Meiningen, Meininger Staatstheater, Tosca – Giacomo Puccini, 05.05.2019

Meininger Staatstheater 

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

 TOSCA  – Giacomo Puccini

05. Mai 2019 19.00 Uhr

In Giacomo Puccinis Tosca durchlebt ein Künstlerpaar vor den historischen Ereignissen um Napoleons Entscheidungsschlacht innerhalb weniger Stunden einen von Machtgelüsten, Eifersucht und Folter angetriebenen tödlichen Krimi.

Meininger Staatstheater / Tosca © Marie Liebig

Meininger Staatstheater / Tosca © Marie Liebig

Die letzte Gelegenheit Puccinis rasanten Opernthriller voll mitreißender und bewegender Melodien in der preisgekrönten Inszenierung von Ansgar Haag zu erleben ist am Sonntag, 5. Mai 2019 im Großen Haus. Der Theaterförderverein Meininger TheaterFreunde wählte die Regiearbeit zur Inszenierung des Jahres und übergab bei der letzten Vorstellung den Preis an Hausherrn Ansgar Haag.

Der Fördervereinvorsitzende Thomas Michel äußerte sich: TOSCA ist ein Werk des Verismo und als solches bedarf es einer klaren Inszenierung, in der die Gefühle der Protagonisten dem Zuschauer dargelegt werden. Zugleich muss sie sich aber den politischen Hintergründen stellen, die sich aus der Handlung ergeben. Das ist dem inszenierenden Intendanten Ansgar Haag in mustergültiger Weise gelungen.“

Neben der großartigen musikalischen Leistung der Solist*innen, des Chors und der Hofkapelle sind es wohl auch das prächtige Bühnenbild, ein Kircheninnenraum, geschaffen von Dieter Richter, und die stilvollen historischen Kostüme von Renate Schmitzer, die zum Erfolg der Inszenierung beigetragen haben. Die Kostümbildnerin Renate Schmitzer, die eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit mit Ansgar Haag verband und an die 50 Jahren lang Kostüme für die Opernbühnen der Welt entwarf, verstarb im März nach kurzer, schwerer Krankheit.

Tosca Giacomo Puccini
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Die Sängerin Tosca und der Maler Cavaradossi leben für die Kunst, stehen selbiger jedoch unerwartet wenig emanzipiert gegenüber. Die beiden verbindet darüber hinaus eine Liebe – frisch, unentschlossen, trotzdem wild und aus dem Sinne der Kunst heraus feurig. Die politische Realität bricht über die emotionale Genese des Paares in Gestalt des Polizeichefs Scarpia wie eine Sturmflut herein, die zum einen das sensible Liebeskonstrukt von Tosca und Cavaradossi mit Eifersucht, Unsicherheit und Misstrauen unterspült, zum anderen aber auch alle Beteiligten in einen Strudel der Obsessionen und Machtspiele hineinzieht. Vor dem Hintergrund der Repressalien und Befürchtungen keimen aber auch vage Hoffnungen: Identitäten werden neu befragt, die Grenzen der oktroyierten Werte stehen auf dem Prüfstand – mit fatalen Folgen …

Karten sind an der Theaterkasse vor Ort, unter 03693/451-222 und -137 sowie www.meininger-staatstheater.de erhältlich.

—| Pressemeldung Meininger Staatstheater |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Der Ring des Nibelungen – Siegfried, IOCO Kritik, 01.05.2018

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein für Alle –  Opernhaus © Hans Jörg Michel – www.foto-drama.de

Bühnenfestspiel – Der Ring des Nibelungen – Siegfried 

– Picknick mit dem Göttervater –

Von Hanns Butterhof

In der Walküre hatte Wotan noch auf einem opulent gedeckten Tisch getanzt. Im Siegfried, dem Folgeabend in Richard Wagners Bühnenfestspiel Ring des Nibelungen, nimmt er mit kargen Picknicks Abschied von seiner Welt. Unspektakulär sieht er seinen Enkel Siegfried in der musikalisch wie szenisch fesselnden Aufführung zu seiner Bestimmung aufwachsen.

In der vorhergehenden Walküre hatte Regisseur Dietrich W. Hilsdorf erkennen lassen, dass Wotan weit in die Zukunft schaut. Seinen Sohn Siegmund hatte er geopfert, um seinen Plan der Weltrettung durch dessen Sohn Siegfried verwirklichen zu können. Im Siegfried beobachtet er nun scheinbar rein passiv, wie seine Vorausschau Wirklichkeit wird.

Deutsche Oper am Rhein / Siegfried - hier: Michael Weinius als Siegfried; das Schmieden des Schwerts gelingt; Cornel Frey als Mime jubiliert © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Siegfried – hier: Michael Weinius als Siegfried; das Schmieden des Schwerts gelingt; Cornel Frey als Mime jubiliert © Hans Jörg Michel

Als Wanderer (Simon Neal) kommt er mit seinem Fahrrad wie zufällig in der bunkerartigen Wohn-Schmiede Mimes (Bühne: Dieter Richter) vorbei. Mime (Cornel Frey) hat ohne das Doping des Rings seine Schmiedekunst verloren und hält mit Videos, auf denen die argen Demütigungen durch seinen Bruder Alberich im Rheingold zu sehen sind, seine Wut wie seine Gier nach dem Nibelungenhort am Kochen. In seiner aberwitzigen Vorfreude auf den Gewinn des Rings und seine Weltherrschaft zappelt er in einem hinreißend rumpelstilzlichen Tanz durch seine Werkstatt.

Cornel Frey ist darstellerisch wie gesanglich eine Idealbesetzung, ein ständig unruhiger, sich überschätzender Charakter, ein Tenor mit geschärfter Deklamation und schneidenden Spitzentönen. Er ist als langhaariger, dünner Pfuscher in der alternativen Szene eine treffliche Karikatur des Aussteigers. Ihm misslingt alles, besonders der Plan, dass ihm Siegfried (Michael Weinius) aus Dankbarkeit dafür, dass er ihn aufgezogen hat, den Nibelungenhort verschafft. Doch der schmäht und drangsaliert ihn, wo er nur kann, bricht seine Schwerter wie Tand entzwei, tötet ihn schließlich ohne weitere Gewissensbisse und hängt ihn am Fleischerhaken vor der Drachenhöhle auf.

Deutsche Oper am Rhein / Siegfried - hier: Wotan (Simon Neal) dransaliert Mime (Cornel Frey) © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Siegfried – hier: Wotan (Simon Neal) dransaliert Mime (Cornel Frey) © Hans Jörg Michel

Der Siegfried Michael Weinius‘ kommt wie ein gestandenes bayrisches Mannsbild daher, bärtig und mit kräftiger Figur – das Programmheft rechnet ihm 33 Jahre zu. Ihm gelingt nicht nur das Kunststück, das an Wotans Speer zerbrochene Schwert Nothung neu zu schmieden. Er schafft es auch ohne Peinlichkeit, das Aussehen und die Stärke eines Erwachsenen mit der bodenlos schwachen Weltkenntnis eines Pubertierenden zu vereinen. Der rabiate Egomane stemmt mit beeindruckend tenoraler Strahlkraft die anstrengende Partie, ist aber auch natur- und weltoffen zu zarten Lyrismen fähig.

Bei Mime packt der Wanderer erst gemütlich sein Picknick mit Rotwein und Baguette aus. Dann nötigt er dem Schmied die tödliche Wissenswette in einer nicht nur äußerst komischen, sondern auch ausdrucksstarken Szene auf. Da pumpt sich Mime auf einem alten Friseur-Sessel in ihm nicht zukommende Höhen hinauf, von wo ihn Wotan humorlos auf normal Null heruntersausen lässt. Hier bestätigt sich erstmals Wotans Vorwissen um Siegfried; er prophezeit Mime, dass ihn der töten wird, der das Fürchten nicht gelernt hat. Ein solcher aber, so war sein Versprechen gegenüber Brünnhilde, werde sie einmal zur Frau nehmen.

Deutsche Oper am Rhein / Siegfried - hier : Alberich (Jürgen Linn) bein Picknik mit Wotan (Simoan Neal) © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Siegfried – hier : Alberich (Jürgen Linn) bein Picknik mit Wotan (Simoan Neal) © Hans Jörg Michel

Simon Neals Wanderer, dessen Offiziersmantel und Stiefel seit der Walküre stark gelitten haben (Kostüme: Renate Schmitzer), ist alles andere als resignativ. Er hat seine bösartige Freude daran, Mime vergeblich hoffen zu lassen, dass er mit dem Leben davonkommt. Der kraftvoll-herrische Bariton lässt auch bei seinem zweiten Picknick vor der Drachenhöhle keinen Zweifel aufkommen, wer Herr im Ring ist. In einem nahezu freundschaftlichen Plausch mit Alberich (Jürgen Linn), der durchaus Wotans Schliche kennt, spielt er sadistisch mit dessen Hoffnungen. Der profunde Bass hofft hier noch chancenlos darauf, wieder in den Besitz des Rings zu geraten, der die Weltherrschaft verbürgt, und legt auf der gleichen aussichtslosen Basis wie sein Bruder Mime eine irre Kopie von dessen Vor-Freudentanz hin.

Denn Siegfried tötet den Hüter des Nibelungenhortes, Fafner (Thorsten Grümbel), und nimmt Tarnhelm und Ring an sich. Fafner hat sich nicht in einen Drachen verwandelt, sondern kommt in einem riesigen, urtümlichen Lokomotiven-Modell auf Schienen aus seinem Hangar gerollt. Als Siegfried sein Schwert in den Kesselraum stößt, fällt der zu Tode getroffene Insasse heraus. Thorsten Grümbel gibt ihn mit einnehmendem Bass als noch im Sterben freundlicher Herr, der vergessen lässt, dass er im Rheingold aus Gier nach dem Gold ohne Hemmungen seinen Bruder erschlagen hat. Die Sympathie der Regie verschafft ihm vielleicht die wenig zwingende Vorstellung, dass er die Lokomotive des Fortschritts in seinem Hangar ohne Gewinn-Erwartung nur geparkt hat,

Dem letztem Picknick des Wanderers fehlt es an zynischer Überlegenheit. Vor dem Eisernen Vorhang, vor dem er endlich auch der Erda (Christa Meyer mit warmem, vollem Mezzo) ihre schon im Rheingold entwendete Perücke zurückerstattetet hat, trifft er mit Siegfried zusammen. Der war in Richtung Brünnhilde und dem Feuerfelsen dem schönen Sopran des Waldvögeleins (Elena Sancho Pereg) gefolgt. Als der Wanderer diesem kühl das Genick gebrochen hat, muss Siegfried nun ihn nach dem Weg fragen. Als Wotan ihn ungemütlich reizt und schließlich den Weg versperren will, schlägt Siegfried, die Machtverhältnisse in der Walküre umkehrend, mit Nothung den Speer entzwei und den Wanderer respektlos zu Boden. Mit seiner eignen Niederlage triumphiert Wotans Plan: Siegfried erweist sich selbst dem Göttervater gegenüber als furchtlos; er kann Brünnhilde erwecken, eine neue Weltordnung begründen und Wotans Erbe antreten.

Deutsche Oper am Rhein / Siegfried - hier: Fafner (Torsten Grümbel) - von Siegfried (Michael Weinius) tödlich getrofffen © Hans Jörg Michel

Deutsche Oper am Rhein / Siegfried – hier: Fafner (Torsten Grümbel) – von Siegfried (Michael Weinius) tödlich getrofffen © Hans Jörg Michel

Aber so frei Siegfried bisher das in Wotans Sinn Notwendige getan hat, so frei wird er nach dessen Abdankung dagegen verfahren. Zwar durchschreitet er noch furchtlos die Flammen, die hinter dem Eisernen Vorhang flackern. Er erweckt Brünnhilde (Linda Watson) in ihrer Panzerung, die aus dem aus der Walküre bekannten ausgebrannten Hubschrauber besteht. Er lernt auch angesichts des Neuen, der Frau, das Fürchten. Aber dass er das Lieben lernt, gar auf den ersten Blick, wird in der Szene leider nicht glaubhaft. Zu steif birgt sich Siegfried hinter dem Wrack, zu beziehungslos strebt Brünnhilde, von Linda Watson statuarisch mit großvolumigem Sopran gegeben, von ihm fort. Als beide am Ende eines langen, motiv- und gedankenschweren Duetts überraschend doch zusammenfinden, feiern sie statt des glücklichen Lebens in einer neuen, harmonischen Welt, wie sie Wotan im Sinn hatte, den lachenden Tod.

Es ist das Orchester, das hier in einem gewaltigen Hymnus verbürgt, was die Szene nicht einlöst. Axel Kober dirigiert die brillant aufspielenden Düsseldorfer Symphoniker mit gediegenen Tempi. Ihr Farbenreichtum, starke Spannungsbögen und Wechsel in der Dynamik fesseln die Aufmerksamkeit, wobei es die Sänger bei manch krachend lauter Passage nicht immer leicht haben, gegenzuhalten.

Dem musikalisch rundum gelungenen Siegfried entspricht die klare Regie Dietrich W. Hilsdorfs, der nahezu schnörkellos die in der Walküre angelegte Entwicklung konsequent zu Ende erzählt. An der Düsseldorfer Oper am Rhein vergehen die viereinhalb Stunden der Aufführung des Siegfried wie im Flug und wirken noch lange, lange nach.

Der Beifall des Publikums für alle Beteiligten war überschwenglich, selbst für die Regie, der bei der Premiere noch einige Unmutsäußerungen gegolten hatten. Ovationen ernteten Axel Kober mit den Düsseldorfer Symphonikern und der phantastische Mime Cornel Frey.

Siegfried an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf;  die nächsten Termine: 6. und 10. Mai 2018

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Premiere Siegfried – Richard Wagner, 07.04.2018

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

  Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner
Premiere   Siegfried

Der Kampf um Macht und Gold geht weiter: Im Opernhaus Düsseldorf öffnet sich am Samstag, 7. April, um 17.00 Uhr der Vorhang zur Premiere von Richard Wagners Siegfried. Dietrich W. Hilsdorf inszeniert den dritten Teil von Wagners Ring des Nibelungen, Dieter Richter gestaltet das Bühnenbild, Renate Schmitzer die Kostüme. Generalmusik­direktor Axel Kober dirigiert die Düsseldorfer Symphoniker.

Deutsche Oper am Rhein / Siegfried © Robert Crow, shutterstock.com.

Deutsche Oper am Rhein / Siegfried © Robert Crow, shutterstock.com.

Die Macht der Götter ist verblasst: Als Wanderer verfolgt der einstige Weltenlenker Wotan, wie sein Enkel Siegfried bei dem Zwerg Mime aufwächst. Furchtlos und stark, doch ohne jedes Geschichts­­­bewusstsein schlägt Siegfried alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Dazu wurde er von Mime erzogen, der sich erhofft, durch ihn den Ring und das Gold vom Riesen Fafner zu erobern. Doch Siegfried rebelliert gegen seinen Zieh­vater, entlockt ihm das Geheimnis seiner eigenen Herkunft, erschlägt ihn und zieht aus, um das Fürchten zu lernen. Allein durch seine Intuition findet er die in ewigen Schlaf versetzte Brünnhilde. Als „leuchtende Liebe, lachen­der Tod“ feiern die beiden schließlich ihre Vereinigung. Es scheint, als hätte die Macht der Liebe die Gier besiegt.

Mit seinem Debüt als Siegfried zeigt der schwedische Heldentenor Michael Weinius dessen spannende Ent­wicklung vom furchtlosen Anarchisten zu einem empfindsamen jungen Mann. Ensemblemitglied Cornel Frey versucht ihn für seine Zwecke zu missbrauchen. Als Mime debütierte er bereits im Rheingold – jetzt über­nimmt er die Partie für den erkrankten Matthias Klink. Nach seinen erfolgreichen Debüts als Wotan ent­wic­kelt Simon Neal seine Rolle nun als Wanderer weiter. Die Brünnhilde singt Linda Watson, die in dieser Rolle u. a. schon an der Wiener Staatsoper, der Metropolitan Opera New York, bei den Bayreuther Festspielen und zuletzt in Düsseldorf gefeiert wurde. Jürgen Linn und Martin Winkler geben alternierend den Alberich, Thorsten Grümbel und Susan Maclean kehren als Fafner und Erda zurück. Elena Sancho Pereg ist der Waldvogel.

Besucher der Opernwerkstatt bekommen schon am Mittwoch, 28. März, um 18.00 Uhr im Opernhaus Einblick in die Neuinszenierung. Nach einem Gespräch mit dem Produktionsteam sind die Zuschauer zum ersten Teil der Bühnenorchesterprobe eingeladen. Der Eintritt ist frei.

Die Premiere am 7. April ist bereits ausverkauft. Vier weitere Vorstellungen am 22. und 29. April sowie am 6. und 10. Mai 2018.

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Walküre von Richard Wagner, IOCO Kritik, 06.02.2018

Februar 6, 2018 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Walküre von Richard Wagner

  Regieclou:  Walküre überrascht mit listigem Wotan 

Von Hanns Butterhof

Man konnte gespannt sein, wie sich Der Ring des Nibelungen an der Düsseldorfer Rheinoper nach dem Rheingold – Vorabend entwickeln würde. Aber von einer Entwicklung war kaum etwas zu sehen, die im Rheingold prominent dem Feuerhalbgott Loge eingeräumte Rolle als listiger Strippenzieher und Geist des ewigen Werdens und Wandels verkümmert zu Herdfeuer und Kerzenlicht. Stattdessen wird nicht ohne Irritationen erzählt, wie ein noch listigerer Wotan seinen Plan scheitern lässt, mit Hilfe Siegmunds die Götter- und Menschenwelt zu retten, damit er mit Siegfried gelingt.

Dieter Richter hat für Die Walküre eine bunkerartige, düstere Einheitsbühne gebaut, die ihre dramaturgischen Tücken hat. Der große Esstisch auf der linken Bühnenseite lässt nur wenig Raum zum flackernden Herd auf der rechten Seite. Nach hinten hinaus, an der säulenartigen Esche vorbei bis zu der Reihe niedriger Fenster ist toter Raum, so dass sich das Geschehen mit der Tendenz zur Statik eines Kammerspiels familiär am Küchentisch ballt.

Kammerspiel am Küchentisch

Dietrich Hilsdorfs Regie mindert das dramatische Geschehen um immerhin die Weltrettung ins Unauffällige, Bürgerliche. Das beginnt schon mit der Ouvertüre, in der Hunding (Sami Luttinen) wie von der Jagd mit einem Gewehr bewaffnet nach Haus kommt. Er hängt seinen Mantel am Eschenstamm auf, wo ihm der Griff des Schwerts Nothung wie ein beliebiger Knauf als Garderobe dient. Seine routinierte Zärtlichkeit, die an einen aus dem Büro heimkehrenden Ehemann erinnert, stößt Sieglinde (Elisabet Strid ) widerwillig zurück, woraufhin sich Hunding ohne viel Aufhebens in sein Schlafzimmer zurückzieht. Das Schrecknis des Unglücks, das Sieglinde als Ehefrau in seinem Hause erleidet, wird so zum alltäglichen Schrecken bürgerlichen Ehelebens gemildert.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre - hier Sami Luttinen als Hunding, Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre – hier Sami Luttinen als Hunding, Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Hunding, den Sami Luttinen mit leicht orgelndem Bass gibt, ist kein böser, eher ein recht konventioneller Mensch. Mit dem vor ihm geflohenen, aber erstaunlicherweise nach ihm eintreffenden Siegmund (Corby Welch) setzt er sich, wenn auch das Gewehr stets griffbereit, an den Küchentisch, hört sich interessiert dessen Lebensgeschichte an und bietet ihm nicht nur Schutz für eine Nacht, sondern auch ein Glas Wein an.

Siegmund, der im langen, verdreckten und vom Kampf löchrigen Militärmantel (Kostüme: Renate Schmitzer) erst erschöpft am Herdfeuer nieder- und in Schlaf gesunken war, blüht angesichts der sich innig um ihn bemühenden Sieglinde und des Schwerts Nothung auf, das er ohne viel Mühe aus dem Stamm der Esche zieht. Jubelnd entdecken sie, dass sie Zwillinge sind und tauschen in kindlicher Unschuld ihre Kleider, bevor über ihre sündige Liebe schnell der Vorhang fällt.

Elisabet Strid ist als Sieglinde brilliant. Ihr kräftiger, jugendlich frischer Sopran ist auch in den Höhen unangestrengt und ungewöhnlich textverständlich. Ihr Spiel ist ausdrucksstark und fesselt gleichermaßen bei inniger Zärtlichkeit wie in aufloderndem Wahn. Auch Corby Welch überzeugt mit variablem, eher lyrischem als heldenhaft dramatischem Tenor, dem er darstellerisch als sehr umsorgend liebender, nicht ruppig-gewalttätiger Siegmund entspricht.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre- hier Renée Morloc als Fricka, Simon Neal als Wotan, Linda Watson als Brünnhilde © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre- hier Renée Morloc als Fricka, Simon Neal als Wotan, Linda Watson als Brünnhilde © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Der zweite Akt bringt dann mit einem von der Regie gesetzten Zeitsprung von sechs Monaten einen überraschenden Eingriff in den Ablauf der „Walküre“. Die Bühne ist nur wenig verändert, die Esche hat keine Krone, und von der Decke hängt unbewegt ein riesiger Ventilator herab. Die Fenster sind etwas höher geworden und das Feuer im Herd ist erloschen.

Der Zeitsprung ist ein Sprung aus der Realität, nur erklärlich als Blick in Wotans Gedanken von der Zukunft, die er sich während der Liebesnacht der Wälsungen macht: Am Tisch sitzen in trauter Eintracht Hunding, Siegmund und die schon sichtlich schwangere Sieglinde mit einigen Walküren. Man trinkt fröhlich, während der militärisch uniformierte Wotan (Simon Neal) in ausgelassener Stimmung auf dem Tisch tanzt. Er freut sich offensichtlich an dem werdenden Leben, fasst gerne auf Sieglindes deutlich gerundeten Bauch, in dem sich ihr Kind schon schmerzlich ungestüm zeigt. Der Walküre Brünnhilde (Linda Watson) erteilt er den Auftrag, Siegmund vor Hunding zu schützen, was wegen Nothung und der gegebenen Geselligkeit etwas überflüssig erscheint. Doch ihm vergeht gründlich das Lachen, als seine Gattin Fricka (Renée Morloc) hereinrauscht. Die würdevolle Matrone in festlich schwarzem Kleid durchkreuzt seine auf Siegmund gerichteten Hoffnungen und zwingt ihn als Hüterin der Ehe dazu, den inzestuösen Ehebrecher zu vernichten. Zerknirscht gibt Wotan klein bei und widerruft in einem spannungsreichen Disput mit der widerstrebenden Brünnhilde seinen Schutz-Befehl.

Im Orchester gewittert es gewaltig, als sich Wotan, der zwanghaft ordentlich Stühle und Gläser gerade rückt, als fremdbestimmt erfährt. Simon Neals variablem, schlanken Bariton stehen eindrucksvoll Schmerz, Wut oder Trauer zur Verfügung, dem Linda Watsons Brünnhilde berührend Zärtlichkeit und kraftvoll dramatische Widerständigkeit entgegensetzt.

Dass Hilsdorf den Akt sechs Monate nach dem Abend in Hundings Hütte spielen lässt, ist so irritierend wie die Familienkonstellation am Küchentisch. Vor allem wird anfangs nicht plausibel, wieso Sieglinde erst später durch Brünnhilde von ihrer Schwangerschaft erfährt. Wenn Hilsdorf diese Schwierigkeiten in Kauf nimmt, muss er einen schwerwiegenden Grund dafür haben. Der könnte darin bestehen, dass er so Raum für einen Wotan gewinnt, der weitsichtiger und noch durchtriebener ist als Loge. Wotan hatte bei seinen Planungen zur Weltrettung alles im Griff bis hin zum Inzest des Wälsungen-Paares. Und er weiß gewiss auch, dass Siegmund nicht der freie Held ist, den er braucht. So dürfte er auch Frickas Einwendungen gegen dessen Sieg über Hunding vorhergesehen, sogar eingeplant haben. Indem sein Plan mit Siegmund scheinbar scheitert, kommt er seinem Endziel ein Stück näher, ist doch erst der im Werden begriffenen Siegfried der Held, den er braucht. Da bekommt auch der Streit mit Brünnhilde, die seinem Befehl zuwider gehandelt hat, ihren Sinn. Was als Strafe erscheint, sie aus dem Kreis der Walküren auszustoßen und auf den flammenumloderten Felsen zu verdammen, erweist sich als kluge Vorsorge, sie für Siegfried aufzusparen, an dessen Werden und für dessen Wirken er vor Fricka und der Welt als nicht verantwortlich erscheint. Da dürfen die bunten Varieté-Lämpchen um den Bühnenrahmen einmal aufflammen, als würden sie dem Publikum zuzwinkern.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre - hier Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre – hier Elisabet Strid als Sieglinde, Corby Welch als Siegmund © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Das ist aufgeklärt und sinnig gedacht, irritiert aber die romantischen Erwartungen des Publikums erheblich, das dann mit dem Zeitsprung zurück in Hundings Hütte zurechtkommen muss. Dort setzt die Geschichte wieder ein, als Siegmund das Schwert erneut aus der Esche zieht und das Paar vor Hunding flieht. Recht gelassen ist dann Brünnhildes Gespräch mit Siegmund, das ihm den Tod verkündet. Hunding erschießt ihn ohne Zeichen von Grimm, eher weil das die Vollendung seiner Hilfe für die Stammesfreunde erfordert, konventionell zieht er vor dem Toten den Hut. Wenn Wotan ihn mit seiner letzten Geste verächtlich zu Boden streckt, trägt dies deutliche Züge von projiziertem Selbsthass des von Konventionen gebundenen Gottes. Derweil flieht die nun über ihre Schwangerschaft aufgeklärte Sieglinde mit Brünnhilde und den Trümmern Nothungs vor Wotans vermeintlicher Vernichtungswut.

Zwar ist zu Beginn des dritten Akts spektakulär das Rattern eines Hubschraubers über das Opernhaus zu hören, der sich dann abgestürzt und teilweise ausgebrannt im Kunstnebel auf der Bühne befindet, aber das Ende ist eher entspannt. Unter ausnehmend schönem Chorklang ihres Hojotaho führen die Walküren junge Männer in Militärhosen, nacktem Oberkörper und Hosenträgern zu Tisch, die außer kleineren Verwundungen wenig Heldenhaftes an sich haben. Mehr zur Lust mit ihren Helden geneigt als selber heldenhaft sind die Walküren, wenn sie der mit Sieglinde herbeijagenden Brünnhilde helfen sollen; keine wagt gegen Wotan aufzumucken. Nur Brünnhilde stellt sich seinem Zorn, auch um Sieglinde die Flucht zu decken, nachdem sie ihr noch die Trümmer von Nothung in die Hand gedrückt und ihr prophezeit hat, dass ihr Sohn das Schwert einst wieder schmieden wird. Und als diejenige, die Wotans tiefsten Willen weiß, weiß sie auch, dass dieser Sohn einst als Mann für sie bestimmt ist. Es ist Wotans Selbstgespräch mit ihr, in dem seine furchtbare Strafe so gestaltet wird, dass nur Siegfried als der von ihm gewünschte freie Held die Flammen durchdringt, in deren Schutz er sie einhüllt. Man sieht das Feuer vor den Fenster lodern, während Brünnhilde ruhig, wohl auf Siegfried wartend, am Küchentisch verbleibt.

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre - hier Katja Levin als Ortlinde, Maria Hilmes als Rossweisse, Katarzyna Kuncio als Waltraute, Evelyn Krahe als Schwertleite, Katharina von Bülow als Grimgerde © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Die Walküre – hier Katja Levin als Ortlinde, Maria Hilmes als Rossweisse, Katarzyna Kuncio als Waltraute, Evelyn Krahe als Schwertleite, Katharina von Bülow als Grimgerde © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Die Regie Dietrich Hildorfs ist nicht ohne Brüche und zielt selten auf den bloßen Effekt wie bei dem Hubschrauber. Meistens zeichnet er die Figuren differenziert und einfühlsam, vor allem zwischen Wotan und Brünnhilde entfaltet sich berührend ein reiches Gefühlsspektrum. Rätselhaftes wie schon im „Rheingold“ verwunderliche Übergaben der Erda-Perücken und vor allem der Zeitsprung im zweiten Akt irritieren, distanzieren bei aller Sinnhaftigkeit doch erheblich vom Geschehen und nagen an der Spannung, die sich um den Tisch herum sowieso nur mühsam entfaltet.

Axel Kober am Pult der Düsseldorfer Symphoniker trägt dem Regiekonzept weitgehend Rechnung. Er vermeidet den ganz großen Wagner-Sog, den er durch deutliche Generalpausen zusätzlich bremst. Sängerfreundlich entfaltet er die lyrischen Passagen und gestaltet mit dramatischen Steigerungen ein insgesamt farbenreiches, klangvolles Spiel.

Nach fünf Stunden mit erfreulich textverständlichem, zusäzlich deutsch übertiteltem Gesang gab es lang anhaltenden, auch im Stehen dargebrachten Beifall vor allem für Elisabet Strid, Linda Watson, Simon Neal und Corby Welch, ebenso für Axel Kober und die Düsseldorfer Symphoniker. Für das Regieteam teilte sich das Publikum in Buh!- und Bravo!-Rufer. Auf die Entwicklung des Hilsdorf-Rings in Siegfried darf man gespannt sein.

Die Walküre an der Rheinoper; Die nächsten Termine: 17.2.2018 um 17.00 Uhr, 4.3.2018 um 15.00 Uhr

—| IOCO Kritik Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

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