Cottbus, Staatstheater Cottbus, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 14.11.2019

November 14, 2019 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

  Don Giovanni  –  Wolfgang Amadeus Mozart

– verbunden mit Träumen über das Staatstheater Cottbus und seine Künstler –

von Thomas Kunzmann

Wenn ich über das Haus in „Cottbus“ nachdenke, schreibe, ist mir klar, dass das Staatstheater Cottbus nicht für jeden den Klang, die Wirkung entfalten kann, wie für mich. Ich bin 1969 in der Stadt als Sohn eines Hornisten geboren. Noch lange bevor ich mit der dortigen TheaterGemeinde in die umliegenden Kultur-Metropolen Dresden, Leipzig und Berlin reiste, um Opernvorstellungen zu besuchen, wurde der Grundstein meines bis heute anhaltenden Interesses in dieser 100.000-Einwohner-Stadt begründet. Cottbus ist groß genug, um (Hoch)Kultur in angemessenen Rahmen anzubieten zu können und zu klein, um für jeden auf dem Schirm zu sein.

Ist man aber in dieser Kulturszene unterwegs, lernt man quasi zwangsläufig Leute kennen, die auf, unter und hinter der Bühne arbeiten – das ist das Privileg der Einwohner kleiner Städte: Theater ist immer hautnah erlebbar. Nicht selten treffe ich Freunde, die ob meiner Leidenschaft entschuldigend sagen, sie würden ja nur selten ins Theater gehen – und erzählen im gleichen Atemzug, welche fünf Vorstellungen sie innerhalb der letzten 2 Jahre gesehen haben. Und würde man 10 willkürliche Passanten auswählen und sie fragen, was man in der Stadt gesehen haben muss, ich wette, bei allen käme „das Theater!“ auf einen der ersten drei Plätze, neben dem Pückler-Park.

Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer des Staatstheater Cottbus
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Das 1908 eröffnete repräsentative Staatstheater Cottbus, konzipiert von Architekt Bernhard Sehring, auch das Theater des Westens in Berlin stammt von ihm, wurde im späten Jugendstil errichtet. Es konnte noch in den 80er Jahren (also zu DDR-Zeiten) aufwändig saniert werden. In dieser Zeit wurde das Haus der Bauarbeiter bespielt. Die Zauberflöte war dort meine erste Oper. Ein nicht untypischer Einstand. Nach der Wende waren es für mich zumeist Schauspiele. Als 1993 Christoph Schroth die Intendanz übernahm, war das Theater in aller Munde. Inszenierungen wie Die Räuber oder Hamlet dürften bis heute allen, die sie gesehen haben, unvergesslich in die Erinnerung gebrannt sein. Seine „Zonenrandermutigungen“,  in denen gleichzeitig die große Bühne bis hin zur Herrentoilette alles bespielt wurde, was Platz für Zuschauer bot, hatten nicht nur Event-Charakter, sondern boten auch tiefen Inhalt. 1991 holte Christoph Schroth Martin Schüler als Operndirektor. Nach Schroths Ausscheiden in 2003 übernahm Schüler die Intendanz des Hauses.

Der Neue schaffte es, das Musiktheater wieder mehr in den Fokus zu bringen, ohne das Schauspiel zu vernachlässigen. Dennoch war sein Hauptaugenmerk auf das Musiktheater gerichtet. Und so gelang es ihm, dass Cottbus als einziges Vier-Sparten-Theater den Kulturkahlschlag in Brandenburg überstand. Seit Jahren bespielt das Staatstheater Cottbus mit seinen Produktionen Potsdam, Frankfurt/O. und die Stadt Brandenburg. Schüler wäre fast der dienstälteste Intendant des Ostens geworden, wäre da nicht die Affäre um seinen GMD Evan Alexis Christ dazwischen gekommen.

Was war sein Erfolgskonzept? Es ist schwierig, circa 70 Inszenierungen, von denen ich nur etwa die Hälfte gesehen habe, da ich 2003 wegzog, auf einen einzigen Nenner herunterzubrechen. Es wäre vermessen und auch ungerecht. Dennoch ein Versuch: Schüler gelang es für mich, jeder Oper etwas Besonderes hinzuzufügen, was in Erinnerung bleibt. Sie modern zu machen, ohne sie zu verunglimpfen. Verblüffend logische Folgerungen zu ziehen ohne ihnen ein Korsett des „ich-muss-das-Thema-neu-erfinden“ aufzuzwingen. Er hauchte den Charakteren neues Leben ein, ohne ihren Sinn zu verunstalten, Oper erlebbar zu machen, indem er sie aus ihren mumifiziert-antiquierten Stereotypen löste, ohne das Publikum mit zwangsneurotischen Regievorstellungen zu brüskieren.

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Eine Schüler-Inszenierung funktionierte deshalb für „Neulinge“ wie „Eingeweihte“ gleichermaßen: für die einen gab es die nachvollziehbare Geschichte mit historisierenden Kostümen und Bühnenbildern, für die anderen eine stringente Interpretation. Das war allerdings nie ein Alleinwerk, sondern seit vielen, vielen Jahren eine Symbiose: „Regie: Martin Schüler, Ausstattung: Gundula Martin, Dramaturgie: Dr. Carola Böhnisch“ – der Cottbuser Dreiklang.  Derlei denkend und vorab reüssierend fuhr ich also nun zu Don Giovanni, der definitiv letzten Vorstellung einer Schüler-Inszenierung in Cottbus. Mein dritter Anlauf. Beim ersten Mal hab ich den Tag falsch notiert und musste nach Hause an dem Abend, als die Vorstellung stattfand, der zweite Versuch scheiterte am Vorstellungsausfall aufgrund von Erkrankungen im Ensemble – „kein gutes Omen“, dachte ich. Schüler beklagte selbst des Öfteren, keine konsequente Regiekonzeption für diese Oper zu haben.

Während er von Mozarts Da-Ponte-Opern Figaro schon 1997 in Cottbus inszenierte (sowie in Halle 1989 und in Rheinsberg 2000) als auch Cosi fan tutte 1992 (Halle 1984, Stendal 1989) ließ er sich in Cottbus bis 2018 Zeit.  Am Ende ersetzte er die fehlende „zündende Idee“ durch eine Vielzahl witziger, aber auch tiefgreifender Einfälle. Christian Henneberg alias Don Giovanni wird bereits im Duell mit dem Komtur schwer verletzt. Das Herz des Opernliebhabers mit Hang zur Ideenentwicklung aus dem Libretto heraus geht sofort auf: allein dieser Ansatz hätte konsequenter weitergedacht werden können. Zum Beispiel, indem die Folgegeschichte als Fiebertraum inszeniert wird. Kurz wird man auf diese Schiene gebracht: Don Giovanni ist gar nicht der übergroße Verführer, er wünscht es sich lediglich zu sein. Der Versuch geht gar mächtig daneben – Daddy (der Komtur) funkt in das Liebesspiel zwischen Giovanni und seiner Tochter, fordert ihn zum Duell, verliert, aber nestelt aus dem Gürtel eine Pistole und während er sein Leben aushaucht,  nietet er den Schwerenöter doch noch um. Natürlich stirbt der nicht sofort an dem Bauchschuss, sondern fiebert sich durch seine Wunschträume der Verführungen – mehr als 2000 Frauen, die ihm europaweit verfallen. Leporello sein Herold, berichtet von seinen amourösen Wagestücken, lässt ihn als unbeugsamen Frauenbeglücker zur sinnesfreudigen Heldenfigur aufsteigen und dennoch im Kampf gegen die Gesellschaft untergehen.

Früher oder später muss der in jeder Hinsicht Übertreibende für seine Taten büßen – nicht als Verlierer der Oper, denn als stilisierte Sex-Ikone. Mit einem Augenzwinkern wären einige Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Das fragwürdige Frauenbild der Mozart-Oper, die an die „me-too“-Bewegung erinnernde Übergriffigkeit des Protagonisten und nicht zuletzt die Unglaubwürdigkeit der schier unendlichen Verführungserfolge wären in dieser Sichtweise relativiert. Schüler bleibt allerdings im Hier und Jetzt des Librettos, derartige „Abweichungen“ waren eher selten sein Stil. Gepasst hätte es mal. Giovanni durchlebt seine letzten Abenteuer also ungeachtet der ihm zugefügten Wunde, oder – trotz dieser. Ihm zur Seite steht der treue, wenn auch geldgierige Leporello Andreas Jäpel.

Dieses kongeniale Duo sprüht vor Spielwitz, jede Bewegung ist perfekt aufeinander abgestimmt, der Slapstick sitzt so selbstverständlich, dass man weiß: viele dieser Abläufe sind bereits hunderte Male so passiert und über die Jahre perfektioniert, ohne banale Routine zu werden. Von der schnellen Linie Koks zwischendurch über einen Schluck Champagner bis hin zum Aufpolieren der „Kronjuwelen“ des größten Verführers aller Zeiten. Nahezu beiläufig dokumentiert Leporello minutiös, fotografiert die Eroberungen und ist gegen die eine oder andere Dublone bereit, seinen Herrn aus jeder misslichen Lage zu befreien, kurz: Don Giovanni könnte nicht Don Giovanni ohne seinen jede Situation rettenden Leporello sein.

 Staatstheater Cottbus / Don Giovanni - hier : vl Christian Henneberg als Don Giovanni und Ulrich Schneider als Komtur; im Hintergrund: Andreas Jäpel als Leporello © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni – hier : vl Christian Henneberg als Don Giovanni und Ulrich Schneider als Komtur; im Hintergrund: Andreas Jäpel als Leporello © Marlies Kross

Freilich grätscht ihm Donna Elvira immer im unpassenden Moment in den Lauf. Mal weinerlich beschwörend, mal hysterisch kann sie die Vielschichtigkeit der Figur mit ihrer eigenen Dynamik ausgestalten.Schnell findet sich der nächste rote Faden: Die Pistole des Komturs hebt Don Ottavio (Dirk Kleinke mit überwältigend guter Gesangsleistung) auf und führt sie als Rachewerkzeug mit sich. Sie taucht wieder auf, als es eng um Giovanni / Leporello wird, tötet „unbeteiligte“ Geiseln. Deren Särge dienen später als Tische des Nachtgelages mit dem Komtur und plakatieren nochmals die moralische Flexibilität oder eher unbekümmerte Pietätlosigkeit Giovannis. Schlussendlich wird Giovanni mit dieser Waffe getötet.

Der Komtur ist hier keine Einzelperson aus dem Jenseits mehr sondern ein Femegericht aller Geprellten. Ausführender ist Ottavio, der sich damit die Lorbeeren verdient, nächster Komtur zu werden. Am Ende jedoch ist die Gesellschaft der Männer um ihr Feindbild gebracht und die Frauen um ihre Träume. Es bleibt eine seltsame Leere.Bis zu diesem Moment gibt es noch – einem Wimmelbild für Erwachsene gleich – dutzendweise spannende, nachdenklich machende und auch einfach nur witzige Szenerien, ganz dem Sujet entsprechend. Nachdem Masetto von Giovanni ordentlich vermöbelt wurde, anschließend jammernd von seiner Zerlina verarztet wird, knickbeinig und bammelohrig die Szenerie verlässt und Zerlina ein absolut geräuschloses „Männer!“ ins Publikum wirft, bricht sich im Publikum einer jener kurzen Auflacher Bahn, die so typisch für Schülers zwanglosen Umgang mit historischen Stoffen sind. Eindrücklich auch die Ballszene, auf der jeder Gast ein Giovannis Garderobe schlüpfen darf und – Kleider machen Leute – einmal in ihrem Leben enthemmt ihren Wünschen und Bedürfnissen freien Lauf lassen. Durch die Eskalation der Gewalt aber finden sie ihr moralisches Regulativ wieder.

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / Don Giovanni © Marlies Kross

Am Pult stand Christian Möbius, der bereits 28 Jahre am Haus als Chorleiter und Zweiter Kapellmeister tätig ist. Sein sängerfreundliches Dirigat ließ keine Wünsche offen. Christian Henneberg ist als Don Giovanni ein wahrer Hingucker. Seine geschmeidigen Bewegungen und sportlichen Einlagen lassen auch ohne explizite Blicke in die Schlafzimmer erahnen, dass dort ein Könner am Werk ist. Gesanglich bietet er eine hochkonzentrierte, klangschöne Stimme, aus der eine selbstsichere Ruhe strahlt. Sein Widerpart, Ulrich Schneider als Komtur, besticht mit fulminantem Bass, eine Stimme wie das Gesetz persönlich. Giovannis Diener Leporello steht seinem Herrn in Nichts an Spielfreude nach, seinen Zwiespalt zwischen ein-ruhiges-Leben-führen oder selbst-einmal-Herr-sein-wollen hat man lange nicht so bildhaft gesehen. Stimmlich ist Jäpel immer ein Erfolgsgarant, so auch diesmal.

Ähnlich Debra Stanley, die einmal mehr nachhaltigen Eindruck hinterließ. Mirjam Miesterfeldts Zerlina sprüht vor jugendlicher Unbekümmertheit und überzeugt sowohl darstellerisch als auch gesanglich. Nach ihrer Giovanni-Erfahrung stellt sie komplett neue Ansprüche an das Liebesleben mit ihrem Masetto (Ingo Witzke), dem das aber sichtlich gefiel. Der wandlungsfähige Bass, der alle anderen Sänger um gut 1½ Köpfe überragt, darf sich hier mal etwas einfältig austoben und man erinnert sich gern an seinen bezaubernden Osmin. Er ist jedoch ebenso glaubhaft in den ernstzunehmenden Rollen wie Fafner, Timur oder Daland. Der Applaus jedenfalls war umwerfend, aus dem Publikum flogen etliche Blumensträuße den SängerInnen zu, und einmal mehr sind viele Gäste aus der Umgebung, besonders aus Berlin angereist, die, ob der eigenen Kulturvielfalt in der Hauptstadt befragt, immer unisono antworten „aber so etwas wie in Cottbus bekommen wir in Berlin ja leider nicht geboten“.

Eine Ära geht zu Ende. Mit der Saison 20/21 wird Stephan Märki die Geschicke des Hauses vom Interimsintendanten Dr. Serge Mund übernehmen. Märki hatte Mund mal nach Potsdam geholt, diesmal ist die Folge umgekehrt. Leider wird in diesem Zuge das Ensemble etwas gestrafft. Und noch mehr „leider“ ausgerechnet um einige wichtige Leistungsträger. Vier davon haben in dieser Produktion nochmals ihre Bereitschaft und Fähigkeiten unter Beweis gestellt: Mirjam Miesterfeldt, Christian Henneberg, der in über 20 Produktionen von Dr. Falke (Die Fledermaus) bis zu Don Giovanni so ziemlich alles gesungen hat, was sein Fach am Haus hergab, Debra Stanley, die von Liu (Turandot) bis zur Jenny (Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny) Großartiges geleistet hat. Auch Ingo Witzke ist nach 10 Jahren Zugehörigkeit und vielfältigsten großartigen Rollen zukünftig nicht mehr in Cottbus zu hören. Bedauerlicherweise gehört auch Martin Shalita, die große Überraschung als Calaf in Turandot, aktuell endlich auch als Erik im Holländer zu hören, zu den Scheidenden.

Man kann nur erahnen, dass es sich hierbei nicht um künstlerische Entscheidungen handelt, sondern weil es durch die üblichen Nichtverlängerungen schlichtweg einfacher ist, als sich von einigen Mitarbeitern zu trennen, die ihren Leistungszenit deutlich überschritten haben.

Aber noch gibt es einige Möglichkeiten, die Sänger in Cottbus zu erleben: Csárdásfürstin, Holländer, Liebestrank, Frau Luna, Satyagraha (Glass). IOCO, so wie ich als Korrespondent,  wird für seine große lokale wie überregionale Community im Netz gerne auch zukünftig immer wieder aus dem Staatstheater Cottbus berichten.

—| IOCO Kritik Staatstheater Cottbus |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Die Zauberflöte – Wolfgang A. Mozart, 20.09.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Die Zauberflöte – Wolfgang Amadeus Mozart
Wiederaufnahme 20. September 2019

Ab Freitag, dem 20. September 2019 um 19.30 Uhr, ist die Oper Die Zauberflöte von Wolfgang A. Mozart, in der Inszenierung von Carsten Kochan und unter der Musikalischen Leitung von Konrad Junghänel, wieder im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden zu sehen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die Zauberflöte - Gustavo Quaresma, Herrenchor © Andreas J. Etter

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die Zauberflöte – Gustavo Quaresma, Herrenchor © Andreas J. Etter

Anna El-Khashem, vom Magazin »Opernwelt« als Nachwuchssängerin des Jahres 2018 ausgezeichnet, übernimmt die Pamina und wird damit ihr Festengagement in Wiesbaden antreten. Johannes Martin Kränzle, der in Wiesbaden zuletzt als Beckmesser in Die Meistersinger von Nürnberg zu sehen war, wird in der Vorstellung am 3. Oktober zum 120. Mal den Papageno singen. Am 11. November möchte sich Kränzle von der Rolle des Papageno verabschieden. Als Tamino wird Martin Piskorski zu sehen sein, der in dieser Rolle an der Mailänder Scala international auf sich aufmerksam machte. Aleksandra Olczyk gibt am Hessischen Staatstheater Wiesbaden ihr Debüt als Königin der Nacht. Die Partie des Sarastro singt wieder Young Doo Park.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die Zauberflöte - Katharina Konradi, Gustavo Quaresma © Andreas J. Etter

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die Zauberflöte – Katharina Konradi, Gustavo Quaresma © Andreas J. Etter

Musikalische Leitung Konrad Junghänel Inszenierung, Ausstattung Matthias Schaller, Carsten Kochan Video Gérard Naziri, Carsten Kochan Licht Klaus Krauspenhaar Chor Albert Horne Dramaturgie Regine Palmai, Daniel Schindler

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die Zauberflöte - Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund, Katharina Konradi © Andreas J. Etter

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die Zauberflöte – Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund, Katharina Konradi © Andreas J. Etter

Sarastro Young Doo Park, Tamino Martin Piskorski, Königin der Nacht Aleksandra Olczyk, Pamina Anna El-Khashem, Papageno Johannes Martin Kränzle, Papagena Stella An, Monostatos Erik Biegel, Erste Dame Sharon Kempton, Zweite Dame Fleuranne Brockway, Dritte Dame Romina Boscolo, Sprecher, Zweiter Priester, Zweiter Geharnischter Thomas de Vries Erster Priester, Erster Geharnischter Ralf Rachbauer Drei Knaben Solisten des Knabenchores der Chorakademie Dortmund

Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, Hessisches Staatsorchester Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die Zauberflöte - Gustavo Quaresma © Andreas J. Etter

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Die Zauberflöte – Gustavo Quaresma © Andreas J. Etter

Karten erhältlich unter:  Telefon 0611.132 325 | E-Mail: vorverkauf@staatstheater-wiesbaden.de | www.staatstheater-wiesbaden.de

—| Pressemeldung Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Salzburg, Salzburger Festspiele 2019, Regisseur Andreas Weirich im Gespräch, IOCO Interview, 31.08.2019

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Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel - hier : Schlussapplaus mit vl .Joanna Kedzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange Komponist, Andreas Weirich  Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Schlussapplaus mit vl .Joanna Kedzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange Komponist, Andreas Weirich  Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

  Der Gesang der Zauberinsel oder: wie der Rasende Roland ….  – Kinderoper

Regisseur Andreas Weirich im Gespräch mit Adelina Yefimenko

Die Salzburger Festspiele 2019 eröffneten nicht mit einer großen Operngeschichte sondern mit der zauberhaften Uraufführung der Kinderoper Der Gesang der Zauberinsel oder: wie der Rasende Roland wieder zu Verstand kam. Im Auftrag der Salzburger Festspiele komponierte Marius Felix Lange eine Familienoper nach dem Epos von Ludovico Ariosto Der rasenden Roland, das im Jahre 1516 entstanden ist. Selbstverständlich lehnt sich die Geschichte an Händels Alcina an, die aber einfallsreich für Kinder konzipiert wurde und beinahe autobiographisch, mit Selbstironie und Kinderliebe, wirkte, da die Figur des Rasenden Rolands selber den Komponisten verkörpert.

Georg Friedrich Händel  - der Schöpfer von Alcina © IOCO

Georg Friedrich Händel – der Schöpfer von Alcina © IOCO

Die fantasiereiche und turbulente Handlung, gestaltet mit wunderschönen Bühnenbildern, zeigte auch die magische Kraft und das Können des Regisseurs Andreas Weirich, der diese Kinderoper mit bezauberter Atmosphäre und umfassenden Kenntnissen der Kinderpsychologie gestaltet hat. Der Regisseur hat sich mehrmals als Experte alternativer Regie- und Bühnen- Wunder etabliert – vom Svirz Castle, Ukraine, aus dem 16. Jahrhundert, wo er die Oper Alcide des ukrainischen Komponisten Dmitro Bortniansky inszenierte bis zur Oper Der zerbrochene Krug des jüdischen Komponisten Victor Ullmann, die im KZ komponiert wurde – mit der beeindruckenden Allegorie des Baums.

In seiner Inszenierung der Kinderoper Der Gesang der Zauberinsel von Marius Felix Lange fliegen alle Protagonisten, satteln einen Hippogryph zum Mond. Die lebendige Reaktion des Kinderpublikums auf die Verschwörungen, Zaubereien hat die Inszenierung belohnt. Die Interpretation des Mythos über die Alcina-Insel, die Szenen, voller Hexereien und Überraschungen offenbart in der Kinderpsychologie eine adäquate Reaktion der Liebe zu Märchen, Täuschungen, Reinkarnationen von Tieren, Menschen, natürlichen Elementen, von denen die Erwachsenen viel lernen können.

Andreas Weirich im Gespräch mit Adelina Yefimenko erzählt seine Gedanken zur Inszenierung dieser magischen Oper über Erde und Raum, Alltäglichkeit und Wunder, über den Flug zum Mond: ist es ein Traum oder doch die Wirklichkeit!

 Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel - hier :  Sarah Shine als Angelika, Joel Allison als Roland Angeler, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Sarah Shine als Angelika, Joel Allison als Roland Angeler, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

Adelina Yefimenko (AY): Andreas, inwieweit erschließen sich die Bezüge dieser neuen Geschichte von Marius Felix Lange, der selber das Libretto des Gesangs der Zauberinsel geschrieben hat, auf die Quellen von Ariosto sowie Händel? Was ist das Wichtigste in dieser neuen Geschichte? Was ist der Kern der neuen Oper über Alcina?

Andreas Weirich (AW): Marius Felix Lange bezieht sich in seiner neuen Oper Der Gesang der Zauberinsel…  allein auf die literarische Vorlage des Versepos Der rasende Roland von Ludovico Ariosto aus dem Jahr 1516. Händels Oper Alcina hat in seiner Vorbereitung keine Rolle gespielt. Er hat ein ganz eigenständiges Werk geschaffen, das in wunderbarer Weise den mitunter sehr anarchischen Charakter und die Sprunghaftigkeit in der Erzählweise bei Ariosto sehr gut einfängt. Im Mittelpunkt der neuen Geschichte steht nicht Alcina, sondern der rasende Komponist Dr. Roland Angeler mit seiner Tochter Angelika. Roland Angeler schreibt eine neue Oper Der rasende Roland, seine Tochter soll darin eine Hauptrolle singen.

Die Komposition und Einstudierung der Oper zehrt sehr an seinen Nerven, er ist kurz vor dem Durchdrehen und dabei, seinen Verstand zu verlieren. Angelikas Mutter hat sich erst mal auf Kur aus dem Familienleben verabschiedet. Der Haushalt droht zusammenzubrechen. Mirza, ein junger Sänger aus Persien, soll für eine Rolle vorsingen, wird von Roland als völlig untalentiert eingestuft sofort wieder fortgeschickt. Sein Schlaflied hat Angelika so berührt, dass sie ganz verzaubert einschläft. Über den Traum Angelikas finden sich alle Beteiligten auf der Zauberinsel Alcinas wieder und treffen aufeinander. Rolands Verstand, abgefüllt in einer übergroßen Flasche, kann erst über eine Reise zum Mond wiedergefunden werden. Am Ende der Oper wacht Angelika wieder auf. Zurück in der Wirklichkeit tauchen einzelne Elemente der Traumhandlung nochmal auf, etwas vom Zauber des Traums bleibt. Es wirkt wie eine Parallele zum Ende von Shakespeares Sommernachtstraum: Der Schwebezustand zwischen Traum und Wirklichkeit hält sich über eine Nacht der Verwirrung hinaus und beeinflusst das Verhalten aller. Der Kern des Stückes ist für mich Verzauberung, Verzauberung durch Musik. Das schließt die Verführung durch Alcina mithilfe des Gesangs der Zauberinsel genauso mit ein wie Mirzas Schlaflied, das Angelika verzaubert.

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel -  hier :  Sarah Shine als Angelika, Iurii Iushkevich als Hippogryph, Benson Wilson als Mirza / Medoro © SF / Erika Mayer

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Sarah Shine als Angelika, Iurii Iushkevich als Hippogryph, Benson Wilson als Mirza / Medoro © SF / Erika Mayer

AY: Also, die Märchengeschichte über die Hexe Alcina korrespondiert mit der Realität, in der der Komponist Dr. Roland seine neue Oper mit der Tochter Angelika für die kommende Premiere probt. Die Mutter ist nicht da. Sie ist in der Kur, die sie wahrscheinlich unbedingt braucht, um vom Chaosleben ihres Mannes – des Komponisten Dr. Roland Angeler – zu erholen. Wenn Alcina gleichfalls die Mutter von Angelika ist, wen verhext sie „in Felsen, Pflanzen, oder Tiere…“? Und weshalb erinnert sie an der Königin der Nacht? Im Text des Librettos sagt die Bradamante einmal: „Wer den Gesang der Zauberinsel höret, verfällt Alcinas dunkler Macht sogleich“.

AW: Dass Alcina die Mutter Angelikas ist, erfährt der Zuschauer erst am Ende. Zunächst ist sie einfach die böse und mächtige Zauberin, die sich eine Zauberinsel geschaffen hat. Sie verführt alle Männer und wenn sie ihrer überdrüssig wird, verwandelt sie sie in Felsen, Pflanzen oder Tiere. Die Verbindung zwischen der Figur Alcina und Angelikas Mutter – die in der Realität übrigens Annabelle heißt, alle anderen haben im Traum und der realen Welt dieselben Namen – ist in der Oper nicht so klar und bleibt bis zum Ende in der Schwebe. Über die Inszenierung wollte ich mit ihrem ersten Auftritt durch die magische Tür mit ihrem Reisekoffer, als Angelika einschläft, und ihren letzten Auftritt wieder mit Reisekoffer, wenn Angelika aufwacht, klar erzählen, dass Alcina / Annabelle eine Figur sind. Tiefenpsychologisch hat sich Annabelle als Alcina mit ihrer Insel eine Parallelwelt geschaffen, vielleicht um dem Chaos von zu Hause zu entfliehen und dem doch sehr einnehmenden Wesen ihres Mannes etwas entgegenzusetzen. Das kann eine Erklärung für ihre „dunkle Macht“ sein, „dunkel“ mehr im Sinne von anders und im Vergleich zur „hellen“ Realität ein „dunkler“ Traum. Im Deutschen gibt es interessanterweise die Formulierung „einen Kurschatten haben“, was soviel heißt, dass Alcina, während sie auf Kur ist, eine Affäre mit Ruggiero hat. Die Nähe zur Königin der Nacht ist vor allem durch Marius Felix Langes Wahl des Stimmfaches – hoher Koloratursopran – begründet. Manche musikalische Phrase wie Alcinas Lachen gleich im Vorspiel erinnert sehr stark an die Koloraturen von MozartsDer Hölle Rache kocht in meinem Herzen.“

AY:  Händels Alcina ist eine Zauberoper – eine sehr populäre Gattung im 17. Jahrhundert. Der Einsatz von Verwandlungsszenen, Pantomimen, Täuschungen, die die Handlung auf verschiedenen Ebenen durchdringen, sind auch in Deiner Inszenierung präsent – verwandelte Tiere, verkleidete Protagonisten Mirza, Bradamante und Ruggiero u.a. und eine Gestalt des Hippogryphes –  eine witzige Mischung aus Pferd und Vogel, der ab und zu pinkeln muss. All diese lustigen Gestalten sind aber nicht nur zum Lachen. Was ist das Ernsthafte in dieser Geschichte?

AW: Wenn man Marius Felix Langes Oper auch in eine Gattung einordnen möchte, so wäre der Titel moderne Zauberoper für die ganze Familie auch sehr treffend. Alle Verwandlungen in andere Wesen geschehen durch Alcina, immer mit der Absicht, die anderen unschädlich zu machen, sie loszuwerden und mit ihnen die Insel zu verschönern. Alcina lässt sich, je nachdem, wer verzaubert wird, jedes Mal etwas neues und passendes einfallen: Mirza – schönes Wortspiel – wird in einen Myrtenstrauch verwandelt, bei Astolfo konnte sie sich nicht entscheiden und hat ihn in eine Mischform aus vorne Adler, hinten Pferd, verzaubert, Bradamante wird zum Esel und aus Ruggiero ein Schwein. Was alle Verwandlungen in Tiere gemeinsam haben, ist, dass sie für alle Verzauberten sehr traurige Auswirkungen haben. Myrten-Mirza und Hippogryph teilen das gleiche gemeinsame Schicksal „Ach, ach, ach wie das Schicksal mit uns verfuhr…“, das eigenwilligste und zugleich anrührendste Pärchen der Oper. Schon traurig, aber situativ irgendwie auch komisch. Nur ernsthafte Komik ist lustig.

AY:  Ein Motiv zeigt in der Oper soziale Probleme und zwar – die Flüchtlinge. Auch musikalisch hören wir stilisierte orientalische Motive! Benson Wilson als persischer Flüchtling Mirza singt mit seinem klangschönen Bariton ein Schlaflied seines Heimatlandes. Dabei ist der Komponist – Dr. Roland – zuerst ein bisschen skeptisch, ob Mirza in seiner Oper singen kann. Inwieweit wollt ihr die Integrationsfragen in eurer Kinderoper erläutern.

AW:  Die Kunst von Marius Felix Lange ist, diese soziale Thematik in seiner Oper mit zu erzählen – die auch bei Ariost eine Rolle spielt, im Konflikt der christlichen Paladine Karls des Großen auf der einen Seite und der Sarazenen (heute Muslime) unter König Agramant auf der anderen, – ohne sie dabei zu sehr zu betonen. Marius und ich haben uns während des Entstehungsprozesses der Oper lange über den Begriff „Flüchtling“ ausgetauscht, ihn zeitweise auch raus genommen, um uns dann doch bewusst für ihn zu entscheiden. Wichtig war mir bei der Inszenierung, das Thema des Kulturkonflikts und der Integration nicht auszuklammern – es darf jederzeit mitgedacht werden, – ohne dabei konkrete aktuelle Bezüge zu schaffen, die das Ganze auf eine banale Ebene bringen würden. Die Kraft der Musik schafft Integration. Mirzas Schlaflied verzaubert alle, Mirza verkörpert in der Oper die Utopie der möglichen Integration durch Musik.

AY: Was den Komponisten selbst betrifft – er stellt interessante Fragen der Schaffens-Psychologie. Der Grund, warum der Vater mit der Tochter allein bleibt und die Mutter von Zuhause geflüchtet ist: Roland hat seinen Verstand verloren (und dazu noch Hut und Lesebrille). Kommt die Mutter zurück nach Hause, wenn er wieder sein Verstand findet? Oder hilft sie ihm den Verstand zu finden? Was ist dieser Verstand des Komponisten? Ist es gefährlich den Verstand zu verlieren?

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel -  hier :  Schlussapplaus mit vl Joanna Kadzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange _ Komponist, Andreas Weirich _Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel – hier : Schlussapplaus mit vl Joanna Kadzior, Benson Wilson, James Ley, Marius Felix Lange _ Komponist, Andreas Weirich _Regie, Katja Rotrekl © SF / Marco Borelli

AW:  Eine sehr spannende Frage, ob Alcina / Annabelle zurück nach Hause oder zugespitzt formuliert nur wieder nach Hause kommt, wenn Roland seinen Verstand wieder findet. Alcina hilft in der Oper, besser in der Traumhandlung, überhaupt nicht dabei, Rolands Verstand wiederzufinden, im Gegenteil, sie verführt ihn mit Hilfe des Gesangs der Zauberinsel und bringt ihn dabei eher um den Verstand. Auf der anderen Seite schafft die Figur der Alcina in ihrem Sonett kurz vor Ende der Oper etwas, was vermutlich Annabelle in der Realität nicht geglückt ist: sie öffnet Roland die Augen und wird zu seiner Inspirationsquelle. Er nimmt sie ganz anders wahr als zuhause und verliebt sich in sie.

Den Verstand zu verlieren ist natürlich gefährlich, auch wenn man gerne sagt, der Künstler muss „außer sich“ sein, um „von sich“ etwas erzählen zu können. Der Verlust des Verstandes bedeutet Kontrollverlust, der Komponist Roland Angeler ist nicht mehr Herr seiner selbst, wenn er am Anfang der Oper wütet. Er sieht nicht nur ohne Lesebrille nichts, sondern ist auch im übertragenen Sinn gegenüber seinem gesamten Umfeld blind. Damit scheitert er als Mensch im Familienkontext und als Komponist, der sein Werk nicht mehr sieht. Erst über den Traum seiner Tochter Angelika kommt er wieder zu Verstand, die Tochter träumt ihm den Verstand zurück. Das Ausleben des Unterbewussten führt wieder zur Klarheit. Am Ende erkennt Roland die sängerische Begabung Mirzas und möchte auch an seiner komponierten Oper etwas ändern.

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel -  hier :  James Ley als Ruggiero, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

Salzburger Festspiele / Der Gesang der Zauberinsel … hier James Ley als Ruggiero, Joanna Kedzior als Alcina © SF / Erika Mayer

AY: Und auf dem Mond findet sich alles wieder, was auch andere Kinder und Erwachsene verloren haben… Die Szene ist für sich nicht lustig, sondern sehr nachdenklich. Ist es die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit, nach verpassten Chancen, nach fehlenden Träumen, die von der Realität vertrieben wurden?

AW:  Ein schöner Gedanke, die Mondszene mit der Sehnsucht nach der verloren Kindheit zu überschreiben. „Unerfüllte Versprechen“, „Vergebliches Hoffen“, „Verblichene Schönheit“, „Ungehörte Seufzer“, das alles findet sich auf dem Mond wieder, neben dem in milliarden Flaschen abgefüllten Menschenverstand, „eine Flasche pro Person“. Die Vorstellung ist aber schon auch lustig und zugleich eine bittere Erkenntnis, dass sich fast der gesamte Menschenverstand auf dem Mond befindet und nicht mehr auf der Erde. Und jedem Menschen, der seinen Verstand verloren hat, steht nur eine Flasche zu, mehr Platz für Verstand gibt es nicht.

Der Mond kann aber auch als pars pro toto für die Möglichkeiten des Theaters stehen. Hier können vergessene oder verlorene Gedanken, die für unsere Realität so wichtig und wesentlich sind, gedacht und geträumt werden.

AY: Kannst Du über die Besonderheiten der praktischen Realisation auf der Bühne mit Meer, Mond, Kosmos und anderen Zaubereien Deiner Inszenierung erzählen? Solche Bilder, Raum-Projektionen, Farben-Paradiese in der Großen Universitätsaula zu schaffen und nicht im Theater mit Vorhang, Orchestergraben und Bühnenmaschinerie, kostet nicht nur viel Fantasie, sondern auch viele Mühen. Ich habe die beschränkten Möglichkeiten der Bühne kaum bemerkt. Auch die fantastischen Kostümen von Katja Rotrekl, beeindruckende Videoeinblendungen von Fabian Kapo haben die Inszenierung unvergesslich gemacht. Wie schafft man eine solche faszinierende Zauberatmosphäre mit kleinen Mitteln?

AW:  Es freut mich sehr, dass Du die beschränkten Möglichkeiten kaum wahrgenommen hast. Da ist meiner Ausstatterin und mir doch einiges geglückt, wenn sich bei Dir der Theaterzauber eingestellt hat. Als ich vor einem Jahr Die Zauberflöte für Kinder bei den Salzburger Festspielen 2018 gesehen habe, war mir sofort klar, ich muss irgendwie mit dem weißen Raum umgehen, ohne ihn zuzubauen. Dabei entwickelten Katja und ich sehr schnell die Idee, mit Projektionen zu arbeiten, um unterschiedliche Atmosphären zu kreieren. Zudem stellte uns Marius Felix Lange vor die große Herausforderung, innerhalb von 75 Minuten neun sehr rasche Ortswechsel zu meistern: die erste Szene spielt bei Roland Angeler, dann kommen wir auf der Straße, als nächstes folgt der Überflug auf Alcinas Zauberinsel mit Gewitter und Sturm, später befinden wir uns am Strand, in Alcinas Palast, auf dem Mond… das wäre ohne filmische Mittel im Rahmen der Großen Universitätsaula nicht möglich gewesen.

Wichtig war mir auch von Anfang an, nicht zu viel zu verraten, sehr puristisch zu beginnen, um dann immer mehr entstehen zu lassen und hervorzuzaubern. Ich bin sehr glücklich über unser riesiges Luftkissen, auf das Katja und ich gekommen sind. Es hat in seiner Abstraktion so viele unterschiedliche Bedeutungsmöglichkeiten, ob Meer, Wasser, Insel, überdimensioniertes Schlafkissen. Es kann ganz konkret für etwas stehen und von Szene zu Szene auch seine Bedeutung verändern – je nachdem wie es beleuchtet und was darauf projiziert wird –, ohne beliebig zu werden. Bei den Kostümen hingegen haben wir uns entschieden, sehr farbig und konkret zu werden: Ein Ritter tritt in Ritterrüstung auf, eine Zauberin im Glitzerkleid, ein Hippogryph hat Adlerflügel und ein Pferdehinterteil.

Adelina Yefimenko: Andreas, vielen Dank für die wunderbare Inszenierung dieser zauberhaften Kinderoper und für das spannende Gespräch.

—| IOCO Interview Salzburger Festspiele |—

 

Darmstadt, Staatstheater Darmstadt, Spielzeit 2019/20 – Abschied von den Helden, IOCO Aktuell, 27.08.2019

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Staatstheater Darmstadt

Staatstheater Darmstadt © IOCO

Staatstheater Darmstadt © IOCO

 

Das Staatstheater Darmstadt ist ein Mehrspartenhaus mit Musik- und Tanztheater, Schauspiel und Konzertwesen. Im Großen Haus stehen 956 Zuschauerplätze zur Verfügung, das Kleine Haus bietet 482 Zuschauern Platz, die Kammerspiele bieten bis zu 200 Zuschauerplätze.

Spielzeit 2019/20 – Abschied von den Helden

Mit dem Spielzeitmotto Abschied von den Helden sucht das Staatstheater Darmstadt in der Spielzeit 2019/2020 die Auseinandersetzung mit den klassischen Heldenerzählungen in Theater und Gesellschaft: in 29 Premieren in den Sparten Oper, Schauspiel und Ballett, darunter zwei Uraufführungen sowie zwei spartenübergreifende Projekte, und in mehreren Konzertreihen treten die Helden noch einmal auf – und ab.

„Die Grundmuster der klassischen Heldenreise finden sich in verblüffend vielen Kulturen, Märchen, Mythen und Religionen sowie in unendlich vielen beliebten Opern, Theaterstücken und Romanen.“, so Intendant Karsten Wiegand.Die Universalität dieser Erzählung, das Gemeinschaftsstiftende, so legt Mythenforscher Joseph Campbell nahe, wirkte jedoch nie so stark wie die ihm ebenso inhärente Machtlegitimation und Abgrenzung; und Campbell fand daher, dass ein Mythos fehlt, der erzählt, dass die ganze Erde die Heimat aller Menschen sei. Als Theatermacher*innen hat uns ebendies nun sehr gereizt: Mit den Mitteln des Theaters wollen wir daher in der nächsten Spielzeit mit einigen der Helden-erzählungen in Dialog treten und dabei erkunden, wie sich in einer Zeit des Wandels die Herzen langsam öffnen können für neue, unbekannte Erzählungen.

„Wir hinterfragen unsere guten alten Opernstoffe“, erklärt Operndirektorin Kirsten Uttendorf, „und fragen nach der Notwendigkeit eines einzelnen Auserwählten, der die Probleme angeht.“

Turandot erste Premiere im Spielplan 2019/20
youtube Trailer des Staatstheater Darmstadt
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In Turandot (Regie: Valentin Schwarz), am 31.8.2019 die erste Opern-Premiere der neuen Spielzeit, steht die Titelfigur in der Pflicht, das Kaiserreich zu sichern. Alle Kandidaten scheitern, bis ein Fremder den richtigen Weg geht.

Im Musical Catch me if you can (Regie: Gil Mehmert), Premiere 21.9.2019, nach dem weltbekannten Roman von Stan Redding, verfolgt Frank William Abagnale Junior seinen „amerikanischen“ Heldentraum.

In Fidelio (Regie: Paul-Georg Dittrich) Premiere 26.10.2019, überschreitet Leonore alle gesellschaftlichen Grenzen, um ihren Geliebten zu retten und wird zur Kämpferin für eine neue Welt. Lucia di Lammermoor (Regie: Dirk Schmeding) Premiere 7.12.2019, trifft auf festgefügte Familientra-ditionen und wird zur Handlangerin eines männlich definierten Familienzwists. In der Operette Frau Luna (Regie: Klaus-Christian Schreiber) Premiere 25.1.2020, durchlebt Franz Steppke seinen persönlichen Heldentraum, der ihn zum Mond führt und Lohengrin (Regie: Andrea Moses) Premiere 4.4.2020, hinterfragt die Suche nach einem Führer. Mit dem Doppelabend Twice through the heart / Trouble in Tahiti (Regie: Stephan Krautwald) 20.9.2019, Kammerspiele, treffen die Protagonisten auf aufgelöste Ideale und müssen ihren eigenen Weg finden. Und Zimmermanns Requiem für einen jungen Dichter (Regie: Karsten Wiegand) Premiere 16.5.2020, Großes Haus, fragt deutlich nach dem Neuen, indem es sich mit zwei Uraufführungen verbindet.

Drei Kinderopern laden auch das junge Publikum ein: Tschick (Regie: Kirsten Uttendorf) Premiere 21.2.2020 Kleines Haus, probt ein Antiheldentum, Schaf (Regie: Magdalena Schnitzler) Premiere 25.4.2020, Kammerspiele, lotet das Verhältnis von Herde und Individuum aus und in Die Zauberflöte für Kinder, Premiere 21.10.2019, Großes Haus, begleitet eine Gruppe von Kindern die Mutproben der Protagonisten. Generalmusikdirektor Daniel Cohen wird die musikalische Leitung bei Fidelio und Lohengrin innehaben.

„Die Zeiten der vielfach besungenen, heroischen Männer, die im Alleingang die Probleme ganzer Gemeinschaften lösen, sind unter den Vorzeichen der Globalisierung endgültig vorbei.“, findet Schauspieldirektor Oliver Brunner. Im Schauspiel zeigt Shakespeares Othello (Regie: Gustav Rueb) Premiere 14.9.2019, Kleines Haus, exemplarisch, wie sich eine Gesellschaft ihre Helden leiht und diese nach getaner Arbeit abserviert. Der Rassismus einer weißen Männergesellschaft und das tödliche Besitzdenken eines Mannes im Liebeswahn finden eine deutliche Sprache gegen naive Heldenverehrung. Gleichermaßen grundsätzlich untersucht das Doppelpass-Projekt Körpertreffer (Choreografie: Rafaële Giovanola) das, was ein menschlicher Körper auf der Bühne und ein solcher im digitalen Raum darstellt. Auch hier schwingt der Zweifel am heldisch Eindeutigen vernehmlich mit.

Der „local hero“ Büchner wird mit seiner satirischen Komödie Leonce und Lena (Regie: Julia Prechsl) Premiere 1.11.2019, Kleines Haus, auf die Frage nach dessen Geschlechterbildern untersucht, während Anton Tschechows Drei Schwestern (Regie: Katrin Plötner)Premiere 27.3.2019, Kleines Haus,  ihren Aufbruch in ein besseres Leben, ihren radikalen Neuanfang wohl verpassen werden. Die beiden jugendlichen Heldinnen in Dirk Lauckes Jugendstück Amy4Eva (Regie: Ulf Goerke) Premiere 23.11.2019, Kammerspiele, sind genau dazu bereit: Sie hauen von zu Hause ab, als es ihnen zu viel wird.

Staatsheater Darmstadt / Kiss me, Kate - auch 2019/20 auf dem Spielplan des Staatstheater © Nils Heck

Staatsheater Darmstadt / Kiss me, Kate – auch 2019/20 auf dem Spielplan des Staatstheater © Nils Heck

Mit Heiner Müllers Ödipus, Tyrann (Regie: Christoph Mehler) Premiere 12.10.2019, zeigen wir den klassischen Antihelden par excellence. Nicht sehen wollen, was ist, treibt es diesen Menschen von der höchsten Höhe in einen tiefen Abgrund. Shen Te, die Protagonistin aus Brechts Der gute Mensch von Sezuan (Regie: Christoph Mehler) Premiere 30.4.2020, Kleines Haus, wird ebenso zweifelhaft zur Heldin, wenn sie im Verlauf des Stückes das Böse in Verkleidung als Mann tut, um gut bleiben zu können. Mit der Adaption von Fatih Akins Aus dem Nichts (Regie: Friederike Heller) steht eine trauernde Mutter im Zentrum, die für ihre Gerechtigkeit bis zum Äußersten geht. Auch diese Heldin erscheint fragwürdig. Weitere Produktionen sind Anne Leppers Seymour (Regie: Matthias Rippert), die Digital Lecture Performance Protect me from what I want (von und mit Marina Miller und Arne Vogelgesang), die Buchan-Hitchkock Kriminalkomödie Die 39 Stufen (Regie: Antje Thoms) sowie das spartenübergreifende Projekt Ich schaue dich an (Regie: Baresh Karademir) von Alexandra Badea. Für das junge Publikum kommt mit Der Räuber Hotzenplotz (Regie: Jakob Weiss) Premiere 30.11.2019, Kleines Haus, eine Kasperlgeschichte von Otfried Preußler auf die Bühne sowie ein neues Live-Hörspiel von Eike Hannemann Billy Backe, Premiere 26.1.2020, Kammerspiele, nach dem Kinderbuch von Markus Orths.

Das Hessische Staatsballett und sein Direktor Tim Plegge suchen die Auseinandersetzung mit klassischen Erzählungen, indem sie sich mit den Klassikern der Ballettliteratur beschäftigen: In Tschaikowskis Der Nussknacker, Premiere 16.11.2019, Großes Haus, begibt sich Plegge zwischen all die Erwartungen, die allein der weltbekannte Titel auslöst und sucht seine eigene Interpretation des großen Stoffs. Die Choreografen Edward Clug und Bryan Arias widmen sich mit Le sacre du printemps, 29.2.2020, Großes Haus, einem weiteren Meilenstein der Musik- und Ballettgeschichte und werden uns neue, ungewöhnliche Perspektiven auf dieses Werk eröffnen. Das Gastspiel Don Quixote ergänzt diese Reihe um einen weiteren zweifelhaften Helden und zumAbschluss der Spielzeit werden mit Startbahn 2020, 3.7.2020, Kleines Haus, Choreografien der Ensemblemitglieder selbst zu sehen sein.

Die Konzertsaison widmet sich einsamen Helden und verkannten Künstler*innen, die unbe-irrbar oder zweifelnd an einem künstlerischen Weg festhielten. Hierfür stehen, so General-musikdirektor Daniel Cohen und Orchesterdirektor Gernot Wojnarowicz, Werke von Gustav Mahler, Alban Berg, Arnold Schönberg, Anton Bruckner, Sergej Rachmaninoff oder Richard Strauss. Musik von heute ist mit neueren Werken von Peter Eötvös und von Brett Dean vertreten, die klassische Moderne mit Varèse, Boulez, Schönberg, Berg, Bartók und Webern, die erste „Wiener Schule“ mit Beethoven, Mozart und Haydn. Debüts in Darmstadt wird es von Dirigenten wie Paolo Arrivabeni, Andris Poga, Ryan Bancroft und Vassilis Christopulus und Dirigentinnen wie Mei Ann Chen und Anna Rakitina geben. Neben einem Wiedersehen mit Annette Dasch und Alban Gerhardt, kann sich das Publikum auf Konzerte mit Michael Barenboim, Yulianna Andeeva und Mariam Batashvilli freuen. Die zehn Kammerkonzerte bieten Klavierabende, Alte Musik, Streichquartette und das jährliche Konzert der Kronberg Academy im Staatstheater. Fast alle Musiker*innen des Staatsorchesters sind in der Reihe „Soli fan tutti“ mit hochkarätiger Kammermusik zu hören. Für Familien, Kinder und Eltern mit Kleinkindern wird das bewährte Angebot von Familien, Schul- und Teddykonzerten weitergeführt. Und auch der „Lauschangriff“ in BAR der Kammerspiele wird fortgesetzt.

—| Pressemeldung Staatstheater Darmstadt |—

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