Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan, IOCO Kritik, 24.05.2019

Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

 Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan

– Die Droge „Macht“ :  Zerstörerin von Freiheit und Menschen –

von Peter Schlang

Dafür, dass nicht alle Geschichten aus Herrscherhäusern oder über Adelsgeschlechter belanglosen Tratsch und bestenfalls einen Fall für die Regenbogenpresse darstellen, lieferte die jüngste Premiere des Stuttgarter Balletts einen eindrucksvollen Beweis. Als deutsche Erstaufführung  feierte dort am 18. Mai 2019 Kenneth MacMillans 1978 in London uraufgeführtes Handlungsballett Mayerling einen rauschenden Erfolg. Der gut dreistündige Abend zeigte außerdem auf mitreißende Weise, wie spannend und aktuell historische Stoffe dieses Genres  auch heute noch sein können – zumindest wenn sich ein Groß-Meister psychologisierender Tanzkunst ihrer annimmt, wie es der 1992 verstorbene englische Choreograf und Tänzer Kenneth MacMillan war. Und wenn dann auch noch einige weitere Voraussetzungen gegeben sind, wie sie das Stuttgarter Ballett am Samstagabend einem begeisterten Publikum in beispielhafter Weise vor Augen führte, steht einer Sternstunde des Balletts nichts im Weg!

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Ballett von Kenneth MacMillan - hier : Elisa Badenes und Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan – hier : Elisa Badenes und Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Mayerling ist der Name eines Jagdschlosses der Habsburger, die über viele Jahrhunderte die österreichischen Kaiserinnen und Kaiser stellten. Dort beging am 30. Januar 1889 Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn Selbstmord, nachdem er zuvor seine 17-jährige Geliebte Baronesse Mary Vetsera erschossen hatte. Dieser inszenierte Doppel- / Selbst– Mord beendete nicht nur eine politische Hoffnung der Doppelmonarchie, sondern setzte auch einem Leben ein Ende, das mit den Begriffen Drama, Verzweiflung, Enttäuschungen, Intrigen, Lieblosigkeit und Verrat noch vorsichtig beschrieben ist.

 Mayerling – Stuttgarter Ballett zeigt die Aktualität historischer Erfahrungen

Rudolf, der am 21. August 1858 nach zwei Schwestern geborene, sehnlichst erwartete männliche habsburgische Thronfolger, wurde seiner Mutter, der Kaiserin Elisabeth (Sissi) und ihrer möglichen Liebe unmittelbar nach seiner Geburt entzogen. Nach dem Willen seines Vaters, Kaiser Franz Joseph I. und seiner Großmutter, Erzherzogin Sophie, sollte Rudolf mit höchster Disziplin und Härte zu einem „guten Soldaten“ erzogen und damit auf sein Amt als österreichischer Kaiser vorbereitet werden, für das nach damaliger Lesart nur ein harter, unnachgiebiger Militärführer in Frage kam.

Der äußerst sensible, musisch begabte und intelligente Junge konnte diese Erwartungen zu keiner Zeit erfüllen und litt so sehr an der ihm entgegenschlagenden Härte und Kälte, dass seine Mutter ihn letzten Endes doch dem militaristischen Einfluss entzog und für ihn eine liberale säkulare Erziehung organisierte. Dies wiederum rief nicht nur die konservativ-religiösen Kreise auf den Plan und sorgte in der Folge für zahlreiche Konflikte und Skandale, zu denen spätestens ab seiner Volljährigkeit mit 18 Jahre auch mehrere Liebesbeziehungen und ausufernde sexuelle Aktivitäten des Kronprinzen gehörten. Seine Eltern glaubten, mit der arrangierten Ehe ihres nunmehr 22jährigen Sohnes mit der 16jährigen belgischen Kronprinzessin Stephanie diesem Treiben ein Ende setzen zu können. Doch erfüllte sich diese Hoffnung genauso wenig, wie jene, dass sich Rudolf auf seine Kernaufgaben als späterer Herrscher vorbereitete. Stattdessen mied er nach einer kurzen glücklichen Ehephase, aus der auch eine Tochter hervorging, seine Gemahlin weitgehend und pflegte zahlreiche außereheliche Beziehungen. Auch ging er weiter seinen naturwissenschaftlichen, schriftstellerischen und journalistischen Interessen nach und pflegte intensive Kontakte zu anti-klerikalen und anti-katholischen, äußerst liberalen, ja sogar separatistischen ungarischen Kreisen.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Ballett von Kenneth MacMillan © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan © Stuttgarter Ballett

Dies führte zu immer größeren Verwicklungen und zur Isolation Rudolfs, die wiederum – zusammen mit seiner fortschreitenden Syphiliserkrankung – dramatische physische, psychische und psychosomatische Störungen zur Folge hatten. So war der Geliebten- und Selbstmord keine Kurzschlusshandlung, sondern die  Folge einer lange vorhandenen Obsession und die Realisierung einer letzten Option.

Die Erkenntnis, dass dies alles äußerst aktuelle Themen sind und der Wunsch, sein Amt als neuer Stuttgarter Ballettdirektor mit einem „richtigen Kracher“ anzutreten, ließ in Tamas Detrich schon bei seiner Berufung als Nachfolger Reid Andersons vor über vier Jahren den Entschluss entstehen, dieses in Deutschland noch nie als Eigenproduktion gezeigte Ballett in seiner Eröffnungsspielzeit auf die Bühne des Stuttgarter Opernhauses zu bringen. Dazu gelang ihm der Coup, mit Jürgen Rose eine der ganz großen Ausstatter-Legenden nach 27 Jahren Abwesenheit wieder an das Stuttgarter Ballett zurückzuholen. Der für Bühnenbild, Kostüme und Lichtkonzept verantwortliche, inzwischen 81jährige Rose ist genau das Genie, das es braucht, um MacMillans schwermütiges, tiefgründiges und düster funkelndes Meisterwerk auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf eine Ballettbühne zu bringen. Ihm gelang es auf bewundernswerte Weise, dieses visionäre und zu seiner Zeit bahnrechende Stück, das nicht nur die entlegensten Winkel der menschlichen Psyche erforscht, sondern auch die folgenschweren Auswirkungen von Wünschen, Trieben, Bevormundung und Kämpfe um Macht  und Einfluss auf Individuen und  Gesellschaft analysiert, trotz starker, von MacMillans Witwe überwachter Aufführungsbeschränkungen behutsam, aber aussagestark zu aktualisieren.

Drei Jahre lang arbeiteten Jürgen Rose, seine beiden Assistenten Christian Blank und Moritz Haakh und die Stuttgarter Werkstätten an der Ausstattung dieses Balletts: 198 Kostüme im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts mussten entworfen und genäht, zahlreiche  zeittypische Möbel- und sonstige Requisiten hergestellt oder beschafft und dreizehn Bühnen-(Hintergrund-)Bilder gemalt und auf große Stoffbahnen gedruckt werden.  Dabei gesteht der Bühnen- und Kostümbildner nur den Hauptfiguren dezente Farbakzente zu und setzt stattdessen bei allem Übrigen überwiegend auf eine Schwarz-Weiß-Optik, mit der er an die Ästhetik alter Stiche und  Fotoalben erinnert und so die Historizität des Stoffes und den dokumentarischen Charakter des Stückes betont.

Dass Mayerling dennoch äußerst modern wirkt und zahlreiche Vergleiche mit aktuellen Themen und Bezügen anbietet, liegt nicht nur an der fabelhaften Ausführung der Dekorationen, sondern auch und vor allem an den famosen Stuttgarter Tänzerinnen und Tänzern, die an diesem Premierenabend erneut eindrucksvoll zeigen, warum das Stuttgarter Ballett zu den besten Compagnien der Welt gezählt wird.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Chr.: Kenneth MacMillan - hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Chr.: Kenneth MacMillan – hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

An allererster Stelle ist hier Friedemann Vogel (Foto) zu nennen, der seinen Rudolf, dessen Rolle von der Kommunikationsdirektorin des Stuttgarter Ballett, Vivien Arnold, als „Mount Everest der Ballett-Literatur“ bezeichnet wird, von der ersten Bewegung im 1. Akt bis zu seinem Todesschuss im letzten Bild des 3. Aktes zu einem Ballettereignis allererster Güte macht. Dabei fällt es dem Beobachter schwer, die Details dieser Rolle und ihrer Umsetzung zu beschreiben und zu gewichten. Denn Friedemann Vogel ist in allen Szenen des Abends pausenlos auf der Bühne und hat dabei in ganz unterschiedlichen Szenen und Zusammenhängen die an Tragik nicht zu überbietende Entwicklung Rudolfs nachvollziehbar darzustellen, was allein schon eine Energieleistung ohne Beispiel ist. Wie das der erste Solist des Stuttgarter Ballett in den  insgesamt sieben Pas de deux Rudolfs mit dessen Mutter, seiner jungen Ehefrau, seiner letzten Geliebten Mary Vetsera und seinen beiden ehemaligen Geliebten sowie in mehreren Pas de cinq mit den ungarischen Separatisten und in den unzähligen diese umrahmenden Solis auf die Bühne bringt, verschlägt einem den Atem. Es ist höchste Tanzkunst und grenzt nicht selten an Akrobatik, wie er seine Tanzpartnerinnen über sich und an sich entlang windet, anzieht und wegstößt, hochstemmt und wieder zu Boden zieht, antreibt und dann wieder zum Innehalten animiert. Nicht minder atemberaubend ist Vogels  mimisch-gestische Präsenz, mit der er alle Empfindungen und inneren Vorgänge des Kronprinzen geradezu plastisch werden lässt und bis zur Betroffenheit erlebbar macht,  weshalb für diesen Ausnahmetänzer unbedingt der Begriff  „Tänzer-Darsteller“ eingeführt werden sollte.

Seine ihm in verschiedenen Rollen zur Seite gestellten Tanzpartnerinnen haben es, wie es bei einer mittelmäßigen Compagnie zu befürchten wäre, nicht schwer, mit ihm Schritt zu halten, sondern leisten mit ihren jeweiligen Auftritten einen ebenbürtigen Beitrag zu diesem Gipfel der Tanzkunst. Wegen der Bedeutung ihrer Rolle und deren höchst authentischer und glaubwürdiger Verkörperung sei Elisa Badenes als Baronesse Mary Vetsera als erste genannt. Ihr nimmt man nicht  nur ihre Leidenschaft in glücklichen Stunden, sondern auch die Bereitschaft ab, mit Rudolf in den Tod zu gehen. Äußerst genaue Rollenportraits liefern auch Alicia Amatriain als Marie Gräfin Larisch und Anna Osadcenko als Mizzi Casper, beides ehemalige Maitressen Rudolfs und ihm auf ganz unterschiedliche Weise noch immer verbandelt und zu Diensten. Miriam Kacerova gibt die Kaiserin Elisabeth als kühle, distanzierte, kaum liebesfähige Mutter, die ihrem Sohn in Sachen Ehebruch übrigens in nichts nachsteht, während man Diana Ionescu als Kronprinzessin Stephanie, Rudolfs junger Zwangsehefrau, deren Fremdheit, Zerbrechlichkeit und Ablehnung jederzeit ansieht und abnimmt.

Von den zahlreichen weiteren Tänzern des groß besetzten Abends seien hier beispielhaft Alexander Mc Gowan, Adrian Oldenburger, Marti Fernández Paixà und Flemming Puthenpurayil als wundervolles Quartett ungarischer Offiziere sowie Adhonay Soares da Silva als Rudolfs komisch-überdrehtes Faktotum Bratfisch  genannt.

Als Verbeugung des neuen Ballettdirektors Tamas Detrich vor den großen Leistungen früherer Verantwortlicher des Stuttgarter Balletts darf man die Geste werten, in den ersten fünf Vorstellungen von Mayerling mit Marcia Haydée als Erzherzogin Sophie, Georgette Tsingurides als deren Hofdame und Egon Madsen  als Kaiser Franz Joseph I. drei ehemalige Stuttgarter Stars an ihre frühere Wirkungsstätte zurückzuholen.

Sie reihen sich in den großen Szenen bescheiden in das Corps des Ballets ein, das durch einprägsame und beeindruckende Milieustudien besticht, wie etwa den Tanz der Kammerzofen, das Bachanale der Dirnen und ihrer Freier in der Wirthausszene des 2. Aktes oder durch die Ball-Episoden zu Beginn des 1. Aktes.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Chr.: Kenneth MacMillan - hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Chr.: Kenneth MacMillan – hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Verlässlicher musikalischer Garant des tänzerischen Geschehens ist das Staatsorchester Stuttgart, das unter der Leitung des jungen russischen Gastdirigenten Mikhail Agrest seine große Erfahrung und Klasse auch als „Ballettorchester“ unter Beweis stellt. Es hält den ganzen Abend über die Balance zwischen dem gefühlsbetonten, lebensbejahenden, romantischen Ausdruck, den die von John Launchbery seinerzeit für MacMillan zusammengestellte Musik Franz Liszts erfordert und dem morbiden, dekadenten Flair, welches die Handlung des Balletts begleitet und unterstreicht.

So zeigen alle Mitwirkenden dieser jüngsten Stuttgarter Ballettproduktion, was MacMillans Choreografie auch 40 Jahre nach ihrer Uraufführung noch immer auszeichnet: Die Erweiterung des traditionellen drei-aktigen Handlungsballetts um einen neuen, fast wagemutigen Bewegungsstil und die Einführung einer bis dato unbekannten, semi-artistischen Form von Körperlichkeit, die heute eher dem zeitgenössischen als dem klassischen Tanz zugeordnet wird, kurz, das Vermächtnis eines „experimentierfreudigen Traditionalisten“. Vor dem Hintergrund der nationalistischen Verwerfungen in Europa und der Zunahme an korrupten, egoistischen, nur auf Machterhalt erpichten Selbstdarsteller in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erhält dieses scheinbar aus der Zeit gefallene Ballett eine große Aktualität und neue Deutungskraft.

Auch dafür spendete das Publikum im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus frenetischen, minutenlangen Applaus; ja beim Erscheinen Jürgen Roses gab es stehende Ovationen.

Mayerling – Stuttgarter Ballett; weitere Vorstellungen 24., 25. 28. Mai, 1., 8. 9. Juni, 28. Juli 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Dances at a Gathering – Initialen R.B.M.E., IOCO Kritik, 19.01.2018

Januar 20, 2018 by  
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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Begegnungen –  Reid Anderson – Stuttgarter Ballett

 Fazit einer Ära und Verheißung für die Zukunft

Von  Peter Schlang

Als eine der letzten Premieren seiner 22jährigen Amtszeit als Intendant des Stuttgarter Balletts und seiner dann insgesamt 44jährigen Zugehörigkeit zu dieser Compagnie setzte Reid Anderson einen Ballettabend aufs Programm, der erstmals zwei wahre Edelsteine an Choreografien an einem Abend vereint: Jerome Robbins am 22. Mai 1969 am New York City Ballett herausgekommene Dances at a Gathering, die seit  29. November 2002 zum Repertoire des Stuttgarter Balletts gehören, und John Crankos unübertroffener Klassiker Initialen R.B.M.E., welcher vor genau 46 Jahren, am 19. Januar 1972, in Stuttgart seine umjubelte Uraufführung erlebte.

„Plädoyer für Freundschaft und respektvolles Miteinander auf die Bühne“

Beide Ballette sind unbestritten choreografische Meisterwerke und widmen sich, jedes auf seine unnachahmliche bzw. ihres Schöpfers individuell-geniale Weise, dem Lob der Freundschaft und des menschlichen Zusammenhalts.  Gemeinsam ist ihnen aber nicht nur das Thema, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Melancholie und Leichtigkeit, mit der sie das menschliche Miteinander charakterisieren und das Leben mit reichen, vielschichtigen Emotionen feiern.

 Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering von Jerome Robbins © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering von Jerome Robbins © Stuttgarter Ballett

Robbins‘  Dances at a Gathering erzählt in einer virtuos-zarten Choreografie von Abschied und Aufbruch sowie von der Wertschätzung des Einzelnen und dessen Gemeinschaft  mit anderen Menschen. Crankos Initialen R.B.M.E. ist sein persönlichstes Ballett; in ihm würdigt er seine Freundschaft zu seinen  Ersten Solisten, Musen und Partnern Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen und deren wunderbare Beziehung zueinander. Mit diesem Stück hinterließ der Gründer des Stuttgarter Balletts, der im vergangenen August  90 Jahre alt geworden wäre, nicht nur eine ‚Ode an die Freundschaft‘, in der die Verehrung für seine Tänzer weiterlebt, sondern auch ein Werk, in dem sich ebenso Kern und Essenz seines künstlerischen Schaffens konzentrieren.

Jerome Robbins, der nicht nur als Choreograf, sondern auch als Musical-Autor und Regisseur große Erfolge feierte, stellt in seinen sechzehn Szenen für insgesamt je fünf Tänzerinnen und Tänzer Studien des reinen Tanzes in ländlichem Milieu vor und kombiniert darin klassisches Ballett mit Elementen des Volkstanzes. Dabei wirkt Vieles improvisiert, offenbart aber stets eine tiefere Ebene, so etwa, wenn Momente des Abschieds und Umbruchs oder festliche Zitate von Freundschaft und Begegnung zu exemplarischen Studien des Lebens werden. Dabei überrascht noch immer die Leichtigkeit dieser Petitessen, die in starkem Gegensatz zu der Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten herrschenden zerrissenen, kalten Atmosphäre steht, in welcher der Vietnamkrieg und Morde an Politikern und Bürgerrechtlern das Klima vergifteten. Diese Leichtigkeit und Unbeschwertheit rührt sicherlich auch von der von Robbins für sein Ballett ausgewählten Musik, sechzehn Klavierstücken Frédéric Chopins. Diese, in der Mehrheit Etüden, Mazurkas und Walzer, wurden am Premierenabend von Alexander Reitenbach, einem einfühlsamen Begleiter und „Tanz-Ermöglicher“, so leichthändig, federnd und dennoch tiefgründig interpretiert, dass es für die zehn Mitglieder der Stuttgarter Compagnie das reine Vergnügen gewesen sein muss, darauf ihre Pirouetten zu drehen, Sprünge zu absolvieren, die zahlreichen Hebefiguren zu bewältigen und Gruppenbilder zu komponieren.

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Dances at a gathering © Stuttgarter Ballett

In jedem Fall und zu jeder Zeit verkörpern Veronika Verterich, Alicia Amatriain, Hyo-Jung Kang, Elisa Badenes und Sinéad Brodd als Tänzerinnen sowie ihre Kollegen Adhonay Soares da Silva, Friedemann Vogel, Jason Reilly, Moacir de Oliveira und Martí Fernández Paixà  die im Titel Dances at a Gathering versprochenen Gruppen-  und Freundschaftsbande und –szenen auf lebendigste und äußerst anrührende Weise. Sie geben aber auch dem Humor und dem in menschlichen Beziehungen angebrachten ironisch-sanften Zweifel den nötigen Raum. Für letzteren sorgt bei ansonsten kahlem Bühnenraum die ständige und einheitliche Projektion eines blauen Himmels mit sich leicht verändernden Formationen von federleichten Schleierwolken, die auch einen stimmungsvollen, stimmigen und poetischen Hintergrund schafft und den in zarten Pastellfarben gehaltenen Kostümen zu einer träumerisch-heiteren Wirkung verhilft.

Crankos nach der Pause zu bestaunende, bereits erwähnte Verneigung vor seinen vier herausragenden Solisten und Säulen seiner Compagnie wirkt auch mit der aktuellen Besetzung durch die Kraft und Selbstbewusstsein, aber auch Zerbrechlichkeit und Demut demonstrierenden jungen Tänzerinnen und Tänzer radikal wie betörend.

Adhonay Soares da Silva als „R“ichard, Elisa Badenes als „B“irgit, Alicia Amatriain als „M“arcia und Moacir de Olveira als „E“gon  (R.B.M.E.) verdeutlichen  auf  eindrucksvolle Weise, dass Crankos Vermächtnis auch 46 Jahre nach seiner Entstehung noch jene Kraft und Wärme entfaltet, die seinerzeit Publikum wie Kritik in Begeisterung versetzt hatten. Und der Berichterstatter, der Mitte der siebziger Jahre die Original- bzw. Erstbesetzung erlebt hatte, kann dem aktuellen Solistenquartett die gleiche Authentizität, Glaubwürdigkeit, Originalität und Überzeugungskraft bescheinigen, die er damals bei den vier Widmungsträgern bewundert hat.

 

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett hier_ Initialen R.B.M.E. von John Cranko © Stuttgarter Ballett

Staatsoper Stuttgart / Stuttgarter Ballett hier_ Initialen R.B.M.E. von John Cranko © Stuttgarter Ballett

Mag sein, dass die aktuelle Generation der Tänzerinnen und Tänzer die Sache athletischer und akrobatischer angeht als die Generation Crankos und seiner vier Solistenfreunde. Die für sie geschaffene Choreografie  wirkt dennoch  zeitlos modern, und die Längen in einigen  auf den Beobachter weniger spannend und interessant wirkenden Passagen im dritten Teil sind vermutlich weniger ein Problem der verstrichenen Zeit als dem hier zu hörenden Andante aus Brahms’ zweitem Klavierkonzert geschuldet. Dessen einleitendes Allegro und das folgende Scherzo werden vom Choreografen und den ausführenden Tänzerinnen und Tänzern genauso lustvoll und stimmig interpretiert wie das abschließende Rondo. In allen vier Sätzen des mehr an eine Sinfonie als an Solokonzert erinnerndes Werks überzeugen das Staatsorchester Stuttgart unter der bewährt-traumhaft-sicheren Leitung seines Ballettdirigenten James Tuggle und der höchst aufmerksam und feinfühlig agierende Pianist Andrej Jussow mit sinfonischer Präzision und höchster dynamischer Abstufung und sind ein bewährter wie einfühlsamer Begleiter und musikalischer Illustrator aller auf der Bühne zu sehenden Emotionen und Bewegungen.  Von dieser sensiblen wie flexiblen musikalischen Unterstützung profitieren nicht nur die vier beschriebenen Tänzer der Titelfiguren und ihre anderen solistischen Partner, sondern auch das Corps de Ballett, das in den vier Teilen des Werks bis in bühnenfüllender Stärke im Einsatz ist. Zusammen mit den Solisten demonstrieren seine Mitglieder sensibel und glaubhaft  die verschiedenen Facetten von Freundschaft und Beziehungen, ob es sich nun um Zurückhaltung oder Leidenschaft,  Solidarität oder Gewähren von Freiräumen, Achtung und Respekt oder Treue und Begeisterung für einander handelt.

Der neue Ballettabend Begegnungen des Stuttgarter Balletts auf Frédéric Chopins beschwingte Klavierstücke und Johannes Brahms‘ grandioses zweites Klavierkonzert bietet nicht nur tänzerisch und musikalisch ein exquisites Programm. Mit den beschriebenen zwei Pretiosen an wundervollen „Begegnungsballetten“ kann es in einer Zeit wachsender Ungleichheit, zunehmender Vereinzelung und digitaler Entfremdung auch Mut dazu machen, traditionelle menschliche Bindungen zu pflegen und Werte wie Freundschaft, Begegnung, Solidarität und gegenseitige Unterstützung neu und stärker zu gewichten als kurzfristigen Erfolg und persönliche Dominanz.

Stuttgarter Ballett – Begegnungen: Weitere Vorstellungen 20. und 21. Januar, 10., 11., 16. und 17. Februar sowie 19. Juli 2018.

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Cranko Pur – Hommage auf John Cranko, IOCO Kritik, 10.10.2017

Oktober 10, 2017 by  
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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

  Cranko Pur  –  Ballett zum 90. Geburtstag von John Cranko

In jeder Geste, jedem Schritt – Scharfer Bobachter, großer Menschenfreund

Von Peter Schlang

Am 5. August wäre der Gründer des Stuttgarter Balletts und Vater des gleichnamigen Ballettwunders, John Cranko,  90 Jahre alt geworden. Dies nahm der in seiner 23. und letzten  Spielzeit amtierende Ballettintendant Reid Anderson zum Anlass, den großen Choreografen und Tanzpädagogen mit einem Ballettabend zu ehren, der am 3. Oktober im Stuttgarter Opernhaus seine Premiere erlebte. Anderson griff für  die Geburtstagsfeier also nicht auf eines der beliebten, abendfüllenden Handlungsballette Crankos zurück, sondern stellte dazu drei eher selten aufgeführte und in dieser Kombination noch nie gezeigte kleinere Werke zusammen, allesamt Pretiosen moderner Tanzkunst. Damit schafft er in seiner Abschiedssaison auch den Bezug zu seiner Anfangszeit als Tänzer in Crankos  Stuttgarter Compagnie, der er seit nunmehr 37 Jahren in verschiedenen Rollen angehört. Und wie andere damalige Mitglieder der jungen Truppe wurde auch Reid Anderson wesentlich durch Crankos Ballettschöpfungen geprägt und hob dabei auch  Rollen aus der Taufe, die der große Choreograf eigens für ihn geschaffen hatte.

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Den Anfang der Feiertagspremiere machte das älteste der an diesem denkwürdigen Abend zu sehenden drei Stücke, das 1963 uraufgeführte L’Estro Armonico, das Cranko zu drei der zwölf gleichnamigen Solokonzerte Antonio Vivaldis geschaffen hatte. Dieses gut halbstündige Stück kommt ganz ohne Handlung aus, ist also ein abstraktes, nur an der musikalischen Vorlage orientiertes Werk, sozusagen „Ballett pur“, in dem man quasi „den Tanz hört und die Musik sieht“. L’Estro Armonico zeigt nicht nur die „musikalische Eingebung“ –  so die deutsche Übersetzung des Titels – Vivaldis, sondern auch die große choreografische Kreativität und  phänomenale musikalische Sensibilität John Crankos, der jeden Schritt seiner sieben Tänzerinnen und acht Tänzer auf die Partitur abgestimmt hat, ohne diese bloß zu illustrieren. Dieses geniale Vorgehen zeigt sich in allen Abläufen und Bewegungen, die für ihre Entstehungszeit ungemein modern gewesen sein müssen und schon alles an Figuren, Sprüngen und Hebungen zeigt, was dem heutigen Ballettpublikum von späteren Balletten vertraut ist. Dennoch hat dieses höchst theatralische Stück nichts von seiner Frische und Radikalität verloren und führt zudem meisterhaft Crankos Humor, insbesondere in Form der von ihm gerne angewandten Umkehr der Traditionen und dem Spiel mit den Konventionen vor, so etwa wenn er mehrfach die traditionellen Trikotfarben parodiert und die männlichen Solisten in Weiß, die Tänzerinnen aber in Schwarz auftreten lässt oder einzelne Schritte und Gesten stark ironisch überhöht.

Die drei Solisten dieses mitreißenden Eingangswerks, Elisa Badenes, David Moore und Martí Fernández Paixà, werden dieser mit höchsten Schwierigkeiten ausgestatteten Herausforderung genauso ohne jeden Abstrich gerecht, wie die je sechs Tänzerinnen und Tänzer der Ensembleszenen ihre ebenso höchst anspruchsvollen Parts souverän bewältigen. Alle zusammen führen sie auf bewundernswerte Weise vor, wie sich Einzelne und Teilgruppen – genau wie im richtigen Leben – zu einem harmonischen Ganzen vereinigen, um sich bald darauf wieder voneinander zu lösen oder auseinander dividieren lassen.

Großen Anteil an der Wirkmächtigkeit dieses Auftaktstücks hatte das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung seines Gastdirigenten Aivo Välja, der den drei aus dem Orchester entliehenen Solisten Elena Graf, Violine, Andreas Noack, Flöte und Ivan Danko, Oboe, jeglichen Raum zur prachtvollen Entfaltung ließ.

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett mit Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Nach der ersten Pause bekam das Premierenpublikum die 1970 entstandenen Brouillards zu sehen, die jüngste der jetzt gezeigten Arbeiten, die Cranko zu den stimmungsvollen ersten Klaviervorspielen der zweiten Sammlung von Préludes Claudes Debussys geschaffen hat. Diese zehn Bilder bilden nicht nur aufgrund ihrer Mittelposition das Herzstück dieses Cranko-Abends, zeigen sie doch in ihrer maximalen Verdichtung und der ihnen innewohnenden Mystik die große Kunst des ersten Stuttgarter Ballettchefs der Neuzeit. Zur kongenialen Musik des französischen Impressionisten findet er hoch poetische Menschen- und Naturbilder, welche die Abwechslung und Vielfalt  des Lebens wie dessen Vergänglichkeit auf zart-einfühlsame wie erneut humorvoll-ironische Weise vorführen.

 Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Zur Darstellung dieser so unterschiedlichen wie vielseitigen Empfindungen und Stimmungen greift Cranko auf altbekannte Ballettfiguren und Bewegungsabläufe wie auf modernste, slapstickhafte  Einfälle zurück. Äußerst beeindruckend etwa, wie er ein Corps mit überkreuzten Armen und Hand in Hand verbunden den titelgebenden Nebel  (Brouillards) darstellen lässt, was gleichzeitig ein schönes Bild für Gemeinschaft und Freundschaft abgibt. Dieses kontrastiert mit dem witzig-vergnügten vierten Bild Général Lavine Eccentric, in dem sich das Trio Alessandro Giaquinto, Matteo Miccini und Cédric Rupp wie in einer Charly Chaplin-Parodie zeigen und ihre Betrachter zum wiederholten Lachen reizen. Aber auch die anderen der vom Rezensenten nicht einzeln erwähnten Szenen bieten unvergessliche, meisterhaft vorgeführte Einblicke in menschliche Höhen wie Abgründe und zeigen eine Compagnie in Höchstform, die alle tänzerischen wie schauspielerischen Herausforderungen jederzeit mühelos bewältigt.

Auch hier zeigte sich die musikalische Begleitung wieder als kongenialer Partner des Tanzes, und man staunte mehr als einmal, wie  einerseits expressiv und andererseits einfühlend Alexander Reitenbach am Flügel den Klavierpart gestaltet – mal Interpret des auf der Bühne zu sehenden Tanzes, mal eigenständiger Schöpfer und Gestalter eines Klangteppichs, auf dem die insgesamt sechs Tänzerinnen und  zwölf Tänzer dankbar ihre Kunst zeigen durften. Auf  jeden Fall ist der Pianist hier jederzeit viel mehr als ein Klavierbegleiter und man kann wieder einmal der Stuttgarter Ballettintendanz und dem gesamten Stuttgarter Staatstheater nicht genug dafür danken, dass sie dem Publikum die woanders als verzichtbaren Luxus angesehene Live-Begleitung gönnen und konsequent auf Konservenmusik als Tanzbegleitung verzichtet.

 Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

Oper Stuttgart / Stuttgarter Ballett und Cranko Pur © Stuttgarter Ballett

So euphorisch gestimmt, erwartete das Premierenpublikum gespannt Crankos großen Klassiker Jeu de Cartes, den er 1965 zur gleichnamigen Musik des berühmten Ballettkomponisten Igor Strawinsky choreografiert hatte. Der Komponist wiederum schuf seine Musik ursprünglich 1936 für den ebenso genialen Choreografen George Balanchine, dessen Version es jedoch in Sachen Witz, Lebendigkeit und Unterhaltungswert nach Meinung vieler Experten in keinem Moment mit der in Stuttgart zu sehenden aufnehmen kann.

Auch hier und zum Abschluss eines insgesamt fast dreistündigen Ballettabends zeigte sich die Stuttgarter  Compagnie mit ihren hier agierenden 16 Tänzerinnen und Tänzern von ihrer allerbesten Seite und riss die Zuschauer in den drei Szenen eines Pokerspiels  immer wieder zu Begeisterungsstürmen hin. Diese galten nicht nur dem in allen drei Teilen als Joker restlos überzeugenden Adhonay Soares da Silva, sondern auch den übrigen, verschiedene Kartenwerte verkörpernden Tänzerinnen und Tänzern. Herzerfrischend, mit welchem Humor, ja Komik, Spielfreude und Ausdruckskraft hier die jeweilige Spielsituation beschrieben, untersucht und schließlich vom Joker, der eigentlich in einem Pokerspiel gar nichts zu suchen hat, durcheinander gewirbelt und von den Füßen auf den Kopf gestellt wird. Vermutlich stand der hier zu sehende Tänzer dieser dankbaren wie heiklen Paraderolle deren ursprünglichem Interpreten, dem zur „Ur-Compagnie“ gehörenden Egon Madsen, in nichts nach. Denn der, wie die Schöpferin des Bühnenbildes und der noch immer wundervollen Kostüme  Dorothee Zippel zum Schlussapplaus auf die Bühne gerufene Madsen konnte gar nicht genug davon bekommen, seinen jugendlich-frechen Nachfolger immer wieder zu umarmen und hochleben zu lassen.

Dieses schöne Bild vom reibungslosen Generationen-Übergang stimmte nicht nur hoffnungsvoll auf die weiteren Höhepunkte und kommenden Repertoire-Abende von Reid Andersons letzter Spielzeit als Ballettdirektor ein, sondern bildete auch den stimmigen Abschluss eines Abends, der zu keiner Zeit museal wirkte noch den geringsten Anschein von Reliquien-Verehrung aufkommen ließ. Vielmehr führte er überzeugend vor Augen, dass auch die momentan agierende Stuttgarter Compagnie ihre Liebe zum Vater des Stuttgarter Ballettwunders und ihre Begeisterung für dessen Schöpfungen auf allerhöchstem Niveau zu demonstrieren vermag und John Crankos überaus wichtige Funktion als Wegbereiter und Anreger  noch immer aktuell und gefragt ist.

Cranko Pur – Stuttgarter Ballett: Weitere Vorstellungen am 07. 10., 13.11., 15.11. und 18.11. und 26.11.2017