Lyon, Opéra de Lyon, Premiere Aus einem Totenhaus – Leos Janacek, 21.01.2019

Dezember 21, 2018 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

  Aus einem Totenhaus –  Leos Janácek

– Ohne Helden –

Premiere 21.01.2019 weitere Termine: 23., 25., 27., 29., 31.01., 02.02.2019

Als Bearbeitung von Dostojewskis Aufzeichnungen Aus einem Totenhaus (1862) stellt Leos Janaceks letzte Oper auch den Höhepunkt seiner Opernkunst dar. Der russophile, patriotische tschechische Komponisthat Dostojewskis Werk selbst übersetzt und dessen halbdokumentarischen Charakter auf der Bühne beibehalten. Sein Libretto kommt ohne Hauptfiguren undohne durchgehende Handlung aus. Die Protagonisten sind die Gefangenen eines sibirischen Straflagers und jeder Akt enthält Schilderungen des Gefängnisalltags sowie Geschichten, die mit einem der Häftlinge im Zusammenhang stehen: Skuratov hat einen Deutschen umgebracht, mit dem seine Liebste zwangsverlobt wurde; Siskov hat seine Frau ermordet, die sichin einen anderen Mann verliebt hat …

Spannungsgeladene Harmonien

Die Abfolge der verschiedenen Episoden, die die schrecklichen Schicksale im grauen Lageralltag erzählen, entspricht den Kompositionsprinzipien Janaceks. Er versuchte in seiner Musik, eine objektive Tonwahrheit umzusetzen, bevorzugte die freie Aneinanderreihung von Akkorden. Die Motive folgen aufeinander und werden ständig variiert. Sie sind stark von der gesprochenen Sprache beeinflusst, für deren Formen und Strukturen, Betonungen undIntonationen sich der mährische Komponistsein ganzes Leben lang interessierte.Seine knappe und für ihn typisch sparsame Orchestrierung wird hier mit erstaunlichenFarbwerten verstärkt, wobei er beiden einzelnen Instrumentengruppen zu extremen Klangkombinationen neigt. In der Opéra de Lyon wird der argentinische Dirigent Alejo Perez diese ungewöhnlich dichte Partitur zum Klingen bringen. Der ehemalige Assistent von Péter Eötvös, der das Ensemble intercontemporain geleitet und sein Debut in Frankreich 2005 in Lyon mit Pollicino von Hans Werner Henze gegeben hat, ist ein profunder Kenner des Repertoires des 20. Jahrhunderts.

Eine große Herausforderung für Warlikowski

Dieses markante Werk aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist heute von Patrice Chéreaus Regiearbeit geprägt. Bei den Wiener Festwochen 2007 brachte dieser unter der musikalischen Leitung von Pierre Boulez eine Inszenierung heraus,bei der ein ausgeprägter theatralischer Realismus mit dem großartigen Bühnenbild zusammen traf. Dieses wies über die unterschiedlichen Formen von Konzentrationslagern hinaus – von den zaristischen Kerkern Dostojewskis bis zu den sowjetischen Arbeitslagern der 1920er Jahre, die schließlich im Gulag enden sollten. Das Gefängnis selbst nahm vom Werk Besitz und wird neben den Sträflingen zur Protagonistin. Die Arbeit von Krzyzstof Warlikowski beruht auf denselben Grundlagen. Seine Nähe zum Theater ist offensichtlich. Die Sänger sind auch bei ihm Schauspieler, deren Darstellung ständig hinterfragt und perfektioniert wird. Seine Arbeit mit der Sopranistin Barbara Hannigan bei Lulu oder La Voix humaine liegt weit jenseits von dem, was Opernproduktionen gemeinhin an Dramatik an sich haben. Und schließlich verleiht seine Fähigkeit, widersprüchliche Raum-Zeit Begegnungen auf der Bühne herbeizuführen, seiner Arbeit eine Tiefe, die im schlechtesten Fall fasziniert, im besten Fall Tore zu einem neuen Verständnis aufstößt. Wie wird sich der Regisseur aus dem erdrückenden Erbe Chéreaus lösen, dem so viele anderegefolgt sind, und seinen persönlichen Zugang unter Beweis stellen?

Die Hölle und das Licht
Über die Produktion von Krzysztof Warlikowski

Ganz bewusst wollte Krzysztof Warlikowski während der Vorbereitungsphase dieser Inszenierung die Erzählung vonDostojewski nicht noch einmal lesen. In seinen Zwanzigern war das Werk des russischen Dichters, genau wie die Werke anderer großer europäischer Autoren, für ihn von essenzieller Bedeutung gewesen. Einige der Figuren aus Die Brüder Karamasow, Der Idiot und Schuld und Sühne sind tief in sein Gedächtnis eingeschrieben und bilden eine Gesamtheit faszinierenderCharaktere, anhand derer er die Welt zu begreifen lernte.Doch gerade diese Faszination für Dostojewski wollte er beidieser Arbeit außen vor lassen, um sich ganz auf die Adaption von Janácek konzentrieren und anhand des Librettos und der Partitur eine Welt erschaffen zu können, die nicht eigentlich „russisch“, sondern vielmehr universal ist. Seine Gefängniswelt ist so, wie wir sie in der Türkei, in Brasilien, in Mexiko oder China genau wie in unseren westlichen Demokratien vorfinden.Sie zeichnet sich durch eine Universalität des Leidens undeinen Willen aus, denjenigen, der sich schuldig gemacht hat, auf schlimmste Weise sühnen zu lassen, der auf allen Kontinenten dieser Welt gleichermaßen zu finden ist. Erniedrigung, Gewalt, Einsamkeit und Angst sind ständige Mitbewohner in jedem Gefängnis, von welchem politischen Regime es auch betrieben wird. Zweifellos mit gewissen, manchmal gewichtigen Nuancen. Doch immer haben wir es mit Männern und Frauen zu tun, denen man die Freiheit genommen hat. Im Französischen hat das Wort „peine“ nicht zufällig eine zweifache Bedeutung: Es steht für die Schmerzen einer Person, die leidet,und gleichzeitig für die Strafe, die ein Gefangener zu verbüßen hat. Eine Gefängnisstrafe ist also Leiden und Verurteilung gleichermaßen. Die Verurteilung zum Leiden.

Wer kann schon von sich behaupten, dass er niemals eine Nacht im Gefängnis verbringen wird? Wer kann von sich behaupten, dass er niemals eine Straftat begehen wird? Selbst die Formulierung eines Gedankens oder die Verteidigung einerArgumentation können unter bestimmten Umständen als Verstoß gegen Moral, Religion oder die sogenannte Sicherheit eines Staates angesehen werden. Demokratie, die Gleichbehandlungaller, die in ein und demselben Land leben, die sexuelle Freiheit, das Recht der Frau, allein und frei über ihren Körper zu bestimmen, die Unabhängigkeit und Freiheit der Kunst einzufordern, kann zu Verurteilung und Inhaftierung führen. Die Kontrolle über das menschliche Denken in verschiedenen mitteleuropäischen Staaten, um nur über Länder in der unmittelbaren Nachbarschaft zu sprechen, die Teil der Europäischen Union sind, nimmt teils schwer vorstellbare Formen an. Dasideologische Gefängnis geht dem tatsächlichen voraus. Ineinigen unserer so „bewundernswerten“ Demokratien kannschnell vor Gericht und im Wiederholungsfall auch im Gefängnis landen, wer es wagt, einem Geflüchteten Hilfe zuleisten, der alles zurückgelassen hat, der unter unvorstellbaren Umständen das Mittelmeer überquert hat und versucht, in ein Land zu gelangen, das die „Menschenrechte“ hochhält, um endlich auf ein Leben in Würde hoffen zu können. Nicht nur in Istanbul, Moskau oder Peking hat mancher schon teuer für die Meinungsfreiheit bezahlt. Der Aufstieg des Populismus undder identitären Bewegungen mehrt die Gefahren innerhalb unserer eigenen Grenzen. Die unglaubliche Serie The Handmaid’s Tale macht deutlich, dass das Schlimmste nicht weit entfernt ist, dass es nur wenig braucht, um eine Demokratie wie die Vereinigten Staaten in den Totalitarismus kippen zu lassen, dass es nur wenig braucht, damit das, was wir heute am meistenschätzen, uns morgen in den Kerker bringen kann.

In der denkwürdigen Oper von Janácek gibt es nicht wirklicheine Hauptfigur oder eine lineare Erzählung. Man lerntMenschen kennen, die alle eine schreckliche, gewalttätige Vergangenheit mit sich tragen. Nur Zeit und Ort bringen die Erzählungen und Erinnerungen zusammen. Die Ankunft von Gorjancikov führt uns in ein hochgesichertes Straflager. Erstellt sich als politischer Gefangener vor. Er hat sich keines anderen Verbrechens schuldig gemacht, so scheint es, als anders zu denken, frei zu denken. Anders als die von Dostojewski geschaffene Figur, an die er entfernt erinnert, hat er kein Blut anden Händen. Sein Aufenthalt in diesem Gefängnis verdankt erscheinbar nur seiner Neigung, die Dinge auf eine andere Weisezu sehen. Und so findet er sich in einer Welt wieder, auf die ihn nichts vorbereitet hat, in der sein Leben permanent bedroht ist, in der alles den jeweiligen Machtverhältnissen unterliegt. Doch genau dort erlebt er auch die Vielfältigkeit des menschlichen Seins, trifft er zweifellos zum ersten Mal in seinem Leben auf Männer, deren Biografien in nichts der seinen ähneln. Brutale und unbarmherzige Männer, verzweifelte und verlorene Männer, eine Gemeinschaft mit ihren eigenen Gesetzen, Gruppen und Hierarchien, die niemand in Frage stellt, dem sein Lebenlieb ist. An diesem abgeschlossenen Ort erlebt er aber auch einige seiner schönsten Begegnungen, der Art, die unseren Blick auf die, die wir gestern noch für die schlimmsten Mistkerle hielten, für immer verändert. Schmerz durchdringt diese Welt. Hinter all diesen Erlebnissen, all diesen Geschichten, all diesen Erinnerungen ist ein Schmerz, der nie überwunden werdenkann. Nicht nur der Schmerz des Eingesperrtseins, sondern ein ganz existenzieller, tieferer Schmerz, der ein Schicksal, häufig schon in der Jugend, prägt. Es gibt aber auch die Geister der Frauen in dieser männlichen Welt. Angebetete, Betrogene, Betrügerinnen, Mütter. Der Intellektuelle Gorjancikov entdeckt,welches Gold im Schlamm zu finden ist, um das Bild von Jean Genet aufzunehmen. Das glänzendste Gold, das aber immer bedroht ist vom nächsten Stiefel, von der nächsten Faust oder dem nächsten Messer. In jeder der Figuren ist dieses Gold zu finden. Ob Mörder oder Dieb. Selbst der, den wir für den miesesten Schuft halten, trägt dieses Licht in sich.

Christian Longchamp Dramaturg


Biographien


Alejo Pérez  –  Musikalische Leitung

Der gebürtige Argentinier Alejo Pérez studierte Klavier, Komposition und Orchesterleitung in Buenos Aires. Als Assistentvon Peter Eötvös gab er sein Debüt mit der Uraufführung dessen Opern Angels in America und Lady Sarashina. Er assistierte Christoph von Dohnányi beim NDR-Rundfunkorchester. Er arbeitete mit dem London Philharmonic Orchestra, dem Orchestrede la Suisse Romande, dem SWR Symphonieorchester,dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem EnsembleModern, dem Ensemble InterContemporain, dem KlangforumWien und anderen.Von 2009 bis 2012 war er musikalischer Leiter des Teatro Argentino de La Plata (Nabucco, Verdi; Tristan und Isolde und Rheingold, Wagner). Ab 2010 dirigierte er am Teatro Real de Madrid und arbeitete dort mit dem Symphonieorchester zusammen (Konzerte mit Plácido Domingo, Teresa Berganza und Ian Bostridge; Der Tod in Venedig, Britten; Die Eroberung vonMexico, Rihm). An der Opéra de Lyon dirigierte er Pelleas undMelisande (Debussy), Die Gezeichneten (Schreker) und Ger-MANIA (Raskatow).Er trat bei den Salzburger Festspielen auf, (Faust, Gounod), am Teatro Colón de Buenos Aires (Parsifal, Wagner und Der Rosenkavalier, R. Strauss), in der Semperoper in Dresden(Carmen, Bizet), der Lyrischen Oper in Chicago (Eugen Onegin,Tschaikowski) und arbeitete mit dem Teatro dell’Opera diRoma. 2017/2018 trat er an der Vlaamse Oper auf (Pelleas und Melisande,Debussy), an der Oper Stuttgart (Medea, Cherubini), mit der Tokyo Nikikai Opera Foundation (Der Freischütz, Weber)usw. In dieser Spielzeit dirigiert er Lohengrin (Wagner) an der Vlaamse Oper, er tritt erneut an den Opern in Stuttgart (DieLiebe zu den drei Orangen, Prokofjew), Rom (Der feurige Engel,Prokofjew) und Buenos Aires auf (Ariadne auf Naxos, R.Strauss) und dirigiert das Orchestre Philharmonique de Radio France sowie das Symphonieorchester der Präfektur Tokio.

Krzysztof Warlikowski  –  Regie

Krzysztof Warlikowski gehört zu den Erneuerern der europäischenTheatersprache. Mit seinen Shakespeare-Inszenierungen,basierend auf der Lesart von Jan Kott, hat er deren Interpretation auf spektakuläre Weise verändert. Zu seinen bemerkenswertesten Umsetzungen gehören Aniocy / Angels in America (Kushner), Madame de Sade (Mishima), Krum (Levin)und Koniec / Das Ende (nach Kafka, Koltès und Coetzee),Un Tramway (mit Isabelle Huppert) und Afrikanische Erzählungennach Shakespeare. Warlikowski schmiedet ein neuesBündnis mit dem Zuschauer, indem er das Publikum in einenoriginellen Prozess der Sinn- und Sinnessuche einbindet, vorallem mit Verweisen auf die Welt des Kinos oder einer sehr originellenVerwendung der Videotechnik wie beispielsweise beider Inszenierung (A)pollonia, die 2009 in Brüssel präsentiertwurde und bei der die Oper La Monnaie als einer der Koproduzentenfungierte.Warlikowski beschäftigt sich seit seinem Debüt im Jahr 2006an der Opéra de Paris mit Iphigenie auf Tauris (Gluck) intensivmit dem Genre Oper und hat es geschafft, seine theatralen Erkenntnisseauf diesen Bereich zu übertragen. An der Oper LaMonnaie inszenierte er Medea (Cherubini), Macbeth (Verdi),eine Inszenierung, die von der Fachzeitschrift Opernwelt zur„Besten Produktion des Jahres 2009/10“ gekürt wurde, Lulu(Berg) und Don Giovanni (Mozart). In Paris präsentierte erinsbesondere Die Sache Makropulos (Janá?ek), Parsifal (Wagner),Król Roger (Szymanowski), Die menschliche Stimme /Herzog Blaubarts Burg (Bartók, Poulenc) sowie Don Carlos(Verdi). Er inszenierte außerdem mehrere Produktionen derBayerischen Staatsoper München: Eugen Onegin (Tschaikowski),Die Gezeichneten (Schreker) und, anlässlich des 50. Jahrestagesder Wiedereröffnung des Hauses, Die Frau ohne Schatten(Strauss). Er präsentierte The Rake’s Progress (Strawinsky) ander Staatsoper Berlin, Poppea e Nerone (Monteverdi / Boesmans)und Alceste (Gluck) am Teatro Real de Madrid, Pelleasund Melisande (Debussy) bei der Ruhrtriennale und im letzten Sommer The Bassarids (Henze) bei den Salzburger Festspielen.Im späteren Verlauf der Spielzeit wird er in Paris eine Produktion von Lady Macbeth von Mzensk (Schostakowitsch) inszenieren, dann in Stuttgart Iphigenie auf Tauris und schließlich in München Salome (Strauss). Krzysztof Warlikowski leitet das Nowy Teatr in Warschau, ein interdisziplinäres Kulturzentrum, dessen Gründer er ist.

Die Hölle und das Licht oder die Universalität des Leidens nach Krzysztof Warlikowski

Neuinszenierung in der Opéra de Lyon: Leos Janácek/ Aus einem Totenhaus  21.01.2019 weitere Termine: 23., 25., 27., 29., 31.01., 02.02.19)
(Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden und dem De Munt/ La Monnaie)

Musikalische Leitung: Alejo Pérez, Regie: Krzysztof Warlikowski, Bühnenbild und Kostüme: Malgorzata Szczesniak, Licht: Felice Ross, Choreographie: Claude Bardouil
Video: Denis Guéguin, Dramaturgie: Christian Longchamp

Mit:  Alexandre Petrovitch Gorjantchikov: Sir Willard White, Aljeja, ein junger Tatar: Pascal Charbonneau, Filka Morozov, Gefangener, unter dem Namen Luka Kuzmic: Stefan Margita, Der große Sträfling: Nicky Spence, Der Kommandant: Alexander Vassiliev, Der ganz alte Sträfling: Graham Clark, Skouratov: Ladislav Elgr Cekunov: Ivan Ludlow, Der betrunkene Sträfling: Jeffrey Lloyd-Roberts, Ein Sträfling (in der Rolle des Don Juan und des Priesters): Ales Jenis, Der junge Sträfling : Grégoire Mour, Eine Dirne: Natascha Petrinsky, Kedril : John Graham-Hall, Sapkin: Dmitry Golovnin, Siskov und der Pope: Karoly Szemeredy, Cerevine : Alexandr Gelah

Orchester und Chöre der Opéra de Lyon

Aus einem Totenhaus  –  Leoš Janácek

—| Pressemeldung Opéra de Lyon |—

Basel, Theater Basel, Der Spieler von Sergej Prokofiew, IOCO Kritik, 29.3.2018

März 31, 2018 by  
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Theater Basel

Theater Basel - Grosses Haus © Sandra Then

Theater Basel – Grosses Haus © Sandra Then

Der Spieler von Sergej Prokofiew

 Die Sinnlosigkeit der Existenz – Auf den Punkt gebracht

Von Julian Führer

Fjodor Dostojewski schrieb Romane, die auch heute noch berühmt sind und (hoffentlich) gelesen werden: Die Brüder Karamasow, Schuld und Sühne, Der Spieler. Sergej Prokofiew komponierte Musik, die es (mit Peter und der Wolf) bis in die Kinderzimmer und (mit Romeo und Julia) bis in die Fernsehwerbung geschafft hat. Wenn also Prokofiew einen Dostojewski-Stoff vertont, sollte doch der Erfolg vorprogrammiert sein, sollte man meinen. Doch weit gefehlt: Prokofiews Version von Der Spieler, seine erste Oper, lag nach der Vollendung 1917 ein Jahrzehnt in der Schublade, wurde 1929 in Brüssel in einer revidierten Fassung uraufgeführt und anschließend so gut wie vergessen. Erst in den letzten Jahren zeigten die Opernhäuser in Frankfurt, Mannheim und St. Petersburg sowie die Wiener und die Berliner Staatsoper das Stück, das nun, im Jahr 2018, in Basel seine Schweizer Erstaufführung erlebte.

Theater Basel / Der Spieler - hier : Grigorian _Kuban_ Ensemble @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier : Grigorian _Kuban_ Ensemble @ Priska Ketterer

Bei dieser Schweizer Erstaufführung kam die revidierte (Brüsseler) Fassung zum Zuge, anders als 1929 wurde aber im russischen Original gesungen. Das Personal wurde von Regisseur Vasily Barkhatov aus Dostojewskis imaginärem Roulettenburg in ein anonymes Hostel verlegt, stilecht mit einsamer Bushaltestelle, anonymen Zimmern und kalter Waschküche (Bühne: Zinoy Margolin). Das mehrstöckige Bühnenbild (Foto) zeigt uns parallel die einzelnen Zimmer der Figuren und die Wohnung des Generals, so dass es immer viel zu sehen gibt. Die Bühnentechnik leistet hier Erstaunliches, wenn innerhalb kürzester Zeit das Hostel verschwindet und die folgende Szene einen anderen Schauplatz hat. Auch sonst ist das Thema des Spielens um Geld weniger dominant als in der Romanvorlage und bei Prokofiew. Das Roulette ist hier vor allem eine Projektion; wichtiger ist der Regie die heute wohl verbreitetste Art des Spielens um Geld, das einsame Sitzen am Computer. Das ist weniger glamurös, es gibt weniger mondäne Begegnungen im Casino (doch hatte schon Dostojewski die spielsüchtige Gesellschaft buchstäblich seziert und sie als leere Fassade vor heruntergekommenen Individuen gezeigt). Auch wenn mitunter mit der Brechstange modernisiert wird, entwickelt sich das Stück in dieser Sicht doch schlüssig. Auch am Roulettetisch gewinnt und verliert jeder für sich allein.

Theater Basel / Der Spieler - hier : Zatta_ Golovnin_ Henschel @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier : Zatta_ Golovnin_ Henschel @ Priska Ketterer

Die Personen sind diesem aktualisierenden Konzept angepasst. Der arrogante Marquis (Rolf Romei) ist eine schmierige Gestalt, die dem Sohn des Generals auf der Straße Drogen verkauft. Alexej (Dmitry Golovnin) ist tatsächlich Hauslehrer bei den Kindern des Generals, die aber lieber an einem Großbildschirm Mortal Kombat spielen. Der General (Pavlo Hunka) hat als einziger eine Wohnung, in der zwar keine persönlichen Gegenstände zu sehen sind, die aber immerhin über eine Küche verfügt, in der er sich mit umgebundener Schürze etwas kocht (passt das zur Figur des Generals?). Baron Würmerheim (Andrew Murphy) ist hier der Hausmeister des Hostels (womit die von Alexej ausgesprochene ehrverletzende Bemerkung noch weniger nachvollziehbar wird als ohnehin schon). Der reiche Engländer Mr. Astley (Pavol Kuban) tritt etwas in den Hintergrund, er sitzt meist in einem Tonstudio und kommt eher als Stichwortgeber vor. Die Halbweltdame Blanche (Kristina Stanek), die den General nach Strich und Faden ausnimmt, ist wie kaum anders zu erwarten etwas nuttiger angezogen als die anderen. Dennoch ist sie weniger profiliert als im Roman, da Prokofiew den Epilog gestrichen hat, in dem Blanche mit dem zu Geld gekommenen Alexej nach Paris durchbrennt und dort in kürzester Zeit alles verjubelt, was ihr nie gehört hat. Die psychologisch wohl interessanteste Figur ist Polina (Asmik Grigorian), Stieftochter des Generals, die mit dem Marquis eine Affäre hatte und in die Alexej hoffnungslos verliebt ist. Wir sehen sie hier als attraktive, voll im Leben stehende Frau, die sich ihrer eigenen Gefühle nicht klar wird und die ebenso freudlos in der Wartehalle des Lebens steht wie die anderen auch. Alle Solisten beherrschen ihre Rollen und stellen sie glaubhaft dar.

Einen starken Auftritt hat die Babulenka, die reiche Tante des Generals. Während alle auf ihren Tod und eine üppige Erbschaft hoffen, platzt sie auf einmal ins Geschehen hinein, beschenkt die ganze Familie mit billigen Russland-Devotionalien und verkündet rundheraus, sie werde dem General kein Geld geben oder hinterlassen und sei im übrigen quicklebendig. Dieser Theatereffekt verfehlt auch hier seine Wirkung nicht, zumal Jane Henschel der Figur optisch und stimmlich große Präsenz verleiht.

Theater Basel / Der Spieler - hier: Ensemble @ Priska Ketterer

Theater Basel / Der Spieler – hier: Ensemble @ Priska Ketterer

Prokofiew hält sich eng an die Romanvorlage; das Libretto lehnt sich an die sehr dialogische Form bei Dostojewski an. Auch bei Prokofiew gibt es französische und deutsche Einsprengsel, aber keine Arien. Als melodisch kann man die Komposition nicht bezeichnen; der Komponist arbeitet mit einem Verweissystem, das bestimmten Situationen eine bestimmte Instrumentierung zuweist, die im Laufe des Stückes wiederkehrt. Es kommt zu erheblichen Klangballungen, zu laut wird es aber nie. Das Orchester spielt eine ganz entscheidende Rolle und wird von Modestas Pitrenas souverän geleitet. Die scharfe Rhythmik und manche Klangfarben erinnern an den jungen Schostakowitsch der Lady Macbeth von Mzensk, die Schroffheit der Nase oder auch der Ballettmusiken Prokofiews wird hier (noch) nicht erreicht. Die Kontraste und fahlen Abgründe, die Prokofiew in Der feurige Engel gestaltete, scheinen ihm hier noch nicht zur Verfügung gestanden zu haben.

Die Schlüsselszene (abgesehen vom Hereinbrechen der Babulenka) ist die große Spielszene kurz vor dem Ende, als Alexej mit hohem Risiko spielt, um Polina Geld zu verschaffen. Der Zuschauer sieht etwa ein Dutzend Gesichter als Videoprojektion in Großaufnahme, die angestrengt in einen Bildschirm zu schauen scheinen; in der obersten Ebene der Bühne sind drei Croupiers an Spieltischen zu sehen – ohne Mitspieler, aber mit einer auf sie gerichteten Kamera, in die monoton (und von Prokofiew psychologisch brillant in Musik gesetzt) „Faites vos jeux“, „Rien ne va plus“ und das Resultat gesagt werden. Diese Szene ist lang, und dass Alexej sich inmitten der projizierten Riesengesichter auf einem kleinen Sofa vor seinem Bildschirm in seinen Gewinn hineinsteigert, lässt den äußeren Anlass der Geschichte, die Spielsucht, etwas in den Hintergrund treten. Die Inszenierung legt vielmehr offen, wie hier jede Person für sich ist, egoistisch handelt, abgeschlossen von den anderen Menschen und vom Rest der Welt ist, einer Welt, in der man aus nichtigem Grund Beleidigungen ausspricht, in kurzer Zeit ein Vermögen macht oder sich ruiniert – was eigentlich keinen Unterschied macht, da die Existenz ohnehin sinnlos scheint.

Ein starker Abend, dem man für die noch ausstehenden Vorstellungen viele Zuschauer wünscht.

Der Spieler im Theater Basel,  weitere Vorstellungen 7.4.; 14.4.; 25.4.; 21.5.; 23.5.; 28.5.; 9.6.; 12.6.; 15.6.; 17.6.2018

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