Wuppertal, Wuppertaler Bühnen, Patrick Hahn – Nachfolger von Julia Jones, IOCO Aktuell, 06.07.2020

Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Patrick Hahn, *1995 in Graz, 2021 neuer GMD in Wuppertal

Patrick Hahn wird Generalmusikdirektor der Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester GmbH Mit der Spielzeit 2021/22 wird der erst 24-jährige Österreicher Patrick Hahn Nachfolger von Julia Jones und zugleich jüngster GMD in Deutschland.

Sprühende Leidenschaft für die Musik verknüpft mit einer außergewöhnlichen dirigentischen Präzision – Patrick Hahn hinterließ bereits im Januar dieses Jahres bei seinem Dirigat des 5. Sinfoniekonzerts des Sinfonieorchester Wuppertal einen phänomenalen Eindruck.

Im Dezember 2019 gab die amtierende Generalmusikdirektorin Julia Jones bekannt, dass sie ihren seit der Spielzeit 2016/17 bestehenden Vertrag über die Spielzeit 2020/21 nicht verlängern möchte. Auf die zu besetzende Stelle des rund 90 Mitglieder großen Orchesters haben sich rund 100 Dirigentinnen und Dirigenten aus dem Inund Ausland beworben. Nach einem dreistufigen Auswahlverfahren konnte der Aufsichtsrat der Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester GmbH der einstimmigen Entscheidung der 11-köpfigen Findungskommission zustimmen und Patrick Hahn zum Generalmusikdirektor der Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester GmbH berufen.

Wuppertaler Bühnen / Patrick Hahn, GMD in Wuppertal ab 2021 © Gerhard Donauer C&G Pictures

Wuppertaler Bühnen / Patrick Hahn, GMD in Wuppertal ab 2021 © Gerhard Donauer C&G Pictures

»Wir freuen uns, ein solches Ausnahmetalent für Wuppertal zu gewinnen. Ein absoluter Glückgriff für die Wuppertaler Bühnen, für die Stadt und das gesamte Bergische Land – die musikalische Welt wird auf uns schauen!«, begrüßt Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender Andreas Mucke die Besetzung der wichtigen Position. Der designierte GMD blickt mit freudiger Erwartung auf die neuen Herausforderungen: »Nicht oft passt die Chemie und die gemeinsame Lust am Musizieren so sehr auf Anhieb, wie das bei unserer ersten Zusammenarbeit Anfang des Jahres der Fall war. Ich freue mich ungemein, mit einem derart motivierten, hochklassigen und versatilen Klangkörper eine aufregende Reise zu beginnen und schaue mit großer Vorfreude auf die Post-Covid-19-Ära, in der das gemeinsame Musizieren einen möglicherweise noch außergewöhnlicheren und fruchtbareren Stellenwert einnimmt. Wuppertal als Geburtsstadt von Günter Wand bietet einen inspirierenden Nährboden, um die visionäre Programmatik dieses großen deutschen Dirigenten zu reflektieren. Uns erwarten gewiss aufregende Zeiten!«

Der 1995 in Graz geborene Patrick Hahn ist als Dirigent, Komponist und Pianist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe im In- und Ausland. Als Dirigent arbeitete er unter anderen mit Orchestern und Opernhäusern wie den Münchner Philharmonikern, den Klangkörpern des Bayerischen Rundfunks, dem Gürzenich-Orchester Köln, den Düsseldorfer Symphonikern, der Dresdner Philharmonie, der NDR Radiophilharmonie, den Symphonikern Hamburg, dem Tonkünstlerorchester Niederösterreich, den Wiener Symphonikern, der Camerata Salzburg, dem Klangforum Wien, dem Luzerner Sinfonieorchester, der Camerata Royal Concertgebouw Orchestra, dem Orchestra Ensemble Kanazawa, der Bayerischen Staatsoper München, der Staatsoper Hamburg, der Ungarischen Staatsoper Budapest sowie den Tiroler Festspielen Erl. In enger Zusammenarbeit mit Kirill Petrenko übernahm er die Einstudierung der Neuproduktionen von ›Salome‹ und ›Die tote Stadt‹ an der Bayerischen Staatsoper sowie von ›Fidelio‹ bei den Opernfestspielen Baden-Baden.

Noch während des Klavier- und Dirigierstudiums an der Kunstuniversität Graz wurde er zu Meisterkursen bei Kurt Masur und Bernard Haitink sowie als Conducting Fellow zum Aspen Music Festival und zum Tanglewood Music Center eingeladen.

Neben seiner Arbeit im klassischen Musikbereich hegt Patrick Hahn großes Interesse an den Liedern des österreichischen Chansonniers Georg Kreisler wie auch an Jazzmusik und erhielt Auszeichnungen bei Jazz Festivals in Chicago sowie den »Outstanding Soloist Award« der University of Wisconsin-La Crosse als bester Jazzpianist des 37th Annual Jazz Festivals. 2017 wurde ihm der Würdigungspreis des Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft verliehen.

Außergewöhnliche Vielfalt und musikalische Offenheit sind Markenzeichen des Sinfonieorchesters Wuppertal. 1862 gegründet, kann der Klangkörper auf eine Reihe großer Dirigent*innen wie Erich Kleiber und Otto Klemperer, die ihre Karriere in Wuppertal begannen, zurückblicken. Das A-Orchester mit 88 Mitgliedern hat mit der Historischen Stadthalle Wuppertal, einem der besten Konzertsäle Europas, ein Juwel als Heimstätte, die im Jahr 1900 unter Leitung von Richard Strauss eingeweiht wurde. Internationale Konzerttourneen führten das Sinfonieorchester unter anderem nach Tokio, Mailand, Paris und Amsterdam. Seit 20 Jahren widmet sich das Sinfonieorchester zudem insbesondere dem Bereich Education und Musikvermittlung.

—| IOCO Aktuell Wuppertaler Bühnen |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Musikfest-Eröffnungskonzert zieht um – Ins Netz, 27.04.- 03.05.2020

April 24, 2020 by  
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Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg

Musikfest-Eröffnungskonzert zieht um –  Ins Netz

Elbphilharmonie-Titularorganistin Iveta Apkalna, Geigerin Lisa Batiashvili und Mitglieder des NDR Elbphilharmonie Orchesters eröffnen ein Musikfest, das es nicht gibt. Ungeachtet der generellen Musikfestabsage findet das dazugehörige Projekt »Genesis« als einziger Programmpunkt statt – im Internet

Am Freitag, den 24. April 2020, wäre das 5. Internationale Musikfest Hamburg feierlich in der Elbphilharmonie eröffnet worden. Doch infolge der Maßnahmen zur Verhinderung der weiteren Ausbreitung des Corona-Virus wurden bis 30. Juni alle Konzerte in Hamburg untersagt, wovon auch das Internationale Musikfest Hamburg, das bis zum 25. Mai hätte dauern sollen, vollständig betroffen ist. Das ganze Musikfest? Nein! Das Eröffnungskonzert wandert ins Netz, freilich in stark veränderter, den Umständen angepasster Form. Und, zweite frohe Botschaft: Das von vornherein überwiegend als Online-Erlebnis geplante interaktive Computerspiel »Genesis« (27.4. – 3.5.) bleibt als einziger Programmpunkt des Musikfests weitestgehend intakt.

Pünktlich um 20 Uhr wäre es verstummt, das vorfreudige Stimmengewirr, morgen im ausverkauften Großen Saal der Elbphilharmonie. Alle Anwesenden hätten ihre Aufmerksamkeit gespannt auf das jeden Moment beginnende Eröffnungskonzert des 5. Internationalen Musikfests Hamburg gerichtet, das das NDR Elbphilharmonie Orchester mit Gastsolisten unter der Leitung von Alan Gilbert spielen sollte. Diesen besonderen Moment hat, wie unzählbar viele weitere schöne gemeinschaftliche Momente in diesen Wochen, das Corona-Virus vereitelt. Das Konzert musste abgesagt werden und das ganze Musikfest gleich mit. Doch morgen um 20 Uhr passiert trotzdem etwas, das das Musikfest pars pro toto ins Bewusstsein des Publikums holt, und zwar weltweit: Um diese Uhrzeit geht ein Video online, das zumindest eine Ahnung davon vermittelt, was dieses Eröffnungskonzert hätte werden können.

Darin ist Musik von Antonin Dvorák und Sofia Gubaidulina zu erleben, von Leonard Bernstein und Leos Janácek, dazu ein kurzes, über Zoom geführtes Gespräch zwischen Christoph Lieben-Seutter, Intendant von Elbphilharmonie & Laeiszhalle (in der Elbphilharmonie), und Alan Gilbert, Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie Orchesters (derzeit in Stockholm).

Anfang und Ende des rund einstündigen virtuellen Eröffnungskonzerts für ein Festival, das es nicht gibt, liefert Iveta Apkalna, Titularorganistin der Elbphilharmonie: Sie spielt zwei Werke für Orgel solo, »Hell und Dunkel« von Sofia Gubaidulina, der der Komponistenschwerpunkt des Festivals galt, und das Postludium aus der Glagolitischen Messe von Leos Janácek. Dazwischen erklingt eine Bearbeitung des Englischhorn-Solos aus dem zweiten Satz der Sinfonie Nr. 9 »Aus der Neuen Welt« von Antonín Dvorák für Solovioline und Streicher, arrangiert von dem georgischen Geiger Tamás Batiashvili. Er ist der Vater der Geigerin Lisa Batiashvili, die im richtigen Eröffnungskonzert morgen Dvoráks Violinkonzert gespielt hätte. Nun ist sie als Solistin in ihres Vaters Bearbeitung zu erleben.

Batiashvili hat ihren Part in einem Studio des Bayerischen Rundfunks in München eingespielt; zwei Mal fünf Streicher von den ersten Pulten des NDR Elbphilharmonie Orchesters wurden separat im Großen Saal der Elbphilharmonie aufgenommen, anschließend führte die Regie die drei Quellen klanglich und videografisch zusammen. Danach steht die »Jeremiah« genannte 1. Sinfonie von Leonard Bernstein mit Rinat Shaham (Mezzosopran) auf dem Programm. Die Aufnahme stammt aus der »Opening Night« des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter der Leitung von Alan Gilbert vom 6. September 2019 im Großen Saal der Elbphilharmonie.

Das etwas andere Musikfest-Eröffnungskonzert ist über www.elbphilharmonie.de und www.ndr.de/eo im Internet zu verfolgen. Anschließend steht es als Video on demand im Netz.

Genesis reloaded – nicht etwa die Band, sondern die Schöpfungsgeschichte

Einmal fast Gott spielen und an einer Schöpfungsgeschichte ganz eigener Art mitwirken: Das ist die Einladung von »Genesis«, einem Computerspiel, das Alexander Schubert ersonnen hat. Er gehört zum weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannten und aktiven Hamburger Komponisten- und Musikerkollektiv Decoder Ensemble. »Control A Real Life Computer Game« lautet die Aufforderung an Userinnen und User weltweit. Sie können vier menschliche Avatare steuern, die sich sieben Tage und sieben Nächte lang im Kraftwerk Bille aufhalten und auf Handlungsanweisungen aus der Community warten, um sich in Bewegung setzen, ihre Bedürfnisse befriedigen, ihrem Spieltrieb nachgehen, vielleicht sogar Musik machen zu dürfen. Die Avatare selbst teilen sich über Nachrichten auf dem Bildschirm mit, Statusbalken zeigen Müdigkeit, Hunger und Durst an. So wird zumindest die Möglichkeit eröffnet, dass das Geschöpf etwas Einfluss nehmen darf auf seine eigene Schöpfung. Der Phantasie aufhelfen tun über 2000 Gegenstände, vom Hammer über eine Geige bis zur Discokugel, die den Avataren zur Verfügung stehen, genauer: den Marionettenspielern an ihren Rechnern, die den Avataren vorgeben, was sie tun oder lassen sollen.

Die Möglichkeiten zum Mitspielen sind theoretisch bereits ausgebucht, vergeben wurden Slots von je 55 Minuten zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wird ein vorgebuchter Slot nicht in Anspruch genommen, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, sich kurzfristig doch ins Spiel einzubringen. Darüber unterrichtet die Website www.virtual-genesis.net.

Die virtuellen Strippenzieher sind auch in dieser Spielart der Schöpfung nicht der Verantwortung entbunden. Denn jedes Mitwirken hinterlässt eine Spur; aus der Summe aller Interaktionen entsteht eine kollektiv erschaffene neue Welt. Das Spiel ist auch offen für Menschen, die dem Geschehen einfach nur zuschauen möchten. Live und rund um die Uhr per Stream..

»Genesis«, 27.4., 00.00 Uhr bis 3.5., 23.59 Uhr, www.virtual-genesis.net

Weitere Informationen, den Trailer und ab 27. April 00.00 Uhr auch den Livestream zu »Genesis« finden Sie unter https://www.elbphilharmonie.de/de/blog/genesis-ein-computerspiel-wird-realitat/331

—| Pressemeldung Elbphilharmonie Hamburg |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Zoltán Peskó : 1937 – 2020, 31.03.2020

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

 Deutsche Oper am Rhein –  Trauer um Zoltán Peskó

Der ehemalige Generalmusikdirektor ist im Alter von 83 Jahren verstorben Die Deutsche Oper am Rhein trauert um ihren ehemaligen Generalmusikdirektor Zoltán Peskó. Der am 15. Februar 1937 in Budapest geborene Dirigent ist am 31. März 2020 in seiner ungarischen Heimatstadt verstorben.

Zoltán Peskó kam zu Beginn der Spielzeit 1996/97 zusammen mit Generalintendant Tobias Richter an den Rhein. Seine große internationale Erfahrung war vor allem beim Aufbau eines neuen Ensembles und der Entdeckung neuer junger Künstler gefragt. Unter Peskós musikalischer Leitung stand die Eröffnungsproduktion im Opernhaus Düsseldorf, Mozarts Don Giovanni, ebenso wie der erste Ballettabend mit zwei Choreographien des neuen Ballettdirektors Youri Vàmos zu Musik von Béla Bártok (Der holzgeschnitzte Prinz und  Der wunderbare Mandarin).

Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit in Düsseldorf und Duisburg zählten die großen Werke von Wolfgang Amadeus Mozart (Così fan tutte in der Inszenierung von Tobias Richter in der Spielzeit 1998/99), Giuseppe Verdi (La traviata und Otello) und Richard Wagner (Tristan und Isolde). Darüber hinaus galt Zóltan Peskó als Spezialist für zeitgenössische Musik: „Bestens vernetzt und persönlich bekannt mit den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen Musikszene war ihm gerade die Musik des 20. Jahrhunderts ein besonderes Anliegen“, erinnert sich Tobias Richter. Im Opernhaus Düsseldorf dirigierte Peskó in der Saison 1997/98 die deutsche Erstaufführung von Giorgio Battistellis  Orchesterprobe in der Inszenierung von Chris Alexander.

Als zu Beginn der Spielzeit 1998/99 John Fiore das Amt des Generalmusikdirektors übernahm, blieb Zoltán Peskó der Deutschen Oper am Rhein als Gastdirigent verbunden. Tobias Richter, der noch 2011 als Intendant des Grand Théâtre de Genève mit ihm zusammenarbeitete, würdigt die große Leidenschaft und Neugier des engagierten Künstlers und sagt: „Die Erinnerung an einen großzügigen, gescheiten und liebenswerten Weggefährten wird mir immer lebendig bleiben.“

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Bremen, Theater Bremen, Der Rosenkavalier – Richard Strauss, IOCO Kritik, 22.09.2019

September 23, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Bremen

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Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Der Rosenkavalier – Richard Strauss

– Die Einsamkeit von Frauen inmitten männlichem  Machogehabe –

von Thomas Birkhahn

„Kömodie und Tragödie sind sich sehr ähnlich. Der Unterschied ist nur, ob man mit den leidenden Protagonisten mitfühlt oder ob man sie distanziert betrachtet“, wusste schon der  englische Kultschauspieler John Cleese.

Im neuen  Rosenkavalier des Theater Bremen, dieser „Komödie für Musik“, ist für Regisseur Frank Hilbrich das Mitfühlen mit den beiden Frauenfiguren zentral. Daher bekommen wir auch keine Komödie zu sehen, sondern ein Seelendrama, welches in Zeiten von MeToo hochaktuell ist.

Hilbrich macht aus dem groß besetzten und oftmals mit viel Statisterie und prunkvollen Bühnenbildern inszenierten Rosenkavalier ein auf wenige Personen reduziertes Kammerspiel, in dem viele Nebenfiguren komplett gestrichen sind (dazu später mehr). Das Drama wird ganz auf das für Hilbrich Wesentliche reduziert: Die Einsamkeit der weiblichen Protagonisten und ihr Kampf gegen männliche Dominanz im Ringen um Macht und Sex.

Theater Bremen / Der Rosenkavalier - hier : Patrick Zielke als Baron Ochs auf Lerchenau und  Nerita Pokvytyte als Tochter Sophie © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Der Rosenkavalier – hier : Patrick Zielke als Baron Ochs auf Lerchenau und  Nerita Pokvytyte als Tochter Sophie © Joerg Landsberg

Schon ein kurzer Blick auf das Bühnenbild von Sebastian Hannak verdeutlicht dem Zuschauer, dass es diesem Regieteam nicht darum geht, eine Revue Wiener Lokalkolorits mit barockem Pomp zu inszenieren. Es ist ganz in schwarz-weiß gehalten und besteht aus mehreren ineinander geschobenen Ebenen, die den gesamten Bühnenraum rahmenartig umschließen. Dadurch wird die Spielfläche für die Darsteller sehr klein. Werden die Rahmen jedoch auseinander gezogen, vergrößert sich die Bühne, und die Darsteller können aus dem engen Raum heraustreten.

Schon zu Beginn des Dramas wird deutlich, dass die Marschallin und Oktavian nicht zusammen passen. Eine erste Entfremdung setzt sehr früh nach ihrer Liebesnacht ein. „Er muss nicht alles wissen“ singt die Marschallin, zum Leidwesen Oktavians, dessen jugendliches Draufgängertum sehr überzeugend von Natalie Mittelbach verkörpert wird. Spätestens hier ahnt man, dass ihre Beziehung keine Zukunft hat. Die Regie arbeitet sehr überzeugend heraus, dass die Marschallin eine zutiefst unglückliche Frau ist, deren Erlebniswelt sich stark von der ihres jugendlichen Liebhabers unterscheidet. Sein Interesse an ihr ist überwiegend sexueller Natur. Schon nach gemeinsamen Frühstück mehren sich die Anzeichen, dass die beiden aneinander vorbei reden, und die Vertrautheit schwindet.

Der Baron Ochs auf Lerchenau, in vielen Inszenierungen die komödiantische Figur des Stückes schlechthin, hat in dieser Inszenierung nichts Täppisches oder Gemütliches an sich. Er wird sehr überzeugend von Patrick Zielke als sexbesessener Rüpel gespielt, der im zweiten Akt auch vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt. Man mag diesen Ochs schockierend finden, aber Hilbrich hat das Textbuch sehr genau gelesen und ist zu Recht der Ansicht, dass die gewaltsamen sexuellen Eroberungen, mit denen sich Ochs brüstet („und welche [Frauen] – da gilt’s, wie ein Luchs hinterm Rücken heran und den Melkstuhl gepackt, dass sie taumelt und hinschlägt!“) nicht lustig sind. Dies ist ein gefährlicher Ochs, dem man unter keinen Umständen alleine im Dunkeln begegnen möchte.

Die Lever-Szene – in der üblicherweise der Zuschauer durch die vielen auftretenden Nebenfiguren auch etwas „fürs Auge“ bekommt – ist stark gekürzt, und sämtliche Nebenfiguren (Tierhändler, Notar, Modistin, die drei Waisen, Friseur, Valzacchi, Haushofmeister, Gehilfen) sind gestrichen. Was bleibt, ist das Wesentliche: die Tenor-Arie, die den Stimmungsumschwung bei der Marschallin einleitet.

Theater Bremen / Der Rosenkavalier - hier : Nadine Lehner als Marschallin und Luis Olivares Sandoval © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Der Rosenkavalier – hier : Nadine Lehner als Marschallin und Luis Olivares Sandoval © Joerg Landsberg

Und hier zeigt sich zum ersten Mal eine Besonderheit dieser Regie, denn die Tenor-Arie wird von derselben Figur gesungen wie die nicht gestrichenen Passagen der Annina, des Frisörs und des Wirts. Hilbrich hat quasi eine neue Figur geschaffen, die ständig präsent ist und die Handlung vorantreibt. Mal schlüpft sie fremde Rollen, mal schleicht sie unauffällig am Rande des Geschehens umher. Sie ist so etwas wie die heimliche Hauptfigur des Stückes, und wird von Luis Olivares Sandoval mit großartiger Geheimnistuerei gespielt. Nennen wir ihn einfach den „Strippenzieher“.

Dieser hält der Marschallin einen Spiegel vor, siehe Foto. Es ist  gut inszeniert, wie die Marschallin sich dadurch ihrer Vergänglichkeit und Einsamkeit mit unerbittlicher Gewissheit bewusst wird. Sie blickt zurück auf ihr Leben und wünscht sich, dass vieles anders verlaufen wäre. Nadine Lehner spielt und singt eine Marschallin, der man ihre Ängste und Seelenqualen in jedem Moment abnimmt. Ihre Feststellung, dass sie „ein altes Weib“ geworden ist, sorgt für große Bestürzung beim Zuschauer.

Man darf hier fragen, inwieweit es den Intentionen von Strauss und Hoffmannsthal widerspricht, wenn eine Figur vier Partien verkörpert bzw. eine ganz neue Figur erschaffen wird. Werkgetreu ist es zumindest nicht. Andererseits ist die Figur des Strippenziehers ja schon im Duo Valzacchi und Annina angelegt, und die Regie hat sie „nur“ noch erweitert, quasi deren Einflussbereich vergrößert.

Nach der Lever-Szene ist zwischen der Marschallin und Oktavian nichts mehr wie es war. Sie finden nicht mehr zueiander. Die Regie macht die Einsamkeit der Marschallin überzeugend deutlich. Oktavian hat eine Fremde vor sich, die sein Verlangen nach ihr nicht mehr erwidert. Das Ende ihrer Beziehung ist nah.

Dem Regie-Konzept folgend, ist im zweiten Akt die Figur der Marianne gestrichen. Eine naiv-kindliche, in unschuldiges Weiß gekleidete Sophie erwartet ganz allein ihren Zukünftigen. Nach ihren Verrenkungen zu urteilen hat sie anscheinend nicht nur die Klosterschule, sondern auch die Ballettschule besucht.

Wenige Inszenierungen machen in der nun folgenden ersten Begegnung zwischen Sophie und Oktavian dem Zuschauer deutlich, dass Oktavian gar nicht gefragt wurde, ob er die Rolle des Rosenkavaliers überhaupt übernehmen möchte. Bei Hilbrich möchte er eindeutig nicht, er muss vom Strippenzieher regelrecht durch die Wand gestossen werden, und übergibt Sophie eher lustlos eine rote Rose.

Die nun entbrennende Liebe zwischen den beiden ist eindringlich dargestellt. Für beide ist diese Begegnung ein Schock, der in ihre bisher geordnete Welt einbricht, denn sie sind zum ersten Mal verliebt.

Da wir Ochs im ersten Akt schon zur Genüge kennen gelernt haben, verwundert es jetzt nicht mehr, dass er Sophie drangsaliert, sie erst gegen eine Wand stößt und später über den Boden zerrt, um sie gefügig zu machen. Sein gewaltsamer Umgang mit ihr mag abstoßen und hat auch nichts mit einer Komödie zu tun, aber auch hier hat die Regie sehr genau gelesen. Dass eine Frau, die sich wehrt, seine Lust noch steigert („gibt nichts, was mich so enflammiert […] wie rechter Trotz“), sollte eigentlich niemand lustig finden. Und wer seine Zukünftige mit einem jungen Pferd vergleicht, dass erstmal eingeritten werden muss, der zeigt einmal mehr, dass Frauen für ihn nur Objekte der Begierde sind.

Theater Bremen / Der Rosenkavalier - hier : Ensemble © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Der Rosenkavalier – hier : Ensemble © Joerg Landsberg

Man könnte einwenden, dass hier gegen die Musik inszeniert wird, zum Beispiel, wenn sich Ochs zu den Klängen des vermutlich berühmtesten Walzers des Stückes („Mit mir, mit mir“) zu entkleiden beginnt. Aber gerade der Gegensatz zwischen der überaus zarten Musik von Strauss und dem brutalen Verhalten des Ochs erhöht noch das Unbehagen des Zuschauers.

Der amoralische Charakter des Baron Ochs wird noch deutlicher durch seinen unehelichen Sohn Leopold, den sich der Vater als Leiblakai und Gehilfen für seine amourösen Abenteuer herangezüchtet hat. Jakob von Borries spielt diese stumme Rolle mit der nötigen Unterwerfung gegenüber dem Vater und mit schockierender Gefühlskälte gegenüber Sophie. Er hält sie notfalls auch fest, damit sie sich nicht gegen die Avancen ihres zukünftigen Ehemanns wehren kann. Ihre Verzweiflung und Hilflosigkeit wird von Neryta Pokvytyte sehr eindringlich verkörpert.

Von ihrem Vater kann Sophie bei Hilbrich keine Unterstützung erwarten. Faninal ist ein grober Geschäftsmann, für den diese Heirat nur ein weiteres Geschäftsmodell ist. Sophie hat niemanden, der sie versteht, der ihr Leid wahrnimmt, bis sie auf Oktavian trifft. Man ahnt, wie dieser Vater seine Tochter erzogen hat, wenn sie ihr Selbstverständnis auf die Formel „Ich brauch erst einen Mann, dass ich was bin.“ bringt. Im direkten Gegensatz dazu bestärkt Oktavian sie in ihrer Persönlichkeit („Für sich und mich muss Sie […]bleiben,[…], was Sie ist.“). Der Strippenzieher ist auch im gesamten zweiten Akt ständig präsent. Am Ende übernimmt er Anninas Part und übergibt Ochs den Brief, der die Intrige des dritten Aktes vorbereitet.

Auch im dritten Akt sind sämtliche Nebenfiguren gestrichen (Annina und deren Kinder als vermeintliche Familie des Baron Ochs, die fünf Verdächtigen, der Kellner). Der Strippenzieher greift wieder in das Geschehen ein, indem er den Polizeiwachtmeister ruft, der mit aller notwendigen Strenge von Wolfgang von Borries gespielt wird.

Musikalisch steht der dritte Akt ganz im Schatten des berühmten Schlussterzetts. Das ist einerseits verständlich, handelt es sich hierbei doch um eines der schönsten Opernfinals überhaupt. Andererseits wird dadurch leicht übersehen, mit welcher Meisterschaft Strauss die gesamte Wirtshausszene in Musik setzt. Besonders die Musik nach dem Auftreten des Polizeiwachtmeisters zeigen Strauss einmal mehr als meisterhaften Musikdramatiker, der es versteht, die vielen abrupten Stimmungswechsel mit „elektrahafter“ Dramatik auf engstem Raum zu verbinden. Dirigent Yoel Gamzou hält nicht nur hier die vielen Fäden der Partitur sicher in der Hand und macht aus dem überraschenden Auftritt der Marschallin einen Moment mit ganz großen Emotionen.

 Theater Bremen / Der Rosenkavalier - hier : Nadine Lehner als Marschallin © Joerg Landsberg

Theater Bremen / Der Rosenkavalier – hier : Nadine Lehner als Marschallin © Joerg Landsberg

Hilbrich gesteht den beiden Frauen auch eine Entwicklung zu. Beide stellen sich am Ende gegen die so dominanten Männer: Sophie sagt gegen den Willen ihres Vaters ihre Hochzeit mit Ochs ab, und die Marschallin stellt sich konsequent Ochs in den Weg, bis dieser mit Leopold abgeht, aber nicht ohne vorher das Bühnenbild wegzuschieben. Die Bühne ist jetzt leer, die „Wienerische Maskerad’“ ist zuende. Zurück bleiben eine gebrochene Marschallin, die verständlicherweise lieber ohne Faninal abtritt, und das neue Paar Oktavian-Sophie.

Das überirdisch schöne Schlussterzett („Hab mir’s gelobt, ihn lieb zu haben“) verdient besondere Erwähnung! Wann hat man den Beginn jemals in so zartem Pianissimo gehört?! Gamzou macht hier deutlich, wie Strauss und Hoffmannsthal diesen Beginn gemeint haben: Als drei gleichzeitig stattfindende Selbstgespräche, in denen jede/r zunächst nur für sich singt.

Ganz am Schluss kommt dann eine Überraschung: Sophie und Oktavian sinken leblos zu Boden, während im Hintergrund ein zufrieden lachender Strippenzieher die Rose zerstört. War alles nur ein Spiel? Sein Spiel? Kann es jederzeit wieder von vorne beginnen?

Was das  Theater Bremen hier geboten hat, war musikalisch und szenisch auf höchstem Niveau! Die Sänger haben durchweg stimmlich überzeugt, mit guter Textverständlichkeit und sehr engagiertem Schauspiel. Herausragend war hier Nadine Lehner, die die Verletzlichkeit und die Verzweiflung der Marschallin stimmlich und darstellerisch mit großer Eindringlicheit verkörperte.

Man mag über die Kürzungen und gestrichenen Personen geteilter Meinung sein, aber Frank Hilbrichs Deutung des Rosenkavalier war – wenn auch durchaus eigenwillig – absolut sehenswert! Sein Regiekonzept war schlüssig, durchdacht, und hielt sich eng am Text.

Yoel Gamzou dirigierte einen sehr transparenten Rosenkavalier, der Strauss‘ phänomenale Instrumentationskunst gut hörbar machte. Sein schlankes Dirigat deckte die Sänger nie zu, und seine flüssigen Tempi passten sich ideal dem lockeren Parlando an, das über weite Strecken vorherrscht. Mit dem gebotenen schwelgerischen Schwung aber ohne falsche Sentimentalität führte er die Bremer Philharmoniker sicher durch diese hochkomplexe Partitur. Sein Orchester dankte es ihm mit sowohl zarten Klängen als auch berauschender Dramatik und meisterte auch technisch sehr schwierige Übergänge bravourös! Ein rundum gelungener Abend endete mit vereinzelten Buhrufen für die Regie und viel Applaus für alle Beteiligten.

Der Rosenkavalier im Theater am Goetheplatz; die nächsten Termine 22.09.; 3.10.; 11.10.; 13.10.; 30.10.; 2.11.; 22.11.2019 und mehr

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