Berlin, Deutsche Oper Berlin, Das Rheingold – auf dem Parkdeck, IOCO Kritik, 222.06.2020

Juni 22, 2020 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Das Rheingold  Deutsche Oper Berlin wieder am Start

Gespielt auf dem Parkdeck des Opernhaus

von Kerstin Schweiger

Als erstes der drei Berliner Opernhäuser hat die Deutsche Oper Berlin wieder eine Aufführung vor Publikum gezeigt!  Am 12. Juni 2020  begann dort – knapp 100 Tage nach der letzten Aufführung im Haus – der Spielbetrieb nach der Pandemie-bedingten Schließung der Theater, Konzert- und Opernhäuser in Berlin wieder. Gezeigt wird derzeit in einer ersten Open-Air-Aufführungsserie eine knapp zweistündige Kammerfassung von Richard Wagners Oper Das Rheingold. Die Deutsche Oper Berlin  zeigt Wagners Werk in einer schnell eingerichteten halbszenischen Aufführung unter freiem Himmel. Wotan und Co. singen und spielen auf dem Parkdeck des Opernhauses. Dieser betonlastige Funktionsort mit 70er Jahre „Charme“  war unter dem jetzigen Leitungsteam bereits 2014 Schauplatz der Oper Oresteia von Jannis Xenakis. Der Spielort erinnert überdies an die legendäre Uraufführung von Wilhelm Dieter Sieberts Wandel-Oper Untergang der Titanic 1978, wo die Titanic am Ende auf dem Parkdeck unterging und Rettungsboote von Statisten durch die Zuschauer-Menge getragen wurden.

Deutsche Oper Berlin / Das Rheingold - hier: vl Andrew Harris als Fasolt, Thomas Blondelle als Loge,Tobias Kehrer als Fafner,Padraic Rowan als Donner @ Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / Das Rheingold – hier: vl Andrew Harris als Fasolt, Thomas Blondelle als Loge,Tobias Kehrer als Fafner,Padraic Rowan als Donner @ Bernd Uhlig

Der neue Berliner „Ring“ und Corona

Doch zurück in die Corona-Gegenwart; zur hier besprochene Vorstellung vom 18.6.2020:  Hätte also nicht das Virus seinen eigenen Ring um die Welt gezogen und den Spielbetrieb der Kulturstätten weltweit lahmgelegt, hätte an diesem Abend mit dem Rheingold der Auftaktabend der Tetralogie Der Ring des Nibelungen in einer kompletten Neuproduktion im Opernhaus an der Bismarckstraße Premiere feiern können.

Das lang geplante Projekt in der Inszenierung von Stefan Herheim hätte hier den ersten Schliff und Berliner und internationale Opernfreunde den Beginn eines neuen Ring-Zyklus zu sehen und zu hören bekommen. Nun erobert sich die Deutsche Oper übergangsweise mit weniger Mitwirkenden und unter freiem Himmel das Rheingold zurück. Unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Donald Runnicles und in einer szenischen Einrichtung von Spielleiter Neil Barry Moss präsentieren 22 statt 80 Musiker*innen und 12 Sänger*innen auf dem Parkdeck der Deutschen Oper Berlin eine Version, die Abstands- und Hygieneregeln wahrt.

Wenn Wagner das wüsste? Hätte er vielleicht getobt, wie schon zur Zeit der Uraufführung des Werkes? Die erste Aufführung in München 1869 lief für Wagner denkbar schlecht, denn das Rheingold wurde gegen seinen Willen uraufgeführt. Die restlichen drei Teile waren noch gar nicht fertig gestellt und Wagner war gegen die Uraufführung als Teilwerk, doch König Ludwig II., der Sponsor des zukünftigen „Ringprojeks“, befahl die Uraufführung und Wagner blieb ihr – nach einer chaotischen Probenphase – fern.

Vielleicht hätte er jedoch die hier gezeigte Kammerfassung des britischen Komponisten Jonathan Dove als geniales Marketing für sein Werk betrachtet und unterstützt. Als „Wunder“ und „Meisterwerk der Nachschöpfung“ bejubelte die britische Presse diese komprimierte Fassung, die unter dem Titel The Ring Saga 1990 entstand. Ziel war es, Wagners Tetralogie auch für kleinere Spielorte und Festivals aufführbar zu machen, seither hat diese auf zehn Stunden komprimierte Version einen Siegeszug um die Welt angetreten.

 Deutsche Oper Berlin / Das Rheingold - hier :  vl Derek Welton als Wotan, Annika Schlicht als Fricka, Flurina Stucki als Freia, Padraic Rowan als Donner @ Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / Das Rheingold – hier : vl Derek Welton als Wotan, Annika Schlicht als Fricka, Flurina Stucki als Freia, Padraic Rowan als Donner @ Bernd Uhlig

Rheingold – Die Aufführung auf dem Parkdeck

Gespielt wird an der Deutschen Oper jedenfalls 110 Minuten ohne Pause vor 175 Zuschauern, die am Anfang erwartungsfroh-gespannt und am Ende der Aufführung mit frenetischem Applaus den Neustart und das gesamte Ensemble lautstark feiern.

Zwei Hürden wurden für die aktuelle kurzfristig angesetzte Aufführungsserie im Sturm, d.h. innerhalb von drei kurzen Wochen genommen: die Zustimmung des Senats zum Sicherheitskonzept in Pandemie-Zeiten und die Genehmigung, die besondere verknappte musikalische Fassung aufzuführen. Zehn Tage vor der ersten Aufführung wurden die Genehmigungen erteilt. Zum Glück, denn Spielleiter Neil Barry Moss und das junge Ensemble der Deutschen Oper Berlin präsentieren gut gelaunt, mit Spiellaune und Leichtigkeit Wagners Musikdrama als Soap Opera von hohem Unterhaltungswert, musikalisch klangtransparent und aufmerksam unterstützt vom Orchester der Deutschen Oper Berlin.

Strafrechtlich und moralisch betrachtet ist das Rheingold schon an sich eine Katastrophe. In knapp zwei Stunden entrollt es mit Raub, Mord, Betrug, Vertragsbruch, Entführung und Geiselnahme ein Panorama menschlicher Grausamkeit. Neil Barry Moss hat daraus jedoch leichthändig eine Grundsatzparabel über das Theater in Corona-Zeiten gemacht. Habgier im Stück wird zur Sehnsucht nach Theater- und Aufführungsalltag. Hier hat ein Virus dem Publikum die Aufführung, Wagner die Musik – der Ring ist hier die Partitur – und den Künstlern die Arbeits- und Auftrittsmöglichkeit geklaut. Coronagold statt Rheingold. Deshalb sind auf der Treppe, die von der Orchesterrampe hoch über dem Parkdeck auf ein Aufführungspodest hinunterführt, auch wahllos aus dem Fundus zusammengesuchte Requisiten, Kostümteile und Versatzstücke verteilt, die vom Ensemble spielerisch bei passender Gelegenheit genutzt werden. Auch Richard Wagner ist als Statue mit Maske anwesend.

Deutsche Oper Berlin / Das Rheingold -hier : vl Padraic Rowan als Donner, Tobias Kehrer als Fafner, Annika Schlicht als Fricka, Flurina Stucki als Freia @ Bernd Uhlig

Deutsche Oper Berlin / Das Rheingold -hier : vl Padraic Rowan als Donner, Tobias Kehrer als Fafner, Annika Schlicht als Fricka, Flurina Stucki als Freia @ Bernd Uhlig

Das Rheingold  –  Das Ensemble

Thomas Blondelle ist textdeutlich und tenorstrahlend ein wendiger Loge, aber zugleich auch Regieassistent und Spielmacher, der gelegentlich aussteigt und Regieanweisungen erteilt oder Kaffee fürs Team in Pappbechern besorgt. Die Amboßschläge der Ringschmiede kommen aus seinem Ghettoblaster. Wotan Derek Walton mit markantem Bassbariton nimmt auf einem Regiestuhl Platz. Annika Schlichts vollmundige Fricka ist resolut und tolerant, Flurina Stucki als gepanzerte Apfelverkosterin Freia sopranstrahlend. Die glitzergekleideten Rheintöchter glänzen und barmen auch stimmlich frisch in die Dämmerung hinein. Tobias Kehrer und Andrew Harris als Riesen und Judit Kutasi als Erda, alle mit vollmundiger Stimmtiefe, sowie der lockere Donner von Rowan Padraic ergänzen das gut aufgelegte Ensemble.  Am Ende ziehen die Götter über die Rampe in die Wallhall-Werkstatthalle ein. Goldfolienkanonen schießen Glitzerschlangen ins Publikum, das mit anhaltendem Applaus antwortet.

Regisseur Moss spricht allen Künstlern aus dem Herzen, wenn er über die vergangene opernlose Zeit und den Ring sagt: „Es fühlte sich so an, als hätte Alberich diesen unseren Schatz geraubt und dem Theater abgeschworen, ja die Liebe zum Theater verflucht. Mit diesem Rheingold auf dem Parkdeck beginnen wir wieder. Wir spielen!“

Wann der neue Ring-Zyklus in der Regie von Stefan Herheim zur Aufführung kommt, steht und fällt mit der weiteren Pandemie-Entwicklung und den daraus resultierenden Verordnungen. Für den 27. September 2020 steht derzeit noch die Walküre planmäßig im Spielplan.

Vorstellungen Rheingold am 20. und 21. Juni und am 21., 22. und 23. August 2020. Pro Person sind 1-2 Tickets buchbar im Internet, telefonisch und an der Theaterkasse der Deutschen Oper Berlin. Gebühr: 5 Euro, nach der Vorstellung wird einem „Pay what you want“-Konzept folgend um freiwillige Beiträge gebeten.  Karten:  +49 (30) 343 84 343,   info@deutscheoperberlin.de         www.deutscheoperberlin.de

Besetzung:  Derek Welton (Wotan), Padraic Rowan (Donner), Thomas Blondelle (Loge), Philipp Jekal (Alberich), Andrew Harris (Fasolt), Tobias Kehrer (Fafner), Annika Schlicht (Fricka), Flurina Stucki (Freia), Judit Kutasi (Erda), Elena Tsallagova (Woglinde), Irene Roberts (Wellgunde), Karis Tucker (Floßhilde).

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Aktuelles 2019/20 – Spielplan 2020/21, IOCO Aktuell, 20.04.2020

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Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Spielplan 2019/20 – Keine Vorstellungen ab … bis …??? …  

Unsicherheiten dominieren den laufenden Spielplan

Deutsche Oper Berlin / Intendant Dietmar Schwarz © IOCO

Deutsche Oper Berlin / Intendant Dietmar Schwarz © IOCO

Aufgrund der bis 3. Mai 2020 verlängerten Kontaktbeschränkungen des Landes Berlin sieht sich die Deutsche Oper Berlin verpflichtet, alle  Vorstellungen bis inklusive 3. Mai 2020 abzusagen. Ebenso können keine Proben von Chor und Orchester stattfinden, sodass auch das Kinderkonzert sowie die Vorstellung von MADAMA BUTTERFLY am 7. Mai entfallen müssen. Die Deutsche Oper bedauet dies sehr und hofft, bald mitteilen zu können, wann wieder Vorstellungen auf unserer Bühne zeigen werden.

Was die Planungen für den Monat Mai 2020 anbelangt, so muss leider die für den 9. Mai angekündigte Premiere von Pjotr I. Tschaikowskijs PIQUE DAME für den genannten Termin abgesagt werden –zu gegebener Zeit wird über den neuen Zeitpunkt der Premiere informiert. Damit entfallen auch sämtliche für den Mai angekündigten PIQUE-DAME –Vorstellungen, die Opernwerkstatt sowie die Begleitveranstaltung AUS DEM HINTERHALT.

Spielplan 2020/21 – Die Deutsche Oper Berlin – stellt vor

Walküre, Siegfried, Fidelio, 7 Deaths of Maria Callas ….

in der kommenden Saison gelten vier der sieben Neuproduktionen auf der Hauptbühne Werken von deutschen Komponisten, und diese vier Werke haben zweifellos auch unseren Begriff von dem, was deutsch ist, mitgeprägt …

Deutsche Oper Berlin / GMD Donald Runnicles © Pablo Castagnola

Deutsche Oper Berlin / GMD Donald Runnicles © Pablo Castagnola

Zum Teil ist dieser Schwerpunkt natürlich dem neuen RING DES NIBELUNGEN geschuldet, dessen Teilstücke DIE WALKÜRE und SIEGFRIED wir als Premieren (am 27. September 2020 und 24. Januar 2021) im Rahmen der Neuinszenierung von Stefan Herheim und unter musikalischer Leitung von Generalmusikdirektor Donald Runnicles präsentieren. Aber wir haben den neuen RING zum Anlass genommen, uns zwei weiteren Werken der größten deutschen Komponisten zu nähern: Johann Sebastian Bachs MATTHÄUS-PASSION (25. April 2021) und Ludwig van Beethovens FIDELIO (12. Juni 2021).

Und so verschieden der RING, FIDELIO und die MATTHÄUS-PASSION als musikdramatische Meisterwerke auch sein mögen, so ist ihnen doch ein zentrales Anliegen gemeinsam: Sie wollen nicht nur anspruchsvoll unterhalten, sondern sie sind Ausdruck der Überzeugung, dass die Kunst dazu da ist, Diskurse anzustoßen und Ideen zu vermitteln. Durch diesen Anspruch reichen der RING ebenso wie FIDELIO und die MATTHÄUS-PASSION seit jeher über den bloßen Theaterrahmen hinaus: So wie Wagner für seine  Vision eine neue Art Theatererlebnis schuf, vereint FIDELIO Oper und Oratorium und auch die MATTHÄUS-PASSION ist ein Werk, das die Grenzen zwischen Aufführenden und Publikum zu überwinden versucht – in der Kirche ebenso wie im Konzertsaal oder auf der Opernbühne.

Wir freuen uns ganz besonders, für den RING mit Lise Davidsen als Sieglinde und Nina Stemme als Brünnhilde zwei der weltweit besten Wagner-Sopranistinnen gewonnen zu haben.

AIDA – ab 28.8.2020 wieder auf dem Spielplan
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Als Inbegriff protestantischer Musikkultur hat Bachs MATTHÄUS-PASSION mit ihrer theatralen Vergegenwärtigung der Passion immer wieder den Weg auf die Bühne gefunden. An der Deutschen Oper Berlin erarbeitet die Neuinszenierung Benedikt von Peter, der mit seiner Raumkonzeption den Gedanken des Stücks verwirklicht, musikalische Aktion und Publikum zu einer Gemeinde zu verschmelzen. Ihn interessiert insbesondere die Frage nach der Bedeutung des Passionsgedankens für eine diverse Gesellschaft, in der die christliche Religion an Relevanz verliert. Mit Alessandro de Marchi haben wir einen Dirigenten gefunden, der bereit ist, eine Synthese aus historischer Aufführungspraxis und den Erfordernissen eines modernen Theaterraums zu erarbeiten.

Mit Beethovens Oper FIDELIO wurde das Haus an der Bismarckstraße 1912 eröffnet und sie gehört ins Repertoire dieses Hauses. Regisseur David Hermann, seit seiner Inszenierung von Lachenmanns DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖLZERN regelmäßiger Gast am Haus, wird dieses Mal von Bühnenbildner Johannes Schütz unterstützt. Als Florestan ist Brian Jagde zu erleben, Ingela Brimberg als Leonore. Donald Runnicles wird sowohl die FIDELIO-Premiere leiten als auch die konzertante Aufführung der Erstfassung des Werks, LEONORE, die am 15. September im Rahmen des Musikfests Berlin präsentiert wird

Darüber hinaus laden wir zu drei weiteren Neuproduktionen auf der großen Bühne ein: Marina Abramovics 7 DEATHS OF MARIA CALLAS eröffnet am 19. August 2020 als internationale Koproduktion die Spielzeit. Eine der wichtigsten Künstlerinnen unserer Zeit stellt sich am Beispiel der Callas der existenziellen Frage, wie persönliche Erfahrungen, Krisen, Enttäuschungen zu Kunst werden können und einem Kunstwerk sogar seine unvergleichliche Intensität verleihen. Sieben berühmte, durch Maria Callas interpretierte Operntode stehen im Zentrum dieses besonderen Abends. Der Komponist Marko Nikodijevic ist in dieser Saison Composer in Residence beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Mit Verdis SIMON BOCCANEGRA (Premiere am 22. November) zeigen wir eine der politischsten Opern Verdis: Eine Oper, in der uns eine Gesellschaft gezeigt wird, die durch jahrzehntelange politische Kämpfe und Parteienbildungen geprägt ist und in der jeder, der an der Macht ist, früher oder später zu jenem Politiker-Typus wird, der nicht mehr aus Überzeugung, sondern nur noch aus Machtkalkül handelt. Mit dieser Neuproduktion kehrt der junge russische Regisseur Vasily Barkathov zu uns zurück, der hier sehr erfolgreich die Uraufführung von Aribert Reimanns L’INVISIBLE inszeniert hat, eine Produktion, die wir aus Anlass von Aribert Reimanns 85. Geburtstag im März 2021 übrigens wiederaufnehmen.

Tannhäuser – Making of ….
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Und außerdem bringen wir am 14. März eines der späten Meisterwerke der Puccini-Zeit, das es unserer Ansicht nach wiederzuentdecken gilt, auf die Bühne: Riccardo Zandonais 1914 uraufgeführte FRANCESCA DA RIMINI. Das Stück ist ein besonderer Wunsch von Christof Loy, dessen Inszenierung von Korngolds DAS WUNDER DER HELIANE (IOCO DVD Rezension HIER) einen großen Eindruck hinterlassen hat. (Auch sie wird am 9. Mai wiederaufgenommen.) Wie bei HELIANE ist auch die Musik der FRANCESCA hoch sinnlich, schwelgerisch und farbenreich und kommt in dem strengen formalen Rahmen, den Christof Loy diesen Werken gibt, umso besser zur Geltung. Christof Loy sieht in FRANCESCA ebenso wie in HELIANE eine Systemsprengerin, eine Frau, die die Strukturen, in denen sie lebt, durch ihr Agieren zum Einsturz bringt. Sara Jakubiak interpretiert diese Figur, die Sie schon als Heliane erlebt haben – in der kommenden Spielzeit wird sie übrigens auch Venus / Elisabeth in TANNHÄUSER (Trailer oben) singen.

Die Tischlerei als Ort experimentellen Musiktheaters ist ein Ort genre-übergreifender Arbeiten, von Kooperationen mit Künstlern aus der Berliner und internationalen freien Szene sowie von Koproduktionen mit anderen Theatern, Festivals und Hochschulen. Die noch in dieser Saison anstehende Uraufführung ONCE TO BE REALISED. SECHS BEGEGNUNGEN MIT JANI CRISTOUS „PROJECT FILES“ (am 5. Juni 2020) ist eine Koproduktion mit der Münchener Biennale und dem Onassis Cultural Center Athen.

Und auch in der kommenden Saison kooperieren wir für THE MAKING OF BLOND von Gesine Danckwart (5. März) mit dem Burgtheater Wien, und für NEUE SZENEN V: 3 SCHEITERHAUFEN (30. April) entstehen bereits zum fünften Mal zusammen mit der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin drei Uraufführungen junger Komponist*innen, die in einem internationalen Wettbewerb ermittelt wurden.

Don Carlo – 2021 wieder auf dem Spielpan – doch ohne  ….
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Zu Beginn der Spielzeit 2020/21 wird die sowohl im Schauspiel als auch in der Oper aktive Regisseurin Anna-Sophie Mahler einen Abend unter dem Titel WALDESRUH vorstellen (1. Oktober), der Recherchen von einschlägigen Fachleuten zum Thema Wald ebenso einbezieht wie romantische Chorliteratur und Lieder. Morton Feldmans Stück für Klavier solo Triadic Memories wird den Musiktheaterabend abschließen.

Placido Domingo – 2020/21 nicht an der Deutschen Oper

Wie Sie der Saisonbroschüre entnehmen können, war das Engagement von Plácido Domingo als Marquis von Posa in den DON-CARLO-Vorstellungen im Juni 2021 geplant. Aus gegebenem Anlass arbeiten wir an einer Auflösung des Vertrages und geben die neue Besetzung der Partie sobald als möglich bekannt.

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Parsifal – Mythen und Karfreitagszauber, IOCO Kritik, 07.05.2019

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Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Parsifal – Richard Wagner

 Mythen und Karfreitagszauber in Charlottenburg

von Karin Hasenstein

Mit dem Bühnenweihfestspiel Parsifal, dem “summum opus” Richard Wagners, wurden am 26. Juli 1882 die zweiten Bayreuther Festspiele eröffnet. Die ersten Festspiele hatten 1876 stattgefunden, danach war Wagner erst einmal wieder bankrott. Aus diesem Jahr stammen auch die ersten Aufzeichnungen zur Musik des Parsifal, ein Albumblatt As-Dur mit dem Zusatz “Amerikanisch sein wollend”. Der Entschluss, den Parzival zu beginnen, reifte am 25.01.1877, am 23.02. wurde der zweite Prosaentwurf abgeschlossen, am 14.03.1877 der Name Parzival in Parsifal geändert. In der Zeit vom 14.-19.03. verfasste Richard Wagner die Urschrift des Textes und Ende September desselben Jahres begann er mit der Orchesterskizze des 1. Aufzuges. Am 25.12. wurde das Vorspiel zum 1. Aufzug im Haus Wahnfried anlässlich Cosimas Geburtstags uraufgeführt.

Die Arbeiten am 2. und 3. Aufzug dauerten bis zum Januar 1882. Wagner beendete die Partitur des 3. Aufzuges am 13.01.1882 und erhielt vom Verlag Schott für das fertige Werk ein Honorar von 100.000 Mark.

Parsifal – Richard Wagner
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Am 26. Juli 1882 erfolgte die Uraufführung des Parsifal bei den Bayreuther Festspielen. In der letzten Aufführung dieser Festspiele dirigierte Wagner ab dem Takt 23 der Verwandlungsmusik den 3. Aufzug zu Ende.

Das Festspielhaus in Bayreuth wurde eigens für das Bühnenweihfestspiel Parsifal erbaut. Man könnte auch umgekehrt sagen, der Parsifal wurde für das Festspielhaus geschrieben. Es heißt, nirgends kann man ihn so vollkommen hören wie hier. Wer den Vergleich zu anderen Häusern zieht, mag das bestätigen. Nach Wagners Wunsch sollte der Parsifal für das Festspielhaus reserviert bleiben und niemals an anderem Ort erklingen.

“Dort darf der Parsifal in aller Zukunft einzig und allein aufgeführt werden”, schrieb er 1880 an König Ludwig II. von Bayern. “Nie soll der Parsifal auf irgendeinem anderen Theater zum Amüsement dargeboten werden: und dass dies so geschehe, ist das einzige, was mich beschäftigt und zur Überlegung dazu bestimmt, wie und durch welche Mittel ich diese Bestimmung meines Werkes sichern kann.”   Er konnte es nicht.

Seit Ablauf der Urheberrechte 1913 ist der Parsifal nun frei für Aufführungen an anderen Opernhäusern. Mit einer speziellen “Lex Parsifal” sollte die Schutzfrist verlängert werden. Als Trotzreaktion auf das Scheitern dieses Vorhabens wurde im Jubeljahr 1913, zu Wagners 100. Geburtstag, auf Festspiele verzichtet! Vergebens. Bereits 1901 hatte die Witwe Richard Wagners, Cosima, einen ersten Vorstoß im Reichstag gewagt. Dieser schmetterte die als “Lex Cosima” betitelte Eingabe mehrheitlich ab. Auch der zweite Versuch scheiterte, obwohl Cosima dafür sogar Kaiser Wilhelm II. bemühte.

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Elena Pankratova als Kundry © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Elena Pankratova als Kundry © Bettina Stoess

So versiegte mit dem 1. Januar 1914 auch die größte Einnahmequelle der Familie Wagner, nämlich die Tantiemen aus den Werken Richard Wagners, die – einschließlich des Weltabschiedswerks Parsifal, nun überall nachgespielt werden durften.

Am 24. Dezember 1903 hatte Heinrich Conried, der Impresario der New Yorker Metropolitan Opera, bereits gewagt, Parsifal erstmals außerhalb von Bayreuth aufzuführen. Ein Vorgang, der damals als “Gralsraub” bezeichnet wurde. Conried ließ einfach Stimme für Stimme aus der Studienpartitur des Mainzer Schott-Verlages abschreiben und umging damit das Aufführungsverbot und den Umstand, dass die Familie Wagner sämtliches Aufführungsmaterial streng unter Verschluss hielt.

Doch der Siegeszug des Parsifal außerhalb von Bayreuth ließ sich nicht aufhalten. Gott sei Dank! möchte man ausrufen. Das Deutsche Opernhaus Charlottenburg, der Vorläufer der heutigen Deutschen Oper Berlin, bringt den Parsifal am Neujahrstag 1914 heraus, viele andere Häuser folgen.

Thomas Mann musste nach seinem Parsifal-Besuch in Bayreuth im August 1909 zugeben, dass er von dem Werk überwältigt war: “Obgleich ich recht skeptisch hinging und das Gefühl hatte, nach Lourdes oder zu einer Wahrsagerin oder an sonst einen Ort suggestiven Schwindels zu pilgern, war ich schließlich tief erschüttert. Eine so furchtbare Ausdruckskraft gibt es wohl in allen Künsten nicht wieder.” Damit mag der Autor Recht gehabt haben. Der Kraft des Parsifal kann man sich nur schwer entziehen.

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So war es auch am Karfreitag 2019 an der Deutschen Oper Berlin, als das Publikum mit Elena Pankratova (Kundry), Günther Groissböck (Gurnemanz), Derek Welton (Klingsor) und Paul Kaufmann (3. Knappe) zudem fast die halbe Besetzung der Bayreuther Festspiele 2018 erlebte

Auch hier schwebte die Frage im Raum, ob nach dem ersten Aufzug des Parsifal applaudiert werden darf, noch dazu am Karfreitag, dem stillsten aller christlichen Feiertage. Nach einem Moment der Stille setzte an diesem Karfreitag nur zögerlicher Applaus ein, doch  die Gruppe der Applaudierenden setzte sich schließlich durch. Das soll nicht gewertet werden; ein jeder soll dies für sich allein entscheiden. Parsifal ist ein Bühnenweihfestspiel; kein Gottesdienst, keine Liturgie, letztlich ist er “nur” Theater, die Kunst des “so tun als ob”.

Richard Wagner erfindet nichts wirklich selbst, er bedient sich mittelalterlicher Epen und Dramen, wie hier des Parzival Wolfram von Eschenbachs. Wagner benannte die Figur des Parzival, wie er bei Wolfram von Eschenbach heißt, eigenmächtig in Parsifal um. Er begründete das mit einer etymologischen Herleitung aus dem Arabischen, in dem das Wort “fal” in etwa “rein” bedeutet und “parsi” dem deutschen Wort “Tor” entspricht. Diese Etymologie, die Wagner von dem Publizisten Joseph Görres übernommen hatte, stellte sich später als falsch heraus, klingt aber gut.

Wagner bedient sich hier einer speziell christlichen Stofftradition aus dem Artussagenkreis, nämlich der Suche nach dem Heiligen Gral, in dem das Blut Christi aufgefangen worden sein soll. Bei Eschenbach war der Gral noch ein wundertätiger Stein.

Im ersten Akt des Parsifal erzählt Gurnemanz die umfangreiche Vorgeschichte der beiden wichtigsten Symbole, des Grals und des Speers. Dabei steht der Gral als Gefäß für das Weibliche und der Speer für das Männliche. Die Gralsritter müssen keusch sein; so kommt die Moral in die Welt. Klingsor will besonders keusch sein; aus tiefer innerer Überzeugung, weil er fürchtet, dass er das nicht kann, entmannt er sich selbst.  Er errichtet ein Gegenreich, Klingsors Zaubergarten, eine Art botanisches Bordell, in dem die Blumenmädchen die Ritter verführen sollen.

Amfortas bewaffnet sich mit dem Heiligen Speer und missbraucht die Reliquie als Waffe. Kundry verlachte einst Christus am Kreuz und wird dafür zu ewiger Wiedergeburt verdammt. Sie muss immerzu lachen und erst wenn sie weinen kann, kann sie erlöst werden. In ihr vereinen sich polare Gegensätze des Weiblichen: die Dienerin und die Verführerin. Kundry stellt aber auch die Verbindung zwischen beiden Reichen dar, da sie sowohl Gurnemanz und den Gralsrittern als auch Klingsor dient. Amfortas leidet an einer nicht heilenden Wunde: ein Synonym zu Klingsors Kastrationswunde.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Parsifal unterscheidet sich von anderen Opern Richard Wagners. Er ist doch „religöser“. Wagner verwendet hier religiöse Elemente, weihevolle Musik, Monstranz-enthüllung (Gralsenthüllung), Taufe, christliches Abendmahlsritual und entwickelte die Idee, den Kern des Religiösen durch Kunst zu verdeutlichen. In “Religion und Kunst” schreibt er: “Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche sie im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfasst, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen.”

Opulente Bilderflut mit christlichen Symbolen und Ritualen

Regisseur Philipp Stölzl bringt in seiner Berliner Parsifal- Inszenierung (Premiere 2012) viele christliche Symbole und Rituale greifbar und realistisch auf die Bühne und nimmt den Zuschauer mit auf eine Zeitreise. Mittels zahlreicher “Tableaux vivants” erzählt der Film- und Opernregisseur bildgewaltig die an eigentlicher, stattfindender Handlung armen, aber an erzählter Handlung sehr reichen Oper und kommentiert so immer wieder eben diese erzählte Handlung.

Während des von Donald Runnicles sehr langsam genommenen Vorspiels öffnet sich der Vorhang und man blickt auf eine kahle Felsenlandschaft, wie aus einem Hollywood -Monumentalfilm. Links ein Berg, obenauf eine angedeutete Burg der Gralsritter, rechts ein Berg mit einem Kreuz, die Assoziation zu Golgatha drängt sich auf und ist sicherlich gewollt. Wir werden Zeuge einer Kreuzigungsszene, sehen römische Soldaten, Ritter, einfaches Volk, der Speer wird dem Gekreuzigten in die Seite gestochen, das Blut im Kelch beziehungsweise Gral aufgefangen. Immer wieder “baut” Stölzl diese lebenden Bilder, lässt sie bisweilen sehr lange im Freeze, bis sie sich wie wieder auflösen. Dank des Opernballetts und der Statisterie der Deutschen Oper entstehen so eindrucksvolle Massenszenen, die eine faszinierend hypnotische Wirkung auslösen.

Bei viereinhalb Stunden Aufführungsdauer wirkt die Bilderflut der Inszenierung massiv, zumal sie bisweilen von der Musik ablenkt, statt sie zu unterstreichen. Es “passiert” sehr viel auf der Bühne, der Zuschauer kann der Bilderflut nur schwer folgen. Leider gehen so auch liebevolle Details verloren; in einem so großen Haus wie der Deutschen Oper Berlin nicht unproblematisch. So ist über große Entfernungen zur Bühne manchem Besucher nicht  erkennbar, dass alle Protagonisten auf der Bühne Kreuzigungsmale an den Händen tragen. 

Die aufwändigen Kostüme (Kathi Maurer) reichen historisierend von Zeiten der Kreuzritter bis hin zu “heutiger” Kleidung im 3. Aufzug. Zwischen dem ersten und dritten Aufzug vergehen viele Jahre der Irrfahrt Parsifals, so ist die Kleidung letztlich alt, gebraucht, beschmutzt und drückt aus: die Gesellschaft ist nicht in der Lage, sich zu erneuern, der Erlöser ist (noch) nicht in Sicht. Mit den realistischen Kostümen, dem, was wir für typische Kleidung der Ritter betrachten und jenem, was wir als modern oder heutig ansehen, wird die Klammer vom ersten zum dritten Aufzug hergestellt.

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Der zweite Aufzug ist da herausgenommen, wie auch Klingsors Zaubergarten nicht in einer bestimmten Zeit oder an einem bestimmten Platz zu verorten ist. Hier nimmt Stölzl eine Anlehnung an Exotismus des 19. Jahrhunderts in der Oper vor. Zwischen den Felsen des ersten und dritten Aufzuges sehen wir nun eine Art Tempel, etwa in der Art der Hochkulturen Südamerikas. Auch die Kostüme haben nun einen gänzlich anderen Charakter, Baströcke, Fell, Knochenschmuck dominieren das Bild. Wilde brutale Rituale vollziehen sich, Klingsor erscheint als Herrscher über ein Naturvolk, der im Blutrausch seinen Opfern das Herz aus der Brust reißt, von den Blumenmädchen extatisch verehrt. Sind diese anfangs noch verhüllt, legen sie später ihre Gewänder ab und werden zu exotischen Schönheiten, die Parsifal verführen sollen.  

Regisseur Stölzl stellt den Parsifal in einen Kontext christlicher Mythen. Er illustriert, kommentiert, überlässt es aber dem Zuschauer, eine Lösung zu finden. Wie der Gral zu deuten ist, muss jeder für sich selbst eine Antwort finden. Häufig bleibt Stölzl eng am Text, kommentiert oder illustriert das Erzählte in eindeutiger Weise. An manchen Stellen durchbricht er jedoch dieses Vorgehen. So wäscht Kundry Parsifal nicht die Füße, Gurnemanz salbt ihm nicht das Haupt. Während dieser doch für den Verlauf der Handlung sehr zentralen Szene steht Kundry weitab von Parsifal ohne inneren oder äußeren Bezug zu ihm. Die Taufe vollzieht sich in einem Wasserbecken im Felsen, das im ersten Aufzug Amfortas als Bad diente, in einer großen Menschenmenge. Wir alle sind Kundry, bedürfen der Erlösung. Das in den Tableaux sehr gekonnt eingesetzte Licht kommt hier von einer Straßenlaterne und hinterlässt Stirnrunzeln und Fragezeichen beim Betrachter.

Wenig zu deuten gab es jedoch an der eindeutig großartigen musikalischen Gesamtleistung. Die größte Partie dieser Oper nimmt Gurnemanz ein. Der österreichische Bass Günther Groissböck, der in dieser Rolle bereits bei den Bayreuther Festspielen und an der Opéra National de Paris sowie De Nationale Opera Amsterdam Erfolge feierte, füllte die Rolle stimmlich wie darstellerisch hervorragend aus. Groissböck beeindruckte wieder durch außerordentlich deutliche Diktion, wodurch die langen Erzählungen des Gurnemanz eine enorme Präzision und Spannung erhalten. Jedes Wort, jede Silbe ist perfekt verständlich und macht ein Mitlesen der Übertitel überflüssig. Groissböck gestaltete diese große Partie vom ersten “He! Ho! Waldhüter…” bis zum großen Monolog im dritten Aufzug mit großem Ausdruck und perfekt geführten Legati. Er überzeugte mit großer Wandlungsfähigkeit in der Stimme sowohl in den tiefen dunkel timbrierten Lagen als auch mit Brillanz in den sicher geführten Spitzentönen.

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Heike Wessels als Kundry © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Parsifal hier Brandon Jovanovich als Parsifal, Heike Wessels als Kundry © Bettina Stoess

Ebenfalls als Bayreuther Kundry bekannt ist Elena Pankratova. Mit ihrem warmen vollen Sopran bot sie auch in Berlin wieder eine überaus überzeugende sängerische wie schauspielerische Leistung und zog das Publikum mit ihrer enormen Bühnenpräsenz in ihren Bann. Mit großer Wandlungsfähigkeit gibt sie die Dienerin der Gralsritter, gestaltet unglaublich expressiv “Ich sah das Kind an seiner Mutter Brust” und lässt scheinbar mühelos die Kundry-Schreie erklingen, die in ihrer Intensität dem Zuhörer einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Sehr berührend gerät auch die Szene mit Parsifal “..sie beut dir heut’ als Muttersegens letzten Gruß der Liebe ersten Kuss”. Elena Pankratova beeindruckt ebenso mit lyrischer Leichtigkeit in den Pianissimo-Stellen wie auch mit dramatischer Gestaltung und großer Strahlkraft.

Der Amerikaner Brandon Jovanovich schien sich als Parsifal zunächst ein wenig zurückzuhalten, bevor mit dem Ausbruch “Amfortas! Die Wunde!…” vielleicht ein bisschen zu sehr aufdrehte. Sehr ergreifend und intensiv gestaltete er Stellen wie “Erlöse, rette mich aus schuldbefleckten Händen!“ oder “nicht soll er mehr verschlossen sein: Enthüllet den Gral, öffnet den Schrein!“ In den mittleren Lagen beeindruckte Jovanovich durch seine große Stimme und Durchschlagskraft, an den sensiblen Stellen wie “Wie büß’ ich Sünder meine Schuld?” stünde ihm etwas mehr Pianokultur ganz gut zu Gesicht. Insgesamt steht ihm der Naturbursche, der reine Tor, der Parsifal ist, gut. Einzig der amerikanische Akzent, der stellenweise noch etwas stark durchklingt, stört das Gesamtempfinden. In seinem “Sonntagsanzug” wirkte dieser Parsifal bisweilen etwas verloren und wie ein Fremdkörper, was aber auch an der Personenregie liegen mag. Warum er letztlich der ersehnte Erlöser ist, vermittelte sich der Rezensentin in dieser Regie nicht.

Eine überaus erfreuliche Besetzung war Mathias Hausmann als Amfortas. Mit seinem feinen, warm timbrierten Bariton stellte er den gebrochenen und von seinem nicht enden wollenden Leid gezeichneten Schmerzensmann Amfortas sehr überzeugend dar und nimmt das Publikum für sich ein. Sehr berührend gerät “Mein Vater! Hochgesegneter der Helden!”

Der australische Bassbariton Derek Welten war in der Rolle des Klingsor auch in Bayreuth zu erleben. Er vereint gekonnt die Gegensätze der Rolle, die brutale Darstellung  als Herrscher über ein Naturvolk, der blutige Rituale vollzieht, wie das bemitleidenswerte Opfer seiner eigenen Verstümmelung. Mit großer Energie und geschmeidiger Wendigkeit verbindet er seine enorme stimmliche wie darstellerische Präsenz zu einer großen Gesamtleistung. Auch Andrew Harris überzeugte souverän in der Rolle des Titurel mit seinem angenehmen dunklen Timbre und durch seine starke Bühnenpräsenz. Geradezu luxuriös besetzt waren 1. und 2. Gralsritter mit Burkhard Ulrich und Byung Gil Kim.

Donald Runnicles führte das Orchester der Deutschen Oper Berlin mit sicherem Dirigat durch die viereinhalbstündige Vorstellung. Er wählte bewusst ruhige bis sehr ruhige Tempi und erreichte mit 1:45 Std. im ersten Aufzug exakt die Aufführungsdauer, die Richard Strauss 1933 in Bayreuth benötigte.

Das zumindest im ersten Aufzug sehr ruhige Tempo wurde von der Rezensentin als sehr angenehm empfunden und die Verfechter der These, dass sich Weihe vor allem durch Langsamkeit ausdrückt, müssen hier auf ihre Kosten gekommen sein. Bisweilen vermittelte sich jedoch der Eindruck, dass einzelne Sänger im Tempo stellenweise gerne etwas vorangegangen wären. Besonders berührend und überzeugend gerieten die Verwandlungsmusiken.

Der erfahrene Generalmusikdirektor der Deutschen Oper setzte die Reinheit und Tiefe der Partitur gekonnt um und lotete diese dynamisch vom zartesten Pianissimo bis zum Fortissimo in den großen Chorszenen klug aus. Besonders erfreulich trat die Solo-Oboe im 3. Aufzug bei “Wie dünkt mich doch die Aue heut’ so schön!“ hervor, wie insgesamt die Holzbläser aber auch das tiefe Blech und die Harfen an diesem Abend überzeugen konnten.

Parsifal lebt nicht zuletzt auch von den beeindruckenden Chorszenen der Gralsritter. Chor und Extrachor der Deutschen Oper beeindruckten einmal mehr durch Klangschönheit und gute Textverständlichkeit und gaben den Chören viel Intensität sowohl im ersten Aufzug im Unisono bei “Zum letzten Liebesmahle” als auch am Ende des dritten Aufzuges “Höchsten Heiles Wunder! Erlösung dem Erlöser!”. Musikalisch vermittelte sich der Zauber, der von Parsifal ausgeht, dem Publikum am Karfreitag 2019 stark: es dankte den Solisten, allen voran Pankratova und Groissböck, mit lang anhaltendem begeisterten Applaus.

Die bildgewaltige Inszenierung von Philipp Stölzl vermag nicht durchgängig zu überzeugen, sie ist aber sehr wirkungsvoll zwischen Hollywood-Monumentalfilm und Oberammergauer Passionsspielen einzuordnen. Zuschauern, welche sich gerne einmal Parsifal mit aufwändig reicher Bilderflut auf der Bühne hingeben möchten, sei diese Produktion für die kommende Spielzeit 2019/20 durchaus ans Herz gelegt.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, DER ZWERG – Alexander von Zemlinsky, 24.03.2019

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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

DER ZWERG – Alexander von Zemlinsky

Libretto Georg C. Klaren, nach dem Märchen „The Birthday of the Infanta“ von Oscar Wilde

Premiere am 24. März 2019 / weitere Vorstellungen  27., 30. März; 7., 12. April 2019
 

– Wie anders darf man sein, um nicht an der Liebe zu verzweifeln … –

Die Titelfigur ist ein kleinwüchsiger Mann, als Sklave ein Geburtstagspräsent für die verwöhnte Infantin von Spanien. Für deren Hofgesellschaft ist er eine unterhaltsame Kuriosität und fesselt sie doch durch seine außergewöhnliche Begabung als Musiker. In einem kurzen Moment der Rührung schenkt ihm die Infantin eine Rose: Er deutet dies als Zeichen ihrer Liebe. Sich selbst hat er noch nie gesehen, er weiß nichts über seine Andersartigkeit. Als er sich im Spiegel betrachtet, bricht ihm die Verzweiflung das Herz.

Alexander von Zemlinski Gedenkstätte in Wien © IOCO

Alexander von Zemlinski Gedenkstätte in Wien © IOCO

Tobias Kratzer nimmt sich dieses Werkes über das Außenseitertum an, dem er Arnold Schönbergs „Begleitungsmusik zu einer Lichtspielscene“ voranstellt. So rückt er Zemlinskys Meilenstein in ein anderes Licht: Nicht von der spätromantischen Klangsprache her kommend, sondern in die Moderne hinausweisend sieht er dieses Märchen. Überhaupt deutet er diese Oper als „Tragödie aus dem Geiste der Musik“, hat die Musikalität und das Spiel mit ihr doch essentielle Bedeutung für ihn: In seiner Inszenierung werden zwei Pianisten genauso wie ein Bühnenorchester Teil des Bühnengeschehens. Um diese Nuancen herauszukristallisieren, arbeitet er eng mit Donald Runnicles zusammen, der für die musikalische Leitung verantwortlich zeichnet. David Butt Philip und Elena Tsallagova leihen dem Zwerg und der spanischen Infantin Gestalt und Stimme.

BESETZUNG
Musikalische Leitung : Donald Runnicles, Inszenierung : Tobias Kratzer, Bühne, Kostüme : Rainer Sellmaier, Chöre : Jeremy Bines, Licht : Stefan Woinke, Dramaturgie : Sebastian Hanusa, Donna Clara : Elena Tsallagova, Ghita : Emily Magee

Mit:  Der Zwerg : David Butt Philip, Der Zwerg (Darsteller) : Mick Morris Mehnert,  Don Estoban : Philipp Jekal, Zofe 1 : Flurina Stucki, Zofe 2 : Amber Fasquelle, Zofe 3 : Maiju Vaahtoluoto, 1. Gespielin : So Young Park, 2. Gespielin : Kristina Häger, Alma Schindler (Pianistin) : Adelle Eslinger-Runnicles, Alexander von Zemlinsky (Pianist) : Evgeny Nikiforov, Chöre : Chor der Deutschen Oper Berlin, Orchester : Orchester der Deutschen Oper Berlin

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—

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