München, Münchner Kammerspiele, König Lear – William Shakespeare / Thomas Melle, IOCO Kritik, 05.10.2019

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

König Lear –  William Shakespeare / Thomas Melle

„Alter! Jahrhunderte hast du gewütet und geschrien, jetzt wirst du schweigen!“

von Hans-Günter Melchior

Endlich mal kein Mitleid haben zu müssen mit diesem weinerlichen alten Sack, der nicht von der Macht lassen kann und auf seine Privilegien pocht –, was für eine Wohltat. Lear, der Repräsentant der alten Ordnung, der sich mit einer halben Streitmacht prügelnder und besoffener Gesellen bei seiner Tochter Goneril einnistete und nach sofortiger Bedienung schreit: „wo bleibt mein Essen?!“

Grandiose König Lear-Adaption in den Münchner Kammerspielen

Der zu alt, zu starrköpfig und ideologisch zu verknöchert ist, um aus seinen Machtgewohnheiten herauszufinden. Ein Mann im Käfig der überkommenen Herrschaftsallüren, der nicht mehr begreifen kann, dass sich die Zeiten geändert haben und die herrschenden Zustände dringend geändert/verändert werden müssen.

Münchner Kammerspiele / König Lear - hier : v.l. Thomas Schmauser, Anna Seidel, Samouil Stoyanov © Arno Declair

Münchner Kammerspiele / König Lear – hier : v.l. Thomas Schmauser, Anna Seidel, Samouil Stoyanov © Arno Declair

So beginnt und so endet das erfrischend neue Spiel, das Stefan Pucher und Thomas Melle auf die Bühne der Münchner Kammerspiele bringen. Letztlich mehr ein Appell als wirklich praktische Umsetzung im Gesamtgesellschaftlichen. Der Protest verbleibt auf der Ebene des Privaten. Die Töchter schmeißen den Alten raus, alles andere bleibt offen.

Gleichwohl: was für eine Erholung, den Alten auch mal verachten zu dürfen. Eine Erholung nicht nur für die Zuschauer, sondern ersichtlich auch für das hochmotivierte Ensemble, das ersichtlich Spaß an dem Spiel hat. Bravo, bravissimo für das Theater des Jahres! Frischer Wind fegt über die Bühne. Umstritten ist freilich, ob er für eine gründliche Sauberkeit sorgt.

Die alten Zeiten sind jedenfalls vorbei. Nachdem die Töchter Goneril (Julia Windischbauer) und Regan (Gro Swantje Kohlhof) trickreich dem alten König (Thomas Schmauser) geschmeichelt und sich dadurch jeweils die Hälfte des Königreichs des abdankenden Lear erschlichen haben, machen sie Schluss mit den alten Machtverhältnissen und rufen die neue Zeit aus. Die angeblich gute Tochter Cordelia (Jelena Kuljic) begnügt sich indessen mit den einfachen Wahrheiten, sie liebt ihren Vater wie Kinder eben die Eltern lieben, nicht mehr und nicht weniger –, und sie geht deshalb leer aus. Wird kurzerhand mit dem König von Frankreich vermählt (was nebenbei gesagt auch nicht das abgründigste Schicksal ist) und zieht von dannen.

Thomas Melle hat den König Lear radikal umgeschrieben. Und Stefan Pucher hat die entsprechenden Bilder dazu geliefert, im Verein mit der für die Bühne verantwortlichen Nina Peller, der überwältigend Eindrucksvolles (dieser Himmel!) dazu einfiel.

Regisseur und Autor haben den Stoff in die Neuzeit übersetzt.  Das ist nicht nur legitim, sondern dringend notwendig. Und hellsichtig wahr. Weg mit den tausend traditionellen Inszenierungen, in denen die Jammertiraden des verstoßenen Alten ans Herz greifen sollten und die Zuschauer mit Depressionen über die Vergänglichkeit von Macht und Herrlichkeit und die Herzlosigkeit der Kinder zurückließen. Lear hat das nicht verdient.

Ständige Wechsel zwischen Videos und realem Bühnengeschehen. Schwergewichtige, sehr bedenkenswerte und prägnante Aussagen des Autors Melle, dazwischen Kalauer. So wird der hohe Ton heruntergefahren auf die reale Situation unserer Tage, die nach Veränderungen geradezu schreit. Das Pathos der Machthaber wird als hohl, ja sogar als pure Heuchelei entlarvt. Melles und Pucher legen konsequent die Finger auf die Wunden. Der Tenor: so darf und kann es nicht weitergehen.

Und die bald ruhig, bald schrill vorgetragene Aussage: Veränderungen, nicht nur an den Kleinigkeiten, sondern des Systems selbst sind erforderlich. Das ist die Lehre des Abends.

Münchner Kammerspiele / König Lear - hier : v.l. Thomas Schmauser als Koenig Lear © Arno Declair

Münchner Kammerspiele / König Lear – hier : v.l. Thomas Schmauser als Koenig Lear © Arno Declair

Die verkrusteten Macht- und Herrschaftsverhältnisse schaffen das indessen nicht mehr. Da fehlt es nicht nur am Willen, sondern auch an Einsichten. Diese neuen Einsichten kommen von der nachfolgenden Generation. Den Töchtern und Söhnen. Assoziationen zum Protest der heutigen Jugend drängen sich auf. Sie sind der politisch-intellektuelle Hintergrund der in zumindest insoweit überzeugend präzisen Aufführung.

Am Beginn der neuen Zeit steht die Sprache. Dem unflätig fluchenden und sich beschwerenden König hält Gloucester –, hier von einer Frau (Wiebke Puls) dargestellt – , den markanten und zurechtweisenden Ausspruch entgegen: „Unsere Worte schaffen Wirklichkeiten, Lear!“

In die aktuelle Politik übersetzt und positiv gewendet heißt das: am Anfang stehen die Parolen, die den Übelstand auf den Punkt bringen. Widerstand wird zuerst formuliert, bevor die Taten folgen.

Das komplexe Stück hat zwei Teile: der Konflikt zwischen dem König und seinen Töchtern auf der einen und das Familiendrama im Hause Gloucester auf der anderen. Edmund, der außereheliche Sohn der Gräfin, denunziert den ehelichen Sohn Edgar als Finsterling, der der Mutter nach dem Leben trachtet. Er verschafft sich dadurch die Herrschaft über das Erbe und veranlasst den von der Inhaftierung bedrohten Edgar zur Flucht aus dem Elternhaus.

Die beiden Handlungsteile werden später durch die politischen Verbindungen der Töchter Goneril und Regan mit dem Hause Gloucester einerseits und durch die Begegnung Edgars mit dem vertriebenen König Lear und seinem Diener (und Narr, die Inszenierung legt beide Rollen zusammen) Kent (Samouil Stoyanov) andererseits dramaturgisch verbunden.

Die um Ausgleich bemühte Gloucester wird später von den Schwestern Goneril und Regan als Verräterin an die französischen Truppen, die kampfbereit in Dover ankommen, geblendet.

Edmund (Thomas Hauser), der Intrigant, wird hingegen von Pucher und Melle als zentrale Figur begriffen. Der aufbegehrende Unterprivilegierte, der sich nicht mehr um die die alten Machtverhältnisse zementierende Moral schert, sondern skrupellos die Herrschaft an sich reißt: „Ja, wie denn anders? Wieso Bastard? Was heißt da prekär?“

Das gelungen umgeschriebene Stück lässt freilich die Frage offen, wie im Einzelnen die Veränderung des verkrusteten Systems erfolgen soll. Mehrfach wird die Frage der unausweichlichen Gewalt aufgeworfen: „Kein Paradies ohne Höllenritt.“ Aber wo endet die Gewalt? Welche neuen Verhältnisse soll sie herbeiführen?

Am Ende, das die Protagonisten in einem Handlungsstrang vereint (während der König Frankreichs sich aus dem Kampf zurückzieht), sterben alle bis auf Goneril und Regan. Sie stehen auf einer Art Empore und lassen den etwas zynischen Spruch auf die Zuschauer herab: „Alles ist möglich.“

 Münchner Kammerspiele / König Lear - hier :  v.l. Gro Swantje Kohlhof, Julia Windischbauer, Thomas Hauser, Christian Löber Projektion, Wiebke Puls © Arno Declair

Münchner Kammerspiele / König Lear – hier : v.l. Gro Swantje Kohlhof, Julia Windischbauer, Thomas Hauser, Christian Löber Projektion, Wiebke Puls © Arno Declair

Das klingt nach immerhin möglicher neuer Ungerechtigkeit. Nach möglichen neuen unterdrückenden Strukturen. Nach neuen Lears, die sich auf überkommende Privilegien und auf ein Mehrheit ausbeutendes Recht berufen. Aber muss denn wirklich die Geschichte bei der Zerstörung der alten Ordnung stehenbleiben? Muss die Frage nach einer neuen Gesellschaft tatsächlich offen bleiben?

Den letzten Schritt wagen Melles und Pucher eben doch nicht. Wie wäre es denn mit der Kontrolle und Verwaltung der vom Volk erarbeiteten Güter durch das Volk? Und deren gerechte Verteilung? Privilegien sind ja vor allem wirtschaftlicher und sozialer Natur. Und Gerechtigkeit ist keineswegs so diffus, dass sie sich einer Definition entzieht.

Autor und Regisseur stehen zuletzt achselzuckend vor dem Chaos und lassen der Entwicklung ihren Lauf. Wohin auch immer. Die Lehre scheint zu sein: alles kann sich zum Guten, aber auch zum Schlechten wenden. Da bleibt ein Stachel der Unzufriedenheit, des Ungenügens beim Zuschauer. Immerhin: man sucht am Ende nach Antworten und gönnt sich keine Ruhe.

Vielleicht ist es auch zuviel von einem Theaterabend verlangt, der Politik oder der Gesellschaft auch noch praktische Anleitungen zur Bewerkstelligung der Veränderungen zu liefern. Das Privileg der Kunst ist es, die richtigen Fragen im Lichte der neuen Zeit zu stellen.

In diesem Sinne ist der Abend mehr als gelungen. Er ist grandios. Das Nachdenken beflügelnd, Diskussionen anstachelnd. Überhaupt: die Aufführung kommt so schwergewichtig-intellektuell daher, dass man sich fragt, ob man das Ganze noch einmal sehen und Melles Text wiederholt lesen muss, um all das Vorgetragene und Gespielte würdigen und verstehen zu können. Das ist mehr als genug.

Das Publikum war zu Recht begeistert. Einzelne Darsteller aus dem großartigen Ensemble hervorzuheben, wäre ungerecht gegenüber den anderen. Das war insgesamt starke Leistung in einem starken, herausfordernden, sehr modernen alten Stück.

P.S.: Es lohnt sich übrigens, den hervorragenden Aufsatz von Elisa Leroy, abgedruckt im Programmheft, zu lesen.

König Lear in den Münchner Kammerspielen; die nächsten Vorstellungen 12.10.; 14.10.; 20.10.; 17.11.; 25.11.2019 und mehr…

—| IOCO Kritik Münchner Kammespiele |—

Berlin, Konzerthaus, Edgar – Giacomo Puccini, IOCO Kritk, 07.02.2019

Februar 7, 2019 by  
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Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin © David von Becker

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin © David von Becker

Konzerthaus Berlin

Edgar  –  Eine frühe Oper von Giacomo Puccini

Berliner Operngruppe  im  Konzerthaus Berlin

von Patrik Klein

Giacomo Puccinis Dramma lirico in drei Akten Edgar hatte am 4. Februar 2019 im Konzerthaus Berlin die semiszenische Berliner Erstaufführung mit dem Chor und Orchester der Berliner Operngruppe sowie namhaften und bestens disponierten internationalen Solisten. Die Berliner Operngruppe und das internationale Medienunternehmen Bertelsmann AG setzten damit ihre Reihe zur Präsentation seltener Opern fort.

Semiszenische Aufführung mit energiegeladenen Klängen

Die 1889 in Mailand uraufgeführte Oper um Liebe, Treue und Verrat wurde in der letzten Fassung von 1905 gegeben – erstmals in Berlin und als eine der ersten Aufführungen in Deutschland überhaupt. Die Oper lässt bereits die musikalische Genialität erkennen, die Puccini später mit Opern wie La Bohème, Tosca, Madama Butterfly oder Turandot in Vollendung offenbaren sollte. Die Berliner Operngruppe und Bertelsmann lenkten mit der Aufführung von Edgar erneut die Aufmerksamkeit auf weniger bekannte Opern großer Komponisten, deren Werke im Bertelsmann-eigenen Archivio Storico Ricordi in Mailand dokumentiert sind. Die Operngruppe startete damit vor neun Jahren; zum nunmehr dritten Mal wurde sie dabei aktiv von dem Medienkonzern unterstützt.

Konzerthaus Berlin / Edgar von Giacomo Puccini - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar von Giacomo Puccini – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Felix Krieger, künstlerischer Leiter und Dirigent der Operngruppe, reiste im November des vergangenen Jahres eigens nach Mailand, um die Originaldokumente zu Edgar im Archivio Storico Ricordi zu studieren. Er äußerte sich begeistert: „Es ist sehr beeindruckend zu sehen, wie Puccini an der ursprünglich vieraktigen Fassung von ‚Edgar‘ immer wieder vielfältige Veränderungen vorgenommen hat, um schließlich zur wesentlich kompakteren letzten Fassung von 1905 zu gelangen, die wir mit der Berliner Operngruppe zur Aufführung bringen werden.“

Das unausgereifte Textbuch von Ferdinando Fontanas mit zum Teil unglaubhaften Charakterisierungen der handelnden Personen und gelegentlicher Unabgestimmtheit zwischen Musik und Thema hat Puccini nicht davon abgehalten, eine Oper zu komponieren, deren tragischer Inhalt mit musikalischer Leidenschaft vorgetragen wird. Besonders im dritten Akt sind mehrfach die Chancen auf ein logisches Weiterentwickeln mit „Happy End“ vertan worden und man hat Mühe dem Handlungsfaden zu folgen. Der melodische Erfindungsreichtum jedoch ist groß und die bühnenwirksamen Szenen der Handlung bieten ein erhöhtes Maß an Dramatik. Die inhaltlichen Vorgänge rund um den Katafalk stellen ein für die Zeit der Entstehung kaum erträgliches Novum dar, doch spricht Puccini gerade dort seine intensivste und revolutionärste Sprache. Vor allem aber hat er spätestens nach diesem Werk, das in seiner Entwicklung geradezu eine Grundvoraussetzung für den nachfolgenden Triumph der Oper Manon Lescaut bildete, die Wichtigkeit eines guten Textbuches erkannt. Von nun an wirkte er an seinen Libretti selbst mit. Seine sorgfältig ausgesuchten Autoren trieb er durch zahlreiche eigene Vorschläge und Änderungswünsche oft bis zur Verzweiflung. Dabei hat ihn wohl nur die zeitraubende Art seines Komponierens daran gehindert, seine Texte selbst zu verfassen.

Dank Giulio Ricordi konnte die Uraufführung am Ostersonntag des Jahres 1889 in der Mailänder Scala stattfinden. Sie war ein Erfolg für den jungen Komponisten. Das Publikum nahm das Werk mit Beifall auf (die Chronik verzeichnet 24 Vorhänge und die damals übliche Wiederholung zweier Musiknummern). Die Presse jedoch urteilte vernichtend über das Libretto, äußerte sich aber lobend über den musikalischen Wert der Partitur.

Auch nach der Eliminierung des zweiten Aktes aus dem ursprünglich vieraktigen Werk blieb der Oper der Erfolg nicht treu, wenngleich noch Aufführungen in Madrid und Buenos Aires stattfanden. 1967 versuchte man in London eine Wiederaufnahme, doch haben Puccinis spätere Erfolge das Werk weitgehend verdrängt. Fidelias Totenklage wurde bei Puccinis Aufbahrung am 3.12.1924 im Mailänder Dom unter Toscaninis Leitung aufgeführt. In den letzten Jahrzehnten gab es nur sehr wenige Aufführungen dieser frühen Oper Puccinis; am 13. April 2008 beispielsweise konzertant aus der Carnegie Hall New York unter der Leitung von Eve Queler.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : David Ostrek (Gaultiero/Walter) und Silvia Beltrami (Tigrana) © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : David Ostrek (Gaultiero/Walter) und Silvia Beltrami (Tigrana) © Patrik Klein

Edgar ist Puccinis zweite Oper als er noch sehr jung, sehr wild und umtriebig war. Genau so ist auch die Handlung der Oper. Es geht um einen Menschen, der komplett unzufrieden ist mit seiner Umwelt, dem sozialen Umfeld, das ihn erheblich einschränkt. Die Handlung spielt in einer klar geordneten mittelalterlichen Gesellschaft, die sehr religiös geprägt ist. Edgar rebelliert dagegen. Er hat eine Freundin und Geliebte Fidelia, die ihn versucht, auf den „rechten“ Weg zu bringen. Auf der anderen Seite gibt es aber eine verführerische andere Frau namens Tigrana, die ihn versucht in die mehr experimentellen Welten zu entführen. Zwischen diesen beiden Damen und damit zwischen diesen beiden Lebenskonzepten ist Edgar hin- und hergerissen. Edgar entscheidet sich aber bereits am Ende des ersten Aktes, aus dieser religiös geprägten Gesellschaft auszubrechen und mit Tigrana ein neues Leben anzufangen. Dieses neue Leben ist geprägt von Ausschweifungen, libertärem Wesen und einem erotischen Tag- Nachttraum, den er irgendwann durchdringen muss. Aber auch dieses Leben wird ihm ähnlich wie bei Wagners Tannhäuser irgendwann langweilig. Er lässt dann auch Tigrana wieder hinter sich und versucht in seine Ursprungswelt zurückzugelangen. Doch es ist zu spät; in sein früheres Leben kann er nicht mehr integriert werden.

Die Handlung – Erster Akt: (Flandern, 1302) Während die Landleute ihr Tagewerk beginnen, trifft Fidelia Edgar, begrüßt ihn zärtlich und eilt davon. Tigrana, die Edgar ebenfalls gern hat, verspottet und umwirbt den jungen Mann; dieser, hingerissen zwischen Zuneigung zu Tigrana und Liebe für Fidelia, lässt sie stehen und flüchtet in sein Häuschen. Frank, Fidelias Bruder, macht Tigrana, die er liebt, Vorhaltungen, weshalb sie das verabredete Rendezvous nicht eingehalten habe. Diese will nichts von ihm wissen. Tigrana, ein Maurenmädchen, das Zigeuner ausgesetzt haben und das von Walter aufgezogen wurde, hat einen schlechten Ruf und reizt durch ein freches Lied die zur Kirche gehenden Leute, die sie fortzujagen drohen. Edgar verteidigt sie gegen die Bauern und entschließt sich, mit ihr das Dorf zu verlassen, nachdem er sein Haus angezündet hat. Frank will Tigrana mit Gewalt zurückhalten und fordert Edgar zum Zweikampf; Edgar verwundet ihn und flieht mit Tigrana. Schwester und Vater halten Frank mühsam zurück. Dieser stößt einen Fluch gegen sie aus: „Abbieta creatura, Maledizione a te!“

Zweiter Akt: Edgar hat mit Tigranaeine Weile zusammengelebt, ist aber seiner Geliebten überdrüssig geworden. Sehnsüchtig denkt er an Fidelia. Tigrana merkt an seinem Benehmen, dass ihr Liebhaber sie verlassen will und versucht ihn zurückzugewinnen. Ein Trupp Soldaten nähert sich. Frank, der Hauptmann geworden ist, führt ihn an. Frank und Edgar, der seinem ehemaligen Feind gesteht, er habe es bereut, Fidelia verlassen zu haben, versöhnen sich und ziehen zusammen fort. Tigrana schwört Rache.

Dritter Akt: Edgar kommt als Mönch verkleidet mit Frank zurück; beide gehen einem Trauerzug voran. Vor den Toren der Stadt Kortijk ist für Edgar, der in der Schlacht gefallen sein soll, ein Katafalk errichtet worden; eine Trauermesse beginnt. Auch Fidelia glaubt, Edgar sei tot, und beklagt ihn. Der verkleidete Edgar bezeichnet den Verstorbenen als Wüstling, der mit einer Dirne zusammen gelebt habe, worauf die Landleute Verwünschungen ausstoßen. Fidelia verteidigt den Toten. Edgar erkennt freudig, dass sie ihn noch immer liebt. Er wirft seine Verkleidung ab, steht in Ritterrüstung da und umarmt seine Geliebte; der Sarg auf der Bahre erweist sich als leer. Tigrana, die Edgar und Frank gefolgt war, schleicht sich an Fidelia heran und erdolcht sie. Edgar bricht über ihrer Leiche zusammen, während die Mörderin von Soldaten abgeführt wird.

Die Oper ist wie ein Kondensat aus Puccinis besten Melodien und von einem jungen Mann noch etwas ungeordnet komponiert. Aber das macht gerade den Reiz und den Scharm dieser Oper aus. Manchmal klingt es wie eine kleine Turandot, man vernimmt Anklänge aus La Bohème, Tosca und Manon Lescaut.

Mit behutsam ausgewählten Ausstattungselementen, die die Charaktere der Protagonisten und die Eckpfeiler der Handlung unterstreichen, setzt der Regisseur Thilo Reinhardt Puccinis Oper in plausible Bilder und nachvollziehbare Szenenabläufe um. In passenden Kostümen und mit etlichen Versatzstücken gelingt ihm eine Anreicherung der doch gelegentlich abstrusen Handlungsstränge mit dramaturgischer Substanz. Die Szenen im dritten Akt vor dem Katafalk zum Beispiel spielen sich direkt vor dem Dirigentenpult ab. Ein Stehtisch, wie aus einem Cocktailempfang einer Partygesellschaft ist geschmückt mit dem Bild des angeblich gefallenen Soldaten Edgar, seiner Urne und ein paar Kerzen. Die Flagge Italiens (das Stück spielt um 1300 n.Chr. in Flandern) weht stolz auf dem Podium des Konzerthauses Berlin. In Mönchskutte, Trauerkleidern, Galauniform und Zylinderhut geben die handlungsführenden Personen ihr Bestes, um den von der Musik gebannten Zuhörer auch optisch in die dramatische Handlung zu einzubinden.

Musikalisch ist der Opernabend auf einem sehr hohen Niveau angesiedelt. Der Konzertsaal, der in seiner Akustik subjektiv der Hamburger Laeiszhalle ähnelt, scheint geradezu ideal für ein Chor- und Orchesterkonzert. Warme Klänge und ein recht langer Nachhall sorgen für einen exquisiten Musikgenuss. Durch die enorme Energie der Musik Puccinis mit vielen Ausbrüchen und satten Fortissimopassagen, hatten es die Sänger nicht immer leicht, sich stimmlisch durchzusetzen.

Der britische Tenor Peter Auty, (Edgar, ein junger Bauer), der beim Glyndebourne Festival als Rodrigo und Nemorino sang, sowie an der Scottish Opera und der Oper Frankfurt engagiert war, sang seine Rolle mit großer Leidenschaft und viel Kraft. Mit superber Stimmführung, feiner Phrasierung und betontem Legato meisterte er die schwere Partie. Besonders bei der bekannten Arie im zweiten Akt „Orgia, chimera – dall ´occhio vitreo, dal soffio ardente…“ (Orgie, Chimäre mit glasigem Auge und feurigem Atem …) glänzte er zunächst in Feierlaune mit Lametta um den Hals und später voller Wut zündelnd mit dem Feuerzeug aus dem vergangenen Akt, mit melodischen Bögen und metallischem Material.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : Peter Auty als Edgar © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : Peter Auty als Edgar © Patrik Klein

Das Nachwuchstalent David Oštrek (Bass (Walter/Gualtiero, ein alter Bauer)), ein früheres Mitglied des Opernstudios der Staatsoper Berlin gab den „jungen“ alten Vater in Zylinder und Frack mit dunklem Bass und hoher Bühnenpräsenz nicht immer nur auf dem Orchesterpodium, sondern auch aus luftiger Höhe der Chorempore.

Elena Rossi (Sopran (Fidelia, Tochter Walters) wurde in Reggio Emilia (Italien) geboren und absolvierte ihr Musikstudium am Konservatorium Achille Peri ihrer Heimatstadt. Die Gewinnerin mehrerer Opernwettbewerbe sang vor allem Hauptrollen im italienischen Spinto-Fach an vielen großen Bühnen Italiens und Europas. An diesem Abend schien es so, als ob sie die gesamte Szenerie in ihren Bann zog. Sie sang geschmeidig und variabel sowohl die hohen leicht scharf wirkenden Spitzentöne ohne zu forcieren, als auch die hauchzart angesetzten leisen Töne sehnsuchtsvoll schluchzend die Seele mitschwingen lassend. Ihre beiden bekannten Arien aus dem dritten Akt „Addio, addio, mio dolce amore – nell`ombra ove discendi…“ (auf Wiedersehen meine süße Liebe; im Schatten wo man hinabsteigt…) und „D ´ogni dolor questo e il piu gran dolor…“ (von jedem Schmerz und größter Trauer…), wo sie in Trauerkleidung, Sonnenbrille und Witwenschleier erschien, gelangen ihr besonders eindringlich und mit großen Emotionen.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : Elena Rossi (Fidelia) © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : Elena Rossi (Fidelia) © Patrik Klein

Der international bekannte Bariton Aris Argiris (Frank, Sohn Walters), der an den großen Opernhäusern der Welt zu Hause ist, brilliert in den großen Bariton-Partien der Opern von Verdi und Puccini als auch in vielen anderen Rollen. Als Rigoletto war er vor kurzem an den Häusern der Scottish Opera in Schottland zu hören. Zuletzt debütierte er mit großartigem Erfolg als Wotan in Die Walküre in Chemnitz mit weit über die Region reichenden und überragenden Kritiken. Als Frank lässt er die enorme Bandbreite seiner dunkel bis rabenschwarz gefärbten und fein geführten Stimme erklingen. Im ersten Akt singt er die wohl bekannteste Arie „Questo amor, vergogna mia, io spezzar, scordar vorrei…“(diese Liebe, meine Scham, ich zerbreche, vergesse …) leise leuchtend, die Töne in bester „Italienischer Manier“ spuckend, besonders innig und mit feinster Phrasierung und herrlichem Glanz. Beim Fluch zum Ende des ersten Aktes „Abbietta creatura, maledizione a te…“ (kleines Geschöpf…ich verdamme Dich…) geht es mit einem hohen b (welches Puccini in dieser Fassung ausdrücklich erlaubt) sogar in den tenoralen Bereich, kraftvoll und äußerst sauber gesungen, das Orchester mit Leichtigkeit überstrahlendend, hinein. Zu Recht wird er am Ende vom begeisterten Publikum frenetisch gefeiert.

Konzerthaus Berlin / Edgar - hier : Aris Agiris (FRank) © Patrik Klein

Konzerthaus Berlin / Edgar – hier : Aris Agiris (FRank) © Patrik Klein

Die aus Italien stammende Mezzosopranistin Silvia Beltrami (Tigrana, eine maurische Waise von Walter aufgezogen), die international u.a. als Amneris, Santuzza, Eboli, Ulrica und Azucena auf sich aufmerksam machte, sang Tigrana gestenreich, mit starkem Ausdruck und besonders dunkel gefärbter, sicher Stimme. Besonders glanzvoll gelang das Duett mit Edgar im ersten Akt „Tu voluttà di fuoco, ardenti baci…„, wo sie im feuerroten Kleid mit ihm streitet, wutentbrannt die Blumen vor seine Füße wirft, ihn dann aber mit Liebkosungen und Verführung zu sich ziehen will.

Chor (Steffen Schubert Choreinstudierung) und Orchester der Berliner Operngruppe vereinen seit 2010 Profis, Musikstudenten und hervorragende Amateure zu einem künstlerisch hochentwickelten Klangkörper. Mit international bekannten Solisten und Nachwuchstalenten werden von der Berliner Operngruppe selten zu hörende Werke der Opernliteratur entdeckt und semiszenisch zur Aufführung gebracht. Am diesem Abend hatte der Chor mit Puccinis Edgar viel zu tun. In günstiger akustischer Position auf der Chorempore und nicht auf dem Podium hinter dem Orchester hatten sie einen wertvollen Anteil am Gelingen des Abends in Berlin. Am Ende des ersten Aktes (Szene 6) beispielsweise beim Zusammenspiel mit Tigrana „Iddio non benedice…“ (Gott wird Dich nicht segnen…) gelang ein besonders exakter feiner Bogen bis hin zur dramatischen Ekstase.

Gründer und künstlerischer Leiter der Berliner Operngruppe ist der international erfahrene Dirigent und Komponist Felix Krieger. Dieser hat sich mit höchst gefeierten Verdi-Aufführungen im Konzerthaus Berlin als einer der interessantesten Verdi-Dirigenten seiner Generation einen Namen gemacht. Er startete seine Laufbahn als Assistent von Claudio Abbado bei den Berliner Philharmonikern. Als Gründer und künstlerischer Leiter der Berliner Operngruppe legte er den Schwerpunkt auf selten gespielte italienischen Opern. Die Aufführungen wurden von Presse und Publikum begeistert aufgenommen. Es befanden sich darunter die Berliner Erstaufführungen von Verdis Oberto, Conte di San Bonifacio, Verdis Stiffelio und Donizettis Maria di Rohan, sowie die deutsche Erstaufführung von Donizettis Betly, außerdem Bellinis Beatrice di Tenda sowie Verdis Attila, Verdis I Masnadieri und schließlich im März 2018 Verdis Giovanna d’Arco.

Puccinis Edgar dirigierte er am Konzertabend mit großer Leidenschaft und Präzision durch die emotionalen Wechselbäder der Oper. Die in der Partitur Puccinis zu findende Energie, Dramatik und der Farbenreichtum der Musik wurde von den meist jungen Orchestermitgliedern in wuchtige, manchmal die Sängerinnen und Sänger bedeckende, aber auch vielfach feingliedrige Klänge aufgespannt.

Das Publikum im ausverkauften Konzerthaus Berlin dankte allen Beteiligten am Ende mit herzlichem und lange anhaltendem Applaus. Beim anschließenden Empfang durch die Bertelsmann- Gruppe wurde deutlich, dass in deren Archiv in Mailand noch viele Schätze schlummern und auf ein Erwecken harren. Man darf gespannt sein, was Felix Krieger seinem Publikum als nächstes präsentieren wird.

—| IOCO Kritik Konzerthaus Berlin |—

St. Gallen, St. Galler Festspiele, Edgar – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 03.07.2018

Juli 4, 2018 by  
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St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Solisten, Statisterie und Chor © Tanja Dorendorf

St. Galler Festspiele – Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Solisten, Statisterie und Chor © Tanja Dorendorf

St. Galler Festspiele

EDGAR  –  Giacomo Puccini

E Dio ti GuARdi da quest’opera “!

Von Julian Führer

 „Gott, hüte dich vor dieser Oper!“, so äußerte sich Giacomo Puccini gegenüber Sybil Seligman einmal über seine zweite Oper, die er mit knapp dreißig Jahren vollendet hatte, und versteckte noch deren Titel in dem Fluch. Nach dem Achtungserfolg seines Opernerstlings Le Villi von 1884 ließ er sich abermals von Ferdinando Fontana ein Libretto liefern, das letztlich aber mitverantwortlich für das schnelle Scheitern des 1889 uraufgeführten Edgar war. Das auf Alfred de Mussets La coupe et les lèvres zurückgehende Textbuch zeigt einen negativen Helden, vermag aber keine Entwicklung der Charaktere zu zeichnen. Auch mehrere Überarbeitungen, vor allem die Straffung von vier auf drei Akte und die Streichung etlicher Nummern, konnten das Stück nicht im Repertoire halten. Und so ist es möglich, dass im Jahr 2018 eine Puccini-Oper ihre Schweizer Erstaufführung erlebte.

– St. Galler Festspiele – 29. Juni bis 13. Juli 2018 –

Die 2006 begründeten St. Galler Festspiele bringen in jeder Saison neben Konzerten und Tanz auch eine Oper heraus, üblicherweise ein Stück, das nicht zum Kern des üblichen Repertoires zählt. Die Freilichtbühne wird im Klosterhof errichtet, so dass die Zuschauer auf die barocken Türme der St. Galler Klosterkirche blicken. Werke wie Cavalleria rusticana (1890, kurz nach Edgar, uraufgeführt), die auf dem Vorplatz einer Kirche spielen, bieten sich natürlich besonders an. Auch Puccinis Edgar bedient sich etlicher Versatzstücke aus Grand opéra und Melodramma und enthält eine Szene auf dem Dorfplatz, einen Kirchenchor, ein (später gestrichenes) Trinklied, ein Duell und weitere Elemente, die aus anderen Stücken der Zeit bekannt sind. Die Personen sind eher Typen als Charaktere: Edgar (Tenor) kann sich nicht zwischen der lieben, frommen und reichlich blassen Fidelia (Sopran) und der lüsternen und leicht verkommenen Tigrana (Mezzosopran) entscheiden. Nebenfiguren sind Frank (Bariton), ein Verehrer Tigranas, und dessen Vater Gualtiero (Bass), der als eine Art moralisch vermittelnder Autorität auftritt. Tigrana weist als Figur Parallelen zu Carmen und zu Mimì in La Bohème auf, in Fidelia kann man ähnliche Wesenszüge wie bei Elisabeth in Wagners Tannhäuser sehen, nur machen die Figuren keinerlei Entwicklungen durch.

St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Michail Ryssov als Gualtiero © Tanja Dorendorf

St. Galler Festspiele – Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Michail Ryssov als Gualtiero © Tanja Dorendorf

Der erste Akt spielt in einem flämischen Dorf. Die genretypischen Szenen (Chor der Dorfleute) werden gezeigt. Fidelia überreicht Edgar einen Mandelzweig als Zeichen ihrer Liebe. Tigrana mokiert sich über diese Liebesszene und macht Edgar Avancen; Frank macht ihr Vorwürfe, die Dorfbevölkerung wendet sich gegen sie, Edgar nimmt sie in Schutz, duelliert sich mit Frank und zündet spontan sein eigenes Haus an. – Wie nähert man sich dieser nicht sehr originellen und an Inkonsistenzen reichen Handlung? Die Inszenierung wurde dem inzwischen auch international bekannten Tobias Kratzer übertragen, das Bühnenbild entwarf Rainer Sellmaier. Das flämische Dorf wird auf raffinierte Weise wiedergegeben. Die Vorlage siedelte das Stück ursprünglich in Tirol an, doch Puccinis Erstling Le Villi spielt im Schwarzwald, und der Komponist wollte wohl im Hinblick auf den Erfolg seines Stückes nicht schon wieder eine Oper in einer deutschsprachigen Bergregion zeigen. Ist Flandern also pures Beiwerk? Hier nicht ganz: Das Bühnenbild gibt sehr detailfreudig und präzise die Anbetung des Lammes aus dem Genter Altar des Jan van Eyck (und vielleicht seines Bruders Hubert) aus den 1430er Jahren wieder. Der Quell des Lebens im Vordergrund sprudelt mit echtem Wasser, das Lamm auf dem Altar steht wie in der Vorlage auf einer Erhöhung, das Volk trägt Kostüme (ebenfalls Rainer Sellmaier) wie auf dem Gemälde und ist ebenfalls in vier Gruppen, die von allen Seiten auftreten, arrangiert. Selbst das Gebüsch, das Altarbild wie Bühne gliedert, ist der Vorlage getreu nachgestellt, und im Hintergrund sehen wir eine Sonne und eine spätmittelalterliche Stadtlandschaft. Zusammen mit dem Licht (Michael Bauer), das das leuchtende Grün des Genter Altars aufnimmt, ein ungemein beeindruckender Effekt. Zu TigranasTu voluttà di fuoco“, ihren eindeutig sexuellen Angeboten in Edgars Richtung, ertönt (Andante religioso sostenuto) aus der Ferne ein Orgelpräludium – als Theatereffekt ein von Puccini sicher gesetzter Kontrast, zumal Tigrana (Alžbeta Vomácková) sich ihres Kleids entledigt (und alles… bis auf eine Art hautfarbenen Ganzkörperbodysuit zeigt, immerhin befinden wir uns im Klosterhof und in einem lebendigen Altarbild). Tigranas Vorwürfe gegenüber Edgar bemühen die Metapher von einem vom Geier lebendig zerrissenen Lamm. Tatsächlich sehen wir dazu einen großen Geier (verkörpert von David Schwindling), der seinen Riesenschnabel im Lamm auf dem Altar versenkt und es ausweidet. Ein weiteres sehr starkes Bild!

St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Marcello Giordano als Edgar und Alzbeta Vomackova als Tigrana © Tanja Dorendorf

St. Galler Festspiele – Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Marcello Giordano als Edgar und Alzbeta Vomackova als Tigrana © Tanja Dorendorf

Am Übergang zum zweiten Akt wurde vom Leitungsteam ein Stück eingefügt, das eigentlich nicht aus Edgar stammt, nämlich der „Hexensabbat“ (La tregenda) aus Le Villi. Diese vier Minuten Musik sind kompositorisch packend (packender als weite Teile von Edgar) und werden optisch beeindruckend umgesetzt: Der erhöhte Platz mit dem Altar und dem nunmehr ausgeweideten und umgeworfenen Lamm wird hochgehoben, von unten tut sich buchstäblich die Hölle auf, und ihr entsteigen Figuren aus den Gemälden des Hieronymus Bosch, nicht viel später entstanden als der Genter Altar, zwar nicht direkt in Flandern, aber doch in ’s-Hertogenbosch in den Niederlanden, vor allem aber von bezwingender optischer Wirkung. Eigentlich werden diese vier Minuten nur für einen Umbau der Bühne benötigt (den übernehmen wesentlich mehrere kostümierte Geier), aber welch eine Wirkung! Die monströsen Figuren bleiben über weite Strecken des zweiten Aktes präsent.

Im zweiten Akt sehen wir Edgar, der mit Tigrana durchgebrannt ist, sich aber in der Ferne nicht wohlfühlt und von Tigranas Leidenschaft gelangweilt ist. Er will sich einem zufällig vorbeiziehenden Heerhaufen anschließen, dessen Hauptmann – so ein Zufall! – kein anderer als Frank ist. Beide versöhnen sich, die sitzengelassene Tigrana schwört Rache. So weit, so opernhaft. Die weiterhin gespenstisch-monströs gehaltene Szenerie unterstreicht den Überdruss Edgars, der hier etwas an Tannhäuser im Venusberg erinnert, aber eben nur schwach: Was auch immer Edgar in den drei Akten tut, ist selten logisch, eigentlich nie aus der Handlung konsequent entwickelt und psychologisch nicht herausgearbeitet.

St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Marcello Giordano als Edgar und das Volk © Tanja Dorendorf

St. Galler Festspiele – Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini hier Marcello Giordano als Edgar und das Volk © Tanja Dorendorf

Der dritte und in dieser Fassung letzte Akt spielt kurz nach der sogenannten Goldsporenschlacht bei Courtrai/Kortrijk 1302. Wir sehen eine große Trauerfeier der Dorfgemeinschaft des ersten Aktes für den in der Schlacht umgekommenen Edgar, der eine ehrenvolle Bestattung erhalten soll. Ein Mönch tritt auf und erinnert die Trauergemeinde an Edgars Verfehlungen. Frank nimmt ihn in Schutz, Fidelia ist entsetzt. Tigrana tritt auf und trauert um Edgar, den sie als einzigen geliebt habe. Der Mönch und Frank bieten ihr insgeheim Schmuck dafür, dass sie Edgar vor der Dorfgemeinschaft diverser Sünden bezichtigt, was sie auch tut. Die Bevölkerung will nun Edgar das christliche Begräbnis verweigern und seinen Leichnam den Raben vorwerfen. Der Sarg wird vom Katafalk gestürzt und – ist abgesehen von ein paar Steinen leer. Der Mönch gibt sich spontan als verkleideter Edgar zu erkennen, und das Volk wendet sich gegen Tigrana. Ende der Oper. Dies ist der Schluss der vieraktigen Fassung; in der gestrafften dreiaktigen Version ersticht Tigrana eigentlich Fidelia, allerdings ohne daß es dafür andere Musik gäbe – es handelt sich um Pantomime, und Puccini hielt damals wohl seine Musik (noch) für austauschbar. Hier haben sich Tobias Kratzer und Rainer Sellmaier für den ursprünglichen Schluss und für große Ausstattungsoper entschieden. Es ist nicht klar, ob wir uns noch in Flandern befinden, aber die trauernde Dorfgemeinschaft singt ein von Puccini weit ausholend komponiertes Requiem, als der Katafalk von einem echten Pferd auf die Bühne gezogen wird. Der falsche Mönch ist für einen Mönch viel zu prächtig kostümiert, aber hebt sich so optisch am besten von der Masse ab. Als sich die leicht manipulierbare Masse in der Schlussszene gegen Tigrana wendet, nimmt sie Steine aus dem Sarg und macht sich daran, die Ausgestoßene zu steinigen. In dieser Lesart des Endes wird die Sympathie des Publikums eher auf die ebenfalls manipulierte Tigrana gelenkt, während Fidelia und Gualtiero abermals und wie sonst auch blasse Stichwortgeber bleiben.

St. Galler Festspiele - Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini © Tanja Dorendor

St. Galler Festspiele – Auf dem Klosterhof / Edgar von Giacomo Puccini © Tanja Dorendor

Die Musik, die Puccini hier geschrieben hat, weist bei einigen Klangbildern und kompositorischen Kniffen wie Nonenketten auf seinen charakteristischen Stil, zu dem er mit seiner nächsten Oper Manon Lescaut finden sollte. In diesem Stadium hingegen bewegt sich die Musik zwischen Verdi, Mascagni und Leoncavallo, aber ohne die Dramatik und den Sinn für musikalischen Spannungsaufbau, die diesen Komponisten zu Eigen waren. Aus Edgar haben es auch keine einzelnen Stücke zu Berühmtheit gebracht. Der groß besetzte Chor hat viel zu tun. Die Freilichtbühne bringt es allerdings mit sich, dass die Solisten über Microports verstärkt werden; selbst ein mächtiger Chor verliert sich akustisch hingegen. Die Solisten haben es nicht einfach; Tigrana ist die eindeutig interessantere weibliche Figur, und Alžbeta Vomácková kann auch schauspielerisch überzeugen (einiges von Tigrana findet sich bei Musetta in La Bohème wieder, nur dass diese Figur eine charakterliche Entwicklung durchmacht). Fidelia auf der Bühne zu Leben erwecken, ist eine schwierige Aufgabe; Elena Rossi hat von der Regie große Theatergesten zugedacht bekommen, sie ringt mit den Händen und kauert über dem Sarg. Ihr Sopran schien in der Höhe und bei Registerwechseln manchmal etwas scharf und gepresst zu sein. Dies gilt ebenfalls für Edgar selbst (Mickael Spadaccini), während Stefano Palatchi und Domenico Balzani als Gualtiero und Frank mit ihren tieferen Stimmlagen wohl mehr Glück mit der Übertragungstechnik hatten. Auch zum Orchester (Sinfonieorchester St. Gallen) unter Leo Hussain lässt sich kaum etwas Verlässliches sagen, da die Übertragung des unsichtbar irgendwo in der Nähe in einem geschlossenen Raum spielenden Orchesters die Tonanlage hörbar an ihre Grenzen brachte. Viele Frequenzen und Grade der Dynamik sind so nicht wiederzugeben; Puccini scheint mächtige Fortissimi komponiert zu haben. Dennoch ist eine Vorstellung unter freiem Himmel mit opulenter Ausstattung wohl die beste Möglichkeit, das Werk zu präsentieren. Eine konzertante Aufführung würde die Schwächen der Komposition noch mehr zutage treten lassen, und einen Stammplatz im Repertoire wird es für Edgar wohl tatsächlich nicht mehr geben.

Am Ende der Aufführung ist es dunkel geworden, die anfangs sehr lebhaften und lauten Schwalben sind den düsteren Geiern auf der Bühne gewichen. Eine interessante Begegnung mit einem Frühwerk, die vor allem durch die üppige und vor allem sinnhafte Bebilderung seitens des Regieteams im Gedächtnis haften bleibt.

—| IOCO Kritik St. Galler Festspiele |—