Dresden, Semperoper, Die Großherzogin von Gerolstein – Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 03.03.2020

März 3, 2020 by  
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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Die Großherzogin von Gerolstein – Jacques Offenbach

Josef E. Köpplinger:  Gerolstein ist überall

von Thomas Thielemann

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Isaac Juda Eberst  (1780-1850), Kantor, Komponist und Dichter aus Offenbach, war ein energischer Mann: als sein 1819 in Köln geborener Sohn Jakob musikalisches Talent zeigte, reiste er 1833 mit ihm nach Paris, bis der junge Mann am 30. November 1833 in die Cello-Klasse des Conservatoire national de musique et de déclamation aufgenommen worden war. Offenbar befriedigte Jakob aber der Unterricht bei Olive-Charlier Vaslin (1794-1889) nicht; er verließ das Konservatorium ohne Abschluss, nannte sich fortan Jacques Offenbach und nahm Kompositionsunterricht bei Jacques Fromental Halévy (1799-1862). Etwas Geld verdiente er von 1835 bis 1837 als Orchestermusiker der Pariser Opéra Comique und spielte dabei massenhaft Rossini-Opern. Dabei hörte der Cellist von Rossini ab, was beim Publikum ankommt. So hat Offenbach im Orchestergraben auch ein wenig von Rossini das Komponieren erlernt. Daneben mischte er mit seinen Instrument die Pariser Salons auf, galt bald als der Paganini des Cellos und komponierte schon Romanzen, Walzer, Salonstücke und erste kleinere Bühnenwerke.

Making of … Die Großherzogin – Einführung von Josef Köpplinger
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Parallel zur Pariser Weltausstellung 1855 mietete er ein eigenes Théatre des Bouffes-Parisiens, in dem er mit großem Erfolg Die beiden Blinden aufführte, denen kurzfristig sieben weitere Uraufführungen folgten. Neben konzertanten Werken, Balletten und Opern hat Offenbach im Laufe der Jahre 102 Operetten komponiert. Anlässlich der Pariser Weltausstellung 1867 platzierte er an drei Pariser Theatern je eine neue Kompositionen. Darunter im Théatre des Variétés sein Erfolgsstück La Grande-Duchesse de Gérolstein.

Obwohl sich Offenbach politisch offenbar nie betätigte, sowie sich auch kaum über die Politik von Napoleon III. öffentlich geäußert hat, fielen ihm doch die militärischen Ambitionen seines Gastlandes auf. So nutzte er auch seinen Beitrag zur Weltausstellung zur Verspottung alles Militärischen. Würzte das mit einer Satire auf das Günstlingswesen, ergänzte es mit etwas Herz-Schmerz und packte eine gewaltige Menge Frivolität auf die „Großherzogin von Gerolstein“. Mit ihrem Schwung und ihrem Witz der Dialoge von Henri Meilhac (1831-1897) sowie Ludovic Halévy (1834-1908) hat die freche Komödie als Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse selbst in unserer Zeit ihre Aktualität nicht verloren.

Semperoper Dresden / Die Großherzogin von Gerolstein © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Großherzogin von Gerolstein © Ludwig Olah

Die Semperoper gewann für eine Inszenierung der Operette auf der Opernbühne einen Spezialisten für unterhaltsames Musiktheater Josef E Köpplinger, Intendant  des Münchner Gärtnerplatztheater. Köpplinger hatte wenig Skrupel, in den Texten aktualisierte Momente ein zu bauen und die Handlung mit neuen Personen und ergänzenden Handlungsfäden anzureichern. Er entfacht dabei ein abwechslungsreiches Spektakel und gibt die großen Ideale zwischen Liebe, Treue, und Staatsraison der Lächerlichkeit preis. Die musikalische Leitung übertrug die Intendanz dem seit seiner Iphigenien-Arbeit im vergangenen Jahr im Hause bestens eingeführten britischen Dirigenten Jonathan Darlington.

Den Musikern der Staatskapelle machte die Wiedergabe der prägnanten schmissigen Musik Offenbachs offenbar gewaltige Freude, so dass durchaus auch mal eine Abweichung vom weichen Dresdner Klang riskiert wurde. Darlington hatte die Kapelle im Graben etwas höher gesetzt, so dass deutlich mehr Direktschall in den Zuschauerraum drang. Schon damit war der gewohnte  Klangrausch des Hauses „zerstört“ und es hörte sich doch etwas „operettisch“ an. Das Bühnenbild des Johannes Leiacker  beschränkte sich fast ausschließlich auf beeindruckende Rundhorizont-Malereien. Nur wenige Requisiten störten Spieler und Tänzer bei ihren quirligen Aktionen.

Die Wirtschaft im Großherzogtum Gerolstein befindet sich in einer tiefen Krise und wird eigentlich nur von einem fragilen Fremdenverkehr am Leben gehalten. Deshalb begann auch die Vorstellung mit einem Touristen-Werbefilm. Der Touristenbetreuer, gespielt von Josef Ellers, sichert das Bruttosozialprodukt des Landes. Deshalb lockerte er an den zum Teil „unpassendsten Stellen“ mit seinen Gästeführungen das Bühnengeschehen auf.

Making of … Die Großherzogin – Einführung von Anne Schwanewilms
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Die Koalitionäre des Großherzogtums, der Baron Grog, die Haushofmeisterin Erusine von Nepumukka und der General Bumm, haben die Sorge, ihre unverheiratete Großherzogin könnte sich aus langer Weile in das politische Geschehen einmischen und ihre Machenschaften einschränken. Die Großherzogin wurde von der großartigen Anne Schwanewilms verkörpert. Für die Gesangspartien setzte sie ihren weichen, leichtverhangenen Sopran ein, so wie wir sie kennen. Mit viel Selbstironie meistert sie die Gratwanderung zwischen Würde und Peinlichkeiten mit einer tollen Bühnenpräsenz. Aber es blieb der Eindruck, dass Frau Schwilms bisher mehr Wagner, Strauss und wenig Offenbach verkörpert hatte. Trotzdem: Unsere volle Anerkennung.

Eine „Herrscherin“ zu verheiraten, erweist sich auch nicht problemlos, da der ins Land geholte Heiratskandidat sich als nicht so recht geeignet erweist. Denn der von den Höflingen für die Großfürstin vorgesehenen Bräutigam-Prinz Paul ist der mit reichlichen Profilneurosen ausgerüstete Tenor Daniel Prohaska.

Semperoper Dresden / Die Großherzogin von Gerolstein © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Großherzogin von Gerolstein © Ludwig Olah

Ein noch immer erfolgreiches Rezept bleibt deshalb, dass innenpolitische Probleme mit militärischen Mitteln gelöst werden. Der bewährte Charakterbariton Martin Winkler bewies als General Bumm seine Wandlungsfähigkeit. Mit großer Stimme lässt er auch mit seiner maulheldenhafter Art seiner Lust freien Lauf. Bei der Truppenparade verguckt sich allerdings die Großherzogin spontan in den Soldaten Fritz und überträgt ihm, zum Leidwesen der Koalition, das Kommando für einen Waffengang mit einem Nachbarländchen. In seinem Semperoper-Debüt gibt Maximilian Mayer vom Gärtnerplatz-Theater den schmucken, etwas begriffsstutzigen Soldaten Fritz, präzise, ausdrucksstark mit einem klaren schmiegsamen Tenor.

Dank einer List ist das „Krieglein“ für Gerolstein erfolgreich und Fritz könnte Großherzog werden. Aber da meldet des Fritzen Verlobte Wanda ihre älteren Ansprüche an und obsiegt nach einigen Verwicklungen. Mit einer hübschen, leichten Sopranstimme agiert energisch als seine Verlobte Wanda Katarina von Bennigsen vom Hausensemble. Den Möchtegernstaatsmann Baron Grog spielte Martin-Jan Nijhof mit instinktiver Sicherheit. Ihm zur Seite der Baron Puck von Jürgen Müller.

Als Haushofmeisterin der Großherzogin und Hauptintrigantin Erusine von Nepomukka erwies sich die die Österreicher Kabarettistin Sigrid Hauser als ein Schwergewicht der Inszenierung. Mit der tragenden Rolle des Fremdenführers hielt Josef Ellers das Bühnengeschehen zusammen, indem er an den unpassendsten Stellen seine Schützlinge in die Szene führte. Der souveräne Chor, sowie vor allem das Ballett mit tollen Can Can-Einlagen und vor allem dem Siegestanz der Soldaten halfen die Vorstellung zu einem temporeichen Abend zu gestalten.

Nicht alle Besucher des üblichen Semperoper-Premierenpublikums teilten meine Begeisterung. Es bleibt aber zu hoffen, dass die Inszenierung über längere Zeit das „DD-Touristen-Repertoire“ nicht  nur bereichert, sondern zu einem Zugpferd wird.

Die Großherzogin von Gerolstein an der Semperoper; die nächsten Termine 3.3.; 6.3.; 20.3.; 24.3.; 26.3.; 1.7.; 7.7.2020

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Die Großherzogin von Gerolstein – Jacques Offenbach, 29.02.2020

Februar 3, 2020 by  
Filed under Operette, Premieren, Pressemeldung, SemperOper

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Die Großherzogin von Gerolstein  – Jacques Offenbach

»Nun, Durchlaucht, bin ich da, Olala!«

Sonnabend, 29. Februar 2020, lädt die Semperoper Dresden ihr Premierenpublikum an den Hof zu Gerolstein ein, wo dessen kapriziöse Landesherrin mit Faible für Uniformierte die Zügel fest in Händen hält – sehr zum Leidwesen ihres stets kampfbereiten Generalissimus.

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach in Montmartre © IOCO

Für die Neuinszenierung Die Großherzogin von Gerolstein ist von der Isar Gärtnerplatz-Intendant Josef E. Köpplinger der Einladung des Semperoper-Intendanten, Peter Theiler, an die Elbe gefolgt, den Zwergenhofstaat der Offenbach’schen Grande-Duchesse in Dresden bildreich in Szene zu setzen. »Ich war von Anfang begeistert von dem mutigen und richtigen Schritt Peter Theilers, Jacques Offenbachs Die Großherzogin von Gerolstein in die Semperoper zu holen, denn Theater ist das Spiegelbild des Seins. Und wir haben hier eine tolle Besetzung, um diese Opéra-bouffe so bunt und fantasievoll wie möglich umzusetzen in Zeiten, in denen Gesellschaften erneut schwarz-weiß zu sehen beginnen«, so der für seine ebenso skurrilen wie tiefsinnig amüsanten Musiktheaterinszenierungen bekannte Regisseur Köpplinger.

Für die Titelpartie wechselt die gefeierte Strauss-Interpretin Anne Schwanewilms ins Operettenfach und wetteifert als selbstbewusste Frau, die sich holt, was sie will, mit Sopranistin Katerina von Bennigsen als brave Wanda um die Gunst von Maximilian Mayer alias Fritz. Neben dem Gärtnerplatz-Ensemblemitglied in der Partie des schmucken Soldaten, der durch die Gunst der Fürstin zu militärischem Rang gelangt, steht Tenor Daniel Prohaska als prinzlicher Heiratskandidat Paul parat. In der Partie des kriegseifrigen General Bumm treibt Bassbariton Martin Winkler seine kleine Heerschar ins Gefecht, in Takt gebracht von dem u.a. aus Stephen Daldrys preisgekrönten Kinofilm Billy Elliot – I Will Dance bekannten Londoner Starchoreografen und Regisseur, Adam Cooper. Unter der Musikalischen Leitung von Jonathan Darlington interpretiert die Sächsische Staatskapelle Dresden Jacques Offenbachs kunst- und rhythmenreiche, anspruchsvolle Komposition; es singt der Sächsische Staatsopernchor Dresden.

Uraufgeführt im Pariser Weltausstellungsjahr 1867 und im Schatten des aufdämmernden deutsch-französischen Krieges, der das Ende des Second Empire bedeuten sollte, hat Offenbachs bitterböser Fingerzeig auf Militarismus, Protektion und Opportunismus nichts an heutiger Strahlkraft verloren. Gemeinsam mit der Staatsoperette Dresden lädt die Semperoper Dresden alle Offenbach-Fans am Vormittag dazu ein, bei einem Petit Déjeuner gemeinsam mit Fachleuten über das Werk des Schöpfers der Offenbachiaden zu diskutieren. Selten gehörte Musik von Jacques Offenbach rundet das »Frühstück mit Jacques Offenbach« im Foyer der Staatsoperette ab.

Jacques Offenbach – Die Großherzogin von Gerolstein

Premiere Sonnabend, 29. Februar 2020 18 Uhr,  Weitere Vorstellungen am 3., 6., 20., 24. und 26. März sowie 1. und 7. Juli 2020

Kostenlose Werkeinführung jeweils 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller

Mit: Anne Schwanewilms, Katerina von Bennigsen, Sigrid Hauser, Martin Winkler, Maximilian Mayer, Daniel Prohaska, Jürgen Müller, Martin-Jan Nijhof, Josef Ellers und dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden. Es spielt die Sächsische Staatskapelle unter der Musikalischen Leitung von Jonathan Darlington.

Karten für die Vorstellungen sind in der Schinkelwache am Theaterplatz (T +49 (0)351 4911 705) und online erhältlich. Weitere Informationen unter semperoper.de

Extra     –     »Frühstück mit Jacques Offenbach«

Am Sonnabend, 29. Februar 2020, von 11 – 12.30 Uhr im Foyer der Staatsoperette Dresden, Kraftwerk Mitte 1, 01067 Dresden. Eintritt frei

Ein Offenbach-Gespräch mit u.a. Jonathan Darlington, Peter Hawig, Frank Harders-Wuthenow, Jean-Christophe Keck, Josef E. Köpplinger, Andreas Schüller, Valentin Schwarz Moderation: Heiko Cullmann, Kai Weßler

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

Köln, Orangerie-Theater, INVASION – Ein Tanz für Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 03.09.2019

Orangerie - Theater Köln © Ingo Hamacher

Orangerie – Theater im Volksgarten, Köln © Ingo Hamacher

Orangerie Theater

INVASION –  Ein Stück Tanz für Jacques Offenbach

Uraufführung am 28.8.2019 im Orangerie-Theater

von Ingo Hamacher

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Jacques Offenbach Paris © IOCO

Mit Ovationen und lang anhaltendem Applaus belohnte das Publikum eine vollumfänglich gelungene Premiere der Kölner Offenbach-GesellschaftINVASION – Ein Stück Tanz für Jacques Offenbach. Mit tiefer Rührung dankte der Choreograf Emanuele Soavi dem begeisterten Publikum, das Lob bedeute ihm sehr viel, zumal diese Premiere auch noch auf seinen Geburtstag falle; worauf das Publikum zu seinen Ehren spontan ein herzliches „Happy Birthday“ anstimmte.

YES WE CANCAN ist das Motto des Jubiläumsjahrs 2019, mit dem seine Heimatstadt Köln den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach, dem „Erfinder der Operette“, mit zahlreichen Veranstaltungen in den Bereichen Musik, Theater, Tanz und Literatur organisiert von der Kölner Offenbach Gesellschaft, feiert.

Höhepunkt der Feiern in Köln und der Region war das Offenbach-Festival PIFF PAFF PUFF im Geburtstagsmonat Juni mit zahlreichen Veranstaltungen, aber auch im zweiten Halbjahr wird noch bis zum Jahresende an vielen Terminen und Veranstaltungsorten die Gelegenheit geboten, sich mit dem Werk des deutsch-französischen Komponisten zu beschäftigen. Eine Veranstaltungsübersicht findet sich unter: www.yeswecancan.koeln

Jacques Offenbach wurde als Jakob Offenbach am 21. Juni 1819 in Köln geboren. Sein Vater, von Beruf Synagogensänger, hieß bei seiner Geburt noch Isaac Juda Eberst und nahm den Namen seiner Geburtsstadt Offenbach an. 1833 übersiedelte Isaac Offenbach mit seinen beiden Söhnen in das Paris des Bürgerkönigs Louis Philippe. Jakob / Jacques nahm, da er das Instrument virtuos beherrschte, nach wenigen Monaten auf dem Konservatorium die Stellung eines Cellisten in der Opéra Comique an. Er komponierte erste Konzerte und kleinere dramatische Werke. 1844 heiratete er Hermine d‘ Alcain und trat zum katholischen Glauben über. Nach zwei Jahren in Köln kehrte Offenbach 1850 nach Paris zurück und wurde Kapellmeister an der Comédie Francaise.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts vollzogen sich in Frankreich große politische Umwälzungen: Drei Jahre nach der Revolution von 1848 unternahm der Neffe von Napoleon I., Louis Napoleon, einen Staatsstreich und machte sich 1852 als Napoleon III. zum Kaiser der Franzosen.

Das sogenannte „Zweite Kaiserreich“ brach an mit seinen Großbanken und den Weltausstellungen (1855 und 1867), den stolzen Kriegen und Expansionen der Nation, dem Rausch, der bis 1870 währte – als der Deutsch-Französische Krieg der Pracht ein Ende setzte und politisch sowohl die Französische Republik (1870) wie das Deutsche Reich (1871) hervorbrachte.

Die knapp zwanzig Jahre des Zweiten Kaiserreichs, in denen Wirtschaft und Künste gewaltig aufblühten, brachten die Ablösung der „Grand Opera“ durch die „Tragedie lyrique“ – und die Geburt der „Operette“. Es bedurfte eines Genies, die Gattung der Operette zu entwickeln, und dieses Genie war Jacques Offenbach. Er hatte die Frechheit und den Witz, eine Epoche satirisch aufs Korn zu nehmen – wie es die englische „Ballad Opera“ einst tat. Die Welt des Zweiten Kaiserreichs gab mit Zynismus alles dem Gelächter preis – auch und gerne sich selbst.

Unter dem Mantel der Persiflage klassischer Werke brachte die französische Operette gnadenlose Zeitkritik, in Witz gekleidete aktuelle Anspielungen hervor. Perfekter Ausdruck dieser neuen musikalischen Form war der zündende, mitreißende, spritzige Cancan.

Nach einer großen Zahl von einaktigen Werken, mit denen sich Offenbach das Oeuvre erschlossen hatte, komponierte er 1858 sein erstes abendfüllendes Werk: Orpheus in der Unterwelt, wofür der 1861 das Band der Ehrenlegion erhielt. Große Erfolge schlossen sich an: Die schöne Helena, 1864; Blaubart, 1866; Pariser Leben, 1866; Die Großherzogin von Gerolstein, 1867, La Perichole, 1868 und Die Prinzessin von Trapezunt, 1869.

Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, wurde Offenbach – gebürtiger Deutscher, seit 1860 naturalisierter Franzose jüdischer Herkunft – von allen Seiten angefeindet. Letztlich glücklos versuchte er sich noch mit verschiedenen Projekten. Offenbach, der 1877 begonnen hatte, an der Oper Hoffmanns Erzählungen zu arbeiten, starb am 5. Oktober 1880 in Paris. Die Uraufführung seines Hoffmann hat er nicht mehr erlebt.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Mit sehr verschiedenen Bezeichnungen wurden die 102 dramatischen Werke Offenbachs anfänglich bezeichnet, bevor sich der allgemeine Begriff der Operette durchsetzte. Eine zündende Rhytmik, eine klare Melodik, eine köstliche Frechheit und eine delikate, pariserische Frivolität kennzeichen seine Werke. Von großen Kollegen wurde er gelobt: so nannte Rossini ihn den “Mozart des Champs-Elysees“, und auch Richard Wagner gesteht ihm eine so leichte Hand wie dem „göttlichen Mozart“ zu.

Aus dem Jahr 1875 stammt die Operette Die Reise auf den Mond, seinerzeit noch als „Opera-feerie“ bezeichnet, mit 4 Akten in 23 Bildern. Jules Vernes Roman Von der Erde zum Mond, 1865, hatte zahlreiche Bühnenbearbeitungen angeregt. Das Sujet der „Reise zum Mond“ lag, wenige Jahre vor den ersten erfolgreichen Flugversuchen, genau im Trend der Zeit. Es war jedoch nicht der einzige Stoff, mit dem sich Offenbach in jenen Wochen beschäftigte. Innerhalb eines halben Monats brachte er drei große Werke zur Uraufführung. Verbürgt ist die Rastlosigkeit des alten Offenbach, wie er in seiner Kutsche von Ort zu Ort eilend an drei Partituren gleichzeitig arbeitete.

Die Kölner Offenbach-Gesellschaft vergab anlässlich des Offenbach-Jahrs 2019 an den Kölner Choreografen Emanuele Soavi den Auftrag zu einem Tanzprojekt inspiriert von Offenbachs Operette Le Voyage dans la lune (1875).

Die Reise zum Mond ist eine abenteuerliche Geschichte über Freundschaften und Vorurteile, über eigene und fremde Welten und wie man daran wächst, diese zu erforschen: Um seinem Neffen Caprice einen großen Traum zu erfüllen, konstruiert Onkel Mikroskop eine Mondrakete und startet ins All. Wider Erwarten trifft die Reisegruppe Lebewesen auf dem Mond und Caprice verliebt sich in die Mondprinzessin Fantasia.

Der Titel „INVASION“ deutet auf das deutlich gewandelte Geschichtsverständnis, das die „Entdeckung Amerikas“ durch Christoph Kolumbus heute aus dem Blickwinkel der autochthonen Bevölkerung als „Europäische Invasion“ begreift und deutet die Reise zum Mond analog als invasiven Akt.

„INVASION“ greift die Themen der Operette auf und fügt sie mit Motiven aus Ofenbachs Werk in einer dem 21. Jahrhundert entsprechenden tänzerisch-musikalischen Formensprache neu zusammen; als einzige Festjahrsproduktion auf tänzerischer Ebene.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Als Ort der Aufführung wurde das Orangerie-Theater im Volksgarten gewählt, ein seit Jahren etabliertes Freies Theaterhaus in der Kölner Südstadt. Nach langjähriger Nutzung als städtische Gärtnerei, wurde das Theater 1990 von einem Künstlerkollektiv gegründet und erhält seit 2007 Konzeptionsförderung seitens der Stadt Köln für sein innovatives Theaterkonzept.

Das Produktionsteam beschreibt sein Vorhaben wie folgt: Am 28. und 29. August lässt Emanuelle Soavi mit sechs Tänzer*innen seines Ensembles im Kölner Orangerie-Theater in seiner Produktion Offenbach-Klänge und Elektronik, zeitgenössischen Tanz und Mode, Vergangenheit und Gegenwart, Kunst und Unterhaltung aufeinandertreffen und eine explosive Reibung erzeugen. Dazu hat er die beiden Cellistinnen Katharina Apel-Hülshoff (Gürzenich-Orchester) und Anja Schröder (Duisburger Philharmoniker) sowie den Soundkünstler Stefan Bohne eingeladen.

Musikalisch werden sie Offenbachs Cello-Duette beisteuern und dessen vitale und in seiner Zeit auch visionäre Kraft mit elektronischen Sounds ins Heute transferieren. Emanuele Soavi über INVASION: Tempo, humorvoller Mut und absolute Zeitgenossenschaft, das ist es, was mich an Offenbachs Werk und Leben besonders interessiert.“

Das Set bildet mit einem Vexierspiel aus Plexiglaspanelen den Rahmen dafür. Vervollständigt wird die manchmal intime, manchmal lustvoll-exaltierte Performance durch die Ausstattung von Heike Engelbert mit Kollektionsteilen von Comme des Garcons zu einem Bühnentanz zwischen Utopie und Realität, der das Leben und das Abenteuer feiert, zwischen Absturz und Abflug, von Opium bis Absinth, wenn die weiße Fee uns im CanCan-Tempo zu Mond bringt.

Zeitgenössisches Tanztheater ist häufiger dafür bekannt eine große Zahl von Fragen aufzuwerfen, als sie zu beantworten. Um so erstaunlicher daher, wie nah Soavi in seiner Tanzproduktion den Ideen der Offenbachschen Operette kommt. Dabei sind es weniger die scherzhaft zitierten falschen Schnurr- und Backenbärte, der Regiestuhl des alten Meisters mit den Initialen J.O. und weitere kleine humorvolle Elemente, die immer wieder für Erheiterung sorgen. Es ist tatsächlich eher der kraftvoll ausdrucksstarke, ans artistische grenzenden Beziehungstanz zwischen den Personen und den Geschlechtern, die den Geist und die Emotionen der Vorlage wiedergeben.

Die ersten Hälfte der Operette, die ganz unter wissenschaftlichen und ingenieurstechnischen Aspekten die Möglichkeit einer Mondreise diskutiert, erleben wir in der Vertanzung des Themas in Form einer männlich dominierten, von Kraft und Bewegungsvielfalt innovativ gestaltete, emotionsgeladene Auseinandersetzung der Männer, teilweise mit hoher sinnlicher Intimität. Leidenschaftlich und erstaunlich präzise gestalten die Tänzerinnen und Tänzer bei ständig wechselnden Tempi der Szenen mit Hilfe der vorerwähnten Plexiglasplatten wechselnde Eindrücke und Bewegungsbilder mit hoher visueller Kraft.

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Offenbach-Gesellschaft Köln / INVASION © Joris Jan Bos Photographys

Immer wieder taucht in sehr unterschiedlicher musikalischer Form das Thema des Cancan auf, zu dem ein weißer Trägerrock mit Plastiküberzug das optischen Pendant darstellt, der dann aber natürlich mit frei gestaltenden Bewegungsmustern in heutige, zeitgemäße Formen übersetzt wird.

Nach erfolgreicher Mondlandung erleben wir humorvolle tänzerische Szenen, die uns die Bilder der ersten Mondlandung vor 50 Jahren vor Augen führen und uns erneut teilhaben lassen an dem berühmten kleinen Schritt eines Menschen, der einen großen Schritt für die Menschheit bedeuten sollte.

Die Welt des Mondes, so erfahren wir bei Offenbach, ist der irdischen Welt so diametral entgegengesetzt, dass sie ihr fast schon wieder gleicht. So lebendig das Gefühlsleben auf der Erde war, so emotionsfrei ist das Leben auf dem Mond. Beziehungslose Catwalk-Auftritte, bei denen die Accessoires (große weiße Fächer, kleine weiße Kleidungselemente) nicht über die seelenlose Leere der Gesichter und die fehlende Beziehung zwischen den Tänzern hinwegtäuschen können, führen uns in dieses Leben ein.

Aber auch hier findet sich die positive Auflösung durch das Zueinanderfinden der gemischten Paare, die in leidenschaftlich und fließenden Bewegungen die erwachende Liebe und die neu gefundenen Gefühle zum Ausdruck bringen.

Großes Lob für alle Verantwortlichen!  Es war – trotz großer Hitze – ein sehr gelungener Abend.

Von Jacques Offenbach verwendete Kompositionen für zwei Celli:  Die Duette Op. 53 No.1 B-Dur (1. Satz Allegro), Op. 53 No.2 a-moll (Allegro-Andante-Allegro), Op. 53 No.3 C-Dur (2. Satz Andante) aus demJahr 1947, Sowie „Les Larmes de Jacqueline“ Op. 76 No.2

—| IOCO Kritik Orangerie Orangerie Theater Köln |—

Köln, Oper Köln, Die Großherzogin von Gerolstein – Jacques Offenbach, 09.06.2019

April 30, 2019 by  
Filed under Oper, Oper Köln, Premieren, Pressemeldung

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Oper Köln

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

La Grande-Duchesse de Gérolstein –  Jacques Offenbach

Premiere 9. Juni 2019  – 

DAS OFFENBACH-JAHR IN KÖLN UND REGION
2019 jährt sich der Geburtstag Jacques Offenbachs, einem der berühmtesten Söhne Kölns, zum 200. Mal. Unter dem Motto: Yes We CanCan widmet die Kölner Offenbachgesellschaft dem Erfinder der Operette ein ganzes Jahr voller Veranstaltungen in Musik, Theater, Tanz und Literatur. Höhepunkt ist das Offenbach-Festival PIFF PAFF PUFF im Geburtstagsmonat Juni mit weiteren zahlreichen Veranstaltung rund um die Musik von Jacques Offenbach. 

   IOCO wird die Premiere besuchen und berichten

Als einen Höhepunkt im 200. Geburtstagsjahr des in Köln aufgewachsenen Komponisten Jacques (Jakob) Offenbach präsentiert die Oper Köln die Neuproduktion von La Grande-Duchesse de Gérolstein (Die Großherzogin von Gerolstein).

 Jacques Offenbach Grab in Montmartre © IOCO

Jacques Offenbach Grab in Montmartre © IOCO

Diese Opéra-bouffe um die ominöse, aber in allen europäischen Hauptstädten bekannte Großherzogin – gesungen von der renommierten Mezzosopranistin Jennifer Larmore – verbindet in besonderem Maße all das, was den speziellen Reiz einer „Offenbachiade“ ausmacht: zündende Melodien, Rhythmus, Witz, Esprit, Biss und raffiniert kaschierte erotische Anzüglichkeiten.

Die musikalische Leitung hat GMD François-Xavier Roth inne, der sich aus Paris kommend in Köln erstmals mit einem Werk des in Köln und Paris beheimateten Komponisten Jacques Offenbach zuwendet – gemeinsam mit dem französischen Regie- Ausstattungs-Duo Renaud Doucet und André Barbe, das an der Oper Köln bereits mit »Arabella« und »Il matrimonio segreto« seine künstlerische Visitenkarte hinterlassen hat.
Die »Grande-Duchesse« oder Die Großherzogin von Gérolstein gibt gleichzeitig den Startschuss für „Piff, paff, puff – das Jacques-Offenbach-Festival im Jubiläumsjahr“. In über 30 Veranstaltungen feiert Köln seinen berühmten Sohn vom 9. bis 27. Juni 2019 mit Konzerten, Oper, Tanz, Straßentheater, Diskussionen und Lesungen.

Besetzung

Musikalische Leitung Francois-Xavier Roth, Inszenierung Renaud Doucet, Bühne & Kostüme André Barbe, Licht Andreas Grüter, Choreografie Cécile Chaduteau, Chorleitung Rustam Samedov, Dramaturgie Georg Kehren

Mit
Die Grossherzogin Jennifer Larmore, Wanda Emily Hindrichs, Fritz › Dino Lüthy
Baron Puck › Miljenko Turk, Prinz Paul › John Heuzenroeder, General Boum › Vincent Le Texier, Baron Grogg › Nicolas Legoux, Népomuc › Alexander Fedin, Iza › Menna Cazel
Charlotte › Regina Richter, Amélie › Marta Wryk
Chor der Oper Köln, Gürzenich-Orchester Köln

Premiere 9. Juni 2019  –  weitere Vorstellungen Mi, 12. Juni › 19:30 Uhr, Do, 20. Juni › 18:00 Uhr, So, 23. Juni › 16:00 Uhr, Mi, 26. Juni › 19:30 Uhr, Do, 4. Juli › 19:30 Uhr, So, 7. Juli › 18:00 Uhr, Mi, 10. Juli › 19:30 Uhr, Fr, 12. Juli › 19:30 Uhr (letzte Aufführung)

DIE KÖLNER OFFENBACH-GESELLSCHAFT
Die Kölner Offenbach-Gesellschaft ist ein gemeinnütziger Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Leben und Wirken von Jacques Offenbach stärker ins Bewusstsein der Stadt Köln und der Region zu rücken. Seit Dezember 2015 wächst die Gesellschaft, zu denen viele Kölner Persönlichkeiten wie die beiden Kölner Alt- Oberbürgermeister Jürgen Roters und Fritz Schramma zählen, stetig. Zurzeit organisiert und koordiniert die Kölner Offenbach-Gesellschaft das von ihr initiierte Offenbach-Jahr 2019.

—| Pressemeldung Oper Köln |—

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