Frankfurt, Oper Frankfurt, Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch, IOCO Kritik, 13.11.2019

November 12, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Lady Macbeth von Mzensk  –   Dmitri D. Schostakowitsch

– von einer Lady, die nur Leidenschaft will

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Das berühmte Verdikt in der Prawda wird bis heute für die Oper Lady Macbeth von Mzensk angeführt, um ihren Rang und des Komponisten künstlerische Not zu beschreiben. Die Uraufführung von Dmitri D. Schostakowitschs zweiter Oper fand im Januar 1934 statt, zwei Jahre später besuchte Josef Stalin, der Generalsekretär der KPdSU, spätere Vorsitzende des Rates der Volkskommissare und im II. Weltkrieg „Generalissimus“ der Sowjetarmee, eine Aufführung und lehnte diese Oper in einem von ihm lancierten Artikel als Chaos statt Musik ab. Und vielleicht hatte er aus seiner Warte sogar „Recht“: Schostakowitschs Musik ist beredet, berauschend, manchmal witzig, „satirisch“, mit jedem Ton eine Handlung vorantreibend in der jede Figur ihre eigene farbenreiche Klangsprache erhält. Alles findet sich in ihr, niemand wird verschont, der Pope, die Polizei, das ganze Gesellschaftssystem des Zarenreichs nicht, für alle findet Schostakowitschs Musik den passenden Ausdruck – Stalin muss das sehr wohl gespürt haben. Doch kein Diktator übt sich gerne in Selbstreflexion oder strebt gar nach höherem Erkenntnisgewinn. Diese Musik war eine Kampfansage – Stalins Sicht war da sehr eindeutig, obwohl es sich um eine zurückliegende Epoche handelte – und deshalb gab es für ihn nur ein Gegenmittel: Eine öffentliche Vernichtung und Hinrichtung durch die Kritik. Und sie entfaltete eine mächtige und verhängnisvolle Wirkung. Schostakowitschs Angst vor seiner Deportation war sehr real, auch wenn er Teil des Systems war, und hatte Folgen: Er komponierte nie wieder eine Oper.

Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowithsch
youtube Trailer Oper Frankfurt – Anselm Weber zur Produktion
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Nach mehr als einem Vierteljahrhundert – 1993 hieß der Regisseur Werner Schroeter – ist Lady Macbeth von Mzensk erstmals wieder an der Oper Frankfurt in der Regie von Anselm Weber, Regisseur und Intendant des Schauspiel Frankfurt, zu erleben.

Am Anfang langweilt sich Katerina Ismailowa – im Russischen heißt das „skuka“. Die Langweile plagt sie so sehr, dass Sergej, neu angestellter Arbeiter und Dorf-Casanova, der sich vorgeblich nur ein Buch von ihr ausleihen möchte, leichtes Spiel haben wird: So schnell hat sich ihm – zu seiner Überraschung – noch keine Herrin hingegeben, es folgt die berühmte Beischlaf-Musik und Szene. Schostakowitschs Komposition ist eindeutig – nicht anstößig, nur die triebhaft-eruptive Antwort auf Monotonie. Und was die Bücher anbelangt: Katerina und ihr Mann lesen nicht, sie besitzen keine Bücher. Stattdessen flüchtet sich Katerina vor ihrem elenden Alltag – alles ist in diesem Einheitsbühnenbild grau und trostlos – in eine virtuelle Realität (mit Hilfe der Virtual Reality-Brille) mit Blumen, Bäumen und Farben. Eine zukünftige Dystopie, denn die Arbeiter tragen Schutzanzüge, aber niemand kann in dieser Welt von irgendetwas verschont bleiben, alle tragen ein Päckchen, so dass es das äußere Elend gar nicht braucht. Katerinas Mann Sinowi Ismailow, mit Asthmaspray und Pelzmantel ausgestattet, ist schwach und kann sich nur auf die gewalttätige Autorität des Vaters berufen. Sie vermisst ihn deshalb auch nicht, als er fort muss. Dass es jemals eine Nähe zwischen den Eheleuten gegeben haben soll, ist kaum zu glauben.

Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk - hier : Anja Kampe als Katerina Ismailowa © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk – hier : Anja Kampe als Katerina Ismailowa © Barbara Aumüller

Sergej, der nicht minder mit männlicher Gewalt umzugehen versteht – die Beinahe-Vergewaltigung der Hausangestellten Axinja verhindert Katerina bei ihrem ersten Aufeinandertreffen und singt daraufhin ein Loblied auf die Leistung von Frauen –, ist deutlich ambitionierter. Doch Boris Ismailow, ihr Schwiegervater, ist auf der Lauer und erwischt Katerina beim Seitensprung und peitscht Sergej dafür aus. Für Katerina der Grund, ihren Schwiegervater endlich loszuwerden: Sein Leibgericht – Pilze – „reichert“ sie mit Rattengift an. Der zu Hilfe geeilte Pope kommt zu spät, Boris’ „Gebrabbel“ von der Übeltäterin Katerina wird als wirres Zeug abgetan. Jetzt stört nur noch Sinowi, denn Sergej will sich nicht mit der Rolle des Liebhabers begnügen. Katerina verspricht ihn zum Ehemann zu machen und beide haben bald Gelegenheit dazu, als sie von Sinowi überrascht werden. Er  macht seiner Frau Vorwürfe, Katerina stiftet Sergej zum Mord an und gemeinsam verstauen sie die Leiche im Keller. Nun kann Hochzeit gefeiert werden. Doch diese Feier stimmt die Brautleute nicht fröhlich. Katerina, deren Gewissen sich durch die vermeintlichen Erscheinungen ihres toten Schwiegervaters immer stärker regt, und der vornehm im schwarz-goldenen Anzug gekleidete Sergej wirken nicht glücklich. Nur der Pope erlebt eine Art – obschon zur Endzeitstimmung nicht ganz passendes – Coming-out, als er sein Priestergewand mit Katerinas Negligé tauscht, die rosa Pantoffeln machen in vollends zu einer Witzfigur.

In einer weiteren grotesken Szene – Anselm Weber besitzt dafür ein feines Gespür – sitzen gelangweilte Polizisten herum; wie bei einem Chor sind sie in mehren Reihen positioniert und verheißen unter der Leitung ihres korrupten Polizeichefs nichts Gutes. Alle feiern die Hochzeit von Katerina und Sergej, nur sie wurden zum üppigen Mahl nicht eingeladen, stattdessen müssen sie düpiert ihre Chipstüten auspacken. Doch für diese Schmach wird man sich rächen, denn aus der eigenen moralischen Fehlbarkeit macht dieser Gesetzesvertreter gar keinen Hehl. Es fehlt nur noch die Gelegenheit. Der Schäbige – nach eigener Aussage wie seine ganze Familie keinen Tag ohne Alkohol überlebensfähig – findet auf der Suche nach Wein den toten Sinowi im Keller und meldet das umgehend der Polizei. Für eine Flucht ist es zu spät, Katerina gesteht sofort.

Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk - hier : Alfred Reiter als Pope; oben Bildmitte, darunter Anja Kampe als Katerina Ismailowa, Dmitry Golovnin als Sergei © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk – hier : Alfred Reiter als Pope; oben Bildmitte, darunter Anja Kampe als Katerina Ismailowa, Dmitry Golovnin als Sergei © Barbara Aumüller

Aus der anfänglichen „skuka“ – Langweile – ist im Straflager „muka“ – Leiden – geworden. Vielleicht nicht nur im Russischen ein Reim auf Langweile, im Deutschen gibt es die „tödliche Langweile“, und dass diese tödlich werden kann und die „Lady“ leiden wird, dieser Weg war ihr vorgezeichnet. Ihr Tod und dritter Mord, bei dem sie Sonetka, die neue Herzensdame von Sergej, ins Wasser stößt, der einzige Ausweg für sie. Sergej hat sie, ihr wahrer Schmerz, nur aus Berechnung „geliebt“, er wollte den gesellschaftlichen Aufstieg. Was ein Aufbruch für sie hätte sein sollen, erweist sich am Ende als eine einzige Farce, nur noch übertönt vom Spott der anderen Lagerinsassen, die dann weiterziehen. Folglich gibt es auch keine Erlösung, stattdessen lässt Anselm Weber den Chor im Zuschauerraum die Oper beenden, während die Bühne leer hell leuchtet, und wir wohl alle – in Webers Lesart – Teil dieser Dystopie sind; dabei ist es die Geschichte einer Frau, die mehr wollte, an sich und den Verhältnissen aber zugrunde gehen muss.

Das Einheitsbühnenbild von Kaspar Glarner (auch für Kostüme verantwortlich) verstärkt Katerinas Trostlosigkeit, aber nicht nur ihre. Es könnte ein Bunker sein, der Raum steht zugleich für das Haus der Ismailows, die Polizeistation und später das Straflager. Das Liebesbett schwebt wie eine überdimensionierte und nach vier Seiten offene runde Dose von oben herunter und erzeugt doch keine wirkliche Intimität, denn auch daraus flieht Katerina unter eine Bank in eine blühende virtuelle Welt – alle Figuren wirken in diesem düsteren betongrauen Halbrund irgendwie verloren. Für das entsprechende Licht sorgt bewährt und zuverlässig Olaf Winter, für die Videoeinspielungen Bibi Abel. Die dystopische Weltsicht, in der es nur um das schiere Überleben gehen soll, kontrastiert Anselm Webers Regie am überzeugendsten dann, wenn er den Figuren nahe kommt und sie zu Wesen aus Fleisch und Blut macht; wie etwa bei Sergej, dem seine hemdsärmelige Attitüde beim Mord an Sinowi Isamilow zu einer erstarrten Maske entgleitet – das hier ist kein Spiel mehr.

 Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk - hier : Iain MacNeil als Polizeichef; rechts im Sessel, Peter Marsh als Der Schäbige; links mit Fellmütze © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk – hier : Iain MacNeil als Polizeichef; rechts im Sessel, Peter Marsh als Der Schäbige; links mit Fellmütze © Barbara Aumüller

Anja Kampes Katerina legt ihre ganze Ausdrucksstärke in den Gesang, ihre Stimme bietet von schöner Höhe bis zur beißenden Schärfe alles, voller Zärtlichkeit und Begierde ihrem Geliebten, kalt und scharf ihrem Schwiegervater gegenüber, während ihrem Mann nur Gleichgültigkeit zuteil wird; ihr Spiel wirkt dagegen rätselhaft verhalten. Mitleid hat man mit dieser Frau nicht so richtig, obzwar sie (nicht) das einzige Opfer der Umstände zu sein scheint.

Das heimliche Kraftzentrum ist Boris Ismailow – grandios gesungen und gespielt von Dmitry Belosselskiy; sein wunderbarer Bass, seine deutliche (russische) Aussprache und das Wissen um die ihm vertraute Kulturgeschichte zeugen von seiner Meisterschaft. Sein Patriarch ist ein zu Härte fähiger Mann, aber das Produkt einer vergangenen und überwundenen Zeit (Nikolai S. Leskow schrieb die Novelle 1865), und er ist die einzige Figur, die letztendlich Reflektionen über die Zustände im Haus anstellt. Zwischen Brutalität, dem Auspeitschen des Sergei, und dem Sinnieren über das Älterwerden, seine eigene (unrühmliche) Vergangenheit, seinen Sohn, der nicht so ist wie er, und die falsche Schwiegertochter, die nicht hineinpasst, ist er durchaus zu Wärme und Menschlichkeit fähig, dabei kostet Belosselskiy alle Facetten seiner Stimme aus; ebenso berührend ist er in seiner Rolle als alter Zwangsarbeiter. Evgeny Akimov spielt den schwachen und Katerina nicht gewachsenen Ehemann Sinowi Ismailow und stellt so einen deutlichen Kontrast zur Figur des Vaters dar.

Dmitry Golovnin verkörpert Sergejs Wandlung vom grobschlächtigen und heißblütigen Arbeiter bis hin zum abgebrüht agierenden neuen Ehemann überzeugend und gewinnt auch stimmlich an Kontur. Julia Dawsons beherzt gesungene Axinja besitzt gesunden Menschenverstand, fällt nicht auf den Blender Sergej herein und versucht in der rauen Männerwelt zu bestehen. Als unübertrefflich abgedrehter Pope ist Alfred Reiter, der auch zum Schlussapplaus von seinen rosa Pantoffeln nicht lassen will, Iain MacNeil als eine gelungene Karikatur des Polizeichefs und mit herrlichem Schluckauf als Schäbiger Peter Marsh zu sehen. Sonetka ist nicht minder durchtrieben als Sergej und wird von Zanda Švede dargestellt.

Es ist eine musikalisch herausragende Ensembleleistung und zu den weiteren Mitwirkenden gehören: Anthony Robin Schneider (Verwalter/ Sergeant), Mikolaj Trabka (Hausknecht), Dietrich Volle (Polizist/ Wachtposten), Theo Lebow (1. Vorarbeiter/ Lehrer),

Michael McCown (2. Vorarbeiter/ Betrunkener Gast), Hans-Jürgen Lazar (3. Vorarbeiter), Barbara Zechmeister (Zwangsarbeiterin), Alexey Egorov (Kutscher) und Yongchul Lim (Mühlenarbeiter). Unterstützt werden sie vom wie immer hervorragend einstudierten Chor der Oper Frankfurt unter der Leitung von Tilman Michael. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester läuft unter GMD Sebastian Weigle zur Höchstform auf, der die musikalischen so reichen Fäden dieser Oper bis zum Schluss sicher in seinen Händen hält. Dabei sollen – last but not least – die Blechblässer erwähnt werden; ihr strahlender Klang, in komischen wie tragischen Momenten besonders wirkungsvoll zur Geltung kommend, verdient Anerkennung, so dass sie von Weigle zu Recht zum Schlussapplaus auf die Bühne geholt werden – ihre Leistung rundet den Abend ab.

Großer und einhelliger Applaus für alle Mitwirkenden.

–| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, The Medium – Satyricon, IOCO Kritik, 27.07.2019

Juli 27, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Bockenheimer Depot © Staedtische Buehnen Frankfurt / PMG

Bockenheimer Depot © Staedtische Buehnen Frankfurt / PMG

The Medium – Gian Carlo Menotti : Satyricon – Bruno Maderna

 – Erstaufführungen der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot –

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Ein Ort, der Theatergeschichte geschrieben hat, bietet den passenden Raum für zwei jeweils gut einstündige Opernwerke: The Medium von Gian Carlo Menotti und Satyricon von Bruno Maderna sind erstmals zusammen zu hören und zugleich auch Frankfurter Erstaufführungen. Menotti (1911-2007) und Maderna (1920-1973) waren Zeitgenossen und doch unterscheiden sich ihre Kompositionsweisen und Werke erheblich. Auch in der Thematik gehen diese beiden Komponisten mit italienischen Wurzeln getrennte Wege.

 Oper Frankfurt / The Medium - hier : Meredith Arwady als Madame Flora © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / The Medium – hier : Meredith Arwady als Madame Flora © Barbara Aumueller

Das Bockenheimer Depot verfügt über den kleinen, keineswegs weniger bedeutenden, dafür aber intimen Rahmen. Das Depot, das im Frankfurter Stadtteil Bockenheim liegt, ist ein Relikt aus vergangenen Tagen: ein Betriebshof und Hauptwerkstatt der Straßenbahn Frankfurt. Entstanden ist das unter Denkmalschutz stehende Gebäude 1900, um die elektrifizierten Straßenbahnen beherbergen zu können, doch 1966 war damit Schluss. Nach diversen Nutzungen – so auch von Zirkus Roncalli 1986 – musste nach dem Opernbrand von 1987 das Schauspielhaus, das seine Bühne der Oper zur Verfügung stellte, ins Bockenheimer Depot ausweichen. Der Umbau in ein Theater mit etwa 400 Sitzplätzen rechnete sich langfristig, denn von 1985 bis 2004 residierte dort das legendäre Theater am Turm –  kurz TAT. Dieses musste seinen angestammten Platz am Eschenheimer Turm, der ihm auch den Namen eintrug, verlassen – und mit ihm ging auch ein Stück Frankfurter und deutsche Theatergeschichte verloren. Bis heute nutzen sowohl das Schauspiel- als auch das Opernhaus der Städtischen Bühnen diesen ungewöhnlichen Theaterraum. Und ein weiterer Großer der Frankfurter Theatergeschichte gehört dazu: William Forsythe, der dem Ballett Frankfurt zunächst als künstlerischer Direktor und dann als Intendant zwei Jahrzehnte bis 2004 vorstand, gab bis 2015 mit seiner Forsythe Company dort regelmäßig Ballettvorstellungen Die Nachfolgekompanie gastiert noch heute im Bockenheimer Depot.

Oper Frankfurt / The Medium - hier : v.l. Louise Alder als Monica, Meredith Arwady als Madame Flora, Marek Löcker als Toby © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / The Medium – hier : v.l. Louise Alder als Monica, Meredith Arwady als Madame Flora, Marek Löcker als Toby © Barbara Aumueller

In The Medium sehen wir einen dunklen Raum, rechts mit einer Treppe zu einer Tür nach oben führend. Links steht der Tisch für anstehende spiritistische Sitzung bereit. Es ist ein klaustrophobischer Ort, es gibt zwar Türen links und oben, aber sie bieten keinen Ausweg – zumindest nicht für die Bewohner, wie sich später zeigen wird, stattdessen wird alles noch düsterer werden. Die Séance verspricht den Besuchern Kontakt zu ihren zu früh Verstorbenen herzustellen. Da sind das Ehepaar Gobineau, das über den Tod ihres kleinen Sohnes nach all den Jahren nicht hinwegkommen ist, und Mrs. Nolan, die eine fast schon erwachsene Tochter verloren hat. Aber auch die Bewohner dieses okkulten Ortes tragen ihre Päckchen: Madame Flora – Meredith Arwady – ist eine Wucht und die zentrale Figur dieser Oper – trinkt, ist unbeherrscht und kann brutal werden; wie sie das darstellt und mit allen Facetten ihrer Stimme operiert – von beinahe nicht geglaubter Sanftheit bis zu scharfen Tönen – ist sie der Höhepunkt des Abends. Insbesondere gegen ihren stummen „Ziehsohn“ Toby richtet sich ihre Wut und auch hier gilt: großartig gespielt von Marek Löcker. Monica, die Tochter und von Louise Alder als liebenswürdige Antifigur zu ihrer Bühnenmutter dargestellt, versucht den Ausgleich zwischen beiden. Sie mag Toby, und sie gibt ihm die Wärme, die er sucht, aber sie wird ihn nicht retten können. Ihre Figur und ihre berührende glockenklare Stimme sind nicht nur dramaturgisch, sondern auch musikalisch der Kontrast zu Madame Flora und ihrem schroffen Wesen.

Während die Gobineaus schon erfahrene Teilnehmer sind, ist Mrs. Nolan unsicher, ob der Kontakt zu ihrer toten Tochter gelingen kann und ihr Frieden bringen wird. Die Sitzung beginnt wie immer: Der Kontakt zum kleinen Sohn der Gobineaus erfolgt sofort, und auch Mrs. Nolan, skeptisch und etwas irritiert über die Aussagen ihrer Tochter, scheint überzeugt. Bis Madame Flora vermeintlich von einer unsichtbaren Hand berührt wird. Jetzt kippt alles. Die Séance-Teilnehmer werden nach Hause geschickt, Toby für die mysteriöse Hand verantwortlich gemacht. Wie eine Furie wütet diese Frau, die doch alles im Griff zu haben schien, und tappt in ihre eigene Falle. Als sie erneut kommen, will sie ihnen vorführen, dass das alles nur Tricks waren: Monica ist über einen Spiegel als die tote Tochter Mrs. Nolans erschienen, auch die Gobineaus habe sie nur betrogen. Doch sie glauben ihr die Wahrheit nicht. Sie trinkt, hetzt gegen Toby, am Ende ist ihre Wut sein Tod: Er erhängt sich und baumelt vom angedeuteten Dachboden, wohin er sich immer vor ihr geflüchtet hat, herunter. Ein ausgezeichnetes Sängerensemble, das fein aufeinander abgestimmt ist: Barbara Zechmeister und Dietrich Volle sind ein bewährtes Team, das die Eltern eines toten Kindes bis in jedes Detail sehr gut spielen und singen. Kelsey Lauritano beeindruckt mit schöner Stimme und ebenso versiertem Spiel. Louise Alder ist der Halt bzw. der optimistische Teil, der Hoffnung aufzeigt, so dass man geneigt wäre zu glauben, es wird noch eine Wendung zum guten Ende geben. Marek Löckers Rolle ist zwar stumm, aber seine Präsenz ist so grandios, dass er allen ein ebenbürtiger Partner ist. Und natürlich die alles umwerfende Meredith Arwady,: wie wenige andere ist sie in der Lage von Zärtlichkeit – in Stimme und Haltung – zu Wut und Aggression zu wechseln.

Hans Walter Richter zeigt ein stimmiges Kammerspiel, indem sich das Drama langsam abzeichnet und am Ende fürchterlich kulminiert. Ihm zur Seite stehen: der Bühnenbildner Kaspar Glarner, die Kostümbildnerin Cornelia Schmidt und Jan Hartmann, der für das entsprechende Licht sorgte. Ein rundes, gelungenes Werk zu dem das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der souveränen Leitung von Kapellmeister Nikolai Petersen hervorragend beiträgt. Belohnt wurde nicht nur das Regieteam, sondern auch das Sängerensemble mit großem Applaus; Meredith Arwady ist die überragende Sängerin des Abends, die vom Publikum dafür begeistert gefeiert wurde.

Oper Frankfurt / Satyricon - hier : Peter Marsh als Trimalchio und Ensemble © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Satyricon – hier : Peter Marsh als Trimalchio und Ensemble © Barbara Aumueller

Der Raum ist bei Satyricon geweitet, alles ist offen und scheinbar heiter, heller, ein wahres optisches Kontrastprogramm zu The Medium. Auch musikalisch – die Leitung hat Simone di Felice übernommen – bietet es eine andere Klangwelt. Es ist eine musikalische Collage, die kräftig aus der Musikliteratur zitiert – von Tschaikowski bis Wagner, ebenso Tango und Jazz. Aber, wie Simone di Felice im Gespräch mit der Regisseurin Nelly Danker im Programmheft erläutert: „In ihren vielen kleinen Fragmenten ist die Musik absolut als eine italienische erkennbar. Für Maderna sind Instrumente wie Stimmen in einem Dialog, sie sprechen und streiten miteinander, wie Personen.

Tatsächlich findet ein ständiger „Dialog“ nicht nur der Instrumente, sondern auch der Protagonisten statt, den nachzuvollziehen aufgrund des überbordenden Bühnengeschehens und der gleichzeitigen Aktionen nicht unbedingt erleichtert wird. Bei Satyricon handelt es sich um ein Werk, das in unterschiedlicher Fassung bzw. Folge der sechzehn verschiedenen Szenen aufgeführt werden kann und soll. In fünf Sprachen wird das Gastmahl des Trimalchio gefeiert, eine Episode aus dem in Latein verfassten Romanfragment Satyricon von Petronius Arbiter aus dem 1. Jahrhundert zu Zeiten Kaiser Neros. Trimalchio, ein ehemaliger Sklave, ist zur Reichtum gekommen und gibt wieder eine Party, allerdings soll auf dieser seine eigene Beerdigung und sein letzter Wille verkündet und gefeiert werden. Natürlich kann das nur schrill und überzogen sein, und so lässt die Regisseurin Nelly Danker ein Laufband hinter der rechts stehenden Halbtreppe ständig neue Präsente auffahren, die kaum alle sinnvoll genutzt werden können – außer den Protz des Gastgebers zu demonstrieren. So wie auch die links freistehende Badewanne eher Lustspielen als ihrem eigentlichen Zweck dient. Überhaupt ist die Akrobatik ein nicht unwesentlicher Bestandteil dieser Inszenierung: Scintillas Gesang ist ebenso artistisch wie ihre körperlichen Verrenkungen, einer Trapezkünstlerin gleich hängt sie im und am weißen von der Decke baumelnden Tuch. Die weiteren Gäste dieser makabren Feier sind Habinnas, ihr Gatte, sowie Criside und Eumolpus. Auch die Sklaven Niceros, Philargyros und Cairo sind nur Staffage, einzig da, ihren Herren zufrieden zu stellen und dabei auch die Attacken seiner Frau Fortunata abzumildern. Da es kein richtig oder falsch bei diesem Werk gibt, ist Flexibilität von Musikern und Mitwirkenden gefordert. Simone di Felice, seit 2017/18 Kapellmeister an der Oper Frankfurt, bringt es präzise auf den Punkt: „Das ist wie beim Festessen einer italienischen Familie. Drei Stunden lang sprechen alle laut durcheinander, und keiner hört zu. Es gibt eigentlich keinen Dialog, sondern viele Monologe gleichzeitig und trotzdem haben am Ende alle eine gute Zeit – meistens.“  Leider hat das die Regisseurin allzu sehr beherzigt, so dass das Stück eher disparat wirkt und im optischen Overkill untergeht. Mehr Schein als Sein hat sie ihren Figuren – insbesondere dem Gastgeber Trimalchio bescheinigt –, so dass alles nur Oberfläche bleibt, von der von ihr beschriebenen „bissigen Gesellschaftssatire“ Bruno Madernas ist wenig zu spüren. Schade, denn sie hätte durch eine stringentere Erzählweise genau das zeigen können.

Oper Frankfurt / Satyricon - hier : Ensemble © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Satyricon – hier : Ensemble © Barbara Aumueller

Die Leistung aller Mitwirkenden kann gar nicht genug gelobt werden, das Publikum sah es ähnlich und belohnte die Mitwirkenden mit großem Applaus. Allen voran Peter Marsh als Trimalchio, der nicht nur mit den verschiedenen Sprachen hantieren muss, sondern musikalisch als ein mit Halbwissen um sich werfender in Gold gekleideter Gockel auftritt – mit großen Witz stattet er diesen über alle Epochen und Zeiten immer wiederkehrenden Zeitgenossen aus. Susanne Gritschneders eher geerdete oder berechnende Fortunata bildet einen schönen Kontrast dazu. Ambur Braid ist Scintilla, ihr zynisch angehauchter Mann Habinnas wird von Theo Lebow verkörpert. Criside, von Karen Vuong, und Eumolpus, von Mikolai Trabka, sind das andere Gästeehepaar. Die drei Sklaven werden von Kamil Mrozowski, Michael Gross und Manuel Gaubatz dargestellt. Unter Simone di Felice spielt ein fabelhaft aufgelegtes Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Für Bühnenbild zeichnet Kaspar Glarner, für Kostüme Cornelia Schmidt, für Licht Jan Hartmann und für Video Sami Bill verantwortlich.

Die Verschränkung der Stücke wirkt durchaus interessant, am Ende jedoch kann man sich nicht erwehren, nach der Sinnhaftigkeit der Verknüpfung zu fragen. Nichts verbindet sie, weder musikalisch noch inhaltlich – am ehesten noch, dass sie ein jeweils spezifisches gesellschaftliches Miteinander porträtieren und musikalisch erklingen lassen. Vielleicht hätte man beide Werke einer einzigen regieführenden Person überlassen sollen, so zerbröselte der Abend nach dem packenden ersten Teil zwar etwas, entwickelt aber insgesamt eine spannende, inspirierende Nachwirkung.

The Medium – Satyricon:  weitere Aufführungen im Bockenheimer Depot zur Zeit nicht auf dem Spielplan der Oper Frankfurt

 

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Der ferne Klang – Franz Schreker, IOCO Kritik, 30.04.2019

April 30, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Der ferne Klang  –   Franz Schreker

– Fritz, ein junger Mann, bricht auf, einen „fernen Klang“ zu finden –

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Franz Schrekers Oper Der ferne Klang erlebte seine Uraufführung 1912 in der Frankfurter Oper. Heute heißt dieses Gebäude Alte Oper, war aber bis zum Ende des 2. Weltkriegs das Opernhaus der Stadt Frankfurt. Fast die Hälfte von Schrekers zehn Opernwerken gelangte in der Mainmetropole zur Uraufführung. Die Wiederentdeckung von „Schrecker“ – so Schrekers bei Geburt – verdankt sich insbesondere dem vor kurzen verstorbenen Dirigenten Michael Gielen (1927-2019). Ihm ist diese Aufführung gewidmet, denn er war einer der prägendsten GMDs der Nachkriegsgeschichte. Von 1977 bis 1987 wirkte Gielen in Frankfurt und hat Maßstäbe gesetzt.

Der ferne Klang  –  Franz Schreker
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Insofern kam wohl bei dem einen oder der anderen im Premierenpublikum eine gewisse Wehmut auf, die allerdings verflog, denn das, was aus dem Orchestergraben ertönte und auf der Bühne zu sehen war, überwältigte vollkommen. Gebannt und gefangen von diesem Werk, von der ersten bis zur letzten Sekunde. Schreker hat das Libretto – mit autobiografischen Bezügen – selbst verfasst, so dass sich alles fügte und zusammen gehörte. Und auch die Inszenierung war aus einem Guss. Damiano Michieletto, der Regisseur, und seinem Team (Bühnenbild: Paolo Fantin, Kostüme: Klaus Bruns, Licht: Alessandro Carletti, Video: Roland Horvath und Carmen Zimmermann, rocafilm) ist eine kongeniale Umsetzung der Musik ins Szenische gelungen: Wir sehen, was wir hören und wir hören, was wir sehen.

Die Geschichte selbst beginnt mit der Sehnsucht eines jungen Mannes namens Fritz, einen „fernen Klang“ zu finden und letztlich als Künstler zu reüssieren. Dabei bleibt seine „Liebe“, Grete Graumann, zurück, seine Kunstsuche geschieht zu ihren Lasten. Schreker erzählt ihr Leben als eine einzige Abwärtsspirale, ihre Liebe wird davon aber nie berührt oder gar zerstört werden. Von Fritz verlassen, versucht Grete – wohl nicht ohne Hintersinn an Fausts Margarete erinnernd –, ihrem tieftraurigen Elternhaus zu entkommen und ihn zu finden. Gefunden wird sie allerdings von einem alten Weib, das ein zwielichtiges Haus auf einer Insel bei Venedig betreibt und sie als Edelkurtisane ausstattet.

Oper Frankfurt / Der ferne Klang - hier : Ian Koziara als Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der ferne Klang – hier : Ian Koziara als Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Mit einfachen, dafür um so berückenden Mitteln erzeugt Michieletto Räume, Situationen und Stimmungen. Schleierartige Vorhänge gehen auf, erzeugen neue Räumlichkeiten, erzählen eine weitere Geschichte oder Verweisen auf Zukünftiges. Seelenräumen gleich, die alle durchlaufen werden müssen. Die Harfe, die materielle Verkörperung einer nicht greifbaren Empfindung, der Musik eben, schwebt immer wieder von oben herunter – doch dieser ferne Klang“ kann nicht eingefangen werden, und wenn es gelingen sollte, dann ist es der ferne (und doch hörbare) Klang des Endes. ‚Die Harfe’ wird auch Fritz’ letztes Werk heißen.

Schon am Anfang ist die unberührte und ahnungslose Grete mit der alten Margarete konfrontiert, aber sie begegnen sich eher wie Wesen nicht von dieser Welt. Umso brutaler ist dann die Realität. Der Vater, ein Trinker, „verspielt“ seine Tochter an den Wirt des Gasthauses „Zum Schwan“. Grete, die ihrer einst patenten, nun recht hilflosen Mutter nichts vom Ring, den sie zum Abschied von Fritz erhalten hatte, erzählt, sieht sich einer „Heirat“ gegenüber, der sie um jeden Preis entfliehen will. Und so landet sie auf der Insel, im verruchten „La casa di maschere“, wo das Leben ach so bunt, glamourös und ein leichtes ist. Mitnichten, denn Fritz, den sie hier zum ersten Mal nach ihrer Trennung wiedersieht, weist sie angesichts ihrer äußeren Erscheinung und gesellschaftlichen Stellung angewidert zurück.

Oper Frankfurt / Der ferne Klang - Jennifer Holloway (Grete Graumann) und Ian Koziara (Fritz) sowie hinter dem Vorhang Martin Georgi (Alter Fritz) und Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der ferne Klang – Jennifer Holloway (Grete Graumann) und Ian Koziara (Fritz) sowie hinter dem Vorhang Martin Georgi (Alter Fritz) und Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumueller

Nur für einen kurzen Augenblick gönnt uns die Musik und die Inszenierung eine Illusion: Das wunderbare Couplet Die Blumenmädchen von Sorrent vermittelt eine musikalische Heiterkeit, und Michieletto lässt die Glitzerwelt der frühen 60er Jahre als Ahnung aufleuchten. Fast glaubt man einen Dean Martin mit seinem It’s amore auf die Bühne springen zu sehen. Aber hier ist keine Liebe. Das beinahe schlagerartige Lied ist bitter: Diese „falschen“ Blumenmädchen wollen geheiratet werden, nur sollte das ein „ehrbarer“ Mann nicht tun. Während die Gäste darüber lachen, vergeht Grete das Lachen vollends, ihr Absturz – musikalisch grandios eingeleitet – ist deshalb umso dramatischer. Kleid bzw. Seidenstrümpfe zerreißend, erinnert ihr tänzerischer „Ausbruch“ von weitem an Salome, bei dieser ist es ein lasziver Tanz – bei Grete hingegen entlädt sich die ganze Verzweiflung ihrer Seele. Sie folgt dem Grafen und verlässt die Insel, danach hält aber nichts mehr ihren freien Fall – als Straßendirne endend – auf. Wieder werden sich ihre und Fritz’ Wege kreuzen: Sie verfolgt als Zuschauerin im Theater seinen künstlerischen Zusammenbruch.

Immer mehr wird die Handlungsebene auf der Bühne nach hinten verschoben, am Anfang vorne, als alles möglich und noch rein schien, auf der mittleren Ebene das überbordende Edelbordell und hinten das Ende im Theater bzw. Krankenbett – wobei sich alles miteinander verwebt, von den Schleiern verbunden oder getrennt wird. Auch die Projektionen verstärken die Eindrücke. Der alte Fritz, nach wie vor seinen fernen Klang suchend, inzwischen von Krankheit und Lebenserinnerungen geplagt, kann nur noch sterbend feststellen, dass er den letzten Akt seines Werkes ‚Die Harfe’ – aber vielleicht meint er auch sein eigenes Leben – für verfehlt hält. Nun hat er ihn – den musikalischen Ausdruck – gefunden, und wenn fast alle Orchesterinstrumente von oben herunterschweben ist das ein überwältigendes Bild, aber es ist zu spät. Die ebenfalls gealterte Grete, das verschmutzte Kleid hat seinen einstigen Glanz längst eingebüßt und ist äußeres Sinnbild ihres Niedergangs, findet endlich ihre Liebe. Es ist die finale Begegnung der beiden, und nun ist es Fritz, der sie braucht und sie so annehmen kann, wie sie ist – und sie ist für ihn da. Alle sind an ihrer Misere schuld, gesellschaftlich missachtet, ist sie die einzig Aufrechte – vom Leben gebeutelt nicht gebrochen. Grete ist eine Opernheroine ersten Ranges, Seit an Seit mit Alban Bergs Lulu und Richard Strauss’ Salome und das eigentliche Zentrum dieser Oper.

Oper Frankfurt / Der ferne Klang - hier : Martin Georgi als Alter Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der ferne Klang – hier : Martin Georgi als Alter Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Der Chor unter der Leitung Tilman Michael zeigt wie immer eine bravuröse Leistung bis hin zu den Chorsoli. Auch das Orchester entwickelt eine sogartige Wirkung, die die ganze Klangarchitektur des Werkes unter der souveränen musikalischen Leitung von GMD Sebastian Weigle zur Geltung und vollkommenen Entfaltung bringt. Exemplarisch für alle Protagonisten seien hier Jennifer Holloway und Ian Koziara als Grete und Fritz genannt. Sie vollbringen Glanzleistungen – wie sie sich als junges Paar immer mehr dem alten (stumm: Steffie Sehling und Martin Georgi) annähern und damit nicht nur äußere, sondern auch innere Wandlungen durchlaufen, ist einfach großartig anzuhören und anzusehen. Auch die jeweilige Einzelleistung der insgesamt herausragenden Ensemblesolisten kann nicht genug gewürdigt werden. Es sangen und spielten: Anthony Robin Schneider (Wirt des Gasthauses „Zum Schwan“), Iurii Samoilov (Schmieren-schauspieler), Magnús Baldvinsson (Der alte Graumann/ 2. Chorist), Barbara Zechmeister (Seine Frau), Dietrich Volle (Dr. Vigelius), Nadine Secunde (Ein altes Weib), Julia Dawson (Mizi), Bianca Andrew (Milli/ die Kellnerin), Julia Moorman (Mary), Kelsey Lauritano (eine Spanierin), Gordon Bintner (der Graf), Ian MacNeil (der Baron), Theo Lebow (der Chevalier/ 1. Chorist), Sebastian Geyer (Rudolf), Hans-Jürgen Lazar (ein zweifelhaftes Individuum) und Anatolii Suprun (ein Polizeimann/ ein Diener).

Bei dieser Inszenierung stimmt alles. Regisseur Damiano Michieletto ist so ein fulminanter Einstand in Frankfurt gelungen. Das Publikum belohnte ihn, sein Team und alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus.

Der ferne Klang an der Oper Frankfurt;  weitere Vorstellungen 26.4.; 28.4.; 9.5.; 11.5.2019

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, DIE LUSTIGE WITWE – Franz Lehár, 15.12.2018

Dezember 6, 2018 by  
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Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

DIE LUSTIGE WITWE – Franz Lehár

Text Victor Léon und Leo Stein, nach der Komödie L’Attaché d’ambassade (1861) von Henri Meilhac

Wiederaufnahme: 15. Dezember 2018 19.30 Uhr   weitere Vorstellungen: 20., 29. (18.00 Uhr), 31. Dezember 2018, 1. (18.00 Uhr), 6. (15.30 Uhr)1.2019

Oper Frankfurt / Die lustige witwe © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Die lustige witwe © Monika Rittershaus

Die lustige Witwe von Franz Lehár (1870-1948) in der Regie von Claus Guth aus der Spielzeit 2017/18 überzeugte sowohl die Operetten-Skeptiker als auch die Fans der leichten Muse: Das Publikum wohnt einer Verfilmung der Lustigen Witwe bei, so dass Guth auf der einen Seite hemmungslos im Operetten-Pathos schwelgen, im nächsten Moment aber auch „hinter den Kulissen“ die berührende Geschichte der beiden Hauptdarsteller erzählen kann, die sich in einem ähnlichen Liebesdebakel befinden wie die von ihnen dargestellten Bühnenfiguren. „Auf mitreißende Weise mixt Guth hier Sentiment und Bussi-Scheinwelt, Kitsch und die blanke Kälte der Realität zu einem intelligenten, handwerklich glänzend gelösten und doch schmerzlich wehmütigen Operettenabend zusammen“, konnte man etwa nach der Premiere am 13. Mai 2018 in der Frankfurter Neuen Presse lesen.

Zur Handlung: In der pontevedrinischen Gesandtschaft zu Paris herrscht höchste Aufregung: Es gilt, das Vermögen der attraktiven Witwe Hanna Glawari „im Land“ zu halten. Daher wird der nicht minder gut aussehende Graf Danilo auf seine äußerst begehrte Landsfrau angesetzt. Doch da es sich bei Hanna um Danilos Jugendliebe handelt, die er einst aus Standesgründen verlassen musste, und er darüber hinaus nicht in Verdacht geraten will, es nur auf Hannas Millionen abgesehen zu haben, sind allerhand amouröse Verwicklungen zu lösen, bis sich die beiden endlich ihre Liebe gestehen können – oder auch nicht?

Oper Frankfurt / Die lustige witwe © Monika Rittershaus

Oper Frankfurt / Die lustige witwe © Monika Rittershaus

Die musikalische Leitung dieser ersten Wiederaufnahme liegt bei Hartmut Keil, der von 2002 bis 2016 an der Oper Frankfurt engagiert war, zuletzt als Kapellmeister. Seit der Spielzeit 2017/18 hat er die Position des Ersten Kapellmeisters am Theater Bremen inne. In der Titelpartie wechseln sich die Ensemblemitglieder Kirsten MacKinnon und Juanita Lascarro ab. Als Danilo steigt Christoph Pohl von der Dresdner Semperoper neu in die Produktion ein. Aus dem Ensemble und dem Opernstudio der Oper Frankfurt sind Florina Ilie (Alternativbesetzung der Valencienne), Matthew Swensen (Camille de Rosillon), Sebastian Geyer (Bogdanowitsch), Angela Vallone (Sylviane) sowie Kelsey Lauritano und Nina Tarandek (im Wechsel als Olga) erstmals in dieser Inszenierung vertreten. Alle weiteren Sängerinnen und Sänger sowie der Schauspieler Klaus Haderer als Njegus sind mit der Produktion bereits aus der Premierenserie vertraut.

Musikalische Leitung: Hartmut Keil, Regie: Claus Guth, Szenische Leitung der Wiederaufnahme: Nina Brazier, Bühnenbild und Kostüme: Christian Schmidt, Licht: Olaf Winter, Choreografie: Ramses Sigl, Chor: Tilman Michael, Dramaturgie: Konrad Kuhn

Mit: Graf Danilo Danilowitsch: Christoph Pohl, Hanna Glawari: Kirsten MacKinnon / Juanita Lascarro (Januar 2019), Baron Mirko Zeta: Barnaby Rea, Valencienne: Elizabeth Reiter / Florina Ilie (6., 20. Januar 2019), Camille de Rosillon: Matthew Swenson / Martin, Mitterrutzner (20. Januar 2019), Vicomte de Cascada: Theo Lebow, Raoul de St. Brioche: Michael Porter, Bogdanowitsch: Sebastian Geyer, Sylviane: Angela Vallone, Kromow: Dietrich Volle, Olga: Kelsey Lauritano / Nina Tarandek (29., 31. Dezember 2018, 1., 6., 20. Januar 2019), Pritschitsch: Franz Mayer, Praskowia: Margit Neubauer, Njegus: Klaus Haderer u.a.

Chor und Statisterie der Oper Frankfurt; Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Mit freundlicher Unterstützung der DZ BANK

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

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