Pforzheim, Theater Pforzheim, Frankenstein Junior – Freche Horror-Parodie, 28.09.2019

September 17, 2019 by  
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Theater Pforzheim

Theater Pforzheim © Sabine Haymann

Theater Pforzheim © Sabine Haymann

Frankenstein Junior –  Young Frankenstein

Freche Horror-Parodie – mit Swing, Tanz und „monströsem“ Spaß!

Buch Mel Brooks + Thomas Meehan, Musik + Gesangstexte Mel Brooks

Premiere Samstag, 28. September 2019

Der Amerikaner Mel Brooks ist eine Koryphäe in Musical und Film. Niemand bringt wie er Figuren auf die Bühne, die Klischee und Liebenswürdigkeit mit so viel Witz verbinden. Seine Kompositionen haben Atmosphäre und Melodien, deren Rhythmen wortwörtlich in die Beine fahren. Besonders, wenn Irving Berlins legendäres „Puttin‘ on the Riz“ zur Stepptanz-Nummer wird, läuft das Ensemble zu Hochtouren auf.

Theater Pforzheim / Frankenstein Junior - Schuermann, Dengler, Steiner © Sabine Haymann

Theater Pforzheim / Frankenstein Junior – Schuermann, Dengler, Steiner © Sabine Haymann

Die Handlung von Frankenstein Junior knüpft an den Frankenstein-Mythos von Mary Shelley an. Erzählt wird die Fortsetzung der Geschichte anhand des Enkels des berühmt-berüchtigten Wissenschaftlers: Dr. Frederick Frankenstein (sprich: „Fronkensteen„) ist erfolgreicher Neurobiologe in New York und distanziert sich durch die Aussprache seines Namens explizit von seinem Großvater Dr. Victor von Frankenstein. Dieser wollte einen Menschen schaffen, versetzte jedoch mit einem Monster die Welt in Angst und Schrecken. Frederick will mit dieser morbiden Vergangenheit auch nach dem Tod Victors nichts zu tun haben. Bei ihm kommt die Wissenschaft immer zuerst. Er verabschiedet seine Verlobte Elisabeth, ein New Yorker Society Girl und reist ab, um das geerbte Schloss in Transsilvanien zu besuchen.

Dort wird Frederick vom ergebenen Diener Igor und der strengen Haushälterin Frau Blücher empfangen. Als Labor-Assistentin ergänzt die junge Inga das Team. Und ehe sich Dr. Fronkensteen versieht, steht er im alten Laboratorium und ist dabei, eine bahnbrechende Entdeckung zu machen. Dabei entsteht mehr als eine Liebesgeschichte und jede Menge Komik….

Theater Pforzheim / Frankenstein Junior - Schuermann, Dengler © Sabine Haymann

Theater Pforzheim / Frankenstein Junior – Schuermann, Dengler © Sabine Haymann

Regisseur Klaus Seiffert, der auch an der Musikalischen Komödie in Leipzig und dem Alten Schauspielhaus in Stuttgart inszeniert, arbeitet gemeinsam mit Choreograph Mario Mariano zum ersten Mal in Pforzheim. Das musicalerprobte Duo wird von Bühnen- und Kostümbildner Tom Grasshof begleitet. Seine Ausstattung orientiert sich an Mel Brooks legendärem Film und schafft ebenso Raum für innig Momente wie lebendige Ensembleszenen. Die Musicaldarsteller Samuel Schürmann als Frederick Frankenstein und Manuel Dengler als Igor sind zu Gast im Musiktheaterensemble. In der Spielzeit 2015/16 sang sich Samuel Schürmann mit „My Way“ als Frank Sinatra bereits in die Herzen des Publikums.

Frankenstein Junior ist ein swingendes Musical, in dem Slapstick auf Horrorfilm trifft und alles zu einem mitreißenden Gute-Laune-Soundtrack tanzt. Liebevoll hat jeder Charakter seine Eigenheiten und bringt das Familiengeschäft auf seine Weise voran. Die lustvolle Fortsetzung der Geschichte um das Erbe Doktor Frankensteins parodiert dessen erste Verfilmung aus den 30er Jahren und das Horror-Genre wortspielreich und schwungvoll. Ganz in der Manier von Mel Brooks gleichnamigem Film aus dem Jahr 1974 garantiert diese Musicalproduktion „monströsen“ Spaß!

Theater Pforzheim / Frankenstein Junior - Schuermann, Dengler, Steiner © Sabine Haymann

Theater Pforzheim / Frankenstein Junior – Schuermann, Dengler, Steiner © Sabine Haymann

Frankenstein Junior – Young Frankenstein

Mit Anna Gütter, Helena Steiner, Samuel Schürmann a. G., Lilian Huynen, Klaus Geber, Philipp Werner, Paul Jadach, Manuel Dengler a. G., Thorsten Klein, Chor des Theaters Pforzheim, Ballett Theater Pforzheim, Badische Philharmonie Pforzheim

Musikalische Leitung Philipp Haag, Inszenierung Klaus Seiffert, Bühnenbild und Kostüme Tom Grasshof, Choreografie Mario Marian

Premiere Samstag, 28. September um 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen am Fr, 4., Di, 8., So, 20., Mi, 23., Sa, 26. und Mi, 30. Oktober sowie an weiteren Terminen im Laufe der Spielzeit

(R)Einblicke  – Die öffentliche Probe
In der Reihe (R)Einblicke haben allen Musicalfans am Samstag, 21. September um 11.30 Uhr die Gelegenheit, eine Frankenstein Junior-Probe unter Leitung des Regisseurs Klaus Seiffert zu erleben

—| Pressemeldung Theater Pforzheim |—

Dresden, Neumarkt, Classic Oper Air – Pape, Krieger, Seiffert, IOCO Aktuell, 05.09.2019

Frauenkirche Dresden /  illuminiert vom 6. Classic Oper Air © Christian Fritsch

Frauenkirche Dresden /  illuminiert vom 6. Classic Oper Air © Christian Fritsch

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6. Classic Open Air  –  Auf dem Dresdner Neumarkt

Barbara Krieger, Peter Seiffert, Rene Pape – Verzaubern in sonnig, südlicher Atmosphäre

von Michael Stange

Sommerliche Temperaturen sowie die Pracht des Neumarkts und der Frauenkirche boten den romantisch bezaubernden Rahmen des 6. Classic Open Air im Elbflorenz.

Unter dem Sternenzelt mit traumhafter Illumination der barocken Kulisse gingen Barbara Krieger, Peter Seiffert und Rene Pape mit dem Publikum auf eine musikalische Reise von Beethoven über Bernstein, Catalani, Gershwin, Kalman, Puccini Lehar, Verdi bis Wagner.

Schon zu Beginn nahm Barbara Kriegers hinreißend geführter Sopran insbesondere durch die sichere Atemführung gefangen. Mit breitem Gesangsbogen flutete sie Stimme unangestrengt und erreichte so freie, glockenhelle Spitzentöne und Koloraturen. Zugleich vermittelte sie durch organischen poetisch unterlegten Gesang und die eingesetzten Stimmfarben Sehnsucht und Poesie.

Durch diese spürbare, innere Anteilnahme an den interpretierten Charakteren gewann sie Ohren, Augen und Anteilnahme des Publikums schon mit ihrer ersten Arie der Elisabeth „Tu che le vanita“ aus Verdis Don Carlos. Verzweiflung um die gescheiterte Ehe mit Don Carlos, die Erinnerungen an die glücklichen Momente der Vergangenheit und ihre Seelenpein ließ Barbara Krieger zunächst mit betörendem Mezza voce erklingen, um sich dann zu bronzenen Tönen und leuchtenden Höhen aufzuschwingen. Nobel und elegisch schuf sie eine lyrisch, melancholisches Portrait, das bestrickte und bannte.

In Catalanis La Wally Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ gelangen ihr neben strahlenden Tönen innige, verhaltene Momente bei den Erinnerungen an den Abschied vom Haus der Mutter und der Beschwörung des Klanges der Kirchenglocken.

Eine Palette jubilierender, glückseliger Tönen prägten den Kalmann Walzer „Tanzen möcht‘ ich, jauchzen möcht‘ ich“. Runder Ton, perlende Koloraturen und quecksilbriges Sprühen machten auch Arditis „Il bacio“ zu einem Kabinettstück.

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger, Peter Seiffert © Christian Fritsch

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger, Peter Seiffert © Christian Fritsch

Dieses Nebeneinander von Seelenqual zum einen und Lebensfreude, Koloraturen und Übermut waren schon für sich allein eine große Leistung. Barbara Kriegers Wandlungsfähigkeit setzte dem die Krone auf indem sie jedem Stück Klang, Gehalt und die Atmosphäre der Komposition verlieh.

Die Gestaltung des Liebesduetts aus dem 2 Akt Tristan und Isolde mit silbernem Ton und blühenden Höhen von Barbara Krieger und Peter Seiffert war ein weiterer Höhepunkt. Hier bewiesen Beide ihr immenses sängerisches Gespür und ihre Wandlungsfähigkeit. Lyrisch legten sie zunächst ihre dramatischen Partien an, um dann die Steigerungen innwendig, bewusst, ohne Hast und ohne jegliches Forcieren zu erreichen.

Peter Seiffert war ihr heldischer und zugleich lyrischer Tristan: Mit emphatischen-mitreißenden Tönen schwammen Beide auf den Gesangslinien der Liebeswonne. So erschufen sie ein lyrisch dramatisches Bild des Liebespaares, das Intensität, Glut und belcanteske Wonnen versprühte und bis zum Ende des Duetts steigerten sie sich grandios. Im Schlussduett des 1. Aktes Boheme „O soave fanciulla“ gaben Sopran und Tenor mit italienischem Schmelz und pulsierende Leidenschaft.

Peter Seiffert kehrte zu Rollen seiner Anfängerjahre und CD-Einspielungen zurück. Er demonstrierte, dass seine Stimme auch nach vielen Ausflügen in das Wagnerfach zu den vielseitigsten und schönsten deutschen Tenorstimmen zählt. Seinen Humor und Charme stellte er bei „Heut geh ich ins Maxim aus der Lustigen Witwe unter Beweis. Mit heldentenoraler Pracht sang er „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ aus der Walküre.

Dritter im Bunde war Rene Pape, der Fiesco der Salzburger Simone Boccanegra Vorstellungen, der frisch von dort in seine Heimat zurückgekehrt war. So konnte auch das Dresdener Publikum mit der Arie „Il laceretao spirito“ als Simone Boccanegra begeistern.

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger © Christian Fritsch

Classic Oper Air 2019 in Dresden / mit vl Rene Pape, Barbara Krieger © Christian Fritsch

Balsamische Bassklänge paarten sich mit seiner wohltönenden Mittellage und prächtiger Höhe. Dass er einer der führenden deutschen Bässe ist, stellte er auch an diesem Abend mit Hans Sachs „Fliedermonolog“ aus den Meistersingern und der Arie Sarastos „In diesen heilg’en Hallen“ aus der Zauberflöte unter Beweis.

Temperamentvoll ging es für ihn mit Bess You is My woman“ aus Gershwins Porgy and Bess weiter. Rene Pape demonstrierte neben einer unvergleichlich schönen Stimme, die in allen Registern leicht und strömend anspringt, so auch ein immenses Interpretationsgeschick und spielerische Freude.

Dirigent Julien Salemkour trug die Sänger mit immenser Musikalität und großem stilistischem Einfühlungsvermögen auf Händen. Er war ihnen ein umsichtiger, zugewandter und zuhörender Partner. Orchesterfarben und klangliche Durchhörbarkeit gewährleistete er mit sicherer Hand und entlockte der Jungen Philharmonie Berlin sowohl die Farben Kalmans und als auch die dramatischen Klänge Wagners. Gerade in Konzerten, die ein so großes Repertoire enthalten, keine Selbstverständlichkeit, so dass er eine der Säulen dieses Glanzabends war.

Die von dem heute auch in Graz tätigen Dirigent Markus Merkel 2013 gegründete Junge Philharmonie Berlin bot Orchesterleistungen auf hohem Niveau. Das aus jungen, motivierten und hochtalentierten Profis bestehende Orchester glänzte durch seinen farbigen Orchesterklang und fulminantes, involviertes Spiel.

Ein strahlender Belcantoabend der durch die immense Musikalität und die glühende Begeisterung aller Beteiligten das Publikum zu Beifallsstürmen hinriss.

—| IOCO Kritik Morement Classic Open Air Dresden |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Tannhäuser – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.08.2019

August 28, 2019 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Tannhäuser  und der Sängerkrieg auf der Wartburg

Tobias Kratzers furiose Deutung –  mit Witz und Tiefgang

von Patrik Klein

In der letzten Vorstellung einer Produktion der Festspielsaison auf dem Grünen Hügel dabei zu sein, wie am 25.8.2019 im Tannhäuser, birgt eine Reihe von Vorzügen. Musikalisch und szenisch durften sich alle Beteiligten nach intensiven Probenwochen und bis dato fünf Aufführungen weiterentwickeln und verbessern. Der interessierte Wagnerfreund konnte die Eröffnung der Festspiele im Livestream im Internet verfolgen, sah danach die Aufzeichnung dieser Aufführung im öffentlichen Fernsehen noch einmal und machte sich zudem ein Bild von unterschiedlichsten Interpretationen und Bewertungen in den öffentlichen Medien. Eine vorgefasste Meinung musste sich folgerichtig einstellen.

 IOCO –  Auch bei  der Tannhäuser Dernière – Bayreuther Festspiele 2019

Aber weit gefehlt: Sitzt man denn nun auf seinem Platz im Festspielhaus, mittig in Reihe 25 und lauscht, schaut mit höchster Konzentration in Richtung Bühne, wo nichts, aber auch gar nichts vom Geschehen dort ablenkt, so ist die Wirkung der Musik und der optischen Komponente dichter, unter die Haut gehender, eindringlicher und berauschender. Richard Wagner wusste sehr genau, was er damals tat, als das Festspielhaus 1876 eröffnet wurde und seine Idee vom Gesamtkunstwerk Realität zu werden begann.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel - Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel – Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Le Gateau Chocolat, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Wagners fünfte vollendete Oper Tannhäuser, die er ab 1842 komponierte, stand 2019 auf dem Spielplan der Bayreuther Festspiele. Sie beruht auf zwei ursprünglich unabhängigen Sagen, der von Heinrich von Ofterdingen und dem Sängerkrieg auf der Wartburg zur Zeit Landgraf Hermanns I. von Thüringen einerseits, sowie der vom Tannhäuser, der für sein Verweilen im Venusberg Vergebung bei Papst Urban IV. suchte. Wagner kam auf die Idee, sie zu einer Handlung und die Figuren des Heinrich von Ofterdingen und des Tannhäuser zu einer Gestalt zu verschmelzen. Das Textbuch und die Partitur entstanden mit Unterbrechungen innerhalb von drei Jahren, die Uraufführung fand am 19. Oktober 1845 im Königlich Sächsischen Hoftheater in Dresden statt. Mehrere Umarbeitungen, Ergänzungen und Kürzungen führten zu unterschiedlichen Fassungen des Werkes. Wagner war nie ganz zufrieden mit seinem Tannhäuser, wollte ihn noch einmal komplett überarbeiten. „Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig“. Dazu kam es aber nicht mehr. In Bayreuth wird die sogenannte Dresdner Fassung von 1860 gespielt, die durch einige Kürzungen der Urfassung gekennzeichnet ist.

Zwei Debuts gab es zu feiern. Regisseur Tobias Kratzer, 39-jähriger deutscher Opern- und Schauspielregisseur, hatte bereits mehrere erfolgreiche Wagnerinterpretationen in seiner Vita zu verzeichnen. Er bringt mit seiner sehr nahe an Wagners Text angesiedelten ironischen und damit distanziert grenzüberschreitenden, temporeichen, farbenfrohen, tiefsinnigen und mit Videosequenzen unterstrichenen Interpretation des Tannhäusers das Publikum zum Schmunzeln, zum Lachen und Staunen, hält ihm humorvoll den Spiegel vor, ohne ins Triviale, Banale oder Oberflächliche abzugleiten. Kratzer sieht die Oper als ein Aufeinandertreffen zweier völlig verschiedener, aber zum Scheitern verurteilten Lebenskonzepte und Kunstformen, die Welt der anarchischen Venus mit einem tragi-komischen Tannhäuser im Horrorclownkostüm einerseits und die Welt der Hochkultur auf dem Bayreuther Festspielhügel mit dem einst aus dem Sängerensemble entlassenen und später zurückkehrenden Tannhäuser. Das Stück endet erlösungslos und tragisch.

Auch Valery Gergiev dirigierte zum ersten Male auf dem Grünen Hügel. Der wegen seiner politischen Ansichten und angeblichen „Putinnähe“ nicht unumstrittene Maestro wurde noch bei der Eröffnungspremiere von einigen Zuschauern ausgebuht. Es gab anscheinend zu wenig Proben und zu viele parallele Aufgaben für ihn neben Bayreuth u.a. in Salzburg und Verbier. Dadurch wurde er der anspruchsvollen Akustik und den klanglichen Besonderheiten des Bayreuther Festspielgrabens nicht ganz gerecht. Einige Male war das Orchester schleppend hinter die Sänger geraten, aber auch bei der Interpretation der Orchestermusik wirkte der Klang oft ohne Linie, wenig gebunden und etwas glanzlos. In der letzten von sechs Aufführungen, von denen er eine wegen eines familiären Trauerfalls nicht dirigieren konnte und Christian Thielemann spontan einspringen musste, sind die akustischen Abstimmungsprobleme zwischen Orchester und Sängern bzw. Chor weitgehend ausgeräumt. Gergiev lässt das Festspielorchester insgesamt temporeicher, luftiger und straffer erklingen. Er findet auch konsequent seinen dynamischen Interpretationsansatz, der sich durch eine gewisse Reduzierung der Linie und dafür einer des Öfteren staccatoartigen Rhythmenbetonung auszeichnet. Das Publikum feiert ihn am Ende mit frenetischem Beifall, der doch noch, warum auch immer, von einigen Buhs durchsetzt ist.

Tobias Kratzer und sein Team (Rainer Sellmaier, Bühne und Kostüme; Reinhard Traub, Licht und Manuel Braun, Video) machen bereits im Vorspiel deutlich, unter welchem Motto sie ihre Interpretation sehen wollen. Wagners früh in seiner Revolutionszeit entstandenes Zitat „Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Geniessen“ begegnet uns immer wieder an diesem Abend im Festspielhaus.

Tannhäuser 2019 – Gespräch mit Klaus Florian Vogt, Travestieshow …
youtube Trailer von KlassikRadio
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Statt den Hörselberg bei Eisenach im 13. Jahrhundert zu erblicken, fliegt man im Video-Drohnenflug über die Wartburg, Thüringens Wälder und über grünzerschneidende Asphaltstraßen. Ein altes klappriges Citroenwohnmobil aus den 1970er Jahren mit gelbgrünem Plastikhasen (Symbol der Fruchtbarkeit und Auferstehung) auf der Dachfront (eine Anspielung auf Schlingensiefs Parsifalhasen? Oder auf Joseph Beuys  Performance von 1965 „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“?) rauscht durch das satte Grün. Hier denkt man unweigerlich an die serbische Performancekünstlerin Mirina Abramovic, die eine Art fließenden Übergang zwischen Kunst und dem realen Leben markiert. Die wilde Fahrt führt vorbei an einer Biogasanlage, an deren Hinweisschild ein Beschäftigter ein Plakat überklebt mit der Aufschrift „mangels Nachfrage geschlossen“ (Sebastian Baumgartens Tannhäuser von 2011?). Ein Clown winkt aus dem vorbeirauschenden Citroen.

Nun erstmals real auf der Bühne des Festspielhauses erblickt man die Insassen des Fahrzeugs. Am Steuer dieses antibürgerlichen Ensembles lenkt Göttin Venus die Geschicke der Mitfahrenden. Beifahrer ist Tannhäuser im Clownoutfit und zwei weitere Figuren, zum einen der frühreife Oskar Matzerath aus Günter Grass´ Blechtrommel, dem die Erwachsenenwelt gar nicht gefiel, dargestellt von dem wunderbaren Bremer Schauspieler Manni Laudenbach und zum anderen eine Drag-Queen, also ein Mann im Outfit einer Frau, dargestellt von dem Künstler Le Gateau Chocolat. Brause aus dem Tütchen lutschend, voller Lust, Energie und einer gewaltigen Portion Übermut genießen sie zügellos die Reise. Als das Benzin zur Neige geht, nichts mehr zu Essen in der Kühlbox verbleibt, steuert man ein Fast Food Restaurant an, bestellt Burger ohne zu zahlen, stiehlt Benzin aus Fahrzeugen in einer Tiefgarage, klemmt Zettel mit Wagners Motto hinter die Wischerblätter, treibt das kriminelle Handeln auf die Spitze, in dem man einen Wächter kurzerhand überfährt, weil dieser sie erwischt und stellen will.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel - Stephen Gould als Tannhäuser und Elena Zhidkova als Venus © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser Vorspiel – Stephen Gould als Tannhäuser und Elena Zhidkova als Venus © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Dem im Clownkostüm steckenden Tannhäuser wird das nun doch zu viel. Gedankenvertieft wird er mit Botticellis Kunstwerk „Die Geburt der Venus“ aus dem Jahr 1485 in Verbindung gebracht. Das Quartett landet mittlerweile an einem verkitschten Überbleibsel deutscher Märchenkultur, einem  Eingangshäuschen eines Freizeitparks  mit Parkplatz und noch geschlossener Imbissbude, Zwergen im Vorgarten und Frau Holda aus dem Giebelfenster lugend. Als die Sirenen von der glühenden Liebe zu singen beginnen, packen die drei Insassen ihr Picknick aus, die Burger King Krone mittlerweile auf dem Schopfe der Drag-Queen sitzend. Tannhäuser hingegen ist nachdenklich und traurig. „Zu viel. Zu viel. O dass ich nun erwachte„.

Stephen Gould leistet in dieser Festspielsaison Unglaubliches. Neben dem Tannhäuser wuchtet er noch einige Tristanrollen mit Bravour und Durchhaltevermögen auf die Bühne des Festspielhauses. Das gab es in Bayreuth bislang lediglich in den 1960er Jahren, zu Wolfgang Windgassens Zeiten, als dieser nahezu alle Heldentenorpartien inne hatte. Völlig unbeeindruckt von dieser Mammutaufgabe  wirkt seine stählerne und kraftvolle Spinto-Stimme fokussiert, durch Textverständlichkeit und Formgebung geprägt, absolut sauber und spielerisch leicht. Selbst im dritten Aufzug gelingt ihm, da er seine Kräfte gut aufgeteilt hatte, die „Romerzählung“ mit frischer, hoher Strahlkraft und feiner Diktion. Dafür bekam er am Ende des Abends entsprechend großen Beifall des Bayreuther Publikums.

Im ersten Aufzug nun hält der Protagonist Wagners Partitur des Tannhäusers als Symbol einer geregelten Kunst und der konkurrierenden Lebensform zur Welt der Venus in den Händen. Er beklagt die Situation voller Sehnsucht und träumt von seiner Vergangenheit auf der Wartburg. Er reißt seine Clownperücke vom Schopfe, verlangt nach dem Duft und Klang des Waldes und nach dem Heil Marias, der Gegenfigur der Venus. Er packt die Tannhäuserpartitur in seinen Rucksack, überwindet die heftige Gegenreaktion der Göttin Venus, die noch einmal erfolglos alle ihre Verführungskünste aufbringt und ihn sogar noch einmal in den Bus zerrt. Aber es ist zu spät. Tannhäuser hat sich entschieden, sein Heil in der Gemeinschaft, aus der er einst entlassen wurde, zu suchen. Venus verflucht eifersüchtig das männliche Geschlecht.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier Gateau Chocolat © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier Gateau Chocolat © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Die erfahrene russische Mezzosopranistin Elena Zhidkova, die als Venus für die bei den Proben verletzte Ekaterina Gubanova einspringen musste,  singt und vor allem spielt die Rolle der „wieselflinken“, oft komischen und geschmeidigen Venus mit körperlichem Einsatz, einer Brise Sexappeal und vor Allem einer superb geführten Stimme. Mit viel Kraftaufwand gelingt ihr der dynamische Bogen von der verliebten Verführerin bis zur aufbrausenden Matriarchin, was jedoch besonders im dritten Aufzug etwas auf Kosten der Textverständlichkeit geht. Auch sie erhält am Ende vom Publikum reichliche Beifallsstürme.

Alleine auf der Bühne liegend begegnet Tannhäuser nun dem jungen Hirten (in Bayreuth ist der Hirte eine junge Türschließerin in blauer Uniform), der mit dem Fahrrad anhält, den Sonderling im Clownkostüm neugierig betrachtet und versucht, ihn durch seinen Gesang aufzumuntern. Katharina Konradi, unlängst Ensemblemitglied und Publikumsliebling an der Staatsoper Hamburg, gab ihr kurzes, aber bravouröses Bayreuthdebut mit strahlend klarer, feinst geführter Sopranstimme.

Der erste Chor der Pilger erklingt bei sich öffnendem Bühnenbild, welches eine Kopie des Bayreuther Festspielhauses mit herannahenden „Wagnerianern“ in Abendkleidern, Smoking und Programmzettel freigibt. „Am hohen Fest der Gnad` und Huld, in Demut sühn ich meine Schuld“ klingt es aus ihren Kehlen. Darf man sich als regelmäßiger Hügelgast hier bereits ertappt fühlen? Tannhäuser ist weiter im Dialog mit dem jungen Hirten, dabei den „Pilgern“ zuschauend. Er trifft nun auf den Jagdtross des Landgrafen. Es sind seine ehemaligen Sängerkollegen, aus deren Mitte er aus zu vermutenden Gründen entlassen wurde. Männer in historischen Kostümen, eben die Darsteller des Tannhäusers auf dem Grünen Hügel mit Künstlerzugangsberechtigtenausweis und Flaschenbier. Heinrich ist in seinem Clownkostüm kaum für sie zu erkennen. Unsicher ob Freund oder Feind begegnen sie sich. Als er schließlich erkannt wird, fordern sie Tannhäuser zum Verbleib bei ihnen auf, auch wegen Elisabeth. Diese erscheint, mustert ihn und gibt ihm eine heftige Ohrfeige. Da muss also etwas in der Vergangenheit gewesen sein. Doch die Schmeicheleien der ehemaligen Sängerkollegen zeigen Wirkung. Anhand der Partitur erkennt Tannhäuser seine schöne ehemalige Welt der „Bayreuther Hochkultur“ wieder und will zurück zu Elisabeth. Der Clownmantel fliegt im hohen Bogen ins Gras des gepflegten  Festspielrasens, währenddessen der alte Citroen vorfährt und die drei Insassen ratlos auf das Geschehen blicken.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : Stephen Gould als Tannhäuser, Elena Zhidkova als Venus, Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

In der ersten einstündigen Pause gewähren die Künstler um Le Gateau Chocolat den vielleicht ratsuchenden, diskutierenden und sich erholenden Festspielpilgern am Teich unterhalb des Opernhauses einen Einblick in ihre Kunst. Die Drag-Queen singt „Dich teure Halle…“ transponiert für Bassbariton, aber auch einige kabarettartige Stücke, während Oskar mit dem Gummiboot und mit Megaphon bewaffnet durch den Teich pflügt. Venus hat am Ufer inzwischen das immer wiederkehrende Motto gepinselt und tanzt wie in Trance zu den verstärkten Rhythmen aus den Lautsprechern.

Im zweiten Aufzug sehen wir uns als Fiktion dem Theater im Theater gegenüber gestellt. Die Bühne ist horizontal geteilt. Auf der oberen Fläche bringen Videoprojektionen Einblicke hinter die Kulissen und im unteren Teil erblickt man den historischen Festsaal der Wartburg. Wir befinden uns zunächst in den Katakomben des Festspielhauses. Elisabeth schminkt sich in ihrer Garderobe und bereitet sich auf ihre Hallenarie vor. Nervös und voller Lampenfieber läuft sie hinter der Bühne auf und ab. Inspizient und Bühnenarbeiter im routinierten Arbeitsprozess öffnen den Vorhang.

Lise Davidsen, die 32jährige lyrisch-dramatische Sopranistin aus Norwegen singt die Partie der Elisabeth mit atemberaubender Leichtigkeit, sowohl mädchenhaftem Feingespür aber auch metallischem Glanz und dramatischen Ausbrüchen in den ihr mühelos geratenen Spitzentönen. Eine wirkliche Entdeckung bei diesen Festspielen und eine Ankündigung einer großen Karriere, wenn man sie im Opernzirkus nicht vorschnell verheizt. Auf die Sieglinde im neuen Bayreuther Ring 2020 darf man sich bereits jetzt freuen. Am Ende der Vorstellung erntet sie mit Abstand die größten Beifallskundgebungen.

Wolfram, Tannhäuser und Elisabeth begegnen sich nun auf den Brettern, die diese Welt zu bedeuten scheinen. Wolfram bleibt im Hintergrund und beobachtet eifersüchtig den Dialog der beiden einander Begehrenden. Tannhäusers Fortgang in die konkurrierende Welt des  „Hörselberges“ hatte bei ihr tiefe Wunden hinterlassen und sogar einen gescheiterten Selbstmordversuch ausgelöst. Tannhäuser versucht seine Rückkehr zu erklären. Wolfram ist verzweifelt, während sich das Liebespaar in die Arme fällt. Nun erscheint der Landgraf, gesellt sich zu der nachdenklichen Elisabeth und erläutert ihr das bevorstehende Sängerfest, bei dem sie dem Gewinner als Braut dienen soll.

Der dänische Bass Stephen Milling ist an diesem Abend mit gediegener und großer Stimme bei der Sache. Wuchtig und dennoch fein geführt mit genauer Phrasierung gestaltet er textverständlich den Führer des Landes, der seine Nichte dem hehrsten Sänger und Künstler verspricht.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Trompeten erschallen beim Einmarsch der Edlen des Landes. Die Blicke hinter die Kulissen in den Videoprojektionen mischen die verschiedenen Sichtweisen zu einem ungewöhnlichen, reizvollen Zuschauerempfinden. Venus, Oskar und Le Gateau Chocolat treffen auf dem Grünen Hügel ein und versuchen während der Vorstellung in das verschlossene Gebäude einzudringen. Wir sind in permanent medienwirksamer Zeit „Live“. Erst mit einer Leiter über den Mittellogenvorbau und Königsbalkon des Hauses gelingt ihnen der Eintritt über ein unverschlossenes Fenster. Noch bevor sie einsteigen, wird ein Banner mit Wagners frühem Motto über dem Geländer ausgerollt. Währenddessen besingt man im Inneren die teure Halle, die die Kunst und den Frieden bergen soll. Unerkannt und unbedrängt schleichen sich die Eindringlinge in die Garderoben, überwältigen eine Edeldame, in deren Kostüm Venus schlüpft und sich polternd in die zelebrierende Menge mischt. Chocolat läuft durch den Gang mit Bayreuths Dirigentenportraits und bleibt kurz vor den Fotos von James Levine und Christian Thielemann stehen. Oskar und die Drag-Queen verstecken sich in den Kulissen. Der Landgraf stellt die Frage nach der Ergründung des Wesens der Liebe an die anwesende Ritter- bzw. Sängerschaft und verspricht dem Sieger seine Nichte zur Frau. Venus lässt ihren Emotionen überdeutlich freien Lauf und fällt zudem wegen grober Unkenntnis der eingespielten Rituale unangenehm auf.

Wolfram von Eschenbach beginnt bei Harfenklängen mit seinem Vortrag und gibt seine Vorstellung vom Wesen der Liebe zum Besten. Venus gähnt gelangweilt von seiner Kunst. Tannhäuser hingegen schmunzelt und scheint anderen Gedanken zu folgen. Seine Sängerkollegen klopfen ihm Mut machend auf die Schultern, bevor er auf das Sängerpodium tritt. Deutlich emotionaler, frischer und moderner klingt sein Vortrag, den er direkt an Elisabeth richtet, nicht ohne immer wieder Einwürfe seiner konkurrierenden Mitstreiter zu parieren.

Die Sängerschaft der Wartburg wird gestaltet von Daniel Behle als Walther von der Vogelweide mit solidem Tenor, Kai Stiefermann als Biterolf mit sicher geführter Baritonstimme, dem Spanier Jorge Rodriguez-Norton als Heinrich der Schreiber mit sicherer, glänzender Tenorstimme und Wilhelm Schwinghammer als Reinmar von Zweter, der neben der Rolle des Nachtwächters in den Meistersingern und seinem phänomenalen Titurel in Bayreuths laufender Parsifalproduktion, seinen tiefen Bass eindrucksvoll zur Geltung bringt.

Venus ist entzückt. Oskar und Chocolat treiben sich unentwegt amüsierend, stöbernd in den Hinterbühnen herum. Tannhäusers Vortragskühnheit erregt mittlerweile allgemeinen Widerspruch seiner Konkurrenten und der gesamten Zuhörerschaft, so dass er nun die „Katze aus dem Sack“ lässt und zugibt, „höchste Liebe im Venusberg“ kennengelernt zu haben. Mittlerweile hat sich Venus ihres Kostüms als Edeldame entledigt und gibt sich der entsetzten Gesellschaft tanzend auf einer Bank zu erkennen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : die Wartburg © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Chocolat und Oskar kommen dazu und bringen das Fass zum Überlaufen. Teile der edlen Leute fliehen voller Entsetzen. Elisabeth muss einschreiten, um zu verhindern, dass Tannhäuser der Selbstjustiz der Gesellschaft zum Opfer fällt. Sie bringt stattdessen Gottes Wille des unglücklich beherrschten Opfers ins Spiel. Beschämt treten die vier Omnibusinsassen vom Sängerpodium und aus dem Rahmen der Bühnenumfassung. Tannhäuser und Venus umarmen sich nochmals bevor sich Elisabeth in Trauer zunächst abwendet. Dann schreitet sie aber zu den vier Ausgegrenzten. Im Video sieht man die Hügelchefin Katharina Wagner die Reißleine ziehen und den roten Knopf zur Polizei drücken. Diese erscheint wenig später mit Blaulicht und Martinshorn, erblickt das illegale Banner und betritt die Bühne mit entsicherten Waffen. Tannhäuser wird verhaftet und abgeführt. Venus, Oskar und Chocolat sind, wie der Vampir beim Morgengrauen, voller Entsetzen. Sie bleiben vor der mit einer regenbogenfarbenen Flagge verhüllten Harfe alleine zurück.

Der zweite Aufzug hat dann auch wohl die Gemüter der lauschenden und gelegentlich sich die Augen reibenden Zuhörerschaft erregt. Riesiger Applaus und zum Teil heftige Gegenreaktionen prägen die Minuten vor verschlossenem Vorhang.

Das Spiel mit Realität und Illusion von Tobias Kratzer geht auch in der zweiten Pause weiter, denn das Banner mit Wagners Motto hängt weiterhin und diesmal live über dem Geländer des Mittelvorbaus des Festspielhauses.

Im dritten Aufzug kippt die Stimmung völlig, die beiden so verschiedenen Systeme brechen zusammen. Eine Metaebene durch Videoeinspielungen entfällt. Wir befinden uns in einem Tal vor der Wartburg auf einem heruntergekommenen Autofriedhof. Man sieht den schrottreifen Citroen und umliegende Trümmerteile. Oskar ist zunächst der einzige Mensch auf der Bühne. Er haust in dem Autowrack und kocht sich gerade in seiner alten Blechtrommel Dosensuppe, zerreißt ein mittlerweile bekanntes Plakat und verschwindet mit dem aufgerollten Papier hinter dem Fahrzeug. Die Venusbergidylle ist dahin. Nun erscheint Elisabeth nachdenklich und scheinbar Tannhäuser suchend. Sie vermutet ihn im Bus, trifft aber nur Oskar an, mit dem sie gemeinsam aus seiner Trommel von der Suppe löffeln. Aus dem Off kommt nun neben Elisabeth der zweite Gescheiterte Wolfram dazu, die Angebetete zurückgewinnen wollend. Elisabeth jedoch ist verletzt und wütend auf Tannhäuser, der ja fern von ihr im Gefängnis weilt. Der zweite Chor der Pilger kündet von der frommen Weise, die der empfangenen Gnade Heil verkünden soll.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Lise Davidsen und Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : Lise Davidsen und Manni Laudenbach © Bayreuther Festspiele 2019 / Enrico Nawrath

Der Chor der Bayreuther Festspiele mit seinen über 150 Mitgliedern aus den besten internationalen Opernchören liefert an diesem Abend wieder eine Weltklasse Leistung ab. Unter der Leitung von Eberhard Friedrich bereits seit beinahe zwei Jahrzehnten, ist er das Maß aller Dinge in Sachen Wagnerchorgesang, Präzision, Textverständlichkeit, Klang und Fülle…alleine wegen ihm lohnt sich bereits eine Anreise nach Bayreuth.

Anstatt aus Festspielgästen oder Edelleuten besteht er nun aus rückgekehrten Müllsammlern, Vertreter eines Prekariats ohne politischen Halt, gestrandeten und verwahrlosten Persönlichkeiten. Tannhäuser ist nicht dabei. Das steigert Elisabeths Verzweiflung noch einmal. Wolfram versucht die Situation für sich auszunutzen, in dem er ins Clownkostüm und Maske Tannhäusers schlüpft. Davon lässt sich Elisabeth blenden und schläft mit ihrem Traumbild auf der Pritsche des alten Citroens. Voller Scham und Verzweiflung und mit heruntergerissener Perücke folgt nun Wolframs „Lied an den Abendstern“.

Der aus dem Schwarzwald stammende Bariton Markus Eiche stellt geradezu eine Idealbesetzung des Wolframs dar. Sowohl die lyrischen, als auch die dramatischen Elemente beherrscht er wie kaum ein anderer. Besonders deutlich wird dies im dritten Aufzug, als er im Clownkostüm mit Elisabeth schläft und anschließend mit emotionaler Tiefe und feinster Stimme den Abendstern besingt. Eine Sternstunde der Gesangskultur. Größter Jubel für ihn am Ende der Vorstellung.

Elisabeth lehnt mittlerweile außerhalb des Fahrzeugs an der Karosserie und lässt sich von Oskar trösten. Die riesige Drehbühne beginnt zu rotieren und setzt ein Reklameschild frei. Man erfährt, dass Chocolat aus dem Gespann mit Venus und Oskar ausschied, Karriere gemacht und sogar eine Uhrenkollektion herausgebracht hat. Dann erscheint, allerdings zunächst unerkannt, Tannhäuser, aus dem Knast entlassen, völlig heruntergekommen mit schulterlangen Haaren doch noch. Er kann sich immer noch nicht entscheiden. Will er nun zu Venus, oder doch lieber zu Elisabeth. Wolfram zieht aus Tannhäusers mitgebrachten Plastiktüten die Partitur des Werkes, den wahren Halt zur Kunst und liest die aktuelle Stelle der Verwehrung der Buße durch den Papst mit prüfendem Blick vor. Tannhäuser tut ihm dies gleich, so dass sich Wagners Werk und das Bühnengeschehen aufregend reiben, den möglichen Schluss noch spannender und ungewisser gestaltend. Die Partitur wird zum sich nicht begrünenden Papst-Stab, währen dem der Chor nur aus dem Off erklingt. Der Tannhäuser Klavierauszug landet schließlich zerschmettert und mit herausgerissenen Seiten auf dem Boden. Venus erscheint im Outfit einer Putzfrau mit Klettergurt zur Reinigung des riesigen Plakates während dem Tannhäuser die Partiturseiten im Blecheimer verbrennt. Sie heißt ihn im Venusberg erneut Willkommen, was Wolfram verhindern möchte. Der Chor der Pilger erschallt aus dem Hintergrund. Elisabeth hat sich indessen selbst das Leben genommen. Venus blickt ins Leere. Dem eigenen Ende nahe zerrt Tannhäuser die tote Elisabeth aus dem Bus, bringt sie in die Position an eine Pietà erinnernd, streicht ihr über ihr blondes Haar und träumt unerlöst und letztmalig videobebildert von einer Flucht mit ihr im Citroenbus.

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele 2019 / Tannhäuser – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Als sich der Vorhang schließt und zunächst ein paar Sekunden andächtige Stille herrscht, löst sich die Anspannung im Publikum, die sich in anhaltenden Bravo- und Buh- Stürmen angesichts der erlebten Inszenierung entlädt. Musikalisch ist sich die Zuhörerschaft einig. Alle Sängerinnen und Sänger, das Festspielorchester sowie der Chor der Bayreuther Festspiele  als auch der Dirigent Valery Gergiev werden gefeiert und stürmisch bejubelt.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Pique Dame – Peter Iljitsch Tschaikowsky, IOCO Kritik, 01.06.2019

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

PIQUE DAME  –  Peter Iljitsch Tschaikowsky
 Eine Zeitreise  –  Fin de siècle – Rokoko – Hollywood

von Karl-H. Möller

Pique Dame, die 1890 in Sankt Petersburg uraufgeführte Oper, in der die gleichnamige Spielkarte der zentralen Figur des Librettos den Namen gibt und die Katastrophe des zum Spieler werdenden Helden vollendet, soll Peter Iljitsch Tschaikowski selbst als sein wichtigstes musikdramatisches Werk bezeichnet haben. Das Programmheft zur Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein widmet einem Zitat Boris Asafjews nahezu programmatisch eine ganze Seite:

„Die genialste von Tschaikowskys Opern überhaupt (…)
Wir erleben Schritt für Schritt das Eintauchen in einen Albtraum
und werden überzeugt, dass das alles real ist“

Über diese Superlative kann man angesichts des Welterfolgs von Eugen Onegin streiten, aber die Dimensionen des Werkes sind allemal gewaltig, sowohl im Anspruch als auch in ihren Anforderungen an die Regie. In der Dramaturgie gehen gewaltige Massenszenen abrupt in sehr einfühlsame Dialoge und Reflexionen der schwer zueinander und zu sich selbst findenden Hauptfiguren über, um sogleich wieder in die nächste wild-ekstatische Ablenkung zu stürzen. Musikalisch schenkt uns Tschaikowsky dabei sowohl berührende kammeropernartige Intimität als auch die späte Opéra Comique zitierende „dekadente“ Gesellschaftsspiele.

Pique Dame – Peter Iljitsch Tschaikowsky
youtube Trailer Deutsche Oper am Rhein
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Nach mehreren abgebrochenen oder verworfenen Versuchen, ein Libretto, das sein Bruder Modest nach Puschkins gleichnamiger Novelle aus dem Jahre 1834 geschrieben hatte, zu vertonen, komponierte Peter Tschaikowsky das Musikdrama drei Jahre vor seinem Tod in nur 4 Monaten – und das unmittelbar nach der Uraufführung seines Balletts Dornröschen und nahezu parallel zum Nussknacker. Vielleicht hat er erst nach und nach die besondere Nähe des Puschkin-Topos zu seiner von Depressionen und Isolationsangst geprägten Lebenssituation begriffen, sie dann aber in seiner letzten Schaffensperiode vehement in ein großes Opus verewigt.

„Tri Karti!“ – diese vielfach wiederholte Aufforderung, drei (Spiel)Karten zu nennen, kann selbst der des Russischen unkundige Opernbesucher in Düsseldorf verstehen, ohne die sehr gut gekürzte Übersetzung der klangvollen Bühnensprache mitzulesen. Tri Karti!  sind in Puschkins Novelle, in Modest Tschaikowskys Libretto und in der Inszenierung der US-amerikanischen Regisseurin Lydia Steier das obskure Objekt der Begierde, das sich letztendlich todbringend vererbt. Tri Karti: das sind Troika, Sedmoika, Tus – die Drei, die Sieben, das Ass, deren Gewinngarantie nur die alte Pique Dame genannte Gräfin kennt, die sich dieses Geheimnis einst durch eine erpresste Liebesnacht erschlief, freilich gebunden an den Fluch, dass ihr der dritte Mann, der ihr der Karten wegen die Liebe anträgt, den Tod bringt. Zwei waren bereits da, als Hermann, ein Deutscher, zunächst als in die Enkelin Lisa verliebter Sonderling in ihr Leben tritt…

Drei, Sieben, Ass: Die Oper besteht aus drei Akten in sieben Bildern. Drei unterschiedliche Ansätze liegen der Inszenierung zugrunde, Puschkins Novelle, die den Leser in die Moskauer Spielerszene führt, in der die seit ihrer Pariser Vergangenheit geheimnisumwobene Gräfin verkehrt. Modest Tschaikowskys Libretto verlegt die Handlung aus dem eher nüchternen Ende des 19. Jahrhunderts um 100 Jahre zurück und lässt die Dekadenz des Rokoko zum Hintergrund einer Oper werden, die am Beginn des „Fin de siècle“ die französische Grand Opera, den italienischen Belcanto und die Tiefsinnigkeit deutscher Musikdramatik zitiert.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier :  Elisabeth Strid als Lisa, Sergey Polyakov als Hermann, Ensemble © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Elisabeth Strid als Lisa, Sergey Polyakov als Hermann, Ensemble © Hans Joerg Michel

Die Idee der Regisseurin Lydia Steiner, die Handlung 60 Jahre nach Tschaikowskys Tod im Hollywood Mitte des 20 Jahrhunderts zu spielen, folgt der durchaus faszinierenden Logik, dass ein zur Wirklichkeit werdender Albtraum vor allem dort vorstellbar ist, wo mit aller Macht den Fragen der Realität mit der „Koste es, was es wolle“ Haltung neureicher Eitelkeit und alten Geldes begegnet wird. Und da hat die Zeit Katharinas II durchaus Parallelen zu Hollywood, wo jegliche Träume so gelebt werden als seien sie Realität. Aus der die Rokokoattitüde ihrer Pariser Zeit als „Moskauer Venus“ bewahrenden und zelebrierende Gräfin, die im ursprünglichen Libretto auf einem Maskenball beim Fürsten Potemkin auftaucht, wird bei Lydia Steier eine alternde Stummfilmdiva (vielleicht ähnlich der Norma Desmond in Billy Wilders „Sunset Boulevard“), deren geheimnisvolle, aus der Zeit gefallene Aura die Filmwelt der 50er Jahre amüsiert und irritiert.

Der Dramaturg der Düsseldorfer Inszenierung, Mark Schachtsiek, baut das sehr informative Programmheft rund um die „Sieben“ und begleitet die 7 Bilder der 3 Akte durch 7 Thesen und 7 assoziative Aufsätze, die sehr neugierig machen, wie die frappierende Logik eines Transfers des Inhalts um eineinhalb Jahrhunderte sichtbar werden kann.

Um es vorweg zu nehmen:
Es ist zwar ein sehenswerter Theaterabend geworden, der die nicht ganz einfach zu erzählende Geschichte nachvollziehbar transportiert, ohne die großartige Musik zu stören. Aber meine Erwartung, die Hauptfiguren (Hermann, Lisa und Gräfin) dürften ihre Konflikte, Nöte, Ängste, Wandlungen, Hoffnungen und Verzweiflung in dem außergewöhnlichen und für die „Modernisierung“ der oberflächliche Rokoko-Dekadenz prädestinierten Traumfabrik-Umfeld nachvollziehbar ausleben und vom Publikum – zur Empathie angeregt –nachempfinden lassen, haben sich nur in Ansätzen erfüllt. Das beginnt mit der Poolparty im mondänen reichen Beverly Hills, die ein sich nach wirkungsvollem, noch übersichtlichem Freeze-Bild zur Ouvertüre überfüllendes Minibassin zeigt. In dem proppenvollen Freibad haben die etablierenden Hauptdarsteller Mühe, sich aus dem auf der Szene notwendigen Chor und den zwar sehr engagiert spielenden aber eigentlich überflüssigen Komparsen herauszuschälen. Wenn sich dann noch der gut singende (wie immer von Justine Wanat musikalisch bestens präparierte) cowboykostümierte Kinderchor an den Beckenrand drängelt, um die gelangweilten Superreichen mit patriotischen Liedern zu agitieren, leidet man mit der Poolgesellschaft, die offenbar Schwierigkeiten hat, taktsicher mit dem Dirigenten zu korrespondieren.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier :  Maria Kataeva als Polina, Alexander Krasnov als Graf Tomski, Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Maria Kataeva als Polina, Alexander Krasnov als Graf Tomski, Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

Die mit riesigem roten Hut auf Highheels durch die sich drängenden Massen tänzelnde Drag Queen ist der Eyecatcher, nicht die Solisten, deren Rollen sich in dem Gewimmel nur schwer zu erschließen vermögen. Zudem scheint die übervolle Bühne die Akustik zu schlucken, der musikalische Funke springt erst später über. Mit dem wundervoll gesungenen Quintett, in dem sich die Ausgangsbeziehung der Hauptfiguren musikalisch entwickeln darf, erlebt das Ohr seinen ersten Höhepunkt. In der TomskiBallade, in der die geheimnisumwobene „Vénus moscovite“-Vergangenheit der Gräfin Pique Dame in Paris erzählt wird, zeigt der Bariton Alexander Krasnov beispielhaft, dass die Rheinoper über herausragende Sänger verfügt, die die komplette Breite einer großen Besetzung erstklassig abzudecken vermögen.

Aus dem hellgewandeten Chic der Poolpartyeitelkeit schälen sich die beiden Hauptfiguren durch ihre – sie als Außenseiter kennzeichnenden – Kostüme heraus: Hermann, der existenzialistisch gewandete Intellektuelle (gesungen von dem höhensicheren Tenor Sergey Polyakov), und die als Bühnenfigur wenig attraktiv und unpassend „geschmückte“ Lisa. Er darf mit der ihn hänselnden Gesellschaft fremdeln und die wunderbare schwedische Sopranistin Elisabeth Strid muss als Lisa als hässliches Entlein unter eitlen Schwänen kräftig gegen ihre sonstige Ausstrahlung anspielen. Diese Konsequenz der aus dem Vollen der Dekadenzmöglichkeiten phantasievoll schöpfenden Wiener Kostümbildnerin (Ursuka Kudrna) hilft, sich endlich auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

Beeindruckend ist zum Beispiel das zweite Bild, in dem die Braut von Polina und den Damen des Chores in der Art eines „Junggesellenabschieds“ beschenkt und aufgemuntert wird, bevor die Albernheiten mit einer von der Gräfin jäh als „unpassend“ unterbrochenen russischen Romanze kurzfristig in eine natürliche Freude am normalen Leben münden. Retardierend schön ist die Selbstdemaskierung der Mädels nach dem aristokratischen Ordnungsruf, durch den die großartige Gräfin (Hanna Schwarz) mit raumfüllendem Alt die Befreiung aus verordnetem Sozialverhalten beendet. Ob sie als Rokokogräfin oder Stummfilmdiva die Natürlichkeit bändigend einschreitet, ist hier völlig egal, denn die natürliche Bühnenerscheinung der Pique Dame trifft beides. Die Grandezza der Schwarz lenkt die Aufmerksamkeit der sich sonst nur oberflächliche mit sich selbst beschäftigten Gesellschaft wie auch jene des zeitlosen Außenseiters Hermann auf sich – natürlich auch das von Tomski annoncierte Geheimnisvolle in ihr und ihrer Geschichte verstärkend. Die herausragende Mezzosopranistin Maria Katajeva etabliert sich als Polina mit dem russischen Volkslied und dem berührenden Duett mit der von ihr als „Krasawitsa (die wirklich Schöne) getrösteten Freundin Lisa als ein musikalischer Höhepunkt des Abends, von denen es in den leisen, intimen Szenen zahlreiche gibt – Lisas verzweifelte Arie an die Nacht zum Beispiel.

Wieder wandelt sich die Bühne in den Raum eines Events, eine Art venezianischer Maskenball ist Hintergrund des Auftritts von Lisas Bräutigam Jeletzki (der Bariton Dmitri Lavrov), dessen Liebesarie in der Art eines Popstars mit rosa Mikrofon auf einer Schlager-Showbühne zu singen ist. Das Rokokoschäferspiel, das musikalisch gar nicht zufällig Mozart zitiert, wird so in die Hollywoodwelt eingepasst. Die Darsteller des Tomski, der Polina und Mascha (die Sopranistin Daria Muromskaia) gestalten dieses Spiel im Spiel überzeugend und zwingen schließlich den immer noch fremdelnden Hermann in das Rokoko-Kostüm der zu huldigenden Zarin Katharina II.

Der Spagat zwischen dem „Jetset“ des späten 18. Jahrhunderts in Fürst Potemkins Maskenball und jenem in Hollywood zitierten gelingt in diesem Bild trotz oder auch wegen der die Masken bedienenden Bunnys und der lichtorgelnden Showbühne überzeugender als am Pool. Das Geschehen bleibt zwar optisch dekadent, aber es wird doch so verlangsamt und zeitweise zurückgenommen, dass sich sowohl Lisas Zerrissenheit, Jeletzkis durchaus glaubhafte Liebe und Hermanns Sehnsucht nach der Seelenverwandten erkennbar entwickeln können.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier : Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

In den nachfolgenden Bildern konzentriert und verschärft sich die Dramatik auf eine Dreierkonstellation. Hermanns Schwanken zwischen dem plötzlichen Liebesrausch, den er für Lisa empfindet und der magnetischen Faszination, die das Geheimnis ihrer nur durch Liebesversprechen zu dessen Preisgabe zu bewegenden Großmutter ist der zentrale Konflikt der Oper, in dem er die Vorgänge führen muss. Schon Puschkin schloss durch die Namensgebung für den Helden den Kreis zwischen dem „Vater“ des Kartentricks, dem Rokokografen Saint Germain und dem dritten und letzten Opfer der Spielerobsession – Hermann (russ. German). Während aber Elisabeth Strid auch darstellerisch sehr überzeugend agiert und ihrer ästhetisch so extrem benachteiligten Lisa innere Schönheit verleihen kann, hetzt Hermann – als Tenor glänzend – aber eher wenig nachvollziehbar durch die Szenen und schafft es nicht, die intimen Vorgänge so konzentriert zu spielen, dass die vielversprechenden dramaturgischen Linien auch erkennbar bleiben. Die berührende Szene am Kanal vor Lisas (nicht konsequent nachvollziehbarem) Selbstmord böte dazu alle Chancen, weil der Regieansatz, das Duett Hermann – Lisa als großes Missverständnis zu inszenieren, durch Polyakovs Unentschiedenheit oder Ungenauigkeit im Spielen des Vorgangs nicht funktioniert. Lisa meint mit ihrer Liebeserklärung ihn und bezieht bis zur bitteren, todbringenden Erkenntnis seine an die Gräfin gerichteten Liebesschwüre auf sich selbst. Da aber Lisas für Hermann behauptete „Durchsichtigkeit“ aufgeweicht wird, kann sich die Spannung nicht halten. Dabei wird vorab die bedrückende Atmosphäre der Szene unter einer Zugbrücke beeindruckend durch ein phantastisches Motiv der Holzbläser aus dem Graben aufgebaut. Ich werde – selbst akustisch angefröstelt – an die musikalisch eingefrorene Morgenkälte vor den Pariser Toren am Anfang des 3. Akts in Puccinis  La Bohème erinnert.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier :  Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki, Andrés Sulbáran als Tschaplitzki, Johannes Preißinger als Tschekalinski, Beniamin Pop als Surin, Sergey Polyakov als Hermann, © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki, Andrés Sulbáran als Tschaplitzki, Johannes Preißinger als Tschekalinski, Beniamin Pop als Surin, Sergey Polyakov als Hermann, © Hans Joerg Michel

Das Schlussbild ist wiederum opulent ausgestattetes Massentheater im Spielsalon. Tomskis Arie: „Wenn die Mädchen Vögel wären, flögen sie (…) immer auf den dicksten Ast“ wird „nicht enden wollend“ durch zwei Corsage-Dominas mit SM-Vogelköpfen illustriert, die den Sänger ausweiden und statt der Innereien Schmuck finden. Es ist wieder ein interessantes Milieu-Bild das allerdings allzu lang ablenkt und so die Spannung des Geschehens erst spät auf die Tri Karti lenkt. Hermann will seinen garantierten Sieg erzwingen, scheitert aber aufgrund einer plötzlichen Abkehr von der Prophezeiung. Den so entscheidenden Impuls, warum er als dritte Karte statt des gewinnbringenden Tus (Ass) die Pique Dame wählt, habe ich trotz der lokal prominenten Vorderbühnen-Anwesenheit des diese freud’sche Fehlleistung offenbar auslösenden Geistes der Gräfin nicht gesehen. Da hätte ich mir – wie in manch anderer Szene – die meine Aufmerksamkeit manipulierende Hilfe der Regie gewünscht, die ein großes Konzept weniger überzeugend als versprochen umgesetzt hat.

Der musikalische Leiter, Aziz Shokhakimov war in den Massenszenen ob der sicher auch objektiv kaum zu vermeidenden Hindernisse des Bühnenbildes (Bärbl Hohmann) nicht zu beneiden, vielleicht auch nicht so gut beraten, die Dynamik des Geschehens selten differenziert interpretierend zu bedienen und die Tempi sehr hoch zu halten, damit jedoch einige Probleme zwischen Bühne und Graben zu riskieren. Die Düsseldorfer Symphoniker durften trotz manch akustischer Probleme im schallschluckenden ersten Bild an vielen Stellen glänzen und waren mit dem vorzüglichen Sängerensemble und dem diszipliniert agierenden, ein durchaus verständliches Russisch (sowieso auf hohem klanglichen Niveau) singenden Chor Garant eines guten, soliden, die Erwartungen bedienenden Opernabends.

Pique Dame an der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf; die weiteren Vorstellungen 5.6.; 9.6.; 25.6.; 27.6.; 6.7.2019 und mehr

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

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