Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 09.08.2019

August 9, 2019 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 Lohengrin – Richard Wagner

– Aufregende Besetzungs-Scharade –

von Ingrid Freiberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Lohengrin ist die wohl schönste (und nach Wagners eigenen Worten „allertraurigste“) Oper des Meisters. Während seiner Beschäftigung mit Tannhäuser fand Richard Wagner zum mittelalterlichen Stoff in Wolfram von Eschenbachs mittelhochdeutschem Versepos Parzival und erkannte in dem strahlenden Ritter sich selbst als einen von Gott gesandten und von der öden Welt missverstandenen Künstler. So lässt sich Lohengrin auch als Seelen- und Künstlerdrama begreifen. Das Frageverbot Lohengrins kommt geradezu dem göttlichen Verbot des Genusses der Früchte vom Baum der Erkenntnis im Alten Testament gleich. Indem Elsa das Verbot bricht, landet Wagner einmal mehr bei der Ur-Schuld des Weibes. Elsas Gegenspielerin Ortrud ergeht es durch Wagners Behandlung auch nicht besser: Mit ihrer Zerstörung verweigert Richard Wagner, ein reaktionärer Anhänger der „Revolution von oben“,  den Frauen jegliches Recht auf Einmischung in Politik und Kunst.

Bayreuth 2018 – Lohengrin – Interview mit Regisseur Yuval Sharon
youtube Trailer der Bayreuther Festspiele 2018
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Die Uraufführung des Lohengrin, 1850 in Weimar, wurde von Wagners späteren Schwiegervater Franz Liszt geleitet. In Weimar konnte der Komponist nicht beiwohnen, da er wegen Mitbeteiligung an den revolutionären Aufständen steckbrieflich gesucht wurde und sich ins Schweizer Exil begeben hatte. Erst 1861 erlebte er erstmals eine (unbefriedigende) Aufführung des Lohengrin in Wien.

Erlösung – durch Lohengrin, den Sohn des Parzival

Eine in Bedrängnis geratene Thronerbin, eine verleumderische Gegenspielerin, ihr willfähriger Gemahl und ein König aus alter deutscher Zeit – das sind die Beteiligten an einem Konflikt, der nicht nach Lösung, sondern nach Erlösung verlangt. Diese soll der Schwanenritter Lohengrin, der Sohn Parzivals, bewirken, ausgesandt vom heiligen Gral, um der des Brudermordes angeklagten Elsa von Brabant in einem Gottesgericht beizustehen. Die Bedingung dafür ist Vertrauen. „Nie sollst du mich befragen“, fordert Lohengrin von seiner Schutzbefohlenen.

Schon das Vorspiel zum ersten Akt offenbart das kompositions- und orchestrierungstechnische Genie Wagners.Wir haben hier in der Tat ein gewaltiges, langsames crescendo, welches, auf dem höchsten Grade der Klangfülle angelangt, im umgekehrten Sinne sich zu einem Ausgangspunkte zurückwendet und in einem fast unhörbaren Säuseln endigt… für mich ist es ein Meisterwerk.“ (Hector Berlioz) Obwohl das Drama ganz vom Text her erschlossen und musikalisch durchgestaltet ist, lassen sich in der durchkomponierten Großform eingebettete „Nummern“ erkennen, wie Elsas Traumerzählung „Einsam in trüben Tagen“, Elsas Szene „Euch Lüften, die mein Klagen“ und das anschließende Duett mit Ortrud, das in der unübertrefflich schönen Phrase endet „Es gibt ein Glück, das ohne Reu‘ “, der Brautchor im dritten Akt, die Liebesszene im Brautgemach „Wir sind allein“ und Lohengrins Gralserzählung „In fernem Land“.

Elsa – emanzipiert von männlichen Dogmen und Ritualen

Für das Regiekonzept von Yuval Sharon sind vor allem die starken Frauenfiguren, Elsa und Ortrud, prägend und wie diese sich von blindem Gehorsam emanzipieren können. Er versucht darzulegen, wie verführbar Menschen durch Religion und Spiritualität sind, inwieweit leben sie sie oder lassen sie sich durch spirituelle Führer verführen? Verkörpert am Ende eine neue Generation in Gestalt von Elsas Bruder Gottfried die Hoffnung auf eine bessere Welt?

Dieser Konflikt zeigt sich schon in der ersten Szene mit König Heinrich. Der erste Satz des Chors ist „Wir geben Fried und Folge dem Gebot“. Ein Scheingericht gegen Elsa schließt sich an. Im 1. Aufzug erscheint Lohengrin noch zweifelsfrei positiv und rettet sie. Je länger Lohengrin in dieser Welt bleibt, desto korrumpierbarer und schmutziger wird er –  bis Elsa das am Ende nicht mehr aushalten kann und das Frageverbot missachtet. Das ist laut Yuval Sharon eine mutige tapfere Tat – ein Aufbegehren, nicht zerstörerische Neugier… Der durch Neo Rauch und Rosa Loy stark vorgegebene Rahmen führt allerdings zu einer etwas statuarischen Inszenierung, liefert eine Traumatmosphäre, das Unterbewusstsein zeigt skurrile Bilder…

 Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lohengrin, das Bühnenbild ganz in Delfter Blau gehüllt © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Versinken in ein Gemälde

Obwohl Neo Rauch, ein international erfolgreicher deutscher Maler und der bedeutendste Vertreter der sogenannten Neuen Leipziger Schule, zusammen mit Rosa Loy, die sich mit dem Mysterium der Frau, der neuen Weiblichkeit und der neuen Romantik beschäftigt, noch nie ein Bühnenbild bzw. Kostüme für ein Theater kreiert haben, tragen beide diese Produktion entscheidend mit. Für Bühnenbild und Kostüme des männlichen Personals zeichnet Neo Rauch verantwortlich, Rosa Loy für die Kostüme der Frauen. Das Bühnenbild birgt Assoziationen an die flämische Malerei des 17. Jahrhunderts. Das Delfter Blau der Dekorationen hat Rosa Loy und Neo Rauch dazu inspiriert, für die Kostüme altniederländische Hauben und Krägen nach dem flämischen Maler Anthonis van Dyck zu kreieren… und romantisch blaue Wolkenformationen und Landschaftsszenerien zu malen. Mitten auf der Bühne steht – surreal – ein verlassenes Umspannwerk. Viele Figuren haben Flügel. Im Hintergrund ragen schemenhaft Felsen auf, es gibt Blitze, es geht um Licht und Dunkel. Wasser spielt eine Rolle, Sumpf, Schilf… Das Versinken in das Gemälde lässt der Musik Wagners nachhaltigen Raum. Ein wohltuendes Erlebnis in der oft mit Videos überfrachteten Theaterszene.

Aufregende Besetzungs-Scharade

Die Wiederaufnahme des Bayreuther Lohengrin 2019 wartet mit einem Novum auf: Lohengrin und Elsa sind in dieser Saison doppelt besetzt. Christian Thielemann, Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, sieht dies als positiven Wettbewerb. Letztes Jahr gab es große Anerkennung für Piotr Beczala, der für Roberto Alagna eingesprungen war. 2019 singt er wieder, aber nicht alle Vorstellungen. Klaus Florian Vogt, der in Bayreuth „die Institution Lohengrin“ schlechthin ist, teilt sich mit ihm die Auftritte. Das hat durchaus Reizvolles. Die Partie der Elsa sollte ursprünglich Krassimira Stoyanova singen, die erkrankte; für sie wurde Camilla Nylund gefunden. Für zwei Vorstellungen war Anna Netrebko verpflichtet, die jedoch kurzfristig absagte… Die Scharade geht noch weiter: Annette Dasch wird nun in zwei Aufführungen die Elsa singen und Thomas J. Mayer ersetzt den erkrankten Tomasz Konieczny als Telramund. Und damit der Aufregung nicht genug, Elena Zhidkova ersetzt Elena Pankratova als Ortrud. Christian Thielemann sprach zu Beginn der Festspiele von einer „Super-Werkstatt Lohengrin, das hat sich nun in aufregender wie überraschender Hinsicht bewahrheitet!

Trotz aller Widrigkeiten lässt sich über die Aufführung am 3. August 2019 fast ausnahmslos in den höchsten Tönen schwelgen, Sängerensemble, Orchester und Chor musizieren auf beeindruckendem Niveau und verbinden sich zu einer homogenen Gesamtleistung wie man sie nicht oft erleben darf. Trotz der Umbesetzungen ist dieser Abend ein Fest!

Georg Zeppenfeld, derzeit nicht nur als wortprägnanter König Heinrich in der vordersten Liga, veredelte mit balsamischem sonoren Wohllaut seines Luxus-Basses die Königsfigur und beglückte mit exzellenter Klarheit und perfekter Rollenidentifikation.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Camilla Nylund als Elsa von Brabant, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Der Tenor von Klaus Florian Vogt ist voluminöser geworden, mit durchaus sensiblen Seiten, schwankend zwischen Machismo-Ansprüchen an das männliche Geschlecht und einem Hauch von Selbstzweifeln, eine stimmlich und darstellerisch hervorragend gelungene Durchdringung des eben nicht nur edlen Charakters des Titelhelden. Er ist ohne Zweifel die Personifizierung des Lohengrin schlechthin. Seine Leistung kulminiert in einer fantastisch klar intonierten Gralserzählung gegen Ende des dritten Aufzugs. Seine Stimme klingt viril und kann durchaus autoritär das Frageverbot verkünden oder sich als Führer der Brabanter ausrufen. Man hört die „heldischen“ Passagen selten so klangschön. Seine Stimme und seine Ausstrahlung vereinigen alle Parameter zur idealen Gestaltung des Gralsritters. Sein tragfähiger, klarer Tenor, seine perfekte Diktion, das hell-silberne Timbre, seine Phrasierungskunst wie auch die Fähigkeit zu heldisch-dramatischen Ausbrüchen beglücken. In seiner Darstellung des Schwanenritters spannt er den Bogen vom unnahbaren Gottwesen bis zum einsamen, Liebe und Anerkennung suchenden Mannes, der als missbrauchte Reflektionsfigur an den unabänderlichen Verhältnissen scheitert. Vogts „In fernem Land, unnahbar euren Schritten“ ist ein glanzvoller Höhepunkt des Abends.

Sechs gestandene Wagner-Sänger*innen teilen sich im Lohengrin die Hauptrollen. Neu im Ensemble und erst kurz vor der Wiederaufnahme eingesprungen ist Camilla Nylund als Elsa. In der Traumerzählung überzeugt sie mit berührend zarten Farben. Sie singt die Partie mit berückend schönem, ganz leicht eingedunkeltem Timbre. Strahlend und licht schwingt sich ihre wunderbar sicher geführte Sopranstimme auf, brilliert im Duett mit Ortrud und in der Brautgemachszene mit Lohengrin mit berührender Intensität, einer Intensität, die sie auch in der Darstellung erreicht.

Ortrud – Elena Zhidkova ist ein Glücksgriff

Vor Vorstellungsbeginn wird mitgeteilt, dass Elena Zhidkova – nach kurzer Einweisung – die Rolle der Ortrud übernimmt und nicht, wie zuvor angekündigt .Elena Pankratova. Elena Zhidkova ist  ein absoluter „Glücksgriff“! Mit großer stimmlicher Attacke porträtiert sie Ortrud als intrigante, machtgeile, giftige Gegenspielerin von Elsa von Brabant. Sie ist die dunkle Zauberin, die Kämpferin gegen das von Lohengrin verkörperte Patriarchat und verleiht dieser Figur eine ungemein packende Größe und Kraft. Überwältigend, mit punktgenau geführter Stimme und wohl dosierten dramatischen Ausbrüchen schleimt sie sich bei Elsa ein, um deren Psyche mit ihrem Gift durchtränken zu können. Dabei gestaltet sie ihre Einsätze zu regelrechten Feuerwerken mit eingebauten Vulkan-Ausbrüchen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin - hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Lohengrin – hier : Klaus Florian Vogt als Lihengrin und Camilla Nylund als Elsa von Brabant © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Egils Silins singt an diesem Abend Heerrufer und Telramund

Mit „Seht da, den Herzog von Brabant!“ ruft Egils Silins, ein markant respekteinflößender Heerrufer des Königs, klangvoll und nobel zur Versammlung der Ritter auf. Ausdrucksvoll, mit kernig-kräftigem Bariton, zuweilen auch mit ungewöhnlich hintergründigen Tönen, verleiht er der Figur mehr Charakter als üblich. Er wird zum „Hasardeur“, als er im 2. Aufzug eine zusätzliche Aufgabe übernimmt und den inzwischen gänzlich indisponierten Tomasz Konieczny covert. Bereits mit seiner ersten Arie „Dank, König, dir, dass du zu richten kamst…“ lässt dieser wunderbar dramatische Bassbariton erkennen, dass er Probleme mit seiner Stimme hat. Egils Silins übernimmt die Rolle des Friedrich von Telramund. Den gelungenen Wechsel unterstützt auch das märchenhafte Bühnenbild: Kaum sichtbar und vollkommen überzeugend kann Silins, der immer mehr Tiefe bekommt und dabei durch sein völlig akzentfreies Deutsch besticht, übernehmen. Er ist ein geifernder Bösewicht wie aus dem Bilderbuch… und fängt das Malheur mit Bravour auf.

Der Chor der Bayreuther Festspiele (134 Personen!) überzeugt einmal mehr unter seinem langjährigen Leiter Eberhard Friedrich ohne jeden Abstrich, wird auch an diesem Abend stimmlich wie darstellerisch jeder Herausforderung gerecht und ist eine der tragenden Säulen der Aufführung…

Vollkommener Wagner-Klang

Silbrig-ätherische Klänge kann er ebenso zaubern wie atemberaubende Steigerungen: Christian Thielemann kennt – und kann seinen Wagner. Das zeigt sich gleich im Lohengrin-Vorspiel mit seiner mystischen Grals-Atmosphäre. Wie kein Zweiter beherrscht Thielemann die Finessen und Tücken der Bayreuther Akustik. Zwischen Debussy-hafter Zartheit und staatstragendem Pomp bietet sein Lohengrin perfekten Wagner-Klang. Das bestens vorbereitete Festspielorchester ist auf seinen Musikdirektor eingeschworen, bietet ihm lyrische Streichergesänge, warmes Holz und rundes, strahlkräftiges Blech. Wann hätte man die Bühnenmusik bei Wagner je so perfekt erlebt wie hier? Die ätherische A-Dur Sphäre des Vorspiels lässt er in blau-silberner Schönheit leuchten, in fein abgestuften Schattierungen von zarten piani – wie hingetupft – bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Gralsthemas. Mit welch souverän unverkrampfter Lust sich Thielemann in das Wagner-Abenteuer begibt, ist eine Freude.

Minutenlanger, einhelliger Applaus mit dem in Bayreuth üblichen euphorischen „Getrampel“ zeigen, dass auch kulinarische Inszenierungen ihren Platz in den Herzen der Wagnerianer finden können.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Parsifal – Richard Wagner, IOCO Kritik, 03.08.2019

August 3, 2019 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Parsifal – Ein Bühnenweihfestspiel – Richard Wagner 

 – Reinheit ohne Religion –

von Randi Dohrin

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

…“Ein Mensch, der etwas wie den Parsifal geschaffen hat, könne nicht mehr lange leben, der sei fertig, habe alles gegeben!“…  Worte des Leipziger Theaterdirektors August Förster, der der Uraufführung dieses ergreifenden Werkes am 26. Juli 1882 in Bayreuth beiwohnte. Richard Wagner verstarb wenige Monate später am 13. Februar 1883 in Venedig. …

Der Parsifal ist ein Mysterium des Glaubens mit liturgischen Szenen und nicht mit einer gewöhnlichen Oper vergleichbar. Wagner bediente sich christlicher Motive, die durch seine verklärende und gleichzeitig klare Parsifal-Musik eine schwebend religiöse Atmosphäre erhalten. Einzigartig gelang ihm die Synthese zwischen Religion und Musikkunst, mit der er ein neues Ganzes, sein Bühnenwerk Parsifal schuf. Es erhielt von ihm die respektvolle Bezeichnung Bühnenweihfestspiel.

Die geistliche Wesensart dieses Werkes führte zu einem kompletten Applausverbot, das Wagner jedoch nie eingefordert haben soll. Die begeisterten Besucher dieses großartigen Festspielabends, hätte man auch nicht von seinem anerkennenden Beifall dieser gelungenen Inszenierung abhalten können. Deutlich wurde in der Vergangenheit nicht, ob Wagner mit seinem Parsifal einen neuen Zugang zur Religiosität schaffen wollte, trotz aller Hinterfragungen der Kulturszene.

Die Interpretation des Regisseurs Uwe Eric Laufenberg gibt zumindest eine recht klare Antwort auf die Bedeutung der Religionsausübung: Er bezweifelt sie!

Durch die ergreifende Szene zum Schluss des letzten Aktes, offenbart sich diese Skepsis; in Laufenbergs Inszenierung legen Muslime, Juden und Christen die charakteristischen Kennzeichen ihres Glaubens in den Sarg des verstorbenen Titurel, dem Gründer der Gralsritterschaft. Der Bass Wilhelm Schwinghammer als Titurel überzeugte vollendet in dieser Rolle.

Bayereuther Festspiele 2019 / Parsifal hier Ryan MacKinny als Amfortas © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayereuther Festspiele 2019 / Parsifal hier Ryan MacKinny als Amfortas © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Befreiung von religiösen Dogmen, deutet Laufenberg mit nackten, tanzenden, gemischt geschlechtlichen Personen unter einem Bühnenwasserfall an. Die Sexualität ist also nicht mehr unrein.

Laufenberg folgt in seiner Neudeutung offenbar den Worten des Dalai Lama:Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir keine Religionen mehr hätten.“ Sie befinden sich, nicht ohne Grund, im PARSIFAL Programmheft.

Wagners Parsifal- Vertonung gehört zu den herausragenden Meisterwerken der Spätromantik, kraftvoll, aber gleichbleibend künstlerisch edel. Es ist das späteste Werk des geistreichen und gleichzeitig umstrittenen Komponisten Wagner, in welchem er die beherrschende Stellung seiner dramatischen Ideen unanfechtbar untermauert und ihm meisterhaft die Kongenialität zwischen Musik, Handlung und Text gelingt. Er wollte mit seinem Lebensabschieds-Werk …“eine entrückende Wirkung auf das Gemüt ausüben.“…, und in der Tat, sein Parsifal beseelt, wie am 30. Juli 2019, während der mehr als vierstündigen Aufführung, spürbar wurde.

Das Bühnenweihfestspiel sollte ausschließlich im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in Bayreuth inszeniert werden, das in den Jahren 1872–75, nach Entwürfen Richard Wagners, von Otto Brückwald errichtet wurde, wohl für seinen Parsifal oder Parsifal für das Festspielhaus. – Weltweit verfügt es über die beste Akustik im Vergleich zu anderen Opernhäusern, die durch die harte Holzbestuhlung nicht beeinträchtigt und deshalb auch nicht durch Polsterstühle ausgetauscht wird. Für einige Musikerohren dürfte der „gedeckelte“ Graben allerdings eine gewisse Zeit der Umgewöhnung benötigen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Wagner wollte keineswegs, dass der religiöse Charakter seiner Oper durch Aufführungen an kleineren Bühnen geschmälert wird und verfügte ein alleiniges Aufführungsrecht für das Bayreuther Festspielhaus. Ab Januar 1914 jedoch, wurde der Parsifal, wie alle Werke Wagners, auch an anderen Bühnen regelmäßig präsentiert; die gesetzliche Schutzfrist des Bestimmungsrechtes war abgelaufen.

Der Komponist und Dichter Richard Wagner hatte zu seinen Lebzeiten einen großen Einfluss auf das gesamte Bühnenleben. Seine damaligen revolutionären Anregungen sind heute zu einer deutlich erweiterten, leider nicht immer vorteilhaften, Selbstverständlichkeit geworden und zwar auf allen Gebieten des Theaters. Er erwartete, dass seine Musikschöpfungen mit bedingungsloser Hingabe und Achtung vor dem Kunstwerk von allen Mitwirkenden umgesetzt werden. Dieser, von Bayreuth ausgehende Ensemblegeist, übertrug sich äußerst positiv auf andere Opernbühnen.

Die Dichtung PARZIVAL von Wolfram von Eschenbach entstand zwischen 1200 und 1210; sie ist ein Versroman der mittelhochdeutschen höfischen Literatur und war die Grundlage für Wagners dreiaktiges musikdramatisches Werk, da ihn das Mysterium des Grals nicht mehr aus dem Kopf ging; für ihn stellte der heilige Gral, in dem sich das Kreuzesblut Christi befunden haben soll, eine Verbindung zu Jesus von Nazareth und der Menschheitserlösung dar. In seinem Bühnenweihfestspiel wird das lebensspendende Gefäß und der heilige, unbesiegbare Speer, von den keuschen Grals-Rittern in ihrer Burg behütet und regelmäßig vom Gral-König Amfortas enthüllt. 1877 änderte Wagner den Namen der mittelalterlichen Sagengestalt Parzival in Parsifal um.

Bayreuther Festspiele 2019 / Parsifal hier Elena Pankratova als Kundry und Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Parsifal hier Elena Pankratova als Kundry und Andreas Schager als Parsifal © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Keuschheit der Gralsritter ist im Parsifal ein übersteigertes Muss, ähnlich dem bis heute geltenden Zölibat katholischer Priester. Der mögliche Gedanke, mittels Keuschheit zur Reinheit zu gelangen, um die Menschen erlösen, aus ihrer Zerrissenheit zu holen oder gar retten zu können, bleibt bis heute eine von vielen unbeantworteten Fragen, ebenso, ob eine Verbindung der Grals-Sage zum christlichen Glauben vorhanden ist.

Von der Bedeutung der Musik als Brücke zur Religion, soll Wagner überzeugt gewesen sein und das wurde, unter der musikalischen Leitung von Semyon Bychkow an diesem Festspielabend, zutiefst bestätigt. Bychkow erhielt am Schluss der Oper – verdient – tosenden Applaus für seine musikalische Leitung. Zarte bis kraftvolle Orchesterklänge mit wechselnden Tempi, gaben den Sängern den notwendigen Klangteppich und Raum. Das Tempo im 3. Aufzug hätte sich der ein oder andere vielleicht etwas bewegter gewünscht, so erhielt die Musik eine fast stehende Schwere; ein Tempoideal für den Parsifal gibt es jedoch nicht und schwankt fast immer von Aufführung zu Aufführung.

Fantastisch war auch das hohe Niveau des Chores unter der Leitung von Eberhard Friederich, der eine fulminante Leistung mit einer guten Textverständlichkeit bot. Der Parsifal ist ohne die beeindruckenden Chorszenen der Gralsritter nicht vorstellbar und war in der gebotenen Qualität ein wahrer Ohrenschmaus.

Andreas Schager als Parsifal sang mit kraftvollem Metall und einem besonders schönen Timbre fesselnd die Titelpartie. Parsifal ist ihm auf den Leib geschrieben. Besonders deutlich wird das, als er seine wahre Bestimmung, während der Verführungskünste der Kundry erkennt und sie wütend wegstößt. Er beendet als wissend gewordener Heilsbringer den barbarischen Opferkult der Gralsritter und versöhnt die Religionen. Den überdimensionierten Gral in dieser Inszenierung, enthüllt er jedoch nicht.

Die vielfältige Gestalt der dienenden und äußerst zwielichtigen Kundry, wurde von Elena Pankratova stimmlich und darstellerisch perfekt gestaltet. Nach dem es ihr gelingt, gegen Klingsor zu rebellieren, verliert sie endlich ihre innere Zerrissenheit. Ihre warme, wandelbare Stimme setzte sie verführerisch lyrisch oder hochdramatisch und immer ausgeglichen ein, auch wenn die Textverständlichkeit nicht ganz vorhanden war.

Bayreuth 2016 – ParsifalRichard Wagner
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Überragend besetzt, war die große Basspartie des Gurnemanz mit Günther Groissbeck. Gurnemanz ist ein weiterer Gründer und Wächter der Gralsritterschaft, neben Titurel, der Parsifal zum Gralskönig salbt. Brillant, bei gleichbleibend klangvollen Gesangsbögen, gelangen ihm die Spitzentöne – ohne eine Spur der Forcierung.

Amfortas wird als das Opfer des archaischen Opferkults der Gralsritter gezeigt, die förmlich das Blut aus seiner Wunde zu ihrer Stärkung trinken, obwohl es nicht rein ist; mit den körperlichen Qualen des Amfortas finden sie sich offenbar empathielos ab. Ryan McKinny verkörpert darstellerisch authentisch den Bariton-Part des gequälten und leidenden Amfortas, stimmlich adäquat der Rolle angepasst.

Klingsor, als Herrscher eines Zaubergartens mit den verführerisch singenden Zaubermädchen Katharina Konradi, Ji Yoon, Mareike Morr Alexandra Steiner, Bele Kumberger und Marie Henriette Reinhold, ist voller Hass gegen die Gralsritter, da sie ihn nicht in ihrem Orden haben wollen. Um zu der erforderlichen Keuschheit zu gelangen, kastrierte er sich selbst und scheut auch nicht die knallende Peitsche seiner Selbstgeißelung. Er befiehlt Kundry, alle Ritter zu verführen, damit sie ihre Reinheit verlieren. Eindrucksvoll, überzeugend und stimmgewaltig gestaltete Derek Welton den hasserfüllten Klingsor mit seinem voluminösen Bass.

Das Bühnenbild von Gisbert Jäkel verdeutlicht und unterstützt kongenial die Auslegung des Regisseurs Uwe Eric Laufenberg. Die Kostüme von Jessica Karge veranschaulichen und runden das Geschehen ab, und Reinhard Traub intensiviert die szenische Dramatik mit gekonnten Lichteffekten.

Ein großer Parsifal-Abend, dieser zum letzten Mal in Bayreuth gespielten Inszenierung, wurde begeistert vom Festspiel-Publikum angenommen und mit donnerndem Applaus honoriert.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

München, Bayerische Staatsoper, Tannhäuser – Richard Wagner, IOCO Kritik, 14.05.2019

Mai 14, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Tannhäuser –  Richard Wagner

– Die Falle des Dualismus –

von Hans-Günter Melchior

Also der Regisseur Romeo Castellucci hat das Senkblei seines Denkens ganz tief fallen lassen. Er hat Tannhäuser attestiert, dass er sich immer am falschen Ort befindet.

Gut so. Dass der Denker am Ende doch ein wenig in der pseudophilosophischen Kaffeesatzleserei ankommt, mag manche Zuschauer irritieren, manche sogar ärgern, sie werden aber als Zuhörer mehr als entschädigt.

Tannhäuser   –   Richard Wagner
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Mystisches und Mysteriöses. Schon bei der Ouvertüre zielen Amazonen mit Pfeil und Bogen auf ein Auge, das durch die Pfeile verdunkelt und zu einem Ohr mutiert, dann zu einem Gesicht – und so weiter. Soll einem da schon die Sinnlichkeit, der Voyeurismus ausgetrieben werden?

Aber von vorne: Castellucci sieht das Zentrum der Lust nicht im Venusberg verortet, sondern auf der Wartburg, wo Elisabeth die Männer verwirrt und in die schiere Verzweiflung treibt. Angeblich umgibt Elisabeth „eine erotische Spannung“. Von Dualismus zwischen Venusberg und Wartburg, von Lust und moralischer Zucht, keine Spur.

Folglich ist der Venusberg nichts weiter als eine Ansammlung von amorphem Fleisch, ungestalte, ja widerwärtige Brocken und Klumpen mit angedeuteten Köpfen, die sich manchmal bewegen, manchmal nur dräuend die Venus bedrängen. Unerotischer geht es nicht mehr. Souverän kämpft sich mit starker Stimme die Venus der Elena Pankratova durch die Fleischberge.

Bayerische Staatsoper München / TANNHÄUSER - Elena Pankratova als Venus, Klaus Florian Vogt als Tannhäuser Ensemble © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / TANNHÄUSER – Elena Pankratova als Venus, Klaus Florian Vogt als Tannhäuser Ensemble © Wilfried Hösl

Kein Wunder, dass dem Tannhäuser (große Klasse: Klaus Florian Vogt, ein perfekter Bayreuther Wagner-Erprobter) die Lust vergeht. „Zuviel! Zu viel!“, ruft er aus. Auf den Gedanken, dass die Menschen jeder Überfluss, jede Reizüberflutung im Überdruss landen lässt und es auch des Guten manchmal zuviel sein, auf diese Binsenwahrheit kommt Castellucci nicht. Er leitet aus diesem Zuviel eine ganze Theorie voll von Skurrilitäten ab, die im Libretto keinen Halt finden. Denn dieses stellt aus reiner Zweckhaftigkeit die Gegensätze schroff in den Raum, Gut und Böse sind säuberlich getrennt und Tannhäuser ist ein Zerrissener, einer, der die Lust genießt und sich zugleich mit moralischen Bedenken, ja mit Gewissenbissen quält. Ob das noch zeitnah ist, spielt im Grunde keine Rolle.

Die theoretische Konstellation ist jedenfalls das Tableau, auf dem die Musik ihre sublimen Feinheiten austrägt und die Dramaturgie des Werkes sich entfaltet. Eine Oper ist kein Roman und auch kein Theaterstück, schon gar nicht ein Essay über die Zeitgeschichte oder über kulturelle Entwicklungen und gewandelte Moralanschauungen. Letztlich dient alles der Musik. Dass heute die Lust nicht verteufelt wird wie von den Rittern der Wartburg, ja dass überhaupt kein Gegensatz zwischen Lust und Moral gesehen wird… –, vergessen wir es, der Tannhäuser ist im letzten Grund ein rein musikalisches Phänomen, das sich den Text untertan, dienstbar macht. Und das die Gegensätze braucht. Nehmen wir also den Text hin, wie er dasteht.

Im zweiten Akt gibt es einen Raum oder Räume aus Stoff. Die Wände bewegen sich. Sie sollen, so Castellucci, an drapierte Nymphen erinnern. Der Raum, so Castellucci in einem Interview mit Pietro Bianchi (abgedruckt im sehr instruktiven Programmheft), soll selbst „sexualisiert“ sein.

Nun ja, auch da wird die Phantasie gehörig strapaziert. Erregt werden die wehenden Fahnen wohl niemanden haben. Eher – Castellucci sei Dank – die recht ansehnlichen, unbekleideten Nymphen (Foto), die vor dem Chor herumtanzten und offenbar die wabernde Lust verdeutlichen sollten.

Und: ach ja, die Ritter auf der Wartburg haben keine Schwerter, sondern Pfeil und Bogen. Denn sie sind Jäger. Weit in die Anfänge der Menschheit hinein denkt der Regisseur.

Bayerische Staatsoper Muenchen / Tannhäuser - hier : Ensemble © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper Muenchen / Tannhäuser – hier : Ensemble © Wilfried Hösl

Und im dritten Akt befinden sich auf der Bühne Steingräber mit eingravierten Namen. Es werden angeblich sieben Verwesungsphasen des Körpers gezeigt, während die Zeit ins Unendliche verrinnt, von der Sekunde, über die Minute, die Stunde, den Tag – und so weiter, bis ins Milliardenfache. Der Tod ist unendlich, so Castellucci,er wird in die Zeit projiziert, über die Zeit hinaus, auf fast kindliche Weise in Abermilliarden Jahre geworfen.“

Aha. Und was ist mit Tannhäuser? Er kommt unverrichteter dinge, unerlöst und vom Papst verstoßen, aus Rom zurück und beklagt sein Schicksal. Zuerst stirbt Elisabeth, woran bleibt offen, aus einer Art moralischer Erschöpfung vielleicht. Ebenso Tannhäuser. Das freilich geht auf Wagners Kappe. Das Drama hat einfach ein Ende.

Leichen liegen auf den Steingräbern, die zunächst angezogenen Personen werden abgelöst von grotesk verzerrten, nackten Körper mit aufgedunsenen Bäuchen, am Ende von Skeletten. Endzeit in der Zeitlosigkeit. Da hat sich der Regisseur gewaltig ins Phantastische und Abseitig-Schreckliche hineingeträumt. Wäre nicht die Musik…

Denn was solls. Auch an Wagners ewigem Kampf zwischen banaler Lust und Eros, zwischen sexueller Hingabe und Zügellosigkeit und bürgerlich-christlicher Askese ließe sich, wie schon erwähnt, herumkritteln (s. Parsifal, Tristan). Vor dem Thron der Musik gelten andere Maßstäbe.

Bayerische Staatsoper München / Tannhäuser - hier : Davidsen als Elisabeth, Ensemble © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Tannhäuser – hier : Davidsen als Elisabeth, Ensemble © Wilfried Hösl

Letztlich siegt also die überwältigend schöne Musik. Sie schwemmt umstandslos alle Einwände und alle Aufdringlichkeiten und Pseudotiefsinnigkeiten der Regie hinweg. Ein Rat: einfach mal wegschauen, das Störende beiseite lassen und nur zuhören. Es lohnt sich.

Der musikalischen Darbietung wegen ist der Abend ein voller Erfolg. In der Premieren – Besetzung traten Kirill Petrenko, als Dirigent, Anja Harteros als Elisabeth und Christian Gerhaher als Wolfram von Eschenbach auf. Sicher ein Spitzenensemble. Aber auch die jetzige Besetzung überzeugt. Stephen Milling als Landgraf, natürlich Klaus Florian Vogt als Tannhäuser und – mit leichten Einschränkungen – Lise Davidsen als Elisabeth. Besonders beeindruckend die Leistung von Michael Nagy, der für den erkrankten Ludovic Tézler als Wolfram von Eschenbach einsprang und sich wunderbar einfügte.

Großartig das Orchester unter der geradezu atemberaubend inspirierten, leidenschaftlich ihre Musiker vorantreibenden Leitung der genialischen Simone Young. Da ging keine Nuance verloren, kein Übergang vom Diatonischen ins Chromatische, keine schon im Tannhäuser ins Leitmotivische tendierende musikalische Erinnerungstechnik, wie sie den später Wagner auszeichnete. Eine schlechthin brillante musikalische Aufführung, die manche Aufdringlichkeiten einer sich in den Vordergrund drängenden Regie einfach hinwegschwemmte und – noch einmal sei es gesagt – deutlich machte, worauf es ankommt: vor allem auf die Musik. Der Einspruch der Musik gegen die lastende Ratio und den ins Leere grabenden Tiefsinn, betörend komponiert und betörend interpretiert. Nicht zu vergessen der Chor! Der ging unter die Haut. Wunderbar. Danke.

Wohlgemerkt: man muss auch mal wegschauen können. Und so wurde es doch ein großer Abend. Uneingeschränkter Beifall des begeisterten Publikums

Tannhäuser an der Bayerischen Staatsoper; keine weiteren  Vorstellungen in der Spielzeit 2018/19

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Parsifal – Mythen und Karfreitagszauber, IOCO Kritik, 07.05.2019

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Parsifal – Richard Wagner

 Mythen und Karfreitagszauber in Charlottenburg

von Karin Hasenstein

Mit dem Bühnenweihfestspiel Parsifal, dem “summum opus” Richard Wagners, wurden am 26. Juli 1882 die zweiten Bayreuther Festspiele eröffnet. Die ersten Festspiele hatten 1876 stattgefunden, danach war Wagner erst einmal wieder bankrott. Aus diesem Jahr stammen auch die ersten Aufzeichnungen zur Musik des Parsifal, ein Albumblatt As-Dur mit dem Zusatz “Amerikanisch sein wollend”. Der Entschluss, den Parzival zu beginnen, reifte am 25.01.1877, am 23.02. wurde der zweite Prosaentwurf abgeschlossen, am 14.03.1877 der Name Parzival in Parsifal geändert. In der Zeit vom 14.-19.03. verfasste Richard Wagner die Urschrift des Textes und Ende September desselben Jahres begann er mit der Orchesterskizze des 1. Aufzuges. Am 25.12. wurde das Vorspiel zum 1. Aufzug im Haus Wahnfried anlässlich Cosimas Geburtstags uraufgeführt.

Die Arbeiten am 2. und 3. Aufzug dauerten bis zum Januar 1882. Wagner beendete die Partitur des 3. Aufzuges am 13.01.1882 und erhielt vom Verlag Schott für das fertige Werk ein Honorar von 100.000 Mark.

Parsifal – Richard Wagner
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Am 26. Juli 1882 erfolgte die Uraufführung des Parsifal bei den Bayreuther Festspielen. In der letzten Aufführung dieser Festspiele dirigierte Wagner ab dem Takt 23 der Verwandlungsmusik den 3. Aufzug zu Ende.

Das Festspielhaus in Bayreuth wurde eigens für das Bühnenweihfestspiel Parsifal erbaut. Man könnte auch umgekehrt sagen, der Parsifal wurde für das Festspielhaus geschrieben. Es heißt, nirgends kann man ihn so vollkommen hören wie hier. Wer den Vergleich zu anderen Häusern zieht, mag das bestätigen. Nach Wagners Wunsch sollte der Parsifal für das Festspielhaus reserviert bleiben und niemals an anderem Ort erklingen.

“Dort darf der Parsifal in aller Zukunft einzig und allein aufgeführt werden”, schrieb er 1880 an König Ludwig II. von Bayern. “Nie soll der Parsifal auf irgendeinem anderen Theater zum Amüsement dargeboten werden: und dass dies so geschehe, ist das einzige, was mich beschäftigt und zur Überlegung dazu bestimmt, wie und durch welche Mittel ich diese Bestimmung meines Werkes sichern kann.”   Er konnte es nicht.

Seit Ablauf der Urheberrechte 1913 ist der Parsifal nun frei für Aufführungen an anderen Opernhäusern. Mit einer speziellen “Lex Parsifal” sollte die Schutzfrist verlängert werden. Als Trotzreaktion auf das Scheitern dieses Vorhabens wurde im Jubeljahr 1913, zu Wagners 100. Geburtstag, auf Festspiele verzichtet! Vergebens. Bereits 1901 hatte die Witwe Richard Wagners, Cosima, einen ersten Vorstoß im Reichstag gewagt. Dieser schmetterte die als “Lex Cosima” betitelte Eingabe mehrheitlich ab. Auch der zweite Versuch scheiterte, obwohl Cosima dafür sogar Kaiser Wilhelm II. bemühte.

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Elena Pankratova als Kundry © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Elena Pankratova als Kundry © Bettina Stoess

So versiegte mit dem 1. Januar 1914 auch die größte Einnahmequelle der Familie Wagner, nämlich die Tantiemen aus den Werken Richard Wagners, die – einschließlich des Weltabschiedswerks Parsifal, nun überall nachgespielt werden durften.

Am 24. Dezember 1903 hatte Heinrich Conried, der Impresario der New Yorker Metropolitan Opera, bereits gewagt, Parsifal erstmals außerhalb von Bayreuth aufzuführen. Ein Vorgang, der damals als “Gralsraub” bezeichnet wurde. Conried ließ einfach Stimme für Stimme aus der Studienpartitur des Mainzer Schott-Verlages abschreiben und umging damit das Aufführungsverbot und den Umstand, dass die Familie Wagner sämtliches Aufführungsmaterial streng unter Verschluss hielt.

Doch der Siegeszug des Parsifal außerhalb von Bayreuth ließ sich nicht aufhalten. Gott sei Dank! möchte man ausrufen. Das Deutsche Opernhaus Charlottenburg, der Vorläufer der heutigen Deutschen Oper Berlin, bringt den Parsifal am Neujahrstag 1914 heraus, viele andere Häuser folgen.

Thomas Mann musste nach seinem Parsifal-Besuch in Bayreuth im August 1909 zugeben, dass er von dem Werk überwältigt war: “Obgleich ich recht skeptisch hinging und das Gefühl hatte, nach Lourdes oder zu einer Wahrsagerin oder an sonst einen Ort suggestiven Schwindels zu pilgern, war ich schließlich tief erschüttert. Eine so furchtbare Ausdruckskraft gibt es wohl in allen Künsten nicht wieder.” Damit mag der Autor Recht gehabt haben. Der Kraft des Parsifal kann man sich nur schwer entziehen.

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So war es auch am Karfreitag 2019 an der Deutschen Oper Berlin, als das Publikum mit Elena Pankratova (Kundry), Günther Groissböck (Gurnemanz), Derek Welton (Klingsor) und Paul Kaufmann (3. Knappe) zudem fast die halbe Besetzung der Bayreuther Festspiele 2018 erlebte

Auch hier schwebte die Frage im Raum, ob nach dem ersten Aufzug des Parsifal applaudiert werden darf, noch dazu am Karfreitag, dem stillsten aller christlichen Feiertage. Nach einem Moment der Stille setzte an diesem Karfreitag nur zögerlicher Applaus ein, doch  die Gruppe der Applaudierenden setzte sich schließlich durch. Das soll nicht gewertet werden; ein jeder soll dies für sich allein entscheiden. Parsifal ist ein Bühnenweihfestspiel; kein Gottesdienst, keine Liturgie, letztlich ist er “nur” Theater, die Kunst des “so tun als ob”.

Richard Wagner erfindet nichts wirklich selbst, er bedient sich mittelalterlicher Epen und Dramen, wie hier des Parzival Wolfram von Eschenbachs. Wagner benannte die Figur des Parzival, wie er bei Wolfram von Eschenbach heißt, eigenmächtig in Parsifal um. Er begründete das mit einer etymologischen Herleitung aus dem Arabischen, in dem das Wort “fal” in etwa “rein” bedeutet und “parsi” dem deutschen Wort “Tor” entspricht. Diese Etymologie, die Wagner von dem Publizisten Joseph Görres übernommen hatte, stellte sich später als falsch heraus, klingt aber gut.

Wagner bedient sich hier einer speziell christlichen Stofftradition aus dem Artussagenkreis, nämlich der Suche nach dem Heiligen Gral, in dem das Blut Christi aufgefangen worden sein soll. Bei Eschenbach war der Gral noch ein wundertätiger Stein.

Im ersten Akt des Parsifal erzählt Gurnemanz die umfangreiche Vorgeschichte der beiden wichtigsten Symbole, des Grals und des Speers. Dabei steht der Gral als Gefäß für das Weibliche und der Speer für das Männliche. Die Gralsritter müssen keusch sein; so kommt die Moral in die Welt. Klingsor will besonders keusch sein; aus tiefer innerer Überzeugung, weil er fürchtet, dass er das nicht kann, entmannt er sich selbst.  Er errichtet ein Gegenreich, Klingsors Zaubergarten, eine Art botanisches Bordell, in dem die Blumenmädchen die Ritter verführen sollen.

Amfortas bewaffnet sich mit dem Heiligen Speer und missbraucht die Reliquie als Waffe. Kundry verlachte einst Christus am Kreuz und wird dafür zu ewiger Wiedergeburt verdammt. Sie muss immerzu lachen und erst wenn sie weinen kann, kann sie erlöst werden. In ihr vereinen sich polare Gegensätze des Weiblichen: die Dienerin und die Verführerin. Kundry stellt aber auch die Verbindung zwischen beiden Reichen dar, da sie sowohl Gurnemanz und den Gralsrittern als auch Klingsor dient. Amfortas leidet an einer nicht heilenden Wunde: ein Synonym zu Klingsors Kastrationswunde.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Parsifal unterscheidet sich von anderen Opern Richard Wagners. Er ist doch „religöser“. Wagner verwendet hier religiöse Elemente, weihevolle Musik, Monstranz-enthüllung (Gralsenthüllung), Taufe, christliches Abendmahlsritual und entwickelte die Idee, den Kern des Religiösen durch Kunst zu verdeutlichen. In “Religion und Kunst” schreibt er: “Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche sie im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen.”

Opulente Bilderflut mit christlichen Symbolen und Ritualen

Regisseur Philipp Stölzl bringt in seiner Berliner Parsifal- Inszenierung (Premiere 2012) viele christliche Symbole und Rituale greifbar und realistisch auf die Bühne und nimmt den Zuschauer mit auf eine Zeitreise. Mittels zahlreicher “Tableaux vivants” erzählt der Film- und Opernregisseur bildgewaltig die an eigentlicher, stattfindender Handlung armen, aber an erzählter Handlung sehr reichen Oper und kommentiert so immer wieder eben diese erzählte Handlung.

Während des von Donald Runnicles sehr langsam genommenen Vorspiels öffnet sich der Vorhang und man blickt auf eine kahle Felsenlandschaft, wie aus einem Hollywood -Monumentalfilm. Links ein Berg, obenauf eine angedeutete Burg der Gralsritter, rechts ein Berg mit einem Kreuz, die Assoziation zu Golgatha drängt sich auf und ist sicherlich gewollt. Wir werden Zeuge einer Kreuzigungsszene, sehen römische Soldaten, Ritter, einfaches Volk, der Speer wird dem Gekreuzigten in die Seite gestochen, das Blut im Kelch beziehungsweise Gral aufgefangen. Immer wieder “baut” Stölzl diese lebenden Bilder, lässt sie bisweilen sehr lange im Freeze, bis sie sich wie wieder auflösen. Dank des Opernballetts und der Statisterie der Deutschen Oper entstehen so eindrucksvolle Massenszenen, die eine faszinierend hypnotische Wirkung auslösen.

Bei viereinhalb Stunden Aufführungsdauer wirkt die Bilderflut der Inszenierung massiv, zumal sie bisweilen von der Musik ablenkt, statt sie zu unterstreichen. Es “passiert” sehr viel auf der Bühne, der Zuschauer kann der Bilderflut nur schwer folgen. Leider gehen so auch liebevolle Details verloren; in einem so großen Haus wie der Deutschen Oper Berlin nicht unproblematisch. So ist über große Entfernungen zur Bühne manchem Besucher nicht  erkennbar, dass alle Protagonisten auf der Bühne Kreuzigungsmale an den Händen tragen. 

Die aufwändigen Kostüme (Kathi Maurer) reichen historisierend von Zeiten der Kreuzritter bis hin zu “heutiger” Kleidung im 3. Aufzug. Zwischen dem ersten und dritten Aufzug vergehen viele Jahre der Irrfahrt Parsifals, so ist die Kleidung letztlich alt, gebraucht, beschmutzt und drückt aus: die Gesellschaft ist nicht in der Lage, sich zu erneuern, der Erlöser ist (noch) nicht in Sicht. Mit den realistischen Kostümen, dem, was wir für typische Kleidung der Ritter betrachten und jenem, was wir als modern oder heutig ansehen, wird die Klammer vom ersten zum dritten Aufzug hergestellt.

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Der zweite Aufzug ist da herausgenommen, wie auch Klingsors Zaubergarten nicht in einer bestimmten Zeit oder an einem bestimmten Platz zu verorten ist. Hier nimmt Stölzl eine Anlehnung an Exotismus des 19. Jahrhunderts in der Oper vor. Zwischen den Felsen des ersten und dritten Aufzuges sehen wir nun eine Art Tempel, etwa in der Art der Hochkulturen Südamerikas. Auch die Kostüme haben nun einen gänzlich anderen Charakter, Baströcke, Fell, Knochenschmuck dominieren das Bild. Wilde brutale Rituale vollziehen sich, Klingsor erscheint als Herrscher über ein Naturvolk, der im Blutrausch seinen Opfern das Herz aus der Brust reißt, von den Blumenmädchen extatisch verehrt. Sind diese anfangs noch verhüllt, legen sie später ihre Gewänder ab und werden zu exotischen Schönheiten, die Parsifal verführen sollen.  

Regisseur Stölzl stellt den Parsifal in einen Kontext christlicher Mythen. Er illustriert, kommentiert, überlässt es aber dem Zuschauer, eine Lösung zu finden. Wie der Gral zu deuten ist, muss jeder für sich selbst eine Antwort finden. Häufig bleibt Stölzl eng am Text, kommentiert oder illustriert das Erzählte in eindeutiger Weise. An manchen Stellen durchbricht er jedoch dieses Vorgehen. So wäscht Kundry Parsifal nicht die Füße, Gurnemanz salbt ihm nicht das Haupt. Während dieser doch für den Verlauf der Handlung sehr zentralen Szene steht Kundry weitab von Parsifal ohne inneren oder äußeren Bezug zu ihm. Die Taufe vollzieht sich in einem Wasserbecken im Felsen, das im ersten Aufzug Amfortas als Bad diente, in einer großen Menschenmenge. Wir alle sind Kundry, bedürfen der Erlösung. Das in den Tableaux sehr gekonnt eingesetzte Licht kommt hier von einer Straßenlaterne und hinterlässt Stirnrunzeln und Fragezeichen beim Betrachter.

Wenig zu deuten gab es jedoch an der eindeutig großartigen musikalischen Gesamtleistung. Die größte Partie dieser Oper nimmt Gurnemanz ein. Der österreichische Bass Günther Groissböck, der in dieser Rolle bereits bei den Bayreuther Festspielen und an der Opéra National de Paris sowie De Nationale Opera Amsterdam Erfolge feierte, füllte die Rolle stimmlich wie darstellerisch hervorragend aus. Groissböck beeindruckte wieder durch außerordentlich deutliche Diktion, wodurch die langen Erzählungen des Gurnemanz eine enorme Präzision und Spannung erhalten. Jedes Wort, jede Silbe ist perfekt verständlich und macht ein Mitlesen der Übertitel überflüssig. Groissböck gestaltete diese große Partie vom ersten “He! Ho! Waldhüter…” bis zum großen Monolog im dritten Aufzug mit großem Ausdruck und perfekt geführten Legati. Er überzeugte mit großer Wandlungsfähigkeit in der Stimme sowohl in den tiefen dunkel timbrierten Lagen als auch mit Brillanz in den sicher geführten Spitzentönen.

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Heike Wessels als Kundry © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Heike Wessels als Kundry © Bettina Stoess

Ebenfalls als Bayreuther Kundry bekannt ist Elena Pankratova. Mit ihrem warmen vollen Sopran bot sie auch in Berlin wieder eine überaus überzeugende sängerische wie schauspielerische Leistung und zog das Publikum mit ihrer enormen Bühnenpräsenz in ihren Bann. Mit großer Wandlungsfähigkeit gibt sie die Dienerin der Gralsritter, gestaltet unglaublich expressiv “Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust” und lässt scheinbar mühelos die Kundry-Schreie erklingen, die in ihrer Intensität dem Zuhörer einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Sehr berührend gerät auch die Szene mit Parsifal “..sie beut dir heut’ als Muttersegens letzten Gruß der Liebe ersten Kuss”. Elena Pankratova beeindruckt ebenso mit lyrischer Leichtigkeit in den Pianissimo-Stellen wie auch mit dramatischer Gestaltung und großer Strahlkraft.

Der Amerikaner Brandon Jovanovich schien sich als Parsifal zunächst ein wenig zurückzuhalten, bevor mit dem Ausbruch “Amfortas! Die Wunde!…” vielleicht ein bisschen zu sehr aufdrehte. Sehr ergreifend und intensiv gestaltete er Stellen wie “Erlöse, rette mich aus schuldbefleckten Händen!“ oder “nicht soll er mehr verschlossen sein: Enthüllet den Gral, öffnet den Schrein!“ In den mittleren Lagen beeindruckte Jovanovich durch seine große Stimme und Durchschlagskraft, an den sensiblen Stellen wie “Wie büß’ ich Sünder meine Schuld?” stünde ihm etwas mehr Pianokultur ganz gut zu Gesicht. Insgesamt steht ihm der Naturbursche, der reine Tor, der Parsifal ist, gut. Einzig der amerikanische Akzent, der stellenweise noch etwas stark durchklingt, stört das Gesamtempfinden. In seinem “Sonntagsanzug” wirkte dieser Parsifal bisweilen etwas verloren und wie ein Fremdkörper, was aber auch an der Personenregie liegen mag. Warum er letztlich der ersehnte Erlöser ist, vermittelte sich der Rezensentin in dieser Regie nicht.

Eine überaus erfreuliche Besetzung war Mathias Hausmann als Amfortas. Mit seinem feinen, warm timbrierten Bariton stellte er den gebrochenen und von seinem nicht enden wollenden Leid gezeichneten Schmerzensmann Amfortas sehr überzeugend dar und nimmt das Publikum für sich ein. Sehr berührend gerät “Mein Vater! Hochgesegneter der Helden!”

Der australische Bassbariton Derek Welten war in der Rolle des Klingsor auch in Bayreuth zu erleben. Er vereint gekonnt die Gegensätze der Rolle, die brutale Darstellung  als Herrscher über ein Naturvolk, der blutige Rituale vollzieht, wie das bemitleidenswerte Opfer seiner eigenen Verstümmelung. Mit großer Energie und geschmeidiger Wendigkeit verbindet er seine enorme stimmliche wie darstellerische Präsenz zu einer großen Gesamtleistung. Auch Andrew Harris überzeugte souverän in der Rolle des Titurel mit seinem angenehmen dunklen Timbre und durch seine starke Bühnenpräsenz. Geradezu luxuriös besetzt waren 1. und 2. Gralsritter mit Burkhard Ulrich und Byung Gil Kim.

Donald Runnicles führte das Orchester der Deutschen Oper Berlin mit sicherem Dirigat durch die viereinhalbstündige Vorstellung. Er wählte bewusst ruhige bis sehr ruhige Tempi und erreichte mit 1:45 Std. im ersten Aufzug exakt die Aufführungsdauer, die Richard Strauss 1933 in Bayreuth benötigte.

Das zumindest im ersten Aufzug sehr ruhige Tempo wurde von der Rezensentin als sehr angenehm empfunden und die Verfechter der These, dass sich Weihe vor allem durch Langsamkeit ausdrückt, müssen hier auf ihre Kosten gekommen sein. Bisweilen vermittelte sich jedoch der Eindruck, dass einzelne Sänger im Tempo stellenweise gerne etwas vorangegangen wären. Besonders berührend und überzeugend gerieten die Verwandlungsmusiken.

Der erfahrene Generalmusikdirektor der Deutschen Oper setzte die Reinheit und Tiefe der Partitur gekonnt um und lotete diese dynamisch vom zartesten Pianissimo bis zum Fortissimo in den großen Chorszenen klug aus. Besonders erfreulich trat die Solo-Oboe im 3. Aufzug bei “Wie dünkt mich doch die Aue heut’ so schön!“ hervor, wie insgesamt die Holzbläser aber auch das tiefe Blech und die Harfen an diesem Abend überzeugen konnten.

Parsifal lebt nicht zuletzt auch von den beeindruckenden Chorszenen der Gralsritter. Chor und Extrachor der Deutschen Oper beeindruckten einmal mehr durch Klangschönheit und gute Textverständlichkeit und gaben den Chören viel Intensität sowohl im ersten Aufzug im Unisono bei “Zum letzten Liebesmahle” als auch am Ende des dritten Aufzuges “Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!”. Musikalisch vermittelte sich der Zauber, der von Parsifal ausgeht, dem Publikum am Karfreitag 2019 stark: es dankte den Solisten, allen voran Pankratova und Groissböck, mit lang anhaltendem begeisterten Applaus.

Die bildgewaltige Inszenierung von Philipp Stölzl vermag nicht durchgängig zu überzeugen, sie ist aber sehr wirkungsvoll zwischen Hollywood-Monumentalfilm und Oberammergauer Passionsspielen einzuordnen. Zuschauern, welche sich gerne einmal Parsifal mit aufwändig reicher Bilderflut auf der Bühne hingeben möchten, sei diese Produktion für die kommende Spielzeit 2019/20 durchaus ans Herz gelegt.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

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