Hamburg, Staatsoper Hamburg, Messa da Requiem von Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 10.03.2018

März 12, 2018 by  
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Staatsoper Hamburg

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

 

  Messa da Requiem  von Giuseppe Verdi

 – Bilanz des Lebens in fesselnden Bildern –

Von Patrik Klein

Am Ende steht das Nichts und absolute Dunkelheit

Der trauernden Mutter (grandios gesungen und gespielt von der schwedischen Sopranistin Maria Bengtsson) bleibt nur die Hoffnung. Im erschütternden Finale verweilt sie ganz allein im Lichtkegel des letzten, einsamen Scheinwerfers. Die Hände der Chormitglieder lugen am Boden aus den Grabkammern, bevor das Licht gänzlich erlöscht. Der faszinierte, berührte, betroffene Zuhörer und Zuschauer durchlebte bis dahin ein intimes, fesselndes,  atemberaubendes Psychogramm vier trauernder Menschen.

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem - hier Finale mit Maria Bengtsson, Solisten und Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem – hier Finale mit Maria Bengtsson, Solisten und Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

 Die Premiere von Verdis Messa da Requiem leitet die Italienischen Wochen an der Staatsoper Hamburg ein. In den kommenden Wochen gibt man neben dieser neuen auch altbewährte Produktionen wie Verdis La Traviata, Rigoletto, Aida, Puccinis Tosca und Madame Butterfly. Mit besonders hochkarätigen Besetzungen möchte man lokal wie international musikalische und künstlerische Akzente setzen.

Nachdem Calixto Bieito, der eng verbunden ist mit dem Intendanten der Staatsoper Hamburg Georges Delnon, vor etwa einem Jahr eine sehr umstrittene Inszenierung von Verdis Otello von Basel nach Hamburg adaptierte, macht er nun den ungewöhnlichen Versuch, den italienischen Meister mit seinem finalen Werk musikalisch und szenisch darzustellen. Damit führt man die Reihe ungewöhnlicher Interpretationen nahtlos fort, nachdem John Neumeier Bachs Matthäuspassion‘ (Staatsoper und St. Michaeliskirche Hamburg), Romeo Castellucci Bachs Johannispassion (Deichtorhallen Hamburg) und Calixto Bieito Benjamin Brittens War Requiem (in Basel) bereits szenisch umsetzten.

Unter der musikalischen Leitung von Kevin John Edusei, in dem Bühnenbild von Susanne Gschwender, den Kostümen von Anja Rabes, dem Licht von Franck Evin, mit namhaften Solisten und dem Chor(Einstudierung Eberhard Friedrich) und Orchester der Staatsoper Hamburg gelingt dies sehr eindringlich, mit großen Emotionen, wundervoller Musik und nachdenklich stimmenden, großartigen Bildern.

Die Uraufführung des Requiem von Giuseppe Verdi fand am 22. Mai 1874 in der Kirche San Marco zu Mailand statt. Mit dem originalen Titelzusatz „Per l’anniversario della morte di Alessandro Manzoni XXII Maggio MDCCCLXXIV“ bezieht sich Verdi auf den von ihm zutiefst verehrten 1873 verstorbenen Dichter Alessandro Manzoni, der eine hochangesehene Identifikationsfigur des Risorgimento war, der italienischen Nationalbewegung, deren Vertreter auch Verdi selbst gewesen ist.

Schon im gleichen Jahr führte Verdi das Werk in Paris auf und brachte es 1875 auch nach London und Wien. Die Erstaufführungen in Deutschland fanden im Dezember 1875 in Köln und in München statt, kurz darauf folgte die Erstaufführung in der Dresdner Semperoper.

Wegen des Widmungsträgers bezeichnete man einst Verdis Messa da Requiem als Manzoni-Requiem. Der Begriff war vor allem im deutschen Raum in den Jahren nach den ersten Aufführungen geläufig, wurde jedoch bereits im 20. Jh. nicht mehr verwendet. Umgangssprachlich bedient man sich heute der Bezeichnung Verdi-Requiem, während für Konzertankündigungen häufig der Originaltitel Messa da Requiem eingesetzt wird.

Verdis Messa da Requiem ist, wie Berlioz’ Grande Messe des Morts und Brahms’ Ein deutsches Requiem, ein Requiem, das nicht mehr für den liturgischen Gebrauch, sondern allein für konzertante Aufführungen geschrieben wurde; daher wird es oft ironisch als Verdis beste Oper bezeichnet.

Der Text und der Ablaufplan des Werkes entsprechen fast durchgehend der römisch-katholischen Liturgie des Totengottesdienstes. Es gibt nur wenige Abweichungen davon. Verdi verzichtete nur auf die Vertonung von Graduale und Tractus, fügte jedoch das Responsorium Libera me hinzu. Die Besetzung entspricht einem Opernorchester (ähnlich groß besetzt wie bei seiner Oper Don Carlos) mit vier Solisten (Sopran Maria Bengtsson, Mezzosopran Nadezhda Karyazina, Tenor Dmytro Popov, Bass Gábor Bretz) und dem vierstimmigen oft mehrfach geteilten Chor.

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem - hier Finale mit Maria Bengtsson, Solisten und Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem – hier Finale mit Maria Bengtsson, Solisten und Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Man bereitete sich intensiv vor an der Staatsoper. Der Chor der Staatsoper Hamburg studierte seit beinahe einem Jahr die 80minütige Totenmesse in lateinischer Sprache auswendig, um zu einem wesentlichen Element der Inszenierung zu reifen. Wochenlang erarbeitete man zusammen mit dem Regieteam um Calixto Bieito die szenische und musikalische Umsetzung. Bei den Proben ging man an den körperlichen Einsatz im Grenzbereich und entwickelte gemeinsam die Umsetzung der extremen musikalischen Emotionen in plausible Bilder und Handlungsweisen. In dieser Auseinandersetzung mit der Musik und dem Tod wurden der Chor und die Figuren in den Mittelpunkt gerückt. Die Auseinandersetzung mit dem Tod in unserer modernen Welt wurde sehr persönlich in den langen Proben individuell entwickelt und zu einem farben- und kontrastreichen Kaleidoskop zusammengesetzt. Dabei fühlt sich der Betrachter mitgenommen auf eine Fahrt über einen südeuropäischen Friedhof, der durch markante Grabformen und -kammern charakterisiert ist. Unwillkürlich befragt man sich selbst: „Was würde ich mit auf den Friedhof bringen?“ „Wie stelle ich mir den Tod vor?“

Geprägt durch Hoffnung, Wut, Reue, Aggression und Angst lenkt Bieito verschiedene situative Blicke auf die sieben großen Werkteile des Verdi Requiems. Verdi machte keine Vorgabe über die Relationen der Solisten zueinander. Aus den Rollen als Kommentatoren, Beobachtern, Erzählern und Paaren entstehen Menschen mit persönlichen Geschichten, die sogar eine Handlung daraus entwickeln. Es geht dabei um die Trauer zweier Paare (Bass und Sopran; Mezzosopran und Tenor), die den Verlust eines lieben Menschen erfahren; zum Beispiel eine Mutter, die ihr Kind durch einen Autounfall verliert. Sie gibt sich selbst die Schuld an dem Unfall, weil sie das Kind losgeschickt hat. Ihr Mann sagt sie nicht gänzlich von der Schuld frei. Auf jeden Fall schaffen sie es beide nicht mehr, normal miteinander zu leben und gehen daran auf verschiedene Weise zu Grunde. In der wunderbaren Musik Verdis findet man leicht für sich ganz individuelle Berührungspunkte, die mit Hoffnung und einem Ausblick auf die Ewigkeit eng verbunden sind.

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem - hier Anfangsszene; Nadezhda Karyazina, Dmytro Popov, Maria Bengtsson, Gábor Bretz, Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem – hier Anfangsszene; Nadezhda Karyazina, Dmytro Popov, Maria Bengtsson, Gábor Bretz, Chor der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Calixto Bieito kommt mit sechs großen hölzernen, beweglichen, bühnenausfüllenden Gestellen, Grabkammern eines südeuropäischen Friedhofes aus, die sich nach Belieben verschieben und sogar kippen lassen. Der Chor, die Statisten und die vier Solisten sind moderne Menschen in bunter Kleidung, die in einer beweglichen Choreografie die sieben Teile des Verdi Requiems darstellen. Sie erzählen ihre Geschichte von Tod, Trauer und Verzweiflung. Die Betrauerten sind ihre Kinder, die im Hintergrund in Erinnerung mit Bällen spielen, die alte Mutter, die als Geist zwischen den Gestellen über die Bühne schleicht. Der Chor wirkt als eine Art emotionale Verstärkung oder auch als eine Art Antwort aus dem Jenseits. Hoffnung gebend, Bedrohung darstellend, beim Dies Irae den Zorn eingebend; dann sich in den großen Grabfächern versteckend, Leichen herausziehend und zum Ende hin nur noch die Hände aus dem mittlerweile abgesenkten Grabgestell reckend.

Der Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich) soll an dieser Stelle ganz besondere lobende Erwähnung finden, denn diese ungewöhnliche szenische Darstellung des ansonsten konzertant mit Notenblättern vor Augen aufgeführten Werkes fordert die Mitglieder ganz besonders. Wenn sich zum Beispiel der Chor schützend oder ein andermal bedrohend und bestrafend um die Sopranistin schart, auf den Knien rutscht oder gar gänzlich in den Grabkammern verschwindet und dabei noch sauber und präzise, formschön und ausdrucksstark die Emotionen in Verdis Musik auslotet und verständlich über die Rampe bringt. Vorzüglich gelingt das auch im vierten Teil im doppelchörigen Sanctus, wo die Chormitglieder aus dem flach liegenden Grabgestell aus ihren Kammern steigen, die vier Solisten verzweifelt an den Aufhängungsseilen des Gestells ziehen, die Sopranistin herzzerreisend in ihr Solo übergeht und schließlich alle um Erlösung flehen. Bevor das Licht ausgeht und die Sopranistin verbleibt, ziehen sie sich bis auf die aus den Gräbern herausragenden Hände zurück. Lang anhaltende Stille in der Staatsoper, bis der junge Dirigent Kevin John Edusei den Taktstock niederlegt.

 

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem - hierMaria Bengtsson umringt von Statisten und Chormitgliedern der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

Hamburger Staatsoper / Messa da Requiem – hierMaria Bengtsson umringt von Statisten und Chormitgliedern der Staatsoper Hamburg © Brinckhoff / Mögenburg

 Ganz wunderbar spielen und singen die Solisten: Allen voran die schwedische Sopranistin Maria Bengtsson,  international bekannt und erfolgreich an den großen Bühnen in Berlin, Dresden, Wien , Frankfurt, Salzburg und London. Ihre Interpretation ist Weltklasse, wenn sie ihren feinen und samtigen Sopran mit ganz leicht dunkler Färbung für ihre berührenden Emotionen erklingen lässt. Sie überzeugt in allen Facetten ihrer Gesangs- und Schauspielkunst. Die russische Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina ist seit 2015 Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg und hat hier bereits einiges Aufsehen erregt in Partien wie Mercédès (Carmen), Maddalena (Rigoletto), Emilia (Otello), Suzuki (Madama Butterfly), Kontschakowna (Fürst Igor), Pauline (Pique Dame), Rosina (Il Barbiere di Siviglia) und Hänsel (Hänsel und Gretel). Mit schön dunkel gefärbtem Mezzo gestaltet sie ihre Rolle souverän und ausdrucksstark, wird dem mörderischen Tonumfang der Partie eindrucksvoll gerecht, lediglich ein paar winzige flackernde Momente in den oberen Registern sind gelegentlich zu hören. Oft liegt sie wunderbar wie ein dunkler Schatten musikalisch unter dem Sopran. Der ukrainische Tenor Dmytro Popov,  der an der Hamburgischen Staatsoper bereits den Don José in Carmen und Alfredo in La Traviata sang, ist gefragter Gast an renommierten Opernhäusern wie dem Royal Opera House Covent Garden in London, der Metropolitan Opera New York, der Deutschen Oper Berlin, der Bayerischen Staatsoper in München, der Oper Stuttgart, der Semperoper in Dresden, der Wiener Staatsoper und dem Opernhaus Zürich. Er singt seine Partie mit klanglich schöner lyrischer Stimme, etwas eng geführt, aber mit schön gebundenen Phrasierungen eindrucksvoll und selbstbewusst. Der in Budapest geborene und international bekannte Bass Gábor Bretz, der dem Hamburger Publikum noch in Erinnerung sein dürfte mit  der Interpretation des Phillipe II in Don Carlos unter der musikalischen Leitung von Renato Palumbo in der überregional beachteten Produktion von Peter Konwitschny, gibt den leidenden und nicht vorwurfsfreien Ehemann der Sopranistin. Sein sicher geführter, gut fokussierter Bass leuchtet dunkel umhüllt mit strahlendem Kern und strömenden Legato. Es gelingt ihm besonders gut, seine vorhandene Schwärze in der Stimme zurückzunehmen und Verdis gewünschten Farbreduzierungen gerecht zu werden. Mühelos meistert er die Anforderungen seiner Partie.

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter dem fabelhaften Dirigenten Kevin John Edusei, der zu den herausragenden Dirigenten der jungen Generation zählt, spielt Verdis Musik mit großer Leidenschaft. Als viel beachteter Chefdirigent der Münchner Symphoniker und seit Beginn der Spielzeit 2015/16 als Chefdirigent am Konzert Theater Bern folgen die Musiker bereitwillig und äußerst aufmerksam  seiner berührenden Interpretation von Verdis letztem Werk. Anders als in Verdis Opern muss man die musikalischen Färbungen zurückhalten, was Kevin John Edusei in ganz hervorragender Weise gelingt. Schnörkellos und geradlinig erscheinen seine Tempi, raumfüllend und satt mit wunderbarer Dynamik die bekannten Stellen des Dies Irae, den Chor und die Solisten nie abdeckend. Die drei Stellen des Dies Irea sind aus der Musik des Otellos entwickelt und musikalisch wie ein Michelangelo gemalt. Mit wunderbar trockenen Schlägen setzt das Orchester dies beinahe so, wie in der berühmten Aufnahme mit Toscanini von 1951 um. Die seufzenden Klarinetten im Rex tremendea ähneln ganz wunderbar der Musik aus Verdis Don Carlos. Die leisen Stellen geraten ganz besonders feinfühlig und stimmungsvoll. Auch beim Recordare gelingt ihm die klangliche und musikalische Feinabstimmung zwischen den Solisten ganz besonders erfüllend. Berührend beim Lux aeterna, wo alle Todesszenen aus Verdis verschiedenen Opern in einer Szene zusammengefasst werden und das niederschmetternde Finale im Responsorium eingeleitet wird. Selten hat man das Orchester in der nicht unkomplizierten Akustik des Opernhauses so inspiriert wahrgenommen.

Das Premierenpublikum reagierte anfänglich mit Stille und Betroffenheit dem frenetischer Applaus und Bravorufen für alle Mitwirkenden folgte, besonders für den Chor der Staatsoper Hamburg. Wenige Buh-Rufe für Regisseur Calixto Bieito lächelt dieser angemessen höflich weg.  Messa da Requiem: Ein großartiger Abend in der Staatsoper Hamburg.

Messa da Requiem an der Staatsoper Hamburg: Weitere Vorstellungen, die man sich nicht entgehen lassen sollte sind am 14.3., 17.3., 20.3., 23.3., 27.3., 31.3.2018

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Fidelio von Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 02.02.2018

Februar 4, 2018 by  
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Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

  Fidelio von Ludwig van Beethoven

 „Befreiungsoper im Umfeld  der biederen (?) 50er Jahre“

Von Patrik Klein

Hamburgs Staatsopernintendant Georges Delnon inszeniert nach eigener Aussage ausnahmsweise eine Produktion an seinem Haus selbst. Er nimmt sich Beethovens politisch unverhüllte Befreiungsoper Fidelio vor und löst damit die damals überaus kontrovers aufgenommene Regie von Hans Neuenfels aus dem Jahr 2004 unter der musikalischen Leitung von Ingo Metzmacher ab. Delnons Inszenierung ist für eine Koproduktion mit dem Teatro Communale di Bologna vorgesehen.

Fidelio ist die einzige Oper von Ludwig van Beethoven in zwei  Akten (in der Urfassung unter dem Titel Leonore jedoch in drei Akten). Das Libretto schrieben Joseph Sonnleithner, Stephan von Breuning und Georg Friedrich Treitschke. Als Vorlage diente ihnen die Oper Léonore ou L’amour conjugal , die 1798 in der Komposition von Pierre Gaveaux entstand. Die Uraufführungen der ersten beiden Fassungen des Fidelio fanden am 20. November 1805 bzw. am 29. März 1806 am Theater an der Wien statt. Die endgültige Fassung wurde dann am 23. Mai 1814 im Wiener Kärntnertortheater präsentiert. In dieser Fassung wurde der Text überarbeitet und die Handlung straffer gestaltet. Ferner wurden die tragischen Züge der Hauptpersonen verstärkt, und die Grundidee des Werkes trat nun deutlicher hervor, nämlich die Überhöhung der konkreten edlen Tat Leonores.

Staatsoper Hamburg / Fidelio - hier Don Pizarro, Marzelline und Jaquino © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Fidelio – hier Don Pizarro, Marzelline und Jaquino © Arno Declair

War zum Beispiel bei Mozart die Gesellschaftskritik noch in den Verwirrspielen eines scheinbar aufgeklärten Zeitalters versteckt, so bringt der revolutionäre Bürger Beethoven die neuen Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf die Bühne. Bei dem recht populären und besonders in letzter Zeit häufig gespieltem Werk stellt sich hiermit erneut die Frage: Hat Beethovens einzige Oper an Aktualität und Relevanz seit über 200 Jahren verloren? Wie realistisch ist der Glaube an den Einfluss der Liebe und der Menschlichkeit in einer Welt voller Gewalt und Machtexzesse? Antworten auf diese Fragen werden von Georges Delnon auf den ersten Blick kaum erkennbar gegeben.

Ging Hans Neuenfels in seiner Inszenierung von 2004 von einer radikalen Umdeutung in einer grotesken Show des Scheiterns und einem „Aus der Traum von Friede, Freiheitaus, so muss man Georges Delnons Sichtweise mühevoll suchen. Im Opernjournal der Staatsoper Hamburg, in den Blogs der Dramaturgen (Klaus-­Peter Kehr, Johannes Blum), auf Plakaten und in Interviews wird wenig bis nichts im Vorfeld verraten. Während der Ouvertüre steht auf dem schwarzen Bühnenvorhang: Ich hatte einen Traum. Es war ein Albtraum. Als ich erwachte, war Alles wieder in Ordnung„. Die Inszenierung nun zeigt dem aufgeschlossenen, vorurteilsfreien Beobachter einen Blick in die sagen wir einmal 50er Jahre in einem Überwachungsstaat. Auf der Bühne erblicket man ein geräumiges Wohnzimmer mit zeitgemäßer Ornamentiktapete, großer Terrassenfront und überdimensionaler Gardine (Bühne: Kaspar Zwimpfer; Kostüme: Lydia Kirchleitner; Licht: Michael Bauer; Video: fettFilm). Ausstattungselemente sind eine für die damalige Zeit klassische Musiktruhe der Firma Nordmende namens Fidelio, ein Klavier, ein Schreibtisch mit mechanischer Schreibmaschine, an der vor allem Rocco seine Korrespondenzen gestaltet und Tischgruppierungen mit einigen Stühlen. Es wird ein biedermeiersches Idyll gezeichnet, in der sich die handelnden Personen familiär von der Außenwelt, die durch Machtexzesse und Gewalt geprägt ist, abschotten. Dieses Idyll wird von der linken Bühnenseite gelegentlich jäh gestört und durchbrochen von langsam bis in die Bühnenmitte hineinfahrende Logistikregale. Sie legen den Blick frei auf Bücher, Akten und Gefangene. Florestans Gefängnis befindet sich in einem Art Sarkophag. Durch die riesige Glaswand schaut man videobebildert in Wälder mit unterschiedlicher Farbstimmung, in denen Rehe und zum Beispiel der „böse Wolf“ überdimensional groß und in weiß bei Florestans Arie „Gott, welch Dunkel hier in hellstem Licht erscheinen. Eine Kernaussage oder Deutung der Befreiungstat Leonores findet man scheinbar nicht. Die Charaktere der Handlung werden sehr persönlich, ja sogar intim gezeichnet mit ihren individuellen Absichten und Abgründen im Überwachungsstaat und Familienidyll. Die Sänger agieren meist an der Rampe in dem dunkel wirkenden Bühnenbild oder vor schwarzen Bühnenvorhängen fast wie bei einer konzertanten Aufführung. Zum Finale ein verklärter Einmarsch der Gefangenen, der mittlerweile auch in weiß gekleideten Schergen des Don Pizarros und ein Vermischen mit allen Beteiligten der Oper. Don Pizarro wird von zwei Beteiligten über die Terrasse nach draußen geführt. Aus dem düster nebelverhangenen graue Wald entspringt wieder frühlingshaftes Grün als Zeichen der Hoffnung. Zur Premiere am 28.1.2018 wurde die gesamte Regie dieses Fidelio mit weitgehend heftigen Missfallenskundgebungen beurteilt.

Staatsoper Hamburg / Fidelio - hier im Vordergrund Don Pizarro, Ensemble © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Fidelio – hier im Vordergrund Don Pizarro, Ensemble © Arno Declair

Die Komposition nicht die Handlung übernimmt bei dieser Regie das Primat der Aufführung.  Nach Eindrücken in der Generalprobe und – dem Vernehmen nach in der missratenen Premiere – dirigiert Kent Nagano sein Staatsorchester „auf Sicherheit“. Nur sehr wenige Einsätze kommen unklar für Orchester, Chor und auch Solisten. Flott klingt es zum Beispiel bei der ausgewählten längeren dritten Konzertouvertüre Leonore. Hier erhält das Orchester lautstarken Beifall. Sicher und deutlich langsamer, die Sänger- und Choreinsätze betonender führt Nagano durch die Partie. Die Chorszenen (Einstudierung Eberhard Friedrich) insgesamt geraten zu sehr schönen musikalischen Höhepunkten. Die Sängerinnen und Sänger des Abends gestalten durchweg auf ordentlichem Niveau und machen den musikalischen Eindruck über weite Strecken hörenswert.

Die schönsten stimmlichen Momente des Abends gehören Fidelio und Rocco. Simone Schneider ist Ensemblemitglied am Staatstheater am Gärtnerplatz in München gewesen und derzeit an der Staatsoper Stuttgart engagiert. Sie gestaltet die Titelpartie mit großem Einsatz, hoher Textverständlichkeit und schön dunkel gefärbtem Timbre. In den mittleren Lagen klingt ihre Stimme sehr lyrisch; sauber und kraftvoll gelingen ihr auch die Spitzentöne. Sie hat es auch etwas leichter, da sie zum Beispiel die Arie Abscheulicher, wo eilst Du hin?“ beinahe wie konzertant alleine vor herabgelassenem Bühnenvorhang gestalten kann. Falk Struckmann (Rocco) gehört zu den bedeutendsten Bassbaritonen seines Fachs. Er ist in Hamburg gerne gesehener Gast seit seinem Debüt in der Spielzeit 1994/95. Er sang hier unter anderem in Mathis der Maler, Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Fidelio (in der Neuenfelsinszenierung als Don Pizarro), Tosca und Salome. Falk Struckmann gibt den Gefängniswärter mit prachtvollem, besonders schwarz gefärbten Klang mühelos und feinstartikulierend. Er erhält vom Publikum am Ende auch den größten Beifall. Christopher Ventris (Florestan) gehört zu Großbritanniens erfolgreichsten Tenören und ist vor allem für sein Wagner-Repertoire bekannt, auf das er seine internationale Karriere in den letzten zwanzig Jahren fokussiert hat. Mit dem Florestan feiert Christopher Ventris nun an der Hamburgischen Staatsoper sein Debut. In der zweiten Vorstellung hat er jedoch einen rabenschwarzen Tag erwischt. Er singt die Partie zwar kraftvoll, aber gestemmt und viel zu sehr gepresst, so dass ihm bei der Arie „Gott, welch Dunkel hier“ die Stimme mehrfach wegbricht. Mit großer Mühe steht er seine Rolle bis zum Ende durch. Werner Van Mechelen (Don Pizarro) ist ein vielseitiger belgischer Bass-Bariton mit breitem Lied-, Konzert- und Opernrepertoire, das von Barockpartien über Mozart- und deutsches bzw. italienisches Repertoire bis hin zu modernen Komponisten mit vielen Uraufführungen reicht. Erst im Sommer des vergangenen Jahres konnte man sein Debut bei den Bayreuther Festspielen verzeichnen (IOCO Kultur im Netz berichtete), wo er einen erfolgreichen Klingsor im Parsifal in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg darstellte. Als „Stasi-Chef“ Don Pizarro kann er in Hamburg nahtlos an seinen Bayreutherfolg anknüpfen. Er singt sehr textverständlich mit hohem Einsatz und ist bemüht die dunklen Seiten des Gefängnisleiters herauszustellen. Ein wenig prägnanter bösartig hätte es jedoch noch sein können.

Don Ferrando ist der türkische Bariton Kartal Karagedik, der seit der Spielzeit 2015/16 Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper ist. Seine zu Beginn noch recht unauffällige Wirkung entwickelte er durch kluge Rollenauswahl und Debuts an kleineren und mittleren Opernhäusern zu einer mittlerweile tragenden, flexibel agierenden und klangschönen Ausstrahlung. Als Don Ferrando hat er die undankbare Aufgabe, erst am Ende der Oper und nur recht kurz aufzutreten. Er gestaltet seinen Part jedoch sehr schön lyrisch, textverständlich und mit feiner Stimmführung.

Staatsoper Hamburg / Fidelio- hier Schlussszene mit Chor und Ensemble © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Fidelio – hier Schlussszene mit Chor und Ensemble © Arno Declair

Mélissa Petit (Marzelline) war von 2010 bis 2013 Mitglied des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Hamburg. Seit der Spielzeit 2015/16 gehört Mélissa Petit zum Ensemble des Zürcher Opernhauses und debütierte mittlerweile auch an der Opéra Bastille in Paris und den Bregenzer Festspielen. Mélissa Petit gibt die Marzelline mit fein geführter Stimme und  schönem dunklen Klang.

Thomas Ebenstein, seit 2012 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, gibt den Jaquino solide mit schöner Spieltenorstimme und großem Einsatz.

Zur Premiere dieses Fidelio waren die Rezensionen weitgehend höchst negativ. IOCO möchte sich diesen Philippiken nicht anschließen. Das Publikum in der zweiten fast ausverkauften Aufführung des Fidelio reagierte mit sehr freundlichem Applaus auf alle musikalisch Beteiligten.

Fidelio an der Staatsoper Hamburg: Weitere Aufführungen: 4.2.2018; 6.2.2018; 9.2.2018; 27.4.2018; 2.5.18; 5.5.2018 und 9.5.2018

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Wiederaufnahme Simon Boccanegra, 15.10.2017

Oktober 10, 2017 by  
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Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Simon Boccanegra wieder an der Staatsoper Hamburg

Die Staatsoper Hamburg präsentiert ab 15. Oktober 2017 in fünf Vorstellungen wieder Giuseppe Verdis Oper Simon Boccanegra in der vielbeachteten Inszenierung von Claus Guth (2006).

Es gibt ein Wiedersehen mit der chinesischen Sängerin Guanqun Yu, die zu den vielversprechendsten Sopranistinnen der jüngeren Generation gehört. Sie ist regelmäßig an internationalen Opernhäusern zu Gast und war zuletzt an der Staatsoper Hamburg als Mathilde in Gioachino Rossinis Guillaume Tell zu erleben.

In weiteren Rollen singen in Simon Boccanegra Claudio Sgura, Alexander Vinogradov, Alexey Bogdanchikov, Alin Anca, Massimo Giordano, Sascha Emanuel Kramer und Soomin Lee sowie der Chor der Hamburgischen Staatsoper.

Am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters steht Christoph Gedschold.

Giuseppe Verdi
Simon Boccanegra
Musikalische Leitung: Christoph Gedschold
Chor: Eberhard Friedrich
Inszenierung: Claus Guth
Bühnenbild und Kostüme: Christian Schmidt
Licht: Wolfgang Göbbel

Mit: Simon Boccanegra Claudio Sgura, Jacopo Fiesco Alexander Vinogradov, Paolo Albiani Alexey Bogdanchikov, Pietro Alin Anca, Amelia Grimaldi Guanqun Yu, Gabriele Adorno Massimo Giordano (Rollendebut), Capitano dei Balestrieri Sascha Emanuel Kramer, Ancella di Amelia Soomin Lee, Chor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Vorstellungen am 15. Oktober um 15.00 Uhr sowie am 18., 24., 27. Oktober und 2. November jeweils um 19.00 Uhr, Informationen unter: www.staatsoper-hamburg.de

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Parsifal von Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.09.2017

September 26, 2017 by  
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Hamburgische Staatsoper © Kurt Michael Westermann

Hamburgische Staatsoper © Kurt Michael Westermann

Parsifal von Richard Wagner

  Die Geschichte des „Reinen Toren“ in der komplexen Bildersprache  des Achim Freyer

 Von Patrik Klein

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Zur Saisoneröffnung 2017/18 bringt die Hamburgische Staatsoper medienwirksam mit „Liveübertragung“ für alle am Jungfernstieg Richard Wagners Spätwerk Parsifal heraus. Nach zahlreichen Aufführungen wird die viel beachtete Inszenierung des US- amerikanischen Starregisseurs Robert Wilson von 1991 abgelöst durch eine bilderreiche und symbolträchtige Produktion von einem der bekanntesten deutschen Künstler der Nachkriegszeit.

Achim Freyer, der gebürtige Berliner Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner sowie Maler war Meisterschüler von Bertolt Brecht. Der heute 83jährige Künstler ebnete in den 1980er Jahren dem amerikanischen Komponisten Philip Glass den Weg mit den Opern Satyagraha, Echnaton und Einstein on the Beach, die in Stuttgart zur Uraufführung kamen. Die Gandhi-Oper Satyagraha wurde auch von den Wuppertaler Bühnen übernommen und beeindruckte damals viele, meist junge Besucher mit ihrem ganz besonderen und extrem aufwändigen künstlerischen Stil. An der Hamburgischen Staatsoper brachte er 1982 seine erste Version der Zauberflöte und 1997 die viel beachtete Oper von Helmut Lachenmann Das Mädchen mit den Schwefelhölzern zur Aufführung. Am vergangenen Wochenende nun Richard Wagners Spät- und „pseudo-religiöses“ Werk Parsifal.

Nach Wagners Willen sollte sein letztes Werk eigentlich nur noch im Festspielhaus in Bayreuth zur Aufführung gelangen. Bereits nach wenigen Jahren wurde diese Verfügung jedoch gebrochen. Parsifal nimmt nicht als Opern- oder Musikdrama, sondern als „Bühnenweihfestspiel“ eine außergewöhnliche Stellung ein. Im Parsifal werden alle Elemente seines die Opernwelt revolutionierenden Komponierens noch einmal zusammengetragen. Mystische, literaturhistorische und philosophische Aspekte verweisen in Parsifal rückblickend auf etliche Figuren seiner früheren Opern.

 Hamburgische Staatsoper / Parsifal_ Parsifal - Andreas Schager, Kundry - Claudia Mahnke © Hans Jörg Michel

Hamburgische Staatsoper / Parsifal – Parsifal Andreas Schager, Kundry Claudia Mahnke © Hans Jörg Michel

In dieser Gemengelage schreitet nun zur Spielzeiteröffnung 2017/18 an der Hamburgischen Staatsoper Regisseur Achim Freyer mit seinem Team aus zahlreichen Bühnen-, Video- und Kostümmitarbeitern im Auftrag vom Intendant George Delnon und unter dem Dirigat von Kent Nagano in Wagners vieldeutiges Werk ein. Freyer betrachtet das Werk Parsifal nicht als Weihfestspiel, sondern als ein großes, facettenreiches Gesamtkunstwerk.

Freyers zentrales Ausstattungselement ist eine riesige, die ganze Bühne ausfüllende Spirale, die mit Spiegeln am Boden und an der Decke das Universum der Handlung vorgibt. Die Spirale kann als Synonym für eine militante Welt betrachtet werden, in der sich alles weiterentwickelt, aber auch immer wieder an die gleichen Stellen stößt. Raum und Zeit wirken hierin als Erfindung unserer Gesellschaft, die von Liebe, Aggression und Machtausübung dominiert wird. Alle sind an der Spirale beteiligt mit ihren Werkzeugen. Kundry, die rastlose Verführerin, kommt nicht klar in dieser Gesellschaft und steht zwischen allen. Die Blumenmädchen fungieren als Symbol für Verführung und Sehnsüchte. Der „Reine Tor“ Parsifal tritt in diese Welt und lernt, nicht zu töten, den sexuellen Umgang mit den Blumenmädchen, seine Vergangenheit mit Leid und Sehnsucht und im reifen Alter wie die Gesellschaft besser funktionieren kann. Schließlich kommen Parsifal und Kundry liebend zusammen, um eine neue, erlöste Welt zu begründen.

Hamburg Staatsoper / Parsifal - Blumenmädchen und Parsifal Andreas Schager © Hans Jörg Michel

Hamburg Staatsoper / Parsifal – Blumenmädchen und Parsifal Andreas Schager © Hans Jörg Michel

Diese Konzeption ist nun nicht unbedingt besonders aufregend oder neu, sie konzentriert sich stattdessen auf das Erzählen der Geschichte Parsifals mit den bekannten und oft benutzten stilistischen Mitteln des Regisseurs.

Die meist in schwarz gehaltene Bühne wird aufwändig mit Videotechnik bebildert, die dem Zuschauer durch Einblendung von Stichworten wie Anfang, Nacht, Quell, Mitleid, Schrei, Traum, Schmerz, Schlaf u.v.m. die Vielfalt der menschlichen Existenz vor Augen führen soll. Die handelnden Figuren und etliche Ausstattungselemente hingegen kommen in kräftigen, pastellfarbenen Tönen daher.  Gurnemanz  in schwarz mit riesiger Spirale und doppeltem Kopf weist den schwantötenden Parsifal mit sparsamen Gesten zurecht (großartig, textverständlich und mit äußerster Sicherheit wohlklingend dargestellt durch den südkoreanischen, bayreutherfahrenen Bass Kwangchul Yuon). Amfortas  gleicht Christus und wird von zwei Gralshütern am Kreuz getragen und gestützt. Der verwundete König wirkt willenlos, ist den „höheren“ Mächten ausgeliefert (hervorragend gesungen von einem der wichtigsten Bass Baritone unserer Zeit Wolfgang Koch, der hier in Hamburg schon häufig u.a. als Kurwenal und Don Giovanni zu erleben war). Kundry rollt wie ein Wollknäuel mit körperlangen Zöpfen in die Szenen (Claudia Mahnke gestaltet die Rolle meisterhaft mit ihrem wunderschön timbrierten Mezzo, glasklaren Höhen und feinster Stimmführung. Bereits in der letzten Saison wusste sie als Judith in Herzog Blaubarts Burg das Hamburger Publikum zu begeistern).

Hamburg Staatsoper / Parsifal - Andreas Schager ist Parsifal © Hans Jörg Michel

Hamburg Staatsoper / Parsifal – Andreas Schager ist Parsifal © Hans Jörg Michel

 Titurel  kurvt  in einem Rollstuhl mit bekrontem Haupt auf den oberen Ebenen der Spirale (etwas unsicher gesungen von Tigran Martirossian). Klingsor macht auf Ba(d)tman mit knallbunter meterlangen Krawatte sein Gemächt verhüllend, heraushängender blutroten Zunge, schrillem Aussehen und Habitus (Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper Vladimir Baykov gibt den überdrehten, vor Gier wilden Klingsor mit großem Engament solide, mit etwas wenig Legato behaftet und wacklig in der Höhe). Parsifal in weiß wie ein Harlekin gekleidet mit den dynamischsten Bewegungen der Protagonisten. Von sparsamer, Robert Wilson-ähnlicher Gestik bis zu akrobatischen Läufen besonders in den Szenen mit Kundry (atemberaubend gesungen von mittlerweile „dem“ Parsifal unserer Zeit Andreas Schager(l). Der Österreicher trumpft auf mit lupenreinem, absolut sicherem Tenor.  Er gestaltet die Partie kraftvoll mit feinster Stimmführung und hoher Textverständlichkeit). Die sehr gut intonierenden Blumenmädchen agieren  halbnackt, mit übergroßen Brüsten und wenig erotischem Erscheinungsbild (alle Darstellerinnen sind aus dem Ensemble oder Opernstudio). Die Gralsgesellschaft  wird in meist dunklen Kostümen mit hellen Masken und verzerrten Gesichtern gezeigt (der Chor der Hamburgischen Staatsoper unter dem Dirigat von Eberhard Friedrich, der gerade frisch wieder von Bayreuth zurück an der Elbe ist, hat die Routine und Klasse aus dem Frankenland mit an die Elbe gebracht: präzise und wunderbar geführt kommen die Damen und Herren wieder an ihre Bestleistungen vergangener Tage heran). Klingsors Speer befindet sich in einem vom Schnürboden herabfahrbaren Gestell, das an eine unsymmetrische Geometrie aus der Schulzeit erinnert. Etliche Symbole, wie beispielsweise der getötete Schwan (hier ein riesiger blutroter Lappen) sind in knallbunte Farben getaucht. In dieses rote Tuch wickelt sich Parsifal bei der Gralsenthüllung am Ende des ersten Aktes ein. In der Verwandlungsmusik, in der die Zeit zum Raum wird, erscheinen alle aus der Gesellschaft auf den Ebenen der Spirale, die sich mit Videotechnik untermalt in sich dreht. Zum Ende des ersten Aktes werden viele Lampen im Hintergrund der Bühne erleuchtet, über die ein (wohl den Gral darstellender) kleiner Junge mit überdimensionalem Kopf in Lampenoutfit mit einem Hasen im Arm schreitet (vielleicht ein Symbol für Ostern und die Fruchtbarkeit?). Die Lampen füllen sich mit Blut und leiten das Ritual ein. Mit dieser Bildersprache und Einheitsbühnenbild geht es auch in den folgenden Akten weiter bis am Schluss die Spiegel unter dem Schnürboden völlig kippen und nur noch Kundry mit Parsifal in Erlösung darstellender Pose verbleiben.

Hamburg Staatsoper / Parsifal - Andreas Schager ist Parsifal © Hans Jörg Michel

Hamburg Staatsoper / Parsifal – Andreas Schager ist Parsifal © Hans Jörg Michel

Die vielen zum Teil kafkaesk anmutenden Bilder, die der Zuschauer sehen konnte, bestechen durch Farbenvielfalt, aufregende Kostüme, mannigfaltige Videoeinspielungen und ungewöhnlichste Gesten, die dem Betrachter Abwechslung präsentieren, ihn in die Bilderwelt des Achim Freyer hinein tauchen und quasi zu einem Teil des Gemäldes machen. Dennoch stellt man sich viele Verständnisfragen.

Kent Nagano dirigiert das Philharmonische Staatsorchester Hamburg in 3 Stunden und 50 Minuten im ersten Akt zunächst recht getragen, im Folgenden dann ziemlich flott durch die Partie. Alles klingt auf hohem musikalischen Niveau, allerdings mit kaum spannenden, gewagten oder dynamischen Einfällen.

Das Publikum reagierte sehr unterschiedlich auf die Inszenierung. Während mancher Besucher die Vorstellung vorzeitig verließ feierte das verbliebene Publikum Ensemble, Dirigent und Chor mit lauten Bravos und großem Applaus.

Parsifal an der Staatsoper Hamburg: Weitere Aufführungen 27.9., 30.9., 3.10 2017

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