Dresden, Semperoper, Spitzenranking – 290.000 Besucher, 92% Auslastung, IOCO Aktuell, 17.08.2019

semperoper_neu_2.jpg

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden – Spitzenranking in der Theaterwelt

Semperoper Dresden / Intendant Peter Theiler © Klaus Gigga

Semperoper Dresden / Intendant Peter Theiler © Klaus Gigga

Semperoper Intendant Peter Theiler zieht positives Resümee der Saison 2018/19 Dresden. Mit fast 290.000 Besucherinnen und Besuchern in den Kernbereichen Oper, Ballett und Konzerte verzeichnet die erste Saison unter der neuen Intendanz von Peter Theiler eine voraussichtliche Auslastung von 92 Prozent. Damit behauptet die Semperoper Dresden mit einem Kostendeckungsgrad von über 38 Prozent für das Jahr 2018 weiterhin einen Spitzenplatz im Ranking deutschsprachiger wie internationaler Theater.

300 Vorstellungen im Opernhaus und in Semper Zwei, darunter neun Opernneuproduktionen und drei Ballettpremieren, 33 Repertoirestücke in allen Sparten sowie zahlreiche Extra-Veranstaltung haben zum Gelingen der Saison 2018/19 als ebenso anspruchsvolles wie vielfältiges Musiktheater-Jahr beigetragen. »Die ausgezeichnete Bilanz mit konstant hohen Auslastungszahlen bestätigt uns darin, die Semperoper sowohl in traditionellen als auch ungewohnten Wahrnehmungsgewohnheiten zu verorten, gerade um dieser gesellschaftspolitisch unruhigen Zeit als kultureller Exzellenzbetrieb adäquat begegnen zu können. Unsere Gäste haben unser Angebot angenommen und ermutigen uns durch ihren Zu-spruch, in der kommenden Spielzeit 2019/20 den eingeschlagenen Weg künstlerisch konsequent und dialogbereit weiter zu beschreiten«, so Intendant Peter Theiler.

Moses und AronArnold Schönberg
youtube Trailer Semperoper Dresden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Rückblick auf die Spielzeit 2018/19

Unter dem Motto »Lebendiges Gedächtnis und vitale Gegenwärtigkeit« waren in der zu Ende gehenden Spielzeit aufregende Neuproduktion und große Namen von internationalem Rang zu erleben. Der Anspruch des Premierenzyklus 2018/19, eher ungewohnte künstlerische Positionen und selten gespielte Werke an dem Wagner und Strauss verpflichteten Haus zu präsentieren, fand mit Arnold Schönbergs Moses und Aron seinen Auftakt und schloss mit der gefeierten Premiere von Giacomo Meyerbeers Les Huguenots / Die Hugenotten ab.

Die viel beachteten, teils provokanten Premierenplakatmotive dazu schuf der Berliner Fotograf Andreas Mühe. Neben bedeutenden Regienamen wie unter anderem Calixto Bieito, Mariame Clément, Rolando Villazón und Peter Konwitschny, der nach längere Abwesenheit der Einladung Peter Theilers nach Dresden folgte, bereicherten hochkarätige Sängerinnen und Sänger wie Venera Gimadieva, Anja Harteros, Saioa Hernández, Placído Domingo und Michael Volle die Spielzeit. Die Sächsische Staatskapelle Dresden bewies sowohl in ihren Symphonie-und Sonderkonzerten als auch als Orchester in Oper und Ballett ihre Brillanz in einem weitgefächerten Repertoire. Nicht nur für Strauss-und Wagner-Liebhaber waren die Premiere von Ariadne auf Naxos und die Wiederaufnahme von Der fliegende Holländer unter der Leitung von Chefdirigent Christian Thielemann besondere Höhepunkte. Erstmalig als Erster Gastdirigent stand Omer Meir Wellber in dieser Saison am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Das Semperoper Ballett begeisterte neben seinen klassischen Stücken und der Wiederaufnahme des Erfolgsstücks COW das Publikum mit der Premiere der Choreografie Carmen von Johan Inger. Die außergewöhnliche Leistung der Company honorierte die internationale Tanzwelt mit mehreren Erwähnungen in der Dance Europe Critic’s Choice sowie den Nominierungen für den 2018 National Dance Award und den diesjährigen Helpmann Award. In Semper Zwei wurde im Mai die deutsche Fassung von Philip Venables 4.48 Psychose uraufgeführt. Das Stück nach Sarah Kane in der Übersetzung des Dresdner Dichters Durs Grünbein entwickelte sich seit seiner Premiere zu einem Publikumsmagneten vor ausverkauftem Haus.

Intendant Peter Theiler und Chefdirigent Christian Thielemann im Gespräch
youtube Trailer Semperoper Dresden
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Ausblick auf die Spielzeit 2019/20

Am 31. August 2019 startet die neue Saison der Semperoper Dresden mit dem 1. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden, gefolgt von Mozarts Die Zauberflöte am 5. September 2019 als erste Opernaufführung der neuen Spielzeit. Zur traditionellen »Auftakt!«-Veranstaltung mit Kostproben aus den Premieren-und Repertoirevorstellungen 2019/20 lädt Intendant Peter Theiler am 8. September 2019 ein. Der Premierenreigen2019/20 startet mit Rossinis Il viaggio a Reims/Die Reise nach Reims in der Inszenierung von Laura Scozzi. Unter den weiteren zahlreichen Premieren-Highlights der kommenden Saison sind unter anderem Wagners Die Meistersinger von Nürnberg unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann, Verdis Don Carlo mit Anna Netrebko in ihrem Debüt als Elisabetta di Valois und einem Prolog von Manfred Trohjan (Uraufführung) zu nennen.

In der Sparte Semperoper Ballett ergänzen die Tanzoper Iphigenie auf Tauris in Zusammenarbeit mit der Pina Bausch Foundation und dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch sowie der dreiteilige Ballettabend Vier letzte Lieder mit einer Choreografie zum gleichnamigen Liederzyklus von Richard Strauss den Premierenkalender. In der Spielstätte Semper Zwei ist die Dresdner Erstaufführung von Peter Eötvös Der goldene Drache zu erleben. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »30 Jahre Friedliche Revolution« der Sächsischen Staatstheater findet am 11. Oktober 2019 die Festaufführung von Beethovens »Fidelio« in der Inszenierung nach Christine Mielitz statt.

—| IOCO Aktuell Semperoper Dresden |—

Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2019, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 07.08.2019

August 7, 2019 by  
Filed under Bayreuther Festspiele, Hervorheben, Kritiken, Oper

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

 DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG  –  Richard Wagner

– Das Leben als Kunstwerk –

von Uschi Reifenberg

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Seit ihrer Premiere im Jahr 2017 hat der Regisseur Barrie Kosky seine Meistersinger Inszenierung im Sinne des einzigartigen Bayreuther Werkstattgedanken zu den diesjährigen 108. Wagner Festspielen in exzellenter Weise weiterentwickelt, vertieft und perfektioniert. Sowohl die die ideale Sängerbesetzung als auch die ausgefeilte Regie mit ihrer überbordenden Komik, den zündenden Ideen und überraschenden Wendungen, stoßen in ihrer Ausgewogenheit auf einhelligen Jubel beim Festspielpublikum, und lassen die Meistersinger ganz oben auf der Beliebtheitsskala rangieren.

Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin und für seine Inszenierungen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, nimmt in der Riege der Bayreuther Meistersinger Regisseure eine Ausnahmestellung ein. Seit der Bayreuther Erstaufführung der Oper im Jahr 1888 lag deren Umsetzung auf der Bühne ausschließlich in den Händen der Familie Wagner, zuletzt inszenierte die Festspielleiterin Katharina Wagner 2007 das Werk ihres Urgroßvaters. Barrie Kosky, gebürtiger Australier mit jüdischen Wurzeln, war nun berufen, sich als erster „Außenstehender“ mit diesem ambivalenten und ideologisch „belasteten“ Stoff auseinanderzusetzen.  Dieses ist ihm bekanntlich in höchstem Maße gelungen.

Bayreuth 2018 – Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner
youtube Trailer der Deutsche Grammophon
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Der Regisseur zeigt in seiner vielschichtigen, herrlich komischen, ironischen aber auch  tiefgründigen Deutung die untrennbare Einheit von Leben, Werk und Wirkungsgeschichte Richard Wagners, seine exzessive Selbstinszenierung und -stilisierung, und die teilweise grotesken Spielarten von Wagners hemmungslosem Narzissmus. Wagner ästhetisierte sein Leben in fortdauernder Theatralisierung und Selbsbespiegelung, umgekehrt wurden seine Werke auf allen Ebenen von seinen realen Erfahrungen, Kunstanschauungen und politischen Reflexionen gespeist und durchdrungen.

In den Meistersingern befragt Wagner seine Kunstästhetik und sich selbst, Anteile seiner Persönlichkeit finden sich in den männlichen Protagonisten Sachs und Walther, bei Kosky auch  im Lehrbuben David wieder. Die Figuren mutieren zu Projektionen sowie zu verschiedenen Ausprägungen von Wagners alter ego. Immer wieder identifiziert sich Wagner mit Sachs, unterschreibt als dieser in Briefen, oder bezeichnet Cosima, die er zwei Jahre nach der Uraufführung 1868  heiratet, als  Eva, der weiblichen Hauptrolle in seiner Oper. In Wagner, dem Revolutionär der 1848-er Jahre spiegelt sich Walther von Stolzing, der für Fortschritt und Aufbruch steht. In Hans Sachs findet sich Wagner als künstlerischer Idealtypus der reiferen 1870-er Jahre, Vermittler der Tradition, Vorbild in einer bürgerlichen Gemeinschaft und weiser Überwinder des Wahns nach der persönlichen Tristan Tragödie in seiner Beziehung zu Mathilde Wesendonk.

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  vl knieend Sixtus Beckmesser, Hans Sachs, Veit Pogner, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : vl knieend Sixtus Beckmesser, Hans Sachs, Veit Pogner, Ensemble © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Im Zentrum steht darüberhinaus Nürnberg als ambivalenter Topos deutscher Geschichte und idealisierter Sehnsuchtsort der Romantik. Die Heimatstadt von Albrecht Dürer und Hans Sachs war in der Renaissance eines der bedeutendsten Zentren des Humanismus, der Reformation und der Kunst. Für Wagner sollte dieses idealisierte Nürnberg, „in Deutschlands Mitten“ gelegen und Symbol früherer Macht- und Kunstentfaltung des deutschen Reiches, zu neuer Blüte der Künste auferstehen angesichts einer als verhängnisvoll erlebten Gegenwart. Der zunächst gescheiterte Traum vom deutschen Nationalstaat, vollendete sich mit der Reichsgründung 1871 und sollte sich als Kulturnation definieren („Zerging in Dunst das heil’ge röm’sche Reich, uns bliebe gleich die heil’ge deutsche Kunst“).Die Frage nach einer deutschen Identität beschäftigte Wagner intensiv und schlug sich in zahlreichen Schriften nieder. In seinem Essay „Was ist deutsch“ von 1865 setzte er sich mit Inhalten der deutschen Kunst und Politik auseinander, dessen Thesen direkt in die Meistersinger einflossen. Nürnberg formierte sich für Wagner zum idealen Ort einer deutschen Kulturstätte. Für die Nationalsozialisten lag es auf der Hand, an die alte Nürnberger „Reichsherrlichkeit“ anzuknüpfen und sie installierten dort ihre Reichsparteitage. In der Folge ließen die Alliierten 1945-49 in Nürnberg die Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher stattfinden.

Auch darauf nimmt Kosky im 2. und 3. Akt seiner Inszenierung Bezug:  Schon zu Beginn der Ouvertüre  (ver)führt der Regisseur das Publikum mitten hinein in eine fiktive Szene der Familie Wagner im Haus Wahnfried, wie sie sich möglicherweise zugetragen haben könnte. Dabei verfährt Kosky zwar historisch frei, aber trifft dennoch exakt den Kern und zeigt ein Genrebild, das vor Witz, Pointen, Einfällen und Sachkenntnis nur so strotzt.

Wir schreiben das Jahr 1875, im Saal des Hauses Wahnfried herrscht hektische Betriebsamkeit:  Richard Wagner ist außer Haus, die Hunde Gassi zu führen, seine Gattin Cosima liegt mit einem Migräneanfall im Bett, findet sich aber später doch noch ein. Es wird Hermann Levi erwartet, seines Zeichens GMD in München, jüdischer Abstammung und Uraufführungsdirigent des Parsifal. Ebenso Franz Liszt, Vater, Schwiegervater, und Klavierlegende. Alle Figuren bevölkern nach und nach den Saal, die Bühnenbildnerin Rebecca Ringst hat den Wohnraum Wagners kongenial nachgebildet. Urkomisch ist es, wie Maestro Richard Wagner, stets im Zentrum des Geschehens, alle nach seiner Pfeife tanzen lässt. Wagners ausufernde Eitelkeit wird- bei aller Ironie -dennoch liebevoll vorgeführt, wenn er etwa Franz Liszt seine neusten Duftcreationen unter die Nase reibt, Cosima ihr Lenbach Porträt offeriert, oder sich kindlich über ein neues Paar Schuhe freut.

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Ensemble, Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble, Chor © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Jetzt beginnt ein Spiel im Spiel, Die Meistersinger von Nürnberg, Wagners neue komische Oper kann sogleich von der Familie aufgeführt werden. Kosky nimmt hier Bezug auf Wagners legendäre  Rezitationsvorstellungen, bei denen er alle Rollen seiner neu komponierten Musikdramen selbst rezitierte und vor Publikum aufführte.

Die Rollen sind klar verteilt: Wagners multiple Persönlichkkeit spaltet sich auf in den Schusterpoeten Hans Sachs, den jungen Ritter Walther von Stolzing und den Lehrbuben David, Cosima wird zu Eva, Franz Liszt zu Pogner, das Dienstmädchen zu Magdalena, Hermann Levi wird widerwillig in die Rolle des Stadtschreibers Sixtus Beckmesser gedrängt, gedemütigt und als jüdischer Außenseiter im Laufe der Oper immer weiter stigmatisiert.

Das Wohnzimmer wird zur Kirche, der Choral angestimmt und Levi/Beckmesser zu den christlichen Ritualen genötigt. Da entsteigen dem Konzertflügel weitere kleine Wagner- Doubles, alle identisch gewandet in Gehrock und Samt Barett, ebenso die lustig- aufgekratzte Truppe der Meistersinger in Renaissance Kostümen und Dürer- Locken. Auch Walther von Stolzing als Wagners alter ego, krabbelt aus dem Flügel, eine Anspielung auf Katharina Wagners Meistersinger Inszenierung, in welcher Stolzing ebenfalls dem Flügel entstieg als schönes Sinnbild für die schöpferische Inspiration.

Auch die Lehrbuben, die immer zum richtigen Zeitpunkt für ihre Einsätze die Saaltüre öffnen, tragen historische Kostüme aus dem 16. Jahrhundert, vom Kostümbilder Klaus Bruns farbenfroh und edel gestaltet. Das Renaissance Ideal sickert nun nach Wahnfried hinein und nimmt von seinen Bewohnern Besitz, die sich in inszenatorischer Selbstüberhöhung darstellen.

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Johannes Marin Kraenzle als Sixtus Beckmesser © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Johannes Marin Kraenzle als Sixtus Beckmesser © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die überdrehten Meistersinger sind weniger an einem Kunstdiskurs über Tradition und Fortschritt interessiert als an Nürnberger Lebkuchen und Tee. Barrie Kosky jagt sie – zur Freude des Publikums – temporeich und virtuos von einer Pointe zur nächsten, lässt den Lehrbuben seine Unterweisung Walthers durch Duftproben verschiedener Parfümfläschchen olfaktorisch unterstreichen. Sachs beteiligt sich als einziger nicht am Treiben der Meister-Spassgesellschaft und  registriert nachdenklich die einhellige Ablehnung von Walthers Gesang durch die Meister, vor allem durch Beckmesser. Mit wachsendem Interesse und Erstaunen erkennt er in Walther das große Talent, das es zu fördern und zu unterstützen gilt.

Am Ende des 1. Aktes, wenn Stolzings Meisterweise im allgemeinen Tumult untergeht, gefriert die Szene plötzlich zu einem Standbild und fährt nach hinten. Gleichzeitig senken sich seitlich Wände herab, die als Kulisse des Schwurgerichtssaals des Nürnberger Justizpalastes auszumachen sind. Zurück bleibt ein GI und ein einsamer Sachs im Zeugenstand, eine Vorwegnahme des Schlussbildes. Ratlosigkeit.

Der 2. Akt spielt nun in den Wänden des Nürnberger Schwurgerichtssaals. Zeitsprung. Wir befinden uns 70 Jahre später. Man sieht das ausgeräumte Mobiliar des Wahnfried Saales übereinander gestapelt, ein Hinweis auf dessen teilweise Zerstörung 1945 und die Evakuierung, im Hintergrund leuchtet eine Uhr mondhell. Sachs benutzt dieses Mobiliar als Arbeitsplatz und repariert fröhlich hämmernd Beckmessers Schuhe. Wenn er in seinem Flieder-Monolog über das Erlebte in der Singschul’ reflektiert und sich über seine Empfindungen klar zu werden versucht, verströmt die Szene allerdings wenig „Johannisnacht-Poesie“. Auf Innehalten und Kontemplation wird zugunsten eines auch hier forcierten Aktionismus leider verzichtet.

Walther und Eva verstecken sich hinter Cosimas Bild, das Duell zwischen Sachs und Beckmesser, dessen Ständchen für die angebetete Eva Hans Sachs nach den Regeln der Kunst durchkreuzt, wird zum Rollentausch der beiden Antagonisten. Der Dialog zwischen Sachs und Beckmesser hat längst die argumentative Ebene der Kunstdiskussion verlassen, steigert sich bis ins Wahnhafte, und ruft die gewaltbereiten Nürnberger Bürger auf den Plan. Es entwickelt sich ein nächtlicher Albtraum, die Uhr läuft rückwärts, der Wahn ist in vollem Gange, ein greller Beleuchtungswechsel verändert die Szene (Licht: Frank Evin). Als Projektion eines grotesken Antisemitismus Klischees wird Beckmesser nun eine Judenmaske aufgesetzt, die wohl der Nazi-Hetzschrift „Der Stürmer“ entstammt. Beckmesser wird zum „Tanzjuden“ degradiert, das Grauen gipfelt in einem Pogrom. Die gleiche riesige Judenfratze bläst sich als Ballon bedrohlich über der Szene auf und fällt dann in sich zusammen, nur noch sichtbar sind eine Kippa und ein Judenstern.

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing und Eva © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing und Eva © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Im 3. Akt ist der Schwurgerichtssaal nun detailgetreu eingerichtet, im Hintergrund prangen die Flaggen der vier Siegermächte. Sachs sitzt in der vorderen Reihe an einem gedeckten Tisch und sinniert über den Wahn der vergangenen Nacht. Resigniert rätselt er in seinem Monolog über den Verlust des bürgerlichen Traums eines heilen Nürnberg, aber auch über das Ausbrechen der rohen Gewalt. Er nimmt Abschied von der eigenen Liebeshoffnung und sublimiert diese in seiner Kunst, die nicht nur als persönliches, sondern auch als gesellschaftliches Korrektiv fungiert. Sensibel formt Sachs aus Stolzings noch vagem Morgentraum eine Meisterweise, die sowohl nach Inhalt als auch nach Form den Kunstregeln entspricht und das Potenzial zur Weiterentwicklung in sich trägt. Wagner führt den Diskurs über Genialität und Regelhaftigkeit sozusagen mit sich selbst. Den traumatisierten  Beckmesser quälen die Gespenster der letzten Nacht, aus allen Ecken kriechen kleine Judengestalten hervor, die ihn bedrängen. Eine gemobbte, ausgegrenzte und tragische Figur. Vielleicht eine Projektion von Wagners Feindbildern, seinen antisemitischen Obsessionen und unbewältigten Ängsten.

Die Festwiese wird wieder von historischen Figuren in alten Kostümen bevölkert, die fröhlich die deutsche Geschichte als „Spiel im Spiel“ feiern. Fahnen werden geschwenkt, Wagners und seine Doppelgänger tanzen um Cosimas Bild und das plötzliche „Einfrieren“ des bunten Treibens zu einem riesigen Gemälde im Stil von Pieter Bruegel spielt wieder mit der historischen Ebene. Die Huldigung des Wach-auf-Chors ist nun wieder an den Komponisten Wagner gerichtet, Stolzing fährt aus dem Zeugenstand herauf und triumphiert mit seinem fertigen Preislied, macht sich dann aber nach seinem Sieg mit Eva aus dem Staub. Beckmesser hingegen wird nach seinem misslungenen Vortrag vom Volk entfernt, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, deren höchstes Gut die Kunst und ein tolerantes Miteinander sein will. Was mit ihm geschieht, bleibt offen. Wagner singt nun mit eindringlichen Gesten seine Apologie: „Verachtet mir die Meister nicht“ im Zeugenstand, als Verteidiger seiner selbst und seiner Kunsttheorie. Er wendet sich an das Publikum, ganz allein auf der dunklen Bühne, die nur erhellt ist von einem grellen Spot. Ein beklemmendes Bild.

Zu den Worten: „Ehrt eure deutschen Meister“ hebt sich die Rückhand nach oben, und herein fährt auf einer Tribüne ein Sinfonieorchester mit Chor. Wagner dirigiert seine Oper zu Ende, das letzte Wort hat die Kunst. Freispruch für Richard Wagner?

Das Sängerensemble triumphierte auf der ganzen Linie und sang fast ausnahmslos auf Weltklasse Niveau.  Allen voran der phänomenale Michael Volle als Hans Sachs/Wagner. Er ist gleichsam die Inkarnation des Schusterpoeten und durchdringt die Riesenpartie bis in die feinsten Verästelungen von Wort und Ton. Perfekte Textverständlichkeit, Omnipräsenz und Gestaltungskraft verschmelzen bei ihm zu einem einzigartigen Rollenporträt. Die Variabilität seines Baritons besticht in seiner Durchschlagskraft aber auch in seinen leisen und introvertierten Momenten.

Der Walther von Stolzing/ Wagner  ist -ebenso wie der Lohengrin- Klaus Florian Vogt auf den Leib geschrieben. Sein Ausnahmetenor hat an Strahlkraft und Metall dazugewonnen und verfügt über eine breite Farb-und Ausdrucksskala. Seine Rollengestaltung beeindruckt durch Tiefe und Differenziertheit, wie er etwa in der Schusterstube nach und nach zu seinem eigenen künstlerischen Stil findet, sich an die Ausgestaltung seines Meisterliedes herantastet, ist beispielhaft. Vogt baut die Preislied Bögen wunderbar auf, setzt an mit feinsten Piani und verfügt auch noch auf der Festwiese über genügend Kraftreserven, um als strahlender Sieger aus dem Wettbewerb hervorzugehen. Als besonderer Regieeinfall erhielt Wilhelm Schwinghammer als Nachtwächter Unterstützung: Der ehemalige Hornist Klaus Florian Vogt verschaffte Schwinghammer mit gekonnt geblasenem Nachtwächterhorn die nötige Aufmerksamkeit am Ende des 2. Aktes.

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Eva und Hans Sachs © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2019 / Die Meistersinger von Nürnberg hier Eva und Hans Sachs © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Als  Levi/Beckmesser lieferte Johannes Martin Kränzle eine grandiose Leistung. Diese komplexe Figur wird von Kränzle mit allen denkbaren Facetten ausgestattet, vielschichtig in der Darstellung des gedemütigten Juden, als auch in der Überheblichkeit seiner vermeintlichen Kunstausübung, aber nie karikierend. Eine tragische Gestalt, ein Außenseiter, der in seiner eigenen Regelwelt gefangen bleibt. Kränzle singt ihn mit seinem edlen, weichen Bariton subtil und facettenreich, höhensicher, mit präzisen Koloraturen im Ständchen.

Günther Groissböck gab dem Liszt/ Pogner sonore Noblesse und edle Größe und gestaltete seine Ansprache im 1. Akt mit balsamischer Tiefe, weichen Bögen und perfekter Textverständlichkeit. Seinen väterlichen Gefühlen gab er mit viel Sensibilität und lyrischer Empfindung Ausdruck. Der David von Daniel Behle war ein idealer Lehrbube. Sein beweglicher, tragfähiger und koloratursicherer Tenor umschiffte mühelos alle Klippen der Meisterweisen und strahlte in schwärmerischer Emphase als junger Liebhaber.

Emily Magee in den Rollen von Cosima/Eva zeigte sich einerseits exaltiert und charmant als auch kindlich-kapriziös und selbstbewusst. Sie wartete mit silbernen Spitzentönen auf, ließ im Duett mit Sachs im 2. Akt keine Zweifel an ihrem starken Willen, lediglich das dramatische Aufblühen ihrer  Ansprache an Sachs im 3. Akt geriet etwas blass. Als Magdalena mit viel Ausstrahlung beeindruckte Wiebke Lehmkuhl und entfaltete ihren voluminösen und tragfähigen Mezzo mit samtiger Tiefe und vorbildlicher Diktion. Wilhelm Schwinghammer sorgte als Nachtwächter mit baritonaler Durchschlagskraft und perfekter Textverständlichkeit für Ruhe und Ordnung.

Daniel Schmutzhard sang die Koloraturen der Tabulatur in seiner Rolle als Pogner bestechend klar und gab dem Meister Autorität und Profil, ebenso hervorragend in Spiel und Stimme die übrige Meisterriege: Tansel Akzeybek, Armin Kolarczyk, Paul Kaufmann, Christopher Kaplan, Stefan Heibach, Ralf Lukas, Andreas Hörl und Timo Riihonen.  Nicht zu vergessen Ruth-Alice Marino an der Beckmesser – Harfe sowie die quirligen und differenziert singenden Lehrbuben.

In den Meistersingern wird dem Chor eine gewichtige Rolle zugewiesen. Das Volk als Entscheidungsträger bei einem Wettbewerb vergibt sozusagen den Publikumspreis. Der einzigartige Klangkörper unter der Leitung von Eberhard Friedrich bewies wieder einmal, dass er zu den Spitzenchören weltweit zählt.

Der Dirigent Philipp Jordan setzte ganz auf Leichtigkeit und straffe Tempi. Das Vorspiel kam ohne Pathos aus mit fein musizierten Holzbläsersoli und samtenem Streicherklang. Es muss kein „Stahlbad in C-Dur“ werden, aber mehr Blechbläserbrillanz und Strahlkraft hätte man sich auf der Festwiese gewünscht, ebenso etwas mehr kontrapunktische Transparenz. Einige Zäsuren wurden stark ausgedehnt, was dem großen Bogen bisweilen abträglich war.

Eine großer, denkwürdiger Opernabend bei den Bayreuther Festspielen!  Der frenetische Schlussapplaus ließ das Festspielhaus erbeben, grenzenloser Jubel für die Protagonisten, Chor, Dirigent und Orchester.

Die Meistersinger von Nürnberg,  Bayreuth:  besprochene Vorstellung:  31.Juli 2019

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Berlin, Sopranistin Barbara Krieger im Gespräch, IOCO Interview, 04.08.2019

August 5, 2019 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Interview, Konzert, Oper

Barbara Krieger - Sopranistin © Ildiko Kürty

Barbara Krieger – Sopranistin © Ildiko Kürty

Barbara Krieger

Barbara Krieger – Sopranistin 

im Gespräch mit IOCO / Michael Stange:  Gesang, Interpretation, Freude an der Musik, Organisation von Kulturevents

Barbara Krieger, in Wiesbaden geboren und aufgewachsen, ist eine charmante, leidenschaftliche, kluge und zugewandte Künstlerin. Fulminant bewältigt sie italienisches und deutsches Repertoire mit Rollen wie Leonore (Fidelio) Aida, Amelia (Maskenball) Salome, Arabella und Isolde. Hinzu kommt ein umfangreiches Konzert- und Liedrepertoire. Ferner organisiert sie Konzerte, engagiert sich in karitativen Projekten und ist eine profunde Musikkennerin. Breite Medienaufmerksamkeit errang sie unter anderem durch eine CD-Veröffentlichung von Werken gefallener Komponisten des 1. Weltkrieges. In Liedern des englischen Komponisten Cecil Coles überzeugte sie mit lyrischem Klang und inniger Interpretation. Ein großes Ereignis war im vergangenen Jahr ihre Isolde, in einer konzertanten Aufführung des 2. Aktes in Bukarest mit Marius Vlad und Aura Twarowska unter der Leitung Julien Salemkours; ihre Stimme verströmte in der Rundfunkübertragung  unglaubliche Ruhe und Wärme verströmte. Barbara Krieger nahm die Höhen der Begrüßungsszene mit leuchtendem, strahlendem und voluminösem Klang. In allen dramatischen Momenten ruhte die an sich lyrische Stimme in sich. Klangschönheit paarte sich mit brennender Intensität. Barbara Krieger kehrt auch nach ihren dramatischen Ausflügen selbstverständlich in das Konzertrepertoire zurück. So sang sie im Berliner Dom jüngst eine umjubelte Mozart c-Moll Messe.

Im Gespräch  mit IOCO offenbarte Barbara Krieger  ihre bisherige Karriere und künftige Pläne.

  1. Was waren ihre ersten Berührungspunkte mit Musik in der Kindheit und welche musikalischen Erfahrungen haben Sie als Jugendliche gesammelt?

BK: Mein Vater stammt aus einer sehr musikalischen Familie. Obwohl er kein Berufsmusiker ist, spielt er fünf Instrumente. Als kleines Kind hat er gemeinsam mit mir häufig die Zauberflöte für Kinder unter Karl Böhm gehört. Als ich bei meinem ersten Opernbesuch in der Zauberflöte in Wiesbaden die Arie der Königin der Nacht hörte, bin ich dann peinlicherweise aufgesprungen und habe mitgesungen (ein frühes, peinliches Rollendebüt). Mein Musiklehrer im Gymnasium war auch Kantor in unserer Kantorei. Dort habe ich viel in Messen und Oratorien gesungen, was mir einen Einblick in die Musik der Renaissance bis hin zur Romantik gegeben hat. In der 5. Klasse haben wir die Meistersinger von Nürnberg durchgenommen mit allen Themen und Motiven. Gekrönt wurde das mit einem Opernbesuch und seitdem war mir klar, dass ich Sängerin werden will.

Barbara Krieger - Sopranistin © Chrisian Fritsch

Barbara Krieger – Sopranistin © Chrisian Fritsch

  1. Vor dem Gesangsstudium haben Sie Germanistik, Anglistik und Musikwissenschaften studiert. Welchen Einfluss hatte das für Sie, wie haben Sie das Studium und erste Schritte in den Beruf erlebt und was hat sich im Karriereverlauf geändert?

BK: Natürlich sagen alle Eltern erst einmal, man müsse etwas vernünftiges Lernen. Das habe ich dann auch gemacht. Mir war aber immer klar, dass ich danach Sängerin werden wollte. Beworben hatte ich mich für das Studium in Paris, Wien und Salzburg und bekam auch von überall Zusagen. Nach meinem ersten Studium fühlte ich mich mit meinen 22 Jahren steinalt, so dass ich mich entschied, nach Salzburg zu gehen. Grund war, dass ich davon ausging, dass dort um 7 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt würden und ich mich dadurch auf das Studium konzentrieren könne und nicht von einer Stadt mit ihren mannigfaltigen Angeboten abgelenkt würde. Mein Gesangsprofessor war Bariton KS Rudolf Knoll, ein sehr guter Lehrer. Für die Vorbereitung auf die Praxis waren die stimmliche Ausbildung und die übrigen Komponente wie Darstellung und derartige Fächer eine gute Grundlage.

Gewünscht hätte ich mir rückblickend allerdings einen größeren musiktheoretischen Teil, weil mir das Wissen um Struktur und Musiktheorie die Vorbereitung auf die Musik und die Rollen ungemein erleichtert. Das gilt übrigens nicht nur für Sänger. Mein Sohn, zum Beispiel, hat großes Talent für Musik. In der Schule wurde ihm aber nicht einmal vermittelt, was ein Sonatenhauptsatz ist. Gerade die Grundlagen über Werke klassischer Musik und beispielweise die Kenntnis von Liederzyklen wie Schöne Müllerin oder der Winterreise und den theoretischen Aufbau finde ich nicht nur musikalisch, sondern auch sprachgeschichtlich eminent wichtig. Wenn man als Kind diesen Zugang zu den Wurzeln der klassischen Literatur und Musik nicht bekommt, dann wird es schwierig, sich später mit der sogenannten ernsten Musik zu identifizieren und hinein zu finden. Konzerthörer, die wissen, dass beispielsweise in der Exposition das thematische Material vorgestellt wird, können das Wechselspiel der Haupt- und Seitenthemen viel besser verfolgen. Die Konzerterfahrungen können so anhand bekannter Muster besser miterlebt und intensiver genossen werden. Diese Grundlagen kommen mir im heutigen Lehrplan zu kurz.

Nach dem Studium wollte ich dann in die Welt hinaus. Mir schien sinnvoll, mich bei einem Gesangswettbewerb in Mailand, dem renommierten AS.LI.CO. Gesangswettbewerb der Mailänder Scala, anzumelden. Mir war klar, dass die Konkurrenz im italienischen Fach zu groß war und um mich von den Mitbewerberinnen abzusetzen. Deshalb habe ich mich auf Strauss und Wagner konzentriert und dafür einen Preis erhalten. In Folge dessen wurde ich an die Wiener Staatsoper engagiert, was eine große Erfahrung war, weil ich mit phantastischen Kolleginnen wie zum Beispiel Hildegard Behrens oder Rolando Panerai auf der Bühne stand.

Natürlich passieren jungen Sängern die seltsamsten Dinge. Als ich mit 27 für Aida vorsang, bot man mir Elektra an. Das ist selbstverständlich Selbstmord, weil man bei derartigen Experimenten froh sein, kann, wenn man mit 30 Jahren überhaupt noch sprechen kann.

Eine weitere wichtige Erfahrung schon zu Beginn des Studiums war auch, was schief gehen kann und wie wichtig Umsicht und gute Vorbereitung sind. Im ersten Semester war ich für Mozarts C-Dur Messe engagiert und es fand vor dem Konzert nur eine kurze Probe statt. Dort stellte ich dann fest, dass ich die falsche C-Dur Messe gelernt hatte. Das führte natürlich zu einem jämmerlichen Auftritt. Seitdem bin ich immer übervorbereitet und lege großen Wert auf die Rückversicherung durch beispielsweise Werknummern. Ich glaube auch, dass stimmliche Sicherheit und eine intensive Beschäftigung mit und Vorbereitung auf das Werk Grundlage für eine inwendige Gestaltung sind. Zudem bin ich dadurch weitgehend von Lampenfieber verschont, weil ich vor Auftritten durch die Vertrautheit mit der Rolle nicht unsicher bin.

Heute ist eine extrem gute Vorbereitung für die Karriere noch wichtiger. Die Zeiten, in denen Studium und die Fortentwicklung der Partien noch in den Proben stattfanden, sind nach meinem Eindruck wegen den immer knapperen Finanzmitteln vorbei. Bei meiner ersten Salome begann die Probe damit, dass wir gemeinsam mit dem Regisseur den Text der Oper aus einem lasen und uns dann über 8 Wochen das Werk aneigneten. Heute sind wegen des knappen Budgets viel weniger Proben möglich, so dass Sänger und Orchester extrem perfekt vorbereitet sein müssen.

Mir kommt das entgegen, da ich bei Proben häufig ungeduldig bin aber gerade für junge Kolleginnen und Kollegen wäre eine Unterstützung bei Rollenstudium während der Probenzeiten sehr hilfreich für ihre Entwicklung.

Berliner Dom  / hier sang Barbara Krieger Mozarts c-Moll Messe © IOCO

Berliner Dom / hier sang Barbara Krieger Mozarts c-Moll Messe © IOCO

  1. Sowohl im letzten Berliner Konzert mit Mozarts c-Moll Messe als auch in Ihrer Bukarester Isolde wurden Sie für Ihr silbernes, jugendliches Timbre, ihre solide Tiefe, die runde Mittellage und Ihre sicheren Höhen gelobt. Sie verfügen über eine sehr runde ausgeglichene und in allen Registern ansprechende Stimme, die in ihrer technischen Beherrschung an große Sängerinnen der Vergangenheit erinnert. Wie haben Sie das erreicht, hören Sie z. B. alte Platten, wie entwickeln Sie sich weiter und wie haben Sie zum Beispiel die Isolde studiert?

BK: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Der Gesangscoach! Als etwas erfahrenerer Sänger weiß man sofort, welcher Coach passt und welcher eher nicht. Und das sowohl bei Gesangslehrern, als auch bei Korrepetitoren. Für mich ist das Arbeiten mit Reiner Goldberg perfekt. Nach seiner großen Tenorkarriere ist er heute noch als Lehrer tätig und ist ein begnadeter und liebevoller Pädagoge. Seine technischen Tipps und das Auflockern und Entspannen der Stimme selbst in den kleinsten Pausen und seine übrigen Hinweise haben meine Entwicklung quasi beflügelt. Natürlich lernt man schon früh auf der Atemsäule zu singen und andere technische Grundlagen, aber daran muss man ständig arbeiten und sich fortentwickeln. Deshalb bin ich über die Begegnung mit ihm und seinen Unterricht sehr glücklich. Außerdem verstehen wir uns auch auf menschlicher Ebene sehr gut, lachen viel miteinander und nehmen das Leben nicht zu ernst.

Meine Rollen habe ich immer gut vorbereitet und bin seit den Verwirrungen bei Mozarts C-Dur Messe noch vorsichtiger geworden. Das hat den Vorteil, dass die Rollen tief sitzen und haften bleiben. Salome habe ich länger nicht gesungen, aber als ich vor kurzem in einem Konzert den Schlussgesang sang, war die Rolle sofort wieder präsent. Ich bin lieber übervorbereitet, als etwas dem Zufall zu überlassen und auf der Bühne die Nerven zu verlieren.

Letztes Jahr kam eine Anfrage für eine Isolde in Venezuela. Daraufhin habe ich mich sofort an das Rollenstudium gemacht und mir die Partie in fünf Monaten erarbeitet. Die unglaubliche Vielfalt und Tiefe der Musik hat sich mir beim Rollenstudium noch mehr offenbart und dadurch konnte ich die Rolle in mir fließen lassen. Ich habe mich jeden Tag 2 Stunden gelernt und mit meinem Korrepetitor studiert.

Erst wenn die Partie für mein Empfinden sitzt, höre ich mir zur Abrundung Aufnahmen an. Ansonsten neige ich dazu sowohl Interpretation als such Fehler zu übernehmen. Zur Isolde in Venezuela ist es dann aufgrund politischer Umstände nicht gekommen. So war ich sehr froh über das Angebot aus Bukarest. Der Konzertsaal des Rundfunks ist wie es Rundfunksäle eben sind akustisch sehr trocken aufgebaut und für die Sänger ist es unglaublich schwer sich selbst zu hören, da die Akustikwände den Schall absorbieren. Das war ein tüchtiger Schreck und eine immense Herausforderung für. Mit Ruhe und absoluter Fokussierung auf technische Details ließ sich das aber dann gut bewältigen. In so einer Situation, ist es wichtig, sich stark zu konzentrieren und über die nötige innere Ruhe zu verfügen. Genau dann ist kein Spielraum für Angst und Panik.

Ein wichtiger Punkt ist auch, wenn es im Leben allgemein mal nicht so gut läuft, sich selbst am Schopf zu packen uns seinem Spiegelbild zuzulächeln, Schwierigkeiten optimistisch anzugehen und mit positiver Energie zu meistern. In meinem Freundeskreis habe ich Menschen, die trotz schwerster Schicksalsschläge eine sprühende Energie und Lebensfreude versprühen, die mich staunen macht und die für mich vorbildlich ist.

Diese Paarung von Disziplin, Konzentration, seriösem Studium, Lebensfreude und das Meistern von Lebenskrisen sind für mich sowohl wichtige Komponenten für das Leben als auch für eine erfüllte Gesangslaufbahn.

Barbara Krieger - Sopranistin hier mit José Cura © Chrisian Fritsch

Barbara Krieger – Sopranistin hier mit José Cura © Chrisian Fritsch

  1. Sie sind auch findig im Erschließen von Unbekanntem. Auf CD haben sie Lieder des im 1. Weltkrieg Gefallenen Cecil Coles eingesungen. Entdecken Sie gern musikalische versunkene Schätze und machen Neues?

BK: Ich bin schon immer wissbegierig und neugierig gewesen und hatte vielfältige Interessen. Meine Urgroßmutter, die 101 wurde, hat mir noch von den Zeiten des Kaiserreichs erzählt. Der 100. Jahrestag des 1. Weltkriegs war mir auch wegen der heutigen politischen Lage wichtig, die große Parallelen zur damaligen Situation in Europa hat.

In Großbritannien und Frankreich wird seinem Ende anders gedacht, als in Deutschland. Für England und Frankreich war der erste Weltkrieg „The Great War“, in Deutschland sind während des zweiten Weltkriegs solch ungeheuerlichen Schrecken passiert, dass die Gräuel des ersten Weltkrieges in unseren Erinnerungen dagegen verblasst sind. England gedenkt der vielen Opfer beider Weltkriege und der umgekommenen Soldaten mit dem Remembrance Day. Als Zeichen dafür wird am 11. November – also dem Tag des Kriegsendes – eine Mohnblume am Revers getragen. Für mich war der hundertste Jahrestag des Beginns des 1. Weltkriegs ein wichtiger Anlass, auch einiger dort umgekommener großer Musiker zu gedenken. Das Besondere bei Cecil Coles ist zudem, dass er zutiefst deutsch sozialisiert war. Ab 1908 studierte er Komposition in Stuttgart, war dort an der Oper tätig und kehrte 1914 nach England zurück, um gegen die Deutschen zu kämpfen; und in diesem Krieg umzukommen. Gerade sein Schicksal zeigt die Sinnlosigkeit und Tragik des Krieges. Manche seiner Kompositionen sind völlig vergessen. Vieles sandte er seinem Lehrer Gustav Holst, der es in seinem Büro in Edinburgh auf seinem Aktenschrank verwahrte. Diese Arbeiten sind dann erst vor wenigen Jahren bei Renovierungsarbeiten des Konservatoriums in Edinburgh gefunden worden. So auch die fünf Lieder nach Gedichten von Paul Verlaine. Julien Salemkour hat das dann orchestriert und die Aufnahmen und die Konzerte waren tolle Erfahrungen. Eine vertiefte Entdeckungsreise zu verlorenen Komponisten ist immer interessant aber auch zeitintensiv. Nicht alles ist verlorengegangen, weil es eben des Weitergebens nicht wert war, sondern auch aus anderen, häufig tragischen Gründen.

Eine andere zeitintensive Beschäftigung mit Musik ist der Liedgesang, der mir sehr viel bedeutet, weil man in dem kleineren Rahmen dem Publikum viel näher ist als auf der Opernbühne. Auch diese absolute transparente Form des Musizierens mag ich sehr.

Geht man aus den üblichen Kulturstätten heraus erschließt sich auch ein neues Publikum.

Viel Spaß hat mir die Wiederentdeckung des Zehlendorfer Primus-Saales gemacht, wo ich einige Jahre Konzerte veranstaltet habe und ich tolle Erfahrungen gesammelt habe.

Barbara Krieger © Martin Lengemann

Barbara Krieger © Martin Lengemann

  1. Sie sind stark engagiert in gemeinnützigen und Kulturprojekten. Zu nennen sind u. a. die Beethoven Aufführungen die Sie ab 2016 mit dem Syrian Expat Philharmonic Orchestra realisiert haben. Ihre Berliner Kammerkonzerte haben Sie ja bereits erwähnt. Was waren das für Erfahrungen und welche Tipps können Sie für derartige Initiativen geben?

BK: Als die Menschen aus dem syrischen Bürgerkrieg flüchteten, war mir klar, dass unter den Geflüchteten natürlich nicht nur Klempner, Schreiner, Ärzte und andere Akademiker waren, sondern auch Musiker. Mit Julien Salemkour entwickelte ich die Idee, sie zu unterstützen und mit dem hiesigen Kulturleben zu vernetzen, d. h. die geflüchteten Musiker beim Abschluss neuer Engagements zu unterstützen, um hier Fuß fassen zu können. Bei vielen ist das gelungen, einige sind sogar Professoren an europäischen Hochschulen geworden. Um die geflüchteten Musiker aufzuspüren, haben wir teilweise mit Hilfe von Musikern des East West Divan Orchesters u. a. über facebook entsprechende Kontakte bekommen und ein Orchester auf die Beine gestellt. Die Idee waren Aufführungen von Beethovens Fidelio und der 9. Sinfonie mit der „Ode an die Freude“, die an Brüderlichkeit beziehungsweise Solidarität gemahnt.

Höhepunkt waren zwei Fidelio Aufführungen im European Solidarity Centre in Gdansk während des Solidarity of Arts Festivals. Polen ist ja nicht gerade dafür berühmt, Flüchtlinge mit offenen Armen aufzunehmen. Mir waren diese Auftritte daher wichtig. Das alles zu organisieren war anstrengend aber es war und ist ein gelungenes, fröhliches Projekt.

Es war eine tolle Stimmung auf der Werft, wo Solidarnosc und auch die Freiheit Polens begonnnen haben. Toll war auch, dass Lech Walesa beim Konzert war.

Der Saal in Zehlendorf ist so, dass er mit Sofabestuhlung Platz für 450 Menschen bietet. Die Besucher konnten während den Konzerten in lockerer Atmosphäre auch etwas trinken. Um selbst so etwas zu veranstalten braucht einen gut mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichbaren Raum. In jedem Fall ist ein starker Werbepartner notwendig, um Publikum anzuziehen. Entscheidend sind Darbietungen von hoher Qualität, damit die Besucher Konzerte und Atmosphäre und genießen und wiederkommen. Dafür bedarf es eines Netzwerks von Künstlern, um ein Programm zu erstellen oder man muss sich vorher entsprechend umtun. Dieses Herzensprojekt musste ich leider aufgeben, da es so viel Zeit in Anspruch genommen hat, dass ich selbst kaum noch zum Musizieren kam.

So etwas selbst zu organisieren ist ein großer Kraftakt, aber auch ungemein erfüllend. Daher kann ich nur jeden dazu ermuntern – besser im Team – so etwas auf die Beine zu stellen.

  1. Was sind Ihre nächsten Pläne und Projekte und welche Erfahrungen haben Sie noch mit und durch die Musik gemacht?

BK: Besonders große Freude bereitet es mir Menschen durch Musik direkt anzusprechen, ihre Emotionen zu wecken. Bei der von Ihnen angesprochenen Mozart c-Moll Messe beispielsweise war es nach dem Verklingen des letzten Akkordes lange Zeit völlig still, bis dann nach einer gefühlten Ewigkeit der Applaus aufbrandete. In diesem Moment der großen Spannung war mir bewusst, dass wir das Publikum erreicht hatten und zwar mitten ins Herz nicht nur oberflächlich. Ich habe durch die Musik international viele Freunde gewonnen, nicht nur im Kollegenkreis, sondern auch beim Publikum. So habe ich zum Beispiel vor Jahren ein Ehepaar aus Bonn kennengelernt, mit dem ich jetzt gut befreundet bin und die mir zu fast jedem Konzert nachreisen. Ich freue mich immer ungemein, wenn ich die beiden im Zuschauerraum sehe und weiß, dass sie den Abend genießen.

Meine nächsten Pläne sind breit gefächert:  Die Isolde in Bukarest war ein großer Erfolg und nächstes Jahr werden wir dort Schönbergs Erwartung machen. Demnächst steht ein Abend mit Grieg Liedern an. Im Sommer, d. h. am 31. August 2019 nehme ich an einem Open-Air-Konzert in Dresden mit René Pape und Peter Seiffert teil. Im Herbst mache in Stuttgart ein Mozart Requiem, in Berlin ein Verdi Requiem, eine Missa Solemnis und bin auch in Verhandlungen für eine Fidelio Leonore im Beethoven Jahr 2020.

—| IOCO Interview |—

Mannheim, Nationaltheater, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.11.2018

November 30, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Nationaltheater Mannheim, Oper

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

– Der Aufmarsch der Marionetten –

Von Uschi Reifenberg

Das Nationaltheater Mannheim hat wieder eine Meistersinger Inszenierung, die Spaß macht, und das im doppelten Wortsinne. Die verschiedenen Spielarten des Komischen stehen für den englischen Regisseur Nigel Lowery, der ebenso für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich zeichnet, im Vordergrund seiner Inszenierung von Richard Wagners einziger komischen Oper Die Meistersinger von Nürnberg.

Was Lowery vorführt, ist Theater auf dem Theater im besten Sinne, episches Theater im Stile Brechts, ein Spiel mit Masken und Spiegeln, eine Verbindung aus Märchen-Puppen und Marionettentheater mit Anleihen bei der Commedia dell‘arte.

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner
Youtube Trailer des Nationaltheater Mannheim
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Karikatur, Parodie, Ironie, Slapstic, comicartige Szenen, gewürzt mit einer Prise englischen Humors à la Monthy Python ergeben pralles, sinnliches Musiktheater, das nie ins Lächerliche abdriftet.

Lowerys Verkleinerungen, Perspektivwechsel und ironische Brechungen weiten und multiplizieren die Wahrnehmung, was zwar faszinierend ist, aber auch die Distanz vergrößert.

In Wagners menschlichstem Werk wünscht man sich, näher an die innerseelischen Vorgänge der Figuren herangeführt zu werden, was zumindest am Beginn des 3. Aktes in der Schusterstube gelingt. Wenn alle Hüllen gefallen sind und die Privatperson Hans Sachs nach den Ausschreitungen der Johannisnacht in Freizeitkleidung den Boden wischt, wird klar, dass Sachs nicht nur im entfesselten Gewirr der künstlerischen Ergüsse für Ordnung sorgt, sondern auch im realen Alltag den Überblick behält. Sichtbar wird ein einsamer, resignierter Mann, der über den wahnhaften Zustand der Welt reflektiert, der Abschied nimmt vom eigenen Liebesglück und sich zu der Erkenntnis durchringt, dass er sowohl der nächsten Generation als auch den künstlerischen Errungenschaften zur Weiterentwicklung und zum Fortbestand verhelfen muss.

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

Die Meistersinger, Wagners bürgerliche Festoper, konzipiert als (heiteres) Satyrspiel, das nach antikem Vorbild auf die Tragödien folgte, sind angesiedelt im Nürnberg des 16. Jahrhunderts, zur Zeit der Reformation, mit der historischen Figur des Schuster-Poeten Hans Sachs an der Spitze. Die Meistersinger sind alles andere als  rückwärtsgewandtes Historiendrama, der Ort

Nürnberg fungiert hier als Metapher für die Auseinandersetzung von Tradition und Fortschritt, Gegenwart und Zukunft, Politik und Staat. Über allem geht es in Wagners philosophischer Komödie um die Kunst. Sie erscheint hier als das Bindeglied der bürgerlichen Gemeinschaft und vermag- anders als die Politik- mit ihren Regeln Ordnung zu gewährleisten und Anarchie und „Wahn“ in Schach zu halten. Wagners gesellschaftsutopischer Entwurf, wie in seiner Schrift Das Kunstwerk der Zukunft“ thematisiert, findet hier seine ideale Entsprechung.

Das Spiel im Spiel findet in einem Guckkasten Rahmen mit Brecht-Gardine statt, in welchem sich die Akteure einfinden und den Darstellern die passenden Kostüme anprobieren. Ebenso werden verschiedene Bühnenbilder ausprobiert, beispielsweise ein großformatiges Tableau vom Moulin Rouge, das aber dann doch dem Inneren der Katharinenkirche weichen muss. Beckmesser entscheidet sich nach Anprobe einer Naziuniform und jüdischer Kippa mit Locken (man denkt an Beckmesser als viel gescholtene Judenkarikatur), schließlich für das Gewand eines evangelischen Priesters. Im schön gemalten gotischen Kirchenraum sieht man Eva- puppenhaft herausgeputzt- in träumerischer Haltung. Wie ihre Leidensgenossinnen Senta und Elsa sehnt sie sich heftig einen Retter herbei. Da schwebt plötzlich – man traut seinen Augen kaum — am oberen Bühnenrand das Raumschiff Enterprise l vorbei. Jetzt wissen wir: Erlösung naht aus den unendlichen Weiten des Weltalls. Und tatsächlich erscheint ein Stolzing/ Lohengrin Verschnitt in silbernem Gewand und blonder Haarpracht, direkt von der Enterprise in die Kirche gebeamt.

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Tilmann Unger als Stolzing, Thomas Jesatko als Sachs, Thomas Berau und Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Tilmann Unger als Stolzing, Thomas Jesatko als Sachs, Thomas Berau und Ensemble © Hans Joerg Michel

Da wird nicht lange gefackelt, kaum haben sich Eva und Stolzing kurz beschnuppert, sind die beiden auch schon ein Paar, das ziemlich genau weiß, was es will und sich um Regeln und Vorschriften herzlich wenig kümmert. Dies nämlich ist vor allem Sache der Meistersinger. Diese kommen daher als putzige Karikaturen in detailverliebten Renaissancekostümen mit diversen Altersgebrechen, ein seniles Häuflein beflissener Nürnberger Handwerker, das keine neuen Impulse von Außen zulässt und sich verzweifelt an das Regelwerk der Tabulatur klammert. Die Kunstausübung ist erstarrt und hängt sozusagen am Tropf der tradierten Norm. Vielleicht wird deshalb immer wieder ein Sarg über die Bühne getragen, mal beerdigt man symbolisch die Kunst, oder was von ihr übrig geblieben ist, oder auch die Hoffnung-wer weiß…

Die aber stirbt bekanntlich zuletzt, was auch dadurch gezeigt wird, dass die Meister bei Stolzings überschwänglichem Probelied plötzlich wie in Trance zu tanzen beginnen und Wände in Bewegung geraten. Ein witziges Leitmotiv ist der Busch, der verschiedene Metamorphosen durchläuft. Zuerst fährt er als Dornenhecke Beckmessers über die Bühne, dann ist er Fliederbusch, der sich vermehrt und als Requisit für Sachsens Monolog dient, dann mobiles Versteck für das Liebespaar im 2. Akt oder gar brennender Dornbusch am Ende der Prügelfuge.

Am Schluss des ersten Aktes, wenn Stolzing gegen den Protest der Meister sein Kunstlied durchgesetzt hat, verstopfen sich die Meister die Ohren mit Zeitungspapier, ein bedrohliches Bühnenbild mit schwarzem Gewölk wird dazu heruntergefahren, das sogleich wieder verschwindet, stattdessen erstrahlt ein klarer Sternenhimmel, in welchen Stolzing hinaufgezogen wird. Nicht im Venusberg, sondern im Parnass hat der Künstler geweilt und vermag auf der Festwiese von jenen Wonnen zu singen, die ihm dort widerfahren sind …   Möglicherweise ist dies aber auch ein Verweis des Regisseurs auf Wagners eigene Inspiration, die ihn 1861 in Venedig nach dem Anblick des Bildes von Tizians Assunta, der Himmelfahrt Marias, zur Vollendung der Meistersinger animiert haben soll.

Der Sternenhimmel wölbt sich auch über das Bühnenbild des 2. Aktes, ergänzt durch einen Dorfbrunnen mit Johannes Figur und einem Häusereck im bayerisch-barocken Stil. Eine klare Verortung der Szene mit liebevollem bis kitschigem Lokalkolorit. Sachs – detailgetreu historisch kostümiert, mit weißer Perücke, singt seinen Fliedermonolog auch tatsächlich unterm Fliederbusch und hat mit Eva ein sehr inniges Verhältnis, was am unkomplizierten Körperkontakt zu erkennen ist. Beckmesser wird in seinem Ständchen von einer aparten Harfenistin mit veritabler Beckmesser- Harfe unterstützt, die jedoch um ihre wohlverdiente Gage geprellt wird. Bemerkenswert ist auch der Nachtwächter mit Totenkopfmaske, Laterne und Kegel, ein mittelalterlicher Sensenmann, der allgegenwärtig ist und wahllos zuschlägt.

Zum Ende von Beckmessers desolatem Ständchen verirren sich Sachs und Beckmesser in die erste Reihe des Zuschauerraumes und schaffen es gerade noch rechtzeitig zur Prügelfuge auf die Bühne, die von lustigen Kasperle Figuren angezettelt wird. Lowery inszeniert die Kontrapunktik der Prügelfuge, indem er der größtmöglichen musikalischen Verdichtung ein Puppentheater entgegensetzt. In der Tat ein interessanter Kunstgriff.

 Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier :  Thomas Jesatko als Sachs © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Thomas Jesatko als Sachs © Hans Joerg Michel

Die Schusterstube im 3. Akt ist in schwarz gehalten, kräftige weiße Pinselstriche deuten die Innenarchitektur an, ein Kamin, ein Schreibtisch und eine Katze komplettieren Sachsens gemütliches Zuhause. Sachs und Stolzing sind während ihres philosophischen Diskurses über Leben und Kunst in rote Bademäntel gehüllt, trinken Punsch und lassen in schönster Harmonie eines der genialsten Lieder entstehen, die je geschrieben wurden. Beckmesser darf noch einen Kampf mit Sachsens Katze ausfechten, der für Lacher sorgt. Im 3. Akt ist die Guckkasten-Bühne mit überdimensional gespiegelter Laute, riesiger Ritterrüstung und bunten Mittelalter- Wimpeln ein Eyecatcher.

David darf noch seinen Junggesellen Abschied im zwielichtigen „Haus zum Schwanen“ feiern, (Parsifal lässt grüßen), dann fährt Lowery zum großen Festwiesen Finale zusätzlich zum Puppen Arsenal noch mal sämtliche Geschütze auf, die der Wagner Fundus zu bieten hat. Stolzing bringt zum Gesangswettbewerb gleich den Gralskelch mit, der die Kunst- Erlösung garantiert und lässt ihn – ganz im Wagnerschen Sinne -bei der Festwiesen Gesellschaft rumgehen. Bei Sachsens Schlussansprache ziehen – synchron zur berüchtigten c-Moll Stelle – wieder die dunklen Wolken herauf. Keiner will Sachs  zuhören, alle Anwesenden verschwinden, zu schwer wiegt die Bürde der Vergangenheit. Sachs bleibt zunächst im Regen stehen, da erscheint der versöhnte Beckmesser, den Sachs zu sich unter den Schirm holt. „Zweieinig“, unter dem Jubel aller Beteiligten feiern die beiden Kontrahenten die Kunst und Sachsens integrative Gesamtleistung. Am Bühnenhimmel wartet schon die Enterprise. Stolzing und Eva machen sich aus dem Staub und dringen womöglich in Galaxien vor, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Auch das Wagnerensemble, Orchester und Chor des NTM sind  überzeugend aufgestellt.

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble © Hans Joerg Michel

Der Bayreuth- erprobte Thomas Jesatko als Sachs stattet die Riesen- Partie mit allen Facetten seines variablen Baritons aus, wortverständlich, sensibel, mit großer Emphase, berührend in den resignativen Momenten, ein beeindruckendes Rollenportrait. Als Beckmesser steht Joachim Goltz ihm nicht nach. Sein klarer, tragfähiger und höhensicherer Bariton besticht mit präziser Deklamation, Goltz‘ darstellerische Fähigkeiten geben der vielschichtigen Figur nicht nur Witz, sondern auch Tiefe. Tilman Unger ist vom Erscheinungsbild her ein idealer Stolzing. Er teilt sich die Partie klug ein, lässt aber bisweilen heldische Strahlkraft und Durchsetzungsfähigkeit vermissen. Astrid Kessler überzeugt als mädchenhafte, quirlige Eva, mit klangvoller Mittellage und Tiefe sowie mit dramatischen Aufschwüngen in der Schusterstube. Christopher Diffey singt als David die Weisen differenziert, lebendig mit schönem Timbre und mühelosen tenoralen Spitzen. Der Pogner von Sung Ha erscheint als seriöse Persönlichkeit, mit kultiviertem, sonorem Bass. Die Magdalene wird von Marie-Belle Sandis mit resoluter Mezzo-Attitüde versehen. Als Nachtwächter lässt Bartosz Urbanowicz aufhorchen. Chor und Extrachor unter der Leitung von Danis Juris präsentieren sich in Bestform, homogen und klangexpansiv.

GMD Alexander Soddy geht das Vorspiel mit straffen Tempi, schwungvoll, pathosfrei, mit viel Sinn für die Mittelstimmen von Wagners komplexer kontrapunktischer Partitur an. Der 1. Akt kommt allerdings wirkt wie mit angezogener Handbremse; die Balance zwischen Bühne und Graben lässt ab und zu wünschen übrig, ebenfalls vermisste man diesmal die Trompeten, dafür überraschte das überaus engagierte Solohorn umso mehr. Im Laufe des Abends gleichen sich diese leichten Unstimmigkeiten; Soddy findet- bei aller kammermusikalischen Behandlung – zu schwebendem Fluss und sinfonischem Aufblühen der Komposition. Im 3. Akt vereint Soddy Orchester, Chor und Solisten zu einer eindrucksvollen Schlussapotheose in strahlendem C-Dur.

Das enthusiasmierte Publikum spendet lang anhaltenden Beifall für alle Beteiligten und Jubelrufe für die Solisten. Mit dieser Meistersinger Inszenierung kann man die kommenden Jahre wunderbar leben!

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Nächste Seite »