Mönchengladbach, Theater Krefeld Mönchengladbach, Don Pasquale – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 02,06.2021

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

 Don Pasquale – Gaetano Donizetti

oder: Die Wiederauferstehung  der Theater und der Corona-Geschädigten

von Viktor Jarosch

Am Donnerstag, den 27. Mai 2021, endlich, lang ersehnt, öffnete das Theater Mönchengladbach, als erstes großes Haus der Region Düsseldorf, seine Bühne für öffentliche Produktionen. Endlich, mit einer Premiere. Gaetano Donizettis gute Laune verbreitendem Klassiker, Don Pasquale, halb-szenisch inszeniert von Ansgar Weigner und der Orchesterfassung von Avishay Shalom erlebten 190 Besucher auf der Bühne des Theater Mönchengladbach. Das Theater Krefeld, obwohl integraler Teil des Theater Krefeld Mönchengladbach folgt einige Tage später mit „halb-öffentlichen“ Produktionen.

Alle Vorstellungen beginnen um 19.30 Uhr, dauern ca. 90 Minuten und werden ohne Pausen gespielt. Wie bereits vor dem letzten Lockdown muss das Theater Mönchengladbach seine Platzkapazität stark reduzieren und konnte nur 190 Plätze pro Vorstellung anbieten. Wer einen Besuch plante, sollte wissen, dass er nur mit einem negativen Corona-Test (so-genannte „Selbsttest“ sind davon ausgeschlossen), der nicht älter als 48 Stunden seindarf, ins Theater kommen kann. Auch das unkomplizierte Testen in direkter Nachbar-schaft des Theaters ist möglich wurde angeboten.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Don Pasquale - hier: Hayk Deinyan als Don Pasquale und Woonggyi Lee als Ernesto © Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Don Pasquale – hier: Hayk Deinyan als Don Pasquale und Woonggyi Lee als Ernesto © Stutte

Komik und lebensnahe Figuren, gepaart mit Donizettis kompositorischem Raffinement und ergeben eine unterhaltsame Symbiose, sie verführten in der halb-szenischen Produktion am Theater Mönchengladbach das Corona-geschundene Publikum. 

Die „Story“ des Don Pasquale ist zeitlos und fast so alt wie die Gattung Komödie: Alter, reicher Mann möchte junge Frau heiraten, wird dabei von seinem Umfeld genarrt und, nach sch(m)erzhaften Lektionen, schließlich zur altersgerechten Erkenntnis geführt.

Der im 16. und 17. Jahrhundert beliebte Lustspielstoff des Don Paquale steht in der Tradition der Komödien von Carlo Golldoni, Molière, Ben Jonson (1572-1637), insbesondere aber der Typenkomödie der Commedia dell‘arte mit ihren typischen Figuren und Charakteren. Doch das intakte Weltbild der alten „opera buffa“  galt 1843 bereits als überlebt. Donizetti komponierte seine 68ste Oper in nur zwei Wochen, und entwickelte darin die klassischen unterschiedlichen Commedia-Charaktere weiter, gab ihnen eigene psychologische Vielschichtigkeit, bereicherte es im Stile des Belcanto mit Elementen der opera seria und der Gefühlstiefe und Sensibilität der Romantik. Durch den „komischen Alten Don Pasquale“ und seiner Realitätsnähe (er ist im Grunde kein böser, nur ein alter, hilfloser Mann) und die Lebendigkeit der Handlung erhielt die schon als überholt geltende opera buffa insgesamt neues Leben. Don Pasquale wurde im Januar 1843 in Paris mit großem Erfolg uraufgeführt und belebt bis heute die Bühnen in aller Welt, wie nun im Theater Mönchengladbach.

 Theater Krefeld Mönchengladbach / Don Pasquale - hier: Rafael Bruck als Dottore Malatesta und Sophie Witte, hier als Sofronia oder Norina © Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Don Pasquale – hier: Rafael Bruck als Dottore Malatesta und Sophie Witte, hier als Sofronia oder Norina © Stutte

Die Handlung: Der junge Ernesto und die mittellose junge aber impulsive Witwe Norina lieben einander. Zwischen eine Ehe der beiden drängt sich jedoch Ernestos alter, reicher, geiziger und unsympathischer Erbonkel Don Pasquale, der sein Veto einlegt und sich stattdessen selbst auf Freiersfüßen begeben will. Guter Rat ist nun teuer. Dottore Malatesta, sowohl Ernestos bester Freund als auch Don Pasquales Vertrauter, schmiedet einen Plan, um den jungen Liebenden zu ihrem Eheglück sowie dem ihnen zustehenden Erbe zu verhelfen. Seine vermeintliche „Schwester“ Sofronia – in Wahrheit die verkleidete Norina – wird Don Pasquale als zickige Ehefrau untergejubelt und kann mit viel schauspielerischem Talent und der tatkräftigen Unterstützung von Ernesto und Malatesta ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Yorgos Ziavras leitet das kleine, auf der hinteren Bühne angeordnete Orchester. Der Mangel eines Bühnenbildes und Kulissen wird durch zwei große, die Handlung begleitende, lebensfrohe Projektionen gestaltend begleitet; szenisches Arrangement Ansgar Weigner; eine Projektion im Bühnenhintergrund, welche den Bühnenraum karikierend wiedergibt; eine zweite an der Bühnenseite, welche in herrlichen Zeichnungen die Handlung beständig scherzhaft konterkariert, zum Schmunzeln anregt. Die jeweilige szenische Darstellungen des Ensemble auf der Bühne spiegelt sich so karikierend auf den Projektionen, indem dort Comic-haft die „reale“ Gedankenwelt des Don Pasquale wie der anderen Akteure gezeichnet wird (Karikaturen Peter Schmitz). Das Arrangement der so eingängigen Projektionen verbinden sich mit den vorne auf der Bühne handelnden Protagonisten zu einer Handlungs-Einheit. Salieris bekanntem Leitmotiv „Prima la musica“ folgend belohnen im Theater Mönchengladbach die schönen Stimmen des jungen Ensembles auf der Bühne, italienisch gesungen, deutsch gesprochen (so hieß es einmal, sehr deutsch :„Frauen machen sich nur so hübsch, weil die Augen der Männer besser ausgebildet sind als ihr Verstand“) den Besuch dieses Don Pasquale bei allen Beschränkungen zu einem seit Monaten vermisstem, inspirierenden Opernerlebnis, in welchem leider alle Chorszenen gestrichen waren.

Don Pasquale am Theater Mönchengladbach – eine Einführung
youtube Trailer des Theater Krefeld Mönchengladbach
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

In dem casual gekleideten, homogen jungen Ensemble gestaltet Hayk Deinyan (Foto oben) die Partie des Don Pasquale modern, mit seiner jederzeit sonoren, gut geführten Stimme charakterisiert er die unterschiedlichen Gemütszustände des alten Junggesellen feinnervig; nicht platt, ohne zu kalauern. Der junge Koreaner Woonggyi Lee wiederum berührt mit natürlich sicherer und romantisch tenoraler Lyrik als verliebter Ernesto die Herzen der Besucher schon nach wenigen Minuten. Sophie Witte ist eine spürbar dominante, auch schauspielerisch sehr präsente Norina, alias Sofronia, welche die wunderbaren, wie auf „ihre Stimme geschriebenen Koloraturen“ durchgängig sicher meistert. Rafael Bruch passt sich, als gestaltender Dottore Malatesta, nicht als zwielichtig hinterlistiges Wesen, hervorragend in dieses szenisch moderne Arrangement am Theater Mönchengladbach ein. Robin Grünwald gestaltete die verschiedenen Partien des Notar, Diener, Faktotum glaubhaft.

Der lebhafte Beifall des nur kleinen Publikums feierte selbst diese eingechränkte Aufführung des Don Paquale in doppelter Weise: als Kulturgenuß und als eine Art „Wiederaufstehung der Corona-geschädigten“! Man freut sich schon auf kommende Produktionen am Theater Krefeld Mönchengladbach.

—| IOCO Kritik Theater Krefeld Mönchengladbach |—


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Mönchengladbach, Theater Mönchengladbach, Ab 22. Mai – Salon Pitzelberger & mehr, IOCO Aktuell, 21.05.2021

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Theater Mönchengladbach öffnet wieder – ab 22. Mai 2021

  Salon Pitzelberger & Co., Alles neu, Reigen und mehr

Mit fünf Premieren in sechs Tagen meldet sich das Theater Mönchengladbach an der Odenkirchener Straße voller Elan zurück.

Das lange Warten seit dem Lockdown im November 2020 hat ein Ende: Das Theater Mönchengladbach kann ab dem 22. Mai dank rückläufiger Inzidenzzahlen in der Stadt und deren Teilnahme im Projekt der Modellkommunen wieder seine Türen für Publikum öffnen – in Krefeld müssen sich die Theaterliebhaber wohl noch etwas gedulden.

Das Theater hatte den Probenbetrieb und die Arbeiten hinter den Kulissen unter Einhal-tung aller notwendigen Corona-Regelungen aufrechterhalten, um startklar zu sein, wenn sich der Vorhang wieder öffnen kann. Mehrere Stücke steckten deshalb teilweise über Monate „in der Warteschleife“ – sie alle werden jetzt in einem munteren Premierenrei-gen gezeigt: fünf in sechs Tagen – ein Rekord für die Bühne in Mönchengladbach!

Los geht es am Samstag, den 22. Mai 2021 mit Salon Pitzelberger & Co., einer Opérette bouffe in einem Akt mit Musik von Jacques Offenbach in einer deutschen Textfassung von Ulrich Proschka: die Neufassung Salon Pitzelberger & Co von Ulrich Proschka eine Adaption der satirischen Situation „versnobter Neureicher übernimmt sich kulturell“ dar. Zu hören sind Opernparodien im Stile Bellinis, Donizettis und Rossinis, sowie Nummern aus anderen Offenbach-Werken – alles ganz im Sinne der „Offenbachiaden“, seines gesellschaftskritischen Musiktheaters im Paris des 19. Jahrhunderts.

Am Sonntag, den 23. Mai feiert der Ballettabend Alles neu mit Choreografien von Robert North, Marco A. Carlucci, Takashi Kondo und Yoko Takahashi Premiere.

Am Montag, den 24. Mai kommt mit Welttheater Mozart ein Singspiel von Karine Van Hercke und Francois De Carpentries mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart zur Uraufführung.

Am Dienstag, den 25. Mai zeigt das Theater zum ersten Mal Arthur Schnitzlers Reigen,

Don Pasquale am Theater Mönchengladbach – eine Einführung
youtube Trailer des Theater Krefeld Mönchengladbach
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Am Donnerstag, den 27. Mai kommt endlich Donizettis Oper Don Pasquale, inszeniert von Ansgar Weigner, auf die Bühne;  siehe die liebevolle Einführung im Trailer des Theaters, oben.

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Alle Vorstellungen beginnen um 19.30 Uhr, dauern ca. 90 Minuten und werden ohne Pausen gespielt. Wie bereits vor dem letzten Lockdown muss das Theater seine Platzkapazität stark reduzieren und kann daher nur 190 Plätze pro Vorstellung anbieten.

Dadurch wird die Abstandsregel im Zuschauerraum gewahrt. Wer einen Besch plant, sollte wissen, dass er nur mit einem negativen Corona-Test (so-genannte „Selbsttest“ sind davon ausgeschlossen), der nicht älter als 48 Stunden sein darf, ins Theater kommen kann. Auch das unkomplizierte Testen in direkter Nachbarschaft des Theaters ist möglich: Die Arbeiterwohlfahrt Mönchengladbach an der Limitenstraße 64-78 hat speziell für Theaterbesucherinnen und -besucher seine Kapazitäten für Schnelltests erhöht und auch die Öffnungszeiten angepasst.

Mehr Infos dazu gibt es bei der AWO unter 02166/ 399 670 oder per E-Mail: kunden@awo.mg.

Auch Geimpfte, deren zweite Impfung mindestens zwei Wochen zurückliegt, und von ei-ner Corona-Infektion Genesene sind willkommen. Für alle gilt, dass sie die entsprechen-den Nachweise (Impfpass und/oder Atteste) vor einem Vorstellungsbesuch vorlegen müssen. Außerdem ist das Tragen einer FFP2-Maske in allen Räumen des Theaters und während der Vorstellung verpflichtend. Eine besondere Rückverfolgbarkeit der Besucherinnen und Besucher erfolgt digital über das Ticketvergabesystem Reservix der Theaterkasse.

Bei jeder Ticketbuchung werden die Kontaktdaten abgefragt und im Verkaufssystem gespeichert. Um diese Rückverfolgung zu unterstützen, bittet das Theater die Zuschauerinnen und Zuschauer darum, sich vor dem Theaterbesuch über die Corona-Warn-App mit dem Scan eines QR-Codes im Theater anzumelden. (Wer die aktuelle Version der App noch nicht auf sein Mobiltelefon geladen hat, sollte dies rechtzeitig tun.)

Die Theatergastronomie kann ihren Betrieb leider noch nicht wiederaufnehmen.

Der Vorverkauf für alle Veranstaltungen bis zunächst einschließlich 6. Juni beginnt am 21. Mai um 10 Uhr sowohl online als auch an der Theaterkasse in Mönchengladbach. Die Kasse ist Freitag und Samstag jeweils von 10 Uhr bis 19.30 Uhr besetzt. Pfingstsonntag und Pfingstmontag öffnet nur die Abendkasse zur Abholung bereits vorbestellter Tickets. Abonnentinnen und Abonnenten erhalten die Eintrittskarten zu ihrem Abo-Preis.

—| IOCO Aktuell Theater Krefeld Mönchengladbach |—


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Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Don Pasquale – Gaetano Donizetti, IOCO Kritik, 14.02.2020

Februar 14, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Nationaltheater Mannheim, Oper

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 DON PASQUALE  –  Gaetano Donizetti 

– auf der ewigen Suche nach dem großen Glück-

von Uschi Reifenberg

Mit Gaetano Donizettis komischer Oper Don Pasquale in der Inszenierung von Cordula Däuper haben die Regisseurin und ihr Team ihrer erfolgreichen und beliebten Inszenierungsreihe am Mannheimer Nationaltheater ein weiteres „Highlight“ hinzugefügt. Nach Die Liebe zu drei Orangen, und Cenerentola, lässt Cordula Däuper keinen Zweifel, dass sie ein besonderes Gespür für Komödien jeglicher Stilrichtungen besitzt und für unterhaltsames und geistreiches Musiktheater steht. Ihre Personenführung ist handwerklich präzise ausgearbeitet und beweist auch hier mit viel psychologischem Feinsinn einen liebevollen und sensiblen Blick auf die Unterschiedlichkeit der vier Figuren und deren Innenleben und entkleidet sie jeglicher Schablonenhaftigkeit und trivialer Vordergründigkeit.

Die turbulente Handlung ist mit Witz und Leichtigkeit umgesetzt, die Einfälle sind erfrischend originell, bleiben nie an der Oberfläche, und auch die Slapstick und Comedy-Elemente verweisen in ihrer Ambivalenz immer auf den Kern des Werkes.

Don Pasquale – Gaetano Donizetti
youtube Trailer Nationaltheater Mannheim
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Cordula Däuper arbeitet die Aktualität des Komödienstoffes überzeugend heraus, indem sie das Stück in den 1960-er Jahren verortet mit ihrer Prüderie, der Doppelmoral, aber auch den aufklärerischen und antibürgerlichen Strömungen, die hier allerdings wenig thematisiert werden. Sie zeigt in der intimen Personenkonstellation die verdeckten Abhängigkeiten und unterdrückten Triebwünsche der Protagonisten, die der Komödienhandlung gegen Ende eine überraschende Wendung geben … Die Inszenierung erfreut mit skurrilen Bildern und farbenfrohen Requisiten und stellt mit ironischen Details regionale Verweise her, die das gut gelaunte Publikum mit vielen „Lachern“ goutierte.

Der zeitlose Plot des Don Pasquale ist bekannt und fast so alt wie die Gattung der Komödie selbst:  Ein alter und wohlhabender Mann möchte noch einmal eine junge Frau heiraten und wird von seiner Umwelt deshalb an der Nase herumgeführt und nach allerhand schmerzlichen Lektionen schließlich eines besseren belehrt.

Dieser im 16. und 17. Jahrhundert beliebte Lustspielstoff steht in der Tradition der Komödien Carlo Goldonis, Molières und Ben Jonsons, insbesondere aber der Typenkomödie der Commedia dell‘arte mit ihren standardisierten Figuren und Charakteren. Donizetti entwickelte die vier unterschiedlichen Commedia-Typen weiter und verlieh ihnen nicht nur psychologische Vielschichtigkeit und Individualität, sondern bereicherte das Werk im Stile des Belcanto durch Elemente der opera seria, sowie auch durch die Gefühlstiefe und Sensibilität der Romantik. Damit erhielt die Komödienintrige um den komischen Alten eine neue Qualität von Realitätsnähe und Lebendigkeit, da die opera buffa Anfang des 19.Jahrhunderts bereits als überlebt galt. Das Werk wurde in elf Tagen komponiert, Musik und Libretto, das auch von Donizetti selbst stammt, gehen hier eine enge Verbindung ein und wurde 1843 in Paris mit großem Erfolg uraufgeführt.

 Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale - hier : vl Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale, Nikola Diskic als Doktor Malatesta, Amelia Scicolone als Norina © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale – hier : vl Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale, Nikola Diskic als Doktor Malatesta, Amelia Scicolone als Norina © Hans Jörg Michel

Cordula Däuper stellt dem „dramma giocoso“ einen Prolog voran: Während der Ouvertüre sieht man drei Männer im spärlich möblierten Wohnraum im Haus Don Pasquales vor einem Fernseher in trauter Dreisamkeit versammelt. Wir befinden uns in den 1960-er Jahren in einer schmucklosen Reihenhaussiedlung mit Bürgersteig und Straßenlaterne, deren Einheitsgrau immer wieder durch entsprechende Beleuchtungswechsel  (Lichtregie: Damian Chmielarz)  eine andere Fokussierung erhält.  Man wird Zeuge kleinbürgerlicher Alltagsszenen, in denen vordergründig heile Welt herrscht, alles seine Ordnung hat und der nachbarliche Klatsch blüht. Das beeindruckende Bühnenbild von Silvia Rieger zeigt drei Häuserfronten, die variabel verschiebbar sind und unterschiedliche Perspektiven erlauben. Don Pasquales Haus ist nach vorne geöffnet und gibt Einblick in dessen Innenraum. Cordula Däuper verweist mit ihrer detailreichen und ironischen Milieuzeichnung auf den Filmemacher Jaques Tati als Inspirationsquelle, der durch präzise Schilderung alltäglicher Banalitäten die Skurrilität der jeweiligen Situationen freilegt. Es werden  immer wieder Rollläden hochgezogen, Blumen gegossen oder Hunde spazieren geführt.

Eigentlich könnte alles so bleiben wie es ist. Die drei Männer- Generationen haben sich in einer Art WG gemütlich eingerichtet und anscheinend ihr kleines Glück gefunden. Don Pasquale, ein ältlicher Endsechziger, mit libidinöser Bindung an sein Röhrenfernsehgerät, von Sophie du Vinage (Kostüme) wunderbar altbacken mit Silbermähne und Strickpullunder ausstaffiert, glaubt, nicht mehr viel vom Leben erwarten zu können. Ernesto, sein Neffe, mit Lockenmähne, Sweatshirt und trendiger Brille, ist ein sympathischer Jüngling, und der Dritte im Bunde, Pasquales Arzt und Vertrauter, Dottore Malatesta, mit strenger Frisur, beigem Anzug und verkrampfter Körpersprache. Wäre da nicht die junge und attraktive Norina, Kaugummi kauend, in knallgelbem Petticoat, auf ihrem Motorroller in die triste Spießeridylle eingebrochen und hätte dem unerfahrenen Ernesto gehörig den Kopf verdreht.

Norina hat sich für ihre Auftrittsarie in einer rosenumrankten Hollywoodschaukel niedergelassen, hinter ihr hängt in Brecht‘scher Manier ein idyllischer Himmelsausschnitt, sie flirtet mit jedem männlichen Spaziergänger und mischt das Wohnviertel gehörig auf.

Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale - hier : vl Statistin, Juraj Hollý als Ernesto © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale – hier : vl Statistin, Juraj Hollý als Ernesto © Hans Jörg Michel

Da Ernesto die mittellose Norina liebt und Pasquale um sein eigenes Vermögen bangt, entschließt er sich, Ernesto zu enterben und selbst zu heiraten. Eine Braut ist schon gefunden. Malatesta kündigt ihm seine Schwester Sofronia als personifizierte Tugend und Bescheidenheit an, was bei dem Alten omnipotente Männerfantasien auslöst. Plötzlich entsteigen der Unterbühne viele kleine „Pasquale-Doppelgänger“, die herumtollen und den Senior in einen Glückstaumel versetzen.

In der Arie: “Ach, ich fühl‘ des Feuers Glut“ wird aus dem lethargischen Langweiler ein verliebter Heiratswilliger in den besten Jahren, der zeigt, dass in ihm doch noch ungeahnte Kräfte schlummern. Pasquale weiß nicht, dass er Opfer einer Intrige ist, die Malatesta und Norina ausgeheckt haben, um ihm die Heiratspläne auszutreiben und Ernesto mit Norina ehelich zusammenzubringen.Seinen Abschied erklärt Ernesto mit dem tieftraurigen Bekenntnis, dem ein melodienseliges Trompetensolo vorgelagert ist „In der Fremde will ich weilen“ und während er im Schneegestöber vor Selbstmitleid vergeht, lässt die Regisseurin im Mini Format den Mannheimer Wasserturm, den Berliner Fernsehturm und den schiefen Turm von Pisa vorbeifahren, die Karikatur eines Hochzeitspaares mit ellenlanger Brautschleppe rührt den armen Ernesto zu Tränen, und sorgt beim Publikum für jede Menge Heiterkeit.

Sofronia ist die als Klosterschülerin verkleidete Norina, die als keusche Unschuld auftritt und Pasquale nach der Hochzeit das Leben zur Hölle machen soll. Pasquale versteckt sich zitternd vor Angst mit einem Blumenstrauß hinter seinem Vorhang, Norina erscheint im Kostüm, mit roten Stöckelschuhen und einem Schleier, der allerdings mehr an eine schicke Variante des „Hidschab“ erinnert und von Malatesta mit den Worten verteidigt wird: „Sie würde niemals wagen, den Schleier aufzuschlagen vor einem Mann…“ Als Sofronia dann doch den Schleier lüftet, fällt Pasquale vor Entzücken in Ohnmacht.

Für den Ehevertrag räumt Pasquale sogar den Fernseher kurz beiseite, das Mauerblümchen verwandelt sich in eine Furie, die Regie taucht die Szene in kaltes Licht, und Norina zertrümmert mit einer Hacke Pasquales Einrichtung und trifft eine Wasserleitung, die als Springbrunnen aus dem Boden sprudelt.

Im dritten Akt überschlagen sich die Gags, ein Höhepunkt jagt den anderen und die Regisseurin greift tief in die Klischeekiste. Der aufgelöste Pasquale sitzt inmitten seines demolierten Wohnzimmers neben der spritzenden Wasserleitung und trocknet seinen Fernseher mit einem Fön, die Hochzeitsnacht fällt aus. Norina trägt jetzt den Vorhang von Pasquales Fenster als Gewand und ohrfeigt ihren Angetrauten, was bei diesem zur Erkenntnis führt, die Megäre sofort wieder loszuwerden. Norina empfindet in diesem Moment Mitgefühl für ihren Angetrauten, die Musik wendet sich nach Moll und beide singen ein wunderschönes Duett, in herzlicher Abneigung vereint, auch wenn das Orchester etwas anderes zum Ausdruck bringt.

Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale - hier : vl Statist, Amelia Scicolone als Norina, Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Don Pasquale – hier : vl Statist, Amelia Scicolone als Norina, Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale © Hans Jörg Michel

In der Nachbarschaft blüht die Gerüchteküche, Damen in steifen Kostümen mit  Betonfrisuren und moralinsauren Mienen, Männer in grauen Anzügen, uniformierte Witzfiguren, die das ausschweifende Treiben im hochanständigem Wohnviertel argwöhnisch verfolgen. Das inszenierte Stelldichein von Ernesto und Norina im Garten führt nun jeden der Protagonisten seiner eigentlichen Bestimmung zu.

Zum konspirativen Treffen mit Malatesta erscheint Pasquale, von Aufputschmitteln zugedröhnt. Aus Frust wirft der bemitleidenswerte Mann eine Pille nach der anderen ein, die er auch dem verklemmten Dottore anbietet und Malatesta, durch den Pillenkonsum enthemmt, macht sich in erotischer Weise an Pasquale heran und beide erleben, turtelnd auf einer Bank, ihr „coming out“. Bäume schweben vorbei, die Szene ist in rosarotes Licht getaucht, ein (Playboy?) Hase hoppelt über die Bühne und auch der Dirigent im Orchestergraben trägt plötzlich Hasenohren. Die beiden Freunde, glücklich vereint, singen ihr  Parlando Duett und verschwinden schließlich Arm in Arm von der Bildfläche.

Im Schutz der Bäume, hinter denen jeweils ein Chorsänger versteckt ist, schwelgt Ernesto im Liebesrausch und singt sein Notturno-Ständchen mit Gitarrenbegleitung, in das Norina einstimmt, während Sterne vom Himmel leuchten und der Chor sich in der Baumgruppe dazu wiegt. Als die Maskerade aufgedeckt ist und Pasquale dem Paar seinen Segen und eine Jahresrente gibt, wird im schönster Donizetti Belcanto-Manier im Walzerduktus mit Trillern und Verzierungen die Moral vorgetragen: “Weiße Haare sollen nicht freien, um der Jugend Lockenkranz, sonst gibt’s böse Balgereien und mit allen Teufeln Tanz“. Fünf Jahre später sieht man Norina und Ernesto im häuslichen Familienglück, entsprechend gealtert, in ihrem Kleingarten, mit einer zahlreichen Kinderschar in bürgerlicher Selbstzufriedenheit.

Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale verfügt stimmlich wie darstellerisch über viele Facetten und ist ein Buffo- Komödiant im besten Sinne. Er bringt den von Irrungen und Wirrungen gebeutelten Gemütsmenschen glaubhaft zum Ausdruck und überzeugt mit seiner Wandlung vom zunächst tapsigen und genügsamen Senior zum energiegeladenen Mann in den besten Jahren. Seinen schönen und beweglichen Bass setzt er in allen Lagen mit Leichtigkeit ein, und glänzt mit viel Volumen in den Tiefen und mit Präzision in den schnellen Läufen.

Den Drahtzieher Malatesta gibt Nicola Discic ganz im Sinne des Regiekonzeptes mit eher defensiver und unfreier Haltung, der nur auf den richtigen Augenblick wartet, seine Pläne umzusetzen und seine wahren Neigungen zu offenbaren. Er verfügt über einen kernigen und tragfähigen Bariton, den er an den richtigen Stellen zum Strahlen bringt. Seine Diktion ist vorbildlich, ebenso seine klangliche Balance in den Duetten und Ensembles.

Amelia Scicolone ist eine extrovertierte, und bildhübsche Norina, die mit Delikatesse und Esprit viel Schwung in die Männerwirtschaft bringt und mit ihrer selbstbewussten Zielstrebigkeit und ihren Verführungskünsten klar die Richtung vorgibt. Ihre furiose Verwandlung von der Unschuld in eine Furie bringt ungeahnte Potenziale zum Vorschein.Ihr silberner, flexibler Sopran erreicht mühelos dreigestrichene Regionen und lässt Donizettis Koloraturen, Triller und Verzierungen in den schönsten Farben leuchten.

Als schüchterner Ernesto scheint Juray Holly das Gegenstück zur temperamentvollen Norina zu sein, der sich zunächst mit Sanftmut und Resignation in sein Schicksal ergibt. Aber Gegensätze ziehen sich an, und nach all den Turbulenzen ist er am Ende als junger Liebhaber ein Stück erwachsen geworden. Juray Holly besitzt einen klangvollen und leicht ansprechenden lyrischen Tenor mit weichem Timbre, der vor allem mit poetischer piano- Innerlichkeit und verhaltenem Ausdruck besticht. Stephan Somburg als Notar komplettierte mit klangvollem Bass  und Spielfreude das bestens abgestimmte Ensemble.

Janis Liepins, erster Kapellmeister am NTM, führt das Orchester stilsicher und mit Spielfreude durch Donizettis Partitur, behält stets die Kontrolle über Bühne und Graben, auch an den virtuosen Parlando Stellen, die er mit Lockerheit und Präzision serviert. Der Klang ist farbig aufgefächert, könnte aber etwas mehr Transparenz vertragen. Mit stringenten Tempi gelingen ihm klare Linien und beeindruckende Steigerungen. Hervorzuheben sind die Instrumentalsoli von Cello und Trompete, die mit ihren ausdrucksstarken Kantilenen überzeugen. Der Chor ( Leitung: Dani Juris) bewältigt seine aktionsreichen Auftritte blendend und mit vokaler Brillanz.

Ein vergnüglicher Opernabend mit Tiefgang, der lange nachklingt. Viel Beifall vom begeisterten Publikum im fast ausverkauften Opernhaus.

Don Pasquale besprochene Vorstellung 5.02.2020, Premiere: 31.01.2020, weitere Vorstellungen  15.2.; 23.2.; 1.3.; 7.3.; 21.3.2020

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

 


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Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Don Pasquale – Gaetano Donizetti, 31.01.2020

Januar 23, 2020 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Don Pasquale  – Gaetano Donizetti

 Premiere Freitag, 31. Januar 2020, B-Premiere  Freitag, 7. Februar

»Don Pasquale, ein alter Junggeselle, altmodisch, geizig, leichtgläubig, eigensinnig, im Grunde ein guter Kerl. Doktor Malatesta, Arzt, ein findiger Kopf, zu allen Scherzen gern aufgelegt, unternehmungslustig. Ernesto, Neffe des Don Pasquale, jung, glücklicher Liebhaber von Norina. Norina, eine junge Witwe, sprunghaftes Naturell, unfähig Widerspruch zu ertragen, aber aufrichtig und gefühlvoll.« So charakterisiert Gaetano Donizetti die Hauptfiguren seines Meisterwerks Don Pasquale aus dem Jahr 1843:

Eine zeitlose Geschichte, Belcanto auf seinem Höhepunkt, perlende Leichtigkeit und ein zupackendes Orchester – das alles ist Gaetano Donizettis Meisterwerk Don Pasquale aus dem Jahr 1843. Cordula Däuper inszeniert die tragikomische Geschichte um einen alten Mann, der um eine junge Frau wirbt und dabei nach allen Regeln der Kunst hinters Licht geführt wird. Cordula Däuper hat an der Oper des Nationaltheaters bereits mehrfach ihr Geschick mit der Gattung der Komödie bewiesen – mit der charmanten Inszenierung von Die Liebe zu drei Orangen und ihrer hochkomisch kommentierten »Aschenputtel«-Familienversion. Auch die rasante Beziehungskomödie Don Pasquale wird in ihren Händen wieder zum großen Familienspaß (Familienpreise werden angeboten).

Die Premiere der A-Besetzung mit Bartosz Urbanowicz als Don Pasquale und Amelia Scicolone als Norina sowie mit Nikola Diskic, Juraj Hollý, Stephan Somburg und dem Opernchor findet am Freitag, 31. Januar um 19 Uhr statt. Beide Premieren dirigiert der 1. Kapellmeister Janis Liepics.

Die B-Premiere folgt am Freitag, 7. Februar um 19.30 Uhr mit Patrick Zielke als Don Pasquale, Nikola Hillebrand als Norina und in weiteren Rollen Ilya Lapich, Joshua Whitener und Hee-Sung Yoon sowie dem Opernchor des NTM.  Weitere Vorstellungen finden am 5., 15. und 23. Februar (mit Verleihung des Bloomaulordens im Anschluss an die Vorstellung) statt sowie am 1., 7. und 21. März (Festlicher Opernabend mit Levy Sekgapane als Ernesto und Kristina Mkhitaryan als Norina), 11. April, 2. Mai sowie 9., 17. und 28. Juni.

Karten sind ab 12 Euro (ermäßigt 6,50 Euro) an der Theaterkasse unter T 0621 16 80 150 oder unter www.nationaltheater-mannheim.de erhältlich.

Außerdem werden für alle Vorstellungen (ausgenommen die Premiere am 31. Januar sowie der Festliche Opernabend am 21. März) Familienpreise angeboten: Eltern in Begleitung der Kinder bis 13 Jahre erhalten 15 Prozent Ermäßigung; begleitende Kinder erhalten 50 Prozent Ermäßigung.

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—


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