Lilienfeld, Stift Lilienfeld, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 09.06.2019

 

 Stiftskirche Lilienfeld © Marcus Haimerl

Stiftskirche Lilienfeld © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld

La Traviata – Giuseppe Verdi

Große Oper im Dormitorium des Stift Lilienfeld

von Marcus Haimerl

Oper in der Krypta gastierte mit Giuseppe Verdis zur Erfolgstrias von 1851/53 zählender Oper La Traviata im Stift Lilienfeld. Das in Österreich zwischen St. Pölten und dem Wallfahrtsort Mariazell liegende Zisterzienserstift, eine Stiftung von Herzog Leopold VI. (1176 – 1230) aus der Familie der Babenberger – heute die größte erhaltene zisterziensische Klosteranlage in Mitteleuropa – beherbergt eine kostbare Kreuzesreliquie.

Der Orden selbst geht auf das Kloster Cîteaux (lat.: Cistercium) zurück, das 1098 in Burgund gegründet wurde. Die zwischen 1202 und 1263 errichtete romanisch-gotische Kirche gilt mit ihren 83 Metern Länge als größte Kirche Niederösterreichs. Die heutige Inneneinrichtung stammt aus der Barockzeit. Da das Stift an der Via Sacra, dem traditionellen Wallfahrerweg zwischen Wien und Mariazell, liegt, wurde das Hauptschiff als heilige Straße gestaltet, die in Richtung Hochaltar mehr und mehr an Goldglanz zunimmt.

Stift Lilienfeld / La Traviata - v.l. Daniel Valero, Calon Danner, Pavel Kvashnin, Chor, Alexandra Matloka, Dana Hammett © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld / La Traviata – v.l. Daniel Valero, Calon Danner, Pavel Kvashnin, Chor, Alexandra Matloka, Dana Hammett © Marcus Haimerl

Im unglaublich beeindruckenden, mittlerweile als Veranstaltungsraum genutzten Dormitorium, konnte das Publikum Giuseppe Verdis Meisterwerk erleben, welches in derselben Regie des künstlerischen Leiters von Oper in der Krypta, Joel A. Wolcott, rund ein Jahr zuvor seine Premiere erlebte. Das Publikum in Lilienfeld erlebte die Geschichte um die schwindsüchtige Kurtisane Violetta Valéry in der der gleichen Frische wie die Wiener ein Jahr zuvor. Für die Umsetzung der Handlung benötigt Joel A. Wolcott wenig Ausstattung und konzentriert sich dabei stark auf die hervorragenden Singschauspieler: Ein Tisch, ein Sofa und zwei Sessel sind ausreichend, um das Liebesdrama von Violetta und Alfredo glaubhaft auf die Bühne zu bringen.

Ergänzt wird das Bühnenbild um Projektionen an die Rückwand des Dormitoriums, die den jeweiligen Handlungsort veranschaulichen. Ein besonders starkes Bild ist die Projektion im dritten Akt: Man sieht eine Taschenuhr, die inmitten abgefallener Blütenblätter fünf Minuten vor 12 Uhr anzeigt; man versteht die Anspielung auf die im Sterben liegende Kameliendame, jenes Romans Alexandre Dumas d.J., der den Rahmen der Handlung für Giuseppe Verdis Meisterwerk bildete.

Joel A. Wolcott lässt bereits in der Ouvertüre, die von der japanischen Pianistin Mami Tsukio hervorragend am Klavier interpretiert wird, drei Protagonisten auftreten. Violetta Valéry wird hintereinander von Gastone und vom Barone Douphol zum Tanz aufgefordert. Dieser Kreis wird sich im Vorspiel zum dritten Akt schließen, wenn sich Violetta, im Fiebertraum und dem Tode nahe, noch einmal von unsichtbaren Herren der Gesellschaft zum Tanzen auffordern lässt.

Père Lachaise / Alphonsine Plessis - Kameliendame im wahren Leben : die Violetta der Oper © IOCO

Père Lachaise / Alphonsine Plessis – Kameliendame im wahren Leben : die Violetta der Oper © IOCO

Die amerikanische Sopranistin Dana Hammett debütierte 2018 bei Oper in der Krypta als ebenso leidenschaftlich liebende wie leidende Kurtisane Violetta und überzeugte mit ihrem wunderschönen, höhensicheren Sopran und starker Mittellage nunmehr auch das niederösterreichische Publikum. Sie berührt intensiv in den lyrischen Passagen der Partie, weiß aber auch in den dramatischen Ausbrüchen die innere Zerrissenheit der Figur musikalisch zu gestalten. Ihre leidenschaftliche Verkörperung dieser tragischen Frauengestalt hinterlässt beim Publikum tiefen Eindruck.

Als ihr leidenschaftlicher Liebhaber Alfredo Germont überzeugt der russische Tenor Pavel Kvashnin, der mit der intensiven Strahlkraft seines kräftigen Tenors das Dormitorium mühelos füllen konnte. Neben der Leichtigkeit, mit der der junge Künstler die Höhen seiner Partie meisterte, war auch die leidenschaftliche schauspielerische Leistung enorm. So konnte man Pavel Kvashnin die Tragik seiner Figur zum Teil schon im Gesicht ablesen.

Als sittenstrenger Vater Giorgio Germont erlebt man den österreichische Bassbariton Florian Pejrimovsky. Durch zahlreiche Auftritte als Scarpia (Puccini Tosca), Rigoletto (Verdi Rigoletto), Colline (Puccini La Bohème) oder als Gefängnisdirektor Frank (Strauss Die Fledermaus), ist er beim Publikum der Krypta in der Wiener Peterskirche ebenso bekannt wie beliebt. Auch in Lilienfeld ist er kein Unbekannter, ist er dort doch Chorleiter des Stiftschores. Florian Pejrimovsky versteht es, mit seinem großen, intensiven Bassbariton Eindruck zu hinterlassen und dominiert mit seiner Stimme ebenso problemlos den Saal. Aus den gemeinsamen Szenen zwischen Bassbariton und Tenor wird hier beinahe ein Kampf der Giganten. Aber auch die leisen Töne sind dem Ausnahmekünstler nicht fremd. Und gerade diese leisen Szenen sind es auch, die Florian Pejrimovsky unglaublich stark darzustellen vermag: Die Zerrissenheit zwischen der harten Schale und dem weichen Kern, zwischen gesellschaftlichen Konventionen und Verständnis für die über gesellschaftliche Zwänge hinausgehende, ehrliche Liebe.

Ebenso erstklassig – um nicht zu sagen luxuriös – sind die kleineren Partien besetzt:
Die französische Sopranistin Alexandra Matloka singt nicht nur die Rolle von Violettas Freundin Flora Bervoix, sondern ist auch jene der Vertrauten und Dienerin Annina. Beide Rollen werden von Alexandra Matloka mit ihrem schönen lyrischen Sopran und ihrer mitfühlenden Darstellung exzellent verkörpert.

Stift Lilienfeld / Traviata - hier : Ensemble, links Karen de Pastel_rechts Buergermeister Wolfgang Labenbacher © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld / Traviata – hier : Ensemble, links Karen de Pastel_rechts Buergermeister Wolfgang Labenbacher © Marcus Haimerl

Um einer kleinen Partie große Bedeutung zu verleihen, braucht man den österreichischen Tenor Calon Danner. Mit seinem schön geführten Tenor und seinem sympathischen, manchmal fast spitzbübischen Charme, lässt Calon Danner in der Partie des Gastone musikalisch und darstellerisch keinerlei Wünsche offen. Auf gleich hohem Niveau erlebt man den jungen mexikanischen Bariton Daniel Valero in der Rolle des Barone Douphol. Mit schönem, vollklingenden Bariton und intensivem Spiel konnte Daniel Valero das Publikum für sich einnehmen. Zum Chor, bestehend aus den beiden wohl disponierten Sopranistinnen Baharan Baniasadi und Natalia Leal, gesellten sich für den ersten Akt auch Statisten aus dem Publikum, die die Bühne als Gäste von Violetta Valérys Fest bereichern.

Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen der bereits zuvor erwähnten japanischen Pianistin Mami Tsukio. Mit ihrem leidenschaftlichen, sehr differenzierten Klavierspiel weiß sich die Künstlerin als hervorragende Begleiterin, die die Stimmen der Sänger mühelos trägt und kann außerdem auch in den Vorspielen zum ersten und dritten Akt ihre Qualitäten als Solistin unter Beweis stellen.

Unter den rund 200 Gästen in Lilienfeld befanden sich als Vertreter des Stiftes Frater, Dr. Michael Vurglics, der gastfreundliche, sympathische Vertreter der Stadt, Bürgermeister Wolfgang Labenbacher mit Gattin, und die Titular-Stiftsorganistin der Stiftsbasilika, Karen de Pastel. Erfreut bedachten sie alle die Künstler für die wirklich gelungene Vorstellung mit Standing Ovations und langanhaltendem Applaus. Dank des großen Erfolges dieses Gastspiels wird Oper in der Krypta im kommenden Jahr mit der Erfolgsproduktion Tosca von Giacomo Puccini ins Stift Lilienfeld zurückkehren.

Kulturbegeisterte müssen aber keineswegs solange warten: Der Traviata folgt bereits am 30. Juni 2019 das Eröffnungskonzert der 38. Sommerakademie Lilienfeld: Karen de Pastel, ihres Zeichens nicht nur Stiftsorganistin, sondern auch Präsidentin der Sommerakademie und Leiterin des Internationalen Kultursommers Lilienfeld wird Ein deutsches Requiem, op. 45, von Johannes Brahms, präsentieren. Das interessierte Publikum kommt also in jedem Fall in Lilienfeld, das unglaublich viele musikalische Höhepunkte präsentieren kann, niemals zu kurz.

—| IOCO Kritik Stift Lilienfeld |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Messa da Requiem – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 06.04.2019

April 6, 2019 by  
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

 Messa da Requiem – Giuseppe Verdi
– Hörgewohnheiten präzise ausgehebelt – Teodor Currentzis – Perm Opera

von Patrik Klein

Als die letzten zarten Töne des „Libera me“ nach gut 90 Minuten purem Musikgenuss verklungen sind und Teodor Currentzis taktstocklose, noch zittrigen Hände für über eine Minute erhoben bleiben und sich schließlich ganz langsam senken, bricht in der Elbphilharmonie Hamburg ein wahrer Jubelsturm in die atemlose Stille.

Um kaum einen Dirigenten herrscht dieser Tage so ein „Hype“ wie um Teodor Currentzis. Von den einen wird er als Heilsbringer der Klassik verehrt, der in seinen hochenergetischen Interpretationen immer bis an – oder noch besser über die Grenze hinaus geht; nach dem Motto: „Wir spielen Musik, als wäre es der letzte Tag unseres Lebens!“ Die anderen stören sich an seinem exzentrischen Äußeren und seiner musikalischen Effekthascherei.

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi - hier : das musicAeterna Orchester der Perm Opera © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi – hier : das musicAeterna Orchester der Perm Opera © Claudia Hoehne

Der Grieche hat es geschafft, im russischen Perm eine treue Schar von Musikern zu versammeln, die ihm bedingungslos folgen und notfalls auch bis nachts um drei proben. „Ich verlange von meinen Musikern, dass sie noch dreimal verrückter sind als ich“. Lange Probenzeit, intensive Erarbeitung der Musik mit den Musikern und Sängern, das Werk im Fokus statt Ruhm und Geld, dem Geist der Musik auf der Spur und das Aufbrechen von Routinestrukturen beim Spielen und Hören von klassischer Musik sind einige der von ihm selbst für sich in Anspruch genommenen Charakterzüge.

Die Elbphilharmonie Hamburg hat ihn nun in der Saison 2018/19 für eine siebenteilige Residenz in die Hansestadt geholt – vier Mal mit seinem Orchester musicAeterna of Perm Opera, zwei Mal mit dem neu formierten SWR Symphonieorchester, dessen erster Chefdirigent er ist, dazu mit dem Mahler Chamber Orchestra. Auf den Programmen steht natürlich nur Musik der Extreme: Verdis Oper „La Traviata“ (IOCO berichtete), das Requiem von Brahms, Schostakowitschs „Leningrader“ und die Chor Oper „Tristia“ von Philippe Hersant, die Gedichte von Kriegsgefangenen vertont.
An diesem Abend nahm er sich das „Requiem“ von Verdi mit dem Orchester und Chor musicAeterna of Perm Opera vor.

Die Uraufführung des Messa da Requiem von Giuseppe Verdi fand am 22. Mai 1874 in der Kirche San Marco zu Mailand statt. Mit dem originalen Titelzusatz „Per l’anniversario della morte di Alessandro Manzoni XXII Maggio MDCCCLXXIV“ bezieht sich Verdi auf den von ihm zutiefst verehrten 1873 verstorbenen Dichter Alessandro Manzoni, der eine hochangesehene Identifikationsfigur des Risorgimento war, der italienischen Nationalbewegung, deren Vertreter auch Verdi selbst gewesen ist. Schon im gleichen Jahr, 1874, führte Verdi das Werk in Paris auf und brachte es 1875 auch nach London und Wien. Die Erstaufführungen in Deutschland fanden im Dezember 1875 in Köln und in München statt, kurz darauf folgte die Erstaufführung in der Dresdner Semperoper.

Wegen des Widmungsträgers bezeichnete man einst Verdis Messa da Requiem als Manzoni-Requiem. Der Begriff war vor allem im deutschen Raum in den Jahren nach den ersten Aufführungen geläufig, wurde jedoch bereits im 20. Jh. nicht mehr verwendet. Umgangssprachlich bedient man sich heute der Bezeichnung Verdi-Requiem, während für Konzertankündigungen häufig der Originaltitel Messa da Requiem eingesetzt wird.
Verdis Messa da Requiem ist, wie Berlioz’ Grande Messe des Morts und Brahms’ Ein deutsches Requiem, ein Requiem, das nicht mehr für den liturgischen Gebrauch, sondern allein für konzertante Aufführungen geschrieben wurde; daher wird es oft ironisch als Verdis beste Oper bezeichnet.

Der Text und der Ablaufplan des Werkes entsprechen fast durchgehend der römisch-katholischen Liturgie des Totengottesdienstes. Es gibt nur wenige Abweichungen davon. Verdi verzichtete nur auf die Vertonung von Graduale und Tractus, fügte jedoch das Responsorium Libera me hinzu. Die Besetzung entspricht einem Opernorchester (ähnlich groß besetzt wie bei seiner Oper Don Carlos) mit vier Solisten (Sopran Zarina Abaeva, Mezzosopran Varduhi Abrahamyan, Tenor René Barbera, Bass Tareq Nazmi) und dem vierstimmigen oft mehrfach geteilten musicAeterna chorus of Perm Opera. Mit großer Spannung und hohen Erwartungen lauschen die Zuhörer im prall gefüllte Saal der Elbphilharmonie Hamburg den Musikern auf dem Podium.

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi - hier : das musicAeterna Orchester der Perm Opera © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi – hier : dasmusicAeterna Orchester der Perm Opera © Claudia Hoehne

Die rund 150 Musiker des musicAeterna-Ensembles treten geradlinig und unbeirrt und in traditioneller russischer Kleidung, an schwarze Mönchskutten erinnernd, mit gemächlichen Schritten auf. Auf der Bühne befinden sich nur sehr wenige Stühle. Das hat seinen guten Grund: mit Ausnahme der Cellisten und wenigen anderen Musikern stehen sie, um sich mit vollem körperlichen Einsatz in die Musik zu vertiefen. Teodor Currentzis dirigiert mit aufgeschlagener Partitur taktstocklos in seinem an einen ordentlich gekleideten Punk erinnernden Outfit. Man gewinnt bereits nach den ersten gespielten Noten den Eindruck, dass er die unzähligen Facetten von Verdis Meisterwerk wie durch einen Psychologen offenlegen und transparente, auch neue ungewohnte Klänge erzeugen möchte.

Mit dem musicAeterna chorus of Perm Opera, den Currentzis selbst und sein erster Chorleiter Vitaly Polonsky leitet, steht zudem ein 70- köpfiger Chor der Spitzenklasse auf dem Podium der Elbphilharmonie Hamburg. Präzise, mit einer unglaublich dynamischen Leidenschaft, textverständlich, wohlklingend und mitreißend gestalten sie ihre Rolle, wobei sie ihrem Dirigenten blind folgen.
Die ersten leisen, kaum hörbaren Töne des Requiems lassen den gespannten Zuhörer bereits erstaunen. Wundersam flüstert der Chor in die magischen Klänge, die langsam von den Saiten der Streicher in den Saal fluten. Akustisch wähnt man sich weit entfernt von der Trägheit und der harmonischen Undurchsichtigkeit, an die man sich bei so vielen Aufführungen gewöhnt zu haben scheint. Die äußerste Genauigkeit jedes einzelnen Instrumentes und jeder einzelnen Stimme, auch unterstützt durch den transparenten Klang in der Elbphilharmonie, dringt genussvoll an des Zuhörers Ohren. Currentzis würzt das „Dies Irae“ mit höchstpräzisen Akzenten, rhythmischer Fülle, Wut und eiskalter Perfektion. Die Musik ist voller Schwung und gleichzeitig in einer Feinheit, die in ihrer Vielfalt unvergleichlich ist.

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi hier : das musicAeterna Orchester der Perm Opera hier die Solisten © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi – hier : das musicAeterna Orchester der Perm Opera hier die Solisten © Claudia Hoehne

Auf dem Dirigentenpodium sind seine Bewegung das Mittel zum Zweck dieser Kraft des musikalischen Spiels auch optischen Ausdruck zu vermitteln. Finger, Unterarme, Hüften und Fersen werden eingesetzt wie bei einem Florettfechter im Finalkampf. Er täuscht an, pariert und stößt zum finalen Angriff. Die theatralische Sprache wird mit Pausen, rasanten Tempi und gewitterartigen Spitzen zum Höhepunkt gedrängt. So führt er die gebannte Zuhörerschaft mit einer unglaublichen Genauigkeit durch Verdis Partitur, das Orchester von nahezu unhörbar leise hauchend bis zu sturmbrausenden Peitschenhieben austeilenden gewaltigen Ausbrüchen. Bis auf ganz wenige Huster wagt das Publikum kaum zu atmen.

Der US-amerikanische Belcanto-Tenor René Barbera, der als einer der vielversprechendsten Sänger seiner Generation gilt, der 2011 den ersten Preis bei Placido Domingos Wettbewerb Operalia in den Kategorien Oper und Zarzuela gewann und der mit Partien wie Tonio in Donizettis La fille du régiment, Graf Almaviva in Rossinis Il barbiere di Siviglia, Alfredo in Verdis La traviata und Strauss’ Rosenkavalier an internationalen großen Bühnen brillierte, sang seine Partie mit Natürlichkeit und ließ besonders im „Ingemisco“ sinnliche Liebe und präzise Artikulation verströmen.
Die russische Sopranistin Zarina Abaeva ist seit 2012 Ensemblemitglied des Perm State Opera and Ballet Theatre. Zu ihrem Repertoire zählen u.a. die Titelpartie in Tschaikowskys Jolanthe, die Rolle der Tatiana in Tschaikowskys Eugen Onegin sowie Micaëla in George Bizets Carmen. Sie sang mit feinsten lyrischen Bögen, mädchenhafter Leichtigkeit und großer Strahlkraft in den Höhen. Im abschließenden „Libera me“, wo sie sich von der Rampe inmitten in den Chor umpositionierte, klang das ganz besonders mystisch, mit fast orientalischer Intonation und überirdischer Noblesse.

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi - hier : das musicAeterna Orchester der Perm Opera hier Dirigent Teodor Currentzis © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Messa da Requiem von Giuseppe Verdi – hier : das musicAeterna Orchester der Perm Opera hier Dirigent Teodor Currentzis © Claudia Hoehne

Die natürliche, auf dem Atem strömende Stimme und die energiegeladene Charakteristik der Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan kam besonders intensiv sowohl im Duo „Recordare“ als auch in dem „Liber Scriptus“ mit hochtheatralischer Eleganz zur Geltung. Die in Armenien geborene Sängerin, die an den großen Opernhäusern in ganz Europa unterwegs ist, überzeugte mit schön dunkel gefärbter Stimme. Sie gestaltete ihre Rolle souverän, ausdrucksstark und wird dem „mörderischen“ Tonumfang der Partie eindrucksvoll gerecht. Oft liegt sie wunderbar wie ein dunkler Schatten musikalisch unter dem Sopran.

Der an der Bayerischen Staatsoper München in Opernstudio und Ensemble ausgebildete und mittlerweile international bekannte Bass Tareq Nazmi sang seine Partie mit selten gehörter Eleganz in allen seinen vorhandenen Registern und komplettierte das qualitativ erstklassige Sängerquartett. Sein sicher geführter, gut fokussierter Bass leuchtet dunkel umhüllt mit strahlendem Kern und strömenden Legato. Es gelingt ihm besonders gut, seine vorhandene Schwärze in der Stimme zurückzunehmen und Verdis gewünschten Farbreduzierungen gerecht zu werden.

Mit tosendem Beifall, Jubelstürmen und nicht enden wollenden Ovationen bedankt sich das Publikum bei den Mitwirkenden aus Perm, aus dem Osten Russlands.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Premiere  Schwanensee – Martin Schläpfer 08.05.2018

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus  © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Ballett Schwanensee – Premiere – Uraufführung

8. Juni 2018 – 19.30 Uhr

Seit seiner Uraufführung 1877 am Moskauer Bolschoi-Theater hat Schwanensee, das berühmte Ballett zur Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, zahlreiche Deutungen erfahren. Mit den charakterstarken Tänzerpersönlichkeiten des Balletts am Rhein zeigt Martin Schläpfer nun seine Lesart des Klassikers. In seiner hochexpressiven Tanzsprache erzählt er eine märchenhafte Geschichte über das Erwachsenwerden und entführt in eine Welt, „in der Geister und Unerklärbares noch nicht als Hirngespinste gelten“. Musikalisch begleiten die Düsseldorfer Symphoniker unter Leitung von Generalmusikdirektor Axel Kober die Compagnie. Florian Etti hat die Bühne und die Kostüme gestaltet, Stefan Bolliger ist für das Lichtdesign verantwortlich.

In den Hauptrollen sind bei der Premiere Marcos Menha als Siegfried, Marlúcia do Amaral als Odette, Camille Andriot als Odile, Monique Janotta als Siegfrieds Mutter, Chidozie Nzerem als Zeremonienmeister, Alexandre Simões als Benno, Young Soon Hue als Stiefmutter, Sonny Locsin als Rotbart und Boris Randzio als Großvater zu erleben. Weitere Informationen zur Besetzung  und sämtliche Aufführungstermine finden Sie auf der DOR Website.

Die Vorstellungen von Schwanensee am 11.7. und am 12.7. werden von WDR/arte aufgezeichnet.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Dortmund, Konzerthaus Dortmund, Brahms Requiem, IOCO Kritik, 23.11.2014

November 26, 2014 by  
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Konzerthaus Dortmund

Konzerthaus Dortmund / Herbert Blomstedt Martin © U. K. Lengemann

Konzerthaus Dortmund / Herbert Blomstedt Martin © U. K. Lengemann

 Ein Deutsches Requiem von Johannes Brahms
Chor und Bamberger Symphoniker unter Herbert Blomstedt
Ruth Ziesak, Sopran – Detlef Roth, Bariton

Nach 2004 mit der Frankfurter Singakademie und 2009 mit dem WDR-Chor war das “Deutsche Requiem“ von Brahms nun zum dritten Mal im Konzerthaus zu hören. Diesmal war es mit den Bamberger Symphonikern und deren großartigem Chor zu erleben. Am Pult stand der Doyen der alten Dirigenten-Garde, Herbert Blomstedt.

Der US-Schwede Blomstedt ist kein Unbekannter mehr im Dortmund. Er war hier schon einige Male zu erleben mit verschiedenen Ensembles.

Blomstedt studierte in Stockholm und Uppsala, danach – mit Schwerpunkt Dirigieren – an der New Yorker Juilliard School. Außerdem hatte er Assistenzen bei Igor Markevitch in Salzburg und Leonard Bernstein in Tanglewood. Von 1975 bis 1985 war er Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Sieben Jahre stand er am Pult des Gewandhauses in Leipzig. Es gibt kaum ein Spitzenorchester auf dem Globus, mit dem er nicht gearbeitet hätte.

1985 wurde er Music Director des renommierten San Francisco Symphony Orchestra, dem er 10 Jahre bis 1995 vorstand.

Seit 2006 ist Blomstedt Ehrendirigent der Bamberger Symphoniker, mit denen ihn eine längere Zusammenarbeit verbindet und mit denen er nun in Dortmund das Brahms-Requiem aufführte.

Brahms arbeitete einige Jahre an seinem Requiem. Er verwendete nicht die lateinischen Texte der traditionellen Totenmesse, sondern vertonte selbst zusammengestellte Texte aus der Lutherbibel.  Nach Aufführungen einzelner Sätze wurde es in seiner vollständigen, siebensätzigen Form, am 18. Februar 1869 im Gewandhaus Leipzig unter Carl Reinicke uraufgeführt.

Heute ist es auf den Spielplänen der Konzertstätten weltweit nicht mehr wegzudenken. Jetzt erfuhr es am Totensonntag eine ergreifende Aufführung im Dortmunder Konzerthaus.

Der Chor der Bamberger Symphoniker ist einfach großartig, hervorragend in Klang, Singkultur und Flexibilität. Außerdem lies das ungefähr hundertköpfige Ensemble, einstudiert von Rolf Beck, sprachlich nichts zu wünschen übrig.

Das Orchester spielte unter Blomstedts souveräner Leitung dort, wo es in den Vordergrund treten darf, berückend schön, so im ungemein expressiv und intensiv ausgesungenen vierten Satz, der auch chorisch zu einem Höhepunkt des Konzerts wurde. Ein glänzendes Detail war auch das wichtige Pauken – Ostinato am Schluss des zweiten Satzes, das unheimlich prägnant heraus kam, wie auch der wichtige Harfenpart.

Die Sopranistin Ruth Ziesak war, zumindest was die Makellosigkeit der Ansätze und der Phrasierung angeht, wie auch in der klangvollen Höhenlage der Stimme, eine gute Wahl. Wenngleich ihr nicht immer verinnerlichter Ausdruck zu Gebote stand.

Die beiden Bariton-Soli sang Detlef Roth mit kräftiger höhensicherer Stimme, bei exzellenter musikalischer und textlicher Gestaltung.

Die wunderbare Wiedergabe wurde vom Publikum herzlich gefeiert.

IOCO / UGK / 23.11.2014

—| IOCO Kritik Konzerthaus Dortmund |—

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