 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Cavalleria rusticana  –  Luci mie traditrici

 Oper in Zeiten von Corona – unter Pandemie-Bedingungen

von Peter Schlang

Die Stuttgarter Staatsoper ist ja als äußerst empfangsbereites, offenes Haus bekannt, aber so viele und lange geöffnete Türen sah man am Haus am Eckensee noch nie: Der maximale Zufluss von Frischluft ist eben eine der Bedingungen, die von den Verantwortlichen für öffentliche Veranstaltungen unbedingt einzuhalten sind. Aber auch sonst sind die Angst vor Corona bzw. die Maßnahmen gegen seine Verbreitung am Abend des 11. Oktober im Stuttgarter Opernhaus allgegenwärtig – vor, während und nach der zweiten Opernpremiere der aktuellen, als Ganzes stark von Corona geprägten und eingeschränkten Spielzeit. Dies zeigt sich u. a. an dem in großer Zahl aufgebotenen Personal, welches die Premierengäste durch das Haus und an ihr vorgesehenen Plätze lotst, den mit Tüchern in der Trauerfarbe Schwarz verhüllten jeweils zwei Theatersitzen zwischen den freigegebenen Sesseln und einer pointierten, nicht einmal Spitzen gegen die politischen Entscheider scheuenden Ansprache des Opernintendanten Viktor Schoner vor Beginn der Aufführung. In dieser beklagte der Hausherr u. a. die für die Staatstheater angemeldete Kurzarbeit, die dazu führe, dass Mitglieder des Chores und Orchesters nur eine begrenzte Zeit aktiv sein dürfen, wodurch nur eine stark eingeschränkte Zahl von Aufführungen möglich sei, was wiederum die Einnahmen an Eintrittsgeldern beträchtlich drücke. Genüsslich verwendete der Intendant für solche und andere Corona-Kollateralschäden die Begriffe Milchmädchenrechnung und Schildbürgerstreich!

Cavalleria rusticana – Luci mie traditrici
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Diese die Pandemie an ihrer Ausweitung hindernden Maßnahmen beschränken sich aber nicht auf Äußerlichkeiten und organisatorische Abläufe und die Einhaltung der Abstandsregeln vor der Bühne, sondern sie ergriffen auch den innersten Bereich einer Opernaufführung, also deren musikalisches und dramaturgisches Gerüst bzw. dessen Umsetzung. So hatte man für die den Abend eröffnende Cavalleria rusticana des italienischen Verismo-Komponisten Pietro Mascagni bei dessen zeitgenössischem deutschen Kollegen Sebastian Schwab extra eine Kammermusikfassung in Auftrag gegeben und diese zusammen mit dem den Abend auch leitenden Generalmusikdirektor Cornelius Meister parallel zu den Proben erarbeiten lassen, die im Graben ein gerade neun Streicher umfassendes Kammerorchester und den von Cornelius Meister gespielten Flügel vorsieht.

Dazu kommt ein an die südeuropäische Banda-Tradition angelehntes Blasorchester, das hinter der Bühne agiert. Der gerade wieder zum Opernchor des Jahres gekürte Staatsopernchor wird in dieser Corona-Version auf ganze 18 Mitglieder „eingedampft“, die natürlich nicht auf der Bühne agieren, sondern, rein konzertant, im dritten Rang platziert sind. Höchst wahrscheinlich ermöglichen nur diese harten musikalischen Eingriffe in die beiden im Original recht groß besetzten musikalischen Kollektive die ursprünglich schon für die vergangene Spielzeit geplante Aufführung dieser glutvollen, rassigen und musikalisch wie inhaltlich berauschenden Oper unter den einschneidenden Corona-Bedingungen. Allerdings führen sie zu einer weitgehenden Entzauberung und nehmen dem sonst so mitreißenden Werk einen Großteil seiner musikalischen Wirkung und Anziehungskraft. So schleppen sich Musik und Handlung relativ zäh dahin, und die sonst die Handlung so plastisch und glutvoll illustrierende Musik wird vieler ihrer Klangfarben und Ausdrucksmittel beraubt, so sehr sich Cornelius Meister und seine Musikerinnen und Musiker auch bemühen, dem Ganzen Drive und Farbe zu geben.

Staatsoper Stuttgart / Cavalleria rusticana - hier : Auf dem Bild Eva-Maria Westbroek als Santuzza, Ida Ränzlöv als Lola, Arnold Rutkowski als Turiddu © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Cavalleria rusticana – hier : Auf dem Bild Eva-Maria Westbroek als Santuzza, Ida Ränzlöv als Lola, Arnold Rutkowski als Turiddu © Matthias Baus

Die die Handlung tragenden drei Sängerinnen und zwei Sänger machen ihre Sache durchweg recht gut, wobei die nach etlichen Jahren erstmals an ihre alte Wirkungsstätte zurückgekehrte Eva-Maria Westbroek als Santuzza mit ihrem mühelos alle Höhen meisternden und dabei jegliche Schärfe vermeidenden Sopran erfreulich an ihre Stuttgarter Zeit anknüpft. Allerdings wird dieser positive Eindruck etwas durch die manchmal flackernde, weil einem zu starken Vibrato anhängende Stimme getrübt.

Rosalind Plowright gibt der Lucia viel Würde und Stolz, aber auch Verletzlichkeit. Den besten Eindruck unter den drei Sängerinnen hinterlässt bei ihrem Rollendebüt als Lola die grandiose Ida Ränzlöv, die in allen Stimm- und Ausdruckslagen zu begeistern vermag und auch darstellerisch etwas Leben in die ansonsten dramaturgisch eher statische Anordnung bringt. Arnold Rutkowski als Turridu überzeugt mit viel tenoraler Italianitá und hat im profunden Bariton von Dimitrios Tiliakos als Alfio einen ebenbürtigen Gegenspieler. Alle fünf Sänger auf der Bühne sorgen indessen für das zumal in der italienischen Oper sehr seltene Phänomen, an manchen Stellen das Streichorchester im Graben zu übertönen.

Die Regisseurin des Abends, Barbara Frey, kann bei ihrer ersten Stuttgarter Produktion leider nur wenig von ihrer großen Erfahrung als Theaterregisseurin und -intendantin zeigen, sie leitete von 2009 bis 2019 das Schauspielhaus in Zürich, was man ihr aber nicht unbedingt und schon gar nicht allein anlasten darf. Auch ihre Regie und die daraus resultierende Personenführung stehen deutlich sichtbar unter „Corona-Verdacht“ und sind über die gesamte Aufführungsdauer von knapp 90 Minuten voll darauf konzentriert, dass sich die Protagonisten ja nicht zu nahe kommen. Aber wie will man so Nähe, Leidenschaft und sonstige Gefühle glaubhaft auf die Bühne bringen, wenn die Darsteller dazu verdammt sind, vorwiegend – und das allein – an einem Ort zu stehen oder zu kauern, wo sie bevorzugt in der Ära vor dem Regietheater postiert waren – am vorderen Bühnenrand, also an der viel geschmähten Rampe?!

Nicht auszudenken, welch grandiose Möglichkeiten das schon vor dem ersten Höhepunkt der Corona-Pandemie fertiggestellte beeindruckende Bühnenbild Martin Zehetgrubers der Regisseurin und ihren Sängerdarstellern ohne die verordneten Pandemie-Einschränkungen geboten hätte. Zehetgruber, der schon mehrfach an der Stuttgarter Oper gebaut hat, entwarf dazu einen ziemlich heruntergekommenen mächtigen Beton-Brutalbau, besser dessen Ruine, der aus einer umlaufenden Galerie mit einem dahinterliegenden Obergeschoss und einer zur Hälfte eingestürzten, nach rechts geneigten riesigen Treppe besteht. Mit ihrem abgerissenen Äußeren und kalten, morbiden, nur entfernt an verblichenen Glanz erinnernde Tristesse bietet diese Installation allerdings die perfekte Szene für diese wegen einer Seuche so sehr an Fesseln gelegte und in ihrer Dynamik gebremste Operninterpretation.

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici - hier : vl Rachael Wilson als Gräfin Malaspina, Ida Ränzlöv als Der Gast © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici – hier : vl Rachael Wilson als Gräfin Malaspina, Ida Ränzlöv als Der Gast © Matthias Baus

Der Zweite Teil des Abends, Salvatore Sciarrinos für die Schwetzinger SWR-Festspiele 1998 geschaffene Oper Luci mie traditrici (Meine trügerischen Augen), spielt sich überwiegend unter der nun gedrehten großen Treppe ab, die sich dabei als eingestürzte Decke eines klassizistischen Saales entpuppt, die fast völlig von verwelkendem Farn überwuchert ist. Diesen musikalisch wie darstellerisch absolut spannenderen Teil der Stuttgarter Neuproduktion sahen leider weniger Zuschauer als die sicherlich populärere und bekanntere Oper Mascagnis. Ob dies an der noch immer verbreiteten Angst vor neuer Musik oder an der Ermüdung durch das bis dahin Gesehene und vor allem Gehörte lag, entzieht sich der Kenntnis und dem Beurteilungsvermögen des Rezensenten.

Auf jeden Fall dürfte diesen „Verweigerern der zweiten Halbzeit“ der interessantere, aufregendere und in jeder Hinsicht überzeugendere Teil des Abends entgangen sein. Er bot nicht nur die zweifellos leisere, ja, stillere Darbietung des mit Mascagnis Stoff sehr verwandten und absolut gleichwertigen Themas, also der Eifersucht und verletzten Ehre und der daraus folgenden gnadenlosen Rachsucht, sondern auch die stimmigere, schlüssigere Umsetzung. Die wesentlichen Bedingungen für diesen Umstand und die Zutaten für eine fesselnde Stunde sind vier überzeugende, ja herausragende Sängerdarsteller*innen, eine jetzt stringente Personenführung, eine diese gekonnt unterstützende Beleuchtungsregie, vor allem aber die fragile, verletzliche und oft bis ans Nichts verhauchende Partitur Sciarrinos. Sein Stil und die diesem entspringende Musik gehören wohl zum Leisesten, Filigransten, Zartesten und Transparentesten der Musikgeschichte.

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici - hier : vl Auf dem Bild Christian Miedl als Graf Malaspina, Rachael Wilson als Gräfin Malaspina © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Luci mie traditrici – hier : vl Auf dem Bild Christian Miedl als Graf Malaspina, Rachael Wilson als Gräfin Malaspina © Matthias Baus

Was die 21 Musikerinnen und Musiker daraus machen, lässt dennoch keine Langeweile aufkommen. Dabei profitiert die musikalische Umsetzung jetzt tatsächlich sogar von der Pandemie und den auf sie reagierenden Abstandsregeln. Meister platziert nämlich wiederum nur das Streichorchester im Graben und findet in Abstimmung mit der Regisseurin und dem Bühnenbildner für die anderen Orchestermitglieder Plätze, welche ganz neue klangliche Möglichkeiten bieten und Sciaririnos Intentionen in idealer Weise unterstreichen. So spielen die Bläser nun auf der Galerie von Zehetgrubers Cavalleria-Ruine, während die beiden Schlagzeuger Christoph Wiedmann und Thomas Höfs in den beiden Proszeniumslogen agieren dürfen. Alle zusammen schaffen es in bewundernswerter Weise, Sciarrinos Musik und Klangsprache, die aus zahlreichen Quellen und Epochen der Musikgeschichte schöpft, sinnlich berührend, ja unter die Haut gehend zum Leben zu erwecken. Kongenial wird dies von den Darstellern – als Gräfin Rachael Wilson, als Graf Christian Miedl und als Diener, Elmar Gilbertsson umgesetzt. Die Krone in diesem Solistenquartett gebührt aber wiederum der phänomenalen Ida Ränzlöv als Gast bzw. Stimme hinter dem Vorhang, die mit ihrem Wispern, Grummeln, Schnalzen und Glisando-Betören alle Register der Gesangstechnik zieht.

Als Fazit dieser Doppelpremiere dürften mir, dem IOCO-Korrespondenten und vielen anderen Zeugen dieses Opernabends vor allem Zweierlei in Erinnerung bleiben:

Die Stuttgarter Oper will unbedingt wieder vor Publikum spielen und dieses für seine sonst mit höchster Leidenschaft ausgeübte Arbeit zurückgewinnen oder wenigstens bei der Stange halten. Dabei möchte, ja muss man um Gottes Willen coronamäßig jedes Risiko vermeiden, weshalb man in allen Bereichen einen ungeheuren Aufwand betreibt, um jegliche gesundheitliche Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Das ist angesichts eines sonst drohenden erneuten Aufführungsverbotes durchaus verständlich und bei der Altersstruktur unseres Opernpublikums auch lobenswert. Allerdings bedauert es der zugegeben kritische Beobachter und Hörer, dass man damit – zumindest in der ersten Hälfte – auch die musikalische und dramatische Ansteckungsgefahr ziemlich ausschaltet und sich damit die entsprechende Begeisterungsfähigkeit in Grenzen halten dürfte. Der zweite Teil dieser Corona-Versuchsordnung gleicht dann aber Vieles wieder aus, wie man ja überhaupt den musikalisch, dramaturgisch und organisatorisch Verantwortlichen der Stuttgarter Oper bescheinigen muss, dass sie sich mit großer Verantwortung, viel Fantasie und sichtbarer Begeisterung an die Bewältigung dieser ja nicht alltäglichen Herausforderung wagten. So darf man durchaus gespannt sein, wie sich die nächsten Neu-Produktionen, Mahlers Lied von der Erde am 27. Oktober und Massenets Werther am 15. November 2020 zu diesem Thema äußern und verhalten werden.

Cavalleria rusticana  –  Luci mie traditrici an der Staatsoper Stuttgart;  weitere Vorstellungen am 18., 20. und 24. Oktober 2020, jeweils 19 Uhr

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Cavalleria rusticana – Luci mie traditrici – Premiere, 11.10.2020

Oktober 7, 2020 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Pietro Mascagni:  Cavalleria rusticana  – Salvatore Sciarrino: Luci mie traditrici

Ein Doppelabend über die Eifersucht

Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert das Staatsorchester Stuttgart; Inszenierung von Barbara Frey; Eva-Maria Westbroek kehrt nach Stuttgart zurück

Für die zweite Musiktheater-Premiere der Spielzeit bringt die Staatsoper Stuttgart zwei italienische Werke als Doppelabend auf die Bühne: Am Sonntag, 11. Oktober 2020 um 18 Uhr feiert Barbara Freys Inszenierung von Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana und Salvatore Sciarrinos Luci mie traditrici ihre Premiere im Stuttgarter Opernhaus. Eva-Maria Westbroek – international gefeiertes Ensemblemitglied von 2001 bis 2006 – kehrt in der Rolle der Santuzza an die Staatsoper zurück, Arnold Rutkowski verkörpert Turiddu. Die weiteren Rollen übernehmen Dame Rosalind Plowright (Lucia), Dimitris Tiliakos (Alfio), Ida Ränzlöv (Lola), Christian Miedl (Graf Malaspina) und Rachael Wilson (Gräfin Malaspina). Die musikalische Leitung des Staatsorchesters sowie die pianistischen Teile des Abends übernimmt Generalmusikdirektor Cornelius Meister. Mascagnis Komposition erklingt in einer eigens für diese Produktion erarbeiteten neuen Fassung für Kammerorchester und Banda von Sebastian Schwab.

Mit dem Einakter Cavalleria rusticana (Sizilianische Bauernehre) gelang Pietro Mascagni im Jahr 1890 ein Meisterwerk der veristischen Oper. Das Libretto basiert auf einer Novelle des Schriftstellers Giovanni Verga: Santuzza ahnt, dass ihr Verlobter Turiddu sie wegen der Frau des arglosen Alfio sitzenlässt. An einem einzigen Vormittag führt diese Ahnung zur Gewalttat, denn Männer wie Frauen, Mütter wie Söhne folgen einem gesellschaftlichen Codex, der seit Generationen festschreibt, was Treue und Ehre bedeuten.

Nach der Souveränität des fühlenden Subjekts fragt einhundert Jahre später auch Salvatore Sciarrino in seiner Oper Luci mie traditrici (Meine trügerischen Augen). Mit einem ganz auf Reduktion setzenden musikalischen Idiom erzählt auch er von obsessiver Eifersucht. Misstrauen und Täuschung zwischen einem Grafen, der Gräfin, ihrem voyeuristischen Diener und einem Besucher führen hier zum Doppelmord. Doch hinter der äußeren Handlung tritt in Sciarrinos von prägnanter Stille durchsetzten Partitur das Drama von der Ungewissheit der Gefühle und fatal sich zersetzender Liebe hervor. Die 1998 in Schwetzingen uraufgeführte Kammeroper erklingt in der Originalfassung für 21 Musiker*innen.

Die Regisseurin des Abends, Barbara Frey, war zwischen 2009 und 2019 Künstlerische Direktorin und Intendantin des Schauspielhauses Zürich und erhielt 2016 den Schweizer Theaterpreis. Daneben inszenierte sie unter anderem in Hamburg, Berlin, München, Salzburg und Wien. Für die designierte Intendantin der Ruhrtriennale ist es nach Jenufa an der Bayerischen Staatsoper bereits die zweite Zusammenarbeit mit der Sopranistin Eva-Maria Westbroek. Barbara Freys Inszenierung des Doppelabends Cavalleria rusticana / Luci mie traditrici war ursprünglich für die Spielzeit 2019 / 20 geplant.

PREMIERE
Sonntag, 11. Oktober 2020, 18 Uhr

Weitere Vorstellungen
18. / 20. / 24. Oktober 2020, 19 Uhr

Pietro Mascagni / Salvatore Sciarrino
Cavalleria rusticana /
Luci mie traditrici

Musikalische Leitung Cornelius Meister
Regie Barbara Frey
Bühne Martin Zehetgruber
Kostüme Bettina Walter
Licht Alexander Koppelmann
Chor Manuel Pujol
Dramaturgie Miron Hakenbeck, Barbara Eckle

Cavalleria rusticana
Santuzza Eva-Maria Westbroek
Turiddu Arnold Rutkowski
Lucia Dame Rosalind Plowright
Alfio Dimitris Tiliakos
Lola Ida Ränzlöv

Luci mie traditrici
Gräfin Malaspina Rachael Wilson
Graf Malaspina Christian Miedl
Der Gast / Stimme hinter dem Vorhang Ida Ränzlöv
Ein Diener Elmar Gilbertsson

Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart

Die nächsten Premieren:

27.10.2020
Gustav Mahler/ Arnold Schönberg:  Das Lied von der Erde
Elfriede Jelinek: Die Bienenkönige
Musikalische Leitung: Cornelius Meister, Regie: David Hermann

15. November 2020
Jules Massenet: Werther
Musikalische Leitung: Marc Piollet, Regie: Felix Rothenhäusler

19. Dezember 2020
Maurice Ravel, Schorsch Kamerun: Die verzauberte Welt
Musikalische Leitung: Dennis Russel Davies, Regie: Schorsch Kamerun

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Saison 2020/21 – doch nur bis Januar 2021, IOCO Aktuell, 24.07.2020

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Die Staatsoper Saison 2020/21 – bis Januar 2021

Nur 38 statt 68 Vorstellungen im Opernhaus

Wer ist wir?

  • Fünf Musiktheater-Premieren im Opernhaus bis Dezember
  • Deutlich reduzierte Anzahl von Vorstellungen durch Kurzarbeit
  • Coronatauglicher Abstand auf der Bühne und im Publikum
  • Wir stellen Fragen nach unserer eigenen Geschichte.
    Womit identifizieren wir uns? Und: Wer ist eigentlich wir?“ (Viktor Schoner)
  • Max Herre ist Artist in Residence
  • Staatsoper unterwegs: Konzerte in Clubs, Projekte in Stadt und Land
  • Gastspiele, Familienkonzert und Parcours beim JOiN

Am 22. Juli 2020 gaben Opernintendant Viktor Schoner, die Leiterin des JOiN Elena Tzavara und Generalmusikdirektor Cornelius Meister im Rahmen der Jahrespressekonferenz der Staatstheater Stuttgart das Programm der kommenden Saison bis Ende Januar 2021 bekannt.

Alle Premieren der neuen Saison verbindet die Leitfrage „Wer ist wir?. Wann wird aus unterschiedlichen Menschen eine Gemeinschaft? Wer repräsentiert sie? Wo bleibt die Stimme der*s Einzelnen in diesem „wir“ – bei unterschiedlichsten Perspektiven, Standpunkten und Identitäten? Wie positioniert sich Deutschland in einem europäischen Kontext?

Staatsoper Stuttgart / Intendant Viktor Schoner @ Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Intendant Viktor Schoner @ Matthias Baus

Viktor Schoner über das Programm der neuen Saison:Hinter den Premieren dieses Herbstes steht trotz aller Modifikationen eine klare programmatisch-dramaturgische Linie: eine Art Selbstbefragung, die wir an uns als Gesellschaft richten wollen, ohne dabei abgrenzend zu sein: Wer ist eigentlich wir? In der Familie, im städtischen Zusammenleben, in der Frage nach der geschichtlichen Bedeutung der Nationen und im Verhältnis zu unseren Nachbarn. Definiert sich ein Wir tatsächlich leichter über Abgrenzung, wie es vor allem Populisten formulieren? Das Verhältnis von Deutschland und Frankreich spielt genauso eine Rolle wie die Frage nach systemsprengenden und angepassten Persönlichkeiten.“

Im Zentrum der heutigen Jahrespressekonferenz standen die Neuproduktionen der Staatsoper Stuttgart und des JOiN als umfassendem Vermittlungsprogramm sowie die Kooperationsprojekte der Staatsoper Stuttgart. Nach dem „Oper trotz Corona“-Programm mit über 100 Vorstellungen im ganzen Stadtraum kehrt die Staatsoper Stuttgart im Herbst hauptsächlich wieder in den Littmann-Bau zurück.

Dabei ist die Vorstellungsanzahl deutlich reduziert. Statt wie ursprünglich geplant 68 können bis Ende Januar nun nur 38 Vorstellungen im Opernhaus gezeigt werden. Zudem beginnt die Saison erst am 1. Oktober, darüber hinaus wird es im Januar 2021 keine Opernaufführungen geben. Insgesamt liegt der Fokus auf fünf Musiktheater-Premieren und Spezialformaten, es wird lediglich zwei Repertoirevorstellungen geben. Intendant Viktor Schoner: „Die Einsparungsmaßnahmen durch Kurzarbeit fordern von uns allen Opfer. Der Repertoirebetrieb, wie wir ihn kennen, wird in der kommenden Saison nicht stattfinden. Dennoch freue ich mich, dass wir unsere Premieren, für die bereits seit Monaten in unseren Werkstätten gebaut wurde oder deren Bühnenbilder bereits fertig gestellt waren, wie geplant realisieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen können.

Fünf Premieren, Spezialformate, ein Gastspiel und Repertoire

Neben zwei Opern des Repertoires werden die fünf Neuproduktionen einen weiten Bogen von Mozarts Zauberflöte bis hin zu Salvatore Sciarrino schlagen. Dezidiert Familientaugliches steht hier neben Experimentellem, Populäres neben selten zu Hörendem. Zusätzlich zu den wenigen Repertoirevorstellungen wurden außerdem neue Projekte angesetzt: konzertante Aufführungen, ein Abend mit Verfilmungen von Madrigalen, eine Gesprächsreihe mit Chorkonzert und vieles mehr.

Generalmusikdirektor Cornelius Meister

Cornelius Meister dirigiert in den ersten Monaten der kommenden Saison zwei Opern-Neuproduktionen: Die eigentlich für Ende Juni 2020 vorgesehene Premiere des Doppelabends von Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana kombiniert mit Salvatore Sciarrinos Kammeroper Luci mie traditrici (Meine verräterischen Augen) in der Regie von Barbara Frey ist nun die zweite Premiere der neuen Saison. Im Oktober feiert dann Gustav Mahlers Das Lied von der Erde in der Orchesterfassung von Arnold Schönberg und in der Kopplung mit Elfriede Jelineks Die Bienenkönige Premiere in einer szenischen Aufführung, Regie führt David Hermann. Diese Produktion ist die einzige Premiere, die aufgrund der Corona-Maßnahmen modifiziert werden musste: Ursprünglich war für Ende Oktober die Neuproduktion von Richard Strauss‘ großdimensionierter Oper Die Frau ohne Schatten vorgesehen. Die eigentlich für diese Produktion vorgesehenen Sänger*innen Ks.Simone Schneider, Evelyn Herlitzius, Michael König und Martin Gantner werden auch Das Lied von der Erde gestalten.

Außerdem übernimmt Cornelius Meister die Musikalische Leitung des programmatischen Eröffnungskonzerts der Saison: Bei  Denk ich an Deutschland in der Nacht  treffen so unterschiedliche Künstler*innen wie Max Herre oder Schorsch Kamerun mit Sänger*innen des Stuttgarter Ensembles und dem Staatsorchester Stuttgart zusammen. Ein Abend zwischen E und U, zwischen Musik und Literatur, zwischen deutscher Romantik und Hiphop.

Die im Opernhaus einmalige konzertante Aufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni wird ebenfalls Cornelius Meister dirigieren. Ihr geht ein lange verabredetes Gastspiel in der Kölner Philharmonie am 1. November voraus. In der Titelrolle tritt Björn Bürger auf. Im Beethoven-Saal der Liederhalle wird Cornelius Meister außerdem einen Zyklus mit allen Brahms-Sinfonien an zwei aufeinander folgenden Tagen dirigieren.

„Für jedes Werk im Herbst haben wir einen eigenen Klangraum geschaffen: Gesang und Orchester werden bei jeder Oper und bei konzertanten Aufführungen aus unterschiedlichen Richtungen zu hören sein. Dabei beziehen wir den Orchestergraben, die Bühne, die Logen, den dritten Rang und das Foyer ein. Das ganze Opernhaus wird zum Klingen gebracht, und das Publikum hat so die Möglichkeit, die Protagonist*innen der Staatsoper und des Staatsorchesters aus Perspektiven zu erleben, die vollkommen neu und jedes Mal anders sind“, so Cornelius Meister.

Spezialformate, Artist in Residence und Gastspiel

Denk ich an Deutschland in der Nacht ist der inhaltlich-programmatische Auftakt zur neuen Saison mit dem Thema „Wer ist wir?“. Der Konzertabend ist der Versuch, das „Konstrukt Deutschland“ humoristisch, assoziativ und ironisch, aber auch auf ganz ernsthafte Weise zu befragen. Unter der musikalischen Leitung von GMD Cornelius Meister werden dabei Werke von Gustav Mahler, Ludwig van Beethoven, Clara und Robert Schumann, Fanny Hensel und Arnold Schönberg zu hören sein – und dabei konfrontiert mit Musik von und mit Max Herre und Schorsch Kamerun, der auch die Spielleitung unternehmen wird.

Der Rapper, Singer-Songwriter und Produzent Max Herre ist gleichzeitig Artist in Residence an der Staatsoper Stuttgart: In der Saison 2020/21 wird der das Opernhaus zu seinem „Musikzimmer“ machen und neben dem Eröffnungskonzert Denk ich an Deutschland in der Nacht mit dem Staatsorchester Stuttgart im Juni 2021 mit dem Staatsorchester, dem Pianisten Roberto Di Gioia und dem Projekt Web Web als Jazzer auftreten. Intendant Viktor Schoner:Wir alle hier lieben die Oper, haben aber gleichzeitig keine musikalischen Scheuklappen – und Max Herres Musik mag ich schon seit Jahren. Mit ihm konnten wir einen der wichtigsten und klügsten deutschen Hip-Hop Musiker gewinnen, in unterschiedlichen Formationen im Opernhaus seiner Heimatstadt aufzutreten.“

Zweimal ist am 31. Oktober und 1. November La Fiesta von Israel Galván im Opernhaus als Gastspiel zu sehen: Gemeinsam mit Sänger*innen, Musiker*innen und Tänzer*innen dekonstruiert der als Avantgardist und Enfant terrible der spanischen Flamenco-Szene bekannte Tänzer und Choreograph das zum Aushängeschild spanischer Kultur gewordene Gesamtkunstwerk „Flamenco“.

Wer ist wir?, das Thema der neuen Saison, steht inhaltlich über einer neuen Gesprächsreihe, die im Oktober ihren Auftakt nimmt. Zwei Gäste werden bei dieser Reihe miteinander in Dialog treten, und die zu Grunde liegende Frage bewusst offen, kritisch, global und postnational stellen. Umrahmt werden diese Gespräche teilweise von einem der zentralen Kollektive der Staatsoper Stuttgart, dem Staatsopernchor, der auch musikalisch ein vielfältiges „Wir“ thematisieren wird.

Während der Zeit des Lockdowns des Opernhauses haben sechs Videokünstler*innen sechs Musikfilme mit Sänger*innen des Ensembles gedreht: Sechs Filme über Gefühle im Ausnahmezustand auf der Basis von frühbarocken Madrigalen, diese poetischen Seelenminiaturen von Claudio Monteverdi, Tarquino Merula und Carlo Milanuzzi, werden im Dezember unter dem Titel Quälend süße Einsamkeit im Opernhaus gezeigt. Dazu wird Musik aus der Zeit Monteverdis unter der Musikalischen Leitung von Stefano Montanari gespielt. Entstanden sind die Filme an erstarrten Orten des öffentlichen Lebens – dem Flughafen, der Staatsgalerie oder dem verwaisten Opernhaus.

Neben der konzertanten Aufführung von Mozarts Don Giovanni stehen außerdem zwei Arienabende auf dem Programm: Am 11. November präsentieren Catherine Naglestad und Nicholas Brownlee unter der Musikalischen Leitung von Valerio Galli Höhepunkte der Opernliteratur. Am 17. Dezember stehen Elizabeth Caballero, Diana Haller und Adam Palka auf dem Konzertpodium im Opernhaus. Die Musikalische Leitung hat dann Karsten Januschke. Die Programme werden noch bekannt gegeben.

Projekte im Stadtraum

Viktor Schoner:Wenn die Corona-Krise eines gezeigt hat, dann, dass verlässliche Partner in dieser Stadt sich gegenseitig stützen: Gemeinsam mit den unterschiedlichsten Kooperationspartnern in der Stadt und im Land haben wir in den vergangenen Monaten emotional beflügelnde und künstlerisch bereichernde Erfahrungen gemacht. Diese Haltung wollen wir uns auch in Zukunft bewahren.“

Die bisher im Foyer des Opernhauses stattfindenden Liedkonzerte werden zu Beginn der neuen Saison in Räumen stattfinden, die von der Krise leergefegt wurden: Clubs, Hotellobbys und viele weitere Locations werden Spielorte für die eigens dafür konzipierten Programme sein.

Auch die Lunchkonzerte sind ab Herbst an verschiedenen Orten im Stuttgarter Stadtraum zu Gast: Musiker*innen des Staatsorchesters werden bei diesem beliebten Format zur Mittagszeit mit etwa 30-minütigen Programmen auftreten.

Die Zauberflöte – Welterfolg von Barrie Kosky – nun auch in Stuttgart
youtube Trailer Komische Oper Berlin
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Neuproduktionen

Den Auftakt der Opernsaison am 3. Oktober 2020 markiert die Premiere der Neuproduktion von Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte. Die Inszenierung von Barrie Kosky (siehe Trailer oben) und Suzanne Andrade ist eine Produktion der Komischen Oper Berlin, die bereits weit gereist ist und nun auch mit dem Ensemble der Staatsoper in Stuttgart zu sehen sein wird. Am Pult des Staatsorchesters Stuttgart steht Hossein Pishkar, der bereits in der letzten Saison als Dirigent bei einem Sinfoniekonzert mit Werken von Sciarrino, Romitelli und Beethoven debütierte. Josefin Feiler und Carina Schmieger treten als Pamina auf, alternierend mit Vera-Lotte Böcker als Gast. An ihrer Seite singen Mingjie Lei und Kai Kluge aus dem Stuttgarter Solistenensemble Tamino. Beate Ritter und Ks. Yuko Kakuta sind in der Rolle der Königin der Nacht zu erleben, als Sarastro David Steffens und Michael Nagl.

Am 11. Oktober 2020 folgt ein Doppelabend mit Pietro Mascagnis Cavalleria rusticana und Salvatore Sciarrinos Luci mie traditrici (Meine verräterischen Augen) in der Inszenierung von Barbara Frey, der bereits in der aktuellen Spielzeit angekündigt war und nun Premiere feiert. Es dirigiert Cornelius Meister. Die eigens erstellte Orchestrierung von Sebastian Schwab spielt mit Klängen aus unterschiedlichen Räumen. Eva-Maria Westbroek (Santuzza), Arnold Rutkowski (Turridu), Rosalind Plowright (Lucia), Dimitris Tiliakos (Alfio)und Ida Ränzlöv (Lola) gestalten die Hauptpartien in Mascagnis beliebter Verismo-Oper. Eine weitere tragende Rolle kommt dem Staatsopernchor Stuttgart zu. In Sciarrinos 1998 in Schwetzingen uraufgeführter Oper, die in der Originalbesetzung mit 17 Orchestermusiker*innen aufgeführt wird, singen Rachael Wilson (La Malaspina), Elmar Gilbertsson (Un servo della casa), Ida Ränzlöv (L’Ospite) und Christian Miedl (Il Malaspina). Generalmusikdirektor Cornelius Meister: „Welch Glück, dass wir gezwungen waren, über den Orchesteraufbau bei Salvatore Sciarrinos Oper, der ursprünglich allein für den Orchestergraben gedacht war, noch einmal nachzudenken! Der feine und differenzierte Klangreichtum seiner Instrumentation kommt durch die Anordnung im Raum nun viel besser zur Geltung.“

Das Lied von der Erde von Gustav Mahler in der Fassung für Kammerorchester von Arnold Schönberg und Rainer Riehn am 27. Oktober 2020 ist die dritte Premiere der Saison – und ersetzt die ursprünglich für diesen Termin geplante Premiere von Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss, die aufgrund der großformatigen Besetzung unter den geltenden Hygienerichtlinien nicht zu realisieren gewesen wäre. Die Inszenierung stammt von David Hermann, der als Regisseur auch Strauss‘ Oper erarbeitet hätte. Nun inszeniert er mit den Sänger*innen Ks. Simone Schneider, Evelyn Herlitzius, Michael König und Martin Gantner eine szenische Version von Gustav Mahlers Symphonie auf Gedichte aus Hans Bethges Die chinesische Flöte im Rohbau des Bühnenraums, den Jo Schramm für Die Frau ohne Schatten entworfen hat. Gekoppelt wird Mahlers Musik mit Elfriede Jelineks Prosatext Die Bienenkönige. Die Schauspielerin Corinna Harfouch wird das Gesangsensemble für diesen Teil erweitern. Das Staatsorchester Stuttgart spielt unter der Leitung von Cornelius Meister.

Jules Massenets Werther ist die vierte Premiere der neuen Saison am 15. November 2020. Marc Piollet zeichnet für die Musikalische Leitung verantwortlich. Die Inszenierung stammt von Felix Rothenhäusler, der die Oper als Studie über die „Gefühlsextremist*innen“ Werther und Charlotte deutet. Die Titelrolle wird dargestellt von Jarrett Ott – und damit ist die Oper in Stuttgart in der selten zu erlebenden Bariton-Fassung zu hören. Seine Geliebte Charlotte wird von Rachael Wilson dargestellt, ihr Verlobter Albert ist Pawec Konik.

Die verzauberte Welt ist der Titel eines Musiktheaterabends für alle ab 6 Jahren, in dessen Mittelpunkt Maurice Ravels L’Enfant et les sortilèges steht und der am 19. Dezember 2020 Premiere feiert. Konzipiert und inszeniert wird die Oper von Schorsch Kamerun, der das Stück durch Ravels Märchensuite Ma Mère L’Oye sowie eigene Songs und Texte ergänzt. Die Musikalische Leitung hat der ehemalige Stuttgarter Generalmusikdirektor Dennis Russell Davies inne. Die zentrale Rolle des Kindes in L’Enfant et les sortilèges wird von Diana Haller dargestellt. Zudem sind bei dieser Produktionen in Zusammenarbeit mit dem JOiN Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren zum Mitmachen eingeladen: Sie werden gemeinsam mit dem Sängerensemble auf der Bühne des Opernhauses stehen.

Repertoire

Lediglich zwei Werke aus dem Repertoire der Staatsoper Stuttgart werden in der ersten Hälfte der Spielzeit 2020/21 wieder aufgenommen, davon eine konzertante Aufführung:

Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni kommt am 9. November 2020 einmalig im Stuttgarter Opernhaus und bei einem Gastspiel in der Philharmonie Köln (1. November 2020) konzertant zur Aufführung. Es dirigiert Generalmusikdirektor Cornelius Meister. Die Titelpartie singt Ensemblemitglied Björn Bürger.

Giacomo Puccinis Madama Butterfly steht am 12. Dezember 2020 wieder auf dem Spielplan der Staatsoper Stuttgart. Dirigentin Oksana Lyniv kehrt ans Pult des Staatsorchesters zurück. Die sängerischen Hauptpartien gestalten Elizabeth Caballero (Cio-Cio San) und Ensemblemitglied Pavel Valuzhin (Pinkerton). Ob die Oper in der Inszenierung von Monique Wagemakers oder konzertant zu sehen sein wird, entscheidet sich im Laufe des Herbstes.

Solistenensemble und Internationales Opernstudio

Das Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart ist zusammen mit dem Staatsorchester und dem Staatsopernchor das Herzstück des Hauses. Intendant Viktor Schoner: „In der kommenden Spielzeit wird es im Solistenensemble eine große Kontinuität geben. Unsere Sängerinnen und Sänger sollen sich gemäß der großen Ensembletradition des Hauses langfristig optimal weiterentwickeln können: durch neue Herausforderungen in einer Arbeitsatmosphäre des gegenseitigen Vertrauens und der Wertschätzung.“

Neu im Ensemble sind ab der Saison 2020/21 die beiden Sopranistinnen Carina Schmieger und Claudia Muschio sowie der Bassbariton Jasper Leever, die aus dem Internationalen Opernstudio übernommen werden. Acht Plätze für junge Nachwuchssängerinnen und -sänger werden in der kommenden Spielzeit im Opernstudio angeboten, wovon sechs neu besetzt werden: Neu hinzu kommen Linsey Coppens aus den Belgien, Gerard Farreras und Laia Vallés Montojo aus Spanien, Ángel Macías und Jorge Ruvalcaba aus Mexiko und Clare Tunney aus Großbritannien. Ein weiteres Jahr im Opernstudio bleiben Charles Sy aus Kanada und Alexandra Urquiola aus Kuba.

Musiktheater im JOiN: Mitmachen und Zuschauen in jedem Alter!

Neben einer Musiktheaterneuproduktion für alle ab 6 Jahren und einem Familienkonzert mit dem Staatsorchester im Opernhaus sowie den beliebten Sitzkissenkonzerten bietet die Junge Oper im Nord, das JOiN, auch in den ersten Monaten der neuen Saison ein breitgefächertes Programm an: für junge Menschen ab drei Jahren, aber darüber hinaus auch für alle Altersgruppen, die aktiv singen oder performen möchten.

Elena Tzavara, die künstlerische Leiterin des JOiN, über ihr Programm: „Unsere große Stärke ist unsere Kreativität, die nicht nachlassen sollte, wenn es um kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche geht. Gerade in dieser gesellschaftlich allumfassenden Krise sind wir als Kulturakteure aufgefordert, alles zu tun, um Kinder und Jugendliche zu erreichen – jetzt mehr denn je.“

Ein zentrales Projekt des JOiN in der Saison 2020/21 ist die Neuproduktion von Die verzauberte Welt mit Musik von Maurice Ravel, die am 19. Dezember im Opernhaus Premiere feiert. Dazu sind Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren eingeladen, gemeinsam mit der Protestmusik-Ikone Schorsch Kamerun, der den Abend inszenieren wird, auf der Bühne zu stehen. Bewerbungen für einzelne Jugendliche oder ganze Schulklassen sind ab sofort möglich per Mail an join@staatstheater-stuttgart.de.

Auch im Opernhaus wird am 10. Oktober 2020 das Das Dschungelbuch als „tierisch-lustiges Familienkonzert“ für alle ab 6 Jahren zu erleben sein. In einem Arrangement und unter der Musikalischen Leitung von Alexander Erbrich werden dann die Hits aus dem gleichnamigen Disney-Zeichentrickfilm mit dem Staatsorchester Stuttgart zu erleben sein.

Vor Weihnachten wird Artus – Ein Film-Projekt als Preview gezeigt: Eigentlich hätte Nicholas Koks und Jan Homolkas Adaption von Henry Purcells King Arthur in der Inszenierung von Elena Tzavara bereits in der laufenden Saison Premiere feiern sollen – Corona hat dies verhindert. Nun ist gemeinsam mit dem Projektchor, bestehend aus 30 Jugendlichen, Mitgliedern des Ensembles und des Opernstudios sowie des Staatsorchesters ein Filmprojekt entstanden, in das es noch vor Weihnachten erste Einblicke im JOiN gibt. Dazu wird Claudio Monteverdis Il combattimento di Tancredi e Clorinda im „Vorprogramm“ aufgeführt. Der Termin wird noch bekannt gegeben.

Am 6. Dezember lädt das JOiN zu einem Nikolaus-Parcours ein: Dabei können Kinder und ihre Familien die vorweihnachtliche Junge Oper im Nord erkunden – und sich dabei auf die Suche nach musikalischen Nikolaus-Überraschungen machen.

Zurück im Repertoire ist mit Leonard Evers Musiktheater Gold ab 7. November 2020 eine der Erfolgsproduktionen des JOiN: Angelehnt an das Märchen Vom Fischer und seiner Frau der Brüder Grimm erzählt diese ebenso poetische wie tiefsinnige Kinderoper in der Inszenierung von Jörg Behr von der Suche nach dem Glück.

Den Einstieg ins Musiktheater für Kinder ab drei Jahren und ihre Familien bieten erneut die beliebten Sitzkissenkonzerte, die in der neuen Saison im Foyer des JOiN zu erleben sein werden. In der ersten Spielzeithälfte stehen Die Grille und die Ameise, Das Ding aus dem Klangsumpf, Das kleine Ich-bin-ich und Das Lamm, das zum Essen kam auf dem Programm. Zusätzlich sind die Sitzkissenkonzerte in der neuen Spielzeit auch als Gastspiele für Kindergärten und Grundschulen buchbar: Die Musiker*innen des Staatsorchesters kommen mit den unterschiedlichen Programmen direkt vor Ort!

Partizipation und Vermittlung

Bereits ab November laufen die Vorbereitungen für das Straßenoratorium Nesenbach, das im Juli 2021 im Stuttgarter Stadtraum gezeigt wird: An acht Terminen werden dann an acht unterschiedlichen Orten Menschen jeden Alters gemeinsam singen und performen. Eingeladen sind bereits jetzt alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, sich per Mail an join@staatstheater-stuttgart.de anzumelden. Probenbeginn ist der 4. November 2020.

Zuerst zum Workshop, dann ins Sinfoniekonzert: Bei allen Sonntagsterminen der drei Sinfoniekonzerte bis Januar sind Kinder zwischen 4 und 10 Jahren wieder eingeladen, zunächst an einer spielerischen und musikalischen Einführung teilzunehmen, um dann den zweiten Teil des Sinfoniekonzerts zu erleben. Vor der Pause werden die Kinder durch erfahrene Pädagog*innen auf das Programm vorbereitet und besuchen anschließend gemeinsam mit den anderen Kindern das Konzert.

Unter dem Titel GLOW – Gläserne Opernwerkstatt sind alle Initiativen des JOiN gebündelt, die Zuschauer*innen und Gruppen aller Altersstufen hinter die Kulissen blicken lassen: Ob Proben- oder Aufführungsbesuch, Workshops, Vor- und Nachbereitungen, kleine Stückentwicklungen, ein Urban-Gardening-Projekt, der Preview-Club oder digitale Angebote – die Gläserne Opernwerkstatt ist ein Angebot für alle, die sich bereits für Oper begeistern oder vielleicht zum ersten Mal mit dieser Kunstform in Berührung kommen.


Karten

Schriftliche Kartenbestellungen sind für alle Vorstellungen ab sofort möglich. Die Information über eine Kartenzuteilung erfolgt vor Vorverkaufsbeginn.

Der Kartenvorverkauf für die ersten Monate der neuen Saison beginnt folgendermaßen:

17. August für alle Veranstaltungen im September

15. September für alle Veranstaltungen im Oktober

15. Oktober für alle Veranstaltungen im November

Online
www.staatsoper-stuttgart.de

Telefonisch
+49 711 20 20 90, Montag bis Freitag 10 bis 20 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr

Persönlich
Öffnung der Tageskasse ab 1. September:
Mo-Mi 10-14 Uhr
Do-Fr. 14-18 Uhr

Abonnements
Alle Abonnements der kommenden Saison bleiben bestehen. Allerdings können in der nächsten Spielzeit in den Spielstätten aufgrund der derzeit gültigen Abstandsregelungen weniger Sitzplätze angeboten werden als bisher.
Mehr dazu: www.staatstheater-stuttgart.de/abo

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, BORIS – Der Blick zurück nach vorn, IOCO Kritik, 08.02.2020

Februar 8, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

BORIS  –  Modest Mussorgski / Sergej Newski

Ereignis – Wahrnehmung – Erinnerung – Überlieferung – Geschichte(n):  Was wirkt am Nachhaltigsten? 

von Peter Schlang

Nachdem sich die Stuttgarter Staatsoper in ihrem ersten Frühjahrsfestival im vergangenen Jahr mit der Frage nach der Bedeutung und Wahrnehmung der  Wirklichkeit befasst hat, treibt sie in diesem Jahr das Spiel mit den Zeitebenen und ihrer Vermischung auf die Spitze. Unter dem experimentell anmutenden Motto „Wer wollen wir gewesen sein?“ beschäftigt sich das aktuelle Frühjahrsfestival nämlich mit dem Futur II, jener Zeitform also, die Zukunft und Vergangenheit nicht nur grammatikalisch fasst, sondern auch Möglichkeiten für Entwürfe bietet, die sich aus verschiedenen epochalen Perspektiven betrachten lassen.

BORIS – Mussorgski / Newski
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Die „vollendete Zukunft“, wie das Futur II in seiner deutschen Fassung heißt, wirft einen mindestens doppelten zeitlichen Blick auf Subjekte (und Objekte) der Geschichte und frägt, wieviel und welche Gestaltungsideen – auch für die Zukunft – wir Gegenwärtigen aus der  Vergangenheit gewinnen können und wieviel Zukunft es in der Vergangenheit (wieder) zu finden gibt.

Die Staatsoper Stuttgart mit dem Opernprojekt „BORIS“
Frühjahrsfestival 2020 „Wer wollen wir gewesen sein?“

Als Auftakt und wohl ambitioniertestes Projekt dieser Überlegungen gelangte am Sonntag, dem 2. Februar 2020 im Stuttgarter Opernhaus BORIS zur (Ur-) Aufführung, bei dem die Urfassung von  Modest Mussorgskis Oper Boris Godunow (1869) und die Musiktheater-Szenen Secondhand-Zeit des zeitgenössischen russischen Komponisten Sergej Newski, miteinander verschränkt werden.

Diese Auftragskomposition der Stuttgarter Oper basiert auf Texten der weißrussischen Autorin und Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die für ihren gleichnamigen Roman der Stimmen während und  nach der Perestroika unter Präsident Gorbatschow die Lebenserfahrungen zahlreicher sowjetischer Bürger erfragte und zu Literatur formte. Für die in Stuttgart uraufgeführte musikalische Fassung von „Secondhand-Zeit“ wählten die Autorin, der Komponist und der verantwortliche Dramaturg Miron Hagenbeck die Erinnerungen von sechs Zeitzeuginnen und -zeugen aus, denen das Schicksal in der Sowjetunion und in den Jahren des Umbruchs gegen Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts besonders viel abverlangt hatte. Da die Darsteller dieser vier Frauen und zwei Männer auch in Mussorgskis ohne Striche gespielter Oper wichtige Rollen innehaben und die zehn Szenen der Secondhand-Zeit direkt und zwischen die Bilder der Mussorgski-Oper und an deren Ende gestellt werden, verschränken sich die verschiedenen Zeitebenen auf der Bühne zu einem geheimnisvollen Mix mit überraschenden Wirkungen, Kontrasten und Überlagerungen. So bespielt die Kunstform Oper im Spiel mit Trugbilden, Fantasien, Utopien und deren zerstörerischem, pessimistischem Gegenteil, der Dystopie, äußerst eindrucksvoll ihre angestammte Bühne und unterstreicht so ihre besonderen, ureigenen Stärken.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : Ensemble und Chor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : Ensemble und Chor © Matthias Baus

Zu dieser durchaus fesselnden theatralischen Wirkung trägt auch die sprachlich-dramaturgische Entscheidung bei, den Boris Godunow in seiner russischen Originalsprache und  Newskis / Alexijewitschs „Erinnerungssplitter“ in deutscher Sprache (Übersetzung Ganna-Maria Braungardt) singen zu lassen, so dass sich zur grammatikalischen Ebene des Festivalthemas eine weitere interessante Spielform der Duplizität gesellt.

Bei allen möglichen Zweifeln und der Berechtigung der Frage, ob Mussorgskis  „Original-Boris einer solchen modernen Fortschreibung und Ergänzung bedarf, sprechen neben den genannten aufführungspraktischen und dramaturgischen Aspekten auch die thematischen Parallelen der beiden Teile des „Stuttgarter BORIS“ für das hier umgesetzte Konzept.

So erzählt Mussorgskis Oper von Aufstieg und Fall eines Mächtigen, ja Gewaltherrschers, dem im 16. Jahrhundert regierenden Zaren Boris Godunow, die direkte Auswirkungen auf das Volk und dessen Situation haben, aber auch selbst von „unten“ beeinflusst werden. In Newskis Beitrag werden nun aus der anonymen Masse sechs Menschen  ausgewählt, deren Schicksal wie durch ein Zoom oder Mikroskop näher betrachtet wird. So wird erfahrbar, wie Geschichte und Geschichten miteinander verbunden sind und sich unterschiedliche Zeitebenen gegenseitig durchdringen. In beiden Darstellungen wird auch gezeigt, welche Brüche sich in einer Gesellschaft ergeben können und wie Menschen mit ihrem dadurch ebenfalls gebrochenen eigenen Schicksal umgehen und einen Neuanfang versuchen.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : Adam Palka als Boris Godunow und Carina Schmieger als Xenia / Die Geflüchtete © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : Adam Palka als Boris Godunow und Carina Schmieger als Xenia / Die Geflüchtete © Matthias Baus

Die Zusammenschau beider Epochen und ihrer Verhältnisse lässt auch  gut erkennen, dass und wie sich politische und gesellschaftliche Bedingungen gleichen, ja wiederholen – völlig  unabhängig von Epochen, zwischen denen, in diesen zwei  russischen Fällen, fast vierhundert Jahre liegen. So beschreibt BORIS das Modell für die Wiederkehr ähnlicher Machtmechanismen und veranschaulicht dieses in der individuellen Erinnerung (in)direkt Betroffener. Vergangenheit wird so zur – polyphonen – Gegenwart und ermöglicht die „Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitebenen“.

Das Team um den Regisseur Paul-Georg Dittrich setzt alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel ein, um diese Zusammenhänge plastisch und theaterwirksam darzustellen. Ja Dittrich und seine Ausstatterinnen, die Bühnenbildnerinnen Joki Tews und Jana Findeklee, die Kostümbildnerinnen Pia Dederichs und Lena Schmid sowie die von diesen bestens beschäftigten Mitarbeiter*innen der Gewandmeisterei, Schuhmacherei und Modisterei, ziehen alle Register und zeigen umfassend die Kunstfertigkeit ihrer jeweiligen Zünfte.

Dies beginnt schon beim Öffnen der Türen zum Zuschauerraum, wenn aus dem Off Geräusche und musikalische Versatzstücke erklingen und über eine vor den Bühnenrahmen gespannte Projektionsfläche Filmszenen eines mit Öl verschmierten, sterbenden Pelikans flimmern, wobei diese Szenen immer wieder in ein menschliches Auge projiziert werden.

Wenn sich dann der Vorhang hebt bzw. die Bühne langsam aus dem Dunkel auftaucht, kehrt dort das Bild der schon vertrauten Ölpest ganz real wieder. Der in BORIS  in voller Größe aufgebotene Chor der Staatsoper kauert, in ölverschmierten körperfarbenen Bodys  und ebenso verschmutzten Kappen, als von der Katastrophe gezeichnete, eingeschüchterte, demoralisierte Masse auf dem Boden und beklagt im Prolog aus der Secondhand-Zeit den Verlust einer vertrauten, scheinbar besseren Welt. Im Hintergrund erhebt sich der von den beiden Bühnenbildnerinnen  geschaffene, ebenfalls von dem vorausgegangenen Unglück stark in Mitleidenschaft gezogene und mit Öl und Teer verschmutzte zentrale Bühnenbau. Dieser erinnert an die Ruine eines sozialistischen Verwaltungs- oder Kulturbaus und wird im weiteren Verlauf der Handlungen, geschickt und mehrfach verändert, zum höchst flexiblen Multi-Funktionsort. Durch seine Drehbarkeit, seine Treppen und zahlreichen versteckten Türen entfaltet er dabei nicht nur ein überraschendes Innenleben, sondern erhält auch großen Anteil an der erwähnten theatralischen Opulenz  und Lebendigkeit der Inszenierung. Außerdem erlaubt er je nach Zustand die Assoziation mit staatlichen (monarchischen wie kommunistischen) und kultisch-religiösen Symbolen und Handlungen und bietet diesen einen schlüssig-passenden Rahmen.

BORIS – hier „Der Obdachlose“ und sein Schicksal
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Diese treffende Zu- und Einordnung wird auch durch eine unglaubliche Vielfalt an Kostümen erleichtert, die in ihrer Genauigkeit und Pracht so in der letzten Zeit höchstens in Produktionen klassischer Ballette zu sehen waren und – zumindest für jüngere Stuttgarter Opern-Neuinszenierungen – den reinen Luxus darstellen. Allein wegen dieser Ausstattung sei dringend zu einem Besuch des BORIS geraten.

Zum Problem für den Betrachter wird allerdings die Schrankenlosigkeit, mit der Regie und Ausstatterinnen streckenweise zu Werke gehen.  Da ist nicht nur manch ein theatralisches Mittel oder technisches Detail zu viel des Guten oder bringen einen die vielfachen Anspielungen und Assoziationsmöglichkeiten ins Schleudern. Zur regelrechten Übersättigung führen vor allem die fast pausenlos über eine runde Projektionsfläche oberhalb des zentralen Bühnenbaus flimmernden Video-Sequenzen. Sie bestehen nicht nur aus jeder Menge dokumentarischer Aufnahmen, Passagen aus Natur und Kultur, Zeichentrickfilmen und  Comic-Streifen, sondern werden zeitgleich auch in der an diesem Abend für das Publik geschlossenen Königsloge live produziert. Dort spielen Doppelgängerinnen und Doppelgänger der eingangs erwähnten sechs Darsteller wichtiger Rollen des Boris- und Secondhand-Zeit-Teils einzelne Szenen nach und verändern, ja verwandeln sich permanent. Das mag für die dafür nötige Videoregie und -technik eine dankbare Aufgabe und Herausforderung sein, lenkt aber mehr und mehr vom direkten Bühnengeschehen ab, zumal sich dieses nicht nur auf der Opernbühne abspielt, sondern die Regie dafür auch die beiden Proszeniumslogen und teilweise sogar den Zuschauerraum und die seitlichen Foyers bespielen lässt. Außerdem ermüdet dieser mediale Overkill  auf Dauer die Betrachter und verschiebt auch die Gewichte der Darstellung und Interpretation vom Realen zum zu sehr Fiktiven.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : das Ensemble © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : das Ensemble © Matthias Baus

Solche Einwände lassen sich für die Musik  dieses so ambitionierten wie ausgefallenen Projektes beim schlechtesten Willen nicht formulieren.  Das gilt zunächst ganz generell für das Zusammenspannen der beiden Partituren und die daraus hervorgehenden Klänge. So bereitet der für seine Zeit ungeheuer moderne Stil von Mussorgskis Boris Godunow mit seinen parlandohaften, meist rezitativischen und liedhaften Gesangsnummern, die sich aus der klassischen Oper höchstens einen schwach an ein Arioso erinnernden Solo- oder Ensemblegesang entlehnen, sehr gut den Boden für Newskis (gemäßigt) moderne Klangsprache. Deren zentrales Stilmittel ist die Polyphonie, die das Spiel mit verschiedenen Zeitebenen zur musikalischen Parallele von deren thematisch-inhaltlichen Zitaten werden lässt. Sergej  Newski Secondhand-Zeit ist dabei in vielen Epochen und Stilen der Musikgeschichte unterwegs und macht  u. a. Anleihen bei Jazz, Kirchen- und Tanzmusik (Tango und andere lateinamerikanische Rhythmen), wobei er auch ältere und traditionellere Elemente einsetzt, als Mussorgski dies getan hat. Das passt sehr gut zum Nebeneinander so unterschiedlicher Gesangs- und Ausdruckweisen im originalen Boris Godunow wie Chorälen und anderen religiösen Gesängen, derben, volksliedhaften Liedern, politischen Reden sowie Jubel- und dicht folgenden Protest-Gesängen und ergibt im Zusammenklang und im Ablauf der beiden Werkteile eine eigentümliche, rätselhafte Melange. Diese lässt den Hörer an etlichen Übergangstellen zum jeweils nächsten musikalischen Abschnitt raten, welchem Komponisten man das gerade zu Hörende nun verdankt.

Dieses anerkennende Fazit für das Harmonieren der beiden Kompositionen leitet ohne Bruch zur Würdigung der Leistungen des musikalischen Personals über.

Fordert die Länge der Oper mit über 180 Minuten reiner Spielzeit und der Umfang vieler Rollen und Chorszenen generell den Solisten und dem Chor ungeheure Konzentration, Kraft und Ausdauer ab, so gilt dies in besonderer Weise für die sechs Solisten, welche in beiden Werkteilen je eine tragende Rolle innehaben, also Doppelrollen singen und spielen. So nehmen Alexandra Urquiola als Fjodor und Aktivistin, Carina Schmieger als Xenia und Geflüchtete, Maria Theresa Ullrich als Xenias Amme bzw. Mutter des Selbstmörders,  Stine Marie Fischer als Schenkwirtin und Frau des Kollaborateurs, Elmar Gilbertsson als Grigori und jüdischer Partisan und Petr Nekoranec als Gottesnarr bzw. Obdachloser nicht nur in Secondhand-Zeit die zentralen und das ganze Werk tragenden Rollen ein, sie müssen dazu auch im Boris Godunow teils anstrengende und lange Partien stemmen. Die Qualität und Intensität, mit der sie das tun, sei es als Solisten oder in verschiedenen Ensembleszenen, zeugt wieder einmal von der großen Klasse des Stuttgarter Solistenensembles. Aus diesem ragen  am Premierenabend dennoch zwei Sänger mit ihren herausragenden gesanglichen Leistungen und ihrer großen schauspielerischen Präsenz besonders hervor:  die sich immer mehr zu Publikumslieblingen entwickelnden Adam Palka als despotisch-dämonischer wie als verletzlich-schwacher Boris Godunow und der ebenfalls in jeder Nuance überzeugende Matthias Klink als mit allen Wassern gewaschener, schmieriger Strippenzieher Wassili Schulski.

BORIS – hier „Die Aktivistin“ und ihr Schicksal
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In weiteren Rollen, die für alle Sängerinnen und Sänger übrigens  ihr Debüt darstellten, gefielen Goran Juric als bös geschundener Schreiber Pimen, Pawel Konik als Schtschelkalow, Ramina Abdulla-zade als  jüdischer Partisan im Kindesalter und Urban Malmberg als dessen Greisen-Darsteller sowie Charles Sy, Ricardo Llamas Márquez und Matthias Nenner.

Erneut einen überaus starken Auftritt hatte der von Manuel Pujol bestens vorbereitete Stuttgarter Opernchor, der den berühmten Massenszenen im Boris Godunow, aber auch den zwei Chören in Prolog und Finale der Secondhand-Zeit sowohl als Stimm- als auch als Darsteller-Kollektiv ungeheure Präzision und Überwältigungsmacht verlieh. Gleiches gilt für den für diese Chorszenen unverzichtbaren Extrachor und den von Bernhard Moncado betreuten Kinderchor der Staatsoper.

In sehr guter Verfassung zeigte sich am Premierenabend auch das Staatsorchester Stuttgart, in dem es keinerlei Schwachstellen gab, aus dem aber dennoch die exzellenten Bläser einmal besonders erwähnt werden sollen.

Als ruhender Pol in all diesen Klangmassen und souveräner Organisator wie übersichtsvoller und umsichtiger Taktgeber bestand Titus Engel nach seiner beeindruckenden Leistung in Bartoks Herzog Blaubarts Burg zu Beginn der letzten Spielzeit auch seine nächste Bewährungsprobe als Sachwalter neuer Musik.

Die Mehrheit der Zuschauer im ausverkauften Premierensaal dürfte ähnlich und überwiegend positive Eindrücke wie der IOCO-Korrespondent gesammelt haben, denn die nicht gerade wenigen mutigen Buh-Rufer wurden alsbald vom großen, ja frenetischen Beifall und Jubel überstimmt. Er galt nicht nur herausragenden musikalischen Leistungen und einer über weite Strecken auch schlüssig-stringenten Regie, sondern auch einem  bewegenden Plädoyer für mehr Menschlichkeit und die Wahrung der Menschenwürde.

BORIS an der Staatsoper Stuttgart, die weiteren Vorstellungen 07., 16., 23. Februar, 2. März, 10.; 13. April 2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

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