Halfing, Immling Festival, Premiere Don Giovanni, 19.07.2019

Juli 15, 2019 by  
Filed under Gut Immling, Hervorheben, Oper, Pressemeldung

Immling Festival

Immling Festival / Don Giovalnni - Modestas Sedlevicius als Don Giovanni © Verena von Kerssenbrock/ Immling Festival

Immling Festival / Don Giovalnni – Modestas Sedlevicius als Don Giovanni © Verena von Kerssenbrock/ Immling Festival

Premiere mit Schurken-Charme in Immling am 19. Juli 2019:

Neuinszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“

Die dritte große Neuinszenierung des diesjährigen Immling Festivals (22. Juni bis 18. August) feiert Premiere am Freitag, 19. Juli um 19 Uhr im Festspielhaus Immling. Unter der musikalischen Leitung von Cornelia von Kerssenbrock spielt das Festivalorchester Immling. Verena von Kerssenbrock setzt Mozarts „Don Giovanni“ in Szene: „Die `Oper aller Opern` ist eine regelrechte Charakterstudie verschiedenster Typen, die alle durch das Thema Liebesbeziehung miteinander verwoben sind. Mozart legte großen Wert auf Emotion und detailliertes Schauspiel, was in seiner Zeit gänzlich unüblich war. Wir können das aber gerade mit diesem Ensemble wunderbar zeichnen. Leporello wird das Publikum in die Machenschaften seines Herrn ziemlich schnell mit hineinziehen. Bei aller Verführung sollten die Zuschauer größte Vorsicht walten lassen, offenbaren sich in unserer Deutung doch auch ganz eigene Sammelleidenschaften…“

Immling Festival / Don Giovalnni - Modestas Sedlevicius als Don Giovanni © Verena von Kerssenbrock/ Immling Festival

Immling Festival / Don Giovalnni – Modestas Sedlevicius als Don Giovanni © Verena von

Zum Werk: Skrupelloser Liebhaber und Mörder – Don Giovanni, der Frauenverführer aus Sevilla, kennt keine moralischen Grenzen und erobert mit brennender Leidenschaft tausende

Frauen. Sein Lebensziel ist es, dasjenige weibliche Wesen zu erobern, in welches er gerade verliebt ist – ohne Rücksicht auf Verluste. Doch seine gierige und rastlose Jagd bleibt nicht ohne Konsequenzen. Und am Ende sind sich gebrochene Herzen, gehörnte Ehemänner und entehrte Väter einig: „Fahr zur Hölle!“

„Don Giovanni“ bildet einen Höhepunkt in Mozarts Opernschaffen. Das Werk sprüht vor Energie und Charme, bewegt sich elegant zwischen der komischen Welt der Opera buffa und der düsteren Sphäre des Dämonischen – und lässt uns tief in die menschliche Seele blicken.

Informationen zur Neuinszenierung von Mozarts „Don Giovanni“:

Musikalische Leitung: Cornelia von Kerssenbrock
Inszenierung und Bühnenbild: Verena von Kerssenbrock
Kostüme: Sanna Dembowski
Lichtdesign: Arndt Sellentin
Dramaturgie: Florian Maier

Festivalchor Immling
Festivalorchester Immling
Don Giovanni: Modestas Sedlevi?ius
Der Komtur: Tuncay Kurto?lu
Donna Anna: Lussine Levoni
Don Ottavio: Jenish Ysmanov
Donna Elvira: Forooz Razavi
Leporello: Ilya Lapich
Masetto: Simon Duus
Zerlina: Anastasia Churakova


Interview mit Modestas Sedlevi?ius


„Mozarts Musik fließt aus mir heraus“

Modestas Sedlevi?ius – der Don Giovanni in Immling 2019

Stimmfach: Bariton. Geboren 1987 in Kaunas/Litauen. Studierte Chemie mit Abschluss Bachelor und begann parallel seine Gesangsausbildung. Modestas Sedlevi?ius spielte in Immling u.a. den Orpheus in der Immlinger Inszenierung von Christoph Willibald Glucks „Orpheus und Eurydike“ 2017 und 2018. In diesem Jahr ist er als Don Giovanni in Mozarts gleichnamiger Oper beim Immling Festival zu sehen. Premiere ist am 19. Juli um 19 Uhr im Festspielhaus.

Beim Internationalen Gesangswettbewerb Immling haben Sie 2017 neben dem 3. Preis auch den Preis für die beste Interpretation einer Mozart-Arie erhalten. Mozart verzeiht ja bekanntlich keine Fehler. Was bedeutet Ihnen Mozart?

Ich habe eine Mozart-Arie aus „Cosi fan tutte“ gesungen, „Rivolgete a lui lo sguardo“ – eine sehr lange, aber schöne Arie mit vielen Nuancen. Mozart hatte sie in der Oper gestrichen und durch eine kürzere ersetzt. Ich habe sie dennoch gewählt, denn mit dieser Arie kann ein Sänger gut spielen. Mozart ist für mich ein sehr cleverer Komponist. Seine Musik bietet mir an, wie ich singen muss, dann fließt seine Musik einfach aus mir heraus. Ich liebe es, Mozart zu singen. Deshalb freue ich mich besonders darauf, in diesem Jahr in Immling den Don Giovanni zu interpretieren.

Apropos Don Giovanni: Skrupelloser Frauen-Liebhaber und Mörder. Was reizt Sie an Ihrer neuen Rolle in Immling?

Die Rolle des Don Giovanni beinhaltet viele Rezitative, ein Gesang der ja dem Sprechen angenähert ist. Die Rolle ist eine Herausforderung, weil ich sprechen, singen und schauspielern muss. Ich kann dem Publikum viele Geschichten erzählen.

Was ist das für eine Figur, der Don Giovanni in Mozarts gleichnamiger Oper?

Don Giovanni stellt vieles dar – das kommt auf die Inszenierung an.

Zum einen kann ihn die Inszenierung als schlechten Menschen zeigen, einen problembeladenen Jäger. Es gäbe aber auch die Möglichkeit, einen Mittelweg zu finden, ihm eine schwierige Kindheit zu attestieren, so dass alle seine Eroberungen sozusagen als Mutterersatz zu betrachten sind. Auch eine positive Darstellung ist denkbar. Dann liebt er einfach – im Sinne dieses Wortes – alle Frauen gleichermaßen. Egal ob sie groß oder klein, dick oder dünn, gebildet oder nicht gebildet sind. Don Giovanni liebt sie einfach.

Was zieht Sie nach Immling?

Ich mag die Umgebung, ich mag das Kulturhotel Endorfer Hof mit all seinen Räumlichkeiten. Der Endorfer Hof bietet mir die Möglichkeit, jeden Tag in einem Raum mit Klavier zu üben.

Außerdem bietet mir Herr Intendant Baumann genau die Rollen an, die ich interpretieren möchte. Ich kann mir im Moment nichts Besseres vorstellen, als den Don Giovanni zu singen.


Weitere Informationen:

Don Giovanni, der Frauenverführer aus Sevilla, kennt keine moralischen Grenzen und erobert mit brennender Leidenschaft tausende Frauen. Seine gierige und rastlose Jagd bleibt jedoch nicht ohne Konsequenzen…

„Don Giovanni“ bildet einen Höhepunkt in Mozarts Opernschaffen. Das Werk sprüht vor Energie und Charme, bewegt sich elegant zwischen der komischen Welt der Opera buffa und der düsteren Sphäre des Dämonischen – und lässt uns tief in die menschliche Seele blicken.

Musikalische Leitung: Cornelia von Kerssenbrock
Inszenierung und Bühnenbild: Verena von Kerssenbrock
Kostüme: Sanna Dembowski
Lichtdesign: Arndt Sellentin
Dramaturgie: Florian Maier

Festivalchor Immling
Festivalorchester Immling

Don Giovanni: Modestas Sedlevi?ius
Der Komtur: Tuncay Kurto?lu
Donna Anna: Lussine Levoni
Don Ottavio: Jenish Ysmanov
Donna Elvira: Forooz Razavi
Leporello: Ilya Lapich
Masetto: Simon Duus
Zerlina: Anastasia Churakova

Veranstaltungsort: Festspielhaus

Werkeinführung
mit Festival-Dramaturg Florian Maier

Einzigartig in Immling: Die Werkeinführung „open air“ im idyllischen Apfelgarten neben dem Festspielhaus. Jeweils 60 Minuten vor Beginn jeder Opernvorstellung führt Dramaturg Florian Maier in die Besonderheiten der Immlinger Inszenierungen ein.

Alle Aufführungstermine auf einen Blick:
Fr. 19.7.2019 | 19.00 Uhr (Premiere)
Fr. 2.8.2019 | 19.00 Uhr
Sa. 27.7.2019 | 18.00 Uhr (mit Verleihung Pocci-Preis)
Fr. 9.8.2019 | 19.00 Uhr

Spielplan und Tickets unter www.immling.de oder Tel. 08055 – 9034 0.

—| Pressemeldung Immling Festival |—

Paris, Palais Garnier Paris, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 09.07.2019

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Opera National de Paris 

Opéra National de Paris / Palais Garnier Paris © IOCO

Opéra National de Paris / Palais Garnier Paris © IOCO

 Don Giovanni  –  Wolfgang Amadeus Mozart

– gefangen zwischen Mythos und Realität –

von  Peter M. Peters

Seit Jahrhunderten ist der „Mythos Don Giovanni“ in unserer Kulturgeschichte verankert; Dichter, Poeten, Musiker und Maler haben sich mit diesem Thema beschäftigt. Für die Einen ist er ein romantischer Held, für Andere ist er ein Religionsschänder, ein Wüstling, ein Mörder, usw.: Tirso de Molina gab dem Mythos einen Namen: Don Juan, der zynische Weiberschänder war geboren. Danach folgten die verschiedensten Deutungen zu diesem Thema bis hin ins 20.Jahrhundert. (z.B. Molière, Verlaine, Baudelaire, Grabbe, Rilke, Bachmann, usw.) Auch historische Personen werden als Vorlage für einen „Don Juan“ Stoff verwendet: z.B. Don Juan de Tassis, Casanova und selbst unser Librettist Lorenzo da Ponte, der ein großer „Schürzenjäger“ gewesen sein soll und mehrmals flüchten musste.

Der belgische Regisseur Ivo van Hove, weltbekannt für seine außergewöhnlichen Inszenierungen hat in letzter Zeit in Paris einige seiner Schöpfungen hinterlassen, die viel Aufsehen erweckten: Boris Godounov (Opéra National de Paris), Die Verdammten (nach Visconti) und Électre / Oreste (Comédie Française).

Mit dem ersten Klang der Ouvertüre sieht man ein Stadtviertel; dass in seiner grauschwarzen nächtlichen Schwere bedrohend wirkt, eine Straße vom bleichen weißen Mondlicht überflutet, mit dichten Nebelschwaden verhangen.

Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer der Opéra National de Paris
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Gewissermaßen eine Phantomstadt die zeitlos überlebt hat ohne zu wissen wo sie ist. Diese bedrückende Stimmung bringt ungeahntes Wissen in unser Unterbewusstsein: hier beginnt ein Amoklauf vor oder nach dem Tod. Bilder purzeln durcheinander: Gemälde von Giorgio de Chirico, Escher, unbewohnte Häuser in osteuropäischen Städten, faschistische und kommunistische Baustile, Filme wie M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Nosferatu… Erinnerungen, Fantasie und Gegenwart galoppieren geschwind. Diese ewig nächtliche Stadt scheint keine Bewohner zu haben, jedoch plötzlich erscheinen zwei Gestalten im bleichen Mondlicht: der unersättliche Don Giovanni getrieben von seiner maßlosen Sucht nach erotischen Erlebnissen und sein Diener Leporello. Der Eine arrogant, hochschweifig und befehlend, gewissermaßen zum reichen Geldadel gehörend; der Andere von der Arbeiterklasse gewöhnt die niedrigsten Taten für Geld zu verrichten. Der Psychopath treibt ruhelos durch die Stadtviertel mit seinem Helfershelfer um neue Opfer aufzustöbern. Denn in der scheinbar leeren Stadt vegetieren doch irgendwelche Lebewesen: Menschen oder Phantome…? Fleischlich oder virtuell?

Gerade hat er Donna Anna schamlos vergewaltigt und stürzt aus dem Haus um aufs Neue seine Lustbegierde zu stillen; da kommt ihm der Vater der jungen Frau in den Weg (Il Commendatore), den er jedoch brutal ermordet. Donna Anna ist verzweifelt, sodass nicht mal ihr Verlobter Don Ottavio sie beruhigen kann. Inzwischen hat unser skrupelloser Täter sich in eine volkstümliche Hochzeit eingeschlichen um mit Hilfe seines Dieners Leporello die blutjunge hübsche Zerlina von ihrem Verlobten Masetto zu trennen.

Opéra National de Paris / Don Giovanni - im Palais Garnier - hier : Étienne Dupuis als Don Giovanni © Charles Duprat

Opéra National de Paris / Don Giovanni – im Palais Garnier – hier : Étienne Dupuis als Don Giovanni © Charles Duprat

Auch die ewige verlassene Frau des Don Giovanni, Donna Elvira rennt ihrer verlorenen Liebe umsonst nach … Mit einem reichen Maskenball will er der naiven Zerlina und den Bewohnern imponieren. Der Eindruck von Phantomen wird auf disem Fest bestätigt, denn Gäste, Lakaien, Musiker sind nichts anderes als leere Puppen mit reichen Kostümen und toten Augen von Masken versteckt. Der verzweifelte Hilferufe der bedränkten Zerlina bringt das Fest zu einem bitteren Ende, auch für Don Giovanni, der fliehen muss vor der Rache seiner Opfer.

Auf einem Friedhof erscheint der Commendatore als Phantom und verlangt dass unser Missetäter von seinem Lasterleben abschwört, aber ohne Erfolg. Im Gegenteil der Unersättliche lädt sein Opfer zu einem Abendessen in sein Haus ein.

Am fraglichen Abend schwelgt er in allen Genüssen: Wein, Delikatessen und Drogen im Überfluss; er wirft es mit Verachtung und Verdruss seinem Diener Leporello zu, mit dem Motto: „Friss oder stirb, Hund!“. Vor der armen Elvira, die unverhofft erscheint, prahlt er höhnisch über seine ungezügelte „Freiheit“. Ein Aufschrei der Elvira leitet das Ende unseres Heuchlers ein. Der Commendatore erscheint und gibt Don Giovanni die Hand und mit einem Aufschrei versinkt der Selbige – ja aber in was? Fegefeuer, Inferno? Nein! Umschlungen oder verschlungen von Millionen von Leibern (Frauenleibern…?) versinkt er ins Nichts.

Ivo van Hove hat in der Inszenierung bewusst unscheinbare Szenen  Konventionell behandelt, jedoch in zentralen Momenten formt er das Geschehen, hinterließ seine unverkennbare Handschrift.

Mit dem Finale kommt die große Überraschung: unsere Phantomstadt öffnet sich und lässt strahlendes Sonnenlicht herein, Pflanzen und Blumen in Überfülle auf den Terrassen und Balkonen, gewaschene Wäsche hängt aus den Fenstern. Mit einem Wort:  Menschen, Leben, Zukunft sind sichtbar. Was kann man daraus schließen? Keine Religions- oder Moralbedeutung. Nein. Eine soziale, politische und ökologische Message: ein Parasit der Gesellschaft ist verschwunden und die Umwelt kann besser atmen… Eine Utopie, eine Illusion, eine Hoffnung…? Von der musikalischen Seite sind einige Bedenken nicht zu verschweigen:

Opéra National de Paris / Don Giovanni im Palais Garnier © Charles Duprat

Opéra National de Paris / Don Giovanni im Palais Garnier © Charles Duprat

Der schweizer Dirigent und Chefdirigent der Opéra National de Paris, Philippe Jordan, (ab 1.9.2020 Musikdirektor an der Wiener Staatsoper) ist ein profilierter Musiker; jedoch in seinem Dirigat zeigt sich wenig Harmonie zwischen Dirigent und Regisseur. Die Komposition wird durch die Partitur vorgegebn. Doch Tempi, Pausen und Dynamik erzeugen eigene, spezielle Ausdruck, Atmosphäre. Diese Inszenierung in Palais Garnier ist dunkel, fast grauenhaft; da ist der „wienerisch“ dirigierte Don Giovanni wenig passend, eine „östlichere“, kältere Vision würde theatralen Szenen helfen und ein geschlosseneres Bild zeigen.

Dagegen die jungen Sänger sind durchwegs bis in den kleinsten Rollen ausgezeichnete Interpreten:  Étienne Dupuis als Don Giovanni ist ein hinreißender Schauspieler und mit seinem hellen Heldenbariton ideal besetzt. Seine Stimme übertönt mit Leichtigkeit das Orchester und sitzt fest in allen Registern; die Farbpalette seines Organes ist schier unermesslich. Gleich die erste Arie „Fin ch’han dal vino“ wird selbstbewusst herunter geschmettert; seine Canzonetta „Deh vieni alla finestra“ ist ein außergewöhnlicher Hörgenuss, auch die Arie „Meta di voi qua vadano“ ist von berückender Schönheit; nicht zu vergessen das Duett mit Zerlina „La ci darem la mano“. Gleichzeitig wird stimmlich sichtbar das Wesen seiner egozentrischen brutalen Menschenverachtung, die nicht vor Mord und anderen erpresserischen Mitteln halt macht. Besonders deutlich erkennbar in den Rezitativen.

Sein kanadischer Kollege und Landsmann Philippe Sly steht ihm in keiner Weise nach. Ideal besetzt für die Rolle des Leporello und mit einer etwas robusten und rauen Baritonstimme interpretiert er „Notte e giorno faticar“. Die berühmte Registerarie „Madamina, il catalogo é questo“ ist ein Paradestück der hohen Gesangskunst, auch die Arie „Ah pietà, signori miei“ ist ein Beispiel für feine verflossene Töne. Dazu eine intensive Charakterstudie im musikalischen, sowie auch im schauspielerischen Sinne. Das rechte Maß an alter ego ist hier erreicht.

Opéra National de Paris / der verzaubernde Besucheraum des Palais Garnier Paris © Jean Pierre Delagarde / Opéra National de Paris

Opéra National de Paris / der verzaubernde Besucheraum des Palais Garnier Paris © Jean Pierre Delagarde / Opéra National de Paris

Die australische Sopranisten Nicole Car hat stimmlich die nötige Bandbreite (spinto – dramatisch – lyrisch) um die anspruchsvolle Rolle der Donna Elvira bewältigen zu können. Gleich in der Auftrittsarie „Ah chi mi dice mai“ zeigt die Sängerin mit Spontanität und Kraft ihr ganzes Können und man kommt an der Gänsehaut nicht leicht vorbei. „Ah fuggi il traditor“ ist mit dem nötigen Zorn und gekränkter Eitelkeit begleitet, es ist ein Paradestück der Aria furioso. Die letzte große Arie mit Rezitativ „In quali eccessi …. Mi tradi quell’alma ingrata“ wird von einer verletzten allein gelassenen, noch immer liebenden Frau mit der nötigen Traurigkeit versehen.

Donna Anna ist von der amerikanischen Sängerin Jacquelyn Wagner mit viel innerem Gefühl getragen, wobei jedoch die Rachegedanken für den ermordeten Vater nicht versiegen und sich in die Trauer einschleichen. Der lyrische Sopran setzt sich mit Leichtigkeit über alle diese dramatischen Hürden. „Don Ottavio, son morta! – Or sai chi l’onore“ Rezitativ und Arie sind getragen von der ganzen Bandbreite der Gefühle: Trauer – Zorn – Rache. Die zweite große Arie mit Rezitativ der Donna Anna „Crudele! Ah no, mio ben …. Non mi dir, bell’idol mio“ ist von feinen Farbtönen durchwirkt und zeigt die inneren Kämpfe einer liebenden Frau und trauernden Tochter.

Der französische Tenor Stanislas de Barbeyrac singt die Rolle des Don Ottavio, vom Standpunkt der Interpretation, vielleicht die Schwierigste. Ein Höfling gefangen in Etikette und kalten Konventionen, die wirkliche Gefühle verweigern und verheimlichen müssen. Mit seiner baritonalen männlichen Tenorstimme hat er die ganze Weichheit und Feigheit der Rolle überwunden, jedoch schauspielerisch bleibt er leider in den alten Welten. Seine beiden großen Arien „Dalla sua pace“ und „Il mio tesoro“ sang er ohne die gewohnte Effekthascherei mit großer Dreistigkeit und Festigkeit.

Die kokette Zerlina wird mit glasklarem Sopran von der französisch-dänischen Sängerin Elsa Dreisig mit viel Feingefühl vorgetragen ohne in die Gefilde einer Soubrette zu rutschen. Besonders schauspielerisch ist sie mit ihrer Rolle gewissermaßen verwachsen. Mozart hinterließ ihr zwei der schönsten Arien nach volkstümlicher Art „Batti batti, o bel Masetto“ und „Vedrai carino“, die sie natürlich ohne Pathos vortrug.

Mikhail Timoshenko (Masetto), ein junger russischer Bassbariton hatte die ganze nötige Schlaksichkeit und Tölpelhaftigkeit eines jungen naiven verliebten Burschen. Seine einzige Arie „Ho capito, Signor si“ sang er mit viel Begeisterung und Schwung.

Ain Anger (Il Commendatore), der lettische Bass mit seiner tiefen Stimme machte viel Eindruck in der kurzen Rolle des rächenden Vaters.

Insgesamt eine gelungene Produktion:des Don Giovanni im wunderbaren Palais Garnier von Paris; vom Publikum lebhaft gefeiert.

—| IOCO Kritik Opéra National de Paris |—

Weimar, Deutsches Nationaltheater, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, 13.09,2018


Deutsches Nationaltheater Weimar

Deutsches Nationaltheater Weimar © Ricarda Porzelt

Deutsches Nationaltheater Weimar © Ricarda Porzelt

 Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart

Flirts, Zeitdruck, Urknall der Musikgeschichte

von Ingrid Freiberg

Um sich in die Figur des zügellosen Wüstlings und Gotteslästerers Don Giovanni versetzen zu können, brachte sich Textdichter Lorenzo da Ponte durch Flirts mit der Tochter seiner Wirtin in Stimmung. Mozart dagegen komponierte unter großem Zeitdruck: Die Ouvertüre, die die beiden Gegenspieler Komtur und Don Giovanni schicksalhaft gegeneinander aufbringt, wurde erst am Tag der Uraufführung fertig. Ein schneidender d-Moll Akkord eröffnet die Ouvertüre zu einem Dramma giocoso und führt zum Todeslauf von Don Giovanni. Sie ist schlichtweg der Urknall in der Geschichte des Musiktheaters.

Das Kind  –  Der Sündenfall

Einen Blitz sieht auch Kierkegaard, der sich aus dem Dunkel der Wetterwolke löst, unsteter als dieser und doch ebenso taktfest. Höre der Leidenschaft zügelloses Begehren, höre das Rauschen der Liebe, höre das Raunen der Versuchung, höre den Wirbel der Verführung, höre des Augenblicks Stille – höre, höre, höre  Mozarts Don Giovanni!

Deutsche Nationaltheater Weimar / Don Giovanni - hier : Don Giovanni und Kind © Candy Welz

Deutsche Nationaltheater Weimar / Don Giovanni – hier : Don Giovanni und Kind © Candy Welz

Die Psychoanalyse ortet in Don Giovanni den Sohn einer Mutter, die bei ihrem Gatten zur Träumerin wird und an ihren Kleinen weitergibt, er möge alle Frauen so erobern, wie keiner sie selbst je erobert hat. Wie wird sich da erst das Kind (Foto) entwickeln, das der Regisseur Demis Volpi beherzt in die Handlung hinein inszeniert? Die schon am Ende der Ouvertüre sichtbare Leibesfülle von Donna Anna macht ihr monatelanges intimes Verhältnis mit Don Giovanni mehr als deutlich. Sie ist es auch vermutlich, die ihn wieder einmal zum Stelldichein nach Hause eingeladen hat, ihn dann aber nach einem Streit so aufbrausend laut zurückweist, dass ihr Vater, Komtur, ihr zu Hilfe eilt. In einem Handgemenge – fast in Zeitlupe – wird er von Don Giovanni erschossen.

Erst nach einer wohlberechneten Verzögerung holt Donna Anna ihren Verlobten Don Ottavio zu Hilfe und fordert von ihm furchtbare Rache für die angebliche Gewalt, die ihr angetan wurde. Ihr Kind in ihren Armen wiegend, muss sie sich ihm allerdings erklären, was sich angesichts der zahlreichen ambivalenten Elemente in Libretto und Partitur ziemlich schwierig gestaltet. Dass Donna Anna womöglich lügt, wurde schon oft vermutet, aber dass es ihr monatelang gelingt, ihr Geheimnis vor ihrem Verlobten zu hüten, ist eher unwahrscheinlich. Mit der Existenz des Kindes entsteht ein Familiendrama, das mehr denn je einen duldenden Don Ottavio erfordert.

Zurück bleiben ein paar verwundete Seelen – auch der Regisseur?

Zerlina und Masetto können viel leichter auf eine glückliche Zukunft hoffen, auch wenn sie ihm unter Umständen wieder  ein paar Hörner aufsetzen wird, oder er ihr untreu werden könnte, wenn er zu viel getrunken hat. Oft hören wir von Frauen, die von ihren Männern geschlagen, gequält und gedemütigt werden, und die trotzdem bei ihnen bleiben. Sie sind diesen Tyrannen einfach hörig, genau wie Donna Elvira, eine masochistische Hysterikerin und zugleich unendlich Liebende.

Wenn Don Giovanni das Charisma fehlt, so passt das ins Regiekonzept, das ihn nicht als einen Potenzmenschen vorführt, sondern als personalen Brennpunkt erotischer Wünsche und Obsessionen. Präsentiert wird ein vulgärer Lüstling, ein Vernichter des Sozialen, ihm bleibt die seelische Liebe völlig fremd. Am Ende wird das Kind – sein Sohn und der Enkel des Komturs – Rache üben. Das Kind ist die Personifizierung seines Sündenfalls: Als es seinen Vater berührt, bricht der ausgepowerte lebensüberdrüssige Lebemann lautlos zusammen… zurück bleiben ein paar verwundete Seelen.

Regisseur Demis Volpi – Don Giovanni
Youtube Trailer DNT Weimar
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Der Deutsch-Argentinier Demis Volpi war früher Tänzer und Choreograf beim Stuttgarter Ballett. 2014 erhielt den Deutschen Tanzpreis Zukunft und 2017 wurde er zum Nachwuchsregisseur des Jahres von der Fachzeitschrift Opernwelt gekürt. Umso mehr erstaunt seine teilweise statische Personenführung. Dass Donna Anna ein Verhältnis mit Don Giovanni hat, aus dem ein Kind hervorgeht, ist nicht nur für die Protagonisten schwierig zu gestalten, sondern wird auch durch die Musik und im Libretto widerlegt. Alles in allem ist ein Kind ein verführerischer Gedanke, der aber nicht überzeugt.

Eine gelungene Ensemble-Leistung

Die Rolleninterpretation des Don Giovanni von Uwe Schenker-Primus ist zwiespältig: Zunächst rigoros verletzend, alle sozialen und christlichen Regeln brechend, demonstriert er eine Zweiklassengesellschaft. Am Ende aber gibt er sich frustriert, deprimiert und müde seinem Schicksal hin. Uwe Schenker-Primus gibt Don Giovanni ein überlegtes, fein ausdifferenziertes Rollenprofil. Seine klangschöne Stimme schlägt den optischen Eindruck.

Heike Porstein überzeugt als Donna Anna mit ausgezeichneter Gesangstechnik. Mit lasziv langsamen Bewegungen macht sie Don Giovanni unzweideutig an. Sie verfolgt den Geliebten, um ihre erotische Begierde immer wieder zu stillen. Eine Begierde, die in ihrem Fühlen auf qualvolle Weise verhaftet bleibt. Camila Ribero-Souza singt die Donna Elvira mit einem Ausdruck von Tragik, Verzweiflung, Enttäuschung, Hoffnung. Ihr Mi tradi ist einer der sängerischen Höhepunkte dieses Abends.

Der Leporello von Alik Abdukayumov ist stimmlich potent und warm timbriert. Warum er aber jenseits materieller Notwendigkeiten bei Don Giovanni bleibt, warum er bei dessen Verführungsstreich nicht die Kleidung mit ihm tauscht und warum er sich vor den Rachsüchtigen fast angstfrei – mit beiden Händen in den Taschen – als sein Diener enttarnt, bleibt offen. Don Ottavio, ein religiös erzogener Langweiler, versucht, im Familienchaos Ordnung zu bewahren, scheitert damit aber auf fast entwürdigende Weise. Artjom Korotkov, Don Ottavio, ein Tenor mit Schmelz und Strahlkraft, war an diesem Abend bedauerlicherweise indisponiert. Die tiefe Grundierung von Daeyoung Kim, Komtur, klingt mit innerer Wucht, ist sicher geführt und auf dem Friedhof nur aus dem Off zu hören. Die Bedeutung seiner Rolle wird allerdings durch die des Kindes stark reduziert.

Zerlina und Masetto sind ein herrlich zueinander passendes Paar: Charmant gelingt es Jolana Slavikova den berechtigt beleidigten Masetto von Henry Neill auf raffiniert-diplomatische Weise zu besänftigen. Quicklebendig, mit jugendlicher Natürlichkeit und lustvollem Spiel, dennoch trotz ihrer Jugend differenziert und ausgereift, gewinnen beide die Herzen der Opernfreunde. Ivan Karabits, das Kind, spielt seine Rolle überraschend souverän und überzeugend. Zeigt sich da bereits ein Nachwuchstalent?

Unter der Leitung des ukrainischen Dirigenten Kirill Karabits spielt die Staatskapelle Weimar klangschön und rhythmisch präzise. Das Pralle, Sinnliche, Pulsierende, Prickelnde, bunt Lebendige in Mozarts Don Giovanni, das die Regie vermissen lässt, entwickelt das  Orchester in vollem Umfang.

Deutsche Nationaltheater Weimar / Don Giovanni - hier : Frauen umgarnen Don Giovanni © Candy Welz

Deutsche Nationaltheater Weimar / Don Giovanni – hier : Frauen umgarnen Don Giovanni © Candy Welz

Der Opernchor des DNT unter der Leitung von Marianna Voza lebt vom frischen, elanvollen Zugriff des Dirigenten und findet einen organisch atmenden Grundton. Frauen wie Männer – als Bräute verkleidet – umgarnen jugendlich schön und geheimnisvoll lüstern den seiner baldigen Vernichtung anheimfallenden Don Giovanni.

Die britische Bühnen- und Kostümbildnerin Tatyana van Walsum gestaltet eine offene Szene mit zeitlosen Räumen und variablen kubischen Elementen. Strukturierend wehende weiße Vorhänge erlauben wechselnde Orte. Geheimnisvolle Wolkenprojektionen unterstreichen das Geschehen. Es gibt keine Opernverkleidungen, denn die Protagonisten sehen ohnehin in ihren Wünschen, wen sie wollen, da kann Don Giovanni  sogar zu einer Puppe werden, der Donna Elvira ihre verschmähte Zärtlichkeit hingebungsvoll schenkt.

Insgesamt eine gute sängerische Ensembleleistung, die jedoch bei der Regie  einige Fragen offen lässt. Das Publikum spendete herzlichen Beifall.

Don Giovanni am DNT Weimar: Die nächsten Aufführungstermine: 20. und 30. September, 6. und 18. Oktober 2018

—| IOCO Kritik Deutsches Nationaltheater Weimar |—

 

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Mannheimer Sommer mit Don Giovanni, 12. – 22.07.2018

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

– MANNHEIMER SOMMER –

 12. Juli bis  22. Juli –  Mannheim und Schwetzingen

Premiere Don Giovanni   14. Juli um 19 Uhr im

»Das europäische Festival für Musik und Theater von Mozart bis heute«, der Mannheimer Sommer, beginnt am Donnerstag, 12. Juli um 18 Uhr mit einer großen Eröffnungsparade, der School of Narrative Dance, die von der Mannheimer Kunsthalle zum Nationaltheater führt, sowie einer anschließenden Eröffnungsansprache des Mannheimer Oberbürgermeisters Dr. Peter Kurz im Festivalzentrum vor dem Nationaltheater. Neben vielen innovativen, experimentellen Musiktheaterproduktionen sowie Jazz-, Pop-, Crossover- und klassischen Konzerten folgt am Samstag, 14. Juli um 19 Uhr im Opernhaus die Premiere von Mozarts Don Giovanni in der Regie der jungen russischen Regisseurin Ekaterina Vasileva, hervorgegangen aus einem internationalen Regiewettbewerb.

Nationaltheater Mannheim / Don Giovanni © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Don Giovanni © Hans Jörg Michel

Im Zentrum ihrer Interpretation stehen die komödiantischen Aspekte von Mozarts Meisteroper, eine groteske und disproportionierte Welt, in der die Titelfigur auf der Suche nach immer neuen Erfahrungen ihre Umwelt mit ihrem Egoismus quält. Nikola Diskic singt diesen Don Giovanni, Estelle Kruger und Juraj Hollý sind Donna Anna und Don Ottavio, Ludovica Bello singt Donna Elvira, Amelia Scicolone und Philipp Alexander Mehr sind Zerlina und Masetto, Patrick Zielke gibt Leporello und Hung Sa den Commendatore. Generalmusikdirektor Alexander Soddy dirigiert das Nationaltheater-Orchester.

Die zweite Vorstellung findet am Dienstag, 17. Juli um 19 Uhr statt, die B-Premiere mit Raymond Ayers als Don Giovanni am Freitag, 20. Juli um 19 Uhr. Weitere Sänger der B-Premiere sind Valentin Anikin, Dorothea Herbert (Gast), Joshua Whitener, Marie-Belle Sandis, Bartosz Urbanowicz, Ilya Lapich (Opernstudio) und Iris Marie Sojer (Opernstudio).

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

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