Köln, Orangerie-Theater, INVASION – Ein Tanz für Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 03.09.2019

September 3, 2019 by  
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Orangerie - Theater Köln © Ingo Hamacher

Orangerie – Theater im Volksgarten, Köln © Ingo Hamacher

Orangerie Theater

INVASION –  Ein Stück Tanz für Jacques Offenbach

Uraufführung am 28.8.2019 im Orangerie-Theater

von Ingo Hamacher

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Mit Ovationen und lang anhaltendem Applaus belohnte das Publikum eine vollumfänglich gelungene Premiere der Kölner Offenbach-GesellschaftINVASION – Ein Stück Tanz für Jacques Offenbach. Mit tiefer Rührung dankte der Choreograf Emanuele Soavi dem begeisterten Publikum, das Lob bedeute ihm sehr viel, zumal diese Premiere auch noch auf seinen Geburtstag falle; worauf das Publikum zu seinen Ehren spontan ein herzliches „Happy Birthday“ anstimmte.

YES WE CANCAN ist das Motto des Jubiläumsjahrs 2019, mit dem seine Heimatstadt Köln den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach, dem „Erfinder der Operette“, mit zahlreichen Veranstaltungen in den Bereichen Musik, Theater, Tanz und Literatur organisiert von der Kölner Offenbach Gesellschaft, feiert.

Höhepunkt der Feiern in Köln und der Region war das Offenbach-Festival PIFF PAFF PUFF im Geburtstagsmonat Juni mit zahlreichen Veranstaltungen, aber auch im zweiten Halbjahr wird noch bis zum Jahresende an vielen Terminen und Veranstaltungsorten die Gelegenheit geboten, sich mit dem Werk des deutsch-französischen Komponisten zu beschäftigen. Eine Veranstaltungsübersicht findet sich unter: www.yeswecancan.koeln

Jacques Offenbach wurde als Jakob Offenbach am 21. Juni 1819 in Köln geboren. Sein Vater, von Beruf Synagogensänger, hieß bei seiner Geburt noch Isaac Juda Eberst und nahm den Namen seiner Geburtsstadt Offenbach an. 1833 übersiedelte Isaac Offenbach mit seinen beiden Söhnen in das Paris des Bürgerkönigs Louis Philippe. Jakob / Jacques nahm, da er das Instrument virtuos beherrschte, nach wenigen Monaten auf dem Konservatorium die Stellung eines Cellisten in der Opéra Comique an. Er komponierte erste Konzerte und kleinere dramatische Werke. 1844 heiratete er Hermine d‘ Alcain und trat zum katholischen Glauben über. Nach zwei Jahren in Köln kehrte Offenbach 1850 nach Paris zurück und wurde Kapellmeister an der Comédie Francaise.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts vollzogen sich in Frankreich große politische Umwälzungen: Drei Jahre nach der Revolution von 1848 unternahm der Neffe von Napoleon I., Louis Napoleon, einen Staatsstreich und machte sich 1852 als Napoleon III. zum Kaiser der Franzosen.

Das sogenannte „Zweite Kaiserreich“ brach an mit seinen Großbanken und den Weltausstellungen (1855 und 1867), den stolzen Kriegen und Expansionen der Nation, dem Rausch, der bis 1870 währte – als der Deutsch-Französische Krieg der Pracht ein Ende setzte und politisch sowohl die Französische Republik (1870) wie das Deutsche Reich (1871) hervorbrachte.

Die knapp zwanzig Jahre des Zweiten Kaiserreichs, in denen Wirtschaft und Künste gewaltig aufblühten, brachten die Ablösung der „Grand Opera“ durch die „Tragedie lyrique“ – und die Geburt der „Operette“. Es bedurfte eines Genies, die Gattung der Operette zu entwickeln, und dieses Genie war Jacques Offenbach. Er hatte die Frechheit und den Witz, eine Epoche satirisch aufs Korn zu nehmen – wie es die englische „Ballad Opera“ einst tat. Die Welt des Zweiten Kaiserreichs gab mit Zynismus alles dem Gelächter preis – auch und gerne sich selbst.

Unter dem Mantel der Persiflage klassischer Werke brachte die französische Operette gnadenlose Zeitkritik, in Witz gekleidete aktuelle Anspielungen hervor. Perfekter Ausdruck dieser neuen musikalischen Form war der zündende, mitreißende, spritzige Cancan.

Nach einer großen Zahl von einaktigen Werken, mit denen sich Offenbach das Oeuvre erschlossen hatte, komponierte er 1858 sein erstes abendfüllendes Werk: Orpheus in der Unterwelt, wofür der 1861 das Band der Ehrenlegion erhielt. Große Erfolge schlossen sich an: Die schöne Helena, 1864; Blaubart, 1866; Pariser Leben, 1866; Die Großherzogin von Gerolstein, 1867, La Perichole, 1868 und Die Prinzessin von Trapezunt, 1869.

Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, wurde Offenbach – gebürtiger Deutscher, seit 1860 naturalisierter Franzose jüdischer Herkunft – von allen Seiten angefeindet. Letztlich glücklos versuchte er sich noch mit verschiedenen Projekten. Offenbach, der 1877 begonnen hatte, an der Oper Hoffmanns Erzählungen zu arbeiten, starb am 5. Oktober 1880 in Paris. Die Uraufführung seines Hoffmann hat er nicht mehr erlebt.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Mit sehr verschiedenen Bezeichnungen wurden die 102 dramatischen Werke Offenbachs anfänglich bezeichnet, bevor sich der allgemeine Begriff der Operette durchsetzte. Eine zündende Rhytmik, eine klare Melodik, eine köstliche Frechheit und eine delikate, pariserische Frivolität kennzeichen seine Werke. Von großen Kollegen wurde er gelobt: so nannte Rossini ihn den “Mozart des Champs-Elysees“, und auch Richard Wagner gesteht ihm eine so leichte Hand wie dem „göttlichen Mozart“ zu.

Aus dem Jahr 1875 stammt die Operette Die Reise auf den Mond, seinerzeit noch als „Opera-feerie“ bezeichnet, mit 4 Akten in 23 Bildern. Jules Vernes Roman Von der Erde zum Mond, 1865, hatte zahlreiche Bühnenbearbeitungen angeregt. Das Sujet der „Reise zum Mond“ lag, wenige Jahre vor den ersten erfolgreichen Flugversuchen, genau im Trend der Zeit. Es war jedoch nicht der einzige Stoff, mit dem sich Offenbach in jenen Wochen beschäftigte. Innerhalb eines halben Monats brachte er drei große Werke zur Uraufführung. Verbürgt ist die Rastlosigkeit des alten Offenbach, wie er in seiner Kutsche von Ort zu Ort eilend an drei Partituren gleichzeitig arbeitete.

Die Kölner Offenbach-Gesellschaft vergab anlässlich des Offenbach-Jahrs 2019 an den Kölner Choreografen Emanuele Soavi den Auftrag zu einem Tanzprojekt inspiriert von Offenbachs Operette Le Voyage dans la lune (1875).

Die Reise zum Mond ist eine abenteuerliche Geschichte über Freundschaften und Vorurteile, über eigene und fremde Welten und wie man daran wächst, diese zu erforschen: Um seinem Neffen Caprice einen großen Traum zu erfüllen, konstruiert Onkel Mikroskop eine Mondrakete und startet ins All. Wider Erwarten trifft die Reisegruppe Lebewesen auf dem Mond und Caprice verliebt sich in die Mondprinzessin Fantasia.

Der Titel „INVASION“ deutet auf das deutlich gewandelte Geschichtsverständnis, das die „Entdeckung Amerikas“ durch Christoph Kolumbus heute aus dem Blickwinkel der autochthonen Bevölkerung als „Europäische Invasion“ begreift und deutet die Reise zum Mond analog als invasiven Akt.

„INVASION“ greift die Themen der Operette auf und fügt sie mit Motiven aus Ofenbachs Werk in einer dem 21. Jahrhundert entsprechenden tänzerisch-musikalischen Formensprache neu zusammen; als einzige Festjahrsproduktion auf tänzerischer Ebene.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Als Ort der Aufführung wurde das Orangerie-Theater im Volksgarten gewählt, ein seit Jahren etabliertes Freies Theaterhaus in der Kölner Südstadt. Nach langjähriger Nutzung als städtische Gärtnerei, wurde das Theater 1990 von einem Künstlerkollektiv gegründet und erhält seit 2007 Konzeptionsförderung seitens der Stadt Köln für sein innovatives Theaterkonzept.

Das Produktionsteam beschreibt sein Vorhaben wie folgt: Am 28. und 29. August lässt Emanuelle Soavi mit sechs Tänzer*innen seines Ensembles im Kölner Orangerie-Theater in seiner Produktion Offenbach-Klänge und Elektronik, zeitgenössischen Tanz und Mode, Vergangenheit und Gegenwart, Kunst und Unterhaltung aufeinandertreffen und eine explosive Reibung erzeugen. Dazu hat er die beiden Cellistinnen Katharina Apel-Hülshoff (Gürzenich-Orchester) und Anja Schröder (Duisburger Philharmoniker) sowie den Soundkünstler Stefan Bohne eingeladen.

Musikalisch werden sie Offenbachs Cello-Duette beisteuern und dessen vitale und in seiner Zeit auch visionäre Kraft mit elektronischen Sounds ins Heute transferieren. Emanuele Soavi über INVASION: Tempo, humorvoller Mut und absolute Zeitgenossenschaft, das ist es, was mich an Offenbachs Werk und Leben besonders interessiert.“

Das Set bildet mit einem Vexierspiel aus Plexiglaspanelen den Rahmen dafür. Vervollständigt wird die manchmal intime, manchmal lustvoll-exaltierte Performance durch die Ausstattung von Heike Engelbert mit Kollektionsteilen von Comme des Garcons zu einem Bühnentanz zwischen Utopie und Realität, der das Leben und das Abenteuer feiert, zwischen Absturz und Abflug, von Opium bis Absinth, wenn die weiße Fee uns im CanCan-Tempo zu Mond bringt.

Zeitgenössisches Tanztheater ist häufiger dafür bekannt eine große Zahl von Fragen aufzuwerfen, als sie zu beantworten. Um so erstaunlicher daher, wie nah Soavi in seiner Tanzproduktion den Ideen der Offenbachschen Operette kommt. Dabei sind es weniger die scherzhaft zitierten falschen Schnurr- und Backenbärte, der Regiestuhl des alten Meisters mit den Initialen J.O. und weitere kleine humorvolle Elemente, die immer wieder für Erheiterung sorgen. Es ist tatsächlich eher der kraftvoll ausdrucksstarke, ans artistische grenzenden Beziehungstanz zwischen den Personen und den Geschlechtern, die den Geist und die Emotionen der Vorlage wiedergeben.

Die ersten Hälfte der Operette, die ganz unter wissenschaftlichen und ingenieurstechnischen Aspekten die Möglichkeit einer Mondreise diskutiert, erleben wir in der Vertanzung des Themas in Form einer männlich dominierten, von Kraft und Bewegungsvielfalt innovativ gestaltete, emotionsgeladene Auseinandersetzung der Männer, teilweise mit hoher sinnlicher Intimität. Leidenschaftlich und erstaunlich präzise gestalten die Tänzerinnen und Tänzer bei ständig wechselnden Tempi der Szenen mit Hilfe der vorerwähnten Plexiglasplatten wechselnde Eindrücke und Bewegungsbilder mit hoher visueller Kraft.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Immer wieder taucht in sehr unterschiedlicher musikalischer Form das Thema des Cancan auf, zu dem ein weißer Trägerrock mit Plastiküberzug das optischen Pendant darstellt, der dann aber natürlich mit frei gestaltenden Bewegungsmustern in heutige, zeitgemäße Formen übersetzt wird.

Nach erfolgreicher Mondlandung erleben wir humorvolle tänzerische Szenen, die uns die Bilder der ersten Mondlandung vor 50 Jahren vor Augen führen und uns erneut teilhaben lassen an dem berühmten kleinen Schritt eines Menschen, der einen großen Schritt für die Menschheit bedeuten sollte.

Die Welt des Mondes, so erfahren wir bei Offenbach, ist der irdischen Welt so diametral entgegengesetzt, dass sie ihr fast schon wieder gleicht. So lebendig das Gefühlsleben auf der Erde war, so emotionsfrei ist das Leben auf dem Mond. Beziehungslose Catwalk-Auftritte, bei denen die Accessoires (große weiße Fächer, kleine weiße Kleidungselemente) nicht über die seelenlose Leere der Gesichter und die fehlende Beziehung zwischen den Tänzern hinwegtäuschen können, führen uns in dieses Leben ein.

Aber auch hier findet sich die positive Auflösung durch das Zueinanderfinden der gemischten Paare, die in leidenschaftlich und fließenden Bewegungen die erwachende Liebe und die neu gefundenen Gefühle zum Ausdruck bringen.

Großes Lob für alle Verantwortlichen!  Es war – trotz großer Hitze – ein sehr gelungener Abend.

Von Jacques Offenbach verwendete Kompositionen für zwei Celli:  Die Duette Op. 53 No.1 B-Dur (1. Satz Allegro), Op. 53 No.2 a-moll (Allegro-Andante-Allegro), Op. 53 No.3 C-Dur (2. Satz Andante) aus demJahr 1947, Sowie „Les Larmes de Jacqueline“ Op. 76 No.2

—| IOCO Kritik Orangerie Orangerie Theater Köln |—

Wien, Volksoper Wien, Hoffmanns Erzählungen – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 15.06.2018

Juni 16, 2018 by  
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Volksoper Wien

Volksoper Wien © IOCO

Volksoper Wien © IOCO

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN  –  Jacques Offenbach

 Offenbach und Teufel – In ewigem Kampf

Von Viktor Jarosch

Jacques Offenbach © IOCO

Jacques Offenbach in Paris © IOCO

Hoffmanns Erzählungen ist seit 2016 und ab April 2019 wieder auf dem Spielplan der Volksoper Wien. Regisseur und Choreograph Renaud Doucet integriert in Wien in das ohnehin komplexe Handlungsgefüge von Hoffmanns Erzählungen zusätzliche Facetten: Ein vermeintlicher Kampf von Jacques Offenbach mit dem Teufel, der Ausdruck des Bösen und Ursache  damaliger Katastrophen und Theaterbrände ist. Offenbach, so Regisseur Doucet, möchte in dieser Inszenierung den Teufel durch Vollendung seiner Oper Hoffmanns Erzählungen überwinden. So sind in dieser Inszenierung Jacques Offenbach und ein Teufel auf der Bühne stets präsent.

Gioacchino Rossini nannte Jacques Offenbach (1819 – 1888) den „Mozart der Champs-Elysées“; Giacomo Meyerbeer besuchte regelmäßig Offenbachs Theatre des Bouffes Parisiennes. Zahlreiche satirische, modern frivole Operetten französischer Prägung persiflierten meist in Bezügen zur griechischen Antike die Mittelschicht, Neureiche oder Emporkömmlinge. Orpheus in der Unterwelt (1855) oder Die schöne Helena (1864) mit der umworbenen exzentrischen Diva, Hortense Schneider, machten Jacques Offenbach im damaligen französischen Kaiserreich zu einem Star. Der deutsch-französische Krieg 1870-71 und seine nun kritisch gesehene deutsche Herkunft beendeten die Popularität von Jacques Offenbach in Paris; er war nur noch berühmt. Doch schlimmer: In Paris gab es nach 1871 keinen Raum mehr für seine pralle Operetten.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Ensemble © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

So begann Offenbach 1877 aus dem 1851 in Frankreich entstandenen, fantastischen Drama Les Contes D´Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen) eine Oper zu komponieren. Mühsam gestaltete sich die Komposition der Oper. Offenbach war bereits krank, dürr, hinfällig; seinen baldigen Tod ahnend schreibt er Léon Carvalho, Direktor der Opéra-Comique, „Beeilen Sie sich, mein Stück heraus-zubringen; ich habe es eilig und hege nur den einzigen Wunsch, die Premiere zu sehen.“

Die Autoren von Les Contes D´Hoffmann, die Franzosen Jules Barbier und Michel Carré, waren große Bewunderer von E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) und dessen Karikaturen, Erzählungen, Satiren. In ihrem populären Drama Hoffmanns Erzählungen integrieren sie die Person E.T.A. Hoffmann in dessen Erzählungen, u.a. Der Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild, Serapionsbrüder.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Olympia und Hoffmann © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Olympia und Hoffmann © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper  erscheint der lebendige Teufel bereits zur kurzen Ouvertüre; leibhaftig unterbricht er nach wenigen Takten die Musik: „Nein, nicht schon wieder… seit 137 Jahren …. Ich als der Teufel…  nehmen Sie Orpheus in der Unterwelt…. der Offenbach raubt mir den Verstand…“. Der Teufel zündelt hier mit der Partitur von Hoffmanns Erzählungen, dessen Blätter vom Bühnenhimmel regnen. Auch in den folgenden Bildern ist der Teufel sichtbar, so als Doktor Mirakel im Antonia-Akt. Das aufwendige erste Bühnenbild bildet die Ruine eines abgebrannten Theaters, eine Skulptur zeigt Offenbachs Kopf, eine Höllenbar verweist allegorisch auf diesen Kampf des Teufels mit Offenbachs Geist. Offenbach ist als Abbild präsent; der Teufel bleibt in Lindorfs Person beständiger Widersacher Hoffmanns; oder doch Offenbachs?

So ist in dieser Inszenierung der gegen den Teufel/Lindorf kämpfende Hoffmann kein leidend, unglücklicher Liebender, kein von Alkohol geschwächter, sinnender Mensch ist. In ungewohnt modernem Anzug, mit kräftiger Stimme ist Hoffmann, Offenbach ein gestaltender, gelegentlich dirigierender, aufrecht wie selbstbewusst mitten im Leben stehender, kämpfender Mensch. Doch die sprachliche Linie der Inszenierung ist gebrochen: Es wird viel Deutsch gesungen, die vier Bösewichter Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel, Dapertutto – als Teufel; doch – man dankt – die großen Partien der Olympia, Guilietta, Antonia erklingen Französisch und unterstreichen das fantastische der Komposition. So steht Hoffmanns Erzählungen an der Volksoper für eine aufwendige, bilderreiche, komplexe Inszenierung, dessen Handlungsstränge, die Bezüge von Teufel und Offenbach sich nur schwer erschließen. Man folgt der Handlung insoweit etwas verloren, genießt jedoch wunderbare Stimmen im Charme der französischen Sprache, eine reiche Choreographie, herrliche Kostüme. Stete Fragen zu Offenbachs unvollendeter Oper, ist es ein romantisches Nachtstück, ein Künstlerdrama, ist es Offenbachs eigenes Lebenstrauma, bietet diese Inszenierung keine Antwort; sie ist nur eine weitere Interpretation.

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Antonia und Dr. Mirakel © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Volksoper Wien / Hoffmanns Erzählungen hier Antonia und Dr. Mirakel © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Weinkeller  Luther  wird in Wien zur Höllenbar, in welcher Vincent Schirrmacher als Hoffmann nicht betrunken sondern selbstsicher in modernem Einreiher die Unberechenbarkeit seiner ehemaligen Geliebten beklagt; kraftvoll, höhensicher auf Deutsch: „Es war einmal am Hofe von Eisenack“.  Rührung, die im Text liegende, tiefe Melancholie ist nicht spürbar. Josef Wagner beherrscht seine Partien als Teufel respektive der vier Bösewichter ebenfalls stimmlich überzeugend ohne jedoch dämonisch zu wirken; seine Diamantarie verliert auf Deutsch das Beschwörende. Wunderbar und mitreißend dagegen Hoffmanns ehemalige Geliebten, wie Sophia Theodorides als Olympia. Brillierende Koloraturen und wohltimbrierter Mittellage färben  ihre große Arie „Les oiseaux dans la charmille“ (Die Vögel im Laubengesang); „Zusatzbeine“ auf ihrem großen Reifrock, freier Kunstoffbusen sind dabei beständig skurrile wie faszinierendes Spielzeug. Anja-Nina Bahrmann ist eine stimmlich mitnehmende und königlich wirkende Antonia. Ein in Schneemassen gehüllter Wohnraum, Eiszapfen hängen von der Decke. Nach deutsch rauem „Wo ist Antonia?“ erklingt ihr französisches „Lied von der Taube“ in zartem, lyrischem Timbre. Wellenspiegelungen und Tänzerinnen mit Federbüschen und Totenkopfmasken begleiten Kristiane Kaiser als Giulietta zu ihrer sensibel gespielten und hochromantisch gesungenen Barcarole „Belle nuit, ô nuit d’amour„. Gerrit Prießnitz lässt Offenbachs fantastische Oper leuchten, phrasiert dessen tiefe Melancholie, dirigiert sängerfreundlich.

Das Publikum der voll besetzten Volksoper feierte Ensemble und Orchester zur letzten Aufführung von Hoffmanns Erzählungen dieser Spielzeit. Wenn auch der unerwartete  Kampf Jacques OffenbachsTeufel und Sprachwechsel eher verwirrten, die Komposition Offenbachs, das aufwendige Bühnenbild, großartige Choreographie und wunderbare Stimmen  machen den Besuch dieser Produktion  empfehlenswert.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Berlin, Komische Oper, Blaubart von Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 26.03.2018

März 27, 2018 by  
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Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Komische Oper Berlin / Zuschauerraum © Gunnar Geller

Blaubart – Opéra bouffe von Jacques Offenbach

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. Godot kommt auch nicht…

Von Kerstin Schweiger

Blaubart ist nach Anatevka in der Inszenierung von Hausherr Barrie Kosky die zweite Neuproduktion in der Spielzeit 2017/18, mit der die Komische Oper Berlin unter dem Motto »70 Jahre Zukunft Musiktheater« ihren 70. Geburtstag begeht und dabei auch an den Gründer des Hauses, Walter Felsenstein, erinnert. In Felsensteins Inszenierung erlebte Ritter Blaubart zwischen 1963 und 1992 insgesamt 369 Aufführungen und ist damit nach Anatevka die zweiterfolgreichste Produktion in der Geschichte des Hauses.
Intendant Barrie Kosky hatte in einem früheren Interview einmal gesagt, „Komödie ist Knochenarbeit. Komik zu machen, ist nicht lustig. Wenn auf den Proben sechs Wochen lang durchgelacht wird, hat man was falsch gemacht“.

Nichts zu lachen hatte auch das Produktionsteam von Blaubart um Regisseur Stefan Herheim im Vorfeld. Der erste vernehmliche Laut von Blaubart kam rund 10 Tage vor der geplanten Premiere und hieß warten. Diese wurde diese um eine Woche verschoben, „aus technischen Gründen„. Ein Vorgang, der eher selten ist. Intendant Kosky gab Rückendeckung: „Stefan Herheim und sein Team haben ein wundervolles Konzept für diesen Blaubart erarbeitet, an dem sie seit sieben Wochen mit großem Engagement, aber unter massiven Belastungen durch technische Probleme arbeiten. Grund für die Verschiebung sind technische und sicherheitstechnische Probleme in Zusammenhang mit dem Bühnenbild, die den bisherigen Probenprozess behindert haben. Es sind unplanmäßige Umbauten und Modifikationen erforderlich sowie – daraus resultierend – zusätzliche Probenzeit.“

Schon Felsenstein bestand auf langen Probenzeiten. In einem Spiegel-Interview 1965 sagte er: „Je nach Reife und Begabung der Sänger und je nach der Schwierigkeit des Werkes brauche ich für Proben ungefähr die achtzig- bis hundertfünfzigfache Aufführungsdauer, also ungefähr acht Wochen.“

Komische Oper Berlin / Blaubart - hier Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Blaubart © Iko Freese drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / Blaubart – hier Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Blaubart © Iko Freese drama-berlin.de

Doch worum geht`s?
„Es ist kompliziert“, lautet der Beziehungsstatus von Ritter Blaubart. „Frauenprobleme“ überall. Blaubart, der sich für unwiderstehlich hält, seinen Liebschaften aber nur legal nachzugehen bereit ist, hat bereits fünf Frauen geehelicht und – geplant – an den Tod wieder verloren. Ist er einer Gattin überdrüssig, schickt er diese in den Tod und seinen Handlanger Popolani auf die Suche nach einer würdigen Nachfolgerin. Die robuste Bäuerin Boulotte lässt sich von Baubarts Ruf als lustigem Witwer nicht bange machen, eher schon von endloser Langeweile an der Seite Popolanis, der bereits ihre Vorgängerinnen aus eigennützigen Gründen und entgegen Blaubarts Befehl in nicht ganz so ewigen Schlaf versetzt hat. Auch am Königshof ist die Stimmung im Keller. Aufgrund der allumfassenden Blödheit seines Sohnes ist der ebenfalls nicht gerade mit hoher Intelligenz gesegnete König Bobèche zwecks Thronfolgesicherung auf der verzweifelten Suche nach seiner dereinst ausgesetzten Tochter. Die Schäferin Fleurette wird im Prinzessinnen-Casting als hinreichend tochterhaft erkannt, kurzerhand als Hermia akkreditiert und im Königsschloss mit dem Traum-Schwiegersohn Saphir vermählt. König Bobéche hat übrigens auch mehrere Leichen im Keller – von seinem Minister Graf Oscar entsorgte Liebhaber seiner Gattin Königin Clémentine.
In der allseits verzwickten Lage nehmen Boulotte und Hermina das Szepter in die Hand. Angeführt von Boulotte proben Blaubarts wiedererweckte Verflossene den Aufstand!

So schräg, so gut.
Das Baubart-Motiv geht auf ein Märchen von Charles Perrault aus dem 17. Jahrhundert zurück. Vielfach adaptiert in der Literatur (Tieck, Döblin, Friedrich der Große) ist Bela Bartoks Oper Herzog Blaubart Burg wohl die bekannteste Version der mörderischen Geschichte des Ritters Blaubart, der seine Frau auf die Probe stellt, in seiner Abwesenheit darf sie ein verschlossene Kammer in der Burg nicht öffnen. Sie tut es dennoch und findet die Leichen ihrer fünf Vorgängerinnen als Ehefrau. Durch Cleverness und Hilfe gelingt ihr, dem eigenen Tod durch den Ehemann zu entkommen. Ihre Brüder töten den Ritter. Im Gegensatz zu anderen Autoren nutzte Offenbach den Blaubart-Stoff, um ein Phantasiekönigreich als politische Satire aufzubereiten.

Komische Oper Berlin / Blaubart- hier Blaubart und Ensemble © Iko Freese drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / Blaubart- hier Blaubart und Ensemble © Iko Freese drama-berlin.de

Zur Entstehungszeit diente die Maskerade zur gepflegten musikalischen Kaiserschelte. Man lachte mit Offenbach über die eigene erotische und politische Unzulänglichkeit, ein satirischer Kommentar auf die bigotte Moral des zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III.. Gemeinsam mit dem Dirigenten Clemens Flick haben Herheim und sein Dramaturg Alexander Meier-Dörzenbach eine neue deutschsprachige Fassung mit französischem Einschlag erarbeitet, die Musik aus anderen Offenbachiaden und ein Füllhorn von musikalischen Anspielungen aus dem Opernrepertoire von Tosca, über Wagner, bis zur Strauss‘schen Fledermaus hinzufügt, jedoch und vom Original vieles wegnimmt. Z.B. die Ouvertüre, eines der Markenzeichen jedes Offenbach-Werkes.

Hintergrund
Der jüdische deutsche, aus Köln eingewanderte, „Franzose“ Jacques Offenbach hatte nur ein Streben: eine Oper zu schreiben. Stattdessen waren es die Bouffes (komische satirische Revuen, Operetten), die ihn berühmt machen sollten und ihm eine einzigartige Stimme als Komponist und Theaterunternehmer in Paris verschafften. Karl Kraus bezeichnete seine Werke später als „Offenbachiaden“, um deutlich zu machen, dass diese keinem anderen Genre zuzuordnen sei.

Jacques Offenbach Grabstätte in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach Grabstätte in Montmartre © IOCO

1835 begann Offenbach als Cellist an der Opéra-Comique in Paris zu arbeiten. Die Kunstform Opera Comique sah damals im Gegensatz zur Grande Opera Opernaufführungen von Stücken vor, in denen sich Arien und Ensembles mit gesprochenen Zwischentexten abwechselten. Das Gebäude der Opera Comique entstand aus einem Jahrmarktstheater, das Vorläufer dieser Operngattung aufführte. Seine Erfahrungen dort waren vermutlich Inspiration, diese Theaterform aufzugreifen und als Theaterunternehmer führte er ab 1855 „Offenbachiaden“ auf. Diese satirische Musiktheaterstücke mit gesprochenen Dialogen machten das Theater nach seinem Erfolgsstück Orpheus in der Unterwelt 1858 zu einer Art „Flüsterkneipe des Musiktheaters“. Als scharfzüngiger Beobachter und Maitre de Plaisier im französischen zweiten Kaiserreich unter Kaiser Napoleon III. hatte er seinen Platz und einen Weg gefunden, der allgegenwärtigen Zensur ein Schnäppchen zu schlagen. Offenbach karikierte Sitten, Ereignisse und Personen seiner Zeit und hielt der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und konkret Kaiser Napoleon III. den Spiegel vor – ein musikalischer Cartoonist. Er war wohl von der Zensur bewusst zum musikalischen Ventil für Kritik des Volkes an der aktuellen Regierung zugelassen. Sein Theaterkonzept erlaubte unter dem Deckmantel der Parodie politische und erotische Freizügigkeit in Zeiten strenger Zensur.

Walter Felsensteins noch heute gültige Definition für Musiktheaterregie stimmt mit Offenbachiaden wie Blaubart zu 100 Prozent überein: „Eine Geschichte sollte mit den besonderen Möglichkeiten der Musik auf dem Theater erzählt werden, nicht als Selbstzweck, sondern als ein künstlerisches Abbild der Welt, bezogen auf ein Publikum, das sich in dieser Geschichte wiederfinden kann, in seinen Konflikten, Leidenschaften, Niederlagen und Hoffnungen“ (Quelle: Berliner Zeitung)

Über 50 Jahre nach der legendären Inszenierung von Walter Felsenstein legt der norwegische Regisseur Stefan Herheim, der zuletzt mit seinem verrückt-opulenten Xerxes das Berliner Publikum an der Komischen Oper begeisterte, nun seine Version von Offenbachs Opéra Bouffe vor.

Herheim und sein Produktionsteam schaffen eine Rahmenhandlung und damit eine Distanz zur legendären Vorgängerproduktion. So ist genug Raum für einen unvoreingenommenen Blick und gleichzeitig ein plausibler Zugang zur märchenhaften Handlung. Ein ewig schwankender Theaterkarren, hoch beladen mit Skeletten, macht Halt. Bewegt wird er von zwei ebenso schwankenden Beckett‘schen Gestalten, die sich, im ständigen Disput miteinander, als Gevatter Tod und Liebesbote Cupido entpuppen. Ein „Lucky-Pozzo-Paar des Welttheaters“. So verhandeln sie im Spannungsfeld von Liebe und Tod mit Goethes Faust-Worten „und jedermann erwartet sich ein Fest“ um die Vormacht. Dazwischen entfaltet auf der Karrenbühne eine Commedia dell‘Arte Truppe ihr derbes Spiel mit einer Personnage, aus dem Gefolge Blaubarts und dem Hofstaat des morbiden Königs Bobèche. Eine Brecht‘sche Brechung. Überhaupt will der Regisseur dem Stück die Leichtigkeit hin und wieder austreiben. „Wir sind doch hier keine Spaßmacher“, schimpft der Tod und sorgt sich um die Fortentwicklung des Theaters, bricht eine Lanze für ein lebendiges Theater, das die Welt verändern kann und richtet sich gegen eine Durchhalte-Unterhaltung bei Bombenstimmung. Offenbach und seinem satirischen-Musiktheater tut er damit Unrecht.

Vom musikalischen Erfindungsgeist her bleibt das Stück hinter Offenbachs Coupletkracher-reichen Vorgängerstücken Orpheus in der Unterwelt und Die schöne Helena zurück. Die Neueinrichtung schwankt überdies unentschieden zwischen Umgangssprache und überspitzt eingesetzten Operettentexten, fast übervoll mit einer mit musikalischen Füllstücken aus anderen Werke und musikalischen Zitaten angereicherten Partitur. Das zündet nicht durchgehend. Auch die verzwickte Handlung kommt nur langsam ins Spiel. Wie in Becketts Warten auf Godot spielt hier Zeit keine Rolle.

Zwei Ebenen macht Stefan Herheim in seiner Version aus: eine übergeordnete theatralische, in der Liebe und Tod als personifizierte Figuren der Commedia dell Arte verhandeln, was Liebe darf und Doppelmoral entlarvt. Und eine politische Dimension, die zwischen dem märchenhaften Rittertum eines Blaubarts aufscheint, mit der Ummünzung des französischen zweiten Kaiserreichs auf ein preußisch-deutsches Kaiserreich, das nur wenige Jahre nach der Uraufführung in den 1870er Jahren zum bitteren Feind Frankreichs wurde und sich mithilfe der daraufhin geleisteten Reparationen Frankreichs selbst mächtiger denn je aufstellte. Die großartigen Kostüme des Hofstaats (Esther Bialas) sind folgerichtig in grauer Gründerzeitmode mit Applikationen aus dem Rittertum von Mittelalter und Renaissance versetzt.

Herheim hat viele wunderbare Mitstreiter auf der Bühne und in seinem Produktionsteam.
Heraus ragen Philipp Meierhöfer als verlängerter Arm des Königs mit unglaublicher Stil- und Spielsicherheit und Johannes Dunz, ein Spieltenor mit Esprit und einer großen Portion Selbstironie als Schäfer/Prinz. Bei beiden funkelt Offenbachs Bühnensprache am Publikumsverführerischsten.

Wolfgang Ablinger-Sperrhacke in der Titelpartie ist ein tödlicher Freund der Frauen und ein Ritter von der vertrottelten Gestalt, mit kernigem Tenor und klarer Diktion, der mit dem kapriziösen Couplet-Sprinter Offenbach jedoch nicht immer mithält. König Bobèche ist in Kostüm und Maske eine komplette Referenz an Felsensteins Original. Felsenstein bediente in seiner kurz nach dem Mauerbau entstandener Inszenierung (1963) mit dem schmächtigen König mit kleiner Krone und einer großen Weltkugel bereits eine offenbachreife Form, um herrschende Verhältnisse (in der damaligen DDR) satirisch zu kommentieren. Bobèche wohnt jetzt im Berliner Stadtschloss. Eine der stärksten Szenen ist die in Dialog gegossene Debatte über das Kreuz auf der Schlosskuppel. „Dieses Haus hat kein Kupfer mehr, dafür umso mehr Felsenstein“.

Doch Peter Renz findet, gekleidet wie sein Vorgänger Werner Enders, aus diesem Original nicht so recht ins Heute, bleibt mehr Commedia dell’Arte-Typus denn gefährlicher Potentat ohne Verstand. Tom Erik Lie als Alchemist Popolani und Königin Clémentine (Christiane Oertel) als durchtrieben-desillusionierte erste Dame des Landes werten den Hofstaat komödiantisch auf. Fleurette/Hermia (Vera-Lotte Böcker) und Boulotte („eine Carmen der Wanderbühne“, Sarah Ferede) heizen in den Commedia-Szenen den Operetten-Vulkan mächtig auf. Die Sprechrollen von Gevatter Tod und Cupido übernehmen Wolfgang Häntsch und Rüdiger Frank, der als Cupido anrührend und nachdenklich ist.

Komische Oper Berlin / Blaubart - hier Blaubart mit Prinz Saphir und Chor © Iko Freese drama-berlin.de

Komische Oper Berlin / Blaubart – hier Blaubart mit Prinz Saphir und Chor © Iko Freese drama-berlin.de

Christof Hetzer (Bühne) schafft u.a. mit der variablen magischen Wanderbühne „Variété Vanitas“ einen beeindrucken Erzählrahmen, im großartigen Lichtdesign Andreas Hofer (Phoenix) macht dies eine große Qualität des Abends aus. Chor und Orchester präsentieren sich mit riesiger Spielfreude in Bestform. Das Dirigat des offensichtlich erst später in die Produktion eingestiegenen Stefan Soltész differenziert fein die Offenbach-typischen raffinierten Rhythmen, die mit immer neuen Melodien phantastische Verbindungen eingehen und musikalisch Tempo ins Spiel bringen.

Die Komische Oper will in der Jubiläumssaison die Vergangenheit feiern und gleichzeitig dieses Feuer in die Gegenwart tragen. Doch der Funke springt nicht ganz über. Herheim nimmt sich für diesen Blaubart viel Zeit. Er meint es zu gut und „schont Prospekte nicht und nicht Maschinen“, doch der latente Bezug zu Goethes Faust hat kürzlich erst an anderer Stelle – nicht weit entfernt – zur Oper nicht so sehr getaugt.

Der Abend macht an vielen Stellen Vergnügen; doch das liegt im Detail, nicht im großen Bogen. Der Zuschauer ist gefordert, um dieses Vergnügen voll ausschöpfen zu können.
Über den liebevoll zusammen getragenen Details und einem Zuviel an Assoziationen geht der Satire ein bisschen „die Puste aus“. Spannend und witzig wird es immer dann, wenn das kurz und knackig bleibt, wie beim Aufbauchor der Höflinge, die aus Würfelquadern das Stadtschloss wieder aufbauen sollen, was erst nach vielen Versuchen mit falschen Ergebnissen gelingt. Oder wenn Blaubarts tot geglaubte Ehefrauenriege die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ zu ihrem Schlachtruf gegen Blaubart und das Patriarchat machen. Das spiegelt auf intelligente Weise den Esprit einer echten Offenbachiade. Und schließlich ganz zum Schluss, wenn der Kreis der Rahmenhandlung sich schließt, ertönt als Referenz an den Komponisten Offenbach, der als Cellist begann, ein Cellosolo.

– Zustimmender Applaus nach einem langen Abend –

Stefan Herheim, designierter Intendant des Theaters an der Wien, hat Offenbachs Blaubart mit überbordenden Perspektiven seine Referenz erwiesen. Auf den Ring des Nibelungen des Götz-Friedrich-Schülers ab 2020 an der Deutschen Oper Berlin, darf man gespannt sein.


Blaubart an der Komischen  Oper Berlin; weitere Termine: 24., 31. März; 22., 27. Apr; 10., 13., 20., 25. Mai;10. Jun; 1., 13. Jul 2018

—| IOCO Kritik Komische Oper Berlin |—

Jacques Offenbach: 150 Jahre La Vie Parisienne, IOCO Aktuell, 23.04.2016

März 22, 2016 by  
Filed under IOCO Aktuell, Portraits

Portrait Jacques Offenbach © A. Schneider

Portrait Jacques Offenbach © A. Schneider

 

Jacques Offenbach: 150 Jahre „Pariser Leben“

LA VIE PARISIENNE:  Uraufgeführt 1866 im Palais Royal, Paris

Mit dem Namen JACQUES OFFENBACH (1819 – 1880) verbindet sich hierzulande zumeist dessen Oper HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN. Ganz gleich ob Staatsoper oder Stadttheater, jedes Haus wird diese Opéra Fantastique irgendwann einmal im Repertoire gehabt oder sie gerade im Programm haben. Ihre Entstehungsgeschichte verläuft leider ähnlich unselig, wie hernach ihre Seinsgeschichte bis in die Gegenwart hinein. Von Albrecht  Schneider.

War doch JACQUES OFFENBACH bereits während der Arbeit an der Oper HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN schwer krank und starb vor deren Ende. Das hinterlassene Konvolut fertiger, halbfertiger, skizzierter und teilweise in alle Welt zerstreuter Notenblätter lieferte keine eindeutigen Hinweise, wie das endgültige Gesicht des Werks hätte aussehen sollen. Es spricht für die Genialität des Maestro Offenbach und bestätigt den Rang seiner – gemäß einer französischen Vorstellung deutscher Romantik – Opéra Fantastique, dass sie trotz einer fragmentarischen, zudem durch willkürliche Beschneidungen und durch Einschübe entstellten Partitur, einen bis heute andauernden Triumphzug rund um den Globus anzutreten vermochte.

Es bedurfte nicht weniger der Meisterschaft ihres Komponisten, um seine kleine und große Taten der Musik, über welche leider die Heldentat der LES CONTES D’HOFFMANN einen Schatten wirft, zu bewirken. Heutzutage sind seine unzähligen „kleineren“, zumeist einaktigen Stücke wie z.B. MESDAMES DE LA HALLES, FORTUNIOS LIED, BA-TA-CLAN, VERLOBUNG BEI DER LATERNE – alles wahre Pretiosen an Esprit, Charme und Musik – den Deutschen weitgehend fremd, ausgenommen die mehrteiligen, wie vor allem ORPHEUS IN DER UNTERWELT und DIE SCHÖNE HELENA. Dagegen dürften DIE GROSSHERZOGIN VON GEROLSTEIN wie PARISER LEBEN  vorzugsweise von Tonträgern aus die kleinen oder großen Ohren der Musikliebhaber erreichen.  Aus Anlass der Uraufführung von LA VIE PARISIENNE  im Jahr 1868, vor hundertfünfzig Jahren, soll diesem Glanzstück in Offenbachs Schaffenskatalog Erwähnung getan und es dabei gewürdigt werden.

Paris / Grabmal Heinrich Heine in Montmartre © IOCO

Paris / Grabmal Heinrich Heine in Montmartre © IOCO

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts zog es Heinrich Heine, den jüdischen Kaufmannssohn und jungen Dichter, nach Frankreich in der Überzeugung, in Paris ein Jahr nach der Julirevolution von 1830 deren Folgen kritischst beobachten zu müssen.
Bald darauf brach auch sein um etliches jüngerer Landsmann, der 1819 geborene und gerade einmal vierzehn Jahre alte jüdische Kantorensohn Jakob Offenbach dorthin auf. Freilich in ganz anderer Absicht, nämlich um am Pariser Conservatoire die Ausbildung zum Cellovirtuosen voranzutreiben. Indessen der Ältere der zwei Rhapsoden in Frankreich, in dem die Juden anders als daheim alle Recht innehatten, zu einem genauen Schilderer französischer und zugleich bissigen Kommentator deutscher gesellschaftlicher wie politischer Zustände gedieh, so entwickelte sich der Instrumentalist Jakob aus Köln am Rhein im Laufe der Zeit zu dem Komponisten Jacques Offenbach. Und der begann mittels seiner Satiren, Travestien und Farcen, die im Gewand von Opéras comiques, Operetten und Bouffonerien daherkamen, nach und nach die glänzendste Stadt Europas zu deren Amüsement – im Jargon der Jetztzeit ausgedrückt – musikalisch aufzumischen.
Gewiss war es ihm nicht nur darum zu tun, Adel, Bourgeoisie und Halbwelt einen Ohrenschmaus zu bieten. Nein, der in steter Arbeitswut Librettisten animierende, Noten schreibende, verwaltende, inszenierende und dirigierende knochendürre Mann verstand es nicht minder, mit Beginn von Louis-Napoleons Zweitem Kaiserreich dessen Fasson und Figuren ebenso zur Kenntlichkeit zu parodieren wie zuvor jene des Juste Milieu eines Bürgerkönigs Louis-Philippe.

Während dem Musiker bislang zumeist Stoffe aus der Mythologie, den Märchen oder der Historie zu Vorlagen gedient hatten, so schickte er mit LA VIE PARISIENNE die moderne Metropole Paris samt Bewohnern und Besuchern auf die Bühne. Welch launiges, frivoles und kurioses Theater hier aufgeführt wurde, wie die Musik eine unverschämte Camouflage in Gang brachte und in Bewegung hielt, das vergnügte ein ständig auf neue Reize versessenes Publikum. Ihren Spaß daran hatten sogar Potentaten wie Sultan, Zar, Könige und Prinzen, die anlässlich der Weltausstellung 1867 an die Seine gereist waren.

Grabmal Henry Meilhac in Montmartre © IOCO

Grabmal Henri Meilhac in Montmartre © IOCO

Was nun setzten die Textdichter Ludovic Halévy und Henri Meilhac gemeinsam mit dem Tonsetzter Jacques Offenbach so delikat wie hinreißend in Szene:  Zunächst lassen sie die Herren Gardefeu und Bobinet, ein Duo einheimischer Dandys, an einem Pariser Bahnhof herumlungern, wo die Eisenbahn Touristen zuhauf ausspuckt. Die zwei charmanten Nichtsnutze haben bislang ihr Dasein dem Umgang mit feinen und weniger feinen Damen, überhaupt dem Lustgewinn jeder Qualität gewidmet, und fühlen sich einem derartigen Lebenswandel auch fernerhin fest verpflichtet. Zu dem Zweck nehmen sie sich eines gerade angereisten schwedischen Ehepaars an, deren männlicher Teil, der Baron Gondremarck, auf die ihm empfohlene Starkurtisane der Stadt namens Metella scharf ist, wohingegen die sehr hübsche Baronin auf das gepriesene Pariser Leben überall zu treffen hofft. Gardefeu, recht angetan von der schwedischen Schönen, dient sich mit unkeuschen Gedanken den beiden Touristen als Cicerone an und lädt sie in sein Haus ein, indem er ihnen vorgaukelt, hierbei handele es sich um die Depandance eines Luxushotels. Allerdings bringt der Wunsch des Schweden, an der Hoteltafel, der Table-d’hôte, zu Abend zu speisen, den Hausherren gewaltig in Verlegenheit. Womit das Spiel der Täuschungen, der Maskeraden, der Frivolitäten wie auch der Melancholie endgültig anhebt.

Grabstätt Halévy in Montmartre © IOCO

Grabstätt Halévy in Montmartre © IOCO

Gabrielle und Frick, Handschuhmacherin die eine, Schuhmacher der andere, wegen Lieferungen just zugegen, müssen als Hauptmannswitwe bzw. als ein Major gemeinsam mit ihrem rasch herbeizitierten Freundeskreis die Hotelgäste mimen. Metella erscheint und trifft auf den geilen Baron. Die funkelnagelneue Offizierskopie Frick betont ihre zivilen Vorzüge ähnlich arios wie die synthetische Wittib Gabrielle melodiös ihrem dahingeschiedenen Hauptmann nachseufzt. Zuletzt möchten alle ihren Teufelshunger gestillt haben und schmettern unisono in einem wirbelnden und polternden Dreivierteltakt: »Allons à table.«

Benehmen und Handlungsweisen der Bonvivants, Domestiken, Schwärmer, Hedonisten, Protzer und Liebeslustigen offenbaren sich im Dialog, den Charakter und das Temperament schenkt ihnen die Musik, wie sie ohnehin das PIECE EN 5 ACTES MÊLÉE DE CHANT (Originaltitel) mit Leidenschaft und Sinnlichkeit auflädt.
Ihren Fortgang nimmt die Lustbarkeit am nächsten Tag mit einer Soirée im Hause von Bobinets Tante, Madame de Quimper-Karadec, wo das nordische Aristokratenpaar Gondremack der vornehmen Gesellschaft begegnen sollen. Die freilich formiert sich aus besagter Verwandten vielköpfiger männlicher wie weiblicher Dienerschaft, die sich zu fashionablen, standesgemäßen Personen ausstaffiert. Das Zimmermädchen singt mit den Kollegen ein anrührendes Couplet von der Liebe, die Handschuhmacherin trällert vom graziösen Gang der Pariserinnen, die Konversation erschöpft sich in melodischen Höflichkeitsfloskeln und ebensolchen Diagnosen gegenseitiger Trunkenheit, bis die Gesellschaft entflammt vom Augenblick einen Jubelchor über Spiel und Tanz anstimmt.

Paris / Opera Garnier © IOCO

Paris / Opera Garnier © IOCO

 Ein Geldprotz von Brasilianer lädt am dritten Abend zum Maskenball in den Festsaal des Café Anglais, wo Mimikry und Amüsement sich wiederholen. Sie alle miteinander drehen sich im Kreise, und das nicht allein beim Walzertanzen. Metellas elegisches Lied weiß von der Flüchtigkeit des Genusses und der Leere danach. Eine Gesellschaft feiert sich selbst, eine, der am grauenden Morgen beim Kehraus der Feier deren Geschmack bitter auf der Zunge liegen müsste. Doch der Katzenjammer verschwindet im Furioso der Musik, die bis ins Finale ihren Protagonisten gewogen bleibt. Von denen sieht zum Schluss wohl niemand seine Erwartungen erfüllt: Weder buhlt der Baron erfolgreich um die Kokotte Metella, noch kriegt Gabrielle den brasilianischen Krösus, Bobinet darf weiter halb- wie ganzseidenen Damen Avancen machen und Gardefeu gegenüber erweist sich die Baronin als eine spröde Schöne. Der soziale Aufstieg des Dienstpersonals bricht in der Minute ab, in der es aus dem Kostüm wieder in den Arbeitsanzug zu steigen hat. Aber bedeutungslos aus welchem Stand und von welchem Habitus: keinem und keiner aus diesem Ensemble flirtender und tanzender Komödianten, Schelme und Komparsen wird es ob des Verlusts der künstlichen Paradiese das Herz zerreißen. Schließlich heißt es ja: Voilá la Vie Parisienne“.
Der Trug der Welt spiegelt sich im Trug des Theaters, und ihm applaudiert halb Paris. Chapeau, Monsieur Jacques Offenbach und Merci.  Albrecht  Schneider / 23.03.2018

 

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