Leipzig, Oper Leipzig, Premiere Dornröschen – Ballett, 29.11.2019

November 28, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Premiere von »Dornröschen – Once Upon a Dream« des Leipziger Balletts

es war einmal im Traum

Mit der Premiere von »Dornröschen – Once Upon a Dream« in einer Choreografie des Belgiers Jeroen Verbruggen komplettiert das Leipziger Ballett nach »Der Nussknacker« (Jean-Philippe Dury) und »Schwanensee« (Mario Schröder) seine märchenhafte Trilogie zur Musik von Peter Tschaikowski und hat nun alle drei großen Handlungsballette des russischen Komponisten in drei unterschiedlichen choreografischen Handschriften im Repertoire.

Oper Leipzig / Dornröschen - Once Upon a Dream ©  Ida Zenna

Oper Leipzig / Dornröschen – Once Upon a Dream © Ida Zenna

Es war einmal eine Prinzessin (Madoka Ishikawa), die in einen hundertjährigen Schlaf verfiel, bis sie von einem Prinzen (Lou Thabart) wachgeküsst wurde. Das Märchen von »Dornröschen« ist wohlbekannt und zählt zu den berühmtesten überhaupt.  Peter Tschaikowski fand darin 1890 den geeigneten Stoff für eine Ballettmusik, die er selbst für seine beste hielt. Obwohl in Deutschland die Version der Brüder Grimm berühmt wurde, hat das Märchen seinen Ursprung in Frankreich. Für seine choreografische Uraufführung lässt sich Jeroen Verbruggen von Charles Perraults Fassung aus dem späten 17. Jahrhundert »La Belle au bois dormant (Die schlafende Schöne im Wald)« inspirieren. Gemeinsam mit seiner Bühnenbildnerin Chiara Stephenson und Charlie Le Mindu, der die Kostüme entwarf, gelingt es ihm, den fantastischen Zauber des Märchens in eine moderne und surreal anmutende Bildsprache zu übersetzen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der hundertjährige Schlaf: »Once Upon a Dream«. Die Choreografie taucht ein in Dornröschens Traumwelt, in der die Grenzen zwischen Fantasie und Realität mehr und mehr verschwimmen.  Immer tiefer geht es hinab in die Psyche eines jungen Mädchens, das an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht. Dabei entdeckt es die bedrohlichen, aber auch die schönen Seiten von Liebe und Sexualität und ficht den Konflikt mit der von Eifersucht und Missgunst getriebenen Mutter aus.

Oper Leipzig / Dornröschen - Once Upon a Dream ©  Ida Zenna

Oper Leipzig / Dornröschen – Once Upon a Dream © Ida Zenna

Verbruggen bricht in seiner Interpretation mit den Geschlechtsstereotypen des Märchens und erzählt ein zeitgemäßes Coming-of-Age-Drama. Zugunsten einer inhaltlichen Schärfung und zeitlichen Straffung wurden bei der Musik einige Striche vorgenommen. Am Pult des Gewandhausorchesters steht Felix Bender.

Karten (23 – 85 Euro) gibt es an der Kasse im Opernhaus, unter Tel: 0341 – 12 61 261 (Mo – Sa 10.00 – 19.00 Uhr), per E-Mail: service@oper-leipzig.de oder im Internet unter www.oper-leipzig.de. Für weitere Informationen und Anfragen stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung.

Oper Leipzig / Dornröschen - Once Upon a Dream ©  Ida Zenna

Oper Leipzig / Dornröschen – Once Upon a Dream © Ida Zenna


Premiere: Freitag, 29. November, 19:30 Uhr

Weitere Aufführungen: 01., 04., 05., 15. & 19. Dezember 2019 / 24. Januar / 27. & 28. März / 11. April / 01. & 03. Mai 2020 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn; Publikumsgespräche nach Abendvorstellungen, außer zur Premiere)

Dornröschen – Once Upon a Dream
Ballett von Jeroen Verbruggen | Musik von Peter Tschaikowski
Leitung
Dirigent Felix Bender
Choreografie Jeroen Verbruggen
Bühne Chiara Stephenson
Kostüme Charlie Le Mindu
Video Tina Alloncle
Licht Fabiana Piccioli

Besetzung : Prinzessin Madoka Ishikawa | Prinz Lou Thabart | Fee Laura Costa Chaud | Fee Vivian Wang | Fee Yun Kyeong Lee | Königin Fang Yi Liu | König Oliver Preiß | Wolf Alpha Carl van Godtsenhoven

Leipziger Ballett
Gewandhausorchester

—| Pressemeldung Oper Leipzig |—

Leipzig, Oper Leipzig, Spielplan November 2019

September 12, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Spielplan der Oper Leipzig Spielzeit 2019/20
November 2019

01 FR
19:30 Der Vogelhändler Zeller – PREMIERE | Westbad
19:30 Der Liebestrank Donizetti | Opernhaus


02 SA
14:00 Hausführung | Opernhaus
15:00 Musikalischer Salon Calligrammes | Konzertfoyer Opernhaus
19:00 Der Vogelhändler Zeller | Westbad
19:00 Der fliegende Holländer Wagner | Opernhaus


03 SO
15:00 Der Vogelhändler Zeller | Westbad
18:00 Rusalka Dvorák | Opernhaus


06 MI
11:00 Schneewittchen Lange | Opernhaus


07 DO
10:00 Peter und der Wolf Prokofjew | Westbad
19:30 Zorbas / Balkanfeuer (Ballett) Mahr | Westbad


08 FR
09:30 Feuer, Wasser, Sturm Mitmachkonzert des Kinderchores | Konzertfoyer Opernhaus
11:00 Feuer, Wasser, Sturm Mitmachkonzert des Kinderchores | Konzertfoyer Opernhaus
19:00 Jenufa Janá?ek – Gastspiel des Nationaltheaters Brünn zum Abschluss des
Tschechischen Kulturjahres in Leipzig | Opernhaus
19:30 Zorbas / Balkanfeuer (Ballett) Mahr | Westbad
20:00 Tanz in den Häusern der Stadt (Ballett) | Forum Thomanum


09 SA
15:00 Opernplauderei mit Bassist Randall Jakobsh | Konzertfoyer Opernhaus
19:00 Rusalka Dvorák | Opernhaus
19:00 Der Vogelhändler Zeller | Westbad


10 SO
10:00 Familienführung | Opernhaus
14:00 Oper zum Mitmachen zum Ballett »Dornröschen«| Probebühne Opernhaus
15:00 Der Vogelhändler Zeller | Westbad
17:00 Tristan und Isolde Wagner | Opernhaus
Kantinengespräch im Anschluss


11 MO
18:00 Blue Monday (Ballett) zur Premiere »Dornröschen« | Uwe Scholz Saal Opernhaus


15 FR
19:30 Tosca Puccini | Opernhaus
19:30 Kleine Komödie Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten | Theaterrestaurant Lortzing in der Musikalischen Komödie


16 SA
14:00 Führung Technisches Kabinett | Opernhaus
19:00 Die verkaufte Braut Smetana | Opernhaus
19:00 Kleine Komödie Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten | Theaterrestaurant Lortzing in der Musikalischen Komödie


17 SO
16:00 Schneewittchen Lange | Opernhaus


20 MI
11:00 Schneewittchen Lange | Opernhaus
14:00 Hausführung | Opernhaus


21 DO
18:30 Leipziger Ballett Werkstatt
Gespräch mit dem Team und öffentliche Probe zu »Dornröschen« | Opernhaus


23 SA
19:00 Carmen Bizet | Opernhaus


24 SO
18:00 Der fliegende Holländer Wagner | Opernhaus


26 DI
09:30 Paddington Bärs erstes Konzert Chappell | Westbad
11:00 Paddington Bärs erstes Konzert Chappell | Westbad
11:00 Knusper, Knusper, Knäuschen Hänsel und Gretel in einer Fassung für junge Zuschauer – Humperdinck | Konzertfoyer Opernhaus


27 MI
19:30 Der Vogelhändler Zeller | Westbad


28 DO
11:00 Knusper, Knusper, Knäuschen Hänsel und Gretel in einer Fassung für junge Zuschauer – Humperdinck | Konzertfoyer Opernhaus


29 FR
10:00 Paddington Bärs erstes Konzert Chappell | Westbad
19:30 Der Vogelhändler Zeller | Westbad
19:30 Dornröschen – Once upon a dream (Ballett) Verbruggen/Tschaikowski – PREMIERE | Opernhaus


30 SA
19:00 Spiel mir eine alte Melodie Schlager-Revue | Westbad
19:00 Carmen Bizet | Opernhaus
Änderungen vorbehalten!


—| Pressemeldung Oper Leipzig |—

Frankfurt, Kammeroper im Palmengarten, 25 Jahre Kammeroper – Rainer Pudenz, IOCO Aktuell, 02.09.2019

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Kammeroper Frankfurt

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

Die Kammeroper Frankfurt – Jubiläum im Palmengarten

 Die Kammeroper und Rainer Pudenz – Ein Herz und eine Seele 

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Der Palmengarten ist ein echtes Wahrzeichen von Frankfurt am Main. Eröffnet wurde er 1871 und zählt heute mit seinen 22 Hektar zu einem der größten Gärten seiner Art in Deutschland. Seine Entstehung verdankt sich, wie so vieles in der Stadt, einer privaten, oftmals bürgerlichen Gründung. Als die freie Reichsstadt Frankfurt und Hessen-Nassau 1866 preußisch wurden, bot der depossedierte Herzog Adolf von Nassau seinen tropischen Pflanzen- und Baumbestand aus der Orangerie des Schlosses Biebrich zum Verkauf an. 1868 wurde ein Verein gegründet und der Gartenarchitekt Heinrich Siesmayer mit dem Kauf und der Leitung eines anzulegenden Gartens betraut. 1869 konstituierte sich die Palmengarten-Gesellschaft, 1871 folgte die feierliche Eröffnung des „Palmengarten“.

Nota bene – Das Schicksal sollte es doch noch gut mit Herzog Adolf von Nassau meinen: 1890 wurde er Großherzog von Luxemburg. Die Rhein-Main-Gegend verdankt ihm viel, u.a. die Förderung des Kurbetriebs in Wiesbaden, die Industrialisierung in Biebrich und Höchst und auch die Gründung der „Herzoglich Nassauischen Landes-Credit-Casse“ von 1840, aus der später die Nassauische Sparkasse hervorgehen sollte, geht auf ihn zurück.)

Kammeroper im Palmengarten / Carmen - im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper im Palmengarten / Carmen – im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Der Palmengarten verfügt seit den 1980er Jahren – die alten Gewächshäusern wurden saniert – über ein Tropicarium und ein Subantarktishaus. Viele Schätze lassen sich in dem Areal finden, kleine und große Entdeckungen machen und nicht alle sind grün oder pflanzlicher Natur. Hier – wie in einer „kulturellen“ Oase – befindet sich mittlerweile eine andere Frankfurter Institution: die Kammeroper Frankfurt.

Auch die Kammeroper Frankfurt verdankt sich einer Privatinitiative und feiert in diesem Jahr silbernes Jubiläum im Palmengarten – gegründet wurde sie allerdings schon 1982. Seit einem Vierteljahrhundert finden die Vorstellungen in der sogenannten Muschel statt: Eine Muschel wie in einem echten Kurpark, Bänke bieten 400 Besuchern unter freiem Himmel Platz, inmitten einer üppigen Vegetation. Nicht nur in Frankfurt ein einmaliger Ort, um Kunst entstehen zu lassen. Und der Begriff „Kammeroper“ suggeriert keineswegs „nur“ einen kleinen Rahmen oder gar „weniger“ Kunst – im Gegenteil, der Anspruch der Verantwortlichen an sich selbst ist groß und ambitioniert. Ohne diese Beharrlichkeit, das Durchhaltevermögen und den Glauben an die eignen Visionen und Fähigkeiten hätte die Kammeroper – ohne festes Ensemble, lange ohne feste Spielstätte – kaum überlebt. Und wohl auch nicht ohne die finanziellen Zuwendungen durch die Stadt Frankfurt, das Land Hessen und den drei-vier Stiftungen, denn so der Kammeropern-Gründer: „Oper ist immer eine teure Geschichte“. Rainer Pudenz, Leiter und Regisseur der Kammeroper, stets in Schwarz gekleidet dafür aber inzwischen mit weißem Haupthaar, hat seine Begeisterung und Leidenschaft für die Oper nie verloren: „Von den damaligen Mitbegründern bin nur noch ich da – von den 37 Jahren Kammeroper!“ Eine Mitstreiterin aus den frühen Kammeropern-Jahren gibt es noch: die Kostümbildnerin Margarete Berghoff.

Die Winterreise – in der Kammeroper Frankfurt
youtube Trailer von FLAME, dem Florence Art Music Ensemble
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Wenn man sich bei Pudenz nach Vorbildern erkundigt, erhält man eine dezidierte Antwort: „Walter Felsenstein!“. Der legendäre Walter Felsenstein (1905-1975), Gründer und langjähriger Intendant der Berliner Komischen Oper, bei dem er zwar nicht direkt, sondern bei einem Schüler von ihm gelernt hat:  „Das ist mein Vorbild – woran ich arbeite. Und so arbeite ich mit dem Text, mit der Logik, mit der Dramaturgie, der Musik. Die Musik an einer Oper ist Gebrauchsmusik. Da ist jeder Gang in der Musik geschrieben. Vor allem beim Don Giovanni. Das ist ein Exempel dafür, das alles ganz logisch dramaturgisch aufgebaut worden ist musikalisch.“ Und wie bei Felsenstein wird bei ihm auf Deutsch gesungen und wie dieser spricht auch Rainer Pudenz lieber von „Musiktheater“.

Pudenz ist Theatermann, durch und durch! Gespielt wird bei ihm bei Wind und Wetter, mit wenigen (finanziellen) Mitteln, aber mit großer Verve und Engagement, viel Witz und jeder Menge schräger Ideen. Das Publikum ist ihm all die Jahre treu geblieben, nimmt ohne Murren schlechtes Wetter in Kauf und geniest doch die herrlich ausgefallene Atmosphäre im Palmengarten.

Das Orchester – aus etwa fünfundzwanzig Personen bestehend – ist mitsamt seinem Dirigenten vor der Muschel postiert, in ihr befindet sich die Bühne, auf der die Akteure auftreten. Als Zuschauer ist man vereint mit beiden Ensembles, der Blick auf ihr Wirken und Agieren ist durch keinen Graben getrennt, die Distanz zur „hohen“ Kunst fast aufgehoben. Alles wirkt unmittelbar und gehört zusammen. „Es war mir alles zu groß an den großen Häusern. Ich wollte Intimität schaffen mit meinen Opern. Ich wollte maximal 400-500 Besucher haben, damit die Intimität einer Kammer gewährleistet ist.“ Außerdem, fügt er an, „braucht jede große Stadt eine kleine Opera buffa oder komische Oper, hat jede große Stadt, die etwas auf sich hält.“

Kammeroper im Palmengarten / La Traviata - im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper im Palmengarten / La Traviata – im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Auch das ist sicherlich eine Erklärung, warum die Kammeroper über eine eingeschworene Fan-Gemeinde verfügt; der intime Rahmen – und Picknick-Charakter der Umgebung – schafft eine Gemeinschaft, die sich in ihrer Leidenschaft für die Kunstform Oper mit den Machern vereint sieht. Und für Wiederentdeckungen und Raritäten gut ist. Immer wieder gelingt Rainer Pudenz eine Ausgrabung aus dem unendlichen Fundus der Opernliteratur. Werke, die als verstaubt gelten oder längst vergessen sind, in den großen Opernhäuser vielleicht sogar mit ein bisschen Naserümpfen als zurecht vergessen erachtet werden. Jedenfalls sind sie dort kaum auf den Spielplänen zu finden. Es ist nicht nur eine geschickte „Marktlücke“, die Pudenz für sich und sein Haus (im Freien) gefunden hat, sondern echte Liebe und, so muss wohl hinzugefügt werden, Überzeugungsarbeit an der Kunstform Oper – insbesondere an der Opera buffa. Er möchte Werken zu neuem Bühnenleben verhelfen, die sonst nie zur Aufführungen gelangen. Denn nirgendwo sonst, wird man Stücke zu sehen und hören bekommen, die einen langen Dornröschenschlaf hielten oder ganz in den Orkus der Operngeschichte verschwinden sollten.

So erblickte zum silbernen Jubiläum eine Rossini-Oper zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit in Frankfurt: Die verkehrte Braut. (Bei Pudenz verlängerte sich das Rossini-Gedenkjahr etwas.) Als dramma giocosa schrieb der damals erst 19jährige und noch wenig bekannte Gioacchino Rossini seine L’Equivoco stravagante, wie die Oper im Original heißt, und prompt wurde das sich um die damalige Political Correctness wenig scherende Werk von der Zensur verboten. Ernestina, die belesene und nach intellektuellem Tiefgang strebende Heldin und „verkehrte Braut“ der Oper, rettet sich vor der geplanten Verheiratung mit dem unbedarften Stutzer Buralicchio in den Soldatenanzug. Außerdem liebt sie den armen Hauslehrer Ermanno, den ihr Vater – der neureiche Bauer Gamberotto – selbstverständlich als Schwiegersohn ablehnt.

Dem gezielt gestreuten Gerücht, sie sei eigentlich gar keine Frau, sondern ein Kastrat, der vor dem Militärdienst flieht, sitzt der einfältige Buralicchio vollends auf und lässt sie daraufhin verhaften. Das ist er seiner Ehre schuldig, aber Ermanno befreit seine Ernestina und am Ende gibt es das wohlverdiente Happy End. Rossinis Musik ist berauschend, das Libretto herrlich anstößig oder vielmehr erstaunlich modern, nimmt es doch unsere heutige Suche nach Geschlechteridentität oder die nach medialer Aufmerksamkeit drängenden Geld- und Geschmacksfragen fast prophetisch vorweg. Kurz: eine wunderbar subversive Komik und ganz nach dem Geschmack von Pudenz: „Viele Libretti sind zu unrecht verurteilt worden. Es ist wirklich keine literarische Geschichte, die da passiert. Wie geht es weiter im Gesang?! Das ist die interessantere Frage für mich. Die Musik führt’s weiter.“

Kammeroper im Palmengarten / Don Giovanni - im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper im Palmengarten / Don Giovanni – im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Wie nebenbei gelingt es der Kammeroper, Werke, nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten in Archiven oder Schubladen der Vergessenheit zu entreißen, sie vom Staub und Schlack der historischen Einschätzung zu befreien und zu neuem Bühnenleben zu verhelfen. Eine enorme Leistung, die Anerkennung verdient. Und so ist sein Verdienst ein doppelter: Neues Leben für alte, nicht mehr oder selten aufgeführte Stücke und in Rossinis Fall, einen Komponisten (oder vielmehr sein Oeuvre) zu erleben, der leider immer noch gerne auf nur wenige – meist eingängige – Opernwerke reduziert wird. Pudenz kann seine nimmermüde Begeisterung für das Groteske und Urkomische an den Mann und die Frau bringen; das Jubiläum bestritten unter seiner Regie: Dzuna Kalnina, Thomas Peter, Timon Führ, Ralf Simon, Louise Fenbury, Ilja Aksionov und Harald Mathes sowie der zwar kleine doch spielfreudige Chor. Für das Bühnenbild sind Frank Keller und Mateo Vilagrasa, für die Kostüme ist Claudia Kraspe verantwortlich gewesen. Vilagrasa – Bühnenbildner und Künstler und ebenso prägende Gestalt der Kammeroper – ist vergangenes Jahr gestorben. Dirigent dieser Produktion ist Daniel Stratievsky. Er wurde 1986 in Leningrad geboren und stammt aus einer Musikerfamilie. Aktuell ist er am Theater und Orchester GmbH Brandenburg/Neustrelitz als 2. Kapellmeister und Solorepetitor engagiert. Für viele erwies sich die Kammeroper als Sprungbrett für etwas Größeres – auch dem jungen Dirigenten Stratievsky wäre es zu wünschen.

Tatsächlich entpuppt sich die Kammeroper immer wieder als ein Sprungbrett. Und Pudenz zählt gleich einige auf: „Ja, ja, es gab ein paar große Karrieren. Roberto Saccà war das seinerseits. Martin Kränzle, der Sänger ist. Martin Kränzle hat bei uns im Orchester gespielt – Geige hat er gespielt. Roland Böer, der hier am Haus war. Dann war es Zoran Todorovich.Barbara Zechmeister, die fast gleich von unserer Produktion an die Oper Frankfurt gegangen ist. Johannes Kösters, für uns ein Großer, aber den habe ich nicht rausgebracht, das war kein Sprungbrett. Er war ein wichtiger Mann auch für uns. Beate Bilandzija, die an die Wiener Staatsoper gegangen ist – um nur einige zu nennen.“ Für die Produktionen gibt es immer ein Vorsingen, so dass sich junge Talente bei ihm präsentieren können. Das Orchester hat sich relativ stabil gehalten, aber natürlich kann er allen – ob auf oder vor der Bühne – nicht so viel zahlen, wie es an großen Häusern üblich ist.

Nur einmal berührten sich Kammeroper und Oper Frankfurt: 1993 führte Rainer Pudenz Regie auf der großen Opernbühne. Er inszenierte die bis in die fünfziger Jahre nicht sehr häufig gespielte Oper Die heimliche Ehe von Domenico Cimarosa. Es war eine bunte, schrille Angelegenheit, die damals viele Opernbesucher zu irritieren vermochte. Aus heutiger Sicht war es eher eine harmlose, natürlich überzogene, den Witz des Stückes überdehnende Interpretation – aber fordern heutzutage manche Inszenierungen das Publikum nicht vielmehr heraus?! Bei dieser einmaligen Arbeit auf der großen Opernbühne ist es bis heute geblieben. Pudenz bedauert das nicht, denn schließlich ist er in der Kammeroper sein eigener Herr und die beiden Institutionen stehen sowieso nicht in Konkurrenz zueinander.

Der Kammeropern-Chef liebt seine Stücke und das Theater. Es ist ihm wichtig, dass der Text verstanden und an den entsprechenden Stellen gelacht wird – nicht erst, wenn die Übertitel die Übersetzung angezeigt haben, und so wird bei ihm auf Deutsch gesungen. „Übertitel mag ich nicht“, sagt Pudenz trocken (Was aufgrund der architektonischen Gegebenheiten sowieso nicht möglich wäre.) Nicht nur die Musik, auch Sprache transportiert für ihn Emotion und muss deshalb verständlich sein. „Die Texte sind keine literarischen Großwerke“, so Pudenz, „aber ich entwickle eine Oper anhand des Texts. Man soll ja wissen, was man singt.“

Und das Publikum soll es ebenfalls verstehen können. Text und Musik bilden für ihn eine Einheit, der unbedingte Glaube, dass sich noch für jedes – meist komisch-absurd-subversive – Libretto eine theatralische Umsetzung konzipieren lässt, erweist sich als goldrichtig. Die gängige Auffassung und somit Trennung von auf der einen Seite wunderbaren Musik und auf der anderen Seite verschwurbeltem, nicht aufführbarem Inhalt hat für Pudenz keinen Bestand. Dass verlangt für die Übersetzung philologische Arbeit am Libretto – natürlich die deutsche Sprache bis zum Äußersten ausreizend und auskostend bis hin zum Grotesken –, zugleich muss sie so gelingen, dass der deutsche Text singbar ist. Dafür ist seit einigen Jahren Thomas Peter, selbst Sänger, zuständig, der die Sprache „vom zuckrigen Guss“ der Übersetzungen aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts befreit.

In gewisser Weise ist Rainer Pudenz seinem Idol Felsenstein nahe gekommen, ihm fast ebenbürtig geworden, denn die Kammeroper wird nun endlich ein richtiges Haus erhalten – ein „200-Mann-Theater“, wie er es nennt. Der intime Rahmen bleibt, hinzukommen wird ein Dach über dem Kopf und damit die Unabhängigkeit vom Wettergott – kurzum ein richtiges Theater. Auch IOCO – Kultur im Netz gratuliert  zum 25jährigen Jubiläum der Kammeroper im Palmengarten und für die Zukunft weiterhin: toi, toi, toi.

—| IOCO Aktuell Kammeroper Frankfurt |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Pique Dame – Peter Iljitsch Tschaikowsky, IOCO Kritik, 01.06.2019

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

PIQUE DAME  –  Peter Iljitsch Tschaikowsky
 Eine Zeitreise  –  Fin de siècle – Rokoko – Hollywood

von Karl-H. Möller

Pique Dame, die 1890 in Sankt Petersburg uraufgeführte Oper, in der die gleichnamige Spielkarte der zentralen Figur des Librettos den Namen gibt und die Katastrophe des zum Spieler werdenden Helden vollendet, soll Peter Iljitsch Tschaikowski selbst als sein wichtigstes musikdramatisches Werk bezeichnet haben. Das Programmheft zur Inszenierung der Deutschen Oper am Rhein widmet einem Zitat Boris Asafjews nahezu programmatisch eine ganze Seite:

„Die genialste von Tschaikowskys Opern überhaupt (…)
Wir erleben Schritt für Schritt das Eintauchen in einen Albtraum
und werden überzeugt, dass das alles real ist“

Über diese Superlative kann man angesichts des Welterfolgs von Eugen Onegin streiten, aber die Dimensionen des Werkes sind allemal gewaltig, sowohl im Anspruch als auch in ihren Anforderungen an die Regie. In der Dramaturgie gehen gewaltige Massenszenen abrupt in sehr einfühlsame Dialoge und Reflexionen der schwer zueinander und zu sich selbst findenden Hauptfiguren über, um sogleich wieder in die nächste wild-ekstatische Ablenkung zu stürzen. Musikalisch schenkt uns Tschaikowsky dabei sowohl berührende kammeropernartige Intimität als auch die späte Opéra Comique zitierende „dekadente“ Gesellschaftsspiele.

Pique Dame – Peter Iljitsch Tschaikowsky
youtube Trailer Deutsche Oper am Rhein
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Nach mehreren abgebrochenen oder verworfenen Versuchen, ein Libretto, das sein Bruder Modest nach Puschkins gleichnamiger Novelle aus dem Jahre 1834 geschrieben hatte, zu vertonen, komponierte Peter Tschaikowsky das Musikdrama drei Jahre vor seinem Tod in nur 4 Monaten – und das unmittelbar nach der Uraufführung seines Balletts Dornröschen und nahezu parallel zum Nussknacker. Vielleicht hat er erst nach und nach die besondere Nähe des Puschkin-Topos zu seiner von Depressionen und Isolationsangst geprägten Lebenssituation begriffen, sie dann aber in seiner letzten Schaffensperiode vehement in ein großes Opus verewigt.

„Tri Karti!“ – diese vielfach wiederholte Aufforderung, drei (Spiel)Karten zu nennen, kann selbst der des Russischen unkundige Opernbesucher in Düsseldorf verstehen, ohne die sehr gut gekürzte Übersetzung der klangvollen Bühnensprache mitzulesen. Tri Karti!  sind in Puschkins Novelle, in Modest Tschaikowskys Libretto und in der Inszenierung der US-amerikanischen Regisseurin Lydia Steier das obskure Objekt der Begierde, das sich letztendlich todbringend vererbt. Tri Karti: das sind Troika, Sedmoika, Tus – die Drei, die Sieben, das Ass, deren Gewinngarantie nur die alte Pique Dame genannte Gräfin kennt, die sich dieses Geheimnis einst durch eine erpresste Liebesnacht erschlief, freilich gebunden an den Fluch, dass ihr der dritte Mann, der ihr der Karten wegen die Liebe anträgt, den Tod bringt. Zwei waren bereits da, als Hermann, ein Deutscher, zunächst als in die Enkelin Lisa verliebter Sonderling in ihr Leben tritt…

Drei, Sieben, Ass: Die Oper besteht aus drei Akten in sieben Bildern. Drei unterschiedliche Ansätze liegen der Inszenierung zugrunde, Puschkins Novelle, die den Leser in die Moskauer Spielerszene führt, in der die seit ihrer Pariser Vergangenheit geheimnisumwobene Gräfin verkehrt. Modest Tschaikowskys Libretto verlegt die Handlung aus dem eher nüchternen Ende des 19. Jahrhunderts um 100 Jahre zurück und lässt die Dekadenz des Rokoko zum Hintergrund einer Oper werden, die am Beginn des „Fin de siècle“ die französische Grand Opera, den italienischen Belcanto und die Tiefsinnigkeit deutscher Musikdramatik zitiert.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier :  Elisabeth Strid als Lisa, Sergey Polyakov als Hermann, Ensemble © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Elisabeth Strid als Lisa, Sergey Polyakov als Hermann, Ensemble © Hans Joerg Michel

Die Idee der Regisseurin Lydia Steiner, die Handlung 60 Jahre nach Tschaikowskys Tod im Hollywood Mitte des 20 Jahrhunderts zu spielen, folgt der durchaus faszinierenden Logik, dass ein zur Wirklichkeit werdender Albtraum vor allem dort vorstellbar ist, wo mit aller Macht den Fragen der Realität mit der „Koste es, was es wolle“ Haltung neureicher Eitelkeit und alten Geldes begegnet wird. Und da hat die Zeit Katharinas II durchaus Parallelen zu Hollywood, wo jegliche Träume so gelebt werden als seien sie Realität. Aus der die Rokokoattitüde ihrer Pariser Zeit als „Moskauer Venus“ bewahrenden und zelebrierende Gräfin, die im ursprünglichen Libretto auf einem Maskenball beim Fürsten Potemkin auftaucht, wird bei Lydia Steier eine alternde Stummfilmdiva (vielleicht ähnlich der Norma Desmond in Billy Wilders „Sunset Boulevard“), deren geheimnisvolle, aus der Zeit gefallene Aura die Filmwelt der 50er Jahre amüsiert und irritiert.

Der Dramaturg der Düsseldorfer Inszenierung, Mark Schachtsiek, baut das sehr informative Programmheft rund um die „Sieben“ und begleitet die 7 Bilder der 3 Akte durch 7 Thesen und 7 assoziative Aufsätze, die sehr neugierig machen, wie die frappierende Logik eines Transfers des Inhalts um eineinhalb Jahrhunderte sichtbar werden kann.

Um es vorweg zu nehmen:
Es ist zwar ein sehenswerter Theaterabend geworden, der die nicht ganz einfach zu erzählende Geschichte nachvollziehbar transportiert, ohne die großartige Musik zu stören. Aber meine Erwartung, die Hauptfiguren (Hermann, Lisa und Gräfin) dürften ihre Konflikte, Nöte, Ängste, Wandlungen, Hoffnungen und Verzweiflung in dem außergewöhnlichen und für die „Modernisierung“ der oberflächliche Rokoko-Dekadenz prädestinierten Traumfabrik-Umfeld nachvollziehbar ausleben und vom Publikum – zur Empathie angeregt –nachempfinden lassen, haben sich nur in Ansätzen erfüllt. Das beginnt mit der Poolparty im mondänen reichen Beverly Hills, die ein sich nach wirkungsvollem, noch übersichtlichem Freeze-Bild zur Ouvertüre überfüllendes Minibassin zeigt. In dem proppenvollen Freibad haben die etablierenden Hauptdarsteller Mühe, sich aus dem auf der Szene notwendigen Chor und den zwar sehr engagiert spielenden aber eigentlich überflüssigen Komparsen herauszuschälen. Wenn sich dann noch der gut singende (wie immer von Justine Wanat musikalisch bestens präparierte) cowboykostümierte Kinderchor an den Beckenrand drängelt, um die gelangweilten Superreichen mit patriotischen Liedern zu agitieren, leidet man mit der Poolgesellschaft, die offenbar Schwierigkeiten hat, taktsicher mit dem Dirigenten zu korrespondieren.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier :  Maria Kataeva als Polina, Alexander Krasnov als Graf Tomski, Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Maria Kataeva als Polina, Alexander Krasnov als Graf Tomski, Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

Die mit riesigem roten Hut auf Highheels durch die sich drängenden Massen tänzelnde Drag Queen ist der Eyecatcher, nicht die Solisten, deren Rollen sich in dem Gewimmel nur schwer zu erschließen vermögen. Zudem scheint die übervolle Bühne die Akustik zu schlucken, der musikalische Funke springt erst später über. Mit dem wundervoll gesungenen Quintett, in dem sich die Ausgangsbeziehung der Hauptfiguren musikalisch entwickeln darf, erlebt das Ohr seinen ersten Höhepunkt. In der TomskiBallade, in der die geheimnisumwobene „Vénus moscovite“-Vergangenheit der Gräfin Pique Dame in Paris erzählt wird, zeigt der Bariton Alexander Krasnov beispielhaft, dass die Rheinoper über herausragende Sänger verfügt, die die komplette Breite einer großen Besetzung erstklassig abzudecken vermögen.

Aus dem hellgewandeten Chic der Poolpartyeitelkeit schälen sich die beiden Hauptfiguren durch ihre – sie als Außenseiter kennzeichnenden – Kostüme heraus: Hermann, der existenzialistisch gewandete Intellektuelle (gesungen von dem höhensicheren Tenor Sergey Polyakov), und die als Bühnenfigur wenig attraktiv und unpassend „geschmückte“ Lisa. Er darf mit der ihn hänselnden Gesellschaft fremdeln und die wunderbare schwedische Sopranistin Elisabeth Strid muss als Lisa als hässliches Entlein unter eitlen Schwänen kräftig gegen ihre sonstige Ausstrahlung anspielen. Diese Konsequenz der aus dem Vollen der Dekadenzmöglichkeiten phantasievoll schöpfenden Wiener Kostümbildnerin (Ursuka Kudrna) hilft, sich endlich auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

Beeindruckend ist zum Beispiel das zweite Bild, in dem die Braut von Polina und den Damen des Chores in der Art eines „Junggesellenabschieds“ beschenkt und aufgemuntert wird, bevor die Albernheiten mit einer von der Gräfin jäh als „unpassend“ unterbrochenen russischen Romanze kurzfristig in eine natürliche Freude am normalen Leben münden. Retardierend schön ist die Selbstdemaskierung der Mädels nach dem aristokratischen Ordnungsruf, durch den die großartige Gräfin (Hanna Schwarz) mit raumfüllendem Alt die Befreiung aus verordnetem Sozialverhalten beendet. Ob sie als Rokokogräfin oder Stummfilmdiva die Natürlichkeit bändigend einschreitet, ist hier völlig egal, denn die natürliche Bühnenerscheinung der Pique Dame trifft beides. Die Grandezza der Schwarz lenkt die Aufmerksamkeit der sich sonst nur oberflächliche mit sich selbst beschäftigten Gesellschaft wie auch jene des zeitlosen Außenseiters Hermann auf sich – natürlich auch das von Tomski annoncierte Geheimnisvolle in ihr und ihrer Geschichte verstärkend. Die herausragende Mezzosopranistin Maria Katajeva etabliert sich als Polina mit dem russischen Volkslied und dem berührenden Duett mit der von ihr als „Krasawitsa (die wirklich Schöne) getrösteten Freundin Lisa als ein musikalischer Höhepunkt des Abends, von denen es in den leisen, intimen Szenen zahlreiche gibt – Lisas verzweifelte Arie an die Nacht zum Beispiel.

Wieder wandelt sich die Bühne in den Raum eines Events, eine Art venezianischer Maskenball ist Hintergrund des Auftritts von Lisas Bräutigam Jeletzki (der Bariton Dmitri Lavrov), dessen Liebesarie in der Art eines Popstars mit rosa Mikrofon auf einer Schlager-Showbühne zu singen ist. Das Rokokoschäferspiel, das musikalisch gar nicht zufällig Mozart zitiert, wird so in die Hollywoodwelt eingepasst. Die Darsteller des Tomski, der Polina und Mascha (die Sopranistin Daria Muromskaia) gestalten dieses Spiel im Spiel überzeugend und zwingen schließlich den immer noch fremdelnden Hermann in das Rokoko-Kostüm der zu huldigenden Zarin Katharina II.

Der Spagat zwischen dem „Jetset“ des späten 18. Jahrhunderts in Fürst Potemkins Maskenball und jenem in Hollywood zitierten gelingt in diesem Bild trotz oder auch wegen der die Masken bedienenden Bunnys und der lichtorgelnden Showbühne überzeugender als am Pool. Das Geschehen bleibt zwar optisch dekadent, aber es wird doch so verlangsamt und zeitweise zurückgenommen, dass sich sowohl Lisas Zerrissenheit, Jeletzkis durchaus glaubhafte Liebe und Hermanns Sehnsucht nach der Seelenverwandten erkennbar entwickeln können.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier : Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki Ensemble, Ensemble © Hans Joerg Michel

In den nachfolgenden Bildern konzentriert und verschärft sich die Dramatik auf eine Dreierkonstellation. Hermanns Schwanken zwischen dem plötzlichen Liebesrausch, den er für Lisa empfindet und der magnetischen Faszination, die das Geheimnis ihrer nur durch Liebesversprechen zu dessen Preisgabe zu bewegenden Großmutter ist der zentrale Konflikt der Oper, in dem er die Vorgänge führen muss. Schon Puschkin schloss durch die Namensgebung für den Helden den Kreis zwischen dem „Vater“ des Kartentricks, dem Rokokografen Saint Germain und dem dritten und letzten Opfer der Spielerobsession – Hermann (russ. German). Während aber Elisabeth Strid auch darstellerisch sehr überzeugend agiert und ihrer ästhetisch so extrem benachteiligten Lisa innere Schönheit verleihen kann, hetzt Hermann – als Tenor glänzend – aber eher wenig nachvollziehbar durch die Szenen und schafft es nicht, die intimen Vorgänge so konzentriert zu spielen, dass die vielversprechenden dramaturgischen Linien auch erkennbar bleiben. Die berührende Szene am Kanal vor Lisas (nicht konsequent nachvollziehbarem) Selbstmord böte dazu alle Chancen, weil der Regieansatz, das Duett Hermann – Lisa als großes Missverständnis zu inszenieren, durch Polyakovs Unentschiedenheit oder Ungenauigkeit im Spielen des Vorgangs nicht funktioniert. Lisa meint mit ihrer Liebeserklärung ihn und bezieht bis zur bitteren, todbringenden Erkenntnis seine an die Gräfin gerichteten Liebesschwüre auf sich selbst. Da aber Lisas für Hermann behauptete „Durchsichtigkeit“ aufgeweicht wird, kann sich die Spannung nicht halten. Dabei wird vorab die bedrückende Atmosphäre der Szene unter einer Zugbrücke beeindruckend durch ein phantastisches Motiv der Holzbläser aus dem Graben aufgebaut. Ich werde – selbst akustisch angefröstelt – an die musikalisch eingefrorene Morgenkälte vor den Pariser Toren am Anfang des 3. Akts in Puccinis  La Bohème erinnert.

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame - hier :  Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki, Andrés Sulbáran als Tschaplitzki, Johannes Preißinger als Tschekalinski, Beniamin Pop als Surin, Sergey Polyakov als Hermann, © Hans Joerg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Pique Dame – hier : Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki, Andrés Sulbáran als Tschaplitzki, Johannes Preißinger als Tschekalinski, Beniamin Pop als Surin, Sergey Polyakov als Hermann, © Hans Joerg Michel

Das Schlussbild ist wiederum opulent ausgestattetes Massentheater im Spielsalon. Tomskis Arie: „Wenn die Mädchen Vögel wären, flögen sie (…) immer auf den dicksten Ast“ wird „nicht enden wollend“ durch zwei Corsage-Dominas mit SM-Vogelköpfen illustriert, die den Sänger ausweiden und statt der Innereien Schmuck finden. Es ist wieder ein interessantes Milieu-Bild das allerdings allzu lang ablenkt und so die Spannung des Geschehens erst spät auf die Tri Karti lenkt. Hermann will seinen garantierten Sieg erzwingen, scheitert aber aufgrund einer plötzlichen Abkehr von der Prophezeiung. Den so entscheidenden Impuls, warum er als dritte Karte statt des gewinnbringenden Tus (Ass) die Pique Dame wählt, habe ich trotz der lokal prominenten Vorderbühnen-Anwesenheit des diese freud’sche Fehlleistung offenbar auslösenden Geistes der Gräfin nicht gesehen. Da hätte ich mir – wie in manch anderer Szene – die meine Aufmerksamkeit manipulierende Hilfe der Regie gewünscht, die ein großes Konzept weniger überzeugend als versprochen umgesetzt hat.

Der musikalische Leiter, Aziz Shokhakimov war in den Massenszenen ob der sicher auch objektiv kaum zu vermeidenden Hindernisse des Bühnenbildes (Bärbl Hohmann) nicht zu beneiden, vielleicht auch nicht so gut beraten, die Dynamik des Geschehens selten differenziert interpretierend zu bedienen und die Tempi sehr hoch zu halten, damit jedoch einige Probleme zwischen Bühne und Graben zu riskieren. Die Düsseldorfer Symphoniker durften trotz manch akustischer Probleme im schallschluckenden ersten Bild an vielen Stellen glänzen und waren mit dem vorzüglichen Sängerensemble und dem diszipliniert agierenden, ein durchaus verständliches Russisch (sowieso auf hohem klanglichen Niveau) singenden Chor Garant eines guten, soliden, die Erwartungen bedienenden Opernabends.

Pique Dame an der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf; die weiteren Vorstellungen 5.6.; 9.6.; 25.6.; 27.6.; 6.7.2019 und mehr

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