Berlin, Deutsche Oper Berlin, DOB Spielzeit 2018/19 – Eröffnungsfest, IOCO Aktuell, 01.09.2018

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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

1.9.2018:  Spielzeiteröffnung der Deutschen Oper Berlin

„Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest“

Von Kerstin Schweiger

Ein Haus und 666 Gastgeber: Die Deutsche Oper Berlin und das Staatsballett Berlin luden zur Spielzeiteröffnung in die Deutsche Oper Berlin ein und feierten an einem hellen Nachmittag bis in die Nacht hinein ein Fest mit tausenden Besuchern. Doch eigentlich kam das Opernhaus seinem Publikum – und gerade auch denen entgegen -, die aus verschiedenen Gründen noch keinen Zugang zu diesem Haus nicht gefunden haben, um den Beginn der Spielzeit 2018/2019 gemeinsam zu feiern.

„Besonders aber laßt genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
(…) Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus“

Das Kraftwerk Oper brummte und klang. Auf dem Vorplatz, im Restaurant, in den Foyers, auf den Probebühnen, in Probensälen, Musikzimmern und in der Tischlerei, der kleinen Spielstätte der Oper, zeigten die gut gelaunten, engagierten Spielmacher, was Oper kann, und vor allem, wie viel Spaß Oper machen kann: Vom „Bügeln wie die Profis“ der Ankleideabteilung bis zu individuellen, aus Wunschstoffen genähten Tütüs für kleine Prinzessinnen war das Foyer ein Mitmach-Parcours für kleine und erwachsene Kinder. Das Orchester der Deutschen Oper erwies sich als wahrhaft musikalisches Chamäleon: Salonorchester, Tango- oder Big Band. Stipendiaten des Förderkreises gaben erste gesangliche Kostproben.

Deutsche Oper Berlin / Fest zur Eröffnung der Spielzeit 2018/19 © Kerstin Schweiger

Deutsche Oper Berlin / Fest zur Eröffnung der Spielzeit 2018/19 © Kerstin Schweiger

Einblicke in musikalische und szenische Ausschnitte aus den Produktionen der aktuellen Spielzeit fanden sich überall, auf kleinsten Podesten wie auf der Hauptbühne. Besonders schön und begehrt: die vielen Angebote für Kinder. Schminken, Mittanzen und jede Menge gelber Luftballons, die beim Zerplatzen zahlreiche musikalische Akzente setzten. Das Musikinstrumentenmuseum im Foyer des ersten Ranges bebte von wunderbar hingepupsten Trompeten- und Posaunenklängen kleiner Musiker.

„Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen
Probiert ein jeder, was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen“

In einer Technikshow präsentierte sich die neue Bühnenmaschinerie, nach der Wasserhavarie, die Anfang des Jahres die Technik fast außer Betrieb setzte und monatelange, großartige ersonnene, Notfallmaschinerie und –Beleuchtung erforderte, ein glücklicher Moment. Was kein Zuscahuerauge sonst zu sehen bekommt, entdeckten Besucher bei den sehr begehrten Rundgängen hinter der Bühne. Kabel und Scheinwerfer, Inspizientenpult und hohe Kulissenmagazine waren als überraschende, verborgene Orte zu erkunden.

Durch die Foyers flanierten Ritter in schimmernden Rüstungen, das Publikum genoss selbst Verkleidungen und wählte dafür unter rund 300 Kostümen und Kostümteilen von Biedermeier bis Mittelalter, von der Königskrone bis zum Zylinder. 200 Bärte und 60 Perücken hat die Maske hervor- und interessierten Besuchern angezaubert.

Deutsche Oper Berlin / Fest zur Eröffnung der Spielzeit 2018/19 _ Ein Hinweisschild © Kerstin Schweiger

Deutsche Oper Berlin / Fest zur Eröffnung der Spielzeit 2018/19 – Ein Hinweisschild © Kerstin Schweiger

Selbst die neuen T-Shirts der Deutschen Oper, gestaltet von dem Zeichner und Illustrator Christoph Niemann, dessen Bilder und Zeichnungen die Spielzeit im Foyer porträtieren, tragen die Oper nach draußen. Sie enthalten Stilelemente der markanten Fassade des Hauses und machen so alle T-Shirt-Träger zum Botschafter des Opernhauses.

Ergänzend strahlte die graue Außenmauer des Parkhauses der Deutschen Oper als Pop Up-Paste Streetart-Galerie. In Zusammenarbeit mit dem Kunstprojekt „Wandelism“ rufen hier phantasievolle Paste-Collagen – mit Leim aufgeklebte Plakate – noch bis Ende Oktober ein interessiertes, smart fotografierendes, Publikum in die Oper als Ort, an dem noch mehr Überraschungen lauern.

„Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
Gelassen da und möchten gern erstaunen“

Dietmar Schwarz © IOCO

Dietmar Schwarz © IOCO

Die stärkste Chorbesetzung an diesem Ort ließ den vollbesetzten Zuschauerraum zum Extrachor werden. Die smarteste Geste machte Intendant Dietmar Schwarz selbst: zusammen mit Ensemblemitglied Alexandra Hutton las er pointiert und augenzwinkernd aus „fiesen Kritiken“ zu den Produktionen der vergangenen Spielzeit und versenkte den „Inszenierungsmüll“ anschließend galant in der Abfalltonne.

Der Theaterdirektor und seine 665 Mitstreiter können also gespannt der kommenden Spielzeit entgegen sehen.

 


„Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
Und mit gewaltig wiederholten Wehen
Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;
Bei hellem Tage, schon vor vieren,
Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht
Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,
Um ein Billet sich fast die Hälse bricht“

 

https://deutscheoperberlin.de/de_DE/calendar/premiere

Paste-Up Festival bis 31. Oktober 2018

—| IOCO Aktuell Deutsche Oper Berlin |—


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Berlin, Deutsche Oper Berlin, Lady Macbeth von Mzensk, IOCO Kritik, 19.04.2018

April 21, 2018 by  
Filed under Deutsche Oper Berlin, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch

“Warum bleib’ ich ohne Freude?
Warum nimmt man mir jedes Recht zu leben?”   

Von Karin Hasenstein

“Warum bleib’ ich ohne Freude? Warum nimmt man mir jedes Recht zu leben?”  fragt sich Katerina Lwowna Ismailova, die Titelheldin in Lady Macbeth von Mzensk, der zweiten Oper von Dmitri Schostakowitsch.

„Die Hölle auf Erden“

Die Parallele im Titel zu Verdis Oper Macbeth bzw. zur Lady Macbeth ist sicher nicht zufällig gewählt. Dennoch hüte man sich davor, die beiden Damen in eine Schublade zu stecken. Während Verdis Lady Macbeth tatsächlich eine grausame Gestalt ist, wird die sanfte Katerina erst als Opfer der Umstände zur Mörderin. Der Zuschauer identifiziert sich mit ihr und kann jede Gewalttat nachvollziehen. Die Deutsche Oper Berlin zeigt diese Oper in einer Koproduktion mit Den Norske Opera & Ballett, Oslo. Regisseur Ole Anders Tandberg geht bei seiner Inszenierung sehr eng von der Musik aus, was sich als erfreulich erweist. Das hindert ihn nicht daran, die Handlung in ein Fischerdorf auf eine kleine Insel zu verlegen, jedoch ist diese Welt völlig stimmig und schlüssig durchinszeniert. So stellt sich der Wohlstand des Kaufmanns Sinowij Ismailov nicht durch reich gefüllte Kornspeicher dar, sondern durch üppige Fischfänge.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Evelyn Herlitzius als Katerina Ismailowa © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk – hier : Evelyn Herlitzius als Katerina Ismailowa © Marcus Lieberenz

Bühnenbilder Erlend Birkeland hat sich dabei klar von der norwegischen Landschaft inspirieren lassen und eine Szene erschaffen, die in ihrer Verlassenheit und Trostlosigkeit ebenso gut in den Weiten Russlands liegen könnte. Überhaupt nutzt Tandbergs Inszenierung sehr stark Symbole. Das auffälligste ist wohl die Banda, eine Blaskapelle, die immer an besonders dramatischen Schlüsselszenen auftritt und dabei oft ausgesprochen grotesk wirkt, nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass sich die vermeintlichen Damen bei näherem Hinsehen als Herren entpuppen. Ein weiteres sind die Fische, die anstelle von Kornsäcken gehortet werden. An dieser Stelle ein Kompliment an die Werkstätten der DOB für die wunderbar naturgetreuen Fischmodelle, fast glaubt man, den Fischgeruch wahrzunehmen… Im letzten Akt ist es die kahle Insel, die mit ihren nackten Felsen für die Verlorenheit und Ausweglosigkeit der Menschen steht.

I.  Akt: Katerina, die junge Frau des reichen Kaufmanns Sinowij Ismailov, beklagt die Leere in ihrem einsamen, langweiligen Leben: “Ich sterbe noch vor Langeweile…” Ihr Schwiegervater Boris gibt ihr die Schuld an der Kinderlosigkeit der Ehe und klagt sie an, weil sie ihm keinen Erben schenkt. Auf der mit einer kleinen Felseninsel bedeckten Drehbühne stimmt der Chor ein Klagelied an. Katerinas Ehemann wird als Trottel bezeichnet und von der Regie in Kostümierung (Kostüme: Maria Geber) und Personenführung konsequent so dargestellt. Boris schickt seinen Sohn zu einem entfernten Lagerhaus, die Arbeiter singen, Katerina soll ihm treu sein, doch tatsächlich weint sie ihm keine Träne nach, da sie in dieser Ehe keine Erfüllung findet.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk - hier : Ensemble © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk – hier : Ensemble © Marcus Lieberenz

Es folgt eine beklemmend intensiv dargestellte Vergewaltigungsszene, in der sich Köchin Aksinja gegen die Übermacht der geilen Arbeiter wehren muss, aber kaum eine Chance gegen die zahlreichen körperlich überlegenen Männer hat. Katerina tritt hinzu und erlöst Aksinja nach quälenden Minuten voller obszöner Beleidigungen und Demütigungen. Boris taucht auf und schickt alle wieder an die Arbeit. Katerina sehnt sich nach Zärtlichkeit und körperlicher Liebe: “Alles paart sich: der Hengst läuft der Stute nach… wer aber kommt denn jemals zu mir? Wer liebt mich, bis ich vor Erschöpfung nicht mehr kann?”

Erfüllung naht in Gestalt des neuen Arbeiters Sergej. Auf die leisen Streicher und die sehnsuchtsvolle Klarinette folgt eine krude Beischlafs-Musik, die bereits das Gewalt-Motiv vorstellt und dem Hörer verdeutlicht, dass dieses für Katerina wohl nicht der Weg zum Glück ist. Hier taucht zum ersten Mal die schräge Banda auf, eine ekstatische Musik mit viel Blech und dem für Schostakowitsch so typischen Schlagwerk. Figuren und Musik machen sich lustig über den gehörnten Ehemann, der – kaum aus dem Haus – von seiner Frau betrogen wird, die dem Fremden schenkt, was sie ihrem Mann verwehrt.

II. Akt: Boris schleicht um Katerinas Schlafzimmer herum. Er erinnert sich seiner Jugend und verspricht “Heiße Nächte würde ich dir machen!“ In diesem Walzer fühlt man sich unwillkürlich an den Ochs aus dem Rosenkavalier erinnert, der in der Arie “Mit mir, mit mir… keine Nacht dir zu lang!“ dem Mariandl Ähnliches verspricht. Boris entdeckt, dass Sergej bei Katerina war. Eigentlich wollte er an Katerina erfüllen, was seinem Sohn bisher nicht gelang. Als er entdeckt, dass er zu spät kommt, lässt er Sergej brutal auspeitschen und im Keller einsperren. Auch diese Gewaltszene wird wieder sehr drastisch und detailliert dargestellt, musikalisch illustriert durch Xylophon und Schlagwerk im Rhythmus der Peitschenschläge.

Nun greift auch Katerina zu drastischen Mitteln: sie mischt ihrem Schwiegervater Rattengift unter das Pilzgericht, um Boris den Schlüssel abzunehmen und Sergej zu befreien. Boris fühlt sein letztes Stündlein kommen, man holt den Popen, doch ehe Boris beichten kann, hat das Rattengift seine Wirkung entfaltet. Katerina lenkt den Popen ab und klagt, wer nun für sie sorgen werde. Zur Totenmesse und dem Gebet für Boris’ Seele tritt Banda auf;  lautes schräges Blech führt die ganze Situation ad absurdum.

Katerina schlägt ihr Lager neben Sergejs auf und verspricht, ihn zu heiraten. Aber sie weiß auch “Bald ist unsere letzte Liebesnacht”, denn auch wenn der Schwiegervater beseitigt ist, so weiß sie, dass ihr Mann bald zurückkehren wird. Nun tritt Boris’ Geist auf und verflucht Katerina, seine Mörderin. Sinowij kehrt zurück und wird ebenfalls ermordet. Zu ruhiger Moll-Harmonik küssen sich die Liebenden über der Leiche und Katerina beruhigt Sergej “Jetzt bist du mein Mann!“

III Akt: Hochzeitstag. Der Schäbige, auf der Suche nach Alkohol, riecht den Wodka und findet die Leiche. “Mord! Polizei!” ruft er und wieder wird die Szene untermalt von der Banda. Man schwankt zwischen Faszination und dem Gedanken “Nein, nicht die schon wieder!” Zum komischen Moment an diesem so ernsten Abend wird der Auftritt der Polizei; vor dem Vorhang dargestellt vom Herrenchor in norwegischen Polizei-Uniformen; mit Bügelbrett und Bügeleisen bewaffnet vermitteln sie – hier herrscht Ordnung! – genau das vermittelt die Nummer “Ordnung schafft die Polizei!” Dumm nur, dass man vergessen hat, den Polizeichef zur Hochzeitsfeier einzuladen! So rückt die Polizei eben uneingeladen an, um der Anzeige des Schäbigen auf den Grund zu gehen.

Die Inszenierung der Hochzeitsfeier spielt wird einmal mehr mit Klischees; Wodka fließt in Strömen, wird gar aus Wasserkanistern “genossen”. Katerina versucht noch, Sergej zur Flucht zu überreden, jedoch es ist zu spät und sie werden festgenommen. Auch diese Szene wird von der Banda kommentiert. Um die wahren Machtverhältnisse noch einmal zu demonstrieren, wird Katerina im Brautkleid vom Polizeichef vergewaltigt.

IV. Akt:  Das kleine Haus auf der Insel ist verschwunden, wir befinden uns in einem Gefangenlager. Sergej und Katerina sind auf dem Weg in die Verbannung. Der Chor beschreibt die Strapazen des Weges: “Wer hat die Meilen gezählt?” Trauer und Hoffnungslosigkeit in der Musik werden durch eindringliche Bilder auf der Bühne, abgerissene, schmutzige gebrochene Menschen, zum Teil in Unterwäsche, und sensibel eingesetztes Licht, unterstrichen. Die Gefangenen haben jede Hoffnung verloren. Es wird jedoch nicht nur das Einzelschicksal Katerinas und Sergejs beschrieben; das ganze Volk wird durch die Darstellung der zur Zwangsarbeit Verurteilten angesprochen.

Katerina liebt Sergej noch immer. Sie besticht eine Wache, damit sie zu ihm gelangen kann. Dieser klagt sie jedoch an “Du hast mein Leben zerstört!” Er hat inzwischen eine andere Geliebte und bittet Katerina um ihre warmen Strümpfe für Sonjetka. Katerina gibt sie ihm aus Liebe und muss schließlich eine Liebeszene zwischen Sergej und Sonjetka mit ansehen. Das harte Gegenlicht unterstreicht die Kälte, mit der Sergej handelt. Der Chor stimmt ein Klagelied an Irgendwo im Wald liegt ein See. Das Wasser ist so schwer wie ihr Gewissen.“ Katerina muss erkennen, dass Sergej sie nicht mehr liebt; sie verhöhnt. Während die Gefangenen weiterziehen, erwürgt Katarina Sonjetka, reißt sie mit in die Tiefe, beide ertrinken. Ein Klagelied erklingt, da capo.

Der Stoff, den Schostakowitsch hier vertont hat, ist schwere Kost. Die Orchestrierung ist, typisch für Schostakowitsch, stark in den Holzbläsern besetzt, aber auch das schwere Blech setzt starke Akzente. Mit großem Schlagwerk vermittelt sich die Brutalität der Handlung durch eindringliche Rhythmen und große Dynamik.

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk- hier: Katerina und der Schäbige © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin / Lady Macbeth von Mzensk- hier: Katerina und der Schäbige © Marcus Lieberenz

Donald Runnicles führt das Orchester der Deutschen Oper souverän durch den Abend. Er präsentiert sich einmal mehr als erfahrener Begleiter für die Solisten mit sängerfreundlicher Dynamik und perfekten Tempi. Der Chor sowie die Herren des Extrachores (Einstudierung Jeremy Bines) beeindrucken mit deutlicher Diktion und sauberen Wegnahmen und folgen Runnicles‘ Dirigat präzise. Insbesondere im letzten Akt besticht der Chor durch flexible Dynamik und vermittelt mit großem Ausdruck die Hoffnungslosigkeit der Gefangenen auf ihrem Weg in die Verbannung.

Bei den Solisten sei voran Evelyn Herlitzius als Katerina erwähnt. Die als Strauss-Interpretin bekannte Sopranistin verfügt über einen jugendlich-dramatischen Sopran, der wunderbar zur Rolle der Katerina passt. Im ersten Akt noch mit etwas viel Metall in den Höhen wird ihre Interpretation in den folgenden Akten immer überzeugender und ergreifender. Hinzu kommen ihre starke Bühnenpräsenz und große Glaubwürdigkeit, mit der sie die verzweifelte und zerrissene Persönlichkeit verkörpert. Sergey Poljakow ist ihr ebenbürtiger Partner, der die Rolle des Sergej überzeugend und mit tenoraler Strahlkraft ausfüllt.

Wolfgang Bankls kraftvoller Bass passt gut zur Rolle des plumpen und brutalen Boris. Bankl scheut sich auch nicht vor “schmutzigen” Tönen, die es aber braucht, um diesen Charakter glaubhaft darzustellen. Sehr beeindruckend auch die Szene als Geist, dessen Auftritt fast ein wenig an die Szene des Komturs in Don Giovanni erinnert. Ensemblemitglied Thomas Blondelle gibt den gehörnten Ehemann Sinowij mit lyrischem Tenor und verleiht ihm so viel Tragik, dass er einem fast schon leid tut. Ist es auch eine relativ kleine Rolle, so legt er doch viel Begeisterung hinein und überzeugt das Publikum durch große Spielfreude. Burkhard Ulrich hat als Schäbiger einen kurzen aber eindrucksvollen Auftritt und überzeugt als fieser Verräter. Die Rolle der Sonjetka ist mit der Walter-Sandvoss-Stipendiatin Vasilisa Berzhanskaya perfekt besetzt.

Alles in allem wurde an diesem Abend eine großartige Ensembleleistung präsentiert, die vom begeisterten Publikum mit anhaltendem Applaus und zahlreichen Bravi entsprechend gewürdigt wurde. Die Intensität, mit der vor allem Herlitzius und Poljakow agierten, wirkte lange nach. Ein doppelter Wodka – wie in der Vorstellung – schien auch nach der Vorstellung wahrhaft angebracht.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—


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Berlin, Deutsche Oper Berlin, Die Hugenotten von Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritik, 15.2.2017

Februar 15, 2017 by  
Filed under Deutsche Oper Berlin, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Wem die Stunde schlägt

Meyerbeers Glaubenskriegs-Oper „Die Hugenotten“ erschreckend aktuell

Von Hanns Butterhof

Ku-Klux-Klan-Kreuze brennen, und wehrlose „Ungläubige“ fallen unter Schüssen, die im Namen Gottes von seinen fanatischen,  selbstermächtigten Kriegern abgefeuert werden. Giacomo Meyerbeers Glaubenskrieg-Oper Die Hugenotten von 1836, die von der Deutschen Oper Berlin im Zuge ihrer musikhistorischen Meyerbeer-Erkundung ins Programm genommen wurde, erweist sich als erschreckend aktuell.

Deutsche Oper Berlin / Die Hugenotten © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Die Hugenotten © Bettina Stoess

Das große geschichtliche Drama der Bartholomäus-Nacht, in der 1572 Tausende in Paris versammelte Hugenotten von Katholiken ermordet wurden, spielt auf der von Giles Cadie gebauten Bühne unter dem rohen Gebälk eines Dachstuhls. Zur Ouvertüre wird eine schwere Kirchenglocke hinaufgezogen, die von da an nur darauf wartet, wem sie die Stunde schlägt. Die Drohung, die von ihr ausgeht, ist immer spürbar, selbst wenn sie einmal kurz durch einen Vorhang, eine Wand mit finsteren Adelsportraits oder Rokoko-Architektur verdeckt wird.

Die blutige Historie ist die Staffage für eine Liebesgeschichte à là Romeo und Julia. Der  Adlige Raoul de Nangis (Yosep Kang), ein Heerführer der Hugenotten, liebt Valentine de Saint-Bris (Olesya Golovneva), die Tochter des Anführers der Katholiken. Es braucht bei einigen  Verwicklungen vier Akte, bis sich beide ihre Liebe gestehen, und nur wenige Minuten, in denen sie gleich nach ihrer Not-Trauung getötet werden.

Mit einnehmendem warmen Sopran gewinnt Olesya Golovnevas Valentine die Kontur einer liebenden Frau, die sich ihre Gefühle nicht von der Konfession diktieren lässt. Dagegen bleibt die Figur des Raoul blass. Zwar tritt er als Heerführer auf, ist aber eher ein Womanizer, dem selbst Marguerite (Siobhan Stagg), bald Königin von Navarra, fast erliegt. Wohl zu Recht gibt Yosep Kang dem unentschiedenen Salonlöwen wenig heldischen Tenorglanz. Erst im anrührenden Liebesduett mit Valetine im vierten Akt blüht er lyrisch auf. Dabei versäumt er, seine Glaubensbrüder frühzeitig vor der Gefahr zu warnen, die ihnen droht. Für einen Soldaten erstaunlich kampflos fällt er dann an der Seite Valentines.

Spannender als die private und die fünf Stunden der Aufführung rechtfertigend ist die Entwicklung des politischen Hintergrunds. Anfangs steht ein polyphoner, hedonistischer Katholizismus dem strengen Hugenottentum gegenüber, das sich noch im Bürgerkriegsmodus befindet. Während der katholische Lebemann Graf de Nevers (Thomas Lohmann) ein Fest zur Überwindung der Konfessionsschranken gibt, stimmt Raouls Diener Marcel (Ante Jerkunica) unversöhnlich hugenottische Kampflieder an.

Deutsche Oper Berlin / Die Hugenotten © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Die Hugenotten © Bettina Stoess

Mit profundem Bass wird Ante Jerkunica stimmlich wie szenisch zur eindrucksvollsten Figur der Oper. Anfangs scheint er nur ein überständiger Sonderling in der liberalen Nachkriegs-Spaßgesellschaft zu sein. Doch in  dem Katholikenführer de Saint-Bris (Derek Welton) hat er ein ebenso fundamentalistisches Gegenstück, das dem Frieden nicht  traut. Es braucht nur die Furcht davor, selbst Opfer der Andersgläubigen zu werden, und schon bricht der Krieg wieder aus. Die erst so sinnenfrohen Katholiken fallen übergangslos im Namen Gottes über die Hugenotten her und ermorden rücksichtslos alle, die nicht auf ihrer Seite stehen. Darunter ist auch de Nevers, dessen Adelsstolz sich gegen das unehrenhafte Komplott seiner katholischen Glaubensbrüder aufgelehnt hatte.

Ohne bemühte Aktualisierung – nur die Kostüme Constance Hoffmanns deuten Überzeitlichkeit an – weist Regisseur David Alden über die Referenz an Meyerbeers vergnügungssüchtiges Opern-Publikum hinaus. Seine „Hugenotten“ zeigen mit den operettenhaften, den Klamauk streifenden Elementen der ersten Akte unsere Gegenwart, in der auch eine hedonistische Gesellschaft ein Friedensgefühl feiert, an das sie selbst schon nicht mehr glaubt und dabei ängstlich auf den Schlag der Glocke wartet.

„Die Hugenotten“ bieten eine Fülle szenischer und musikalischer Reize. Ido Arad am Pult  malt die Gegensätze der Partitur zwischen frommem Choral und mörderischem Kriegsgeschrei, zwischen idyllisch im luftleeren Raum schwebender Vision und bigott düsterer Verschwörung mit kräftigen Farben aus; die kurze, stille Liebe lässt er im Kriegslärm schrecklich hoffnungslos untergehen.

Nach der fünfstündigen, französisch gesungenen, deutsch und englisch übertitelten Aufführung gab es viel Beifall für Ido Arad und das Orchester der Deutschen Oper, den von Raymond Hughes gut eingestimmten, vielseitig geforderten Chor und das ausgewogen besetzte Ensemble. Er galt vor allem Ante Jerkunica, der koloraturfreudigen Siobhan Stagg und Irene Roberts in der Hosenrolle des Pagen Urbain, sowie Olesya Golovnena und Yosep Kang. Besuchte Vorstellung 4.2.2017.


Am 5.2.2017 stand Richard Wagners Oper „Lohengrin“ auf dem Spielplan. Die Aufführung mit dem begeisternd jugendlich strahl-hellen Tenor Klaus Florian Vogt als Lohengrin überzeugte musikalisch unter der Leitung von Donald Runnicles, ließ aber in der Regie Kasper Holtens viele Fragen offen.

Deutsche Oper Berlin /Lohengrin © Marcus Lieberenz

Deutsche Oper Berlin /Lohengrin © Marcus Lieberenz

Sein Lohengrin ist ein machtgieriger Populist, der die an seine Gottgesandtheit glaubenden Brabanter wagnerwidrig in den Krieg führt. Im Rückblick auf „Die Hugenotten“ wächst dagegen  der Figur des Raul de Nagis mehr Lohengrin-Charakter zu. Er setzt übermenschlich viel Vertrauen in den Friedenswillen der verfeindeten Religionen. Weil er sich zu sehr der Liebe verschreibt, sieht er nicht die drohende Gefahr und scheitert, weltfremd. Zwischen den Positionen des Holtens’schen Lohengrin und Meyerbeers de Nagis möchte man nicht wählen müssen. Gegenwärtig ist zu befürchten, dass es das Weltkind in der Mitte ist, dem die Stunde schlägt.

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

 


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