Lyon, Opéra de Lyon, Dido und Aeneas – Henry Purcell, IOCO Kritik, 21.03.2019

März 21, 2019 by  
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Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon in Lyon © Stofleth

Opéra de Lyon

Dido und Aeneas – Henry Purcell

– Barock trifft Jazz – Jazz trifft Barock –

von Patrik Klein

IOCO besuchte im Rahmen des Festivals Leben und Schicksale die Opéra de Lyon mit der Produktion Dido und Aeneas von Henry Purcell (1659 -1695), einer Oper in einem Prolog und drei Akten, fortgeschrieben durch moderne Elemente, die vom finnischen Gitarristen Kalle Kalima, der zu den spannendsten Vertretern der europäischen Jazz-Szene gehört und mit einer gehörigen Portion Verrücktheit und „finnischer Kreativität“ ausgestattet ist, zusammengestellt wurden. Die Premiere in Lyon ist der Auftakt zur Koproduktion mit der Vlaamse Opera und der Stuttgarter Oper in Partnerschaft mit der Ruhrtriennale.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Das Libretto wurde von Nahum Tate nach dem Epos Aeneis von Vergil verfasst. Die Uraufführung fand 1688 oder 1689 in London statt.

Die Handlung – Erster Akt: Der trojanische Held Aeneas (Guillaume Andrieux, Bariton) hat Trojas Zerstörung überlebt und von Zeus den Auftrag erhalten, nach Italien zu segeln und dort mit seinen Leuten ein neues Reich zu gründen. Auf der Fahrt durch das Mittelmeer kommen die Trojaner nach Karthago, wo sie sich längere Zeit aufhalten. Die Stadt wird von Königin Dido (Alix Le Saux, Mezzosopran) regiert, die nach dem Tod ihres Mannes geschworen hat, nie mehr zu heiraten und sich nur noch um das Wohl ihres Staates zu kümmern. Die Königin kann den Schwur nicht halten, als sie Aeneas kennenlernt und sich in ihn verliebt. Belinda (Claron McFaddon, Sopran) zerstreut die Bedenken ihrer Herrin, denn sie weiß, dass auch der Trojaner Dido zugeneigt ist.

Dido und Aeneas  –  Henry Purcell
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Henry Purcells „Dido und Aeneas“ fortgeschrieben durch Kalle Kallimas Version von „Remember Me“

Zweiter Akt: Furien haben sich in einer Felsschlucht versammelt. Ihre Anführerin befiehlt, Karthagos Macht zu vernichten, um dadurch Dido und Aeneas wegen ihrer Pflichtvergessenheit zu strafen. Eine Furie meldet, dass Aeneas und Dido auf der Jagd sind. Ihr wird aufgetragen, als Hermes verkleidet Aeneas den Willen des Zeus, sofort nach Italien zu segeln, kundzutun. Andere Furien treiben die Jagdgesellschaft durch einen Sturm in die Stadt zurück. Belinda und der Hofstaat erfreuen sich unterdessen an der Schönheit des Heiligen Hains, wo sie rasten. Die Seherin unterbricht ihre Freude und verkündet, dieser Ort bringe Unheil. Schon naht Dido und kurz darauf Aeneas, der einen gewaltigen Eber erlegt hat. Kaum hat sich das Liebespaar in das vorbereitete Zelt zurückgezogen, bricht ein Gewitter los; alle flüchten in die Stadt. Aeneas ist plötzlich allein. Er erhält von Hermes den Befehl, sofort nach Italien aufzubrechen. Der Held ist erschüttert, doch die Pflicht siegt über seine Liebe.

Dritter Akt: Die Trojaner rüsten zur Abfahrt und nehmen von ihren Frauen Abschied. Die Furien triumphieren, als sie die unglückliche Königin sehen, und entfachen einen Sturm, der die Schiffe auf das Meer hinausjagen soll. Dido und Belinda eilen herbei, erregt über das Verhalten der Trojaner, die auf Zeus‘ Befehl verweisen, aber schon zögern, abzusegeln. Der Königin erscheint die Treulosigkeit des Helden als Strafe des Himmels, weil sie ihren Schwur nicht gehalten hat. Belindas Tröstungen sind vergeblich. Dido stirbt an gebrochenem Herzen, da sie ohne Aeneas nicht leben kann.

Kunst fordert immer wieder zu neuen Interpretationen heraus. Die Auffassung, wie Musik des 17. Jahrhunderts aufgeführt werden sollte, hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte grundlegend gewandelt. Mindestens ein Dutzend verschiedener Ausgaben von „Dido und Aeneas“ sind im Druck erschienen. Musikwissenschaftler diskutieren immer noch das Entstehungsdatum der Oper und sind sich immer noch nicht einig, für welche Gelegenheit das Werk geschrieben sein könnte. Folglich geht damit auch einher, dass sich der Bereich legitimer Auswahl- und Interpretationsmöglichkeiten vergrößert hat. Die „richtige“ Art, Dido aufzuführen, gibt es nicht mehr. Das mindert jedoch den Wert des Werkes in keiner Weise.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Kalle Kalima © Blandine-Soulage

So hatte zum Beispiel der französische Regisseur und ehemaliger Assistent von Patrice Chéreau, Vincent Huguet, bei den 70. Opernfestspielen in Aix en Provence 2018 den als verschollen geltenden Prolog mit einer rund 20 minütigen Einführung versehen, in der die schwarze Schauspielerin, Chansonière und Komponistin Rokia Traoré aus Mali die Vorgeschichte erzählte. Ohne Fingerzeig skizzierte sie in einer Art Sprechgesang die Entstehung Karthagos, erzählte vom Verloren sein auf der Flucht und von fliehenden Menschen auf Booten. Auch der Dirigent Václav Luks ließ zum Finale des berühmten Klagegesangs Didos den Chor „a cappella“ singen und gab somit dem gesamten Werk eine neue Intensität, Natürlichkeit und Magie.

Die politische Metapher „Dido und Aeneas“ ist mehr als eine tragische Liebesgeschichte. Sie ist auch eine Metapher für die Konfrontation zwischen Karthago und Rom, der zentralen Episode in den Punischen Kriegen. Die Zerstörung Karthagos in 146 v. Chr. liegt knapp ein Jahrhundert vor der Fertigstellung Vergils berühmten Gedicht Aeneis. Die Stärke der Kurz-Oper, die Purcell aus dieser Geschichte mitnahm, liegt ebenso in den zeitgenössischen geopolitischen Resonanzen seiner Handlung – zwei europäischen Migranten, die sich dem Krieg stellen – wie in der evokativen Kraft ihres außergewöhnlichen Finales.

In Lyon hat Didos Klage am Ende der Oper Remember me, den finnischen Jazzgitarristen Kalle Kalima inspiriert, Purcells barocke englische Klänge mit Elementen des modernen Jazz zu verbinden. Anders als in Aix en Provence wird hier „alles in einen Topf“ geworfen und die barocken Klänge Purcells mit Kalimas Jazzstücken im Wechselspiel vermischt. In diesen „Intermezzi“ werden u.a. Zitate aus dem Originalstück von Vergils Aeneis von der US-amerikanisch-schweizerischen Jazzsängerin Erika Stucky dargeboten.

 Dido und Aeneas  –  Didon et Enée – Auszüge der Inszenierung
youtube Trailer der Opéra de Lyon
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Der in Ungarn geborene Regisseur David Marton, der auch als Pianist und Dirigent ausgebildet ist und nach musikalischen Anfängen bei Regisseuren wie Christoph Marthaler und Frank Castorf begann, schließlich selbst zu inszenieren, hat die extrem verdichtete Oper Purcells, die wie ein Trailer über eine mehrstündige romantische Oper wirkt, mit der Musik Kalle Kalimas aufgelockert und teilweise neu zusammengesetzt, um in experimenteller Art den Wirkungen der Charaktere mehr Freiraum und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben.

Dabei wurden zwischen den originalen barocken Elementen der Oper zum Teil frei improvisierte als auch speziell komponierte musikalische Elemente Kalle Kalimas eingefügt. Kalle Kalima mit seiner E-Gitarre war auf der rechten Seite des Orchestergrabens erhoben sichtbar positioniert. Während der langen Probenphase wurden zwar die Eckpunkte, wie Licht und Technik in ein festes Muster gegeben, innerhalb dessen jedoch freie Improvisationen möglich blieben. Auch deshalb wurde die knapp einstündige Barockoper zu einem abendfüllenden Programm ausgeweitet.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas © Blandine-Soulage

Wie in Tschaikowskis Oper Die Zauberin am Vortag stellte sich auch in Purcells Oper die Frage: „Was bleibt?“ An was wird man sich erinnern, wenn man an unsere Zeit zurückdenkt?

Das Regieteam um David Marton hatte die riesige Bühne in Lyon zu einem archäologischen Ausgrabungsort gemacht. Die Fundstelle war mit einem Überbau aus Holz und Glas vor den Umwelteinflüssen geschützt (Christian Friedländer (Bühne); Tabea Braun (Kostüme); Henning Streck (Licht)). Seitlich davon befanden sich mehr oder weniger gut sichtbare Studios, in denen man die ausgegrabenen Relikte konservierte. Wie auch bei Tschaikowski war ein Kameramann ständig dabei, die Kernszenen zu filmen und die Bilder auf Flächen im Hintergrund der Bühne zu projizieren. Die Oper begann mit der Ausgrabung von Erinnerungen durch Juno (Marie Goyette) und Jupiter (Thorbjörn Björnsson). Man grub u.a. eine PC Maus, Kabelsalat und viele andere Dinge unserer heutigen Zeit akribisch aus und konservierte sie in den seitlichen Asservatenkammern. Durch die Fundstücke, wie Titelbilder des Time-Magazins von Ungarns Präsidenten Orbán oder dem amerikanischen Präsidenten Trump wurde ein Bild von machtbesessenen Herrschern gezeichnet. Disharmonische Jazzklänge und „Klagelaute“ der Jazzsängerin (Erika Stucky) unterstrichen dieses düster gezeichnete Bild unserer Zeitgeschichte.

Barock trifft Jazz, Jazz trifft Barock.

Der Bezug wurde hier über die methodisch-künstlerische Idee der Improvisation und der Kombination der Darstellungsgenres Theater, Musik und Film hergestellt. Dabei übernahm die Kamera das Auge des Zeugen. Sie war überall dabei. Sie zeigte dem Zuschauer auch Handlungen, die auf Nebenschauplätzen, den seitlichen Studios, nicht auf der Bühne stattfanden. Der Zuschauer erhielt dadurch auch Einblick in das „Seelenleben“ der Protagonisten. Vieles passierte gleichzeitig, so dass der Zuschauer beim ersten Schauen nur einen von seinen Sehgewohnheiten gelenkten Ausschnitt erfasste bzw. erfassen konnte.

Man erblickte die Teuflischkeiten unser Welt mit Bombenabwürfen im Krieg, Brutalität und Elend. Auf den Titelseiten der Time-Magazine wurden unsere aktuellen Themen Realität. Das Auge schweifte aber auch auf die Wogen des Meeres, die Idylle und die Sehnsucht.

Was blieb an diesem zweiten Festivalabend in Lyon? Die Kamera, der Zeuge, wurde ausgeschaltet, die Ausgrabungsstücke wieder verscharrt. Waren sie es nicht Wert, erhalten zu bleiben? Die Videoleinwand wurde weiß, wie bei einem Filmriss im analogen Kino. Rauschen und gelegentliche Streifen bestimmten das mittlerweile schwarz-weiße Bild, das nur noch das Schema der Ausgrabungsstätte erkennen ließ.

Wo war die Liebe, wo waren die positiven menschlichen Beziehungen geblieben? Zerbrochen durch äußere Kräfte? Nichts Blieb!  Zu improvisierten Klagelauten ging die Jazzsängerin von der Bühne.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Thorbjörn Björnsson als Jupiter und Erika Stucky als Hexe  © Blandine-Soulage

Musikalisch konnte das Spektrum kaum größer sein an diesem Abend in Lyon. Eine der ältesten musikalischen Formen der Menschheit erweiterte sich um Klänge aus unserer aktuellen Zeit. Das wirkte extrem, konträr, manchmal verstörend aber auch Emotionen weckend. Die gesanglichen Ergebnisse des Abends waren erneut von höchster Qualität. Alix Le Saux, die bereits im Alter von 10 Jahren im Kinderchor der Opéra National de Paris zu singen begann und in Rollen wie Armelinde in Cinderella von Pauline Viardot, Emilia in Otello von Rossini und Hélène in Offenbachs La Belle Hélène an diversen französischen Opernhäusern zu hören war, zuletzt erfolgreich debütierte als Titelheldin in Massenets Cendrillon bei den Festspiele in Glyndebourne, sang die Partie des Dido mit großer Leichtigkeit, feinem abgedunkelten Mezzoklang sicher und voller Leidenschaft. Der junge, aus Lyon stammende Bariton Guillaume Andrieux, der an verschiedenen französischen Opernhäusern reüssierte und beim Musikfest Bremen als Figaro im Barbier von Sevilla auftrat, sang mit hell fokussiertem lyrischen Bariton einen leidenschaftlichen und kommunikativen Aeneas. Die in den Niederlanden lebende amerikanische Sopranistin Claron McFaddon, die an Opernhäusern wie der De Nederlandse Opera Amsterdam, bei den Salzburger und den Bregenzer Festspielen sowie am Badischen Staatstheater Karlsruhe und bei den Händelfestspielen in Halle (Saale) engagiert war, gab die Rolle der Belinda eindrucksstark mit warmem und fein dosiertem Sopran.

Nicht nur bei Tschaikowskis Die Zauberin, sondern auch bei Purcell geriet eine andere Figur in den Fokus, als es die originäre Barockoper eigentlich vorsah. Die US-amerikanisch-schweizerische Jazzsängerin Erika Stucky wurde zum musikalischen Höhepunkt. Sie gestaltete ihre Rollen als Hexe, Geist, und Sängerin mit umwerfender Bühnenpräsenz und gewaltiger Stimme, deren Bandbreite von Soul über Rock bis zu Jazz-Phrasierungen, Jodlern und Klagegesängen reichte. Sie wurde auch vom Publikum entsprechend frenetisch gefeiert.

Marie Goyette stellte Juno und eine Komödiantin dar. Die kanadische Musikerin (Piano, Akkordeon, Stimme), die sowohl im Bereich der Improvisationsmusik als auch als Schauspielerin/Musikerin und Hörspielmacherin tätig ist und bereits mehrfach mit dem Regisseur David Marton zusammenarbeitete, brachte mit ihren vielseitigen Aktionen weitere Facetten improvisierter Theaterkunst auf die Bühne. Der in Island geborene Thorbjörn Björnsson studierte Gesang an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Als Sänger und Schauspieler war er in verschiedenen Konzerten und Theaterproduktionen zu sehen, u.a. im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, auf Kampnagel Hamburg und an den Münchner Kammerspielen. In Lyon spielte er mit vollem Einsatz als Komödiant und Jupiter, körperlich an die Grenzen gehend und dabei Verse Vergils zitierend.

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Opéra de Lyon / Dido und Aeneas – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Der Chor der Opéra de Lyon (Einstudierung Denis Comtet) bot auch an diesem zweiten Premierenabend eine starke Leistung. Diesmal für das Publikum sichtbar, sangen sie mit großem Engagement und sicherer Abstimmung mit dem Orchester besonders einfühlsam und emotional.

Der in Frankreich bereits sehr bekannte junge Dirigent und Geiger Pierre Bleuse, der sein Handwerk als Dirigent bei Jorma Panula in Finnland erlernte, leitete die Premiere ohne Taktstock. Mit mitreißendem Engagement, natürlicher Autorität und einer klar verständlichen Dirigiersprache gelang es ihm, das Orchester durch die verschiedenen Musikgenres zu führen und dabei den Musikern noch Interpretationsfreiräume zu belassen.

Das Publikum in der erneut ausverkauften Opéra de Lyon nahm die spektakuläre Kombination aus musikalischer und szenischer Bandbreite mit frenetischem Beifall auf.

Dido und Aeneas in der Opéra de Lyon; weitere Vorstellungen am 21.3., 23.3., 26.3., 30.3.2019

—| IOCO Kritik Opéra de Lyon |—

Wien, Wiener Staatsoper, Premiere LES TROYENS – Hector Berlioz, 14.10.2018

Oktober 2, 2018 by  
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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

LES TROYENS –  HECTOR BERLIOZ

Premiere 14. Oktober 2018


Zur Premiere und Produktion


Les Troyens eröffnet am Sonntag, 14. Oktober 2018 den Premierenreigen in der Spielzeit 2018/2019 an der Wiener Staatsoper: Nach fast 40 Jahren kehrt Hector Berlioz’ Grand Opéra in fünf Akten in der Produktion von David McVicar und unter der musikalischen Leitung von Alain Altinoglu zurück auf die Bühne des Hauses am Ring.

Berlioz komponierte die Oper in den 1850er Jahren. Für den antiken Stoff von Vergil – für den Helden Aeneas, seine Flucht, für Kassandra und Dido begeisterte er sich seit seinen Jugendtagen und auch das Libretto zu Les Troyens schuf der Komponist selbst, basierend zum Großteil auf Passagen ausVergils Aeneis und einer Szene aus Shakespeares Der Kaufmann von Venedig. Es entstand kein gewöhnliches Opernwerk, sondern ein radikaler und in seinem Umfang überaus mutiger Entwurf mit einem antik-epischen Umfang. Nur wenige Opernhäuser können sich heute an das Werk heranwagen, zu groß ist der Aufwand, zu gewaltig sind die Anforderungen, die sich stellen – rund 100 Choristen, 85 Orchestermusiker, Statisten, ein Kinderchor, ungewöhnlich viele Gesangsrollen, Tänzer. Schon in seiner Entstehungs- bzw. Uraufführungszeit war Les Troyens alles andere als ein Repertoirestück und so sind auch heutzutage die internationalen Premieren eher dünn gesät, wie Staatsoperndramaturg Oliver Láng im Monatsmagazin Prolog erläutert. 1863 wurde in Paris erstmals der zweite Teil der Oper gespielt – es kam zu keiner kompletten Uraufführung, der erste Teil folgte erst 1879 – zehn Jahre nach dem Tod des Komponisten. An der Wiener Staatsoper wurde Les Troyens bisher nur neunmal in doppelteiliger Form gespielt (Österreichische Premiere und Erstaufführung 1976 unter Gerd Albrecht in einer Inszenierung von Tom O’Horgan, mit Guy Chavet, Christa Ludwig und Helga Dernesch), ab den 1980er-Jahren spielte man fünf Mal den zweiten Teil – zuletzt am 26. April 1981.

Hector Berlioz © IOCO

Hector Berlioz – Paris © IOCO

Musikalisch geleitet wird die Premierenserie von Alain Altinoglu. Der französische Dirigent, Musikdirektor des Théâtre de la Monnaie in Brüssel, debütierte 2011 mit Roméo et Juliette an der Wiener Staatsoper und dirigierte hier weiters noch Vorstellungen von Don Carlo, Don Giovanni, Falstaff, Faust, Salome und Simon Boccanegra, Le nozze di Figaro beim Oman-Gastspiel der Wiener Staatsoper 2013 sowie die Premieren von Macbeth (2015) und Pelléas et Mélisande (2017). Les Troyens dirigiert er nun an der Wiener Staatsoper zum ersten Mal. Im Gespräch mit Dramaturg Andreas Láng für das Staatsopernmagazin Prolog beschreibt er das Stück so: Les Troyens ist die größte und gewaltigste französische Oper, quasi – ohne sie formal, inhaltlich oder stilistisch vergleichen zu wollen – die französische Götterdämmerung. […] In diesem Werk manifestiert sich – zwar auf wunderbare Weise, aber dennoch – der gesamte Größenwahn und die besondere Verrücktheit von Hector Berlioz. Diesen Größenwahn Berlioz’ findet man nicht nur in den Trojanern, sondern „nahezu in seinem kompletten Œvre: Er liebte ganz einfach riesengroße Orchesterbesetzungen, eine Vielzahl an Solisten und Statisten, überdimensionale Chöre.“ Bis auf kleine Striche in den Ballettnummern wird Les Troyens in dieser Premierenproduktion im Haus am Ring komplett gezeigt.

„Die Trojaner-Partitur lebt jedenfalls von diesen kreativen Klangfarben- und Instrumentenkombinationen, die Berlioz zu entwickeln imstande war. […] Atmosphäre, Stimmungen, Lokalkolorit, Charakteristika durch Klänge zu zaubern, darin war Berlioz ein nicht zu übertreffender Meister“, charakterisiert der Dirigent die Partitur und betont schlussendlich auf die Frage, ob Les Troyens die Entwicklung der Operngeschichte beeinflusste: „Hector Berlioz hat mit anderen Werken sicherlich Einfluss auf die Musikgeschichte genommen, aber mangels einer bald einsetzenden gewichtigen Rezeptionsgeschichte – zumal in Frankreich – konnten die Trojaner nicht wirklich große Veränderungen hervorrufen oder gar den Beginn einer neuen Tradition markieren. Und so steht diese Oper wie ein – riesiger – Diamant vor uns.“

Sir David McVicar inszeniert – er brachte diese Produktion, die die Wiener Staatsoper als Koproduktion mit dem Londoner Royal Opera House, der Mailänder Scala und der San Francisco Opera zeigt – 2012 in London heraus und entwickelt seine Regie nun für Wien weiter. Les Troyens ist nach Tristan und Isolde, Adriana Lecouvreur, Falstaff und zuletzt Ariodante seine fünfte Arbeit am Haus am Ring. Im Konzeptionsgespräch betonte er die Majestät und Schönheit dieser Oper, die er als ungewöhnliches und sehr individuelles Werk der Operngeschichte sieht. Die zentrale Geschichte über Krieg und Auswirkungen von Krieg, das Zusammenprallen der Ereignisse der Geschichte mit den persönlichen Schicksalen Einzelner zeigt eine Form der Hoffnungslosigkeit. Das ganze Stück ist durchzogen von einer pessimistischen Einstellung, die durch große Freude und große Liebe kurz aufgehellt wird.

Die Produktion ist im 19. Jahrhundert angesiedelt und bezieht sich auf Kriege, die zu dieser Zeit – also zur Zeit Berlioz’ – stattgefunden haben. Troja erinnert hier stark an eine Stadt des 19. Jahrhunderts, und auch die Kostüme – geschaffen vom deutschen Kostümbildner Moritz Junge – erinnern an das zweite französische Kaiserreich. Das Karthago der Dido wiederum ist eine eher mythische Welt, die in der Produktion David McVicars an den Nahen Osten erinnert – auch diese wurzelt aber im 19. Jahrhundert. Im Schlussbild erscheint ein riesiges Kriegerstandbild auf der Bühne, das quasi aus den Ruinen des trojanischen Pferdes entstanden ist – aus den Ruinen des Krieges wird ein neuer Krieg entstehen.

Das Bühnenbild für Les Troyens stammt von Es Devlin. Mit Les Troyens ist erstmals eine ihrer Arbeiten an der Wiener Staatsoper zu sehen. In Österreich ist die international gefragte englische Künstlerin u. a. für ihr Bühnenbild für die aktuelle Carmen-Produktion der Bregenzer Festspiele bekannt.

Für das Lichtdesign zeichnen Wolfgang Goebbel und Pia Virolainen verantwortlich, die Choreographie kreierte Lynne Page.


Die Besetzung


Alle Solistinnen und Solisten geben in der Premiere ihr Staatsopern-Rollendebüt:

Den Enée verkörpert Brandon Jovanovich. Les Troyens ist nach seinem Debüt 2016 als Don José (Carmen) und Auftritten als Sergej (Lady Macbeth von Mzensk) die erste Staatsopern-Premiere des US-amerikanischen Tenors. Sein Rollendebüt als Enée – zugleich seine erste Berlioz-Partie – gab er 2016 in San Francisco: „Das Werk und die Rolle sind umwerfend schön […]. Und je länger ich mich in das Stück vertiefte, umso deutlicher sind die Kostbarkeiten hervorgetreten.“ Im Interview mit Andreas Láng für den Prolog erzählt er zur Aktualität der in der antiken Sagenwelt verorteten Handlung: „Genau genommen werden sogar die ganz wesentlichen Themen und Konflikte der Menschheit durchdekliniert: Der Umgang mit den Hilfesuchenden […], dann die Einstellung zu einer – möglicherweise – vermeintlichen Bestimmung, es geht um Liebe in vielerlei Hinsicht und um Opfer, die man zu bringen müssen glaubt. Viele von den hier angesprochenen Themen wirken in unser privates Leben hinein.“

Dem österreichischen Publikum ist Brandon Jovanovich weiters durch Auftritte als Sergej und Hermann (Pique Dame) bei den Salzburger Festspielen und Cavaradossi (Tosca) bei den Bregenzer Festspielen bekannt. An der Wiener Staatsoper wird er im November 2018 noch den Prinzen in Rusalka sowie im April/Mai 2019 den Florestan in Fidelio verkörpern.

Als Didon singt Joyce DiDonato ihre erste Premiere im Haus am Ring. An der Wiener Staatsoper war sie bisher erst an zwei Abenden zu erleben: Als Rosina in Il barbiere di Siviglia 2009 sowie mit einem Solistenkonzert 2016. Ihre erste Begegnung mit der Didon hatte sie im Zuge einer Gesamteinspielung für Warner Records. „Mir war zudem klar, dass ich sie dann aber unbedingt auch szenisch verkörpern wollte – schließlich handelt es sich bei Didon um eine vollblütige tragische Figur – sowohl in ihrer Position als Königin als auch als Frau – deren Umsetzung auf der Bühne eine wunderschöne und zugleich lohnende Herausforderung darstellt. […] Didon ist schließlich ein derartig profunder und komplexer Charakter, dass ich wohl bei jeder Auseinandersetzung mit ihr, ja bei jeder Vorstellung neue Eindrücke gewinnen werde. Berlioz gelang mit Didon durch seine unglaublich reiche Partitur das Porträt einer zutiefst menschlichen Gestalt, die nie vollständig zu erforschen sein wird.“ Auch sie sieht die Aktualität des Stoffes: „Ich glaube, dass dieses Sujet kaum aktueller sein könnte! Es geht um ein Volk, das aus seiner Heimat fliehen musste und um Asyl ansucht – es geht um Flüchtlinge. Didon erkennt heldenmütig, dass diejenigen, die das Leid erfühlen, jenen niemals den Rücken kehren können, die Hilfe benötigen. Ich finde, es geht um eine Einstellung, die man sich immer wieder neu vor Augen führen sollte.“

Als Cassandre ist Anna Caterina Antonacci zu erleben – ihr Staatsoperndebüt gab sie 1999 als Donna Elvira in Don Giovanni (Festwochen-Vorstellungen im Theater an der Wien). Die aus Ferrara (Italien) stammende Sängerin debütierte als Rosina (Il barbiere di Siviglia) in Arezzo und eröffnete damit eine Weltkarriere: Auftritte führten sie u. a. an die Mailänder Scala, das Royal Opera House Covent Garden, das Teatro Comunale in Bologna, das Teatro Colón in Buenos Aires, das Teatro dell’ Opera in Rom, an die San Francisco Opera, zum Glyndebourne Festival, an die Bayerische Staatsoper, nach Paris. Aktuelle Projekte umfassen u. a. Charlotte in Valencia und Barcelona, Elle (La Voix humaine) in Bologna, San Francisco, Turin, Liège, Susanna (Sancta Susanna) in Paris, Cassandre (Les Troyens) an der San Francisco Opera, Carmen in Turin, Chimène (Le Cid) in Paris, Iphigénie (Iphigénie en Tauride) in Hamburg.

Den Chorèbe verkörpert Adam Plachetka – dem Staatsopernpublikum als langjähriges Ensemblemitglied bestens bekannt durch seine Auftritte u. a. als Masetto und Don Giovanni (Don Giovanni), Guglielmo (Così fan tutte), Figaro und Conte d’Almaviva (Le nozze di Figaro), Dulcamara (L’elisir d’amore) und Malatesta (Don Pasquale). Les Troyens ist bereit seine siebte Premiere im Haus am Ring nach Don Apostolo Gazella (Lucrezia Borgia), Melisso (Alcina), Masetto (Don Giovanni), Publio (La clemenza di Tito), Hercule (Alceste) und Harlekin (Ariadne auf Naxos).

Seine zweite Premiere im Haus am Ring singt der italienische Tenor Paolo Fanale, der in Les Troyens als Iopas zu erleben sein wird. An der Wiener Staatsoper debütierte er 2016 als Fenton in der Falstaff-Premiere (in der Inszenierung von David McVicar) und sang hier weiters den Nemorino (L’elisir d’amore).

In den weiteren Partien sind Jongmin Park als Narbal, Rachel Frenkel als Ascagne, Benjamin Bruns als Hylas, Alexandru Moisiuc als Priam, Orhan Yildiz als Griechischer Heerführer, Marcus Pelz und Ferdinand Pfeiffer als Erster bzw. Zweiter trojanischer Soldat, Igor Onishchenko als Soldat/Mercure und Donna Ellen (anstelle von Jane Henschel) als Hécube zu erleben.

Les Troyens ist außerdem die erste Premiere dreier neuer Ensemblemitglieder der Wiener Staatsoper: Szilvia Vörös verkörpert (anstelle von Margarita Gritskova) die Anna – sie debütierte kürzlich als Flora in La traviata im Haus am Ring, Peter Kellner den Panthée und Lukhanyo Moyake den Hélénus. Als Schatten des Hector stellt sich außerdem Anthony Schneider dem Staatsopernpublikum vor.

Es spielt das Orchester der Wiener Staatsoper, es singen der Chor der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Thomas Lang sowie der Slowakische Philharmonische Chor, es tanzt das Wiener Staatsballett.

Les Troyens „live at home“ sowe im Radio
Radio Ö1 (+ EBU) strahlt Les Troyens am 20. Oktober 2018 ab 19.30 Uhr aus, aufgezeichnet am 14. und 17. Oktober 2018 in der Wiener Staatsoper.
Die Vorstellung am 4. November 2018 (anstelle der Premiere, wie ursprünglich angekündigt) wird via WIENER STAATSOPER live at home weltweit in höchster Ton- und Bildqualität übertragen.


Kurzinhalt


Das trojanische Volk freut sich, nach langen Jahren der Belagerung, über den unerwarteten Abzug der Griechen. Das zurückgelassene riesige Holzpferd wird, entgegen aller Warnungen der Seherin Kassandra, in die Stadt gebracht. Diesem entsteigen in der Nacht griechische Soldaten – die Stadt Troja fällt. Aeneas, von Hecors Schatten angeleitet, gelingt mit einigen Getreuen und dem Schatz Trojas die Flucht. Er soll, so die Vorgabe, in Italien ein neues Reich gründen.

Karthago, von der verwitweten Königin Dido beherrscht, lebt in Wohlstand. Aeneas und seine Krieger treffen – zunächst inkognito – ein. Aeneas hilft den Karthagern im Kampf gegen Rebellen und erobert das Herz der Dido. Doch die Liebe der beiden wird durch die Pflicht der Weiterreise nach Italien gestört. Aeneas, bedrängt von allerlei geisterhaften Aufforderungen, verlässt Dido, die sich mit dem Ausruf „Unsterbliches Rom!“ das Leben nimmt. Die Karthager schwören dem Volk des Aeneas ewigen Hass.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

Dresden, Semperoper, Die Trojaner von Hector Berlioz, IOCO Kritik, 16.10.2017

Oktober 17, 2017 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Ewiger Krieg im Kostümrummel oder Männer gegen Frauen?

Les Troyens von Hector Berlioz

Von Guido Müller

Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO

Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO

Die frühere prächtige Hofoper, dann in der DDR wieder wunderschönhergestellte Semperoper im erneuerten Neo-Renaissance-Stil bringt das große, weit über fünf Stunden dauernde Opern-Schmerzenskind  des französischen Komponisten Hector Berlioz Les Troyens zum Beginn der Spielzeit. Noch Richard Strauss war fasziniert von der Instrumentenkunde und Klangfarbenmagie des Franzosen. So passt die große Anforderung an das Orchester, die Sänger und den Chor stellende Grand Opera  ideal an das sächsische Haus großer Strauss-Uraufführungen.

Die Sächsische  Staatskapelle Dresden sollte sich unter dem Dirigat   des ihr vertrauten Amerikaners John Fiore auch ganz dem schönen Klangfarbenrausch dieser Komposition widmen: Berlioz sozusagen mit üppigem Goldrahmen präsentiert. Auch das Staatstheater Nürnberg hat in dieser letzten Spielzeit des künftigen Intendanten der Sächsischen Staatsoper dieses Werk zur Premiere in einer allerdings dreistündigen Schrumpffassung nur drei Tage nach    der Dresdener Premiere angesetzt.

In Dresden inszeniert die viel beschäftigte und von der Kritik stark beachtete  junge Amerikanerin Lydia Steier das opulente Werk mit ihrem bevorzugten römischen Kostümmodisten Gianluca  Falaschi, der prächtige und aufwändige Kostüme im üppigsten Bonbonière-Stil der Pariser Weltausstellungen entworfen hat und mit ihrem Architekten beeindruckender Bühnenbauten Stefan Heyne.

Der deutsche Bühnenbildner hat fantastische Prospekte mit der alten  Semperoper oder einer Mittelmeerlandschaft malen lassen sowie für die Akte drei bis fünf eine Kombination aus Turm zu Babel (Achtung: Mittelmeer-Vielvölkerproblematik der Trojaner-Oper), Globe-Theater als  Holzkonstuktion  (Achtung: Shakesspeare -Verehrung von Berlioz) oder Mini-Tour-Eiffel im Bau mit Schlafnische für flüchige Liebesnächte (herrlich  gesungenes Duett  „Nuit d’ivresse“,  textlich auf Shakespeares Kaufmann von Venedig basierend, der mit warmem Schmelz  singenden Didon  der Christa Mayer und dem lyrischen Enée des Bryan Register).

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster

Das trojanische Pferd wird in Gestalt des Reiterdenkmals des allerdings so gänzlich unmilitaristischen „guten“ König Johanns von Sachsen vor der Semperoper herein gezogen. Sein Sockel dient am Ende der  Oper  der karthagischen Königin Dido als Grab für ihren Freitod.

Aber darauf kommt es historisch gar nicht so genau an, schließlich gab  es zu Lebzeiten von Berlioz ja dauernd Kriege vom französischen Kaiser Napoleon Bonaparte bis zu Kaiser Napoleon III. Dazu ergänzt die   seit  2002 in Berlin lebende Amerikanerin Lydia Steier im Programmheft  im Gespräch mit der Dramaturgin Anna Melcher dann zu dem mit aktualistischer  Anwandlung: „Plötzlich fliegen Drohgebärden  über atomare Waffen durch die Luft, das politische Klima verändert sich bis    vor die Haustür: Trojanische Pferde sollte man nicht aus den Augen lassen.“ So wird zumindest im Kostüm und Klischee die Geschichte noch bis zur stalinistischen Soldateska im zweiten Weltkrieg weiter erzählt.     Und den Bezug zum tagesaktuell in den Nachrichten immer mal wieder  dank Pegida und Opernball auftauchenden Opernplatzes kann der werte Zuschauer für sich je nach Gusto interpretieren.

Nach dem ersten Teil fragte ich mich nun allerdings verblüfft, ob der zunächst bunte Faschingskostümrummel des trojanisch-offenbachiesken Volks und der abschließende bluttriefende Mordexzess der Frauen untereiner rasenden „keuschen“ „Seherin“ Kassandra im englischen hochgeschlossenen Gouvernantenkostüm ernst gemeint ist als Anklage gegen Krieg, Machismo und dauernd amüsiergeile Gesellschaft?

Oder ist dies zu verstehen als eine Parodie auf den gescheiterten Versuch von Hector Berlioz eine Grand Opera  zu komponieren, mit der er bei Jacques Offenbachs Pariser Vorstadtbühne mit dem Versuch einer zu lang geratenen Opéra bouffe durchgefallen ist? Oder beides zugleich?

Die Sänger – wie der für die äußerst anspruchsvolle Rolle des Aeneas zunächst noch zu Spielzeitbeginn angekündigte Gast-Tenor Eric Cutler – haben wohl teilweise schon während der Proben aufgegeben.

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster

Die Ausnahme-Mezzosopranistin Christa Mayer von der Semperoper, die diesen Sommer bei den Richard Wagner Festspielen in Bayreuth als Brangäne aufhorchen ließ, ist ob ihrer stoischen Professionalität zu bewundern, mit sie ihr mitreißendes und tief berührendes Profil der karthagischen Königin Didon durchgezogen hat, da sie die große ihr wie auf den Leib und das Stimmprofil geschneiderte Rolle darstellen wie       exemplarisch singen KANN und WILL. Und dies dazu noch in perfekter französischer Diktion!

Die zunächst auch eher keusch als sinnlich singende amerikanische Sängerin der Cassandre Jennifer Holloway fügt sich im Spiel und Gesang perfekt in das Regiekonzept ein. Sie gewinnt im Schlußtableau des zweiten Aktes noch erheblich an dramatischer Tiefe und stimmlichem Ausdruck.

Das gilt leider nicht durchgehend für den Sänger der überaus schweren  Partie des Enée, der in einer Art Operetten-Offiziersuniform sichtlich ohne Sympathie der Regie agieren muss. Im ersten Teil eher schwach, sucht Bryan  Register, der die Rolle auch an der Oper Frankfurt singt, sich in einer der anspruchsvollsten Tenorpartien des 19. Jahrhunderts zunächst  zu   profilieren, indem er in dieser zweiten Vorstellung seit der   Premiere ab und zu nach unten transponiert singt. Das große Liebesduett mit Christa Mayer gelingt ihm in dieser Vorstellung sehr fein. In seiner großen Schlussszene hat ihn die Regie und die Stimme manchmal etwas in  Stich gelassen. Steier mag sichtlich keine Helden und das trifft seine Stimme.

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster

Kriegsgemetzel zu zeigen hingegen scheint der Regisseurin Spaß  zu machen,  auch wenn es in Berlioz‘ Oper nicht vorkommt. So gerät die berühmte „Chasse royale et Orage“ zum sowohl handwerklich wie historischen Missgriff, obwohl es eine ausführliche detaillierte Anweisung zu einer Pantomime von Berlioz gibt.

Lydia Steier zeigt statt Jagd, Gewittersturm und knisternder Erotik zwar natürlich so halb (!) politisch korrekt keine schwarzen Numider- Afrikaner,wie eigentlich in der bei Berlioz zuvor erwähnten, aber nicht gezeigten Schlacht, sondern musulmanische Krummsäbel-Osmanen mit Bärten à la  IS (sic!) werden durch heroische Russen-Franzosen-Krimkrieger mit Gewehren und Bajonetten abgeschlachtet, während die Posaunen und   Hörner der Staatskapelle effektvoll beleuchtet mit dem begleitenden Festfernchor in den Seitenlogen dazu musizieren.

Laut dem von der Oper Frankfurt zitierten Dramaturgen-Beitrag im  Programmheft wollte Berlioz sich mit seiner Oper, in der Militärterminologie als „Phalanx“ und „Avantgarde“ quasi kompositorisch selber ständig ins kriegerische Feuer stürzen.

Die Musik der Trojaner als ständige Kriegsanführung: ewigen Hass und endlosen Krieg verherrlichend durch über fünf Stunden Oper und Militärkapelle? Oder doch nur ein großer langer Kostümspaß im Stil einer  Operette von Jacques Offenbach?

Männer vergewaltigen, mehr oder weniger ständig betrunken, wie sowjetische Klischee-soldaten (drastisch gut gesungen von Jiri Rajnis und Matthias Henneberg) dauernd –  angezogen (!!!) – Frauen oder berauben sie ihrer Habseligkeiten (historisch-kritische Reminiszenz an die sowjetische Besatzung in Dresden nach 1945 oder doch eher             Krimkrieg oder Lumpenproletariat von Paris?).

Man fragt sich dann nur immer wieder, warum deren operettiger, französisch-russischer Offiziersanführer Aeneas  denn nun ausgerechnet dann nach Italien soll. Irgendwie scheint auch immer malerisch der Vollmond und leuchtet eine Staßenlampe. (Effektvolle und stimmige Lichtregie Fabio Antoci). Eine Spielzeugkanone ziert symbolisch pittoresk das Kriegsidyll.

Statt der Ballette gibt es zur gepflegten Unterhaltung Akrobaten und Seifenblasen- kunststücke für die feine Hofgesellschaft. Man spart an nichts in Dresden, wie schon Berlioz zu Lebzeiten konstatiert hatte: „Seit ich in Deutschland weilte, hatte ich noch nie eine solche Ansammlung von Reichtümern gesehen.“ ( Siehe Programmheft S. 42) Am Ende kommt das Gespenst der aus dem Leben geschiedenen untoten Cassandre-Gouvernante samt totem Familienanhang zurück um sich malerisch zusammen mit ihrer „Freundin“ Didon, die nun plötzlich ein festliches altrussisches Brautgewand (sic!) anlegt, schwesterlich zum erneuten gemeinsamen Freitod zu begeben.

Semperoper / Die Trojaner - hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster

Semperoper / Die Trojaner – hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster

Die Regisseurin verachtet den Opernkomponisten Hector Berlioz und seine Grand opéra wohl noch mehr als die Männer in diesem Werk. Daran vermögen auch nichts zu ändern der sehr nobel und besonders glaubwürdig singende Chorèbe des Baritons Christoph Pohl und der mit besonders schöner fundierter Belcantostimme ausgestattete junge    amerikanische Charakter-Bassbariton Evan Hughes als Narbal, der Liebhaber von Didons Schwester Anna. Sie wird hervorragend  gesungen und gespielt von der jungen polnischen Mezzosopranistin Agnieszka Rehlis im lila Blaustrumpfkostüm, die in dieser Rolle sehr überzeugend an der Semperoper debütiert). Sogar für das fein durch den stimmschönen Tenor Simeon Esper gesungene Heimwehlied des Hylas vermag die Regie sich kaum zu erwärmen.

Die Inszenierung verfolgt ganz offensichtlich vor allem den Zweck, uns tolle, aus dem Vollen schöpfende bunte Kostüme an singenden Menschen vorzuführen, vor allem an einem üppigen und mit sehr  individuellen Portraits gezeichneten Riesenchor. Der eigentliche Hauptakteur dieser Inszenierung sind ja die Trojaner, Griechen und Karthager, überaus packend und präzise gesungen und gespielt vom Sächsischen Staatsopernchor, Sinfoniechor  Dresden, Extrachor und Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden unter der Chorleitung von Jörn Hinnerk  Andresen und für den Kinderchor Claudia Sebastian-Bertsch. Dazu spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden unter John Fiore in gewohnt höchster  Qualität schwelgerisch und verführerisch dauerschön. Nicht nur die mir an dem Abend besonders positiv aufgefallenen vier, oft solistischen Harfen und die Hörner verdienten Extralob.

Alleine dieses Spitzenorchester und der Spitzenchor sowie Christa Mayer als Didon lohnen den Besuch der optisch wie akustisch opulenten Produktion der Semperoper.

Die Trojaner von Hector Berlioz an der Semperoper: Die nächste Vorstellungen am 21.10., 27.10., 3.11.2017.

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Premiere Die Trojaner von Hector Berlioz, 03.10.2017

September 1, 2017 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

 Die Trojaner von Hector Berlioz

Jennifer Holloway, Christa Mayer, Eric Cutler, Christoph Pohl

Mit einem monumentalen Werk, einer betörend farbenreichen Grand opéra von Hector Berlioz eröffnet die Semperoper Dresden am 3. Oktober 2017 ihre Saison 2017/18. Lang hattet es gedauert, bis nach der Uraufführung des zweiten Teils (!) dieses komplexen Werkes im Jahr 1863 der erste Teil auf die Bühne kam – ganze 16 Jahre sollten vergehen, Berlioz erlebte diese Aufführung nicht mehr. Der Komponist betrachtete in seinem Monumentalwerk das gesamte Orchester als ein großes Instrument, als Farbpalette mit immensen Möglichkeiten. Bei der Anlage der Orchesterbesetzung war er kaum zu stoppen und zeichnete mit seinen schier unermesslichen Klangfarben von gesellschaftlichen Umwälzungen, von Zerstörung und brüchigem Frieden – und von der großen Liebe auf der Schlachtbank der Geschichte.

Hector Berlioz Grabstätte in Paris © IOCO

Hector Berlioz Grabstätte in Paris © IOCO

Troja und Karthago – in beiden Städten herrscht trügerischer Friede. Zwei Völker befinden sich nach Belagerung, Krieg und stürmischer Zeit in Erwartung friedlicher Prosperität. In Zerstörung und Niedergang werden beide Völker enden, die deutlichen Vorzeichen ignorierend. Im Zentrum stehen zwei starke Frauenfiguren: Cassandre, die Sehende, die ihre siegesgeblendeten Trojaner vergeblich vor den Gefahren des hölzernen Pferdes warnt und sich nach der Eroberung Trojas durch die Griechen das Leben nimmt, und die karthagische Königin Didon, die über ihre Liebe zu Enée ihr Volk und sich selbst vergisst.

In Dresden wird die US-amerikanische Regisseurin Lydia Steier dieses großdimensionierte Epos über Krieg und Frieden mit seinen klanggewaltigen, 120 singende Menschen starken Chören im Zeichen der Jahrhundert- und Zeitenwende in Szene setzen. Das Bühnenbild entwirft Stefan Heyne, die Kostüme stammen von dem mehrfach ausgezeichneten italienischen Kostümbildner Gianluca Falaschi. Am Dienstag, den 3. Oktober wird die Grand opéra an der Semperoper ihre Premiere erleben. Beginn ist um 16 Uhr. Eine Premierenkostprobe am 26. September um 18 Uhr gibt erste Einblicke in das Werk.

In den Hauptpartien sind Jennifer Holloway als Cassandre, Christa Mayer als Didon, Eric Cutler als Énée und Christoph Pohl als Chorèrbe zu erleben. Es singt der Sächsische Staatsopernchor Dresden, unterstützt vom Sinfoniechor DresdenExtrachor der Sächsischen Staatsoper Dresden und dem Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden. Es spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der musikalischen Leitung von John Fiore.

Die Trojaner von Hector Berlioz:  Premiere 3.10.2017, weitere Vorstellungen 6.10.; 9.10.; 21.10.; 27.10.; 3.11.2017

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

 

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