Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Premiere b.31 – Obelisco – SH-BOOM! 01.04.2017

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Ballett am Rhein: b.31
Obelisco – Martin Schläpfer
Adagio Hammerklavier – Hans van Manen
SH-BOOM! – Sol León & Paul Lightfoot

Premiere im Opernhaus Düsseldorf: Samstag, 1. April 2017, 19.30 Uhr
Premiere im Theater Duisburg: Samstag, 13. Mai 2017, 19.30 Uhr


Obelisco – Martin Schläpfer
Wie ein gigantischer Zeiger erhebt er sich, weist aus der Gegenwart in die Vergangenheit und vielleicht in die Zukunft, vom Boden in den Himmel, vom Augenblick in die Unendlichkeit: der Obelisk. Sinnbild und Denkmal einer alten Zeit, meist nur aus einem einzigen riesigen Stein geschlagen und eingeritzt in ihn unentschlüsselbare Hieroglyphen. Den Ägyptern war er Maß der Weltordnung, Stein gewordener Strahl der Sonne, Verbindung zwischen der Welt der Menschen und der der Götter, positioniert an den Schwellen der Heiligtümer. Den Römern, und nicht nur ihnen, wurden die Obelisken zu Siegestrophäen, und als solche stehen sie noch heute auf zentralen Plätzen – der Piazza San Pietro, der Place de la Concorde, im Central Park, vor dem Weißen Haus.

In seiner 2007 für das ballettmainz entstandenen Choreographie Obelisco wurde Martin Schläpfer der archaische Steinpfeiler, angeregt durch Salvatore Sciarrinos Orchesterwerk Il tempo con l’obelisco, zu einem poetischen Träger, zu einer Achse, um die er sieben Musiken aus unterschiedlichsten Zeiten und Genres wie Planeten kreisen lässt – jede eine Welt für sich und doch mit den anderen verbunden: Die amerikanische Sängerin Marla Glen trifft auf Sciarrinos Hineinhorchen in die Tiefenstrukturen der Klänge, Schuberts der Welt abhanden gekommenes Singen zwischen Liebe und Tod auf ein hysterisches Presto von Domenico Scarlatti, Mozarts tiefernste, aphoristische d-Moll-Fantasie auf Giacinto Scelsis „demjenigen, der sich entschließt, wieder- oder nicht wiederzukehren“ gewidmetes Stück „Anâgâmin“. Und wenn die berühmte Nummer „Geh’n wir ins Chambreséparée“ aus Richard Heubergers Opernball  schließlich in einer Einspielung mit Elisabeth Schwarzkopf erklingt, so wird aus einer operettigen Karnevalsmaskerade ein sublimes Vexierbild aus Klang und Sprache, eine feinst austarierte Balance von grazilem Seelenton und synthetischem Artefakt. Die Welten ändern sich, doch es bleiben ungeahnte Beziehungen: ein Kreisen um eine Mitte, ein Schweben über dem Boden, ein vertikales Verbundensein in der Sehnsucht nach dem Paradiesischen.

Obelisco ist ein Ballett voller Poesie, nächtlicher Schönheit, traumverlorener Trance, ein Ballett aber auch über Füße und Schuhwerk – barfuß, in Schläppchen, auf Spitze und High Heels, Schuhe, die über diese Welt hinausheben oder an sie binden. Eine Erforschung der Frage auch, was eine Konzentration auf den Fuß mit dem Rest eines Körpers macht. Und ein Ballett der Grenzüberschreitungen im Zusammenspiel von kompositorischer Strenge und einer geheimnisvollen Fantastik.

Musik von Marla Glen, Salvatore Sciarrino, Franz Schubert, Domenico Scarlatti, Wolfgang Amadeus Mozart, Giacinto Scelsi und Richard Heuberger Choreographie Martin Schläpfer, Bühne und Kostüme Thomas Ziegler Licht Thomas Diek

Adagio Hammerklavier – Hans van Manen
Manche Musik scheint sich dem Tanz auf den ersten Blick querzustellen. Ludwig van Beethovens späte Werke etwa umgibt diese Aura. Doch Hans van Manen hat es sich bei der Wahl seiner musikalischen Partituren noch nie leicht gemacht – und immer wieder bewusst die Auseinandersetzung mit absoluter Musik gesucht, die jenseits aller
gängigen Vorstellungen liegt, was „gute Ballettmusik“ sein könnte. „Adagio Hammerklavier“, jenes 1973 mit Het Nationale Ballet Amsterdam uraufgeführte Stück zu Christoph Eschenbachs die Qualitäten einer extremen Langsamkeit auslotenden Interpretation des 3. Satzes aus Beethovens „Großer Sonate für das Hammerklavier“ BDur op. 106, zählt zu jenen Balletten – und heute zu den unbestrittenen Meisterwerken des 20. Jahrhunderts. Mit seiner Neueinstudierung durch Igone de Jongh – eine der Musen Hans van Manens und Amsterdamer Starballerina – erweitert das Ballett am Rhein sein Repertoire um ein Werk, das in seiner Konzentration, Klarheit und unbestechlichen Stilsicherheit für Hans van Manen einerseits typisch ist, zugleich aber auch eine andere Seite des niederländischen Meisters zeigt, ist es doch vielleicht das sublimste seiner Werke. Drei Paare. Die Männer in weißen, gerippten Hosen und mit nackten Oberkörpern von geradezu kompromisslosem Selbstbewusstsein, die Frauen auf Spitze in hellblauen, weich-fließenden Röcken mit einer für Hans van Manen eher ungewöhnlichen Fragilität. Immer mehr lassen sie sich mit einer eigenartig schönen Traurigkeit auf das Spiel mit ihren Partnern ein, sich geradezu willenlos zu Arabesquen formen, über die Köpfe hinweg in die Lüfte heben, in tiefe Pliés oder in einen Spagat drücken, ihre Gliedmaßen flexen und strecken.

Wie sehr Hans van Manens Choreographieren von einem tiefen Verständnis der Musik bestimmt wird, lässt sich an „Adagio Hammerklavier“ aufs Schönste ablesen. Aus ihr schöpft er seine Energien und das Gefühl für Verläufe, aus ihr kreiert er seine mit geradezu archetypischer Spannung aufgeladenen und immer wieder hocherotischen Begegnungen zwischen Mann und Frau, die immer auch eine Befragung klassischer Rollenbilder im Tanz – und nicht nur in diesem – sind. Die Welt in „Adagio Hammerklavier“ ist dunkel getönt und gleichsam entrückt – geprägt von einem Wissen, dass alle Sehnsucht zu keiner Erfüllung finden wird. Entführt uns Beethoven, als wäre es eine Expedition, mit seinem Adagio auf die höchsten aller Gipfel, so dringt auch der Tanz zu einem immer pureren, klareren Bild seiner selbst vor.
Musik Adagio aus der Sonate Nr. 29 B-Dur op. 106 („Große Sonate für das Hammerklavier“) von Ludwig van Beethoven Choreographie Hans van Manen Bühne und Kostüme Jean-Paul Vroom Licht Jan Hofstra Choreographische Einstudierung Igone de Jongh


SH-BOOM! Sol León & Paul Lightfoot
Unter dem Motto „Life could be a dream“ schuf das erfolgreiche spanisch-britische Choreographen-Duo Paul Lightfoot und Sol León mit „SH-BOOM!“ ein verspieltes Ballett voller Humor, Esprit und beschwingt positiver Energie. Entstanden ist es 1994 für einen Workshop des Nederlands Dans Theaters und wurde seitdem als ein „work in progress“ mehrfach von den Choreographen umgearbeitet und weiterentwickelt, so dass es – wie eine erstaunliche Reise – auch die Entwicklung ihres Stils nachzeichnet.

Angeregt durch die unterschiedlichen Kulturen und Mentalitäten der Tänzer der Originalbesetzung kreierten Paul Lightfoot und Sol León eine Persiflage auf Show-Elemente, wie sie zwischen 1920 und 1950 im Entertainment beliebt waren. Die so leichtgewichtig daherkommende Choreographie zeigt oberflächliche, absurd-komische Spaßmacherei, aber auch die ironische, dunkle Seite jener tiefen Bitterkeit, in die das Show-Business seine Helden drängen kann. Zu populärer Musik der 1920er bis 1950er Jahre aus Amerika, Finnland, Spanien und Großbritannien treiben hier Herren in Feinripp-Unterwäsche und weißen Kniestrümpfen sowie Damen in züchtig-hochgeschlossenen, schwarzen Kleidern, deren Röcke jedoch ab und an keck gelüftet werden, in einer unglaublichen Dichte tänzerischer Höchstanforderungen ihr temporeiches Spiel zwischen Schamlosigkeit und leichter Unterhaltung. Es geht um die Absurditäten des Lebens – aber auch um dessen Ernst. „Die von uns verwendete Musik entstand zu einer Zeit, als die Menschheit durch zahlreiche Kriege bedroht war, und drückt mit ihrem lebensbejahenden Charakter doch auch die Befindlichkeiten der damaligen Jahrzehnte aus“, so Paul Lightfoot über das Stück. Und Sol León: „Indem wir die Figuren fast karikaturistisch überzeichnet ihren Humor benutzen lassen, gelingt es ihnen, aus ihrem eigenen ‚Leben‘ auszubrechen.“

1985 fanden Paul Lightfoot, der Brite aus Kingsley, und Sol León, die Spanierin aus Cordóba, ihre künstlerische Heimat beim Nederlands Dans Theater – zunächst als Tänzer, dann auch als Hauschoreographen. Seit 2012 ist Paul Lightfoot künstlerischer Leiter des Ensembles. Im Duo kreierten sie über 50 Werke für das NDT und wurden mit zahlreichen renommierten Preisen wie dem Prix Benois de la Danse und dem Herald Archangel ausgezeichnet. Zum Ballett am Rhein kehren sie nach der umjubelten Premiere von „Signing Off“ in b.03 nun mit einem weiteren Meisterwerk aus ihrem Repertoire zurück. Musik von Turner Layton und Clarence Johnstone, José Armandola und Olavi Virta, Arturo Cuartero, The Mills Brothers, Vera Lynn, James Keyes, Claude und Carl Feaster, Floyd F. McRae und James Edwards Choreographie, Bühne & Kostüme Sol León, Paul Lightfoot Licht Tom Bevoort Choreographische Einstudierung Valentina
Scaglia, Bastien Zorzetto


Ballettwerkstatt im Opernhaus Düsseldorf: Montag, 27. März 2017, 19.00 Uhr, Eintritt frei
Vorstellungen im Opernhaus Düsseldorf: Sa 01.04. 19.30 Uhr (Premiere) / Mi 05.04. 19.30 Uhr / Fr 07.04. 19.30 Uhr / Fr 21.04. 19.30 Uhr / So 23.04. 15.00 Uhr / Do 04.05. 19.30 Uhr / Fr 05.05. 19.30 Uhr
Vorstellungen im Theater Duisburg: Sa 13.05. 19.30 Uhr (Premiere) / Fr 19.05. 19.30 Uhr / So 21.05. 18.30 Uhr

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Dortmund, Konzerthaus Dortmund, Bariton Wonnen mit Christian Gerhaher, Liederabend, IOCO Kritik, 23.04.2013

April 25, 2013 by  
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Kritik

Konzerthaus Dortmund

Konzerthaus Dortmund © Daniel Sumesgutner

Konzerthaus Dortmund © Daniel Sumesgutner

Christian Gerhaher, Bariton – Gerold Huber, Piano – Liederabend, 23.04.2013

Bariton – Wonnen

Seine Musikalität ist sprichwörtlich. Die Schönheit seiner Stimme ist ein Labsal für die Ohren und das technische Fundament seines Baritons ist absolut perfekt. Diese stimmliche Perfektion ermöglicht es ihm beispielsweise, Noten im oberen Register mit der Bruststimme zu singen, also ohne zu falsettieren. Diese Stimme ist ein wirklicher Zauberkasten.

Die Rede ist von Christian Gerhaher, dem charismatischen Bariton, der zur Zeit einer besten in seinem Metier ist, vielleicht sogar der Beste, was den Lied-Gesang anbelangt.

Konzerthaus Dortmund / Christian Gerhaher © Jim Rakete

Konzerthaus Dortmund / Christian Gerhaher © Jim Rakete

Der gebürtige Bayer (1969, Straubing) hat sich seit einigen Jahren  auf allen Konzerpodien und an vielen großen Bühnen etabliert, wobei sein Hauptaugenmerk sich auf den Lied- und Konzertgesang richtet.

Konzerthaus Dortmund / Huber Gerold © Albert Lindmeier

Konzerthaus Dortmund / Huber Gerold © Albert Lindmeier

Bevorzugter Begleiter bei seinen Liederabenden ist Gerold Huber. Mit ihm zur gleichen Zeit hat er an der Münchener Musikhochschule studiert. Gerhaher wurde Schüler von Raimund Grumbach und dem Jahrhundert-„Mime“ Paul Kuen. Später Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf. Beide, Gerhaher und Huber, sind ein kaum zu überbietendes Team. Es ist eine kongeniale Partnerschaft zwischen den Beiden.

Nach dem gefeierten Auftritt vor wenigen Tagen beim “Heidelberger Sommer“, wiederholten beide das Programm nun im Dortmunder Konzerthaus, wo sie schon 2010 mit einem reinen Mahler-Programm aufgetreten waren.

Heute hießen die Komponisten Robert Schumann und Heinz Holliger. Das sind Kontraste, die auf den ersten Blick nicht zusammen passen, aber gar nicht so weit voneinander entfernt sind.

Christian Gerhaher und Gerold Huber begannen mit “Zwölf Gedichte, op.35“ auf Lyrik von Justinus Kerner. Es sind Lieder, deren Texte von Weltschmerz und Abschied handeln, von Schumann mit hochromantischer Musik versehen.

Gerhaher sang die Lieder mit präziser Klangfarbendramaturgie, subtilen dynamischen Abstufungen und fast intellektueller Wortartikulation. Sehr subtil gelang es ihm, die unterschiedlichen Stimmungen in der Stimme hörbar werden zu lassen. Er sang in Farben, hatte eine ganze Palette zur Verfügung. Und so wurde aus jedem Lied ein Minidrama. Hubers behutsame, feinfühlige Begleitung war ein Teil dieser Dramen. Genauso war es mit der anderen Schumann-Gruppe, “Sechs Gedichte von Nikolaus Lenau und Requiem op.90“. Gerhaher vermittelte ganz auf den Punkt genau die schmerzliche Stimmung der Gesänge, wie auch die beruhigende Botschaft der letzten Zeilen des “Requiems“.

Zwischen diesen Schumann-Blöcken erklang die Komposition “Lunea“ von Heinz Holliger, dem Komponisten und überragenden Oboisten. Es sind 23 Sätze von Nikolaus Lenau, die Holliger 2012 vertont hat und Christian Gerhaher widmete. Eine interessante Komposition, dem Hören nach ganz auf die Stimme Gehahers maßgeschneidert, alle Vorzüge des Sängers vereinend.

Umfangreich ist auch der Klavierpart. Nicht nur die Tasten lassen die Musik tönen, auch Klopfen auf den Resonanzboden und Zupfen der Saiten gehören dazu. Die musikalische Sprache ist sehr ausdruckstark, wie auch die schwermütigen Sätze Lenaus, die weder Lyrik noch Poesie sind, sondern Momentaufnahmen von Stimmungen. Hier wird Höchstleistung in Konzentration verlangt. Gerhaher und Huber vermittelten das mit großem Engagement.

Eingangs gab es schon eine Komposition von Holliger. “Elis“, drei Nachtstücke (1961) auf drei Zitate von Georg Trakl. Hier ist der Klavierpart dominierend, den Huber souverän spielte. Gerhaher deklamierte sehr prägnant.

Dieser Liederabend war eine Sternstunde, eine Vorführung vollendeten Liedgesangs und somit auch eine Meisterklasse für das Publikum, das an diesem Abend besonders andächtig war. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Frenetischen, stehenden Beifall gab es und eine wunderschöne Zugabe von Schumann “Der Einsiedler“.

IOCO / UGK / 23.04.2013

—| IOCO Kritik Konzerthaus Dortmund |—

Kirsten Flagstad, Eine Hommage zum 50. Todestag, IOCO Portrait, 30.11.2012

November 30, 2012 by  
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Portrait    

Kirsten Flagstad – Eine Hommage zum 50. Todestag

Kirsten Flagstad Museum

Kirsten Flagstad © Kirsten Flagstad Museum, Hamar

Kirsten Flagstad © Kirsten Flagstad Museum, Hamar

Am 7. Dezember 1962 starb Kirsten Flagstad, die Wagner-Interpretin schlechthin und eine der größten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts, in Oslo.

Sie wurde 1895 in Hamar, einer Kleinstadt in Ostnorwegen, geboren. Die Eltern waren beide Musiker, der Vater Dirigent und Geiger, die Mutter Pianistin.

Kirsten Flagstad © Kirsten Flagstad Museum, Hamar

Kirsten Flagstad © Kirsten Flagstad Museum, Hamar

Sie studierte im heimatlichen Oslo und debütierte schon 1913 in der kleinen Rolle der Nuri, in D`AlbertsTiefland“. Nach weiteren Studien in Oslo und an der Königlichen Musikakademie im schwedischen Stockholm bekam sie eine Verpflichtung an das Mayol-Theater in Oslo als Soubrette, vorwiegend in Operetten.

Von 1928 – 1932 war sie an der Oper in Göteborg verpflichtet und machte Tourneen durch Frankreich. Nach einem kurzen Rückzug ins Privatleben bekam sie durch Fürsprache der norwegischen Sopranistin Ella Gulbranson, ein Engagement nach Bayreuth zu den Richard Wagner Festspielen.

Sie sang dort 1933 zwei kleine Rollen in “Die Walküre“ und “Götterdämmerung“. Schon 1934 verkörperte sie Gutrune und Sieglinde bei den dortigen Festspielen.

Ihren absoluten Durchbruch hatte sie mit der Rundfunkübertragung ihres Debüts an der Metropolitan Opera in New York 1935 als Sieglinde. Weitere Auftritte an der MET und in anderen amerikanischen Städten, wie San Francisco und Chicago, schlossen sich an. Sie galt fortan als die bedeutendste  Wagnersängerin ihrer Zeit. An der New Yorker MET war sie die Nachfolgerin von Frida Leider. Häufig trat sie auf als Partnerin der Tenöre Lauritz Melchior und Set Svanholm.

Aber sie war nicht nur in Wagnerpartien zu erleben, sondern auch als Beethovens Fidelio-Leonore und Glucks Alceste.

1936 sang sie ihre erste Isolde an der Royal Opera Covent Garden in London. Eine Rolle, die ihre Schicksalspartie wurde und die man noch immer mit ihrer Interpretation in Verbindung bringt.

Es hat wunderbare Nachfolgerinnen in dieser Rolle gegeben, wie Martha Mödl, die Varnay, Birgit Nilsson und andere, aber keine hatte diesen königlichen Habitus, die imposante Erscheinung, die bronzene Stimmfarbe, sowie die satte Tiefe. Die strahlende, jubelnde Höhe der frühen Jahre erfuhr allerdings später gelinde Einbußen.

Legendär ist die EMI-Einspielung unter Wilhelm Furtwängler von Wagners “Tristan und Isolde“, die im Juni 1952 in London aufgenommen wurde. Einige exponierte Töne, die Flagstad nicht mehr zur Verfügung standen, “lieh“ ihr Elisabeth Schwarzkopf. Eine geschickte Schnitttechnik machte es möglich. Diese Gesamtaufnahme ist auch heute noch, wie einige andere Aufnahmen von Flagstad, eine Referenzaufnahme.

1940 ging Kirsten Flagstad zurück nach Norwegen, wo sie bis zum Ende des Weltkrieges blieb.

Nach dem Krieg setzte sie ihre Laufbahn fort. 1948-50 sang sie ihr ganzes Repertoire am Londoner Opernhaus Covent Garden. Bei den Salzburger Festspielen 1949 und 1950 war sie die Leonore in BeethovensFidelio“ unter Furtwängler.

Ihren Bühnenabschied gab sie am 1. Oktober 1951 im Londoner Mermaid-Theatre als Dido in Henry Purcells Oper “Dido and Aeneas”. Im März 1952 wurde dieses Werk auch im Studio eingespielt. Im gleichen Jahr entstand die legendäre Aufnahme der Schlussszene der Brünnhilde aus Wagners “Götterdämmerung“ unter Furtwängler.

Die Uraufführung der ”Vier letzten Lieder”, dem Schwanengesang des greisen Komponisten Richard Strauss, sang Kirsten Flagstad unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler im Mai 1950 in der Royal Albert Hall.

Sie gab noch viele Konzerte in aller Welt. So auch im Mai 1952 in Berlin, bei dem sie auch tief berührend einen Ausschnitt aus “Elektra“ von Strauss sang.

1955 zog sie sich ganz von den öffentlichen Auftritten zurück und übernahm 1958 die künstlerische Leitung der Norwegischen Nationaloper in Oslo, die sie bis 1960 leitete.

Beachtlich viele Tondokumente hat Kirsten Flagstad hinterlassen, die nach wie vor zu bekommen sind. Von den ersten Aufnahmen in den 1930er Jahren mit dem Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy, über den kompletten “La Scala-Ring“ unter Furtwängler 1950, bis hin zu den späten Aufnahmen für die DECCA, Lieder von Sibelius, Grieg, Brahms, Mahler und Wagner.

Noch 1960, zwei Jahre vor ihrem Tod am 7. Dezember 1962, sang sie auf Wunsch von Georg Solti die Fricka im “Rheingold“ in dessen Aufnahme des kompletten Wagner-Rings mit den Wiener Philharmonikern.

Der Journalist und Autor Berndt W. Wesseling ließ in seinem Klappentext zu Flagstads Mahler-Album ihren langjährigen Partner Lauritz Melchior zu Worte kommen: “Mit ihr sinkt die bedeutendste Wunschmaid Richard Wagners in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Grab. Ihre Runen sind überdeutlich in die Weltesche eingeschnitzt und werden dort von ihrem Leben und von ihrem Ruhm künden, so lange die Menschheit an den Werken Wagners Gefallen und durch sie Erfüllung findet.“

IOCO / UGK  / 30.11.2012

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, The Rake’s Progress von Igor Stravinsky, IOCO Kritik, 23.05.2012

Mai 26, 2012 by  
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Kritik

Deutsche Oper am Rhein

 The Rake`s Progress von Igor Stravinsky

Aus dem Leben eines Wüstlings

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

 

 

 

 

 

 


Selten hat der Schreiber dieser Zeilen so beglückt, zufriedengestellt und in einer heiteren Stimmung einen Musentempel verlassen. Das geschah am Mittwoch zu später Stunde im Düsseldorfer Haus der Deutschen Oper am Rhein.

Das Werk, das diese Gefühle auslöste, war Igor StrawinskysThe Rake`s Progress“, die letzte Blüte in Strawinskys neoklassizistischer Periode und seine einzigartige Huldigung an Mozart. Die Oper wurde 1951 in Venedig unter der Stabführung des Komponisten uraufgeführt (mit Robert Rounseville, Ottokar Kraus und Elisabeth Schwarzkopf). Es wurde ein Welterfolg, auch in Deutschland, trotz des etwas plakativen Titels “Aus dem Leben eines Wüstlings“.

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / RAKES PROGRESS © Hans Joerg Michel

 

 

 

 

 

 


Die Geschichte, die Strawinsky und seine beiden Librettisten Chester Kallman und H. W. Auden erzählen, ist inspiriert von Hogarths KupferstichenA Rakes Progress“. Tom Rakewell ist ein behüteter Luftikus, der auf dem Land in den Tag hinein lebt, seine Anne von Herzen liebt und von einem Teufel namens Nick Shadow verführt wird zu einem Himmel auf Erden mit Macht, Reichtum und schönem Leben im fernen London. Dieser Shadow ist aber nicht so selbstlos wie es zunächst scheint. Nach einem Jahr fordert er seinen Lohn, Toms Seele.

Der Regisseurin Sabine Hartmannshenn gelingt es ganz hervorragend, diese Story in ausdrucksstarke Bilder umzusetzen, spannend, skurril und mit einer straffen, ausgefeilten Personenführung. Diese bewirkte, dem ganz wunderbaren Ensemble pralles Leben einzuhauchen.

Mit phantasievollen Einfällen, vom stilvollen Oldtimer bis zum Panorama Londons auf dem Hintergrundprospekt per Film, erfreute das Bühnenbild von Dieter Richter. So auch die üppigen, einfallsreichen Kostüme, die Susana Mendoza entworfen hatte.

Die Aufführung beeindruckte außerdem durch äußerste musikalische Geschlossenheit.

GMD Axel Kober leitete die Düsseldorfer Symphoniker präzise in den Einsätzen, ausgewogen in den Tempi und mit viel Fingerspitzengefühl für Strawinskys farbige Orchesterpalette. Außerdem ist Kober ein Meister in der Sängerbegleitung, man spürte es außerordentlich bei den ariosen Teilen.

Das Orchester war in Bestform. Der Chor klang makellos, von Christoph Kurig einstudiert. Auch die Komparserie hatte einen guten Tag und zeigte sich agiler als sonst.

Die Sänger, vokal und in ihrer darstellerischen Präsenz waren einfach nur großartig.

Matthias Klink sang den unglücklichen Helden Tom Rakewell mit schlankem tenoralem Strahl. Seine Darstellung berührte ebenso wie die fein differenzierte musikalische Auslegung der Rolle. Sein Gegenspieler Nick Shadow hatte in Bo Skovhus einen idealen Vertreter. Er war ein facettenreicher, gefährlich leiser, aber auch auftrumpfender Verführer. Sein in allen Lagen brillant klingender Bariton und seine musikalische Intelligenz konnte er auch in dieser schillernden Rolle souverän vermitteln. Annett Fritsch charakterisierte anrührend sensibel die Anne Trulove, Toms treue Freundin, deren Rolle sie auch stimmlich mit Bravour bewältigte. Die Türkenbaba war Susan McLean, monströs ausgepolstert, ein “wüstes Gefild“, dabei stimmlich glorios und mit einer ausgeprägten Vis comica.

Warme Bass-Töne verströmte Sami Luttinen als Annes Vater. Kernig und vorzüglich deklamierend war Bruce Rankin als Sellem. Prall und drall präsentierte sich Bonita Hyman als Mother Goose. Ihr saftiger Kontraalt erreichte mühelos Bass-Regionen.

Riesenjubel ließ nach drei Stunden Spieldauer das Haus erzittern. Das Publikum war begeistert.

IOCO / UGK / 23.05.2012

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—